All der Klimbim

Ich möchte meine Kolumne heute mit einer ketzerischen Frage beginnen: Warum all der Klimbim? Ketzerisch, weil ich mit Klimbim all das bezeichne, was Religionen überall auf der Welt als einen Kern ihrer Lehren verstehen: dass Mohammed der letzte aller Propheten sei; dass Moses sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens befreit habe; dass Jesus gleichzeitig Gottes Sohn und ein Teil seiner selbst sei.

Ich nenne all dies Klimbim aus dreierlei Gründen: Zum einen, weil es historisch ebenso anzweifelbar ist wie die Schaffung des Menschen aus einem Klumpen Ton, zum anderen, weil es genau das ist, was all die Religiösen auf absehbare Zeit voneinander trennen und im schlimmsten Fall gegeneinander aufbringen wird; und last but not least, weil es im Grunde genommen zur Folklore einer Religion gehört und eben nicht zu dem, was ihre Stifter nach eigener Aussage einst im Sinne hatten.

Eben habe ich im Bayerischen Fernsehen eine Dokumentation über den Vatikan gesehen, die erstaunliche Einblicke in seine Räumlichkeiten mit berührenden Persönlichkeiten zu verbinden verstand, der neugierigen Journalistin des Radio Vaticano, dem pubertären Messdiener, Angestellten von allen Ebenen der sakralen Hierarchie. Selbst der Papst war beim Fernsehen und Arbeiten zu sehen – intime Augenblicke, die erahnen ließen, was es bedeutet, Oberhaupt einer Milliarde Menschen zu sein. Es ist müßig, all die Kritik am inneren Reformstau der Kirche und die Unkenrufe über ihr bevorstehendes Ende zu wiederholen: Millionen von Besuchern, die Woche für Woche ekstatisch in den Vatikanstaat pilgern, um einmal im Herzen ihrer Religion gestanden zu haben, sprechen eine deutlich andere Sprache.

Vor gut drei Wochen war ich mit einem katholischen Freund auf einem Konzert der frisch getauften Nina Hagen. Mit der gleichen Verve, mit der sie sich früher für Außerirdische und heilige Yogis einsetzte, agierte sie auf der Bühne ganz im Sinne ihrer neuen Glaubensbrüder und -schwestern. Jedes zweite Lied hatte Jesus, Maria, den Heiligen Geist oder andere Elemente der Evangelien zum Gegenstand. Man musste kein militanter Atheist sein, um nach der Hälfte des Konzerts gewisse antiklerikale Reflexe zu entwickeln. Selbst mein Freund zeigte nach dem zehnten missionarisch gestimmten Song erste Ermüdungserscheinungen. Mich stimmte die ganze Situation nachdenklich. Ninas Botschaft von Liebe, Toleranz, Frieden und Zusammenhalt war es sicher nicht, die an diesem Abend so störend wirkte. Wieder einmal war es der Klimbim.

Das dritte mediale Ereignis, das in die gleiche Bresche zu schlagen schien, war eine Talkrunde zum Thema »Die Salafisten kommen« bei Sandra Maischberger, die im Mai dieses Jahres gesendet wurde. Die illustre Runde hatte Vertreter aus allen monotheistischen Religionen versammelt, von Michel Friedman über Matthias Matussek bis hin zu Scheich Hassan Dabbag, dem so genannten »Imam von Sachsen«. Der Erkenntnisgewinn aus der turbulenten Runde war eher gering: Statt über den Salafismus als politische Kraft (oder spirituellen Weg) zu diskutieren, ging es bald nur noch um eine Art heiteres Religionen-Bashing – auf »Micky-Maus-Niveau«, wie einer der Teilnehmer noch in der Sendung attestierte. Die größten Verfechter der religiösen Kardinaltugenden Vernunft, Respekt und Toleranz waren im übrigen mal wieder die Atheisten.

Um zu meiner ketzerischen Ausgangsfrage zurückzukommen: Warum fällt es den spirituellen Kräften einer Gesellschaft eigentlich so schwer, zueinander zu finden? Warum eint die Ablehnung einer göttlichen Kraft mehr als seine Annahme? Die Suche nach einer alle Traditionen verbindenden »Philosophia perennis« bildet nicht nur eine wichtige Säule der Mystik, sondern auch der Esoterik. Seit Jahrhunderten finden wir Menschen, die – bei allem Respekt für die unterschiedlichen Hintergründe und Traditionen der Religionen – das Spirituelle nicht automatisch auf einem exotischen Silbertablett präsentiert bekommen wollen. Die sich auf die Suche nach den in allen Religionen verborgenen Wahrheiten begeben, auch auf die Gefahr hin, sich damit zwischen alle Stühle zu setzen: Ungläubige für den Vatikan wie für die Mullahs aus Teheran, unvernünftig aus Sicht der Rationalisten. Die Frage, die sie stellen, ist so einfach wie skandalös: Warum muss ich, um in den Club zu gehören, der wegen Feindesliebe und Vergebung gegründet wurde, an Jungfrauengeburten und Himmelfahrten glauben, und warum muss ich, um eine sozial wie moralisch reformerische Bewegung wie den frühen Islam zu bewundern, in der heutigen Zeit lange Bärte und Gewänder tragen und aktuelle Gesellschaftsentwicklungen für satanisch halten?

Die Christen werfen den Juden vor, den Messias nicht erkannt, ja ermordet zu haben; die Muslime den Christen, einen Propheten zum Gott gemacht zu haben; und die Christen den Muslimen, einen dahergelaufenen Wüstenkrieger für einen Gesandten Gottes zu halten – von den noch viel folgenreicheren Konfessionszerwürfnissen einmal abgesehen. Wieso ist es nicht möglich, sich auf das zu besinnen, was all den selbsternannten oder gesandten Propheten gemein gewesen zu sein scheint? Die Aussage, dass es nötig sei, die eigenen Triebe unter Kontrolle zu halten, Liebesfähigkeit und Nachsicht zu entwickeln, einander Brüder und Schwestern zu sein.

Im Gegensatz zum Klimbim ist diese Botschaft nämlich nur für einen gefährlich: unseren eigenen inneren Schweinehund. Angesichts des sich weltweit immer weiter aufschaukelnden religiösen Starrsinns wird es höchste Zeit, in Zukunft noch genauer zwischen historischen Schriften und zeitlosen Wahrheiten zu unterscheiden.

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