Die Eskalation ist gewollt

Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten. Das Außergewöhnlichste aber ist die Massenneurose, die uns alle in einem globalen Wahn zu vereinen scheint. Die belgische Hausfrau, die Angst hat, sie werde dereinst von gewalttätigen Islamisten überrannt. Der ägyptische Student, der meint, der dekadente Westen führe einen Krieg gegen die guten Sitten in seinem Land. Mit Religion hat das wenig zu tun; viel eher mit Macht und der Wahrung diffuser Interessenssphähren.

Auf dem Bürgerfest des Bundespräsidenten hörte ich neulich folgende weise Worte: »Bitte drehen Sie jetzt nicht durch!« Joachim Gauck sprach von der Euro-Krise, doch sein Ratschlag hallt mir – sooft ich die Zeitungen öffne oder die Nachrichten sehe – wie ein mahnendes Mantra im Ohr. Ja, wir hätten allen Grund, durchzudrehen. Und trotzdem – und genau deswegen – müssen wir nun alles dafür tun, um Gottes Willen bei Verstand zu bleiben.

Eines wird mir bei der Betrachtung der gegenwärtigen Weltsituation immer deutlicher: Den größten Schaden richten unsere Reaktionen an. Es scheint, als befände sich die gesamte Menschheit in einem buddhistischen Trainingscamp: Die einzige realistische Chance für ein friedliches Leben scheint – stärker als jemals zuvor – davon abzuhängen, ob wir wahrnehmen können, ohne in alte (und vorausberechenbare) Muster zu verfallen – oder eben nicht.

Es ist egal, ob wir die Währungskrise nehmen, den Mohammed-Film, die religiös geforderte Beschneidung der Kinder oder den Syrienkonflikt: Wir sind umgeben von schwerwiegenden Problemen, deren Einschätzung so einfach scheinen wie deren Auswirkungen gewichtig. Die guten Revolutionäre, der böse Diktator. Die faulen Südländer, die fleißigen, selbstlosen Deutschen. Die aufgeklärten Westler, die leicht erregbaren Orientalen. Die grausamen Juden und Muslime, die kinderlieben Christen und Atheisten. Welt kann ja so einfach sein, wenn man den Linien der großen Medien folgt. Schade, dass so viele Nachrichten – ihrer äußeren Farbe zum Trotz – tief im Zeitalter des Schwarz-Weiß stecken geblieben sind. Von Wassermannzeit keine Spur.

Umso erfreulicher wirkte der Titel der aktuellen Spiegel-Online-Kolumne von Jakob Augstein, der in Bezug auf die Ausschreitungen im Nahen Osten eine wirklich intelligente Frage formulierte: »Wem nützt die Gewalt?« Diese Art des Hinterfragens eröffnet – jenseits der von ihm selbst gegebenen Antworten – eine Tür zum Verständnis unserer Zeit. Wer glaubt, was offensichtlich scheint, geht jenen Kräften auf den Leim, die ein Interesse an diesem Glauben haben. In Anbetracht der Fülle und der enormen Beschleunigung unserer Krisenherde kann man entweder – wie viele Esoteriker – die Vorboten des drohenden Weltuntergangs ausmachen – oder aber das Werk von durch und durch weltlichen Akteuren. Eines lässt sich nicht mehr bestreiten: Die Eskalation ist gewollt.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wer diese Interessensgruppen sind, die uns in diese verfahrene Situation manövrieren. Ich meine, dass es keinen Sinn gibt, nach dem einen Schuldigen zu suchen; zu multipolar ist die globale Wirtschaft und Politik in den letzten Jahrzehnten geworden, als ob eine einzige Krake über ihr Wohl und Wehe entscheiden könnte. Wir haben es viel eher mit einer Verflechtung der unterschiedlichsten Kräfte zu tun. Gut und böse sind naheliegende, aber nicht die richtigen Kategorien für diesen Wettstreit auf Kosten der einfachen Bevölkerung. Diese weltweite Krise ist kein religiöser Endkampf, sondern ein Ehestreit. Hier geht es nicht um schwarz oder weiß, hier geht es um meins oder deins.

Wenn Sie das nächste Mal die Nachrichten einschalten, beobachten Sie Ihre Reaktion. Beobachten Sie Ihre Gefühle, beobachten Sie Ihre Gedankengänge. Diese sind es, die man von Ihnen erwartet. Ihre einzige, aber unvergleichlich effektive Waffe gegen all diesen Wahnsinn liegt darin, nicht den Erwartungen zu entsprechen. Halten Sie den Iran nicht für satanisch. Halten Sie Assad nicht für einen Diktator. Halten Sie die israelische Regierung nicht für böse oder selbstmörderisch. Halten Sie die Muslime nicht für ungebildete, leicht erregbare Fundamentalisten. Halten Sie die Bankenretter nicht für naiv. Halten Sie die Griechen nicht für faul. Halten Sie sich selbst nicht für machtlos. Wir sind in einem neuen Zeitalter – ob es nun dem Web 2.0 oder dem Wassermann zu verdanken ist. In diesem Zeitalter halten wir alle das Wohl und Wehe dieser Welt in unseren Händen. Was müssen wir dafür tun?

Wir alle, Morgen- wie Abendländer, müssen uns weigern, die einfachen Antworten zu glauben. Wir müssen wieder lernen, Fragen zu stellen. Wir müssen unbequeme Alternativen durchspielen, uns informieren. Und wir müssen – so altmodisch es klingen mag – die Wahrheit suchen. Unsere Macht liegt darin, Netzwerke, Beziehungen, Interessen zu durchschauen und offen zu legen. Wir haben die Wahl, ob wir uns desinformieren lassen – oder uns und unsere Freunde selbst aufklären wollen. Das ist die positive Lehre des arabischen Frühlings, von Stuttgart 21 und der Piratenpartei: Die Eskalation ist gewollt. Doch wir entscheiden, ob wir uns – Westler wie Araber, Juden wie Christen, Reiche wie Arme – gegeneinander aufhetzen lassen oder nicht. Dieses Verhalten nützt uns allen – garantiert.

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