Die Würde der Ursächlichkeit

Im Rückblick besteht das Leben aus wenigen wertvollen Momenten – und viel verlorener Zeit. Verloren nicht deshalb, weil uns die Momente im Augenblick ihrer Gegenwart wertlos erschienen wären oder gar überflüssig. Verloren deshalb, weil sie den Wettbewerb mit den wenigen wertvollen Momenten im Nachhinein nicht bestanden haben. Was aber macht einen Moment so wertvoll, dass man sich an ihn erinnert? Ich meine: es ist der Grad, in dem wir uns im Innersten berührt gefühlt haben. Indem es der Außenwelt für einen Augenblick gelungen ist, auf unseren Grund zu stoßen, etwas in uns zum Klingen zu bringen. Ob durch eine Idee oder einen Kuss, ein Lächeln oder einen Sommerregen.

Eine dieser unspektakulären Erinnerungen, die ich nicht mehr loswerde, entspringt einer Vorlesungsreihe, die ich sonst vielleicht schon vergessen hätte. Es war in einem dieser langen, sonnigen Sommer meines Studiums, in dem mir Freunde davon erzählt hatten, Rémi Brague, ein ausgesprochen interessanter Professor, sei aus Frankreich zu Gast in München und halte hier eine Vorlesung über die Philosophie des Mittelalters. Nun war ich weder ein Student der Philosophie, noch hegte ich besonderes Interesse an diesen europäischen Dark Ages. Doch die Begeisterung, die meine Freunde ausstrahlten, verfehlte ihre Wirkung nicht. Und so kam es, dass ich ab der kommenden Stunde keine einzige dieser Veranstaltungen mehr versäumte.

Ein ganzes Semester Vorlesung mit Dutzenden von mitgeschriebenen Seiten haben es nicht geschafft, in meiner Erinnerung einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen; doch dieses Schicksal teilen sie im Grunde mit fast jeder anderen studentischen Lektüre oder Veranstaltung. Ein Satz aber von Hunderten, vielleicht Tausenden ist zu einem dieser wertvollen Momente geworden, von denen ich eingangs gesprochen habe: »Es gibt gewisse Mitteldinge der göttlichen Vorsehung, weil Gott die unterlegenen Dinge durch die Höheren regiert, nicht weil irgendein Mangel an seiner Kraft besteht, sondern wegen seines Überflusses an Güte ist es, dass er die Würde der Ursächlichkeit seinen Geschöpfen mitteilen will.«

Dieser Satz ist rund 800 Jahre alt und stammt aus Thomas von Aquins bahnbrechendem Werk Summa Theologica. Seinen zentralen Gedanken fasste unser französischer Professor wie folgt zusammen: Weil Gott dem Menschen das größte Geschenk mit auf den Weg geben wollte, über das er verfügte, ließ er die Welt unvollkommen – nur so konnte er seine Geschöpfe, allen voran den Menschen, dazu bewegen, selbst schöpferisch tätig zu werden. Auf die Jahrtausende alte Frage, warum die Götter, warum ein lieber Gott die Welt so ungerecht sein lässt, findet der mittelalterliche Philosoph eine ebenso einfache wie poetische Antwort: Weil er damit den Grundstein zur Kreativität in uns legte.

Aquin spricht von der »Würde, als Ursache aufzutreten«; wir könnten auch sagen: der tiefen Befriedigung, die es mit sich bringt, wenn wir dem Künstler in uns begegnen. Es ist also eine Mär, dass erst das Zeitalter der modernen Demokratien (und Künstler wie Beuys oder Warhol) den Gedanken ermöglicht hätten, jeder von uns besäße ausreichend Potential, um kreativ tätig zu werden. Kreativität, das ist nicht nur Malerei und schöne Musik. Es ist auch: die Fähigkeit, neuen Herausforderungen mit unkonventionellen Denkansätzen zu begegnen; die eigenen Muster zu überwinden; dem Käfig altbekannter Strukturen zu entkommen und neue Strategien zu entwickeln.

Ein altbekanntes Spruchwort sagt: »Kunst kommt von Können.« Das ist nicht nur sprachgeschichtlich korrekt, sondern stimmt auch in einem doppelten Sinne. Kunst ist – all ihrem Facettenreichtum zum Trotz – vor allem eins: ein Überbegriff für etwas, das getan werden muss. Gedanken oder Phantasien reichen nicht aus, um eine Kunst zu betreiben, so gerne das gewisse »Lebenskünstler« auch für sich reklamieren. Ein Künstler ist jemand, der sich auf eine Reise begibt. Indem er tätig wird, äußert er zugleich seine Unzufriedenheit über das Bestehende wie seine Hoffnung auf bessere Zeiten. Sei es, während er schafft, oder sei es, wenn das Kunstwerk der Vollendung entgegen gegangen ist.

Man mag Thomas von Aquin für einen Romantiker halten und seine Erklärung der Unvollkommenheit der Welt für einen billigen Versuch, Gott mit einer charmanten Geschichte gegen die Zweifel des Menschen in Schutz zu nehmen. Eines aber muss man ihm lassen: Im Gegensatz zum Menschen als Untertan, zum Menschen als Opfer des Sündenfalls und als triebgesteuertes Produkt der Evolution hat er ein Bild unserer Spezies entworfen, das jenseits aller Zeiten, Kulturen und Religionen Bestand haben wird: der Mensch als Schöpfer, als kreatives und vernunftbegabtes Wesen. Jeder, der einmal vier Wochen am Strand gelegen ist oder ein Jahr lang arbeitslos war, konnte am eigenen Leib erfahren, was uns Aquin mit seiner poetischen Idee zu vermitteln vermag: Das Tier in uns mag sich vor Hunger, Einsamkeit und Kälte fürchten; der Mensch in uns tut es vor Nutz- und Sinnlosigkeit. Das beste Mittel, diesem Mangel an innerer Lebendigkeit zu entgehen, ist Liebe; das Zweitbeste aber: die Kunst.

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