Ich will, also bin ich?

Der Trend geht weg vom Besitz, hin zur Verfügbarkeit. Das hat sein Gutes wie sein Schlechtes. Auf der einen Seite könnten wir dies als ein Nachlassen des Materialismus verstehen. Auf der anderen Seite als ein Nachlassen des gesunden Menschenverstands: Denn wer früher über einen Gegenstand verfügen wollte, musste ihn sich immerhin verdienen.

Ob Kreditkarte, Leasingfahrzeug oder Sofortkredit – für das reibungslose Funktionieren unserer Wirtschaft ist der Luxus der ständigen Verfügbarkeit schon lange zu einem unverzichtbaren Bestandteil geworden. Durch Leiharbeit und Minijobs hat sich dieser Trend nun gegen die Konsumenten selbst gewandt – heute sind auch wir zum ständig verfügbaren Humankapital verkommen.

Das Gefühl, es sich verdient zu haben, ist längst an die Stelle des echten Verdienstes getreten. Ja und, werden Sie sich fragen. Welch billige Kapitalismuskritik! Angesichts der moralischen
Empörung, die die Verschuldung gewisser europäischer Staaten gerade hierzulande auszulösen scheint, wäre diese Schelte nicht einmal unzeitgemäß. Worauf ich aber eigentlich hinaus will, geht tiefer als ins Portemonnaie: Die geistige Wende, die die Ablösung des Besitzes durch die Verfügbarkeit verursacht hat, hat mit Geld nur begrenzt zu tun. Esoteriker mögen darin das Wassermannzeitalter erkennen: Hier übernimmt die Luft – das astrologische Symbol für Kommunikation, Freiheit und Ungebundenheit – die Herrschaft über das Leben und das Denken der Menschen. Ob nun der Anfang dieser neuen Epoche auf 1789, 1968 oder 2012 datiert wird – dass an ihren charakteristischen Merkmalen etwas dran ist, lässt sich angesichts der digitalen Revolution, des Massentourismus wie der veränderten ethischen Gepflogenheiten wohl kaum bestreiten – Sternendeutung hin oder her.

Wie jede Medaille, hat auch die Epoche von Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit so ihre Schattenseiten. Ungebundenheit löst Besitzdenken auf – ohne Abkehr vom Materialismus führt dies jedoch nicht unweigerlich zu einer Besinnung auf geistige Werte, sondern häufig zu einer Art Hypermaterialismus. Der sozialen Verantwortlichkeit entkleidet hat wirtschaftliche Unkonventionalität vor allem ein Ziel: Ich, ich, ich! Was auf der großen Bühne kollektiv als Raubtierkapitalismus gegeißelt wird, gilt im Privaten nicht selten als legitimer Ausdruck der eigentlichen Persönlichkeit. Wer seine Wünsche nicht jetzt und sofort befriedigt, ist spießig, ein Moralapostel oder schlicht: ein Spielverderber. Nach Rent-a-Bike und Rent-a-Car nun also Rent-a-Life – Leben auf Pump als Lifestyle der Neuen Zeit?

Die Schattenseite der Leasing-Mentalität liegt auf der Hand: Anstelle von Geduld tritt ein Feierabend, der von Arbeit nichts mehr wissen will. An sich eine paradiesische Vorstellung, wäre da nicht – der Mensch. Wie Viktor Frankl schon in den 1950er Jahren feststellte, braucht diese Sonderform des Säugetiers nämlich weniger das Glück an sich denn einen Grund zum Glück. »In dem Maße, in dem sich der neurotische Mensch um die Lust kümmert, verliert er den Grund zur Lust aus den Augen – und die Wirkung Lust kann nicht mehr zustande kommen.«

Wir kennen dieses Prinzip aus unserer Kindheit: Nie wieder war ein Geschenk so schön wie damals, als wir es über Wochen sehnlichst erwarteten. In dieser Zeit übernahmen die Eltern quasi stellvertretend für uns die Rolle der Geduld; früher, »im guten alten Fische-Zeitalter«, lernten wir diese Tugend dann irgendwann von selbst – heute bewahrt uns die Sofort-Gesellschaft großzügig vor diesem lästigen Reifeprozess.

Der Trend weg vom Besitz, hin zur Verfügbarkeit belastet uns mit einer gefährlichen Hypothek: Hinter »Die Freiheit nehm ich mir« lauert ein ungezogenes Kind und möchte immer mehr. Mehr Lieder runterladen, mehr Spaß beim Sex haben, mehr Zeit am Strand verbringen. Statt sich langwierig auf ein Ziel zuzubewegen (Sparbuch, das ist doch was für Opa!), versuchen wir das Leben von hinten aufzurollen. Erst, wenn all unsere Bedürfnisse befriedigt sind, meinen wir das Umfeld geschaffen zu haben, um mit dem eigentlichen Leben zu beginnen.

Kinder wissen es nicht besser. Für sie ist Verfügbarkeit alles – weil sie selbst noch nicht für die Grundlagen ihres Besitzes sorgen können. Wir aber haben die Möglichkeit, abzuwägen und uns der Konsequenzen unserer Bedürfnisse – für unsere Person wie für die Welt, in der wir leben – bewusst zu machen. Nicht »haben wollen« ist das Problem, sondern »alles jederzeit haben zu können«. Mit jeder Freiheit wächst auch unsere Verantwortung, Entscheidungen zu fällen, Möglichkeiten nicht zu nutzen, obwohl sie sich bieten.

Um es mit der emanzipierten Jenaer Schriftstellerin Sophie Mereau zu sagen: »Der Mensch kann mehr, als er will.«

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