Der abartige Künstler

Was ist die Lektion, die wir aus den Anschlägen in Oslo zu lernen haben? Dass es Wahnsinnige gibt, deren Untaten wir möglichst hart verdammen und bestrafen müssen? Dass wir uns zunehmend abgrenzen sollten gegen jene, die nichts mit unseren Werten zu zun haben? Ich behaupte: Das Gegenteil ist der Fall. Es wird höchste Zeit, die Angriffe auf unsere Gesellschaftsordnung wirklich persönlich zu nehmen.

Es wäre zynisch oder naiv zu übersehen, dass ein Anschlag dieser Größenordnung etwas mit uns selbst zu tun hat. Anders Behring Breivik als Neo-Faschisten abzustempeln, ist ebenso falsch wie gefährlich. Zum einen, weil sein Kampf nicht, wie bei allen Nationalisten des 20. Jahrhunderts, den Juden bzw. anderen »Rassen« gilt, zum anderen, weil es uns mit der Etikettierung Neonazi viel zu leicht gemacht wird, nichts aus diesem Fall zu lernen. Das Feindbild »Neonazi« kann beliebig mit Kinderschänder, Amokläufer oder Terrorist ersetzt werden. Jene öffentliche Empörung, die zu nichts führt und uns nichts lehrt, weil sie, statt die Herausforderung einer geistigen Auseinandersetzung anzunehmen bloß die eigenen Vorurteile bestätigt, spielt seit jeher mit dem »Bösewicht«. So wie die Frage, ob man Hitler, diesen »Satan«, »als Mensch« zeigen dürfe, schon im Kern ebenso naiv wie gefährlich ist, sollte man sich davor hüten, nach einem solchen Gewaltexzess einfach kopfschüttelnd zur Tagesordnung überzugehen. Anders Behring Breivik hat nicht nur ein Sendungsbewusstsein – er hat uns tatsächlich etwas zu sagen.

So wie der islamistische Terrorismus uns im Kern auf unsere eigenen Widersprüche hinzuweisen vermag und vermutlich erst dann enden wird, wenn es uns gelingt, soziale Lehren aus dieser ansteckenden Krankheit zu ziehen, so kann auch das Attentat von Oslo im Sinne einer echten Lehre »gelesen werden«. Breivik mag ein Einzeltäter sein oder nicht, seine Kaltblütigkeit mag außergewöhnlich sein oder nicht: Fest steht, dass seine Motive uns weniger fremd sind, als wir glauben wollen. Seine Angst vor fremden Einflüssen, vor gesellschaftlichem Wandel und dem kulturellen Ausverkauf Europas ist unsere Angst. Längst gärt es im Volk, bringt Regierungen wie in Ungarn an die Macht, macht Parteien wie die »Wahren Finnen« oder den »Front National« so erfolgreich. Bei all diesen Tendenzen geht es nicht wirklich um Rechtsextremismus. Es geht um das unheimliche Gefühl, kein (finanzierbares) Konzept für die Zukunft zu besitzen, und die Verführer wedeln fleißig mit dem Untergang des Abendlands.

Die Islamisten haben ebenso wenig wie die Breiviks dieser Welt eine Lösung für uns parat, doch sie sind auch nicht wirklich das Problem. So wie jede Zeit ihre Vorbilder hat, bringt jede Zeit auch ihre eigenen Terroristen hervor. Sie nicht nicht »die Bösen« – sie sind vielmehr von unserem Fleisch und Blut. Ihre Ungeheuerlichkeit liegt gerade darin, uns unsere eigenen Tabus aufzuzeigen, indem sie diese wohl wissend ignorieren. Das unterscheidet »die Bösen« von uns: Sie denken jene Probleme, die wir selbst bloß in Ansätzen diskutieren, radikal und in unmenschlichem Maßstab zu Ende. Unser wirklicher Feind ist das geschlossene Weltbild und seine sichtbarste Folge, die Gewalt. Doch darauf haben weder Terroristen noch Attentäter ein Patent.

Anders Behring Breivik ist im Grunde genommen so etwas wie ein abartiger Künstler. Wie ein Künstler nimmt er die unterschwelligen Ängste und Spannungen seiner Gesellschaft wahr und hält sich nicht an Konventionen, was die Beurteilung und den Kampf gegen sie betrifft. Im Gegensatz zu echten Künstlern jedoch, die sich meist nur den Vorwurf der Unmoral gefallen lassen müssen oder mussten, ignoriert Breivik den (ihm) willkürlich erscheinenden, aber wesentlichen Unterschied zwischen gesellschaftlicher und immanenter Ethik: Ob ein Mann einen Mann heiraten darf, gehört in die erste Kategorie; ob ein Mann einen Mann töten darf, zweifellos in die zweite.

Eine von Tabubrüchen, Pluralismus und zunehmender sozialer Kälte gekennzeichnete Gesellschaft wie die europäische wird sich die Frage gefallen lassen müssen, welche Lehren sie ziehen will aus dem Phänomen des Terrorismus. Was wollen wir lernen aus den Angriffen von außen wie von innen? Einschränkungen der Privatsphäre, der Pressefreiheit wie der Menschenrechte sind sicherlich nicht die Lösung für eine zutiefst verunsicherte Gesellschaft, der es erst noch gelingen muss, die Errungenschaften ihrer Freiheit gegen die eigenen Neurosen zu verteidigen. Erst, wenn es uns gelingt, uns im Hinblick auf die empörenden sozialen Ungerechtigkeiten selbst bei der Nase zu fassen, werden wir den abartigen Künstlern dauerhaft das Handwerk legen.

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