Emotionen satt

Der Widerstreit zwischen Verstand und Gefühl ist vermutlich so alt wie der Mensch selbst. In allen literarischen Werken der Menschheitsgeschichte spiegelt sich dieser Konflikt wieder – und nicht selten ist es gerade seine Unlösbarkeit, die den Helden oder die Heldin in den narrativen Abgrund reißt.

Gesellschaften wie Religionen haben es sich immer wieder zur Aufgabe gemacht, mit Hilfe von Gesetzen und Normen zwischen den Impulsen aus dem »Kopf« und dem »Bauch« zu vermitteln. Je nach Vorbildern und Idealen war es die eine oder die andere Seite, der – bei aller grundsätzlichen Zusammengehörigkeit – der größere Wert bzw. Nutzen für den Einzelnen wie die Gemeinschaft nachgesagt wurde. Galt es in Europa spätestens seit der Aufklärung als ausgemacht, die Lösungen der drängenden Menschheitsprobleme im Bereich des vernünftigen Handelns zu verorten, spielten in vielen totalitären Systemen wie dem Nationalsozialismus in erster Linie die Emotionen eine bestimmende Rolle. Der natürliche Dualismus des Menschen führte freilich dazu, dass keine dieser einseitigen Orientierungen lange unbeantwortet blieben: Auf die Aufklärung folgte die Romantik, auf den Faschismus die pragmatische Politik der »Bonner Republik«.

Die lange prognostizierte »Säkularisierung« der Welt ist nicht erst durch den islamistischen Terrorismus ad absurdum geführt worden. In Afrika und Lateinamerika sprießen charismatische Kirchgemeinden wie Pilze aus dem Boden und spätestens seit George W. Bush ist klar, dass auch die sogenannten westlichen Staaten vor einer neuen »politischen Irrationalität« nicht gefeit sind. Der Feind der Vernunft ist rasch ausgemacht: Der schran- kenlose Kapitalismus hat auf seinem Siegeszug sein wirksamstes Werkzeug in fast jeden Lebensbereich gespült: die Droge der Emotionalisierung. Einfach ausgedrückt: Je demokratischer, desto gefühlsbetonter. Die Masse, so die niederschmetternde Bilanz nach rund 100 Jahren Arbeiterbewegung, steht nun mal mehr auf Opium denn auf Studium.

Auch in esoterischen Kreisen gilt es weithin als ausgemacht, dass dem Gefühl im Zweifelsfall mehr Platz einzuräumen ist als dem Verstand. Hunderte von Ratgebern raten ihren Lesern dazu, mehr auf ihren Bauch zu hören, Meditationsgruppen bekämpfen Gedanken wie eine psychische Krankheit und Lebensberater beeinflussen mit Hilfe okkulter Hilfsmittel ihr unentschlossenes Klientel. Grund für das neue Vertrauen in die Irrationalität sind die überall sichtbaren Kollateralschäden der hemmungslosen Diktatur des Verstands. Doch halt: Gehen Umweltzerstörung, Ausbeutung der Dritten Welt und die zunehmende Vereinsamung der Menschen in den Wohlstandsgesellschaften wirklich auf ein Übermaß an Vernunft zurück? Ich meine, dass bei der Analyse unserer gegenwärtigen Situation scharf zwischen zwei Begriffen unterschieden werden muss, die allzu häufig in einen Topf geworfen werden – aufgrund ihrer gemeinsamen Opposition zur sogenannten Rationalität: Gefühle und Emotionen. Was unsere Gesellschaft derzeit durchmacht, ist eine flächendeckende Emotionalisierung; mit Gefühlen hingegen tut sie sich nach wie vor schwer. Auch wenn diese Definition nicht der psychologischen Terminologie entspricht, so wird doch deutlich, dass wir es bei diesen Begriffen mit unterschiedlichen Tiefen seelischen Erlebens zu tun haben. Pauschal gesagt hält eine emotionalisierte Gesellschaft Lust für das oberste Handlungsprinzip, während mitfühlende Menschen die allgemeine Verträglichkeit ihrer Wünsche zur Richtschnur ihres Handelns machen.

Die Emotionalität unserer gegenwärtigen Phase ist an sich nichts Bedrohliches; wer sie durchschaut, kann sich ebenso von ihren Zwängen befreien wie von der Gefühlskälte einer »neuen Sachlichkeit«. Gefährlich wird es erst, wenn eine von außen gesteuerte Gefühlsduseligkeit mit echten Gefühlen verwechselt wird: Scheinbare »Sensibilität«, die sich letztlich nur um die Befriedigung von kurzfristigen Affekten bemüht, verhindert echten Kontakt statt ihn zu erzeugen. Und Kontakt ist es letztlich, der echte Gefühle wie Mitleid, Liebe und Freundschaft ermöglicht und jene Schutzräume schafft, die wir brauchen, um dem Druck einer zunehmend gierigen Welt standzuhalten. Umweltzerstörung und Ausbeutung geht nicht nur auf einen Mangel an Gefühl, sondern auch auf einen gehörigen Mangel an Verstand zurück. So wird offenbar, dass Verstand und Gefühl nicht nur erfahrungsgemäß zusammengehören; auch die Neurowissenschaft hat längst herausgefunden, dass sich der uralte Widerspruch hinter den Kulissen kaum aufrecht erhalten lässt. Wie formulierte doch einst der damalige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Egon Bahr? »Verstand ohne Gefühl ist unmenschlich; Gefühl ohne Verstand ist Dummheit.«

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