Sokrates auf dem Syntagma

Der antike Philosoph Platon († 348 v. Chr.) hatte mit der Demokratie so seine Probleme. Dies hatte zum einen biographische Gründe: Ausgerechnet in jene Zeit, in der in Athen eine demokratische Regierung an der Macht war, fällt die Verurteilung und Hinrichtung seines verehrten Lehrers Sokrates, dem man für die Verführung der Jugend und Gottlosigkeit den bekannten Schierlingsbecher überreichte. Zum anderen sah er in den zwei grundsätzlichen Vorteilen der Demokratie, der Freiheit und der Gleichheit, zugleich auch die Ursachen für ihre gefährliche Instabilität.

Der Gedanke, dass ein Übermaß an Freiheit in Freiheitsberaubung enden müsse, wird von Platon u.a. mit der Beobachtung begründet, dass die Masse doch stets nur aus Lust und Laune heraus handle, statt sich – wie Fachleute – ein genaues Bild von der Situation zu machen und sich dann nach einer gründlichen Abwägung aller Möglichkeiten für die beste zu entscheiden. Diese pessimistische Einschätzung ist so ziemlich das glatte Gegenteil jener zeitgenössischen Theorie, die unter dem Namen »Schwarmintelligenz« erst literarisch (Frank Schätzing) und schließlich sogar politisch (Piratenpartei) für Furore sorgte. Ihr zufolge ist es gerade die kollektive, konsensbasierte Entscheidungsfindung, die es ermögliche, das dezentral verstreute Wissen vieler Menschen zu koordinieren und ihre sich ergänzenden Erfahrungen im Sinne einer komplexeren Intelligenz zu bündeln.

Wie konkret sich diese unterschiedlichen Ansätze im Alltag gegenüberstehen, erleben wir beinahe täglich im Umgang mit der andauernden Wirtschaftskrise. Vor den Augen der Öffentlichkeit bringen sich zwei Parteien zunehmend unversöhnlich gegenüber in Stellung: auf der einen Seite die Experten, die Fachleute, die Regierenden – auf der anderen Seite das Volk, der Mob, die Bürger. Jede Seite wähnt sich wie gewohnt im Recht. Wie platonisch unsere gegenwärtige Politik längst geworden ist, zeigt sich in der Einsetzung so genannter Expertenregierungen, welche aufgrund ihrer Sachkompetenz – und nicht aufgrund ihrer Wahl – für das Wohl und Wehe ganzer Völker verantwortlich gemacht werden. Dass auf diese Weise Ministerpräsidenten und Leiter staatlicher Banken ins Amt kommen, die mit jenen Finanzinstituten, welche die globale Krise erst heraufbesschworen haben, in Verbindung stehen, hat das Vertrauen in ihre Überparteilichkeit und Sachkunde nicht gerade befördert.

Platon würde sich über die gegenwärtigen Zustände wohl kaum wundern. Für ihn stellten die Experten der Finanzaristokratie vermutlich genau jene Persönlichkeiten dar, die in der Schwächephase einer jeden Demokratie durch das Ausnutzen der bestehenden Freiheiten (und Defekte des Systems) an die Macht kommen und diese dann in eine Tyrannei verwandeln. Denn im Gegensatz zu seinen Philosophenkönigen, die – geadelt durch eine entsprechende Ausbildung und Moral – nur das Beste für die Allgemeinheit im Sinne hätten, sind diese schließlich ganz normale Bürger – und als solche ganz und gar der eigenen Lust und Laune ausgeliefert.

In seinem Mammutwerk »Der Staat« gibt Platon einen spannenden Wortwechsel zwischen Sokrates und dem Sophisten Thrasymachos wieder. Letzterer versucht den empörten Philosophen davon zu überzeugen, dass das Konzept der Gerechtigkeit vor allem jenen in die Hände spiele, die sich nicht daran hielten; dies unterscheide im Grunde die Herrschenden von den Untertanen. »Wie sehr der Gerechte überall dem Ungerechten unterlegen ist, erkennt man schon im gegenseitigen Vertrags-und Geschäftsverkehr: Wo solche Menschen Partner sind, findest du bei der Auflösung der Partnerschaft niemals den Gerechten reicher als den Ungerechten, sondern umgekehrt.« Sokrates reagiert empört: »Angenommen, es gäbe einen Ungerechten, der geheim oder ganz offen Ungerechtes zufügen könnte, so wird er mich nie überzeugen, dass dieses Leben gewinnbringender sei als die Gerechtigkeit…« Im Folgenden vergleicht er die politische Tätigkeit mit anderen Künsten wie der Medizin und der Nautik. »Keine Kunst und kein Amt zielt auf ihren eigenen Nutzen, sondern sie arbeitet und trifft Anordnungen für den Vorteil des Betreuten, immer bedacht auf den Nutzen des Schwächeren, nicht des Stärkeren… Den (wirtschaftlichen) Nutzen gewinnen sie offenbar aus einer zusätzlichen Quelle – der Erwerbskunst.« Obwohl Thrasymachos bei seiner Meinung bleibt, die Gerechtigkeit sei eine »dummedle Gutmütigkeit«, die Ungerechtigkeit hingegen Klugheit, weist ihm Sokrates durch die ihm typische Fragetechnik am Ende nach, dass der Gerechte tüchtig und verständig, der Ungerechte aber untüchtig und unverständig sei.

Ob Platon unsere Form der Demokratie ebenso erschreckend empfinden würde wie die seine, ist zu bezweifeln. Eines steht fest: Sein Lehrer Sokrates wäre mit Sicherheit wie damals auf den Athener Straßen unterwegs. Insofern können wir noch immer etwas von ihm lernen. Statt uns blind zu empören oder uns mit den schmackhaften Argumenten des Alternativlosen abzufinden, sollten wir dazu übergehen, den Thrasymachoi der Gegenwart die richtigen Fragen zu stellen. Vielleicht überzeugen wir damit nicht sie; ihre Opfer aber werden mit Sicherheit ins Grübeln kommen.

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