Jeder sollte begreifen, welche Bestimmung er hat

Unter vier Augen mit dem Meisterschamanen DON DIEGO (Spanien)*

Diego, du stammst aus Spanien und nicht aus Lateinamerika, wo Schamanismus bis heute eine große Rolle spielt. Wie bist du auf dieses in Europa doch eher exotische Thema gestoßen?
Wir alle tragen in uns ein Schicksal, dem wir nicht entkommen können. Die Vorsehung stieß mich sehr schnell auf dieses Thema, das ich bereits aus früheren Leben her kannte. Als ich siebzehn Jahre alt war, hatte ich einen Bekannten auf Mallorca, der einen sehr kranken Verwandten hatte, für den angeblich nichts mehr getan werden konnte. Mein Freund akzeptierte diese Diagnose nicht und ging ins Amazonasgebiet und brachte von dort einen Schamanen mit auf die Insel. Wie es der Zufall wollte, nahm ich an diesem Ritual teil. Als ich dem Schamanen sagte, was ich dabei erlebt hatte, bat er mir an, ihn nach Peru zu begleiten und bei ihm in die Lehre zu gehen.

Ein Schamane operiert mit einer riesigen Fülle von Wissen um Rituale und geistige Wirklichkeiten. Von wem hast Du das alles gelernt?
Ich hatte verschiedene Meister. Einer, der mich in Kontakt mit dem Thema brachte, einer, der mir die Wirkung von Bäumen erklärte, einer, der mir die Zubereitung von halluzinogenen Getränken beibrachte, und so weiter.

Du hast ja nicht nur im Urwald, sondern auch an einer Universität gelernt. Gibt es für dich einen Widerspruch zwischen deinem wissenschaftlichen und deinem schamanischen Wissen?
Nicht wirklich. Was ich an der Universität von Iquitos studierte, war Phytotherapie. Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt sehr für Pflanzen interessiert. Ich habe also den gleichen Gegenstand von verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet. Die spirituelle und die materielle Welt sind keine Gegensätze, sie stehen sich zwar gegenüber, aber gemeinsam bilden sie die Wirklichkeit. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die beide Realitäten studieren. Was wir letztlich begreifen müssen, ist die Tatsache, dass unser Leben nicht unendlich ist. Unsere Zeit auf der Erde ist sehr begrenzt. Jeden Tag, den wir erleben, haben wir einen Tag weniger. An der Universität lernen wir Dinge, die uns unser Leben vereinfachen und verbessern können, aber im Hinblick auf unser Ende sollten wir immer ein Auge auf die Bedeutung unseres Lebens gerichtet lassen, um zu begreifen, welche Bestimmung wir haben. Wenn wir sterben, ist es egal, ob wir Ärzte, Könige oder Anwälte sind. In diesem Moment zählt allein, ob wir uns gut auf den Übergang vorbereitet haben und ob wir mit uns in Frieden sind.

Was können Menschen, die nicht die Chance haben, eine Reise zu einem Schamanen zu unternehmen, tun, um mit der anderen Wirklichkeit in Berührung zu kommen?
Das Wichtigste ist, den Geist anzuhalten. Der Grund für unser Leid liegt darin, dass wir so viele Gedanken in unserem Kopf haben, dass wir so viel Zeit mit Denken verbringen. Wir sind ständig damit beschäftigt, etwas zu wollen. Kaum haben wir das Betreffende erreicht, lässt die Befriedigung darüber auch schon wieder nach. Und schon wollen wir wieder etwas Neues. Wir wollen diesen oder jenen Partner, aber nach zwei, vier, sechs oder zehn Jahren langweilt er mich wieder oder ärgert mich und ich ziehe wieder weiter. Dauerhaftes Glück wohnt nur den wenigsten Dingen oder Beziehungen inne. Dafür müssen wir uns jenseits der materiellen Welt umsehen. Gebete, Meditationen sind ein guter Weg, sich dieser Realität anzunähern. Stille erzeugt inneren Frieden. Das kannst du überall machen, egal, wo du lebst, welchen Job und welches Schicksal du hast. Jeder Moment ist der perfekte Moment, jeder Ort ist der perfekte Ort, um sich dem Göttlichen zu nähern.

Wie viele Schamanen nutzt du nicht nur Meditationen, sondern auch die bewusstseinserweiternde Kraft von Pflanzen. Was definiert einen solchen »schamanischen Zaubertrank«?
Materiell betrachtet handelt es sich dabei um eine Medizin in Form eines Tees. Sie wird aus einer Kletterpflanze mit Namen Ayahuasca gewonnen, welche man gemeinsam mit den Blättern der Chakruna-Pflanze nach bestimmten Regeln zubereitet und kocht. Es gibt unterschiedliche Zusammensetzungen von Ayahuaska und Chakruna, je nachdem, welche Absicht man bei einer solchen Visionssuche verfolgt und welche Stärke die Erfahrung haben soll. Spirituell betrachtet handelt es sich bei einem solchen Getränk um ein Werkzeug, sich selbst und seine innere Wahrheit kennenzulernen. Es gibt viele verschiedene Arten, Ayahuasca zu gebrauchen. Einige Stämme im Amazonasgebiet, die Schwarze Magie betreiben, nutzen die Informationen, die ihnen Ayahuasca vermittelt, für ihre düsteren Praktiken. Andere Stämme lehnen solche Hexerei strikt ab und lernen durch die Pflanze, wie man Krankheiten heilt oder seinen Lebensplan erkennt. Allgemein gesprochen gelingt es diesem Getränk, unseren Fokus nach innen zu richten und einen Zugang zu höheren Realitäten zu gewinnen. Für die »Suni Runa«, die sich durch das Trinken von Ayahuasca spirituell weiterentwickelt haben, ist es daher keine Droge, sondern ein Weg zum Göttlichen.

Das klingt nicht nur spannend, sondern auch gefährlich. Gibt es Menschen, die Ayahuasca alleine einnehmen, oder braucht man dafür immer einen Schamanen?
Egal wer, wann und in welchem Rahmen einen solchen Trank zu sich nimmt, sollte immer bedenken, dass diese Pflanze in der Lage ist, seinen oder ihren Körper subtileren Realitäten zu öffnen. Ein Schamane kann aufgrund seiner Ausbildung und seiner Erfahrung diese subtilen Realitäten unterscheiden. Ich gebe dir ein Beispiel: Als ich das erste Mal im Dschungel war, sah ich einfach nur eine riesige grüne Wand. Ich konnte überhaupt nichts erkennen. Sobald mir mein Lehrer eine neue Pflanzenart erklärt hatte, begann sie für mich aus dieser grünen Masse herauszutreten als das einzigartige Geschöpf, das sie ist. Mit den subtilen Realitäten verhält es sich ganz ähnlich. Am Anfang erkennt man keine Details, und alles strömt unterschiedslos auf einen ein. Abgesehen von dem »eigenen Prozess« sind da drüben in der anderen Wirklichkeit auch all die Schwingungen der Leute gespeichert, die bisher Ayahuaca getrunken haben, zu welchem Zweck auch immer. Durch das Trinken werden all diese Informationen wieder aktiviert. Der Schamane muss darauf aufpassen, all diese auf einen einströmenden Informationen zu filtern und seine Mittrinker energetisch zu schützen. Fehlt dieser Schutz, ist alles möglich. Es gibt ja keine Kontrolle, nur den wilden Effekt der Pflanze. Ich kannte einmal einen Mann, der unkontrolliert Ayahuaca zu sich nahm und in der Folge Stimmen in seinem Haus hörte. Damit verängstigte er nicht nur seine Frau und seine Kinder, sondern kam sogar mit der Polizei in Konflikt, die nach verborgenen Einbrechern suchen sollten. In der Folge musste er nach Peru reisen und seinen Körper völlig von den Einflüssen der Pflanze reinigen, um seine Kanäle für die andere Welt wieder zu verschließen und Frieden zu finden. Ansonsten gilt: Alles, was man während einer Sitzung mit Ayahuasca erfährt, entspricht deinem Karma. Du kannst dich nicht drücken, aber auch nicht verbiegen. Durch Ayahuasca kommen alle Dinge zum Vorschein, für deren Verarbeitung du sonst vielleicht Jahre bräuchtest. Das kann eine harte Erfahrung sein, aber danach fühlst du dich ungemein befreit, und es wird viel einfacher, den eigenen spirituellen Weg zu verfolgen.

Wie muss ich mir die Wirkung einer bewusstseitserweiternden Erfahrung mit Ayahuasca vorstellen? Funktioniert sie wie eine Bibliothek, in der ich die Antworten auf all meine Fragen nachschlagen kann, oder gibt es nach der Einnahme eine Art eigenes Programm, das die Pflanze verfolgt?
Ayahusca trifft dich immer genau dort, wo du gerade stehst. Wenn das der richtige Augenblick für deine Fragen ist, wird sie die die Antworten darauf geben. Sie wird dir in einer wirklich atemberaubenden Schnelligkeit Einsichten und Weisheiten vermitteln. Man merkt, dass du keine Erfahrung mit Ayahuasca hast, denn wer ihre Wirkung einmal erlebt hat, wird nicht mehr zwischen seinen Fragen und ihren Antworten unterscheiden. Sie beantwortet nicht nur bewusste, sondern auch unbewusste Fragen, die wir vielleicht nur in unserem Inneren spüren, ohne je über sie nachgedacht zu haben.

Kann von einer solch tiefgreifenden Erfahrung auch eine Gefahr für die psychische Stabilität ausgehen?
Das kann passieren, wie bei allem im Leben, das wir erfahren und das uns überrascht. Meiner Erfahrung nach sind wir alle mit dem Göttlichen verbunden, Du kannst es Mutter Erde nennen oder Gott oder Universum, das spielt keine Rolle. Während einer Zeremonie trägt diese Verbindung mit einem Bewusstsein, das größer ist als du selbst und das alles Leben miteinander verbindet, den Namen Ayahuasca, aber letztlich stammt es einfach aus der selben Quelle wie alles, was dir in deinem Leben begegnet. Entscheidend für deine Erfahrungen mit Ayahuasca ist der Schutz und die Erfahrung des Schamanen, der dich begleitet, und der Punkt in deinem Leben, an dem du gerade stehst. Ich glaube nicht, dass Ayahuasca dir etwas zufügt. Es zeigt dir nur, was du bereits in dir trägt – ob das nun ein verborgenes Talent oder eine schlummernde Psychose ist. Ein erfahrener Schamane kann solche unerwünschten Enthüllungen mit anderen Pflanzen wieder eindämmen und dein seelisches Gleichgewicht wieder herstellen. Das ist auch der Grund, warum der Schamane im Dschungel als Arzt und Heiler gilt.

Du arbeitest auch mit Mantras und indischen Göttern, sprichst von Karma – wie verbindest du das mit deinen südamerikanischen Ritualen?
Am Anfang der Zeit gab es keine Trennung. Damals hatten alle Menschen noch einen höheren Grad spiritueller Verbundenheit und die gleiche Vorstellung davon, was das Leben für uns Menschen bedeutet. Diese Leute waren überall auf der Erde verstreut. Sie kannten die Vergangenheit und die Zukunft. Sie wussten, dass eine Zeit kommen würde, in denen die Menschen diese natürliche Verbindung verlieren und ihr Wissen vergessen würden. Deswegen entwickelten sie Wege und Techniken, um gegen das Vergessen anzuarbeiten. Sie haben Traditionen begründet. Durch ihre Persönlichkeiten und die Orte, an denen sie lehrten, gaben sie ihren Traditionen eine bestimmte Färbung. Die Quelle aller religiösen Traditionen bleibt aber dieselbe. Das ist wie mit Milch. Du kannst daraus Käse machen oder Yoghurt oder Butter. In seinem Kern aber bleibt es ein Produkt der Milch. Im Dschungel von Peru lehrten sie uns, wie man sich und seinen Geist reinigt, um höhere Realitäten wahrzunehmen und tief in das eigene Ich einzudringen. In China lehrten sie uns chinesische Medizin und energetische Heilweisen für den Körper, in Indien Ayurveda. Man muss immer unterscheiden zwischen der Realität, die eine Kultur untersucht, und ihren Werkzeugen. Die Unterschiede bestehen aus der Oberfläche, nicht aus der Quelle. Sie gehen auf unsere Gedanken und unsere Urteile zurück. Jedes Urteil verändert die Realität für uns. Es gibt eine schöne Geschichte dazu: Man führte 10 Blinde in einen Raum mit einem Elefanten. Danach befragte man sie, was sich darin befände. Der eine, der den Fuß des Elefanten berührt hatte, beschrieb ein Tier wie ein Baum, rund und stabil, fest auf dem Boden verankert. Ein anderer, der den Rüssel in Händen hielt, protestierte: Nein, im Gegenteil, das Tier sei sehr beweglich und dünn und es befände sich stetig in Bewegung. Derjenige aber, der den Bauch vor sich hatte, schüttelte den Kopf. Es bewegt sich nicht und es steht auch nicht. Statt dessen schwebt es über dem Boden, und das, obwohl es riesig ist und mit den Armen nicht zu umfassen.

Wir befinden uns in einer Welt, die nicht nur von einer immer mehr zusammenrückenden Wirtschaft, sondern auch von religiösen Spannungen geprägt ist. Was können wir deiner Meinung nach tun, um von den unterschiedlichen Traditionen wieder zurückzufinden zu der alle verbindenden Quelle?
Zunächst einmal: Ein »wir« in diesem Sinne gibt es nicht. Das ist, was man in einer Zeremonie lernt: Obwohl man sie gemeinsam miteinander vollzieht, erlebt jeder seine eigene Erfahrung. Fortschritt kann es nicht kollektiv geben, sondern nur individuell. Und zwar dadurch, dass du Energie von den Sinnen und Gedanken abziehst und sie der Erforschung deiner inneren Wirklichkeit zur Verfügung stellst. Das ist alles, was du tun kannst für den Weltfrieden. Wenn du dich weiterentwickelst, werden sich die Menschen um dich herum ändern. Das geschieht sehr natürlich, wie bei einer Domino-Schlange.

Wenn du einen Wunsch frei hättest für dich und für die Welt, was würdest du dir wünschen?
Inneren Frieden. Dass sich jeder innerlich ruhig fühlt, und ich ebenso.

* Don Diego ist Gründer, Leiter und Meisterschamane der spirituellen Vereinigung »Sachavacay« mit Hauptsitz in einem Reservat im peruanischen Regenwald. In jahrelangem Studium eignete er sich ein umfassendes Wissen über die Eigenschaften und die Wirkungen der dort ansässigen Pflanzen an, welches er heute in schamanischen Zeremonien an Menschen aus der ganzen Welt weitergibt. In Ergänzung zu seiner spirituellen Ausbildung studierte er Psychologie, Naturheilkunde und Biochemie an den Universitäten von Alicante (Spanien) und Iquitos (Peru). Neben magischen südamerikanischen Liedern, so genannten »Icaros«, arbeitet der passionierte Musiker und Massagetherapeut auch mit dem Einsatz von indischen Mantren, Tabak und psychoaktiven Substanzen. Weitere Informationen zu seiner Arbeit finden sich auf folgender Webseite: http://www.sachavacay.org

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s