Der Stoff, aus dem die Weisen sind

Mit der Weisheit ist das so eine Sache. Als der griechische Philosoph Chairephon vom Orakel in Delphi wissen wollte, ob es einen Mann gebe, der noch weiser sei als sein Freund Sokrates, leugnete der konsultierte Gott, dass dies der Fall sei. Über den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote, die im Prozess gegen den Philosophen eine nicht unentscheidende Rolle spielte, streiten Historiker bis heute.

Fest steht, was Sokrates selbst im Rahmen seiner Verteidigungsrede so zusammenfasste: »Es scheint aber der Gott mit diesem Orakel dies zu sagen, dass die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts, und mich bloß zum Beispiel erwählt, wie wenn er sagen wolle: Unter euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, dass er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt«. Zuvor hatte sich der garstige Philosoph (der sich selbst einmal als die »Mücke am Arsch von Athen« bezeichnet hatte) eine Reihe von einflussreichen Feinden gemacht – als er unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern auf die Suche nach jener Weisheit ging, die sie so sicher in ihrem Besitze wähnten. Sein ebenso berühmtes wie niederschmetterndes Fazit lautete: »Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als sie, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.«

Wäre Sokrates kein Athener des 5. Jahrhunderts vor Christus, sondern heute in einer unserer Industrienationen zu Hause, er hätte vermutlich kein leichtes Spiel. Weisheit, so die Diagnose, stecken sich nur noch die Wenigsten ans eigene Revers; kein Wunder, ist Weisheit doch völlig aus der Mode gekommen. Zumindest unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern. Was heute zählt, hängt ganz vom jeweiligen Kundenstamm ab: ob kämpferisch oder gelassen, gewieft oder authentisch, halbstark oder pointiert – im Zeitalter des Konsumgottes sind selbst Ideale zur verhandelbaren Masse geworden. Die charakterliche Flexibilität, die uns die Erfordernisse des wuchernden Marktes abverlangt, ist keine gute Voraussetzung für Weisheitserwerb.

Verstehen Sie mich richtig: An falschen Propheten mangelt es uns nicht. Wie zu Sokrates Zeiten sprießen die Experten wie Pilze aus dem Boden und Zuschauer wie Journalisten nicken eifrig mit den Köpfen. Die Sokratischen Fragen sind dem rhetorischen Brei der Talkshows gewichen; eine Antwort erhalten wir Zuschauer aber ebenso wenig wie die Zaungäste und Leser des unermüdlichen Weisheitssuchers. Auf unserer Suche nach verlässlichen Quellen haben wir uns ähnlich diversifiziert wie in Kleidungs- oder kulinarischen Fragen: Den einen treibt es mit der Religion back to the roots, den anderen an den Herd von Wirtschaft und Geld, den nächsten an die Brust der Wissenschaft. Sie alle aber bleiben Gläubige und damit das, was Sokrates – mit Apollons Unterstützung – als Scheinweise entlarvt hat.

Umso berührender mutet es einen daher an, trifft man im Getöse der werbenden Gegenwart auf einen dieser Zeitgenossen, die man im sokratischen Sinne als weise bezeichnen möchte: In sich ruhende, gelassene Menschen, die dem Trubel ohne Desinteresse mit einer freundlichen Distanz begegnen, die auf jahrelange Erfahrung im humorvollen Umgang mit der eigenen und der fremden Begrenztheit schließen lässt. Wann immer wir auf einen solchen Menschen treffen, spüren wir, dass echte Weisheit ebenso wenig an Reiz verloren hat wie Loyalität, Liebe oder Gesundheit. Die Tatsache, dass sie bei der Formulierung unserer Ziele keine große Rolle mehr spielt, hat weniger mit unseren Wünschen zu tun als mit unserem Vertrauensverlust – in unsere Gesellschaft und in uns selbst. Ich kenne eine Frau, die weit über achtzig Jahre alt ist, den Holocaust überlebt hat und in Israel mit eigenen Händen an einer Utopie gebaut hat. Wer ihr begegnet, versteht, wie überraschend, bereichernd und humorvoll ein echter Dialog zwischen den Generationen sein kann, wenn sich Alter nicht durch die Enttäuschung über die Vergangenheit und die Angst vor der Gegenwart definiert.

Im letzten Monat hatte ich das Vergnügen, zwei sehr unterschiedliche Bekanntschaften zu. Zwei Personen, die über ein gesundes Maß an Bildung, gesellschaftlichen Stand, erfolgreiche Karriere und charismatische Begabung verfügen. Doch während die eine Person ihre Stellung dazu verwendet, ihr Gegenüber zu sezieren, zu funktionalisieren und schlichtweg herabzuwürdigen, gelingt es der anderen, durch ihren Einfluss einen Raum für gleichberechtigte und echter Begegnung zu öffnen. Lange habe ich mich gefragt, was der wahre Motor für das so unterschiedliche Verhalten der beiden Forscher sein mag. Am Ende steht für mich fest: Es ist der Vorzug des Zweifels über das Urteil, der Verbidung über die Abgrenzung, der Neugier über das Wissen.

Weisheit lässt sich weder anlesen noch downloaden. Sie entsteht, wenn wir zulassen, wofür wir alle begabt sind: Empathie, Freude an der Begegnung und Großzügigkeit sich selbst gegenüber. Das ist der Stoff, aus dem die Weisen sind.

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2 Gedanken zu „Der Stoff, aus dem die Weisen sind

  1. susanneveronika

    Zur Weisheit gerhört sehr viel Selbstkritik und daran mangelt es vielen Menschen. Sokrates hatte sie und er konnte damit leben. Wer andere herabwürdigen muss hat sie auch, aber er kann damit nicht leben. Er fühlt sich klein und weil er das nicht sein möchte, macht er andere klein, weil er sich dann als größer empfinden kann – trotz seiner geringen (inneren) Größe.

    Antwort
    1. salokin Autor

      Heute stolperte ich nach vielen Jahren einmal wieder über eine Stelle aus Hölderlins Hyperion, die mir wie ein Kommentar zu Ihrer Antwort und der sie verursachenden Zeilen erscheint: „Ach wär ich nie in euren Schulen gegangen. Die Wissenschaft, der ich in den Schacht hinunter folgte, von der ich, jugendlich töricht, die Bestätigung meiner reinen Freude erwartete, die hat mir alles verdorben. Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne. Oh ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die in das Mitleid auf dem Weg gab.“ … „Wie hasse ich alle die Barbaren, die sich einbilden, sie seien weise, weil sie kein Herz mehr haben, alle die rohen Unholde, die tausendfältig die jugendliche Schönheit töten und zerstören, mit ihrer kleinen unvernünftigen Mannszucht!“

      Antwort

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