Die Liebe, die uns fehlt

Einer der Gründe, warum ich diese Kolumne zu schreiben begonnen habe, ist das unbestimmte Gefühl, dass es einen entscheidenden Unterschied für unser Leben macht, was oder an wen wir glauben. Wer in unserer Zeit groß wird, bekommt früh zu hören, dass alles bereits gedacht, alles bereits gesagt worden ist. Kein leichtes Schicksal für eine Kultur, in der Originalität zu den Haupttugenden zählt. Was immer wir glauben, ist für unsere Gesellschaft sicher nicht sehr originell. Für den Einzelnen aber umso mehr.

Ob wir an einen Gott glauben oder nicht, an Geister oder Dämonen, Helden oder das Geld, ist nicht halb so wichtig wie die Frage, ob wir an eine Ordnung glauben, die dem Chaos in unserem Leben einen Sinn verleiht – oder nicht. Intellektuelle und Künstler neigen heute dazu, diese Frage angesichts unserer verheerenden Geschichte und der Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu verneinen. In ihrem Roman »Der Mann schläft« resümiert Sibylle Berg das Mantra einer Gesellschaft, die sich weder Fügung noch Karma vorstellen kann: »Es ist alles Zufall. Nichts hat man sich verdient, gutes Benehmen garantiert kein langes Leben, es gibt weder Gerechtigkeit noch Vernunft, es gibt keine göttliche Weltordnung oder was auch immer wir herbeisehnen, um uns nicht ausgeliefert zu fühlen. Es kann alles vorbei sein in der nächsten Sekunde, oder noch schlimmer: Es kann alles genauso weitergehen.« Die in Breslau geborene Dichterin Dagmar Nick gießt dieselbe existentielle Verlorenheit in eine noch poetischere Sprache: »Wir treiben durch luftlose Räume / Erloschenen Angesichts. / Die Nächte verweigern uns Träume, / die Sterne sagen uns nichts. // Wir haben den Himmel zertrümmert. / Das Weltall umklammert uns kalt.«

Was genau unterscheidet das Weltall vom Himmel und warum macht uns nicht glücklich, worin Friedensaktivist John Lennon noch die Lösung all unserer Probleme wähnte? Imagine there’s no heaven – above us only sky! Die Antwort liegt auf der Hand: Im Kosmos herrscht ein klares Kommunikationsproblem – der Himmel aber spricht zu uns mit Engelszungen. Was uns fehlt, ist weniger ein rationales Sinngefüge, die gedankliche Erkenntnis einer alles erklärenden Struktur als vielmehr: Aufmerksamkeit.

Die Gleichgültigkeit, mit der uns die Welt heute scheinbar gegenübertritt, beleidigt nicht nur unseren angeborenen Sinn für die eigene Bedeutung, sie verletzt auch das kindlichste und vielleicht kostbarste unserer Gefühle: die Sehnsucht danach, geliebt zu werden. Wie eine Studie der American Sociological Association 2010 zeigte, liegt einer der Hauptgründe für das subjektiv empfundene Glück vieler Konvertiten bzw. religiös »Wiedergeborenen« denn auch nicht im spirituellen Bereich. Ihr Fazit lautet: Nicht die Häufigkeit der Gebete oder gar der Gottesdienstbesuche, sondern die in den spirituellen Gemeinschaften erfahrenen Freundschaften verleihen den neuen Religiösen das gewisse Etwas. Viele Konvertiten sagen zudem aus, dass ihnen die neue Religion neben einem »Sinn« vor allem einen »Sinn für die Liebe« mit auf den Weg gegeben habe: Darin sind sich Christen, Muslime und Buddhisten einig. Interessanterweise beschreibt die Religionswissenschaftlerin Anne Sofie Roald die Konversion selbst als einen höchst emotionalen Akt, dessen erste Stufe den Namen »falling in love« – »sich Verlieben« – trägt.

Die Liebe nicht nur im zwischenmenschlichen, sondern auch im kosmischen Zusammenhang gehört mit Sicherheit zu den wirksamsten Gegnern moderner Sinnentleerung. In seinem flott geschriebenen und tiefgründigen Buch »Buddhismus 3.0«, das im englischen Original den treffenderen Titel »One City« trägt, entwirft der Meditationslehrer Ethan Nichtern ein verführerisches Gegenmodell zu der latent vorhandenen Angst, allein auf dieser Welt zu sein, abgeschnitten von aller göttlichen wie menschlichen Fürsorge. Seine These: Die Produkte, die wir nutzen, die Entscheidungen, die wir treffen – sie alle bilden das wahre »Internet«. In seiner humorvollen Einleitung schreibt er: »Zu diesem Zeitpunkt habe ich meine Wohnung noch immer nicht verlassen.Trotzdem bin ich schon mit dem größten Teil der gegenwärtigen und ehemaligen Bewohner der Welt in Kontakt getreten und habe mich auf sie gestützt. Ich habe auch bereits Entscheidungen getroffen, die die gegenwärtigen und zukünftigen Bewohner der Welt betreffen. Dabei habe ich gar nicht wahrgenommen, dass ich überhaupt mit irgendetwas oder irgendjemandem Kontakt haben könnte.«

Nichtern macht auf einen schlichten Zusammenhang aufmerksam, der uns in unserer Verzweiflung nur zu oft zu entfallen scheint: Wir selbst sind für die Liebe verantwortlich, die wir anderen geben, nicht die Welt, nicht Gott, nicht das Universum. Verletzungen und Enttäuschungen sind keine überzeugende Ausrede dafür, unseren Mitmenschen – und damit uns selbst – jene Aufmerksamkeit zu entziehen, die sie und die wir verdienen. Gutes Benehmen garantiert kein langes Leben – aber der liebevolle Umgang mit unseren Nächsten führt zu einem glücklicheren Leben – garantiert. Denn: Die Liebe, die uns fehlt, tragen wir direkt in unseren Herzen.

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