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Die Liebe, die uns fehlt

Einer der Gründe, warum ich diese Kolumne zu schreiben begonnen habe, ist das unbestimmte Gefühl, dass es einen entscheidenden Unterschied für unser Leben macht, was oder an wen wir glauben. Wer in unserer Zeit groß wird, bekommt früh zu hören, dass alles bereits gedacht, alles bereits gesagt worden ist. Kein leichtes Schicksal für eine Kultur, in der Originalität zu den Haupttugenden zählt. Was immer wir glauben, ist für unsere Gesellschaft sicher nicht sehr originell. Für den Einzelnen aber umso mehr.

Ob wir an einen Gott glauben oder nicht, an Geister oder Dämonen, Helden oder das Geld, ist nicht halb so wichtig wie die Frage, ob wir an eine Ordnung glauben, die dem Chaos in unserem Leben einen Sinn verleiht – oder nicht. Intellektuelle und Künstler neigen heute dazu, diese Frage angesichts unserer verheerenden Geschichte und der Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu verneinen. In ihrem Roman »Der Mann schläft« resümiert Sibylle Berg das Mantra einer Gesellschaft, die sich weder Fügung noch Karma vorstellen kann: »Es ist alles Zufall. Nichts hat man sich verdient, gutes Benehmen garantiert kein langes Leben, es gibt weder Gerechtigkeit noch Vernunft, es gibt keine göttliche Weltordnung oder was auch immer wir herbeisehnen, um uns nicht ausgeliefert zu fühlen. Es kann alles vorbei sein in der nächsten Sekunde, oder noch schlimmer: Es kann alles genauso weitergehen.« Die in Breslau geborene Dichterin Dagmar Nick gießt dieselbe existentielle Verlorenheit in eine noch poetischere Sprache: »Wir treiben durch luftlose Räume / Erloschenen Angesichts. / Die Nächte verweigern uns Träume, / die Sterne sagen uns nichts. // Wir haben den Himmel zertrümmert. / Das Weltall umklammert uns kalt.«

Was genau unterscheidet das Weltall vom Himmel und warum macht uns nicht glücklich, worin Friedensaktivist John Lennon noch die Lösung all unserer Probleme wähnte? Imagine there’s no heaven – above us only sky! Die Antwort liegt auf der Hand: Im Kosmos herrscht ein klares Kommunikationsproblem – der Himmel aber spricht zu uns mit Engelszungen. Was uns fehlt, ist weniger ein rationales Sinngefüge, die gedankliche Erkenntnis einer alles erklärenden Struktur als vielmehr: Aufmerksamkeit.

Die Gleichgültigkeit, mit der uns die Welt heute scheinbar gegenübertritt, beleidigt nicht nur unseren angeborenen Sinn für die eigene Bedeutung, sie verletzt auch das kindlichste und vielleicht kostbarste unserer Gefühle: die Sehnsucht danach, geliebt zu werden. Wie eine Studie der American Sociological Association 2010 zeigte, liegt einer der Hauptgründe für das subjektiv empfundene Glück vieler Konvertiten bzw. religiös »Wiedergeborenen« denn auch nicht im spirituellen Bereich. Ihr Fazit lautet: Nicht die Häufigkeit der Gebete oder gar der Gottesdienstbesuche, sondern die in den spirituellen Gemeinschaften erfahrenen Freundschaften verleihen den neuen Religiösen das gewisse Etwas. Viele Konvertiten sagen zudem aus, dass ihnen die neue Religion neben einem »Sinn« vor allem einen »Sinn für die Liebe« mit auf den Weg gegeben habe: Darin sind sich Christen, Muslime und Buddhisten einig. Interessanterweise beschreibt die Religionswissenschaftlerin Anne Sofie Roald die Konversion selbst als einen höchst emotionalen Akt, dessen erste Stufe den Namen »falling in love« – »sich Verlieben« – trägt.

Die Liebe nicht nur im zwischenmenschlichen, sondern auch im kosmischen Zusammenhang gehört mit Sicherheit zu den wirksamsten Gegnern moderner Sinnentleerung. In seinem flott geschriebenen und tiefgründigen Buch »Buddhismus 3.0«, das im englischen Original den treffenderen Titel »One City« trägt, entwirft der Meditationslehrer Ethan Nichtern ein verführerisches Gegenmodell zu der latent vorhandenen Angst, allein auf dieser Welt zu sein, abgeschnitten von aller göttlichen wie menschlichen Fürsorge. Seine These: Die Produkte, die wir nutzen, die Entscheidungen, die wir treffen – sie alle bilden das wahre »Internet«. In seiner humorvollen Einleitung schreibt er: »Zu diesem Zeitpunkt habe ich meine Wohnung noch immer nicht verlassen.Trotzdem bin ich schon mit dem größten Teil der gegenwärtigen und ehemaligen Bewohner der Welt in Kontakt getreten und habe mich auf sie gestützt. Ich habe auch bereits Entscheidungen getroffen, die die gegenwärtigen und zukünftigen Bewohner der Welt betreffen. Dabei habe ich gar nicht wahrgenommen, dass ich überhaupt mit irgendetwas oder irgendjemandem Kontakt haben könnte.«

Nichtern macht auf einen schlichten Zusammenhang aufmerksam, der uns in unserer Verzweiflung nur zu oft zu entfallen scheint: Wir selbst sind für die Liebe verantwortlich, die wir anderen geben, nicht die Welt, nicht Gott, nicht das Universum. Verletzungen und Enttäuschungen sind keine überzeugende Ausrede dafür, unseren Mitmenschen – und damit uns selbst – jene Aufmerksamkeit zu entziehen, die sie und die wir verdienen. Gutes Benehmen garantiert kein langes Leben – aber der liebevolle Umgang mit unseren Nächsten führt zu einem glücklicheren Leben – garantiert. Denn: Die Liebe, die uns fehlt, tragen wir direkt in unseren Herzen.

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Die Sache mit dem Glück

Kennen Sie dieses Gefühl? Glück haben immer die Anderen!

Egal, ob Sie ein junges Liebespaar beim Austausch seiner Zärtlichkeiten beobachten oder ausgerechnet die Fahrerin vor Ihnen den letzten Parkplatz in der ganzen Straße ergattert hat – das Gefühl, selbst nicht zu den Beschenkten zu gehören, gräbt sich in Situationen wie diesen tief ins eigene Bewusstsein. Und das umso erfolgreicher, je unzufriedener Sie im Moment mit sich und Ihrem derzeitigen Leben sind.

Woran liegt es, dass wir glauben, selbst weniger Glück als »die Anderen« zu haben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil wir ihnen all die Sorgen und Ängste, die uns selbst vom Aufstehen bis zum Schlafengehen in Anspruch nehmen, schlicht nicht ansehen können. Und weil wir zugleich von der Oberfläche auf das Innere schließen – zumindest in unserem heimlichen Glücksvergleich. »Die Anderen«, so lautet die gute Nachricht, sind gar nicht glücklicher. Das ist zugleich aber auch die schlechte Nachricht: Warum eigentlich nicht?

Wenn wir einmal von jenem Glück absehen, das man auch als »Glück haben« bezeichnen kann, so scheint es einen tiefen Zusammenhang zwischen innerer Zufriedenheit und gefühltem Glück zu geben. Diese Zufriedenheit, die sich – je nach Typ – aus Einzelbestandteilen wie einem guten Gewissen, Liebe für andere und einer heiteren Grundstimmung zusammensetzt, ist ein äußerst instabiles Gleichgewicht. Es reicht häufig nur eine einzige Wolke, um die Sonne zu verdunkeln – den restlichen blauen Himmel sehen wir vielleicht, doch spüren können wir ihn nicht. Wie schaffen wir es also, häufiger glücklich zu sein – und ist das überhaupt der Sinn der Sache?

Dass es erstrebenswert ist, glücklich zu sein, ist so selbstverständlich, dass darüber kaum ein Wort verloren werden muss. Doch kritisch betrachtet hat das Gefühl von Glück nicht nur eine erhebende, sondern auch sedierende Eigenschaft. Wer »Glück« aus einen Gradmesser dessen begreift, wie es um einen steht, kann aus der eigenen Unzufriedenheit auch einen Nutzen ziehen. Gerade spirituell interessierte Menschen neigen oft dazu, ihre Widersprüchlichkeiten mit Licht und Freude »zuzukleistern«. Da wird die gute Laune gern als Spachtelmasse verwendet – ganz nach dem Motto: Wenn ich glücklich wirke, bin ich es auch. Doch dieser Selbstbetrug fliegt nicht nur eines Tages auf – er beraubt uns auch des Nutzens, den wir unserem »Glücksbarometer« entnehmen können.

Noch wichtiger als die Frage, in welchen Augenblicken wir in der Lage sind, Glück zu spüren, ist die ehrliche Betrachtung, welche Umstände in den übrigen Momenten eben dieses Gefühl verhindern. Sind es die Taten unserer Mitmenschen – oder unsere Reaktionen darauf? Geschieht es, weil unser Tunnelblick auf der Suche nach dem »Großen Glück« die vielen kleinen Geschenke übersieht – oder sind wir wirklich von einem Haufen unsympathischer, eigensüchtiger und aggressiver Leute umgeben, deren oberstes Ziel es ist, uns nicht in den Kreis der glücklichen Anderen aufsteigen zu lassen? Und wenn das so ist – was ich bezweifle: Was sagt mir diese Umzingelung durch Energievampire über mein eigenes Verhalten, meine Einstellung zum Leben?

Glück ist sicher nicht der Sinn des Lebens, auch wenn uns das so mancher falscher Prophet so gerne weismachen will. Glück ist vielmehr eine Währung, ein Rechensystem, das uns – vergleichbar einem Tachometer – den aktuellen Stand unserer Lebenstüchtigkeit verrät. Die schlechte Nachricht: Diesen Tacho kann man nicht manipulieren; die gute: zum Glück!

Der große Psychologe und Humanist VIKTOR FRANKL (†1997) geht im Gegensatz zu seinem Landsmann und Kollegen Sigmund Freud davon aus, dass der bestimmende Trieb des Menschen nicht etwa auf Macht oder Lust ausgerichtet ist, sondern vielmehr auf den Sinn. Glücklichsein ist für ihn das Ergebnis eines »Grunds zum Glücklichsein« – man könnte auch sagen: einer sinnvollen Aufgabe, einer Einbindung in die Gesellschaft, einer inneren Mission.

»Es gibt nichts auf der Welt, das einen Menschen so sehr befähigte, äußere Schwierigkeiten oder innere Beschwerden zu überwinden, als das Bewusstsein, eine Aufgabe im Leben zu haben.« Diese Worte Frankls, die durchaus als ein Wegweiser zum Glück verstanden werden können, formulierte der von den Nationalsozialisten inhaftierte Psychologe ausgerechnet im Konzentrationslager Theresienstadt. Sein Ziel war es, jene psychischen Kräfte in seinen Mitmenschen zu mobilisieren, die für das physische Überleben in einer Situation maximalen Unglücks sind.

Vielleicht ist unsere Vorstellung von Glück ja in der Tat nur eine Überlebensstrategie. Einer, der es von Berufswegen her wissen müsste, ist der antike Denker EPIKUR († 270 v. Chr.). Der »Philosoph des Glücks« hält nicht die Welt, sondern Furcht, Schmerz und Begierden für die wahren Feinde unserer Zufriedenheit; eine Einsicht, die beinahe buddhistische Züge trägt.

Ob Sie sich nun – wie Epikur – zur Steigerung des Wohlbefindens in Zukunft auf die notwendigsten Bedürfnisse reduzieren oder sich im Gegenteil – mit Frankl – auf die Suche nach einer wirklich sinnhaften Lebensführung machen – eines steht schon heute fest: Dieses Glück, das nicht von den Geschenken der Welt da draußen abhängig ist, haben bestimmt nicht nur die Anderen.

Was ist Gedankenübertragung?

»Es gibt keine Materie an sich! Alle Materie entsteht und besteht nur durch eigene Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt und sie zum winzigen Sonnensystem des Atoms zusammenhält… So müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund der Materie.« (Max Planck)

Drei sehr unterschiedliche Berufsgruppen beschäftigen sich derzeit mit Außersinnlicher Wahrnehmung. Streng genommen nur zwei, versteht man unter dem Begriff Beschäftigung
einen länger andauernden Prozess. Denn die erste Gruppe, die etablierte Naturwissenschaft, hat für das Thema »Hellsehen« ungefähr soviel übrig wie die Internet-Enzyklopädie »Wikipedia«, die außersinnliche Wahrnehmung als einen »Sammelbegriff für eine hypothetische Art von Wahrnehmungen« bezeichnet, »für die es bislang keine wissenschaftlich bestätigten Nachweise gibt und die per Definition nicht durch bekannte sinnliche Erfahrungen, Wahrnehmungen oder Wissensquellen erklärbar sind.« Die anderen zwei Berufsgruppen sind Hellseher und Parapsychologen.

Das Verhältnis der Hellseher zu ihrem Gegenstand ist freilich einfach zu beschreiben: sie wenden an – unabhängig von der Tatsache, ob es eine »wissenschaftliche« Erklärung dafür gibt, was sie da tun – oder nicht. Stört es uns, das wir tagein tagaus Computer und technische Geräte bedienen, ohne sie wirklich erklären zu können? Wozu also begründen, erforschen, was der Hellseher tut, wenn er »hell sieht«? Zum einen aus dem Bedürfnis heraus, grundsätzliche Fragen über den Aufbau unserer Wirklichkeit zu klären – gibt es eine Übertragung von Informationen und Kräften jenseits der Materie? Zum anderen aus einem ganz konkreten Grund heraus: Wer einen Computer bedient, der weiß zwar nicht immer, was er tut; aber er kann sich doch sicher darauf verlassen, dass das, was er tut, der Realität entspricht. Den Hellsehern, den guten wie den schlechten, den erfolgreichen wie den Scharlatanen aber hält ein großer Teil der Gesellschaft vor: das, was Du da tust, ist Schauspielerei, bestenfalls Selbstbetrug. Sieh ein, dass Deine Geschäftsgrundlage nicht existiert, und werd endlich erwachsen.

Parapsychologen könnten auch als »Dolmetscher« zwischen den Welten verstanden werden. Zwar entstammt ihr Anspruch komplett der Welt der Wissenschaft, ihre Methoden, ihre
Ideale stehen nicht im Gegensatz zur empirischen Wissenschaft, doch im Gegensatz zu akademischen Forschern sind sie bereit, sich auch obskuren, nicht von vornherein Erfolg versprechenden Gegenständen zu widmen, die noch dazu mit dem Ruch von Jahrmarkttrickserei kontaminiert sind. Ihr Ziel ist es, die immer wieder berichteten Phänomene außergewöhnlicher menschlicher Fähigkeiten und Handlungen auf ihre Beschaffenheit hin zu überprüfen.

Tatsächlich ist Außersinnliche Wahrnehmung (ASW) einer der Entstehungsgründe für die moderne Parapsychologie. Von konkreten Fällen ausgehend versuchte sie zunächst (wie jede gute Wissenschaft), ihren Gegenstand fest zu umreißen. Dabei kam sie zu folgender Definition: Bei außersinnlicher Wahrnehmung handelt es sich um »eine Erfahrung, die auf irgend etwas außerhalb des Erlebnisträgers bezogen ist, ohne Beteiligung der uns bekannten Sinnesorgane« (Lexikon der Parapsychologie).

Anschließend unterschied sie drei Gattungen von ASW: die Telepathie, das Hellsehen und die Präkognition Unter Telepathie versteht sie das, was allgemein als Gedankenübertragung bezeichnet wird. Das parapsychologische Hellsehen entspricht nicht genau dem, was man im Volksmund unter »Hellsehen« versteht: Darunter fallen nämlich nur die außersinnliche Wahrnehmung von Gegenständen oder objektiven Vorgängen, soweit diese nicht den Gedanken anderer Menschen entnommen werden können. Präkognition wiederum ist das, was man gemeinhin unter (paranormalen) Vorhersagen versteht, also keine Wetterprognosen, sondern die Voraussage von Ereignissen, die so nicht logisch vorherzusehen waren oder sind.

Sehen wir uns Beispiele für diese Klassen von Außersinnlicher Wahrnehmung an, um klarer zu unterscheiden, was wir später im Detail ansehen wollen. Eine Hellseherin, die ihrem Klienten zunächst etwas über seine Vergangenheit und dann über seine Zukunft verrät, betreibt aus parapsychologischer Sicht – ist sie ernsthaft begabt – eine Mischung aus Telepathie und Präkognition. Hellsehen im parapsychologischen Verständnis ist nur selten mit von der Partie, da sich alle ihre Angaben unmittelbar auf die Person des Ratsuchenden beziehen. Telepathie bedeutet dabei nicht unbedingt die bewusste Übertragung von Gedanken von dem Ratsuchenden auf die Hellseherin, wie wir später sehen werden, sondern durchaus auch die Kunst des Gedankenlesens: Die Fähigkeit der hellsichtigen Dame, Informationen aus der Vergangenheit Ihres Klienten zu nennen, beruht wohl eher auf einem »Lesenkönnen« denn auf einem »Genanntbekommen«. Wir sehen hier gleich den fundamentalen Unterschied zwischen der parapsychologischen Sicht und vielen esoterischen »Begründungen«: Die Informationen, so die Parapsychologie, bezieht die Hellseherin nicht aus einer überpersonalen Quelle wie der Akasha-Chronik oder der Welt der Engel, sondern ganz konkret aus der (unbewussten) Erfahrungswelt ihres Gegenübers. Selbst die zukünftigen Ereignisse müssen nicht notwendigerweise »übernatürlich« ermittelt werden.

Um nicht in ein heilloses Durcheinander von konkreten Fällen und Erklärungsmodellen zu geraten, möchte ich in den folgenden Teilen dieser Serie die drei Gattungen von ASW zunächst einmal getrennt voneinander behandeln. Im letzten Teil werde ich dann gemeinsame Schlussfolgerungen anstellen.

WAS IST TELEPATHIE?

Ich sagte vorhin, diese Gattung der Außersinnlichen Wahrnehmung sei ungefähr gleichbedeutend mit »Gedankenübertragung« bzw. »Gedankenlesen«. Abgesehen davon, dass »Dianoiametaphorie« kein schönes Wort wäre (so oder so ähnlich müsste »Gedankenübertragung« auf Griechisch übersetzt lauten), mag dieser Begriff, der ähnlich wie »Telefonie« ein Kunstwort des 19. Jahrhunderts ist, inhaltlich zunächst verwundern. FREDERIC MYERS, ein englischer Dichter und Mitbegründer der Society for Psychical Research, führte ihn 1882 anstelle des älteren »thought transference« ein. Wie kam er darauf, von »Tele-pathie«, also von »Fern-leiden« zu sprechen? Weil telepathische Fähigkeiten nicht immer nur ein Grund zur Freude sind?

Interessanterweise finden sich weder im 7bändigen Lexikon »Religion in Geschichte und Gegenwart« noch im »ersten umfassenden Lexikon der Esoterik« von JULIA IWERSEN die Begriffe »Hellsehen« oder »Telepathie«. Selbst »Wahrsagen« wird auf einen Vorgang beschränkt, bei der »ein Gott oder Geist durch eine in Ekstase befindliche Person spricht.« Doch was hat es mit »ganz gewöhnlicher«, zwischenmenschlicher Gedankenübertragung auf sich?

Die Autorin SILVIA STEINER nennt die Telepathie schon im Titel ihres Werks »die natürlichste Sache der Welt«. Nach einer knappen Einleitung zum Aufbau der Wirklichkeit aus Geist und Materie und zur Gespaltenheit der heutigen Gesellschaft in ihrer Akzeptanz und Wahrnehmung kommt die Autorin auf den eigentlichen Gegenstand ihres Buches zurück. Für sie ist Telepathie schon deshalb so gewöhnlich, weil sie jeden Tag, in jeder Form der Kommunikation mitschwingt: kein Gespräch ohne Vermittlung von Ideen, ohne Transport geistiger Inhalte vom Sender zum Empfänger. »Schicken wir das obere (Gedanken, Wünsche) und das untere (Worte, Gesten, Mimik) Paket, dann nennen wir das physische Kommunikation. Aber das ist eigentlich falsch. Wir müssten von Telepathie plus Kommunikation reden.«

Was also ist diese Telepathie? Wie funktioniert sie? Und sind tatsächlich alle Menschen dazu imstande, oder ist sie das wertvolle Eigentum einer kleinen Kaste von Begabten? Der russische Journalist KARL NIKOLAJEW, von dem wir später noch hören werden, ist der Meinung, dass jeder Mensch das Potential zu außersinnlicher Wahrnehmung besitzt. Telepathie müsste jedoch – wie Lesen, Rechnen oder Fahrradfahren – von den meisten erst erlernt und trainiert werden, um zu nennenswerten Erfolgen zu kommen. Nur wenige Menschen – jene, die wir für gewöhnlich als Medien bezeichnen – verfügen schon von Geburt an über außergewöhnlich stark ausgeprägte telepathische Kräfte.

Das Lexikon der Parapsychologie von 1988 definiert Telepathie als »nicht durch die uns bekannten Sinne vermittelte Erfahrung eines fremdseelischen Vorgangs (Gefühle, Antriebe, Gedanken usw.)«, also als kommunikativen Akt der Außersinnlichen Wahrnehmung. Gleich im Anschluss weist es darauf hin, dass Telepathie nicht unweigerlich eine Übertragung von Gedanken sein muss. Was übermittelt wird, kann durchaus variieren: auch Ideen, Namen, Eindrücke, Bilder, Wörter, Stimmungen, Sachverhalte werden im Rahmen echter Telepathie ausgetauscht. Sie kann sich gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst, mit zwei oder mehreren Personen und unabhängig von räumlicher Distanz ereignen, wie wir gleich noch sehen werden. Telepathie verfügt über drei grundsätzliche Funktionsweisen:

Sehen wir uns nun konkrete Beispiele für Telepathie an. Ich gehe dabei aus Platzgründen nur auf solche Fälle ein, die die Parapsychologie selbst dokumentiert hat, und nicht auf historische Überlieferungen, obwohl diese natürlich ihren eigenen Reiz besitzen – wie etwa die Geschichte des persischen Schriftgelehrten ABDU’L BAHA, der während seines Vortrags die Gedanken einer Hörerin las und ihr so, für andere unbemerkt, einen geheimen Wunsch erfüllen konnte.

FÄLLE VON TELEPATHIE

Spätestens seit den Versuchen des Biologen und Parapsychologen JOSEPH B. RHINE Mitte der Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gilt Gedankenübertragung in der Parapsychologie als statistisch bewiesen. Rhine ließ als »Sender« fungierende Probanden zufällig gezogene Symbole auf so genannten Zener-Karten an als »Empfänger« agierende Probanden per Gedanken übertragen. Und siehe da, das Ergebnis war »statistisch signifikant«, belegte also die Wirklichkeit von telepathischer Kommunikation.

Die Regierungen der USA wie der Sowjetunion erkannten das Potential, das in einer so diskreten Waffe wie der gedanklichen Informationsübertragung liegt, sehr früh. Schon 1958 war im Rahmen der Geheimoperation »Sunshine«, die das erste Atom-U-Boot der USA an den Nordpol bringen sollte, ein ungewöhnlicher Matrose mit an Bord der »Nautilus«. Sein Auftrag: tief unter dem Packeis, wo jede Art von Funkverbindung unmöglich war, Informationen zu empfangen, die ein telepathisch versierter Kollege aus dem weit entfernten Maryland übermitteln sollte. Um jeden Betrug auszuschließen, zog eine Maschine für diesen »Sender« die Zener-Karten, und der Empfänger tief im Eis zeichnete auf, welche Signale er zeitgleich mit der »Sendung« vor seinem geistigen Auge sah. Das Ergebnis war überwältigend: nachdem man die in versiegelten Umschlägen übermittelten Daten aus der Nautilus mit den Protokollen aus Maryland verglich, stimmten 70% der Daten überein.

So sensationell diese Nachricht in den westlichen Medien auch aufgenommen wurde (ohne freilich etwas an der skeptischen Grundhaltung der Gesellschaft zu ändern), so schockierend musste dieser Vorsprung der USA auf ihren Erzrivalen, die Sowjetunion, gewirkt haben. Nach Bekanntwerden des Nautilus-Experiments 1959 begann auch die UDSSR mit systematischen parapsychologischen Forschungen. Im Unterschied zu den amerikanischen Wissenschaftlern hielten sie sich nicht lange damit auf, Telepathie beweisen zu wollen. Sie gingen gleich dazu über, die neu entdeckten Kräfte praktisch anzuwenden. 1966 konnten im so genannten Moskau-Nowosibirsk-Telepathietest denn auch sensationelle Ergebnisse erzielt werden. Dem Biophysiker JURI KAMENSKIJ wurde in Moskau ein versiegeltes Paket mit konkreten Gegenständen überreicht, die er Stück für Stück an seinen Kollegen, den bereits zitierten KARL NIKOLAJEW, übermitteln sollte – bis nach Nowosibirsk und unter strengen Laborbedingungen. Und tatsächlich: Als sich Juri auf das erste Objekt, eine Metallspirale, konzentrierte, notierte Karl: »Rund metallisch… glänzend… gekerbt… sieht wie eine Rolle aus.« Juri nahm nun einen Schraubenzieher mit schwarzem Plastikgriff in die Hand und Karl schrieb: »Lang… dünn… Metall… Kunststoff… schwarzer Kunststoff.« 1971 führte der Physiker und Testpilot EDGAR D. MITCHELL sogar einen Telepathie-Test an Bord einer Rakete durch, mehr als 380.000 km von der Erde (und den Empfängern seiner gedanklichen Botschaften) entfernt. Seine Ergebnisse waren, Kritikern zum Trotz, ebenfalls überzeugend.

Die Verknüpfung telepathischer Aktivitäten mit der Nennung geographischer Koordinaten half den Forschern des Stanford Research Institutes im Laufe der 70er Jahre bei
der Entwicklung des so genannten »Remote Viewing« (zu deutsch: »Fernwahrnehmung«), welches bis zum Ende des Startgate-Projekts 1995 mit immerhin 20 Millionen Dollar finanziert wurde. 1979 konnte auf diese Weise sogar ein bislang geheimer sowjetischer U-Boot-Bau ermittelt werden, der sich 1980 – trotz Skepsis des Pentagons – durch Satelitenfotos verifizieren ließ.

Um auf die eingangs gestellte Frage nach dem Sinn des Begriffs »Fern-Leiden« zurückzukommen: Im Gegensatz zu den oben geschilderten »Laborversuchen« sind die Inhalte spontaner telepathischer Erfahrungen meist schmerzhafter Natur. Um zwei typische Beispiele zu zitieren: Eine Mutter lässt ihre Tochter allein in ein Kino gehen, das bloß einen Block von zuhause entfernt liegt. Sie wäscht ab, als sie plötzlich ein schmerzhaftes Gefühl überkommt: »Aus einem unerklärlichen Grund wusste ich, dass Joicey von einem Auto angefahren worden war.« Ein Anruf beim Kino ergab, dass sie mit ihrer Befürchtung richtig lag, wenn dem Kind auch zum Glück nichts passiert war. Neben dem »Ahnen« und »Fühlen« gibt es natürlich auch sehr konkrete Formen bildhafter Telepathie. So notierte sich ein Arzt während eines Hausbesuchs, dass er »plötzlich den Eindruck hatte«, seine Tochter mit blutendem Knie an der Steintreppe seines Hauses liegen zu sehen. Er vermerkte auch die genaue Uhrzeit seiner Vision – und tatsächlich
bestätigte ihm seine Familie den Unfall später inklusive der korrekten Zeitangabe.

WIE FUNKTIONIERT TELEPATHIE?

Bis heute ungeklärt und Gegenstand zahlreicher Spekulationen ist die Frage, wie Telepathie eigentlich funktioniert. Welcher »Sinn« ist für die Aufnahme Außersinnlicher Wahrnehmung verantwortlich? Der (unter Fachkolegen nicht unumstrittene) britische Biologe RUPERT SHELDRAKE erklärt Telepathie mit der Tatsache, dass Wahrnehmung über den »Geist«, nicht über das »Gehirn« funktioniere, wie allgemein angenommen. Ein solcher Geist, der einem Feld gleicht, überschneidet sich an vielen Stellen mit den Geistern anderer Menschen, zu denen wir in Kontakt stehen. Zwei von ihm häufig zitierte Beispiele für die allgemeine Verbreitung von Telepathie ist das bekannte Gefühl, von hinten beobachtet zu werden, obwohl man die andere Person ja sinnlich nicht wirklich wahrnehmen kann, sowie das Phänomen der »telefonischen Telepathie«: kurz, nachdem man an jemanden gedacht hat, ruft dieser auch tatsächlich an.

Der Parapsychologe REX STANFORD entwickelte PMIR, ein Erklärungs-Modell, das man auch als »Psi-Scanning« bezeichnen könnte: seiner Meinung nach sucht jeder Mensch ständig seine Umgebung mittels ASW ab, ohne sich dessen bewusst zu sein. »PMIR lässt sich zur Erklärung von vielem, das wir Zufall nennen, heranziehen: Im richtigen Augenblick am richtigen Ort sein, oder glückbringende Fehlhandlungen begehen wie etwa die, dass man in den falschen Laden geht und eine außergewöhnliche Kaufgelegenheit
findet« (Scott Rogo, Parapsychologie)

Wie immer man sich Gedankenübertragung auch erklären mag: Telepathie gilt als die best belegteste Form der ASW überhaupt. Vielleicht deshalb, weil als »Sender« wie als »Empfänger« die menschliche Psyche vermutet wird. Doch wie erklärt man sich echtes Hellsehen ohne eigenen »Sender«? Diesen spannenden Gegenstand sehen wir uns im nächsten Monat an.

Im Zeichen der Erinnerung

Warum die Haltbarkeit des europäischen Friedens neuerdings wieder in den Sternen steht

Es war einmal im September. Ein nimmersatter Herrscher, der gerade erst eine erfolgreiche Olympiade dafür genutzt hatte, um sich und seine Regierung international zu profilieren, bekundete in einer Rede, der Unterdrückung seiner Volksgenossen im Nachbarland nicht länger zuzusehen. Nur zehn Tage später hatte er das Angebot der internationalen Gemeinschaft auf dem Tisch: Die Gebiete, die von seinen Volksgenossen bewohnt waren, sollten künftig zum Reich des mächtigen Präsidenten gehören. Der große europäische Krieg war abgewendet – vorerst.

Es war einmal im März. Ein Herrscher mit vergleichbarem Appetit auf Allmacht und Autorität mit nahezu identischem olympischem Background bekundete, der Bedrohung seiner Volksgenossen im Nachbarland nicht tatenlos zusehen zu wollen. Nur zehn Tage später hatte er die ersten Sanktiönchen der internationalen Gemeinschaft auf dem Tisch: Das Aussetzen von Verhandlungen über Visa-Erleichterungen. Der Präsident zuckte mit den Schultern und nahm die Gebiete, die von seinen Volksgenossen bewohnt waren, über ein Referendum in sein mächtiges Reich auf. Der große europäische Krieg war abgewendet – vorerst.

Was klingt wie ein historisch inkorrekter Vergleich zweier sehr unterschiedlicher Situationen ist in der Tat nichts anderes als das. Natürlich lässt sich die aktuelle Krimkrise ebenso wenig eins zu eins auf die Sudentenkrise von 1938 übertragen* wie Hitlers Pläne für Europa mit denen eines Wladimir Putin. Doch die Gemeinsamkeiten in Argumentation und Reaktion sind verblüffend: Ein vor Macht strotzender Herrscher an der Spitze eines weitgehend oppositionslosen und bestens aufgerüsteten Landes greift mit historischen Argumenten nach einem fremden Territorium, das von Menschen seiner Sprache bewohnt wird. Während die Tschechoslowakei 1938 in einer Nacht-und-Nebel-Konferenz um fast ein Drittel ihrer Gebiete erleichtert wurde, verzichtete Putin 2014 auf jeden diplomatischen Schnickschnack. Selbstbewusst verwies er die internationalen Vermittler in die ihnen zugewiesenen Statistenrollen – ein Vorgehen, das sich Hitler erst 1939 wagte, als er mit seinen Truppen jene machtlose »Rest-Tschechei« überrollte, die der post-revolutionären Rest-Ukraine in vielen Punkten bedenklich ähnelte.

Die Sudentenkrise und die Krimkrise verbinden noch andere Gemeinsamkeiten: Beide Krisen gehen auf politisch provozierte Unstimmigkeiten zurück und haben sich entgegen der Propaganda der Landnehmer nicht aus einer Notlage der Bevölkerung heraus entwickelt. In beiden Fällen wurden die Truppen der Landnehmer als Befreier bejubelt und der Anschluss als eine »Heimkehr« gefeiert. Zu guter Letzt sind die wahren Ursachen für beide Krisen militär-strategischer Natur: Mit der Eingliederung des Sudetenlands fielen alle entscheidenden Bollwerke gegen die Deutschen in deutsche Hand; mit der Eingliederung der Krim erhält Moskau den vollen Zugriff auf seine wichtige Schwarzmeerflotte zurück, von den Öl- und Gasvorkommen vor der Krim ganz zu schweigen.

Kommen wir zu den augenfälligsten Unterschieden: Putins Lakei Temirgalijew hat zwar bereits angedeutet, die Landnahme der Krimtataren, die nach dem Ende der Sowjetunion erfolgt war, teilweise wieder rückgängig machen zu wollen – doch von ethnischer Verfolgung, wie sie die Nazis praktizierten, kann trotz der völkischen Argumentation keine Rede sein. Im Gegensatz zu Hitler, der die Tschechen als grundsätzlich »rassefremd« einstufte, bezeichnete Putin die Ukrainer mehrmals als ein »Brudervolk«. Auch werden sich die Alliierten, zu denen dieses Mal auch Deutschland gehört, anders als vor 75 Jahren wohl kaum von ihrer Appeasement-Politik verabschieden, ganz einfach, weil sie – ganz im Merkelschen Sinne – durch und durch alternativlos ist, unabhängig davon, welchen Landstrich sich Russland als nächstes einverleiben wird.

Passend oder unpassend: Der Sinn historischer Vergleiche liegt darin, die Gegenwart für mögliche Gefahren der Zukunft zu sensibilisieren und gehört somit zum legitimen Instrumentarium der politischen Prognose. Im Zusammenhang mit den oben angestellten Ausführungen mutet es beinahe zynisch an, dass 2014 in der politischen Agenda des Westens ohnehin ganz im Zeichen der Erinnerung stehen sollte: Vor genau 100 Jahren begann das große Sterben in den Schützengräben von Verdun, das vor ebenso runden 75 Jahren in die schicksalhaften Schüsse auf die Westerplatte münden sollte. Wer hätte sich zu Beginn der Planungen der Gedenkfeiern an vergangene Waffengänge ausgemalt, dass eine große europäische Krise in diesen Tagen so greifbar in der Luft liegen würde?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass als mythisches Gründungsdatum der Ukraine häufig die Tat eines weiteren, nimmersatten Herrschers genannt wird: die Einführung des Christentums in der Kiewer Rus durch Wladimir den Großen. Nun ist es an einem anderen Wladimir, der nicht von wenigen seiner Landsleute bereits als »Großer« tituliert wird, die junge Ukraine wieder zu zerteilen; wieviel Prozent der neue Zar ihrem Einflussgebiet dabei zugestehen wird – und wie lange dieser Diktatfrieden halten wird, steht in den Sternen.

Doch diese Prognose will ich fähigeren Geistern überlassen.

* P.S. Diese Kolumne wurde am 20. März 2014 geschrieben und erschien am 12. April in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Zukunftsblick“. Knapp 10 Tage später sorgte folgende Aussage des Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Schäuble, die er in einer Diskussion mit Schülern traf, für Furore: „Das kennen wir alles aus der Geschichte. Solche Methoden hat schon der Hitler im Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr.“

Denken hilft beim Wachsen nicht

Unter vier Augen mit dem Psychologen und Wissenschaftshistoriker PROF. DR. DR. HARALD WALACH (Deutschland)*

Herr Walach, Sie waren viele Jahre am bekannten »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) in Freiburg tätig. Wenn man sich die Ergebnisse von rund 100 Jahren wissenschaftlicher Anomalistik-Forschung ansieht, wie sie in der Parapsychologie betrieben wird, so kann man über ihre mangelnde Durchschlagskraft in unserer Kultur nur enttäuscht sein.
Solche Themen kommen in die Kultur, aber nicht in die wissenschaftliche Kultur. Unsere populäre Kultur greift sie durchaus auf, denn sie haben diese Ergebnisse in jedem Esoterik-Buchladen herumstehen. Man muss erstmal verstehen, warum das so ist, dann kommt man vielleicht einen Schritt weiter. Dass die wissenschaftliche Kultur das ausgrenzt, versteh ich sogar, denn wenn man sich den empirischen Datenbestand der Parapsychologie zu Gemüte führt, dann ist der eben löchrig. Manche Ergebnisse sind relativ robust. Wenn man die neuen Metaanalysen zu Präkognition, zu Psychokinese und so weiter zur Kenntnis nimmt, dann sind die schon relativ stark. Sie haben einen sehr engen Konfidenzbereich von zwar kleinen, aber vorhandenen Effektstärken, d.h. sie sind signifikant, d.h. sie sind, alles in allem, nicht abzuleugnen. Aber wenn man jetzt eine wissenschaftliche Haltung einnimmt, die besagt: Das ist eigentlich so unwahrscheinlich, dass ich es a priori nicht glaube, ich möchte erst ein replizierbares Experiment sehen, das ich heute machen kann und morgen und übermorgen, und dann setze ich noch meine Sekretärin ran und meine Oma, und die können das auch – unter diesen Vorraussetzungen funktioniert es eben nicht.

Heißt es nicht, dass es eine Art emotionale Verbindung braucht, um parapsychologische Fähigkeiten auszulösen? Die Mutter, die sich um ihr Kind sorgt, der Hund, der ganz und gar auf seinen Herrn fixiert ist…
Ich glaube, man muss verschiedene Ebenen unterscheiden. Da ist zum einen die All-tagswelt, das lebensweltliche Vorkommen parapsychologischer Phänomene, die sind ja sehr sehr gut dokumentiert. Es gibt Tausende von Anekdoten, die im New Yorker Institute For Parapsychological Research lagern, meine Kollegen im IGPP haben ebenfalls haufenweise Beispiele gesammelt. Es gibt allein über 300 Spukfälle, die gut untersucht sind. Man muss nur in die ethnologische Forschung gehen. Aber das ist natürlich im Sinne von wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit kein Faktum in dem Sinne. Denn etwas wird erst dann ein wissenschaftliches Faktum wird, wenn es eine passende Theorie dazu gibt. Und wir haben keine. Parapsychologie oder anormale Kognition definiert sich nur negativ über das, was wir nicht verstehen. Und das geht a priori nicht, dass man so etwas als wissenschaftliches Faktum verkauft. Deshalb sind diejenigen, die behaupten, das sei alles gut wissenschaftlich bewiesen, schlecht informiert, denn sie haben nicht verstanden, was ein wissenschaftliches Faktum ist. Nun ist es aber noch komplizierter. Denn es könnte ja sein, dass es mit einer neuen Form von Theorie durchaus zu einem wissenschaftlichen Faktum werden könnte. Aber die muss man eben erst finden. Meine Freiburger Kollegen und ich haben im Lauf der Zeit einen solchen Ansatz gefunden, indem wir davon ausgehen, dass es sich dabei gar nicht um kausal beliebig verfügbare Phänomene handelt. Wir gehen ja wissenschaftlich immer davon aus, dass nur das wissenschaftlich wertvoll ist, was kausal verfügbar ist. Immer, wenn ich diese Tasse auf den Boden schmeiße, geht sie kaputt, wenn ich es mit der richtigen Kraft und richtigen Geschwindigkeit tue. Aber das ist bei diesen Phänomenen eben nicht der Fall. Das hängt mit dem zusammen, was Sie vorhin gesagt haben: Vielleicht ist eine emotionale Verbindung absolut notwendig, damit es überhaupt zu solchen Phänomenen kommt, möglicherweise ist eine bestimmte Form der Bedrohung, der Bedeutungsgebung wichtig, damit sie nutzbar sind. Möglicherweise spielt eine bestimmte Form von Bewusstseinshaltung eine Rolle, die man einnehmen muss, damit es funktioniert. Und all das sind Dinge, die nur sehr schwer im Rahmen eines experimentellen Paradigma formulierbar und replizierbar sind.

In den letzten 150 Jahren, seit sich die Wissenschaft als Instanz endgültig etabliert hat, haben Menschen mit spirituellen Ansätzen immer wieder versucht, übersinnliche Aussagen wie die Unsterblichkeit der Seele »wissenschaftlich« zu beweisen – zum Beispiel mit Nahtoderfahrungen. Kritiker behaupten immer wieder, diese könne man beliebig experimentell reproduzieren…
Das ist Unfug. Das mit dem berühmten Persinger-Helm ist von psychologischen Kollegen der Universität Lund untersucht worden. Die haben einen Placebo-Helm gebastelt und eine placebo-kontrollierte Studie durchgeführt. Dabei haben sie festgestellt, dass der genauso gut funktioniert, wenn die Leute nur glauben, dass etwas passiert, auch wenn überhaupt keine Ströme fließen. Das bedeutet, dass das, was Persinger da gemacht hat, vermutlich ein kapitaler Rosenthal- oder Versuchsleiter-Effekt war. Er hat den Leuten etwas suggeriert und dann sehen die das auch. Das sind keine Nahtoderfahrungen. Das sind Formen von leicht hypnoiden Zuständen, die man durch alles mögliche erzeugen kann. Manchmal erfahren Leute nahtoderfahrungsähnliche Zustände, die sich sogenannten Jet-Trainings unterziehen. Das sind Schwerelosigkeitstrainings. Dabei kommt es vor, dass sie kurz wegtreten und so etwas ähnliches wie Nahtoderfahrungen machen. Das sind aber sehr kurzfristige Momente. Das muss einen auch gar nicht wundern, weil unser Gehirn relativ komplex ist; wir haben da noch längst nicht alles verstanden. Aber phänomenologisch und philosophisch viel interessanter finde ich die ganz wenigen, sehr gut dokumentierten Fälle, bei denen man weiß, dass das Gehirn über lange Zeit inaktiv war und die Leute trotzdem über Erfahrungen berichten. Das dürfte eigentlich nicht sein, wenn die Mainstream-These stimmt, dass das Gehirn selbst Bewusstsein erzeugt.

Können Sie einen Fall beschreiben, der Ihnen besonders aussagekräftig und gut dokumentiert erscheint?
Ein sehr interessanter Fall, der erst vor kurzem publiziert wurde, stammt von einem amerikanischen Neurochirurgen, Eben Alexander, der eine bakteriell verursachte Sepsis hatte. Er kam ins Krankenhaus in die Notaufnahme. Weil man seine Hirnströme maß, weiß man, dass das Gehirn inaktiv war, sogar bis ins Stammhirn. Die behandelnden Ärzte gingen daher davon aus, dass dieser Mann nicht mehr aufwacht und wenn ja, dann nur mit schwerwiegendsten Problemen. Das Ganze ist sehr gut dokumentiert, man weiß, wie lange die Behandlung dauerte und was alles mit dem Körper gemacht wurde. Er hatte während dieser Zeit sehr intensive Erfahrungen, zum Teil waren es einfach irgendwelche Visionen, zum Teil waren es auch Erinnerungen an sein Leben – und das, während sein Gehirn inaktiv war. Selbst wenn man nur davon ausgeht, dass noch irgendwelche Gehirnstammaktivität bei ihm vorhanden war, dürfte man nicht davon ausgehen, dass es zu solch zusammenhängenden Erfahrungen und Kognitionen kommen konnte. Zumal er auch beschreibt, dass er eine komplette Aufwachpsychose erlebt hat, und die hat sich völlig anders angefühlt. Das ist hoch interessant. Das scheint mir der spannendste Fall zu sein, der den Eindruck erweckt, dass ohne manifeste Gehirnaktivität Bewusstsein möglich ist. Ich sage absichtlich »den Eindruck erweckt«, denn das müsste man genauer untersuchen. Da kommen wir jetzt zu einem Punkt, der sehr wichtig ist: Wir als Menschen und Wissenschaftler sind alle sogenannte Bayesianer, also wir gehen davon aus, dass bestimmte Dinge möglich sind und bestimmte Dinge nicht. Diese Ausgangswahrscheinlichkeit haben wir aus unserer Kultur, aus unserer Bildung, unserer Erziehung. Wenn diese Ausgangswahrscheinlichkeit sehr niedrig ist, kann uns auch eine ganze Fülle an Daten nicht überzeugen, dass da etwas dran ist. Wenn die sehr hoch ist oder 50:50, dann kann uns schon ein Fall davon überzeugen. Das Problem ist, dass die meisten Leute aufgrund ihrer Vormeinung bei all diesen Phänomenen eine äußerst niedrige Ausgangswahrscheinlichkeit ansetzen. Menschen, die davon ausgehen, dass es nur Materie gibt und nur diese von Bedeutung ist, halten die Existenz solcher Phänomene für äußerst unwahrscheinlich. Man kann dann über Bayessche Statistik ausrechnen: Selbst wenn man diesen Menschen ganze Wagenladungen von Daten vor die Füße kippen würde, würden sie ihre Meinung nicht ändern. Deshalb hilft uns hier Erfahrung und wissenschaftliche Empirie nicht weiter.

Wie muss man Ihrer Meinung nach als Psychologe, parapsychologisch bewanderter Wissenschaftler und Geisteswissenschaftler mit dem Problem der Gerätemedizin umgehen, um wegzukommen von der religiös oder materialistisch fundierten Diskussion über Sterbehilfe?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Das hängt wirklich davon ab, wie wir die Frage nach dem Leib-Seele-Problem beantworten. Ist wirklich nur das Gehirn entscheidend für das Bewusstsein oder können wir davon ausgehen, dass Bewusstsein in irgendeiner Form eine eigene Daseingestalt hat? Ich gehe im Moment davon aus, dass Bewusstsein und Materie, beides, komplementäre Erscheinungsweisen einer transzendenten Wirklichkeit sind, einer transzendenten Wirklichkeit ist, die wir derzeit noch nicht greifen können, weil sie sich eben nur so zeigt. Wenn das so wäre, wäre die reine Fixierung auf die materiellen Prozesse natürlich ein fundamentaler Fehler. Und weil wir es nicht genau wissen und auch keinen gesellschaftlichen Konsens haben, ist es vermutlich im Moment am vernünftigsten, über die Patienten- bzw. Angehörigenwünsche zu gehen. Auf jeden Fall erscheint mir der Versuch, wissenschaftlich-medizinisch das Maximum an Verlängerung des Lebens nur um des Lebens willen herauszuholen weder sonderlich aufgeklärt noch sonderlich human noch sonderlich klug. Diese Verhaltensweise geht von Prämissen aus, die nicht unbedingt beweisbar sind, man kann sie begründen, aber nicht beweisen. Ich hab das auch meinen Angehörigen gesagt, ich möchte nicht, wenn mir etwas zustößt, mit allen möglichen lebensverlängernden Maßnahmen traktiert werden.

Sie meditieren privat seit vielen Jahrzehnten, interessieren sich auch für Zenphilosophie. Wie hat diese Praxis ihr Leben verändert?
Es ist vor allem einfacher geworden. Meditation führt einfach dazu, dass man Dinge direkter sieht und weniger Schnickschnack betreibt. Epistomologisch gesehen führt das dazu, dass wir immer wieder neu auf eine 50:50 Haltung eingenordet werden. Wir legen unsere alten Konzepte beiseite und sagen: Vielleicht stimmt es doch. Und dann braucht man gar nicht so viel Erfahrung, um zu bemerken: Stimmt, ich habe mich geirrt, es ist ganz anders als geglaubt. Ich habe dadurch immer mehr vorgeformte Konzepte abgelegt. Klar habe ich immer noch welche, wer ist schon perfekt, aber es wird einfach einfacher dadurch.

Sie haben einst den »Freiburger Fragebogen zur Achtsamkeit« entworfen. Das klingt auch recht buddhistisch. Was habe ich mir darunter vorzustellen?
Als Anfang der 1990er Jahre die Achtsamkeit als klinisches Interventionsmodell nach Deutschland kam, habe ich überlegt, wie wir das in die Forschung integrieren können. Da kam eine Studentin zu mir, die viel Meditiationserfahrung hatte, und da haben wir gemeinsam diese Idee entwickelt. Achtsamkeit ist Teil der buddhistischen Lebensphilosophie, aber aus meiner Sicht ist es kein buddhistisches Konzept, sondern eine psychologische Fertigkeit, etwas, das wir alle haben oder haben könnten. Achtsamkeit ist menschlich, nicht buddhistisch. Es ist eine Haltung, die man üben kann, genauso wie man Zuhören oder Empathie üben kann. Auch Empathie ist etwas Allgemeinmenschliches, das nicht nur von den Buddhisten, sondern auch in anderen Kulturen und Religionen gefordert wird. Die Buddhisten haben sich um Achtsamkeit bemüht, weil sie verstanden haben, dass ohne Präsenz des Geistes andere Dinge schlechter funktionieren. Wenn ich nicht präsent bin, kann ich mir Dinge schlechter merken. Wenn ich gleichzeitig mit den Gedanken noch wo anders bin, geht das nicht. Ich muss präsent sein und Bewertungen weglassen, dann kann ich mit dem, was im Moment gegenwärtig ist, später auch etwas anfangen. Dann kann ich zum Beispiel entscheiden: Will ich mich damit auseinandersetzen oder nicht, will ich das an mich heranlassen oder nicht.

Und das nimmt einen auch aus der Subjektivität heraus…
Ja! Wir sind dann bei den Dingen. Wir sind dann, wenn Sie so wollen, eins mit den Dingen. Im Moment zumindest. Die viel zitierte westliche Krankheit der Subjekt-Objekt-Spaltung ist dann futsch.

Das Gegenstück zur Multitasking-Kultur.
Absolut. Die Multitasking-Kultur halte ich für das Dümmste, was man sich überhaupt ausdenken kann. Das führt dazu, dass wir unsere kognitiven Kapazitäten überstrapazieren, dass wir überall sind und nirgendwo richtig. Empirische Studien zeigen, dass das zu Unzufriedenheit führt. Es gibt keine einzige empirische Studie, die mir bekannt ist und die zeigen würde, dass Multitasker glücklicher sind als die anderen.

Apropos Überstrapazierung des Kognitiven: Eine Kollegin wollte neulich von mir wissen, wieviel Denken notwendig sei, um seinen Platz in der Welt zu finden, und wie es ihr gelingen könne, zwischen wertvollen und trivialen Gedanken zu unterscheiden.
Da steht einem die Reflexion eher im Weg herum. Ähnlich wie in einer Drehtür dreht man sich nach einer gewissen Zeit immer wieder um dieselben Fragen. Dann ist man am Ende genauso schlau wie vorher. Das einzige, was da was hilft, ist Denken bleiben lassen. Denken bleiben lassen, atmen, meditieren und warten. Dann kommen die richtigen Gedanken von selbst und die unwichtigen gehen. Das erfordert natürlich einige Übung. Dass Denken wichtig ist, um zum Kern des Seins zu gelangen, ist meiner Meinung nach ein großes westliches Missverständnis. Ich habe einen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert übersetzt, einen Karthäuser-Schriftsteller. Er hat eine sehr radikale These vertreten, dass man im Prinzip zur zentralen Erfahrung des Seins nur kommt, wenn man alles Denken bleiben lässt und sich nur mit den Flügeln des Affekts, also des Strebens, dahin begibt ins Sein. Am Schluss der Disputatio schreibt er einen sehr klugen Satz. Auf die Frage des Kritikers: Was soll ich denn machen, wenn ich nicht an Gott und die Engel denken darf? sagt er: Non cogitabitur, sed aspirabitur. Nicht denken, sondern atmen. Denken hilft beim Wachsen nicht. Denken hilft nur, wenn man konkrete Probleme lösen möchte.

Ihr Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften in Frankfurt (Oder) ist in Europa ziemlich einzigartig. Wie würden Sie den Kern Ihrer Arbeit dort definieren?
Das Institut wurde nicht von mir ins Leben gerufen, ich bin bloß sein erster Leiter. Seine Aufgabe würde ich wie folgt zusammenfassen: Wir entwickeln Verständnis dafür, dass in der postmodernen Zeit Gesundheit nie innerhalb einer Kultur definiert werden kann, sondern immer mit fremdkulturellen Vorstellungen konfrontiert wird, so dass zum Beispiel medizinische Techniken von anderswo zu uns importiert werden, angepasst und umgewandelt werden, und das formt auch wieder unsere Kultur. Insofern haben wir es damit zu tun, dass sich Konzepte von Gesundheit und Krankheit in der postmodernen Vernetzung komplett verändern. Nehmen wir ein Beispiel: Heute redet jeder von Energie und Chi. Was wir unter Energie und Chi verstehen, ist etwas komplett anderes, als die Chinesen unter Energie und Chi verstehen. Aber hier hat eine bestimmte Form des Denkens in China unsere eigene Form des Denkens beeinflusst, aber was hier bei uns passiert, ist etwas anderes, als was damit in China gemeint war. Umgekehrt haben die Chinesen verstanden, dass sie mit ihrer Fünf-Elemente-Lehre und mit ihrem Ying-Yang-Konzept nie eine Rakete zum Fliegen bringen würden. Also haben sie sich bei uns die effektive Wissenschaft und die Technologien geholt, die ihnen dabei helfen, ihre ganz eigenen Ansätze zu verfolgen. Insofern bedeutet der Begriff Transkulturalität, dass Konzepte, Entwicklungen, Ideen, Verhaltensweisen aus anderen Kulturen importiert werden, sich in der eigenen Kultur mit dem, was vorhanden ist, vermischen und dann etwas Anderes, etwas Neues ergeben. Und das kann man natürlich auch auf den Gesundheitsbereich anwenden.

Was ist Ihrer Erfahrung und Forschung nach Gesundheit?
Das ist extrem schwer zu definieren. Ich würde Gesundheit definieren als die Fähigkeit eines Organismus, mit Anforderungen so umzugehen, dass er heil bleibt, dass er Wohlbefinden erzeugt. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Belastungen oder von Stress, sondern die Fähigkeit, damit konstruktiv umzugehen, psychisch wie physisch.

Alternative Heilmethoden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Wir haben ja auch schon den boomenden Esoterikmarkt angesprochen. Wie unterscheiden Sie für sich als Wissenschaftler das Untersuchenswerte vom Mumpitz?
Das ist schwer zu unterscheiden. Es gibt auf diesem Markt extrem viel Unsinn und Beutelschneiderei, sehr viele Heilsversprechen, die überhaupt nicht einzulösen sind. Das muss man immer wieder klar sagen, sonst meinen die Leute, dass alles, was alternativ ist, gut sei. Und das ist sicher nicht so. Nun ist es aber komplizierter als man denkt. Ich mache mal ein Gedankenspiel. Es könnte ja sein, dass wir in 150 Jahren feststellen, dass das Entscheidende, was bei der Heilung passiert, im Bewusstsein passiert, und das alles, was wir außen herum machen, nur ein Mittel ist, das Bewusstsein entsprechend zu richten, damit das passieren kann, was passieren muss. Dieses Gedankenspiel stammt gar nicht von mir, sondern von Jerome D. Frank, der 1967 das Buch »Die Heiler« geschrieben hat. Es ist durchaus denkbar, dass es deswegen gar nicht darum geht, die richtige Methode zu finden, sondern den richtigen Menschen, der mit seiner Methode das Richtige bewirken kann.

Wann raten Sie auf jeden Fall, einen Schulmediziner aufzusuchen?
Unsere konventionelle Medizin ist extrem gut, was alle akuten und lebensbedrohlichen Fälle angeht. Also wenn ich einen Herzinfarkt habe, möchte ich mich auch nicht von einem Schamanen behandeln lassen. Wenns aber um chronische Erkrankungen geht, auch solche, bei denen die Ärzte manchmal über Jahre hinweg nichts finden, da müssen andere Ansätze her, ob es nun im Einzelnen die chinesische Medizin ist, der Schamane, eine gut informierte Präventivmedizin oder der orthomolekulare Ansatz, wo Leute nach Mikronährstoffen sehen oder nach Lebensmittelallergien, das muss man dann im Einzelfall entscheiden.

Es gibt ja immer wieder den Vorwurf, ihr Institut würde von der Homöopathie-Lobby finanziert. Andersherum wird auch immer wieder die Kritik laut, die anderen Lehrstühle würden von der Pharma-Industrie gesponsert. Was entgegenen Sie dieser Kritik?
Eine berechtigte Frage, über die ich auch immer wieder nachdenke. Zunächst ist da natürlich die Frage des Verhältnisses zu klären. Wir haben Hunderte von Lehrstühlen in Deutschland, die von der pharmazeutischen Industrie gesponsert werden, ungefähr 90-95% der medizinischen Forschung wird derzeit von der Pharmaindustrie gesponsert. Die Lehrstühle, die von der homöopathischen bzw. komplementär-medizinischen pharmazeutischen Industrie gesponsert sind, sind meines Wissens nach gerade mal zwei, also meine und die meines Kollegen. Dann muss man natürlich auch gucken: Was genau heißt das? Mit welcher Zielrichtung tun sie es? Unsere Sponsoren finanzieren unsere Lehrstühle mit der Zielrichtung, dass wir diesen Studiengang einrichten und betreuen, weil es natürlich in ihrem Interesse liegt, dass Ärzte sich um dieses Thema kümmern. Da könnte man in der Tat sagen, dass dies einen Interessenskonflikt darstellen könnte, weil wir ja diese Leute ausbilden. Das ist aber meiner Meinung nach kein Konflikt für die Forschung, die ich betreibe, weil diese mit dem wenig zu tun hat. Im Gegenteil. Die haben es eigentlich gar nicht so gerne, was ich da treibe, weil wir uns darum kümmern zu zeigen, dass in einigen Fällen reine Placebo-Effekte vorliegen, dass eventuell eine Bioresonanzmaschine den gleichen Effekt hat, dass ich Nanopharmakologie für Blödsinn halte, was meine Sponsoren gar nicht gern hören. Insgesamt würde ich kein großes Konfliktpotential sehen, weil sich ja die Sponsoren per Definition nie in die Ausgestaltung konkreter Forschung einmischen dürfen. Das wäre jetzt der Fall, wenn sie mir auch noch Geld für Forschung geben würden, das tun sie aber nicht.

2012 erhielten Sie von der »Gesellschaft für kritisches Denken« den fragwürdigen Preis »Das Goldene Brett«. Ihr Institut wurde in diesem Zusammenhang als »Bullshit-Verdichtungs- und Veredelungs- versuchsanlage« bezeichnet. Warum tun Sie sich das eigentlich an und forschen nicht in »konventioneller« Psychologie?
Ich habe ein inhaltliches Interesse, und das passt vielen Leuten nicht. Das ist mir aber egal, denn mein Interesse geht mir über die öffentliche Wahrnehmung. Klar muss man als Lehrstuhlinhaber auch mal taktisch vorsichtig sein. Letztlich geht es mir aber darum, bestimmte Themen und bestimmte Inhalte zu transportieren und nicht gewissen Leuten zu gefallen. Wenn ich das wollte, würde ich nicht in Frankfurt an der Oder auf einer W2-Stiftungsprofessur sitzen.

* Prof. Dr. Dr. Harald Walach ist Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina. Der klinische Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker beschäftigt sich in seiner Forschung mit komplementärer Medi-zin und Heilkunde, darunter Homöopathie und die Manual-Therapie nach Mohamed Khalifa. Mehr Informationen finden Sie unter www.harald-walach.de/

Die schönste Sprache der Welt

Warum Lachen die kürzeste Brücke zu den Menschen ist – und eine Leiter in den Himmel

Ich schreibe diese Kolumne im Wartezimmer meines Augenarztes. Eine heftige Augenlidentzündung hat mich pünktlich zum Anbruch des Wochenendes niedergestreckt. Drei Tage Bettruhe, heiße Wattepads und regelmäßige Augenspülungen liegen hinter mir. Geholfen hat es wenig; noch immer sehe ich aus wie ein Laienboxer mit einer ausgemachten Defensivschwäche. Und das, wo nächste Woche so viel ansteht wie lange nicht! Mein Auge kichert verstohlen. Eben deshalb, entgegnet es mir gelassen. Höchste Zeit zu entspannen!

Mein Augenarzt liegt direkt an der Sonnenallee. Wenn ich Freunde aus dem Orient zu Besuch habe, bringe ich sie immer hierher. Sharia es-Schams, nenne ich sie dann. Wegen der zahlreichen arabischen Leuchtreklamen und Schilder, die sie gerade bei Nacht wie einen Stadtteil von Alexandria oder Beirut wirken lassen. Das Wartezimmer ist entsprechend gemischt. Als ich um die Ecke komme und unverhofft in ein proppenvoll gestopftes Stuhllabyrinth gerate, muss mir meine Überraschung ins lädierte Gesicht geschrieben gewesen sein. Schallendes Gelächter schwappt mir entgegen. Sogleich ist mein Selbstmitleid verflogen. Schüchtern lächle ich zurück, als mir eine der Damen den einzig verbliebenen Sitz – einen Kinderstuhl – anbietet.

Ich muss an einen Witz aus meiner Kindheit denken: »Fritzchen hört seinen Vater im Wirtshaus über die Leute am Nachbartisch schimpfen. ‚Überall diese Ausländer!‘ Neugierig geworden nähert er sich den dunkelhaarigen Männern und hört ihnen für eine Weile zu. Zurück beim Vater sagt er: ‚Das sind gar keine Ausländer, Papa!‘ Der Vater sieht ihn verwundert an. ‚Wie kommst Du denn darauf?‘ Fritzchen wartet ein paar Augenblicke, dann zeigt er auf die gut gelaunte Gruppe: ‚Die lachen deutsch!‘«

Lachen ist vielleicht die schönste Sprache der Welt. Nicht nur, weil es der Ausdruck (mit)geteilter Freude ist, sondern auch, weil sie uns auf die Grenzenlosigkeit menschlicher Verbundenheit aufmerksam macht. Lache, dann lacht Dir die Welt, lautete seit jeher der Wahlspruch meiner Mutter. Ohne es zu wissen, hat sie mir damit einen Schlüssel zur Erforschung der Welt an die Hand gegeben, der mir weitaus mehr Herzen geöffnet hat als die besten Sprachkurse und Kulturführer ihrer Zunft.

Lache, dann lacht Dir die Welt. Was klingt wie der Ausdruck naiver Weltvergessenheit, ist vielmehr eine Weisheit höchster spiritueller Natur. Ich kenne zumindest kein anderes Rezept, dem es innerhalb von Sekunden möglich wäre, acht leidende Einzelschicksale aus verschiedenen Sprachräumen in eine so spürbare Gemeinschaft zu verwandeln wie dieses ehrliche, spontane Lachen. Obwohl die kleinen Gespräche in gedämpftem Arabisch, Albanisch, Russisch oder Deutsch schon bald wieder einsetzten, fühlten sich alle Anwesenden für den Rest ihrer Gemeinschaft herzlich verbunden. Wann immer einer der Behandelten zurück zum Abholen seiner Garderobe kam, wünschte er der gesamten Runde in der gemeinsamen Sprache Deutsch eine aufrichtig gemeinte Gute Besserung, was von allen Anwesenden mit Freude erwidert wurde.

Humor und Völkerverständigung sind nicht nur keine Gegensätze, sondern vermutlich sogar das vielversprechendste Paar der Zukunft. Nicht umsonst gilt der jüdische Witz als Crème de la Crème der interreligiösen Humoristik. Diese in Jahrtausenden von Anfeindung und Ausgrenzung gestählte Wunderwaffe gegen die Frustration belegt anschaulich, wie überlebensnotwendig und heilsam die gelegentliche Relativierung der eigenen Überzeugungen sein kann. »Ein Jude will beim Rabbi Rat holen. Drei Stunden lang schwätzt er, dann fragt er: ‚Rabbi, was soll ich tun?‘ ‚Du sollst dich taufen lassen‘, rät der Rabbi. Der Jude ist beleidigt: ‚Rabbi! Was soll das?!‘ 􀀀Der Rabbi: ‚Dann kaust du in Zukunft dem Pfarrer den Kopf ab und nicht mir!‘«

Das Lachen, ein Geschenk des Himmels, um den Menschen das Leben leichter zu machen? Wer im Französischen ein Lachen als wirklich schallend und mitreißend bezeichnen will, tut dies jedenfalls unter Hinweis auf die olympischen Götter mit der Bezeichnung rire homérique – »homerisches Gelächter«. Der Religionswissenschaftler Harald-Alexander Korp entwickelte in seinem Buch »Lachende Propheten« sogar eine eigene »Gelo-Theologie« – eine Theologie des Lachens. Gotteslästerung? Wohl kaum. Wer je ein Bild des lachenden Dalai Lama gesehen hat, ahnt, wie nah sich menschliche Heiterkeit und ethisches Gewissen zuweilen sind. Nicht selten vermittelt der Pop-Star unter den spirituellen Führern seine Botschaften über witzig anmutende Geschichten. »Falls Du glaubst, dass Du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuch mal zu schlafen, wenn ein Moskito im Zimmer ist…«

Lachen ist nicht nur eine Brücke zu den Menschen, sondern auch eine Leiter in den Himmel. Das wusste auch der oft zu Unrecht als humorlos verschriene Prophet Mohammed, dem folgender Ratschlag zugeschrieben wird: »Erfrischt die Herzen von Zeit zu Zeit, denn müde Herzen werden blind.« Wann immer ich die verzerrten Gesichter der wütenden Fundamentalisten sehe, fühle ich mich denn auch eher an »Sieg Heil!« denn an die Heilsbotschaften unserer spirituellen Traditionen erinnert. Und so ist der Humor eines religiösen Mannes immer auch ein Hinweis auf den Grad seiner Erleuchtung.

Wie sagte doch einst der Großmeister des englischen Humors, Oscar Wilde? »Die Menschheit nimmt sich selbst zu ernst. Das ist die Erbsünde der Welt. Hätte der Höhlenmensch zu lachen verstanden, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.«

Der Stoff, aus dem die Weisen sind

Mit der Weisheit ist das so eine Sache. Als der griechische Philosoph Chairephon vom Orakel in Delphi wissen wollte, ob es einen Mann gebe, der noch weiser sei als sein Freund Sokrates, leugnete der konsultierte Gott, dass dies der Fall sei. Über den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote, die im Prozess gegen den Philosophen eine nicht unentscheidende Rolle spielte, streiten Historiker bis heute.

Fest steht, was Sokrates selbst im Rahmen seiner Verteidigungsrede so zusammenfasste: »Es scheint aber der Gott mit diesem Orakel dies zu sagen, dass die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts, und mich bloß zum Beispiel erwählt, wie wenn er sagen wolle: Unter euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, dass er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt«. Zuvor hatte sich der garstige Philosoph (der sich selbst einmal als die »Mücke am Arsch von Athen« bezeichnet hatte) eine Reihe von einflussreichen Feinden gemacht – als er unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern auf die Suche nach jener Weisheit ging, die sie so sicher in ihrem Besitze wähnten. Sein ebenso berühmtes wie niederschmetterndes Fazit lautete: »Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als sie, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.«

Wäre Sokrates kein Athener des 5. Jahrhunderts vor Christus, sondern heute in einer unserer Industrienationen zu Hause, er hätte vermutlich kein leichtes Spiel. Weisheit, so die Diagnose, stecken sich nur noch die Wenigsten ans eigene Revers; kein Wunder, ist Weisheit doch völlig aus der Mode gekommen. Zumindest unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern. Was heute zählt, hängt ganz vom jeweiligen Kundenstamm ab: ob kämpferisch oder gelassen, gewieft oder authentisch, halbstark oder pointiert – im Zeitalter des Konsumgottes sind selbst Ideale zur verhandelbaren Masse geworden. Die charakterliche Flexibilität, die uns die Erfordernisse des wuchernden Marktes abverlangt, ist keine gute Voraussetzung für Weisheitserwerb.

Verstehen Sie mich richtig: An falschen Propheten mangelt es uns nicht. Wie zu Sokrates Zeiten sprießen die Experten wie Pilze aus dem Boden und Zuschauer wie Journalisten nicken eifrig mit den Köpfen. Die Sokratischen Fragen sind dem rhetorischen Brei der Talkshows gewichen; eine Antwort erhalten wir Zuschauer aber ebenso wenig wie die Zaungäste und Leser des unermüdlichen Weisheitssuchers. Auf unserer Suche nach verlässlichen Quellen haben wir uns ähnlich diversifiziert wie in Kleidungs- oder kulinarischen Fragen: Den einen treibt es mit der Religion back to the roots, den anderen an den Herd von Wirtschaft und Geld, den nächsten an die Brust der Wissenschaft. Sie alle aber bleiben Gläubige und damit das, was Sokrates – mit Apollons Unterstützung – als Scheinweise entlarvt hat.

Umso berührender mutet es einen daher an, trifft man im Getöse der werbenden Gegenwart auf einen dieser Zeitgenossen, die man im sokratischen Sinne als weise bezeichnen möchte: In sich ruhende, gelassene Menschen, die dem Trubel ohne Desinteresse mit einer freundlichen Distanz begegnen, die auf jahrelange Erfahrung im humorvollen Umgang mit der eigenen und der fremden Begrenztheit schließen lässt. Wann immer wir auf einen solchen Menschen treffen, spüren wir, dass echte Weisheit ebenso wenig an Reiz verloren hat wie Loyalität, Liebe oder Gesundheit. Die Tatsache, dass sie bei der Formulierung unserer Ziele keine große Rolle mehr spielt, hat weniger mit unseren Wünschen zu tun als mit unserem Vertrauensverlust – in unsere Gesellschaft und in uns selbst. Ich kenne eine Frau, die weit über achtzig Jahre alt ist, den Holocaust überlebt hat und in Israel mit eigenen Händen an einer Utopie gebaut hat. Wer ihr begegnet, versteht, wie überraschend, bereichernd und humorvoll ein echter Dialog zwischen den Generationen sein kann, wenn sich Alter nicht durch die Enttäuschung über die Vergangenheit und die Angst vor der Gegenwart definiert.

Im letzten Monat hatte ich das Vergnügen, zwei sehr unterschiedliche Bekanntschaften zu. Zwei Personen, die über ein gesundes Maß an Bildung, gesellschaftlichen Stand, erfolgreiche Karriere und charismatische Begabung verfügen. Doch während die eine Person ihre Stellung dazu verwendet, ihr Gegenüber zu sezieren, zu funktionalisieren und schlichtweg herabzuwürdigen, gelingt es der anderen, durch ihren Einfluss einen Raum für gleichberechtigte und echter Begegnung zu öffnen. Lange habe ich mich gefragt, was der wahre Motor für das so unterschiedliche Verhalten der beiden Forscher sein mag. Am Ende steht für mich fest: Es ist der Vorzug des Zweifels über das Urteil, der Verbidung über die Abgrenzung, der Neugier über das Wissen.

Weisheit lässt sich weder anlesen noch downloaden. Sie entsteht, wenn wir zulassen, wofür wir alle begabt sind: Empathie, Freude an der Begegnung und Großzügigkeit sich selbst gegenüber. Das ist der Stoff, aus dem die Weisen sind.