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Der Schweinezyklus der Geschichte

Man mag es für Zufall halten oder für einen ausgeprägten Instinkt: Schon während meines Studiums interessierten mich vor allem jene Epochen, die das Ende ihrer Kultur einzuläuten schienen: Die altägyptische Spätzeit sowie, was den griechischen Kulturraum angeht, die so genannte Spätantike. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass uns diese Zeiten etwas zu sagen haben.

Im Gegensatz zu meinen Anfangsjahren, in denen ich mich für die klassischen Höhepunkte – Echnaton, Tutanchamun, das Athen der Klassiker, die minoischen Paläste auf Kreta – begeisterte, kam ich immer mehr davon ab, das Altertum als Selbstzweck zu betrachten. Meinem Geschichtslehrer – einer jener freien Persönlichkeiten, die mit ihrem Witz und ihrer Analysefähigkeit an Schulen ebenso unterfordert wie dringend benötigt werden – verdanke ich mein Interesse an Gesellschaften und Politik. Ihm gelang es, in vergangenen Ereignissen Strukturen aufzuzeigen, die sich als typisch menschlich erwiesen hatten. Geschichte als Menschenkunde, jenseits von Kostümfilmen und Guido Knopp’scher Gänsehaut. Er war es, der mein Interesse für Archäologie und das Altertum – das wir nie gemeinsam besprachen – auf eine neue Ebene hob. Ich war neugierig geworden. Nicht darauf, was vergangen war, sondern darauf, was sich wiederholte. Und was uns nur scheinbar – durch die Gnade der späten Geburt – erspart zu bleiben schien.

Im Rückblick verwundert es mich nicht, dass mich die von Kollegen wie Laien häufig schmählich vernachlässigten Spätzeiten zunehmend faszinierten. Einer der häufigsten Gründe für die Ablehnung dieser Epochen ist die schwindende kulturelle Anziehungskraft, die ihnen von den Nachgeborenen diagnostiziert wird. Häufige Vorwürfe lauten: Lust am Rückgriff und der Kopie, Verlust der eigenen Originalität, zunehmende Abnahme politischer Unabhängigkeit, Aufkommen irrationaler Moden anstelle des gesunden Menschenverstands. Ja, all dies kann man in solchen Zeiten beobachten, aber wie so oft ist es eine Frage der eigenen Perspektive und Wertung, ob man das Geschilderte als Vorboten des Untergangs oder als Charakteristika hoch entwickelter und komplexer Kulturen wahrnehmen möchte.

Eine Gesellschaft, die noch in den Kinderschuhen steckt, hat natürlicherweise andere Sorgen als den Widerspruch zwischen der Wahrung des Erreichten und kultureller Innovation. Rückgriffe, Ironie und Ambivalenzen entfalten ihre größte Anziehungskraft erst dann, wenn Erfahrung und eine veränderte Umwelt die eigene Position zu relativieren verhelfen. Doch eine Spätzeit ist nicht nur von Turbulenzen, sondern immer auch von Altersweisheit charakterisiert. Wie im menschlichen Leben auch ist es letztlich eine Geschmackssache, ob man den Verlust der jugendlichen Naivität und Sprunghaftigkeit oder die wachsende Gelassenheit in den Fokus des Interesses stellt.

Man mag es für eine gewagte Behauptung halten, doch ich meine, dass wir aus der Analyse vergangener Spätzeiten viel über unsere eigene Epoche lernen können. Der südtiroler Soziologe Roland Benedikter hat sie mal die postmaterialistische genannt. Dieser Ausdruck enthält nicht nur die zunehmende Digitalisierung unserer Lebenswelten, sondern zugleich auch die Abkehr von materiellen Werten, wie sie zwischen den 1950er und 1980er Jahren noch breite Schichten unserer Gesellschaft charakterisierten. Anders sind Phänomene wie die Energiewende kaum zu erklären: Aus idealistischen Gründen heraus finanzieren wir mitten in einer der größten Finanzkrisen der letzten Jahrhunderte ein völlig utopisches Projekt, das allein die Welt nicht retten kann – unser Gewissen hingegen schon.

Spätzeiten haben mit vielen Feinden zu kämpfen: Umso komplexer die eigene Lebenswirklichkeit, umso aufgeklärter der eigene Standpunkt, desto heftiger melden sich jene zu Wort, die nach einfachen Lösungen und nachvollziehbaren Maßstäben verlangen. Es liegt in der menschlichen Natur, dass sie eine gewisse Schwäche für zyklische Entwicklungen hat. Wie sonst wäre zu erklären, dass das frühe Christentum, eine ebenso radikale wie vergleichsweise unterkomplexe Lehre, Jahrhunderte gewachsener Kultur auszukehren verstand mit der sprichwörtlichen Kraft neuer Besen? Hoch differenzierte und geradezu modern anmutende Wissenschaften und Philosophien, ein Maximum künstlerischer Fertigkeit, eine beeindruckende Medizin und Körperkultur, das ganze kosmopolitische Nebeneinander religiöser Überzeugungen – vergessen und verdrängt in wenigen Jahrzehnten. Und warum? Nicht allein aufgrund von Gewalt, sondern auch wegen immer bedrohlicheren sozialen Verwerfungen im späten Römischen Reich.

Wir wissen nicht, ob uns bald wieder eine vereinfachende, eine entkomplizierende Bewegung ins Haus steht. Noch gelingt es uns, den Deckel auf dem Topf zu halten, doch das Nebeneinander von immer komplexeren Zusammenhängen und die wachsende Sehnsucht nach naiver Idylle wird früher oder später ihren Tribut fordern. Mit Weltuntergang hat das nichts zu tun. Schon die frühen Christen haben mit ihrem Glauben an die Apokalypse bekanntlich gehörig daneben gelegen – und ihren Irrtum doch erfolgreich in die Transformation einer ganzen Gesellschaft investiert. Mein Geschichtslehrer nannte diese tröstliche Erkenntnis den »Schweinezyklus der Geschichte«: Noch auf jede Spätzeit ist über kurz oder lang eine neue Frühzeit gefolgt.

Quelle: http://www.mystica.tv/der-schweinezyklus-der-geschichte-david-salokin/

Zum Totlachen und Reinkarnieren

Unter vier Augen mit dem Kabarettisten GERNOT HAAS (Österreich)*

Bist Du ein »Schauspieler aus Berufung« oder gab es vor den Brettern, die die Welt bedeuten, noch andere Stationen für Dich?
Ich habe auch sehr viel anderes gemacht, aber die Schauspielerei war schon immer mein Wunschberuf. Meine Eltern wollten, dass ich etwas Gescheites lerne, deswegen habe ich Jura studiert. Aber schon mit 14 hatte ich meinen ersten PR-Job für Jeremy Jackson aus Baywatch. Daneben habe ich auch PR für andere Stars wie Hanson und Christina Stürmer gemacht, alles ohne das Wissen meiner Klassenkameraden. Mit 16 habe ich dann noch eine Telefonfirma neben der Schule aufgebaut. Aber irgendwann dachte ich: Jetzt will ich nicht mehr nur für andere arbeiten, sondern selber spielen. Das habe ich nebenbei in Graz auch immer wieder getan. Aber erst durch die Begegnung mit Elfriede Ott, einer in Österreich sehr bekannten Schauspielerin und Schauspiellehrerin, kam ich endlich dazu, mein Hobby zum Beruf zu machen.

Was hat Dich besonders geprägt in Deiner bisherigen Laufbahn?
Was ich am interessantesten finde, ist die Beobachtung von Menschen im Alltag. Da braucht man nur mehr sehr wenig hinzuzuerfinden, wenn man das, was um einen herum geschieht, auf die Bühne bringt. Das gilt auch besonders für den Esoterik-Bereich, wo sich ja auch viele originelle Gestalten tummeln.

Für Deinen ersten Solo-Abend hast Du Dir einen recht außergewöhnlichen Gegenstand ausgesucht… Kannst Du uns ein bisschen darüber verraten?
In dem Programm geht es um die Sinnsuche einer Friseurin, die bei AstroTV – in diesem Fall heißt es SpiritTV – anruft und von einer Kartenlegerin erfährt, dass sie 92 Jahre alt wird. Zwei Tage später wird sie von einem LKW überfahren und kommt in den Himmel. Dort stößt sie auf zwei prominente Engel – Rudolf Moshammer und Franz Joseph Strauß – die nicht genau wissen, wo sie die Vreni hinbringen sollen, weil sie ja keiner Religion und keiner Partei angehört und auch nicht bei Facebook ist. Also entscheiden sie sich, die Vreni zurück auf die Welt auf Sinnsuche zu schicken. Kaum ist sie zurück, hat sie diesen Impuls, Seminare zu besuchen. Sie geht nacheinander in ein Schutzengelseminar, zu einem Heiler, in einen Astrologie-Kurs und schaut sich so diesen ganzen Bereich an. Der Plan der beiden prominenten Engel ist es, sie wieder umzubringen, herausgefunden hat. Ich spiele alle 23 Rollen selbst, in Kostüm, mit 2 Livemusikern und Dialog gehen kann und die die Handlung weiterführen, auch
wenn ich mich gerade umziehe.

Interessierst Du Dich auch privat für Spiritualität oder wie bist Du auf Dein Thema gekommen?
Ich habe sehr starke Krankheitsängste gehabt und war im Jahr bei 30 bis 50 Ärzten. Dadurch ist meine Angst immer schlimmer geworden, denn die haben mich natürlich verunsichert. Da hat mir eine Freundin ein Buch empfohlen, »Der Magus von Strovolos«, geschrieben von Kyriacos Markides, über einen Heiler aus Zypern, den Daskalos, der 1995 gestorben ist. Das habe ich extrem interessant gefunden, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass da etwas dran ist, dass jemand wie Jesus Blinde und Gelähmte heilen kann durch Berührung, dass er Verstorbene sehen kann und aus seinem Körper gehen kann. Also habe ich begonnen zu recherchieren und habe herausgefunden, dass der Autor ein sehr anerkannter Universitätsprofessor aus Amerika ist. Das war schon mal eine glaubwürdige Quelle. Über eine Homepage bin ich zu einem seiner Schüler gekommen, dem Paul Skorpen aus München, der zuerst Student des Professors war und dann nach Zypern ging und 7 oder 8 Jahre engster Schüler des Daskalos war. Über ein halbes Jahr hatten wir schriftlich korrespondiert. Und als ich erfuhr, dass er auch Seminare in Geistigem Heilen anbietet, habe ich mich entschieden, ein solches Seminar zu besuchen. Paul sagte gleich zu Beginn »Glaubt mir nichts, bis ihr es selbst erlebt habt, sonst wird es zu einem Glaubenssatz. Und es darf keine Dogmen und keine Hierarchien geben. Es ist alles in jedem von uns vorhanden und die Wahrheit lässt sich immer erfahren.“ Das war mir sehr sympathisch, und durch die Erfahrungen, die ich bei dem Seminar und danach gemacht habe, hat sich mein Leben sehr positiv verändert, und auch meine Krankheitsängste haben sich aufgelöst.

Wie unterscheidest Du ganz persönlich für Dich gute von schlechter Esoterik, blanke Geldmacherei von dem Wunsch, sich weiterzuentwickeln?
Ich hab das Glück, dass ich sehr gut spüre, was für mich richtig oder stimmig ist, und mich ziehen unseriöse Leute eigentlich überhaupt nicht an. Ich habe oft ein Seminar abgesagt, wenn ich das Gefühl hatte, der Leiter ist nicht stimmig. Die Astrologin Andrea Buchholz hat mir mal gesagt, ich hätte eine glückliche Konstellation in meinem Horoskop, nach der ich die richtigen Leute anziehe. Aber klar: Die Esoterik ist nicht umsonst so verrufen, weil es schon viele schräge Gestalten gibt, die da herumlaufen.

Gibt es Berührungspunkte zwischen Deiner Arbeit als Künstler und Deinem privaten Interesse an der Esoterik?
Ich unterrichte ja auch in einer Schauspielschule Dialekte und Akzente. Was ich da reingebracht habe, ist das energetische Schauspiel. Das heißt, wenn man sich wirklich für eine Rolle verwandeln will, führt eigentlich kein Weg vorbei am energetischen Schauspiel. Maryl Streep macht das zum Beispiel so, sie verwandelt sich für jede Figur. Die meisten Schauspieler spielen leider noch immer sich selbst und rezitieren einfach Texte. Das wär mir viel zu langweilig. Der Weg hin zu wirklich glaubhaften Figuren kann eigentlich, ähnlich wie bei der Familienaufstellung, nur über Figuren, die im morphogenetischen Feld abgespeichert sind, führen und nicht über den Kopf. Manche Schauspieler kommen natürlich durch eigene traumatische Erlebnisse in die Rollen rein, aber für die ist der Beruf meist total selbstzerstörerisch. Ich glaub, das Ziel ist es, selbst in seiner Mitte zu sein und aus dieser Mitte heraus in alles hereinschlüpfen zu können. Wenn ich weiß, dass ich nichts bin, kann ich auch alles sein.

Du machst Dich hauptberuflich lustig über die Suche nach dem Sinn – gibt es für Dich einen Zusammenhang zwischen Humor und Erleuchtung?
Lachen ist nicht nur eins der schönsten Dinge, über Lachen kann man auch ganz viel erreichen. Wer lacht, der öffnet sich. Ich merke das an den Reaktionen aus dem Publikum, auch in Form von Briefen, in denen mir Zuschauer erzählen, sie hätten begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Und das, obwohl sie dem vorher eigentlich ablehnend gegenüber gestanden sind, nur weil sie mein Programm so erfrischt hat und weil da so viele spannende Ansätze drin waren. Ich glaube, dass es generell nicht gut tut, an Dinge zu ernst heranzugehen.

Wenn man den ganzen Tag in fremde Rollen schlüpft: Was ist Dir privat in Deinem Leben wichtig, wo würdest Du niemals tauschen wollen?
Die Menschen, die ich um mich herum habe. Auf alles andere könnte ich eigentlich verzichten, aber über meine Familie und Freunde bin ich sehr glücklich und darüber, was für spannende und interessante Menschen ich kennen darf.

Wenn Du je einen Wunsch frei hättest für Dich und die Welt – was wären das für Wünsche?
Gesundheit und Frieden natürlich, auch wenn das ein Klischee ist. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass die Menschheit ihren Blick erweitert auf das, was wirklich wichtig ist. Man ist ja immer nur bei sich. Geht es wirklich nur darum, dass man erfolgreich ist und sein Ego befriedigt und Anerkennung bekommt? Wenn wir wirklich wüssten, dass 2012 die Welt unterginge, wie würde sie dann aussehen? Vermutlich ginge es dann vor allem darum, miteinander gut auszukommen und sich zu versöhnen und mit sich selbst in einem gewissen Frieden zu leben.

* Der gebürtige Grazer Gernot Haas steht seit seinem 21. Lebensjahr als Schauspieler auf der Bühne. Bekannt ist er auch als Stimmenimitator und Fernsehschauspieler (Tatort, Inga Lindström). Jetzt tourt er mit seinem ersten, von Publikum und Presse gleichermaßen umjubelten Solo-Programm »Esoderrisch« durch Deutschland und Österreich. Die »Presse« titelte »Kabarett der Spitzenklasse«, die »Grazetta« bezeichnet den übersinnlichen Abend als »bestes Kabarettprogramm seit vielen Jahren«. Termine und Trailer: http://www.esoderrisch.com.

The universe is not a machine

Face to face with the biologist DR RUPERT SHELDRAKE (Great Britain)*

You worked more than thirteen years in the academic field. Did you feel spiritually or intellectually discontent in this time of your life?
Yes, I felt that natural sciences were much too limited and had become dogmatic and too reductionist. I’ve always felt that, since I was an undergraduate. When I was an undergraduate, I didn’t know that there was an alternative possible. The first glimpse I had of this possibility was by reading the work of Goethe on plants and his theory of colors, die Farbenlehre. Of course I read this in English. This opened for me the possibility of a more holistic science. Then I studied history and philosophy of science in Harvard. That was long time ago; I was there in 1963 and 1964. Thomas Kuhns book “The Structure of Scientific Revolution” had just come out. This is the fiftieth anniversary this year. It came out in 1962. So the idea of the paradigm shift, which is the key idea in his book, I found very exciting. I felt: Well, science doesn’t have to be the way it is now forever. It could change. So I’ve ever been interested in the possibility of finding a better and wider kind of science. I’ve always wanted it to be scientific and I’ve spent my whole career working within the discipline of science, doing experimental research, publishing papers in peer-review journals and all that. But I would say: It goes back a long way in the sense that something has gone wrong in science.

Have you consciously considered that your book „A New Science of Life“ (1981) could end your career as a serious researcher?
Well, I seriously considered the possibility that publishing it would it make hard to get a job in the university. I didn’t think it would stop me doing research and in fact it hasn’t. I’ve done a great deal of research since I published the book. But I was aware of the fact that the scientific world was conformist and intolerant and narrow, which I think is a bad thing. In the ninetieth century it was much broader and more tolerant because many scientists didn’t work in institutions. Charles Darwin worked freely and so did many other scientists. So in a way Darwin was my hero. I thought: When Darwin could work freely then it should be possible today to work freely if necessary. I didn’t know what would happen when I published my book but what happened was in fact more extreme than I expected. I expected a debate within science and I hoped for a serious discussion among developmental biologists. At least that was my intention. What in fact happened was much more dramatic. I do denunciation in nature; I’ve been proclaimed a heretic and so on in a world wide scale. And this pushed me into a position that I hadn’t intended to be in. I intended to work in developmental biology and if possible within mainstream zoologies.

You have written seven books and numerous articles, including „The Presence of the Past“ and „The Rebirth of Nature“. What is your core statement?
The sense that the universe is alive, that we live in an organic evolving world and that there is a kind of memory in nature. That living organisms are living organisms and not machines. That the whole universe is like a living organism and not a machine. And that we are living parts of a living world, not lumbering robots, to use Richard Dawkins’ phrase, in a mechanical universe which has no purpose, no consciousness, no direction and which has all appeared by chance. That’s the official materialistic view. I think it’s profoundly mistaken.

What bothers you as a scientist on current scientific worldview?
Well, the official academic theory about life is that living organisms are programmed by their gens, that the genes are ruthless competitive with each other. In facts they’ve stopped being mere molecules. They’ve become cartoon-like selfish little people. The problem with modern mechanistic biology, especially the biology of Dawkins, is that it isn’t really mechanistic at all. It’s crypto-vitalist. It personifies the gens and turns them into cartoon characters with tremendous ambitions for immortality and ruthless competitiveness which no molecule can have. It’s naiv. It’s based on kind of simplistic metaphors. It’s not truly mechanistic. That’s the reason it’s persuasive to people. The rhetoric is persuasive because it gives a simplistic, easy to understand view in human anthropocentric terms.

What is the main difference between this „crypto-vitalism“ and your holistic model which is also accused vitalism by many scientists?
The difference between that and what I’m saying is that I’m putting forward a version of the holistic point of view that the world is made up with organization on different levels. Each pattern organization contains wholes which are themselves wholes that consist of even smaller particles. So, cells are like organisms in tissues or organs in societies or ecosystems. And at every level the whole is more than the sum of the parts. Many people have said that. I think the main difference of what I’m saying and many other organismic thinkers is that there is also a memory built in to each kind of organization through morphic resonance, habits and memories that are inherited from the past. I think that we need to have a principle of memory because nature is fundamental evolutionary and what happens now depends on what happened before. History is built into the hall of nature.

If your theory will one day gain scientific acceptance: Will it effect science only? Or will it also have an impact on the macrocosm of society?
If anyone takes the mechanistic theory seriously or if anyone is a thoroughgoing materialist, it’s deeply depressing. It says that each of us is isolated inside the privacy of our skulls, that we are all social atoms, that society is nothing else but a congregation of atomistic individuals, that the universe has no purpose or direction. There’s no god, no spirit, no meaning. It’s a deeply depressing theory. And I think it’s very significant that one of the commonest mental complains in the developed world is depression and that millions of people take anti-depressives.

Materialism is only one trend of this time, the other is religious fundamentalism.
I think, fundamentalism, both in its Christian and Muslim forms, is indeed a reaction to the materialist world view. And in that sense I think it’s healthy. It’s the only form of a kind of mass popular resistance to materialism. But I think it’s misguided because it rejects the scientific view because its materialism is limited. I think they are right in thinking that materialism is too limited. So they become against science. Well, I am not against science, but I think that science has to change. My aim is not to reject science but to change science. In doing that I find myself up against another kind of fundamentalism, which in many ways is worse than religious fundamentalism namely scientific fundamentalism.

Does the academic resistance to your theories discourage you?
Well, I find narrow dogmatic thinking annoying whenever I come to it in whatever form whether it’s in politics, in economics or the academic world, science. I find that very limiting. But I know from my experience with many scientists in many countries that although they pretend to be mechanistic when they are in public, in private many of them have much more interesting and richer views. It’s just that they’re frightened to speak to their colleagues about it. And I think that what would really change science is the equivalent to the gay liberation movement when scientists come out and speak to their colleagues about what their real interests are. They will then find that many of their colleagues go and see alternative practitioners for health problems, have psychic experiences, some do meditate and pray, quite a lot have religious practices and views. Some of them would describe themselves as spiritual, but not religious. Some have a deep connection with the natural world. I think, what they’ll find is, that most of their colleagues are not actually hard-line mechanists and dogmatic skeptics at all. But they usually assume they are. And therefore they are frightened to speak freely. I think that what will change science is when people have the courage to speak freely to their colleagues. And then they will discover that many of their colleagues share their interests.

In the sales figures your books and the publications of your opponents balance each other. How do you explain the enduring popularity of the skeptics such as Richard Dawkins („The God Delusion“) if materialism is so depressing?
I think that people who read Dawkins‘ books are people who have been converted to scientism or materialism or atheism, which is a lot of educated people. The default position of educated intellectuals in Europe and in America is atheism or agnosticism. And this is because the university system has been inculcating this enlightenment rationalism for generations. In order to be educated at least you have to pretend that you believe in it because otherwise people may think that you’re not educated or stupid. It’s the assumption that only primitive and childish people believe in god or religion whereas educated people have risen above it.

Who then are your readers?
Well, I think, people interested in my books are mostly people who have doubts about the materialist worldview. And there are many reasons to have doubts about it. First of all they may doubt it because it doesn’t lead to a very harmonious world in the sense that lately it leads to the ecological crisis because of the disruption of our relationship with nature. It’s the mentality that stands behind the ideology of progress. And anyone who questions material progress is the sole goal of humanity might be interested in alternatives. Secondly people who have had psychic experiences and are curious about it and who are put off by the narrow dogmatism that dismisses all this. I think they are interested in what I am saying. Thirdly people who have spiritual or religious interests and who don’t like the idea that science completely excludes all of this and that it’s relentlessly atheist and you have to choose between atheist science or credulous religion. People who think that want both science and spirituality and that we need to look for a new way of relating.

Is this contradiction between science and faith in the end your own personal fight as a human being who is at odds with himself?
I believe in education and I believe in science. And I don’t think that science and education have to be materialist. I think they are at the moment. I don’t think that we need to reject science and education. But I think they need to be reformed. I think we need an enlightenment of the enlightenment. We need to question the dogmatism that has now become enlightenment thinking to liberate ourselves from this new dogmatism. We don’t have to do education and studying in a reductionist spirit and to treat f. e. ancient cultures as stupid deluded people, and we don’t have to assume that priests were just trying to cynically manipulate them through superstition. This is bringing a set of assumptions to the study which is not necessary and in fact is harmful for the proper study of this material. After all, scholarship in the past hasn’t always been dogmatically reductive. Look in the medieval scholarship with people like Thomas Aquinas, extremely integrative, intelligent combining faith with reason in a way that was truly inspiring. In the Summa Theologia he doesn’t start with saying: This is the dogma. He starts with a series of questions, and everything he deals with is a question. He writes both points of view, for and against. And in the medieval monasteries people had debates with an advocatus diaboli and you had both points of view. The same you find in Tibetan monasteries today. In fact in religious traditions – and in the Jewish tradition above all – there has always been a tradition of debate, inquiry through debate and discussion. Ironically that’s the one thing that’s sadly lacking in modern science. It’s become much more authoritarian than religions ever were. They always had this internal debate. In modern science there is an hardly any spirit of debate, there is an authoritarian structure of administration, of grant giving, of journal editors, of professors in universities, and at any given time there is an orthodoxy and people that don’t fit in with it find at least they don’t get their grants. Then they don’t get promoted, they don’t get the jobs or they’re branded as a heretic. The word heresy is used much more in modern science than in modern religion.

From 2005 to 2010 you directed the privately financed Perrott-Warrick project at the venerable Trinity College, Cambridge. What was the subject of your research?
The Perrott-Warrick Fund was an endowment in Trinity College for research for psychic abilities. It was founded in memory of Frederick Myers who was a fellow of Trinity College and who was one on the pioneers of psychic research, the man who actually created the word “telepathy”. I was mainly doing research on telepathy and principally on telepathy in connection with modern technologies: telephone telepathy, SMS telepathy, email telepathy. These forms of telepathy have been evolving along with technology. It’s a very common experience in the modern world that people think of somebody who then telephones. I’ve done surveys in Germany and England and America that show that about 80% of the population had these experiences. Now the educated academic realms have always been trained to dismiss this by saying: It’s just coincidence, you think about people all the time and if somebody rings you think that’s telepathy, but that’s just an illusion. It’s not telepathy it’s just chance or unconscious knowledge. But you see, this hypothesis turns out to have no evidence. This is an evidence-free speculation. And in science you need more than speculation, you need evidence. None of these sceptics have ever done any research on this subject. They thought that just putting forward hypotheses was enough. Well, in science it‘s not enough. Otherwise science would be full of speculation. I designed experiments to test this. The typical experiment has four callers. One of them calls at random, and the person has to guess before they answer the telephone or see the caller ID system. By chance they‘d be right one time in four, but in fact they were right in 45 % of the time. And these were filmed and published in peer review journals and replicated in various places in the world including Freiburg in Germany. I think the evidence is quite strong and these are real phenomena and the sceptic argument is an armchair speculation that the evidence doesn‘t support…

We have already talked about the return of the fundamentalists on both sides. What do you think: Will the „free spirits“ prevail against all these opponents at the end?
Well in the end, I think they are bound to win because the materialistic worldview is self-destructive. But the problem is we now got a set of social, financial, economical and political institutions that are self-destructive as well. And it‘s obvious everywhere in the world that business as usual is not an option. This is now part of the mainstream financial and political world reality: It‘s not going to be possible because of the climate change, because of this ridiculous casino capitalism, the meltdown of the whole financial system and also the shift in industrial power from Europe and America to the Far East. All these things mean that the old model isn‘t working. So we‘re going to be forced to change. And the only question is whether the change is happen in a benevolent way or in a terrible conflict, the breakdown of the present order in a destructive way.

* The biologist and philosopher Rupert Sheldrake is considered to be a scientific maverick. His theory of the „morphic field“ (as a kind of natural cloud that stores all biological information) inspired holistic and spiritual writers all over the world. The specialist journal „New Scientist“ has written of him: „Sheldrake is an outstanding scientist. He is one of those genuine, visionary explorers who found new continents in the past.“ In September 2012, he released his latest book, „The Science Delusion. Freeing the Spirit of Enquiry“. For more information see www.sheldrake.org

Gier mit Stil

Selbst jene, die im Glaubenskrieg »Fenster gegen Apfel« auf der Seite des einstigen Marktführers Bill Gates standen, zeigten sich bestürzt über den Tod von Apple-Gründer Steve Jobs in diesem Herbst. Viele der Nachrufe auf den Unternehmer betrauern den Tod eines Philosophen – Wahn oder Wirklichkeit?

In einer Rede, die der bereits krebserkrankte Jobs 2005 vor den Absolventen der prestigeträchtigen Stanford-Uni hielt, verwies er auf die alles entscheidende Bedeutung von Liebe, die man dem, was man tut, entgegenbringen muss, gerade angesichts des immer drohenden Todes. Jobs’ Beweisführung ist so einfach wie berührend: »Ihr seid schon heute nackt. Also denkt nicht, ihr hättet was zu verlieren.« Und er ergänzt: Denkt lieber daran, das zu werden, was ihr wirklich seid – und lasst nicht die Stimmen anderer Eure eigene innere Simme übertönen. Der Multimilliadär ohne Collegeabschluss wusste, wovon er sprach: Kaum war er geboren, gaben ihn seine Eltern zur Adoption frei, kaum war seine selbstgegründete Firma erfolgreich, setzte ihn der eigene Geschäftspartner vor die Tür. Jobs lerne am eigenen Leib, wie entscheidend es im Umgang mit Verlusten ist, ob man in Trauer verharrt oder sie als Möglichkeit für eine neue Ausrichtung begreift.

Das Testament, das uns der erfolgreichste Geschäftsmann des digitalen Zeitalters mit auf den Weg gibt, erstaunt: Im Gegensatz zu so manchen Ratgebern und Studiengängen ist hier weder von Durchsetzungsvermögen, noch von Marktstudien oder maximalem Gewinnstreben die Rede. Stattdessen gelingt es Jobs, den Mythos des »American Dreams« mit Hilfe einer Coelho-haften Sprache für seine Zuhörerschaft zu aktualisieren. »Flexibilität« ist nicht etwa die Bereitschaft, für den beruflichen Aufstieg beliebig umzuziehen, die Familie zu vernachlässigen oder die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellen. Bei Jobs wird sie zur Fähigkeit, sich jeden Morgen erneut in Frage zu stellen und sich nicht vom Glauben an Dogmen – »die Resultate der Denkweise anderer Menschen« – abhängig zu machen.

Noch mehr als das rhetorische Talent des verstorbenen Firmengründers verwunderten mich die Reaktionen, die sein Tod in den Medien auslöste und die endgültig klar stellten: Hier stirbt kein Geschäftsmann, hier stirbt ein Lifestyle-Prophet, dessen Wahlspruch »Think different« (scheinbar) zum Mantra einer ganzen Gesellschaft geworden ist. Jobs Erfolg ist in der Tat nur in Teilen ein wirtschaftlicher; dem Siegeszug seiner Produkte geht eine fugenlose Anpassung an die Ideale seiner Gesellschaft voraus. In der Apfelwelt fallen Markt und Leben, Käufer und Anhänger zusammen. Nirgends wurde mir das so deutlich vor Augen geführt wie durch folgenden empathischen Nachruf auf den »iPhilosophen«: »Religiöse Menschen lesen Psalme oder Suren, Agnostiker wie ich versuchen es mit dem Zen-Buddhisten Thich Nhat Tan, mit Nietzsche oder Marc Aurel. In deren Büchern steht viel Bedenkenswertes. Aber am meisten geholfen hat mir Steve Jobs, der größte praktische Philosoph des 21. Jahrhunderts… Vor allem seine Stanford-Rede ist ein Manifest, sie enthält so ziemlich alles, was man über das Leben wissen muss.«

Lange hing man in der westlichen Welt dem Irrglauben an, einem säkularen Zeitalter ohne Religion, ohne irrationales Gedankengut anzugehören. Bei allem Respekt für seine enorme Lebensleistung – die Gleichstellung eines unternehmensphilosophierenden Computerdesigners mit den Propheten und Denkern der großen Weltreligionen verrät vor allem eines: Diese Zeit ist noch lange nicht angebrochen. Zu tief sitzt die Sehnsucht nach Persönlichkeiten, deren Wertesystem wir teilen, deren Ziele wir übernehmen, deren Erfolge auch wir erreichen wollen. Und wie in jeder echten Religion klafft neben der Offenbarung die grausame Realität: Der Vorwurf der Kinderarbeit und der umweltschädlichen Produktion verdunkelt das lichte Image der Apfel-Kirche ebenso wie die steten Vorwürfe, ihr Gründer sei im Umgang mit Angestellten nicht selten unbeherrscht, sprunghaft, schlicht: diktatorisch vorgegangen. Keine schönen Eigenschaften für einen ehemaligen Hippie und Buddhisten, doch im Grunde vor allem eins: menschlich, so wie jede Religion.

»Finde, was Du liebst! Wenn du es noch nicht gefunden hast, such‘ weiter. Gib‘ dich nicht zufrieden.« Der Autor des oben zitierten Nachrufes hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Diese Sätze sind keine Rede, sie sind ein Manifest. Sie sind das Glaubensbekenntnis einer Gesellschaft, die – wie jede zuvor und jede nach ihr – den Wunsch in sich verspürt, ihre inneren Widersprüche mit sich in Einklang zu bringen: Und irgendwo zwischen Unersättlichkeit und Kontemplation, Egoismus und schlechtem Gewissen, wartet mit Sicherheit schon ein neuer Heiland auf uns. Und wieder werden wir ihm folgen, denn er wird es verstehen, uns noch mehr von dem Manna zu reichen, das da lautet: »Gier, aber bitte mit Stil!«

Die Selbstsucht der Sinnsucher

Engel und Licht, Heilung und Zufriedenheit: die Esoterikszene gilt als verschroben, aber sanftmütig. Manche jedoch halten sie für schlichtweg egoistisch.

Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaft« trägt den vielversprechenden Titel »Gegenwärtige Esoterik«. Der Autor, Jens Schnabel, ist ein evangelischer Gemeindepfarrer, der im Jahre 2006 über das Thema »Das Menschenbild der Esoterik« promovierte. Nach einer ausgezeichneten Definition der Esoterik nach ihrem Welt-, Menschen- und Gottesbild vertieft er sich in vier Kernvorstellungen gegenwärtiger esoterischer Strömungen: den »spritualistischen Monismus«, den »grenzenlosen Optimismus«, die geistigen »Gesetze« des Lebens sowie »Reinkarnation und Karma«. Diese Einführungen dienen dem eigentlichen Kernpunkt des Aufsatzes: den abschließenden Kapiteln »Auswirkungen der Esoterik auf unsere Gesellschaft« und eine Gegenüberstellung von Esoterik und Christentum.

Warum ich im Rahmen dieser Kolumne auf diesen Artikel zurückgreife, ist nicht die meiner Meinung nach fragwürdige »Bewertung« der Esoterik auf Basis christlicher Werte und Gedankenmodelle; hier mögen sich die Geister scheiden, ob es Sinn macht, das esoterische (wie moderne!) Fortschrittsdenken den theologischen Konzepten »Gnade« und »Heilsgeschichte« gegenüberzustellen und dem Reinkarnationsgedanken anzulasten, Gott durch Karmagesetze zu ersetzen. Hier findet meines Erachtens eine religiöse Enttäuschung oder Bestürzung des Autors ihren Ausdruck, die anders als religiös nicht beantwortet werden kann.

Ich bin Schnabel jedoch für einen Hinweis dankbar, der auch jenseits seiner Einstufung der Esoterik als ein dem Christentum unterlegenes Weltverständnis zum Denken anregt: der Hinweis auf die möglichen Konsequenzen des zutiefst individualistischen Ansatzes der Esoterik. Dem meiner Meinung nach unzutreffenden Schluss, Individualismus führe zwangsläufig zu einem Verlust bzw. einer Beliebigkeit der ethischen Haltung lässt er ein nachdenklich stimmendes Zitat des Religions- und Kultursoziologen Gottfried Küenzlen folgen: »So ist es nur konsequent, wenn im Umkreis der New Age-Bewegung, ja der Esoterik insgesamt, keine sozialen, humanitären oder caritativen Aktivitäten zu beobachten sind.«

Ist dem wirklich so? Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil konservativer Kreise, alles, was nach Freiheit riecht, für grundsätzlich chaotisch und unverantwortlich zu halten. Nicht umsonst gelten Menschen mit alternativen Lebensmodellen häufig als »Chaoten« oder »Radikale«, während sie sich selbst als »autonom« bezeichnen, d.h.: sich »das Gesetz selbst gebend«. Wer sich jedoch als Gesetzgeber versteht, hält sich in der Regel zumindest selbst für moralisch integer; der wahre Feind der Justiz ist seiner Meinung nach der zügellose Egoist und nicht der Individualist.

Genau hier sind die Übergänge jedoch nicht selten fließend, auch was Esoteriker betrifft. Obwohl ich es für ein ausgesprochenes Vorurteil halte, die Esoterik entziehe dem Menschen sein moralisches Gewissen, ist doch bei vielen »spirituell Suchenden« der Gegenwart tatsächlich eine gewisse Egozentrik beobachtbar. Die eigene Umwelt wird in solchen Fällen nicht selten als »Hindernis auf dem Weg zur eigenen Weiterentwicklung« gesehen, und vor dem Hintergrund der karmischen Lehre wird die soziale und gesundheitliche Schieflage Afrikas gerne auch mal mit dem Verweis auf einen »Kampfplatz junger Seelen« aus dem schlechten Gewissen hinfort erklärt. Diese und andere »egoistische«, ja herzlose Lesarten der Welt, in der wir uns befinden und deren wirkender Bestandteil wir sind, geht jedoch schwerlich auf das Konto der Esoterik, beruht sie doch auf der Missachtung ihrer fundamentalen Glaubenssätze. Wer ernsthaft darum bemüht ist, sich weiterzuentwickeln, hat sicher schon einmal etwas von dem wahrlich (r)evolutionären Konzept der Anteilnahme und dem karmisch absolut bedenkenlosen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehört.

Pointiert ausgedrückt: Die soziale Kälte ist der Kreuzzug und die Inquisition der Esoterik. Wer die Sorge um das eigene Seelenheil zum Anlass nimmt, menschliches Leid in Kauf zu nehmen, hat den Kern der Religion wie der esoterischen Spiritualität nicht verstanden. »Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,« wird Jesus in der Bibel zitiert. Ins esoterische Weltbild übersetzt mag man ergänzen: »Und das hast Du auch Dir selbst getan.«

Der neue Raub der Europa

Warum es uns gelingen muss, einen alten Traum vor dem Scheitern zu bewahren

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Europamüdigkeit. Der göttliche Stier, der die phönizische Prinzessin einst an griechische Gestade entführte, scheint seiner Eroberung zunehmend überdrüssig. Denn im Gegensatz zum Mythos sind Zeus und Europa noch immer ein Paar. Seit über 55 Jahren versuchen sie, über kalte Kriege und heiße Diskussionen hinweg, ihr Leben aufeinander abzustimmen. Der Kampf hat Spuren hinterlassen – und Europa ist, um bei dem Bild zu bleiben, ein wenig in die Jahre gekommen.

Doch die Falten und Runzeln der Europa sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es noch immer mit einer wunderschönen Braut zu tun haben. Die Idee eines Staatenbunds, der sich zusammentut, um Kriege im Inneren zu verhindern und Wohlstand für alle zu mehren, hat nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt. Angesichts einer sinkenden Wirtschaftsleistung in vielen Teilen der EU scheint es mit dem Wohlstand für alle jedoch nicht mehr so weit her zu sein. Und genau hier, nicht in der Waffenruhe und der Freizügigkeit, scheint die europäische Baustelle der Gegenwart zu liegen.

Wer derzeit einen Blick auf die Europäische Union wirft, wird sich des Eindrucks einer kulturellen Schizophrenie kaum erwehren können. Auf der einen Seite eine stetig anwachsende Schar grenz-überschreitender Pendler und europäischer Studenten, die sich ihre Ausbildung von Lissabon bis Warschau, von Stockholm bis Malta nach eigenen Gesichtspunkten zusammenstellen. Auf der anderen Seite eine Verordnungskrake, die Görlitzer Bäckern das Herstellen von »Schlesischen Streuselkuchen« verbietet – und einem ganzen Kontinent die Glühbirne. Was überwiegt – das Europa der Chancen oder das Europa der Hindernisse – kommt meist auf den eigenen Standpunkt an – und die eigenen Interessen. Wenn Europa ihr angekratztes Image verbessern will, wird es höchste Zeit, diese Interessen wieder ernst zu nehmen – statt einfach den Zeigefinger zu heben und wie Oma vom Krieg zu erzählen.

Ob Europa wieder sexy wird, hängt stark von ihrer Fähigkeit ab, den Zeitgeist ihrer Bewohner zu erspüren und sich gemeinsam mit ihnen zu verwandeln. Ein solches Erspüren aber geht nicht ohne die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit. Nicht Politiker, sondern Bürgerrechtler, Künstler, Aktivisten und Medienschaffende sind es, die in den einzelnen Staaten für eine stetige Neuverhandlung der Gesetze und der Normen eintreten – und diesen auch gegen den Willen ihrer Regierungen zum Durchbruch verhelfen. Europa aber fehlen diese basisdemokratischen Kräfte. Solange wir uns in erster Linie als Deutsche, Griechen und Franzosen begreifen, wird der Traum von einem gemeinsamen Europa ein Gedankenspiel intellektueller Eliten bleiben. Einem solchen aber wird das Recht, nationale Interessen auf Dauer zu beschneiden, zunehmend abspenstig gemacht werden.

Vor beinahe zwei Jahren hatte ich die Gelegenheit, den damaligen und jetzigen Präsidenten des europäischen Parlaments, Martin Schulz, im Audimax der Berliner Humboldt-Universität über »das demokratische Europa« sprechen zu hören. Er wies darauf hin, dass die nun bevorstehenden EU-Wahlen die ersten seien, die zentrale Elemente einer »europäischen Demokratie« enthielten, u.a. die Aufstellung internationaler Spitzenkandidaten der Parteien (so der deutsche Schulz für die Sozialdemokraten, der griechische Tzipras für die Linken) und die erstmalige Wahl des Ratspräsidenten direkt durch das neue Parlament.

Schulz formulierte in seinem Vortrag 10 Voraussetzungen, die nötig seien, um der europäischen Demokratie einen echten Neustart im Bewusstsein seiner Bürger zu ermöglichen. Mit auf seiner Liste standen: Eine europäische Öffentlichkeit, eine europäische Zivilgesellschaft und europäische Medien. Hier scheint er mir den Finger in die Wunde zu legen: Wie sollen wir als Europäer miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsame Träume entwickeln und nationale Bedenken überwinden, wenn wir – wie zu den Zeiten des Kaisers – unsere Informationen hauptsächlich aus nationalen Quellen beziehen?

Immer wieder heißt es, das Europa von morgen scheitere an den Egoismen von heute. Mit dem Vorwurf des Egoismus sollte man jedoch nicht nur in privaten Angelegenheiten sparsam hantieren. Wer einem anderen Menschen oder Staat Egoismus unterstellt, bringt damit doch meist nur eine gefühlte Verletzung des eigenen Egos zum Ausdruck. Die Bedenken, die Deutsche, Franzosen, Ungarn, Briten und Griechen dem europäischen Gedanken gegenüberbringen, sind nicht der Ausdruck eines blinden und törichten Egoismus, sondern der begründete Zweifel, ob all dies, was Brüssel heute so diktiert, wirklich mit einem guten Leben vereinbar ist. Wer diese Zweifel nicht ernst nimmt, ihnen inhaltlich mit wirklichen Reformversuchen entgegenkommt, ist nicht der bessere Europäer, sondern vielmehr sein Totengräber.

Es wird Zeit für ein neues Gespenst in Europa: den europäischen Bürger, der durch sein Engagement, seine Mitbestimmung im politischen Prozess und die Anwendung seiner Werte auch in der Außen- und Handelspolitik das weiterentwickelt, was ihm seine Berufspolitiker durch Überwindung von Waffengängen und Zöllen hinterlassen haben. Europa hat nur dann eine Chance auf Zukunft, wenn es sich – dem neuen Zeitgeist folgend – aus den Klauen von Lobbyisten und Spekulanten befreit; diesen neuen Raub der Europa durch die Demokraten aller Länder gilt es so schnell wie möglich durchzuziehen.

Wieviel Absicht verträgt der Zufall?

Nicht nur Moses, auch Darwin war ein Religionsgründer. Unangenehm wird das erst, wenn man »Gott« durch »Objektivität« ersetzt und dabei ganz sein Schicksal als ewiges Subjekt übersieht.

Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.« So lautete der Schluss des Anthropologen Jeremy Narby, nachdem er sich für seine Studien mit den Publikationen der Molekularbiologie auseinander gesetzt hatte. Grund hierfür ist seiner Meinung nach das Axiom (eine unbewiesene, aber grundlegende Behaup¬tung) der Zufälligkeit, das – mal explizit formuliert, mal indirekt vorausgesetzt – sämtliche Theorien der zeitgenössischen Naturwissenschaften zu durchziehen scheint. Er erläutert: »Das Objektivitätspostulat hindert seine Anhänger daran, irgendeine Art von Intentionalität (d.h. Absicht) in der Natur zu erkennen, oder anders gesagt: Wer es trotzdem tut, darf sich nicht mehr Wissenschaftler nennen.«

Narby scheint mir hier auf eine Kernfrage hinzuweisen, welche für die Diskussion zwischen Wissenschaft und Religion von allergrößter Bedeutung ist. In den Medien wurde viel von der »Kreationistischen Bewegung« in den USA berichtet, die die Auffassung vertreten, die wörtliche Interpretation der Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen (insbesondere das 1. Buch Mose) beschreibe die tatsächliche Entstehung des Lebens wie des Universums. Man muss kein Atheist sein, um zu erkennen, dass diese Diskussion mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts nicht zu vereinbaren ist. Interessant wird es erst, wenn man sich von den Polen »Bibel« und »Darwin« löst und sich stattdessen der universellen Frage »Zufall« oder »Absicht« widmet. Denn: Nicht Gott, sondern der Mensch ist – wie üblich – das Erkenntnisproblem.

Fassen wir den aktuellen Stand der Forschung (basierend auf Darwins in der Mitte des 19. Jahrhunders entwickelter Evolutionstheorie) noch einmal kurz zusammen: Evolution findet immer statt, ist nicht umkehrbar, wirkt auf allen Ebenen von Organismen und ist nicht auf ein Endziel ausgerichtet. Trotz zahlreicher Detailfragen sind sich alle Biologen in diesen zentralen Punkten einig – berühmt geworden ist der Ausspruch des russisch-amerikanischen Genetikers Theodosius Dobzhansky: »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.« Die Vererbungslehre geht ferner davon aus, dass immer jener Artgenosse überlebt, das am Besten an seine Umwelt angepasst ist – Stichwort: Survival of the fittest. Diese von Selektion und Mutation geprägte Theorie erklärt (wie viele Naturwissenschaften) vor allem den technisch-materiellen Ablauf der Evolution – was sie darüber hinaus über ihren Sinn aussagt, kann getrost als Spekulation betrachtet werden.

Spekulation insofern, als es – im Gegensatz zu der Frage, wie ein Gen gebildet und vererbt wird – letztlich eine Glaubensfrage ist, wie man diesen Gesamtvorgang zu beurteilen hat. 2010 befand der bekannte Physiker Steven Hawkins in seinem Buch »Der große Entwurf«, dass die Entstehung des Universums auch ohne einen bewussten Schöpfungsimpuls allein durch das Wirken der physikalischen Gesetze möglich gewesen wäre. Ist »Gott«, ist »Absicht« also »unnötig« geworden? Haben wir dadurch, dass wir der Maschine langsam auf die Spur kommen, tatsächlich die Fähigkeit erworben, über ihren Ursprung zu befinden?

Ich meine: Ja! Und das nicht etwa, weil die Antwort bereits feststünde, weil die Entscheidung zwischen Gott und dem Nichts, dem Zufall und der Absicht in irgendeiner Weise bereits entschieden wäre. Eine philosophische Diskussion auf der Höhe der Zeit erfordert von allen Beteiligten neben dem Einsatz ihres kritischen Verstands vor allem zweierlei: eine übergroße Portion Neugier und echte Unvoreingenommenheit. »Das Problem besteht nicht darin, Vorurteile zu haben, sondern darin, dass sie nicht offengelegt werden,« ergänzt Narby denn auch abschließend seine Ausführungen.

Wer aus weltanschaulichen Gründen beweisbare wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt, irrt meiner Meinung nach ebenso wie jener Wissenschaftler, der sich für »objektiv« hält, obwohl seine Interpretation der vorliegenden Erkenntnisse längst den Rang einer Weltanschauung erlangt haben.* Es wird Zeit für einen offenen und wertfreien Dialog, wollen wir nicht die einmalige historische Chance verpassen, unsere geistige und politische Freiheit für einen echten Erkenntnisschub zu nutzen.

Denn soviel steht fest: Wissen ist niemals ein Selbstzweck. Es verändert uns, egal woran wir glauben, in einer durch und durch evolutionären Art und Weise.

* Zu diesem Thema durfte ich anlässlich seiner Buchveröffentlichung „Der Wissenschaftswahn“ ein umfangreiches Interview mit dem ebenso umstrittenen wie verehrten Materialismus-Gegner und Biologen Dr. Rupert Sheldrake führen.