Archiv der Kategorie: Nicolas Kolumne

Die Zeit ist reif

Die Zeit, in der wir leben, scheint uns nicht mehr zu tragen. Unsere Tage sind Erinnerung an das Gestern, sind Gesten, die ins Morgen ragen. Nicht der gilt als Phantast, der von einer glänzenden Zukunft träumt, sondern der, der träumt von einer Zeit, die ihm den Glauben an die Zukunft lässt. Nicht der Frieden, sondern der Wunsch nach einer Waffenruhe bestimmt unsere Nachrichtenflut und enthauptet mit den Geiseln auch unsere Zuversicht.

Wer in diesen Tagen darauf pocht, Zeuge einer Zeitenwende zu sein, wird allenthalben Gleichgesinnte finden. Ob Syrien, die Ukraine oder Israel – das Weltkriegsjubiläumsjahr macht seinem Namen bislang alle Ehre. Kein Wunder also, dass selbst Nachrichtenverächter ein sanftes Gruseln verspüren, denken sie zurück an dieses abstinente Sommerloch. Grund genug für uns, die Köpfe in den Sand zu stecken und folgsam auf den Untergang zu warten?

Ich behaupte: Nein! Wer historische Vergleiche schätzt, braucht sich nicht mit dem Jahr 1914 zufrieden zu geben. Ein Blick in wesentlich ältere Schriften verrät: Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Die Älteren unter Ihnen werden sich noch daran erinnern: Am Anfang der sich überschlagenden Ereignisse steht eine geistige Revolution mit dem Namen Aufklärung. Nur 100 Jahre später erfolgte ihr Produkt gewordener Bruder: die industrielle Revolution, maßgeblich verursacht durch die Erfindung der Dampfmaschine. Alles, was unsere Gesellschaft heute entscheidend prägt, geht auf diese Zeit zurück: Automatisierung, Sozialstaat und Bildung für alle – aber auch Entfremdung, Sinnverlust und Beschleunigung.

Ist unsere Zeit deswegen eine Art notwendige Folge dieser Geistesblitze und Erfindungen?  Durchaus nicht. Die scheinbare Alternativlosigkeit historischer Entwicklungen ist alles, nur nicht eines: alternativlos. Für diese Theorie gibt es einen ganz einfachen Beleg: die griechischen Autoren der Antike. Rationalistische Religionskritik bis hin zum Atheismus? Längst dagewesen: in der attischen Sophistik, 5. Jahrhundert vor Christus. Die Dampfmaschine, der Ursprung der Automatisierung? Längst dagewesen: Im 1. Jahrhundert nach Christus, erfunden von Heron, dem Alexandriner. Erlebten wir deshalb ein antikes Zeitalter der Aufklärung und der Industrialisierung? Nein. Herons Erfindung blieb ebenso ohne Folgen wie die blasphemischen Theorien der Sophisten.

Selbst Pazifismus und Vegetarismus ist keine Erfindung der Gegenwart, wie es oft den Anschein hat. »Sich des Beseelten zu enthalten, machte Pythagoras unter anderem auch deshalb zum Gesetz, weil diese Übung Frieden stifte. Gewöhnten seine Jünger sich nämlich, Tiermord als ungesetzlich und widernatürlich zu verabscheuen, so mussten sie erst recht das Töten eines Menschen für noch viel größeren Frevel halten und daher keine Kriege mehr führen.« Gelehrt im 6. Jahrhundert vor Christus, aufgeschrieben von einem spätantiken Philosophen des 3. Jahrhunderts. Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist, behauptete einst Victor Hugo, der politisch engagierte Goethe der Franzosen. War der Mensch der Antike demnach einfach nicht reif für Tierschutz, Vernunft und Maschinen?

Vielleicht. Ich meine aber, dass diese Betrachtung – nicht umsonst von einem Dichter der Romantik inspiriert – erneut in die Falle des Fatalismus lenkt. Wer bestimmt den Reifegrad einer Gesellschaft für Ideen, die den alten ganz einfach überlegen sind? Die Nachgeborenen – oder jene, die unmittelbar mit ihnen konfrontiert sind? Kolumnistin Sybille Berg schrieb neulich: »Die Welt verändert sich. Und wir bestimmen ein bisschen mit, in welche Richtung.« Ohne das literarische Genie Hugos und Bergs gegeneinander ausspielen zu wollen: Diese Frau hat einfach recht. Mag sein, dass die Zeit reif ist für jene, die begreifen, dass Demokratie sich nicht in der
Markierung eines Stimmzettels hinter einem Vorhang erschöpft. Politische Demokratie, in der Antike ebenso revolutionär wie unerfolgreich, ist heute zum Standart geworden. Doch wie steht es um die gesellschaftliche, die kulturelle Demokratie?

Wir entscheiden, ob sich der Islamische Staat als Alternative zur westlichen Demokratie etabliert – oder untergeht, weil ihm die ideelle und damit auch irgendwann die finanzielle Unterstützung ausgeht. Wir entscheiden, ob wir Wladimir Putin zum Totengräber der Entspannungspolitik aufsteigen lassen – oder ihn an seine Pflichten als Präsident eines einflussreichen und kulturell bedeutenden Landes erinnern. Wir entscheiden, ob wir Europas Regierungen zu Feinden des Internationalismus werden lassen – oder sie dazu zwingen, neue Visionen für das geeinte Europa zu etablieren.

Die Abwendung des antiken Menschen von Tierschutz, Vernunft und Maschinen und seine Hinwendung zu einer orientalischen Erlösungsreligion hatte viele Ursachen: ökonomische, politische, soziale und nicht zuletzt ideengeschichtliche. Religion ist mehr als der Glaube an Gott oder die Götter. Sie war zu jeder Zeit der ganzheitliche Ausdruck einer Einstellung des Menschen zu seiner Welt. Sie spiegelte, wie heute noch, wider, was er von seinem Leben erwartete – bis hin zu einer Verlängerung desselben über den Tod hinaus. In keinem Feld unseres Lebens besitzen wir mehr Macht als in der Religion. Es wird Zeit, uns diese Verantwortung ins Gedächtnis zu rufen.

Religion, das ist die Antwort des Menschen auf seine Lebensumstände. Sorgen wir für eine Gegenwart, die den Unzufriedenen der Welt einen Glauben an die Zukunft lässt. Unsere Nachgeborenen werden es uns danken.

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Die Liebe, die uns fehlt

Einer der Gründe, warum ich diese Kolumne zu schreiben begonnen habe, ist das unbestimmte Gefühl, dass es einen entscheidenden Unterschied für unser Leben macht, was oder an wen wir glauben. Wer in unserer Zeit groß wird, bekommt früh zu hören, dass alles bereits gedacht, alles bereits gesagt worden ist. Kein leichtes Schicksal für eine Kultur, in der Originalität zu den Haupttugenden zählt. Was immer wir glauben, ist für unsere Gesellschaft sicher nicht sehr originell. Für den Einzelnen aber umso mehr.

Ob wir an einen Gott glauben oder nicht, an Geister oder Dämonen, Helden oder das Geld, ist nicht halb so wichtig wie die Frage, ob wir an eine Ordnung glauben, die dem Chaos in unserem Leben einen Sinn verleiht – oder nicht. Intellektuelle und Künstler neigen heute dazu, diese Frage angesichts unserer verheerenden Geschichte und der Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu verneinen. In ihrem Roman »Der Mann schläft« resümiert Sibylle Berg das Mantra einer Gesellschaft, die sich weder Fügung noch Karma vorstellen kann: »Es ist alles Zufall. Nichts hat man sich verdient, gutes Benehmen garantiert kein langes Leben, es gibt weder Gerechtigkeit noch Vernunft, es gibt keine göttliche Weltordnung oder was auch immer wir herbeisehnen, um uns nicht ausgeliefert zu fühlen. Es kann alles vorbei sein in der nächsten Sekunde, oder noch schlimmer: Es kann alles genauso weitergehen.« Die in Breslau geborene Dichterin Dagmar Nick gießt dieselbe existentielle Verlorenheit in eine noch poetischere Sprache: »Wir treiben durch luftlose Räume / Erloschenen Angesichts. / Die Nächte verweigern uns Träume, / die Sterne sagen uns nichts. // Wir haben den Himmel zertrümmert. / Das Weltall umklammert uns kalt.«

Was genau unterscheidet das Weltall vom Himmel und warum macht uns nicht glücklich, worin Friedensaktivist John Lennon noch die Lösung all unserer Probleme wähnte? Imagine there’s no heaven – above us only sky! Die Antwort liegt auf der Hand: Im Kosmos herrscht ein klares Kommunikationsproblem – der Himmel aber spricht zu uns mit Engelszungen. Was uns fehlt, ist weniger ein rationales Sinngefüge, die gedankliche Erkenntnis einer alles erklärenden Struktur als vielmehr: Aufmerksamkeit.

Die Gleichgültigkeit, mit der uns die Welt heute scheinbar gegenübertritt, beleidigt nicht nur unseren angeborenen Sinn für die eigene Bedeutung, sie verletzt auch das kindlichste und vielleicht kostbarste unserer Gefühle: die Sehnsucht danach, geliebt zu werden. Wie eine Studie der American Sociological Association 2010 zeigte, liegt einer der Hauptgründe für das subjektiv empfundene Glück vieler Konvertiten bzw. religiös »Wiedergeborenen« denn auch nicht im spirituellen Bereich. Ihr Fazit lautet: Nicht die Häufigkeit der Gebete oder gar der Gottesdienstbesuche, sondern die in den spirituellen Gemeinschaften erfahrenen Freundschaften verleihen den neuen Religiösen das gewisse Etwas. Viele Konvertiten sagen zudem aus, dass ihnen die neue Religion neben einem »Sinn« vor allem einen »Sinn für die Liebe« mit auf den Weg gegeben habe: Darin sind sich Christen, Muslime und Buddhisten einig. Interessanterweise beschreibt die Religionswissenschaftlerin Anne Sofie Roald die Konversion selbst als einen höchst emotionalen Akt, dessen erste Stufe den Namen »falling in love« – »sich Verlieben« – trägt.

Die Liebe nicht nur im zwischenmenschlichen, sondern auch im kosmischen Zusammenhang gehört mit Sicherheit zu den wirksamsten Gegnern moderner Sinnentleerung. In seinem flott geschriebenen und tiefgründigen Buch »Buddhismus 3.0«, das im englischen Original den treffenderen Titel »One City« trägt, entwirft der Meditationslehrer Ethan Nichtern ein verführerisches Gegenmodell zu der latent vorhandenen Angst, allein auf dieser Welt zu sein, abgeschnitten von aller göttlichen wie menschlichen Fürsorge. Seine These: Die Produkte, die wir nutzen, die Entscheidungen, die wir treffen – sie alle bilden das wahre »Internet«. In seiner humorvollen Einleitung schreibt er: »Zu diesem Zeitpunkt habe ich meine Wohnung noch immer nicht verlassen.Trotzdem bin ich schon mit dem größten Teil der gegenwärtigen und ehemaligen Bewohner der Welt in Kontakt getreten und habe mich auf sie gestützt. Ich habe auch bereits Entscheidungen getroffen, die die gegenwärtigen und zukünftigen Bewohner der Welt betreffen. Dabei habe ich gar nicht wahrgenommen, dass ich überhaupt mit irgendetwas oder irgendjemandem Kontakt haben könnte.«

Nichtern macht auf einen schlichten Zusammenhang aufmerksam, der uns in unserer Verzweiflung nur zu oft zu entfallen scheint: Wir selbst sind für die Liebe verantwortlich, die wir anderen geben, nicht die Welt, nicht Gott, nicht das Universum. Verletzungen und Enttäuschungen sind keine überzeugende Ausrede dafür, unseren Mitmenschen – und damit uns selbst – jene Aufmerksamkeit zu entziehen, die sie und die wir verdienen. Gutes Benehmen garantiert kein langes Leben – aber der liebevolle Umgang mit unseren Nächsten führt zu einem glücklicheren Leben – garantiert. Denn: Die Liebe, die uns fehlt, tragen wir direkt in unseren Herzen.

Die Sache mit dem Glück

Kennen Sie dieses Gefühl? Glück haben immer die Anderen!

Egal, ob Sie ein junges Liebespaar beim Austausch seiner Zärtlichkeiten beobachten oder ausgerechnet die Fahrerin vor Ihnen den letzten Parkplatz in der ganzen Straße ergattert hat – das Gefühl, selbst nicht zu den Beschenkten zu gehören, gräbt sich in Situationen wie diesen tief ins eigene Bewusstsein. Und das umso erfolgreicher, je unzufriedener Sie im Moment mit sich und Ihrem derzeitigen Leben sind.

Woran liegt es, dass wir glauben, selbst weniger Glück als »die Anderen« zu haben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil wir ihnen all die Sorgen und Ängste, die uns selbst vom Aufstehen bis zum Schlafengehen in Anspruch nehmen, schlicht nicht ansehen können. Und weil wir zugleich von der Oberfläche auf das Innere schließen – zumindest in unserem heimlichen Glücksvergleich. »Die Anderen«, so lautet die gute Nachricht, sind gar nicht glücklicher. Das ist zugleich aber auch die schlechte Nachricht: Warum eigentlich nicht?

Wenn wir einmal von jenem Glück absehen, das man auch als »Glück haben« bezeichnen kann, so scheint es einen tiefen Zusammenhang zwischen innerer Zufriedenheit und gefühltem Glück zu geben. Diese Zufriedenheit, die sich – je nach Typ – aus Einzelbestandteilen wie einem guten Gewissen, Liebe für andere und einer heiteren Grundstimmung zusammensetzt, ist ein äußerst instabiles Gleichgewicht. Es reicht häufig nur eine einzige Wolke, um die Sonne zu verdunkeln – den restlichen blauen Himmel sehen wir vielleicht, doch spüren können wir ihn nicht. Wie schaffen wir es also, häufiger glücklich zu sein – und ist das überhaupt der Sinn der Sache?

Dass es erstrebenswert ist, glücklich zu sein, ist so selbstverständlich, dass darüber kaum ein Wort verloren werden muss. Doch kritisch betrachtet hat das Gefühl von Glück nicht nur eine erhebende, sondern auch sedierende Eigenschaft. Wer »Glück« aus einen Gradmesser dessen begreift, wie es um einen steht, kann aus der eigenen Unzufriedenheit auch einen Nutzen ziehen. Gerade spirituell interessierte Menschen neigen oft dazu, ihre Widersprüchlichkeiten mit Licht und Freude »zuzukleistern«. Da wird die gute Laune gern als Spachtelmasse verwendet – ganz nach dem Motto: Wenn ich glücklich wirke, bin ich es auch. Doch dieser Selbstbetrug fliegt nicht nur eines Tages auf – er beraubt uns auch des Nutzens, den wir unserem »Glücksbarometer« entnehmen können.

Noch wichtiger als die Frage, in welchen Augenblicken wir in der Lage sind, Glück zu spüren, ist die ehrliche Betrachtung, welche Umstände in den übrigen Momenten eben dieses Gefühl verhindern. Sind es die Taten unserer Mitmenschen – oder unsere Reaktionen darauf? Geschieht es, weil unser Tunnelblick auf der Suche nach dem »Großen Glück« die vielen kleinen Geschenke übersieht – oder sind wir wirklich von einem Haufen unsympathischer, eigensüchtiger und aggressiver Leute umgeben, deren oberstes Ziel es ist, uns nicht in den Kreis der glücklichen Anderen aufsteigen zu lassen? Und wenn das so ist – was ich bezweifle: Was sagt mir diese Umzingelung durch Energievampire über mein eigenes Verhalten, meine Einstellung zum Leben?

Glück ist sicher nicht der Sinn des Lebens, auch wenn uns das so mancher falscher Prophet so gerne weismachen will. Glück ist vielmehr eine Währung, ein Rechensystem, das uns – vergleichbar einem Tachometer – den aktuellen Stand unserer Lebenstüchtigkeit verrät. Die schlechte Nachricht: Diesen Tacho kann man nicht manipulieren; die gute: zum Glück!

Der große Psychologe und Humanist VIKTOR FRANKL (†1997) geht im Gegensatz zu seinem Landsmann und Kollegen Sigmund Freud davon aus, dass der bestimmende Trieb des Menschen nicht etwa auf Macht oder Lust ausgerichtet ist, sondern vielmehr auf den Sinn. Glücklichsein ist für ihn das Ergebnis eines »Grunds zum Glücklichsein« – man könnte auch sagen: einer sinnvollen Aufgabe, einer Einbindung in die Gesellschaft, einer inneren Mission.

»Es gibt nichts auf der Welt, das einen Menschen so sehr befähigte, äußere Schwierigkeiten oder innere Beschwerden zu überwinden, als das Bewusstsein, eine Aufgabe im Leben zu haben.« Diese Worte Frankls, die durchaus als ein Wegweiser zum Glück verstanden werden können, formulierte der von den Nationalsozialisten inhaftierte Psychologe ausgerechnet im Konzentrationslager Theresienstadt. Sein Ziel war es, jene psychischen Kräfte in seinen Mitmenschen zu mobilisieren, die für das physische Überleben in einer Situation maximalen Unglücks sind.

Vielleicht ist unsere Vorstellung von Glück ja in der Tat nur eine Überlebensstrategie. Einer, der es von Berufswegen her wissen müsste, ist der antike Denker EPIKUR († 270 v. Chr.). Der »Philosoph des Glücks« hält nicht die Welt, sondern Furcht, Schmerz und Begierden für die wahren Feinde unserer Zufriedenheit; eine Einsicht, die beinahe buddhistische Züge trägt.

Ob Sie sich nun – wie Epikur – zur Steigerung des Wohlbefindens in Zukunft auf die notwendigsten Bedürfnisse reduzieren oder sich im Gegenteil – mit Frankl – auf die Suche nach einer wirklich sinnhaften Lebensführung machen – eines steht schon heute fest: Dieses Glück, das nicht von den Geschenken der Welt da draußen abhängig ist, haben bestimmt nicht nur die Anderen.

Im Zeichen der Erinnerung

Warum die Haltbarkeit des europäischen Friedens neuerdings wieder in den Sternen steht

Es war einmal im September. Ein nimmersatter Herrscher, der gerade erst eine erfolgreiche Olympiade dafür genutzt hatte, um sich und seine Regierung international zu profilieren, bekundete in einer Rede, der Unterdrückung seiner Volksgenossen im Nachbarland nicht länger zuzusehen. Nur zehn Tage später hatte er das Angebot der internationalen Gemeinschaft auf dem Tisch: Die Gebiete, die von seinen Volksgenossen bewohnt waren, sollten künftig zum Reich des mächtigen Präsidenten gehören. Der große europäische Krieg war abgewendet – vorerst.

Es war einmal im März. Ein Herrscher mit vergleichbarem Appetit auf Allmacht und Autorität mit nahezu identischem olympischem Background bekundete, der Bedrohung seiner Volksgenossen im Nachbarland nicht tatenlos zusehen zu wollen. Nur zehn Tage später hatte er die ersten Sanktiönchen der internationalen Gemeinschaft auf dem Tisch: Das Aussetzen von Verhandlungen über Visa-Erleichterungen. Der Präsident zuckte mit den Schultern und nahm die Gebiete, die von seinen Volksgenossen bewohnt waren, über ein Referendum in sein mächtiges Reich auf. Der große europäische Krieg war abgewendet – vorerst.

Was klingt wie ein historisch inkorrekter Vergleich zweier sehr unterschiedlicher Situationen ist in der Tat nichts anderes als das. Natürlich lässt sich die aktuelle Krimkrise ebenso wenig eins zu eins auf die Sudentenkrise von 1938 übertragen* wie Hitlers Pläne für Europa mit denen eines Wladimir Putin. Doch die Gemeinsamkeiten in Argumentation und Reaktion sind verblüffend: Ein vor Macht strotzender Herrscher an der Spitze eines weitgehend oppositionslosen und bestens aufgerüsteten Landes greift mit historischen Argumenten nach einem fremden Territorium, das von Menschen seiner Sprache bewohnt wird. Während die Tschechoslowakei 1938 in einer Nacht-und-Nebel-Konferenz um fast ein Drittel ihrer Gebiete erleichtert wurde, verzichtete Putin 2014 auf jeden diplomatischen Schnickschnack. Selbstbewusst verwies er die internationalen Vermittler in die ihnen zugewiesenen Statistenrollen – ein Vorgehen, das sich Hitler erst 1939 wagte, als er mit seinen Truppen jene machtlose »Rest-Tschechei« überrollte, die der post-revolutionären Rest-Ukraine in vielen Punkten bedenklich ähnelte.

Die Sudentenkrise und die Krimkrise verbinden noch andere Gemeinsamkeiten: Beide Krisen gehen auf politisch provozierte Unstimmigkeiten zurück und haben sich entgegen der Propaganda der Landnehmer nicht aus einer Notlage der Bevölkerung heraus entwickelt. In beiden Fällen wurden die Truppen der Landnehmer als Befreier bejubelt und der Anschluss als eine »Heimkehr« gefeiert. Zu guter Letzt sind die wahren Ursachen für beide Krisen militär-strategischer Natur: Mit der Eingliederung des Sudetenlands fielen alle entscheidenden Bollwerke gegen die Deutschen in deutsche Hand; mit der Eingliederung der Krim erhält Moskau den vollen Zugriff auf seine wichtige Schwarzmeerflotte zurück, von den Öl- und Gasvorkommen vor der Krim ganz zu schweigen.

Kommen wir zu den augenfälligsten Unterschieden: Putins Lakei Temirgalijew hat zwar bereits angedeutet, die Landnahme der Krimtataren, die nach dem Ende der Sowjetunion erfolgt war, teilweise wieder rückgängig machen zu wollen – doch von ethnischer Verfolgung, wie sie die Nazis praktizierten, kann trotz der völkischen Argumentation keine Rede sein. Im Gegensatz zu Hitler, der die Tschechen als grundsätzlich »rassefremd« einstufte, bezeichnete Putin die Ukrainer mehrmals als ein »Brudervolk«. Auch werden sich die Alliierten, zu denen dieses Mal auch Deutschland gehört, anders als vor 75 Jahren wohl kaum von ihrer Appeasement-Politik verabschieden, ganz einfach, weil sie – ganz im Merkelschen Sinne – durch und durch alternativlos ist, unabhängig davon, welchen Landstrich sich Russland als nächstes einverleiben wird.

Passend oder unpassend: Der Sinn historischer Vergleiche liegt darin, die Gegenwart für mögliche Gefahren der Zukunft zu sensibilisieren und gehört somit zum legitimen Instrumentarium der politischen Prognose. Im Zusammenhang mit den oben angestellten Ausführungen mutet es beinahe zynisch an, dass 2014 in der politischen Agenda des Westens ohnehin ganz im Zeichen der Erinnerung stehen sollte: Vor genau 100 Jahren begann das große Sterben in den Schützengräben von Verdun, das vor ebenso runden 75 Jahren in die schicksalhaften Schüsse auf die Westerplatte münden sollte. Wer hätte sich zu Beginn der Planungen der Gedenkfeiern an vergangene Waffengänge ausgemalt, dass eine große europäische Krise in diesen Tagen so greifbar in der Luft liegen würde?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass als mythisches Gründungsdatum der Ukraine häufig die Tat eines weiteren, nimmersatten Herrschers genannt wird: die Einführung des Christentums in der Kiewer Rus durch Wladimir den Großen. Nun ist es an einem anderen Wladimir, der nicht von wenigen seiner Landsleute bereits als »Großer« tituliert wird, die junge Ukraine wieder zu zerteilen; wieviel Prozent der neue Zar ihrem Einflussgebiet dabei zugestehen wird – und wie lange dieser Diktatfrieden halten wird, steht in den Sternen.

Doch diese Prognose will ich fähigeren Geistern überlassen.

* P.S. Diese Kolumne wurde am 20. März 2014 geschrieben und erschien am 12. April in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Zukunftsblick“. Knapp 10 Tage später sorgte folgende Aussage des Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Schäuble, die er in einer Diskussion mit Schülern traf, für Furore: „Das kennen wir alles aus der Geschichte. Solche Methoden hat schon der Hitler im Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr.“

Die schönste Sprache der Welt

Warum Lachen die kürzeste Brücke zu den Menschen ist – und eine Leiter in den Himmel

Ich schreibe diese Kolumne im Wartezimmer meines Augenarztes. Eine heftige Augenlidentzündung hat mich pünktlich zum Anbruch des Wochenendes niedergestreckt. Drei Tage Bettruhe, heiße Wattepads und regelmäßige Augenspülungen liegen hinter mir. Geholfen hat es wenig; noch immer sehe ich aus wie ein Laienboxer mit einer ausgemachten Defensivschwäche. Und das, wo nächste Woche so viel ansteht wie lange nicht! Mein Auge kichert verstohlen. Eben deshalb, entgegnet es mir gelassen. Höchste Zeit zu entspannen!

Mein Augenarzt liegt direkt an der Sonnenallee. Wenn ich Freunde aus dem Orient zu Besuch habe, bringe ich sie immer hierher. Sharia es-Schams, nenne ich sie dann. Wegen der zahlreichen arabischen Leuchtreklamen und Schilder, die sie gerade bei Nacht wie einen Stadtteil von Alexandria oder Beirut wirken lassen. Das Wartezimmer ist entsprechend gemischt. Als ich um die Ecke komme und unverhofft in ein proppenvoll gestopftes Stuhllabyrinth gerate, muss mir meine Überraschung ins lädierte Gesicht geschrieben gewesen sein. Schallendes Gelächter schwappt mir entgegen. Sogleich ist mein Selbstmitleid verflogen. Schüchtern lächle ich zurück, als mir eine der Damen den einzig verbliebenen Sitz – einen Kinderstuhl – anbietet.

Ich muss an einen Witz aus meiner Kindheit denken: »Fritzchen hört seinen Vater im Wirtshaus über die Leute am Nachbartisch schimpfen. ‚Überall diese Ausländer!‘ Neugierig geworden nähert er sich den dunkelhaarigen Männern und hört ihnen für eine Weile zu. Zurück beim Vater sagt er: ‚Das sind gar keine Ausländer, Papa!‘ Der Vater sieht ihn verwundert an. ‚Wie kommst Du denn darauf?‘ Fritzchen wartet ein paar Augenblicke, dann zeigt er auf die gut gelaunte Gruppe: ‚Die lachen deutsch!‘«

Lachen ist vielleicht die schönste Sprache der Welt. Nicht nur, weil es der Ausdruck (mit)geteilter Freude ist, sondern auch, weil sie uns auf die Grenzenlosigkeit menschlicher Verbundenheit aufmerksam macht. Lache, dann lacht Dir die Welt, lautete seit jeher der Wahlspruch meiner Mutter. Ohne es zu wissen, hat sie mir damit einen Schlüssel zur Erforschung der Welt an die Hand gegeben, der mir weitaus mehr Herzen geöffnet hat als die besten Sprachkurse und Kulturführer ihrer Zunft.

Lache, dann lacht Dir die Welt. Was klingt wie der Ausdruck naiver Weltvergessenheit, ist vielmehr eine Weisheit höchster spiritueller Natur. Ich kenne zumindest kein anderes Rezept, dem es innerhalb von Sekunden möglich wäre, acht leidende Einzelschicksale aus verschiedenen Sprachräumen in eine so spürbare Gemeinschaft zu verwandeln wie dieses ehrliche, spontane Lachen. Obwohl die kleinen Gespräche in gedämpftem Arabisch, Albanisch, Russisch oder Deutsch schon bald wieder einsetzten, fühlten sich alle Anwesenden für den Rest ihrer Gemeinschaft herzlich verbunden. Wann immer einer der Behandelten zurück zum Abholen seiner Garderobe kam, wünschte er der gesamten Runde in der gemeinsamen Sprache Deutsch eine aufrichtig gemeinte Gute Besserung, was von allen Anwesenden mit Freude erwidert wurde.

Humor und Völkerverständigung sind nicht nur keine Gegensätze, sondern vermutlich sogar das vielversprechendste Paar der Zukunft. Nicht umsonst gilt der jüdische Witz als Crème de la Crème der interreligiösen Humoristik. Diese in Jahrtausenden von Anfeindung und Ausgrenzung gestählte Wunderwaffe gegen die Frustration belegt anschaulich, wie überlebensnotwendig und heilsam die gelegentliche Relativierung der eigenen Überzeugungen sein kann. »Ein Jude will beim Rabbi Rat holen. Drei Stunden lang schwätzt er, dann fragt er: ‚Rabbi, was soll ich tun?‘ ‚Du sollst dich taufen lassen‘, rät der Rabbi. Der Jude ist beleidigt: ‚Rabbi! Was soll das?!‘ 􀀀Der Rabbi: ‚Dann kaust du in Zukunft dem Pfarrer den Kopf ab und nicht mir!‘«

Das Lachen, ein Geschenk des Himmels, um den Menschen das Leben leichter zu machen? Wer im Französischen ein Lachen als wirklich schallend und mitreißend bezeichnen will, tut dies jedenfalls unter Hinweis auf die olympischen Götter mit der Bezeichnung rire homérique – »homerisches Gelächter«. Der Religionswissenschaftler Harald-Alexander Korp entwickelte in seinem Buch »Lachende Propheten« sogar eine eigene »Gelo-Theologie« – eine Theologie des Lachens. Gotteslästerung? Wohl kaum. Wer je ein Bild des lachenden Dalai Lama gesehen hat, ahnt, wie nah sich menschliche Heiterkeit und ethisches Gewissen zuweilen sind. Nicht selten vermittelt der Pop-Star unter den spirituellen Führern seine Botschaften über witzig anmutende Geschichten. »Falls Du glaubst, dass Du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuch mal zu schlafen, wenn ein Moskito im Zimmer ist…«

Lachen ist nicht nur eine Brücke zu den Menschen, sondern auch eine Leiter in den Himmel. Das wusste auch der oft zu Unrecht als humorlos verschriene Prophet Mohammed, dem folgender Ratschlag zugeschrieben wird: »Erfrischt die Herzen von Zeit zu Zeit, denn müde Herzen werden blind.« Wann immer ich die verzerrten Gesichter der wütenden Fundamentalisten sehe, fühle ich mich denn auch eher an »Sieg Heil!« denn an die Heilsbotschaften unserer spirituellen Traditionen erinnert. Und so ist der Humor eines religiösen Mannes immer auch ein Hinweis auf den Grad seiner Erleuchtung.

Wie sagte doch einst der Großmeister des englischen Humors, Oscar Wilde? »Die Menschheit nimmt sich selbst zu ernst. Das ist die Erbsünde der Welt. Hätte der Höhlenmensch zu lachen verstanden, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.«

Der Stoff, aus dem die Weisen sind

Mit der Weisheit ist das so eine Sache. Als der griechische Philosoph Chairephon vom Orakel in Delphi wissen wollte, ob es einen Mann gebe, der noch weiser sei als sein Freund Sokrates, leugnete der konsultierte Gott, dass dies der Fall sei. Über den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote, die im Prozess gegen den Philosophen eine nicht unentscheidende Rolle spielte, streiten Historiker bis heute.

Fest steht, was Sokrates selbst im Rahmen seiner Verteidigungsrede so zusammenfasste: »Es scheint aber der Gott mit diesem Orakel dies zu sagen, dass die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts, und mich bloß zum Beispiel erwählt, wie wenn er sagen wolle: Unter euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, dass er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt«. Zuvor hatte sich der garstige Philosoph (der sich selbst einmal als die »Mücke am Arsch von Athen« bezeichnet hatte) eine Reihe von einflussreichen Feinden gemacht – als er unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern auf die Suche nach jener Weisheit ging, die sie so sicher in ihrem Besitze wähnten. Sein ebenso berühmtes wie niederschmetterndes Fazit lautete: »Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als sie, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.«

Wäre Sokrates kein Athener des 5. Jahrhunderts vor Christus, sondern heute in einer unserer Industrienationen zu Hause, er hätte vermutlich kein leichtes Spiel. Weisheit, so die Diagnose, stecken sich nur noch die Wenigsten ans eigene Revers; kein Wunder, ist Weisheit doch völlig aus der Mode gekommen. Zumindest unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern. Was heute zählt, hängt ganz vom jeweiligen Kundenstamm ab: ob kämpferisch oder gelassen, gewieft oder authentisch, halbstark oder pointiert – im Zeitalter des Konsumgottes sind selbst Ideale zur verhandelbaren Masse geworden. Die charakterliche Flexibilität, die uns die Erfordernisse des wuchernden Marktes abverlangt, ist keine gute Voraussetzung für Weisheitserwerb.

Verstehen Sie mich richtig: An falschen Propheten mangelt es uns nicht. Wie zu Sokrates Zeiten sprießen die Experten wie Pilze aus dem Boden und Zuschauer wie Journalisten nicken eifrig mit den Köpfen. Die Sokratischen Fragen sind dem rhetorischen Brei der Talkshows gewichen; eine Antwort erhalten wir Zuschauer aber ebenso wenig wie die Zaungäste und Leser des unermüdlichen Weisheitssuchers. Auf unserer Suche nach verlässlichen Quellen haben wir uns ähnlich diversifiziert wie in Kleidungs- oder kulinarischen Fragen: Den einen treibt es mit der Religion back to the roots, den anderen an den Herd von Wirtschaft und Geld, den nächsten an die Brust der Wissenschaft. Sie alle aber bleiben Gläubige und damit das, was Sokrates – mit Apollons Unterstützung – als Scheinweise entlarvt hat.

Umso berührender mutet es einen daher an, trifft man im Getöse der werbenden Gegenwart auf einen dieser Zeitgenossen, die man im sokratischen Sinne als weise bezeichnen möchte: In sich ruhende, gelassene Menschen, die dem Trubel ohne Desinteresse mit einer freundlichen Distanz begegnen, die auf jahrelange Erfahrung im humorvollen Umgang mit der eigenen und der fremden Begrenztheit schließen lässt. Wann immer wir auf einen solchen Menschen treffen, spüren wir, dass echte Weisheit ebenso wenig an Reiz verloren hat wie Loyalität, Liebe oder Gesundheit. Die Tatsache, dass sie bei der Formulierung unserer Ziele keine große Rolle mehr spielt, hat weniger mit unseren Wünschen zu tun als mit unserem Vertrauensverlust – in unsere Gesellschaft und in uns selbst. Ich kenne eine Frau, die weit über achtzig Jahre alt ist, den Holocaust überlebt hat und in Israel mit eigenen Händen an einer Utopie gebaut hat. Wer ihr begegnet, versteht, wie überraschend, bereichernd und humorvoll ein echter Dialog zwischen den Generationen sein kann, wenn sich Alter nicht durch die Enttäuschung über die Vergangenheit und die Angst vor der Gegenwart definiert.

Im letzten Monat hatte ich das Vergnügen, zwei sehr unterschiedliche Bekanntschaften zu. Zwei Personen, die über ein gesundes Maß an Bildung, gesellschaftlichen Stand, erfolgreiche Karriere und charismatische Begabung verfügen. Doch während die eine Person ihre Stellung dazu verwendet, ihr Gegenüber zu sezieren, zu funktionalisieren und schlichtweg herabzuwürdigen, gelingt es der anderen, durch ihren Einfluss einen Raum für gleichberechtigte und echter Begegnung zu öffnen. Lange habe ich mich gefragt, was der wahre Motor für das so unterschiedliche Verhalten der beiden Forscher sein mag. Am Ende steht für mich fest: Es ist der Vorzug des Zweifels über das Urteil, der Verbidung über die Abgrenzung, der Neugier über das Wissen.

Weisheit lässt sich weder anlesen noch downloaden. Sie entsteht, wenn wir zulassen, wofür wir alle begabt sind: Empathie, Freude an der Begegnung und Großzügigkeit sich selbst gegenüber. Das ist der Stoff, aus dem die Weisen sind.

Der Schweinezyklus der Geschichte

Man mag es für Zufall halten oder für einen ausgeprägten Instinkt: Schon während meines Studiums interessierten mich vor allem jene Epochen, die das Ende ihrer Kultur einzuläuten schienen: Die altägyptische Spätzeit sowie, was den griechischen Kulturraum angeht, die so genannte Spätantike. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass uns diese Zeiten etwas zu sagen haben.

Im Gegensatz zu meinen Anfangsjahren, in denen ich mich für die klassischen Höhepunkte – Echnaton, Tutanchamun, das Athen der Klassiker, die minoischen Paläste auf Kreta – begeisterte, kam ich immer mehr davon ab, das Altertum als Selbstzweck zu betrachten. Meinem Geschichtslehrer – einer jener freien Persönlichkeiten, die mit ihrem Witz und ihrer Analysefähigkeit an Schulen ebenso unterfordert wie dringend benötigt werden – verdanke ich mein Interesse an Gesellschaften und Politik. Ihm gelang es, in vergangenen Ereignissen Strukturen aufzuzeigen, die sich als typisch menschlich erwiesen hatten. Geschichte als Menschenkunde, jenseits von Kostümfilmen und Guido Knopp’scher Gänsehaut. Er war es, der mein Interesse für Archäologie und das Altertum – das wir nie gemeinsam besprachen – auf eine neue Ebene hob. Ich war neugierig geworden. Nicht darauf, was vergangen war, sondern darauf, was sich wiederholte. Und was uns nur scheinbar – durch die Gnade der späten Geburt – erspart zu bleiben schien.

Im Rückblick verwundert es mich nicht, dass mich die von Kollegen wie Laien häufig schmählich vernachlässigten Spätzeiten zunehmend faszinierten. Einer der häufigsten Gründe für die Ablehnung dieser Epochen ist die schwindende kulturelle Anziehungskraft, die ihnen von den Nachgeborenen diagnostiziert wird. Häufige Vorwürfe lauten: Lust am Rückgriff und der Kopie, Verlust der eigenen Originalität, zunehmende Abnahme politischer Unabhängigkeit, Aufkommen irrationaler Moden anstelle des gesunden Menschenverstands. Ja, all dies kann man in solchen Zeiten beobachten, aber wie so oft ist es eine Frage der eigenen Perspektive und Wertung, ob man das Geschilderte als Vorboten des Untergangs oder als Charakteristika hoch entwickelter und komplexer Kulturen wahrnehmen möchte.

Eine Gesellschaft, die noch in den Kinderschuhen steckt, hat natürlicherweise andere Sorgen als den Widerspruch zwischen der Wahrung des Erreichten und kultureller Innovation. Rückgriffe, Ironie und Ambivalenzen entfalten ihre größte Anziehungskraft erst dann, wenn Erfahrung und eine veränderte Umwelt die eigene Position zu relativieren verhelfen. Doch eine Spätzeit ist nicht nur von Turbulenzen, sondern immer auch von Altersweisheit charakterisiert. Wie im menschlichen Leben auch ist es letztlich eine Geschmackssache, ob man den Verlust der jugendlichen Naivität und Sprunghaftigkeit oder die wachsende Gelassenheit in den Fokus des Interesses stellt.

Man mag es für eine gewagte Behauptung halten, doch ich meine, dass wir aus der Analyse vergangener Spätzeiten viel über unsere eigene Epoche lernen können. Der südtiroler Soziologe Roland Benedikter hat sie mal die postmaterialistische genannt. Dieser Ausdruck enthält nicht nur die zunehmende Digitalisierung unserer Lebenswelten, sondern zugleich auch die Abkehr von materiellen Werten, wie sie zwischen den 1950er und 1980er Jahren noch breite Schichten unserer Gesellschaft charakterisierten. Anders sind Phänomene wie die Energiewende kaum zu erklären: Aus idealistischen Gründen heraus finanzieren wir mitten in einer der größten Finanzkrisen der letzten Jahrhunderte ein völlig utopisches Projekt, das allein die Welt nicht retten kann – unser Gewissen hingegen schon.

Spätzeiten haben mit vielen Feinden zu kämpfen: Umso komplexer die eigene Lebenswirklichkeit, umso aufgeklärter der eigene Standpunkt, desto heftiger melden sich jene zu Wort, die nach einfachen Lösungen und nachvollziehbaren Maßstäben verlangen. Es liegt in der menschlichen Natur, dass sie eine gewisse Schwäche für zyklische Entwicklungen hat. Wie sonst wäre zu erklären, dass das frühe Christentum, eine ebenso radikale wie vergleichsweise unterkomplexe Lehre, Jahrhunderte gewachsener Kultur auszukehren verstand mit der sprichwörtlichen Kraft neuer Besen? Hoch differenzierte und geradezu modern anmutende Wissenschaften und Philosophien, ein Maximum künstlerischer Fertigkeit, eine beeindruckende Medizin und Körperkultur, das ganze kosmopolitische Nebeneinander religiöser Überzeugungen – vergessen und verdrängt in wenigen Jahrzehnten. Und warum? Nicht allein aufgrund von Gewalt, sondern auch wegen immer bedrohlicheren sozialen Verwerfungen im späten Römischen Reich.

Wir wissen nicht, ob uns bald wieder eine vereinfachende, eine entkomplizierende Bewegung ins Haus steht. Noch gelingt es uns, den Deckel auf dem Topf zu halten, doch das Nebeneinander von immer komplexeren Zusammenhängen und die wachsende Sehnsucht nach naiver Idylle wird früher oder später ihren Tribut fordern. Mit Weltuntergang hat das nichts zu tun. Schon die frühen Christen haben mit ihrem Glauben an die Apokalypse bekanntlich gehörig daneben gelegen – und ihren Irrtum doch erfolgreich in die Transformation einer ganzen Gesellschaft investiert. Mein Geschichtslehrer nannte diese tröstliche Erkenntnis den »Schweinezyklus der Geschichte«: Noch auf jede Spätzeit ist über kurz oder lang eine neue Frühzeit gefolgt.

Quelle: http://www.mystica.tv/der-schweinezyklus-der-geschichte-david-salokin/