Archiv der Kategorie: Nicolas Kolumne

Gier mit Stil

Selbst jene, die im Glaubenskrieg »Fenster gegen Apfel« auf der Seite des einstigen Marktführers Bill Gates standen, zeigten sich bestürzt über den Tod von Apple-Gründer Steve Jobs in diesem Herbst. Viele der Nachrufe auf den Unternehmer betrauern den Tod eines Philosophen – Wahn oder Wirklichkeit?

In einer Rede, die der bereits krebserkrankte Jobs 2005 vor den Absolventen der prestigeträchtigen Stanford-Uni hielt, verwies er auf die alles entscheidende Bedeutung von Liebe, die man dem, was man tut, entgegenbringen muss, gerade angesichts des immer drohenden Todes. Jobs’ Beweisführung ist so einfach wie berührend: »Ihr seid schon heute nackt. Also denkt nicht, ihr hättet was zu verlieren.« Und er ergänzt: Denkt lieber daran, das zu werden, was ihr wirklich seid – und lasst nicht die Stimmen anderer Eure eigene innere Simme übertönen. Der Multimilliadär ohne Collegeabschluss wusste, wovon er sprach: Kaum war er geboren, gaben ihn seine Eltern zur Adoption frei, kaum war seine selbstgegründete Firma erfolgreich, setzte ihn der eigene Geschäftspartner vor die Tür. Jobs lerne am eigenen Leib, wie entscheidend es im Umgang mit Verlusten ist, ob man in Trauer verharrt oder sie als Möglichkeit für eine neue Ausrichtung begreift.

Das Testament, das uns der erfolgreichste Geschäftsmann des digitalen Zeitalters mit auf den Weg gibt, erstaunt: Im Gegensatz zu so manchen Ratgebern und Studiengängen ist hier weder von Durchsetzungsvermögen, noch von Marktstudien oder maximalem Gewinnstreben die Rede. Stattdessen gelingt es Jobs, den Mythos des »American Dreams« mit Hilfe einer Coelho-haften Sprache für seine Zuhörerschaft zu aktualisieren. »Flexibilität« ist nicht etwa die Bereitschaft, für den beruflichen Aufstieg beliebig umzuziehen, die Familie zu vernachlässigen oder die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellen. Bei Jobs wird sie zur Fähigkeit, sich jeden Morgen erneut in Frage zu stellen und sich nicht vom Glauben an Dogmen – »die Resultate der Denkweise anderer Menschen« – abhängig zu machen.

Noch mehr als das rhetorische Talent des verstorbenen Firmengründers verwunderten mich die Reaktionen, die sein Tod in den Medien auslöste und die endgültig klar stellten: Hier stirbt kein Geschäftsmann, hier stirbt ein Lifestyle-Prophet, dessen Wahlspruch »Think different« (scheinbar) zum Mantra einer ganzen Gesellschaft geworden ist. Jobs Erfolg ist in der Tat nur in Teilen ein wirtschaftlicher; dem Siegeszug seiner Produkte geht eine fugenlose Anpassung an die Ideale seiner Gesellschaft voraus. In der Apfelwelt fallen Markt und Leben, Käufer und Anhänger zusammen. Nirgends wurde mir das so deutlich vor Augen geführt wie durch folgenden empathischen Nachruf auf den »iPhilosophen«: »Religiöse Menschen lesen Psalme oder Suren, Agnostiker wie ich versuchen es mit dem Zen-Buddhisten Thich Nhat Tan, mit Nietzsche oder Marc Aurel. In deren Büchern steht viel Bedenkenswertes. Aber am meisten geholfen hat mir Steve Jobs, der größte praktische Philosoph des 21. Jahrhunderts… Vor allem seine Stanford-Rede ist ein Manifest, sie enthält so ziemlich alles, was man über das Leben wissen muss.«

Lange hing man in der westlichen Welt dem Irrglauben an, einem säkularen Zeitalter ohne Religion, ohne irrationales Gedankengut anzugehören. Bei allem Respekt für seine enorme Lebensleistung – die Gleichstellung eines unternehmensphilosophierenden Computerdesigners mit den Propheten und Denkern der großen Weltreligionen verrät vor allem eines: Diese Zeit ist noch lange nicht angebrochen. Zu tief sitzt die Sehnsucht nach Persönlichkeiten, deren Wertesystem wir teilen, deren Ziele wir übernehmen, deren Erfolge auch wir erreichen wollen. Und wie in jeder echten Religion klafft neben der Offenbarung die grausame Realität: Der Vorwurf der Kinderarbeit und der umweltschädlichen Produktion verdunkelt das lichte Image der Apfel-Kirche ebenso wie die steten Vorwürfe, ihr Gründer sei im Umgang mit Angestellten nicht selten unbeherrscht, sprunghaft, schlicht: diktatorisch vorgegangen. Keine schönen Eigenschaften für einen ehemaligen Hippie und Buddhisten, doch im Grunde vor allem eins: menschlich, so wie jede Religion.

»Finde, was Du liebst! Wenn du es noch nicht gefunden hast, such‘ weiter. Gib‘ dich nicht zufrieden.« Der Autor des oben zitierten Nachrufes hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Diese Sätze sind keine Rede, sie sind ein Manifest. Sie sind das Glaubensbekenntnis einer Gesellschaft, die – wie jede zuvor und jede nach ihr – den Wunsch in sich verspürt, ihre inneren Widersprüche mit sich in Einklang zu bringen: Und irgendwo zwischen Unersättlichkeit und Kontemplation, Egoismus und schlechtem Gewissen, wartet mit Sicherheit schon ein neuer Heiland auf uns. Und wieder werden wir ihm folgen, denn er wird es verstehen, uns noch mehr von dem Manna zu reichen, das da lautet: »Gier, aber bitte mit Stil!«

Die Selbstsucht der Sinnsucher

Engel und Licht, Heilung und Zufriedenheit: die Esoterikszene gilt als verschroben, aber sanftmütig. Manche jedoch halten sie für schlichtweg egoistisch.

Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaft« trägt den vielversprechenden Titel »Gegenwärtige Esoterik«. Der Autor, Jens Schnabel, ist ein evangelischer Gemeindepfarrer, der im Jahre 2006 über das Thema »Das Menschenbild der Esoterik« promovierte. Nach einer ausgezeichneten Definition der Esoterik nach ihrem Welt-, Menschen- und Gottesbild vertieft er sich in vier Kernvorstellungen gegenwärtiger esoterischer Strömungen: den »spritualistischen Monismus«, den »grenzenlosen Optimismus«, die geistigen »Gesetze« des Lebens sowie »Reinkarnation und Karma«. Diese Einführungen dienen dem eigentlichen Kernpunkt des Aufsatzes: den abschließenden Kapiteln »Auswirkungen der Esoterik auf unsere Gesellschaft« und eine Gegenüberstellung von Esoterik und Christentum.

Warum ich im Rahmen dieser Kolumne auf diesen Artikel zurückgreife, ist nicht die meiner Meinung nach fragwürdige »Bewertung« der Esoterik auf Basis christlicher Werte und Gedankenmodelle; hier mögen sich die Geister scheiden, ob es Sinn macht, das esoterische (wie moderne!) Fortschrittsdenken den theologischen Konzepten »Gnade« und »Heilsgeschichte« gegenüberzustellen und dem Reinkarnationsgedanken anzulasten, Gott durch Karmagesetze zu ersetzen. Hier findet meines Erachtens eine religiöse Enttäuschung oder Bestürzung des Autors ihren Ausdruck, die anders als religiös nicht beantwortet werden kann.

Ich bin Schnabel jedoch für einen Hinweis dankbar, der auch jenseits seiner Einstufung der Esoterik als ein dem Christentum unterlegenes Weltverständnis zum Denken anregt: der Hinweis auf die möglichen Konsequenzen des zutiefst individualistischen Ansatzes der Esoterik. Dem meiner Meinung nach unzutreffenden Schluss, Individualismus führe zwangsläufig zu einem Verlust bzw. einer Beliebigkeit der ethischen Haltung lässt er ein nachdenklich stimmendes Zitat des Religions- und Kultursoziologen Gottfried Küenzlen folgen: »So ist es nur konsequent, wenn im Umkreis der New Age-Bewegung, ja der Esoterik insgesamt, keine sozialen, humanitären oder caritativen Aktivitäten zu beobachten sind.«

Ist dem wirklich so? Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil konservativer Kreise, alles, was nach Freiheit riecht, für grundsätzlich chaotisch und unverantwortlich zu halten. Nicht umsonst gelten Menschen mit alternativen Lebensmodellen häufig als »Chaoten« oder »Radikale«, während sie sich selbst als »autonom« bezeichnen, d.h.: sich »das Gesetz selbst gebend«. Wer sich jedoch als Gesetzgeber versteht, hält sich in der Regel zumindest selbst für moralisch integer; der wahre Feind der Justiz ist seiner Meinung nach der zügellose Egoist und nicht der Individualist.

Genau hier sind die Übergänge jedoch nicht selten fließend, auch was Esoteriker betrifft. Obwohl ich es für ein ausgesprochenes Vorurteil halte, die Esoterik entziehe dem Menschen sein moralisches Gewissen, ist doch bei vielen »spirituell Suchenden« der Gegenwart tatsächlich eine gewisse Egozentrik beobachtbar. Die eigene Umwelt wird in solchen Fällen nicht selten als »Hindernis auf dem Weg zur eigenen Weiterentwicklung« gesehen, und vor dem Hintergrund der karmischen Lehre wird die soziale und gesundheitliche Schieflage Afrikas gerne auch mal mit dem Verweis auf einen »Kampfplatz junger Seelen« aus dem schlechten Gewissen hinfort erklärt. Diese und andere »egoistische«, ja herzlose Lesarten der Welt, in der wir uns befinden und deren wirkender Bestandteil wir sind, geht jedoch schwerlich auf das Konto der Esoterik, beruht sie doch auf der Missachtung ihrer fundamentalen Glaubenssätze. Wer ernsthaft darum bemüht ist, sich weiterzuentwickeln, hat sicher schon einmal etwas von dem wahrlich (r)evolutionären Konzept der Anteilnahme und dem karmisch absolut bedenkenlosen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehört.

Pointiert ausgedrückt: Die soziale Kälte ist der Kreuzzug und die Inquisition der Esoterik. Wer die Sorge um das eigene Seelenheil zum Anlass nimmt, menschliches Leid in Kauf zu nehmen, hat den Kern der Religion wie der esoterischen Spiritualität nicht verstanden. »Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,« wird Jesus in der Bibel zitiert. Ins esoterische Weltbild übersetzt mag man ergänzen: »Und das hast Du auch Dir selbst getan.«

Der neue Raub der Europa

Warum es uns gelingen muss, einen alten Traum vor dem Scheitern zu bewahren

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Europamüdigkeit. Der göttliche Stier, der die phönizische Prinzessin einst an griechische Gestade entführte, scheint seiner Eroberung zunehmend überdrüssig. Denn im Gegensatz zum Mythos sind Zeus und Europa noch immer ein Paar. Seit über 55 Jahren versuchen sie, über kalte Kriege und heiße Diskussionen hinweg, ihr Leben aufeinander abzustimmen. Der Kampf hat Spuren hinterlassen – und Europa ist, um bei dem Bild zu bleiben, ein wenig in die Jahre gekommen.

Doch die Falten und Runzeln der Europa sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es noch immer mit einer wunderschönen Braut zu tun haben. Die Idee eines Staatenbunds, der sich zusammentut, um Kriege im Inneren zu verhindern und Wohlstand für alle zu mehren, hat nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt. Angesichts einer sinkenden Wirtschaftsleistung in vielen Teilen der EU scheint es mit dem Wohlstand für alle jedoch nicht mehr so weit her zu sein. Und genau hier, nicht in der Waffenruhe und der Freizügigkeit, scheint die europäische Baustelle der Gegenwart zu liegen.

Wer derzeit einen Blick auf die Europäische Union wirft, wird sich des Eindrucks einer kulturellen Schizophrenie kaum erwehren können. Auf der einen Seite eine stetig anwachsende Schar grenz-überschreitender Pendler und europäischer Studenten, die sich ihre Ausbildung von Lissabon bis Warschau, von Stockholm bis Malta nach eigenen Gesichtspunkten zusammenstellen. Auf der anderen Seite eine Verordnungskrake, die Görlitzer Bäckern das Herstellen von »Schlesischen Streuselkuchen« verbietet – und einem ganzen Kontinent die Glühbirne. Was überwiegt – das Europa der Chancen oder das Europa der Hindernisse – kommt meist auf den eigenen Standpunkt an – und die eigenen Interessen. Wenn Europa ihr angekratztes Image verbessern will, wird es höchste Zeit, diese Interessen wieder ernst zu nehmen – statt einfach den Zeigefinger zu heben und wie Oma vom Krieg zu erzählen.

Ob Europa wieder sexy wird, hängt stark von ihrer Fähigkeit ab, den Zeitgeist ihrer Bewohner zu erspüren und sich gemeinsam mit ihnen zu verwandeln. Ein solches Erspüren aber geht nicht ohne die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit. Nicht Politiker, sondern Bürgerrechtler, Künstler, Aktivisten und Medienschaffende sind es, die in den einzelnen Staaten für eine stetige Neuverhandlung der Gesetze und der Normen eintreten – und diesen auch gegen den Willen ihrer Regierungen zum Durchbruch verhelfen. Europa aber fehlen diese basisdemokratischen Kräfte. Solange wir uns in erster Linie als Deutsche, Griechen und Franzosen begreifen, wird der Traum von einem gemeinsamen Europa ein Gedankenspiel intellektueller Eliten bleiben. Einem solchen aber wird das Recht, nationale Interessen auf Dauer zu beschneiden, zunehmend abspenstig gemacht werden.

Vor beinahe zwei Jahren hatte ich die Gelegenheit, den damaligen und jetzigen Präsidenten des europäischen Parlaments, Martin Schulz, im Audimax der Berliner Humboldt-Universität über »das demokratische Europa« sprechen zu hören. Er wies darauf hin, dass die nun bevorstehenden EU-Wahlen die ersten seien, die zentrale Elemente einer »europäischen Demokratie« enthielten, u.a. die Aufstellung internationaler Spitzenkandidaten der Parteien (so der deutsche Schulz für die Sozialdemokraten, der griechische Tzipras für die Linken) und die erstmalige Wahl des Ratspräsidenten direkt durch das neue Parlament.

Schulz formulierte in seinem Vortrag 10 Voraussetzungen, die nötig seien, um der europäischen Demokratie einen echten Neustart im Bewusstsein seiner Bürger zu ermöglichen. Mit auf seiner Liste standen: Eine europäische Öffentlichkeit, eine europäische Zivilgesellschaft und europäische Medien. Hier scheint er mir den Finger in die Wunde zu legen: Wie sollen wir als Europäer miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsame Träume entwickeln und nationale Bedenken überwinden, wenn wir – wie zu den Zeiten des Kaisers – unsere Informationen hauptsächlich aus nationalen Quellen beziehen?

Immer wieder heißt es, das Europa von morgen scheitere an den Egoismen von heute. Mit dem Vorwurf des Egoismus sollte man jedoch nicht nur in privaten Angelegenheiten sparsam hantieren. Wer einem anderen Menschen oder Staat Egoismus unterstellt, bringt damit doch meist nur eine gefühlte Verletzung des eigenen Egos zum Ausdruck. Die Bedenken, die Deutsche, Franzosen, Ungarn, Briten und Griechen dem europäischen Gedanken gegenüberbringen, sind nicht der Ausdruck eines blinden und törichten Egoismus, sondern der begründete Zweifel, ob all dies, was Brüssel heute so diktiert, wirklich mit einem guten Leben vereinbar ist. Wer diese Zweifel nicht ernst nimmt, ihnen inhaltlich mit wirklichen Reformversuchen entgegenkommt, ist nicht der bessere Europäer, sondern vielmehr sein Totengräber.

Es wird Zeit für ein neues Gespenst in Europa: den europäischen Bürger, der durch sein Engagement, seine Mitbestimmung im politischen Prozess und die Anwendung seiner Werte auch in der Außen- und Handelspolitik das weiterentwickelt, was ihm seine Berufspolitiker durch Überwindung von Waffengängen und Zöllen hinterlassen haben. Europa hat nur dann eine Chance auf Zukunft, wenn es sich – dem neuen Zeitgeist folgend – aus den Klauen von Lobbyisten und Spekulanten befreit; diesen neuen Raub der Europa durch die Demokraten aller Länder gilt es so schnell wie möglich durchzuziehen.

Wieviel Absicht verträgt der Zufall?

Nicht nur Moses, auch Darwin war ein Religionsgründer. Unangenehm wird das erst, wenn man »Gott« durch »Objektivität« ersetzt und dabei ganz sein Schicksal als ewiges Subjekt übersieht.

Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.« So lautete der Schluss des Anthropologen Jeremy Narby, nachdem er sich für seine Studien mit den Publikationen der Molekularbiologie auseinander gesetzt hatte. Grund hierfür ist seiner Meinung nach das Axiom (eine unbewiesene, aber grundlegende Behaup¬tung) der Zufälligkeit, das – mal explizit formuliert, mal indirekt vorausgesetzt – sämtliche Theorien der zeitgenössischen Naturwissenschaften zu durchziehen scheint. Er erläutert: »Das Objektivitätspostulat hindert seine Anhänger daran, irgendeine Art von Intentionalität (d.h. Absicht) in der Natur zu erkennen, oder anders gesagt: Wer es trotzdem tut, darf sich nicht mehr Wissenschaftler nennen.«

Narby scheint mir hier auf eine Kernfrage hinzuweisen, welche für die Diskussion zwischen Wissenschaft und Religion von allergrößter Bedeutung ist. In den Medien wurde viel von der »Kreationistischen Bewegung« in den USA berichtet, die die Auffassung vertreten, die wörtliche Interpretation der Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen (insbesondere das 1. Buch Mose) beschreibe die tatsächliche Entstehung des Lebens wie des Universums. Man muss kein Atheist sein, um zu erkennen, dass diese Diskussion mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts nicht zu vereinbaren ist. Interessant wird es erst, wenn man sich von den Polen »Bibel« und »Darwin« löst und sich stattdessen der universellen Frage »Zufall« oder »Absicht« widmet. Denn: Nicht Gott, sondern der Mensch ist – wie üblich – das Erkenntnisproblem.

Fassen wir den aktuellen Stand der Forschung (basierend auf Darwins in der Mitte des 19. Jahrhunders entwickelter Evolutionstheorie) noch einmal kurz zusammen: Evolution findet immer statt, ist nicht umkehrbar, wirkt auf allen Ebenen von Organismen und ist nicht auf ein Endziel ausgerichtet. Trotz zahlreicher Detailfragen sind sich alle Biologen in diesen zentralen Punkten einig – berühmt geworden ist der Ausspruch des russisch-amerikanischen Genetikers Theodosius Dobzhansky: »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.« Die Vererbungslehre geht ferner davon aus, dass immer jener Artgenosse überlebt, das am Besten an seine Umwelt angepasst ist – Stichwort: Survival of the fittest. Diese von Selektion und Mutation geprägte Theorie erklärt (wie viele Naturwissenschaften) vor allem den technisch-materiellen Ablauf der Evolution – was sie darüber hinaus über ihren Sinn aussagt, kann getrost als Spekulation betrachtet werden.

Spekulation insofern, als es – im Gegensatz zu der Frage, wie ein Gen gebildet und vererbt wird – letztlich eine Glaubensfrage ist, wie man diesen Gesamtvorgang zu beurteilen hat. 2010 befand der bekannte Physiker Steven Hawkins in seinem Buch »Der große Entwurf«, dass die Entstehung des Universums auch ohne einen bewussten Schöpfungsimpuls allein durch das Wirken der physikalischen Gesetze möglich gewesen wäre. Ist »Gott«, ist »Absicht« also »unnötig« geworden? Haben wir dadurch, dass wir der Maschine langsam auf die Spur kommen, tatsächlich die Fähigkeit erworben, über ihren Ursprung zu befinden?

Ich meine: Ja! Und das nicht etwa, weil die Antwort bereits feststünde, weil die Entscheidung zwischen Gott und dem Nichts, dem Zufall und der Absicht in irgendeiner Weise bereits entschieden wäre. Eine philosophische Diskussion auf der Höhe der Zeit erfordert von allen Beteiligten neben dem Einsatz ihres kritischen Verstands vor allem zweierlei: eine übergroße Portion Neugier und echte Unvoreingenommenheit. »Das Problem besteht nicht darin, Vorurteile zu haben, sondern darin, dass sie nicht offengelegt werden,« ergänzt Narby denn auch abschließend seine Ausführungen.

Wer aus weltanschaulichen Gründen beweisbare wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt, irrt meiner Meinung nach ebenso wie jener Wissenschaftler, der sich für »objektiv« hält, obwohl seine Interpretation der vorliegenden Erkenntnisse längst den Rang einer Weltanschauung erlangt haben.* Es wird Zeit für einen offenen und wertfreien Dialog, wollen wir nicht die einmalige historische Chance verpassen, unsere geistige und politische Freiheit für einen echten Erkenntnisschub zu nutzen.

Denn soviel steht fest: Wissen ist niemals ein Selbstzweck. Es verändert uns, egal woran wir glauben, in einer durch und durch evolutionären Art und Weise.

* Zu diesem Thema durfte ich anlässlich seiner Buchveröffentlichung „Der Wissenschaftswahn“ ein umfangreiches Interview mit dem ebenso umstrittenen wie verehrten Materialismus-Gegner und Biologen Dr. Rupert Sheldrake führen.

Warnung vor einem eifersüchtigen Gott

Warum uns gar nicht anderes übrig bleibt, als uns als Geschwister im Glauben zu begreifen

Neulich war ich mit einer Freundin im Kino. Wir sahen uns »Das Mädchen Wajda« an, den ersten saudi-arabischen Spielfilm überhaupt, noch dazu gedreht von einer Frau. Der Film porträtiert den spielerischen Kampf einer selbstbewussten Teenagerin, der es mit Schläue und Fleiß gelingt, ihrer von religiösen Regeln überregulierten Umwelt so etwas wie eine private Autonomie abzutrotzen.

Im Anschluss an den Film unterhielten wir uns über die unterschiedlichen religiösen Standards innerhalb der arabischen Welt – und die Auseinandersetzungen, zu denen sie in den vergangenen Jahren immer wieder geführt haben. Die Freundin, selbst eine Marokkanerin, begründete eine Vielzahl der religiösen Spannungen mit den unterschiedlichen Traditionen und Rechtsschulen des Islam. Diese Unterschiede seien mithin marginal; sie reichten von der Farbe des Witwenkleids bis hin zu den Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, damit ein Mann eine weitere Frau heiraten kann.

Als bekennenden Pluralisten verwundert mich die Ursache so vieler religiöser Auseinandersetzungen immer wieder – von Nordirland über Kaschmir bis hin nach Bagdad: die Angst vor dem Unterschied bzw. der Wunsch nach »der Ausrottung der Nichtübereinstimmung«, wie es der Althistoriker Ramsay MacMullen einmal genannt hat. Ich fragte die Freundin, weshalb es eigentlich erstrebenswert sei, dass eine Witwe von Casablanca bis Islamabad dieselbe Kleiderfarbe trägt – und was damit im spirituellen Sinne gewonnen sei. Sie zuckte die Schultern. »Das Problem«, fuhr sie schließlich fort, »liegt in der mangelnden Eindeutigkeit des Koran, der diese Fälle nicht explizit regelt.« Nein, entgegnete ich; das Problem liegt in dem mangelnden Verständnis des Menschen für die Schönheit unterschiedlicher Ansichten und Traditionen.

Seit zwei Jahrtausenden hassen und morden wir im Namen eines liebenden Gottes, Christen wie Muslime unterschiedlichster Konfessionen, und sind so von der eigenen Nähe zur Wahrheit überzeugt, dass uns schon die schiere Existenz abweichender Meinungen das Blut in den Adern gefrieren lässt – oder schlimmer noch, es in Wallung bringt in den Muskeln eines schwertbewehrten Arms. Ist es wirklich reine Biologie, die uns dazu verleitet, fremd anmutende Elemente unserer Gesellschaft so schnell wie möglich auszumerzen – oder ist es vielmehr die Folge einer kulturellen Seuche, die uns mit der Geburt der religiösen Missionierung um das 1. Jahrhundert herum erfasst hat?

Ich gehöre nicht zu der Fraktion von Menschen, die die Zustände der antiken Welt idealisieren; Sklaverei, hohe Kindersterblichkeit und starre soziale Grenzen werfen einen langen Schatten auf jenen berühmten »Römischen Frieden«, der den Ländern rund ums Mittelmeer für viele Jahrhunderte eine unvergleichliche wirtschaftliche und kulturelle Blüte bescherte. Natürlich basierte dieser Frieden auf einer Unterscheidung zwischen Innen und Außen, Römern und Barbaren, welche uns verbietet, von einem globalen Ausgleich zu sprechen. Zugleich aber gelang es ihm, Dutzende von Völkern und Sprachen, Sitten und Gebräuchen, Wetterzonen und Religionen in den Zustand einer Stabilität zu bringen, der im heutigen Mittelmeerraum seinesgleichen sucht.

Einer der Eckpfeiler dieser ausgewogenen und auf Ausgleich bedachten Politik war eine maximale kulturelle und religiöse Toleranz. Vor den theodosischen Edikten Ende des 4. Jahrhunderts konnte jeder im Reich glauben und denken, was er wollte. Diese Kunst der unaufgeregten Ideologie hatte das Römische Reich allen späteren Super-Nationen voraus. Das Herzstück dieser inkludierenden (statt ausgrenzenden) Religionspolitik war der im Polytheismus verankerte Toleranzgedanke. Statt Jahwes »Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott.« regierte vielmehr das von Apuleius überlieferte Bekenntnis der Isis: »Meine einzigartige göttliche Macht verehrt die ganze Welt unter vielfältiger Erscheinungsform, mit verschiedenen Bräuchen und vielfachen Namen.« Ganz so einfach haben es die heiligen Schriften der Juden, Christen und Muslime ihren Schäfchen wahrlich nicht gemacht.

Wer immer ein Interesse am Frieden und am Fortbestand der Menschheit auf dieser Erde hat, sollte jetzt aktiv darauf hinarbeiten, dass der mit den missionarischen Religionen verloren gegangene Pluralismus eine neue Blüte erlangt – über die staatlich gewährte (und letztlich spirituell desinteressierte) Religionsfreiheit hinaus. Gehen Sie zum Gebet in eine Synagoge, fasten Sie im Ramadan, feiern Sie eine Puja im Tempel Ihres Vertrauens! Und zeigen Sie nur einer Fraktion die hässliche Fratze der Intoleranz: Jenen Geistern, die ihrem eifersüchtigen Gott auch heute noch ihre Menschenopfer darbringen – auf Kosten der eigenen wie der anderen Leute. Erst wenn wir einsehen, dass göttliche Offenbarungen keine Rücksicht nehmen auf menschliche Alleinvertretungsansprüche, werden wir wieder in der Lage sein, uns im aufrichtigen Sinne des Wortes als Geschwister im Glauben zu begreifen – unabhängig von der Sprache unserer Gebete oder gar von Kleidervorschriften.

Von einem indischen Meister wird folgende Geschichte erzählt: Missionare hatten ihm in der Hoffnung, ihn zum Christentum zu bekehren, eine Bibel geschenkt. Als sie ein paar Wochen später wiederkamen, fragten sie ihn, wie ihm die Lektüre gefallen habe. Der Meister antwortete: »Inspirierend! Eine Quelle ewiger Weisheit!« Die Missionare, die sich schon am Ziel ihrer Bemühungen wähnten, sahen sich in seiner kleinen Hütte um. »Und wo hast Du die Heilige Schrift jetzt?« Der Meister zeigte mit der Hand auf ein kleines Bücherregal über seinem Bett. »Dort drüben, bei den anderen inspirierenden und weisen Schriften!«

Die schlechten Nachrichten sind die gute Nachricht

Wieso das Gefühl, von der Unübersichtlichkeit zermalmt zu werden, auch Grund zur Hoffnung ist

Eine Leserin, deren unkonventionelle Wärme ich sehr zu schätzen weiß, schrieb mir kürzlich einen Brief, der mich sehr zum Nachdenken brachte. »Ich bin so froh, schon über 70 zu sein, denn mit der heutigen Zeit kann ich nicht mehr viel anfangen. Überall nur Katastrophen und Kriege, eine Krise jagt die andere. Ich bin froh, in einer Zeit gelebt zu haben, in der wir Hoffnung hatten und so viel menschlicher zueinander waren.« Mit ihrem Seufzer hat diese Leserin etwas zum Ausdruck gebracht, das viele Menschen nicht nur in ihrem Alter bewegt, wenn sie in diesen Tagen die Nachrichten sehen.

Zunächst einmal ein paar Worte zu der Zeit, in der die Leserin den Hauptteil ihres aktiven Lebens zugebracht hat. Von »mehr Hoffnung« bzw. »weniger Krisen« kann angesichts einer nuklearen Dauerbedrohung im objektiven Sinne eigentlich nicht die Rede sein. Wie kommt es, dass diese Zeit trotz akuter Lebensbedrohung anders wahrgenommen wurde? Eine der häufigsten Antworten darauf nennt zwei Elemente: die einfache Struktur der Welt im Rahmen des Kalten Kriegs und der wirtschaftliche Aufschwung, verbunden mit einem recht naiven Glauben an die magische Maxime des Kapitalismus, dass alles letztlich immer bergauf ginge; dieses Prinzip lässt sich durchaus auf den Osten unseres Landes übertragen, da hier der »Westen« bei vielen als Sehnsuchtsort und Alternative immer mitschwang. Auf den Punkt gebracht: »Früher« lebte man entweder im besseren Deutschland – oder man wusste wenigstens, wo dieses zu verorten war.

Und heute? Wo die bessere Welt ist, ist in der Tat nicht mehr so klar. Die USA haben in der Folge ihres Kriegs gegen den Terror mit immer neuen schockierenden Rechtsbrüchen als Land der unbegrenzten Projektionen abgewirtschaftet; eine neue Supermacht mit sympathischem Antlitz ist nicht in Sicht. Vor China hat man Angst, Brasilien und Indien nimmt man bis heute nicht wirklich ernst und Russland scheidet aufgrund der innenpolitischen Eiszeit ebenso als Vorbild aus wie die stinkreichen, aber religionspolitisch höchst bedenklichen arabischen Ölstaaten. Nicht einmal die EU macht noch was her als Vorbild: Längst haben wir uns wieder in unsere nationalen Egoismen verrannt; ein Prozess, der eher zunehmen wird, umso stärker die Kaufkraft der europäischen Staaten sinken wird.

Und dann die ganzen unübersichtlichen Konflikte zwischen der westlichen und der islamischen Welt! George W. Bush und Osama Bin Laden ist es gelungen, einen globalen Partisanenkrieg in den Köpfen und an den Stammtischen/Koranschulen dieser Welt zu installieren. Ob Freitagspredigt oder Bild-Zeitung: Hektisch wird der eigenen Klientel die alte Kreuzzugspropaganda vermittelt: Die da wollen uns an den Kragen. Mit unterschiedlichen Idealen oder Lebensentwürfen hat das freilich wenig zu tun. Um es mal ganz plump zu sagen: Im Westen wie im Osten wollen die Menschen natürlich das Gleiche: glückliche Kinder, ein gerechtes Staatswesen und ausreichend Geld und Perspektiven für ein sorgenfreies Leben.

Was also tun, um sich von der Propaganda der andauernden Konflikte nicht verrückt machen zu lassen? Eine häufig praktizierte Lösung ist der Gang ins Private, die Verweigerung gegenüber politischen Vorgängen auf der Welt. Diese nachvollziehbare Sehnsucht nach ein bisschen Frieden, und sei er auch noch so illusorisch, fällt in Göttingen naturgemäß etwas einfacher als in Damaskus oder Hebron. Zielführend ist sie weder hier noch dort; wer sich nach einer heilen Welt sehnt statt für sie zu sorgen – und sei es nur durch den wirklich reflektierten Gang zur Wahlurne – hat eigentlich schon verloren. Der Grund dafür ist einfach: Die da wollen uns an den Kragen. Und damit sind nicht die Fundamentalisten gemeint, sondern jene Kräfte im eigenen Kulturkreis (wiederum hier wie dort), die fleißig an unserer Entmachtung basteln.

Und nun zum Kern meiner Antwort auf den Brief der engagierten Leserin: Die schlechten Nachrichten sind die gute Nachricht; die Unübersichtlichkeit ist unsere Chance. Ob im Römischen oder im Osmanischen Reich, im Weltkrieg oder im Kalten Krieg: Eindeutigkeit und klare Fronten sind der Tod einer jeden Mitwirkung. So wie die eigentlich internationalistisch ausgerichtete Opposition im ersten Weltkrieg dem Kaiser gegen den »Feind« die Treue schwor, verlieren wir gerade in den geordneten Verhältnissen jene Einflussmöglichkeit. Nur wenn die Aufspaltung in die anderen und wir in Frage gestellt wird, öffnet sich ein Fenster zu echter Mitgestaltung.

Dass diese Erkenntnis keine fahle Theorie ist, beweist die seit einigen Jahren immer deutlicher zu Tage tretende, internationale Protestkultur. Hier beweisen Menschen, dass sie sich von den Mächtigen der Welt nicht mehr in Kulturen, Religionen, Generationen oder Zielgruppen unterteilen lassen. Die Befreiung von der »selbstverschuldeten Unmündigkeit«, die einstige Maxime der europäischen Aufklärung und Anker der modernen Welt, ist drauf und dran, auf den Plätzen dieser Welt Gestalt anzunehmen. Bundespräsident Gauck, nicht umsonst eine Ikone des Widerstands, hat es in seiner Rede von der »europäischen Agora« im Februar auf den Punkt gebracht: Die Keimzelle einer freien Gesellschaft ist und bleibt »der Platz« als eine Möglichkeit der Begegnung und der Kommunikation – ob nun im virtuellen Raum, dem Internet, oder draußen auf der Straße.

Wir haben alles, was wir brauchen, um diese Welt zu einem Ort zu machen, an dem wir alle unseren Platz zum Leben finden. Es lebe die Krise; sie macht mir Hoffnung, sie macht uns menschlicher.

Gefährliche Ideale

Idealisten gelten gemeinhin als die besseren Menschen. Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.

Was macht mich zum Idealisten? Zum Idealisten macht mich zum Beispiel, dass ich Religion für eine gute Sache halte. Man wird mir sofort ins Wort fallen und sagen, gerade heute: aber die Religion ist doch die Ursache für so viel Leid, Krieg und Missverständnis. Würde ich dem beipflichten, wäre ich ein Realist. Ein Mensch, der das Konzept der Religion danach beurteilt, was sie angerichtet hat und noch immer anrichtet, betrachtet die Religion naturgemäß als etwas Destruktives, Naturfeindliches, zu Überwindendes. Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Demnach hat Idealismus nicht nur etwas mit Blindheit gegenüber der Realität zu tun, sondern auch sehr viel mit der Hingabe zur Möglichkeit. Sofort mag man sagen: oh ja, deshalb ist der Idealist ja keinen Deut besser als der Religiöse, denn Religion schafft all das Übel in der Welt ja gerade dadurch, dass sie die Menschen nicht einfach leben lässt, sondern verändern will im Sinne eines Ziels, das die jeweilige Religion gerade für erstrebenswert hält. Dann frage ich mich: Aber sind die Religiösen nicht auch die Konservativen? Was wiegt nun schwerer, ihr »realistischer« Hang zur Bewahrung des Vorhandenen oder ihr »idealistischer« Hang zur Verbesserung desselben?

Dass nicht nur Jesus, John Lennon und Mutter Theresa, sondern auch Mao und Adolf Hitler Idealisten waren, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Auch nicht, wenn man betrachtet, dass fast alle Kriege der letzten hundert Jahre zwischen Idealisten mit unterschiedlichen Idealen geführt wurden. Das gefährliche am Nationalsozialismus ist ja eben nicht die Tatsache, dass in den dreißiger Jahren durch die kollektive Blindheit eines ganzen Kontinents Halbaffen an die Macht gelassen wurden, die töten und vernichten wollten. Niemand wäre ihnen gefolgt. Die verführte Masse folgt stets dem Ideal. Das gefährliche an den Nationalsozialisten ist, dass sie nach ihrer Definition tatsächlich meinten, eine Welt des Lichts, der Befreiung und des Glücks zu errichten. Nirgends wird das klarer als in dem zynischen Urteil Himmlers, die Welt würde den Deutschen für die Vernichtung der Juden eines Tages dankbar sein. Das Unrecht lag darin, dass man diese lichte Welt exklusiv gestalten wollte und auf Kosten der restlichen Menschheit.

Wenn wir heute die Taliban und das Mullah-Regime in Teheran verurteilen, weil es mit unserem Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbar ist, Ehebrecher zu steinigen und Homosexuelle in Fußballstadien aufzuhängen, dann spüren wir eine berechtigte, eine natürliche Aversion gegen Menschen, die sich zu Richtern (und Henkern) aufspielen im Namen einer höheren Gerechtigkeit. So kommen wir unserem Problem vielleicht auf die Spur: Idealismus sollte vielleicht, wie alles Religiöse, ein Bestandteil des privaten Lebens bleiben. Hier besitzen Ideale einen unverkennbaren Wert. Wer Ideale hingegen mit Machtausübung verknüpft, riskiert einen hohen Preis. Doch was ist dann mit der humanitären Hilfe? Mit den Ökoaktivisten? Sind nicht auch sie politisch aktive, also nach Macht und Einfluss strebende Idealisten?

Wir sehen, wir befinden uns zwischen zwei Mühlsteinen. Und so werden wir uns auch weiterhin unseren Zickzackkurs durch die Ideale und Realitäten dieser Welt bahnen müssen, um zu einem Lebenskonzept zu gelangen, das für uns als denkende Menschen tragbar ist. Immer bereit zu hoffen und Veränderung zu wagen, aber niemals auf Kosten von Anderen.