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Die Zeit ist reif

Die Zeit, in der wir leben, scheint uns nicht mehr zu tragen. Unsere Tage sind Erinnerung an das Gestern, sind Gesten, die ins Morgen ragen. Nicht der gilt als Phantast, der von einer glänzenden Zukunft träumt, sondern der, der träumt von einer Zeit, die ihm den Glauben an die Zukunft lässt. Nicht der Frieden, sondern der Wunsch nach einer Waffenruhe bestimmt unsere Nachrichtenflut und enthauptet mit den Geiseln auch unsere Zuversicht.

Wer in diesen Tagen darauf pocht, Zeuge einer Zeitenwende zu sein, wird allenthalben Gleichgesinnte finden. Ob Syrien, die Ukraine oder Israel – das Weltkriegsjubiläumsjahr macht seinem Namen bislang alle Ehre. Kein Wunder also, dass selbst Nachrichtenverächter ein sanftes Gruseln verspüren, denken sie zurück an dieses abstinente Sommerloch. Grund genug für uns, die Köpfe in den Sand zu stecken und folgsam auf den Untergang zu warten?

Ich behaupte: Nein! Wer historische Vergleiche schätzt, braucht sich nicht mit dem Jahr 1914 zufrieden zu geben. Ein Blick in wesentlich ältere Schriften verrät: Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Die Älteren unter Ihnen werden sich noch daran erinnern: Am Anfang der sich überschlagenden Ereignisse steht eine geistige Revolution mit dem Namen Aufklärung. Nur 100 Jahre später erfolgte ihr Produkt gewordener Bruder: die industrielle Revolution, maßgeblich verursacht durch die Erfindung der Dampfmaschine. Alles, was unsere Gesellschaft heute entscheidend prägt, geht auf diese Zeit zurück: Automatisierung, Sozialstaat und Bildung für alle – aber auch Entfremdung, Sinnverlust und Beschleunigung.

Ist unsere Zeit deswegen eine Art notwendige Folge dieser Geistesblitze und Erfindungen?  Durchaus nicht. Die scheinbare Alternativlosigkeit historischer Entwicklungen ist alles, nur nicht eines: alternativlos. Für diese Theorie gibt es einen ganz einfachen Beleg: die griechischen Autoren der Antike. Rationalistische Religionskritik bis hin zum Atheismus? Längst dagewesen: in der attischen Sophistik, 5. Jahrhundert vor Christus. Die Dampfmaschine, der Ursprung der Automatisierung? Längst dagewesen: Im 1. Jahrhundert nach Christus, erfunden von Heron, dem Alexandriner. Erlebten wir deshalb ein antikes Zeitalter der Aufklärung und der Industrialisierung? Nein. Herons Erfindung blieb ebenso ohne Folgen wie die blasphemischen Theorien der Sophisten.

Selbst Pazifismus und Vegetarismus ist keine Erfindung der Gegenwart, wie es oft den Anschein hat. »Sich des Beseelten zu enthalten, machte Pythagoras unter anderem auch deshalb zum Gesetz, weil diese Übung Frieden stifte. Gewöhnten seine Jünger sich nämlich, Tiermord als ungesetzlich und widernatürlich zu verabscheuen, so mussten sie erst recht das Töten eines Menschen für noch viel größeren Frevel halten und daher keine Kriege mehr führen.« Gelehrt im 6. Jahrhundert vor Christus, aufgeschrieben von einem spätantiken Philosophen des 3. Jahrhunderts. Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist, behauptete einst Victor Hugo, der politisch engagierte Goethe der Franzosen. War der Mensch der Antike demnach einfach nicht reif für Tierschutz, Vernunft und Maschinen?

Vielleicht. Ich meine aber, dass diese Betrachtung – nicht umsonst von einem Dichter der Romantik inspiriert – erneut in die Falle des Fatalismus lenkt. Wer bestimmt den Reifegrad einer Gesellschaft für Ideen, die den alten ganz einfach überlegen sind? Die Nachgeborenen – oder jene, die unmittelbar mit ihnen konfrontiert sind? Kolumnistin Sybille Berg schrieb neulich: »Die Welt verändert sich. Und wir bestimmen ein bisschen mit, in welche Richtung.« Ohne das literarische Genie Hugos und Bergs gegeneinander ausspielen zu wollen: Diese Frau hat einfach recht. Mag sein, dass die Zeit reif ist für jene, die begreifen, dass Demokratie sich nicht in der
Markierung eines Stimmzettels hinter einem Vorhang erschöpft. Politische Demokratie, in der Antike ebenso revolutionär wie unerfolgreich, ist heute zum Standart geworden. Doch wie steht es um die gesellschaftliche, die kulturelle Demokratie?

Wir entscheiden, ob sich der Islamische Staat als Alternative zur westlichen Demokratie etabliert – oder untergeht, weil ihm die ideelle und damit auch irgendwann die finanzielle Unterstützung ausgeht. Wir entscheiden, ob wir Wladimir Putin zum Totengräber der Entspannungspolitik aufsteigen lassen – oder ihn an seine Pflichten als Präsident eines einflussreichen und kulturell bedeutenden Landes erinnern. Wir entscheiden, ob wir Europas Regierungen zu Feinden des Internationalismus werden lassen – oder sie dazu zwingen, neue Visionen für das geeinte Europa zu etablieren.

Die Abwendung des antiken Menschen von Tierschutz, Vernunft und Maschinen und seine Hinwendung zu einer orientalischen Erlösungsreligion hatte viele Ursachen: ökonomische, politische, soziale und nicht zuletzt ideengeschichtliche. Religion ist mehr als der Glaube an Gott oder die Götter. Sie war zu jeder Zeit der ganzheitliche Ausdruck einer Einstellung des Menschen zu seiner Welt. Sie spiegelte, wie heute noch, wider, was er von seinem Leben erwartete – bis hin zu einer Verlängerung desselben über den Tod hinaus. In keinem Feld unseres Lebens besitzen wir mehr Macht als in der Religion. Es wird Zeit, uns diese Verantwortung ins Gedächtnis zu rufen.

Religion, das ist die Antwort des Menschen auf seine Lebensumstände. Sorgen wir für eine Gegenwart, die den Unzufriedenen der Welt einen Glauben an die Zukunft lässt. Unsere Nachgeborenen werden es uns danken.

Emotionen satt

Der Widerstreit zwischen Verstand und Gefühl ist vermutlich so alt wie der Mensch selbst. In allen literarischen Werken der Menschheitsgeschichte spiegelt sich dieser Konflikt wieder – und nicht selten ist es gerade seine Unlösbarkeit, die den Helden oder die Heldin in den narrativen Abgrund reißt.

Gesellschaften wie Religionen haben es sich immer wieder zur Aufgabe gemacht, mit Hilfe von Gesetzen und Normen zwischen den Impulsen aus dem »Kopf« und dem »Bauch« zu vermitteln. Je nach Vorbildern und Idealen war es die eine oder die andere Seite, der – bei aller grundsätzlichen Zusammengehörigkeit – der größere Wert bzw. Nutzen für den Einzelnen wie die Gemeinschaft nachgesagt wurde. Galt es in Europa spätestens seit der Aufklärung als ausgemacht, die Lösungen der drängenden Menschheitsprobleme im Bereich des vernünftigen Handelns zu verorten, spielten in vielen totalitären Systemen wie dem Nationalsozialismus in erster Linie die Emotionen eine bestimmende Rolle. Der natürliche Dualismus des Menschen führte freilich dazu, dass keine dieser einseitigen Orientierungen lange unbeantwortet blieben: Auf die Aufklärung folgte die Romantik, auf den Faschismus die pragmatische Politik der »Bonner Republik«.

Die lange prognostizierte »Säkularisierung« der Welt ist nicht erst durch den islamistischen Terrorismus ad absurdum geführt worden. In Afrika und Lateinamerika sprießen charismatische Kirchgemeinden wie Pilze aus dem Boden und spätestens seit George W. Bush ist klar, dass auch die sogenannten westlichen Staaten vor einer neuen »politischen Irrationalität« nicht gefeit sind. Der Feind der Vernunft ist rasch ausgemacht: Der schran- kenlose Kapitalismus hat auf seinem Siegeszug sein wirksamstes Werkzeug in fast jeden Lebensbereich gespült: die Droge der Emotionalisierung. Einfach ausgedrückt: Je demokratischer, desto gefühlsbetonter. Die Masse, so die niederschmetternde Bilanz nach rund 100 Jahren Arbeiterbewegung, steht nun mal mehr auf Opium denn auf Studium.

Auch in esoterischen Kreisen gilt es weithin als ausgemacht, dass dem Gefühl im Zweifelsfall mehr Platz einzuräumen ist als dem Verstand. Hunderte von Ratgebern raten ihren Lesern dazu, mehr auf ihren Bauch zu hören, Meditationsgruppen bekämpfen Gedanken wie eine psychische Krankheit und Lebensberater beeinflussen mit Hilfe okkulter Hilfsmittel ihr unentschlossenes Klientel. Grund für das neue Vertrauen in die Irrationalität sind die überall sichtbaren Kollateralschäden der hemmungslosen Diktatur des Verstands. Doch halt: Gehen Umweltzerstörung, Ausbeutung der Dritten Welt und die zunehmende Vereinsamung der Menschen in den Wohlstandsgesellschaften wirklich auf ein Übermaß an Vernunft zurück? Ich meine, dass bei der Analyse unserer gegenwärtigen Situation scharf zwischen zwei Begriffen unterschieden werden muss, die allzu häufig in einen Topf geworfen werden – aufgrund ihrer gemeinsamen Opposition zur sogenannten Rationalität: Gefühle und Emotionen. Was unsere Gesellschaft derzeit durchmacht, ist eine flächendeckende Emotionalisierung; mit Gefühlen hingegen tut sie sich nach wie vor schwer. Auch wenn diese Definition nicht der psychologischen Terminologie entspricht, so wird doch deutlich, dass wir es bei diesen Begriffen mit unterschiedlichen Tiefen seelischen Erlebens zu tun haben. Pauschal gesagt hält eine emotionalisierte Gesellschaft Lust für das oberste Handlungsprinzip, während mitfühlende Menschen die allgemeine Verträglichkeit ihrer Wünsche zur Richtschnur ihres Handelns machen.

Die Emotionalität unserer gegenwärtigen Phase ist an sich nichts Bedrohliches; wer sie durchschaut, kann sich ebenso von ihren Zwängen befreien wie von der Gefühlskälte einer »neuen Sachlichkeit«. Gefährlich wird es erst, wenn eine von außen gesteuerte Gefühlsduseligkeit mit echten Gefühlen verwechselt wird: Scheinbare »Sensibilität«, die sich letztlich nur um die Befriedigung von kurzfristigen Affekten bemüht, verhindert echten Kontakt statt ihn zu erzeugen. Und Kontakt ist es letztlich, der echte Gefühle wie Mitleid, Liebe und Freundschaft ermöglicht und jene Schutzräume schafft, die wir brauchen, um dem Druck einer zunehmend gierigen Welt standzuhalten. Umweltzerstörung und Ausbeutung geht nicht nur auf einen Mangel an Gefühl, sondern auch auf einen gehörigen Mangel an Verstand zurück. So wird offenbar, dass Verstand und Gefühl nicht nur erfahrungsgemäß zusammengehören; auch die Neurowissenschaft hat längst herausgefunden, dass sich der uralte Widerspruch hinter den Kulissen kaum aufrecht erhalten lässt. Wie formulierte doch einst der damalige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Egon Bahr? »Verstand ohne Gefühl ist unmenschlich; Gefühl ohne Verstand ist Dummheit.«