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Die Selbstsucht der Sinnsucher

Engel und Licht, Heilung und Zufriedenheit: die Esoterikszene gilt als verschroben, aber sanftmütig. Manche jedoch halten sie für schlichtweg egoistisch.

Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaft« trägt den vielversprechenden Titel »Gegenwärtige Esoterik«. Der Autor, Jens Schnabel, ist ein evangelischer Gemeindepfarrer, der im Jahre 2006 über das Thema »Das Menschenbild der Esoterik« promovierte. Nach einer ausgezeichneten Definition der Esoterik nach ihrem Welt-, Menschen- und Gottesbild vertieft er sich in vier Kernvorstellungen gegenwärtiger esoterischer Strömungen: den »spritualistischen Monismus«, den »grenzenlosen Optimismus«, die geistigen »Gesetze« des Lebens sowie »Reinkarnation und Karma«. Diese Einführungen dienen dem eigentlichen Kernpunkt des Aufsatzes: den abschließenden Kapiteln »Auswirkungen der Esoterik auf unsere Gesellschaft« und eine Gegenüberstellung von Esoterik und Christentum.

Warum ich im Rahmen dieser Kolumne auf diesen Artikel zurückgreife, ist nicht die meiner Meinung nach fragwürdige »Bewertung« der Esoterik auf Basis christlicher Werte und Gedankenmodelle; hier mögen sich die Geister scheiden, ob es Sinn macht, das esoterische (wie moderne!) Fortschrittsdenken den theologischen Konzepten »Gnade« und »Heilsgeschichte« gegenüberzustellen und dem Reinkarnationsgedanken anzulasten, Gott durch Karmagesetze zu ersetzen. Hier findet meines Erachtens eine religiöse Enttäuschung oder Bestürzung des Autors ihren Ausdruck, die anders als religiös nicht beantwortet werden kann.

Ich bin Schnabel jedoch für einen Hinweis dankbar, der auch jenseits seiner Einstufung der Esoterik als ein dem Christentum unterlegenes Weltverständnis zum Denken anregt: der Hinweis auf die möglichen Konsequenzen des zutiefst individualistischen Ansatzes der Esoterik. Dem meiner Meinung nach unzutreffenden Schluss, Individualismus führe zwangsläufig zu einem Verlust bzw. einer Beliebigkeit der ethischen Haltung lässt er ein nachdenklich stimmendes Zitat des Religions- und Kultursoziologen Gottfried Küenzlen folgen: »So ist es nur konsequent, wenn im Umkreis der New Age-Bewegung, ja der Esoterik insgesamt, keine sozialen, humanitären oder caritativen Aktivitäten zu beobachten sind.«

Ist dem wirklich so? Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil konservativer Kreise, alles, was nach Freiheit riecht, für grundsätzlich chaotisch und unverantwortlich zu halten. Nicht umsonst gelten Menschen mit alternativen Lebensmodellen häufig als »Chaoten« oder »Radikale«, während sie sich selbst als »autonom« bezeichnen, d.h.: sich »das Gesetz selbst gebend«. Wer sich jedoch als Gesetzgeber versteht, hält sich in der Regel zumindest selbst für moralisch integer; der wahre Feind der Justiz ist seiner Meinung nach der zügellose Egoist und nicht der Individualist.

Genau hier sind die Übergänge jedoch nicht selten fließend, auch was Esoteriker betrifft. Obwohl ich es für ein ausgesprochenes Vorurteil halte, die Esoterik entziehe dem Menschen sein moralisches Gewissen, ist doch bei vielen »spirituell Suchenden« der Gegenwart tatsächlich eine gewisse Egozentrik beobachtbar. Die eigene Umwelt wird in solchen Fällen nicht selten als »Hindernis auf dem Weg zur eigenen Weiterentwicklung« gesehen, und vor dem Hintergrund der karmischen Lehre wird die soziale und gesundheitliche Schieflage Afrikas gerne auch mal mit dem Verweis auf einen »Kampfplatz junger Seelen« aus dem schlechten Gewissen hinfort erklärt. Diese und andere »egoistische«, ja herzlose Lesarten der Welt, in der wir uns befinden und deren wirkender Bestandteil wir sind, geht jedoch schwerlich auf das Konto der Esoterik, beruht sie doch auf der Missachtung ihrer fundamentalen Glaubenssätze. Wer ernsthaft darum bemüht ist, sich weiterzuentwickeln, hat sicher schon einmal etwas von dem wahrlich (r)evolutionären Konzept der Anteilnahme und dem karmisch absolut bedenkenlosen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehört.

Pointiert ausgedrückt: Die soziale Kälte ist der Kreuzzug und die Inquisition der Esoterik. Wer die Sorge um das eigene Seelenheil zum Anlass nimmt, menschliches Leid in Kauf zu nehmen, hat den Kern der Religion wie der esoterischen Spiritualität nicht verstanden. »Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,« wird Jesus in der Bibel zitiert. Ins esoterische Weltbild übersetzt mag man ergänzen: »Und das hast Du auch Dir selbst getan.«

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Wieviel Absicht verträgt der Zufall?

Nicht nur Moses, auch Darwin war ein Religionsgründer. Unangenehm wird das erst, wenn man »Gott« durch »Objektivität« ersetzt und dabei ganz sein Schicksal als ewiges Subjekt übersieht.

Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.« So lautete der Schluss des Anthropologen Jeremy Narby, nachdem er sich für seine Studien mit den Publikationen der Molekularbiologie auseinander gesetzt hatte. Grund hierfür ist seiner Meinung nach das Axiom (eine unbewiesene, aber grundlegende Behaup¬tung) der Zufälligkeit, das – mal explizit formuliert, mal indirekt vorausgesetzt – sämtliche Theorien der zeitgenössischen Naturwissenschaften zu durchziehen scheint. Er erläutert: »Das Objektivitätspostulat hindert seine Anhänger daran, irgendeine Art von Intentionalität (d.h. Absicht) in der Natur zu erkennen, oder anders gesagt: Wer es trotzdem tut, darf sich nicht mehr Wissenschaftler nennen.«

Narby scheint mir hier auf eine Kernfrage hinzuweisen, welche für die Diskussion zwischen Wissenschaft und Religion von allergrößter Bedeutung ist. In den Medien wurde viel von der »Kreationistischen Bewegung« in den USA berichtet, die die Auffassung vertreten, die wörtliche Interpretation der Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen (insbesondere das 1. Buch Mose) beschreibe die tatsächliche Entstehung des Lebens wie des Universums. Man muss kein Atheist sein, um zu erkennen, dass diese Diskussion mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts nicht zu vereinbaren ist. Interessant wird es erst, wenn man sich von den Polen »Bibel« und »Darwin« löst und sich stattdessen der universellen Frage »Zufall« oder »Absicht« widmet. Denn: Nicht Gott, sondern der Mensch ist – wie üblich – das Erkenntnisproblem.

Fassen wir den aktuellen Stand der Forschung (basierend auf Darwins in der Mitte des 19. Jahrhunders entwickelter Evolutionstheorie) noch einmal kurz zusammen: Evolution findet immer statt, ist nicht umkehrbar, wirkt auf allen Ebenen von Organismen und ist nicht auf ein Endziel ausgerichtet. Trotz zahlreicher Detailfragen sind sich alle Biologen in diesen zentralen Punkten einig – berühmt geworden ist der Ausspruch des russisch-amerikanischen Genetikers Theodosius Dobzhansky: »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.« Die Vererbungslehre geht ferner davon aus, dass immer jener Artgenosse überlebt, das am Besten an seine Umwelt angepasst ist – Stichwort: Survival of the fittest. Diese von Selektion und Mutation geprägte Theorie erklärt (wie viele Naturwissenschaften) vor allem den technisch-materiellen Ablauf der Evolution – was sie darüber hinaus über ihren Sinn aussagt, kann getrost als Spekulation betrachtet werden.

Spekulation insofern, als es – im Gegensatz zu der Frage, wie ein Gen gebildet und vererbt wird – letztlich eine Glaubensfrage ist, wie man diesen Gesamtvorgang zu beurteilen hat. 2010 befand der bekannte Physiker Steven Hawkins in seinem Buch »Der große Entwurf«, dass die Entstehung des Universums auch ohne einen bewussten Schöpfungsimpuls allein durch das Wirken der physikalischen Gesetze möglich gewesen wäre. Ist »Gott«, ist »Absicht« also »unnötig« geworden? Haben wir dadurch, dass wir der Maschine langsam auf die Spur kommen, tatsächlich die Fähigkeit erworben, über ihren Ursprung zu befinden?

Ich meine: Ja! Und das nicht etwa, weil die Antwort bereits feststünde, weil die Entscheidung zwischen Gott und dem Nichts, dem Zufall und der Absicht in irgendeiner Weise bereits entschieden wäre. Eine philosophische Diskussion auf der Höhe der Zeit erfordert von allen Beteiligten neben dem Einsatz ihres kritischen Verstands vor allem zweierlei: eine übergroße Portion Neugier und echte Unvoreingenommenheit. »Das Problem besteht nicht darin, Vorurteile zu haben, sondern darin, dass sie nicht offengelegt werden,« ergänzt Narby denn auch abschließend seine Ausführungen.

Wer aus weltanschaulichen Gründen beweisbare wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt, irrt meiner Meinung nach ebenso wie jener Wissenschaftler, der sich für »objektiv« hält, obwohl seine Interpretation der vorliegenden Erkenntnisse längst den Rang einer Weltanschauung erlangt haben.* Es wird Zeit für einen offenen und wertfreien Dialog, wollen wir nicht die einmalige historische Chance verpassen, unsere geistige und politische Freiheit für einen echten Erkenntnisschub zu nutzen.

Denn soviel steht fest: Wissen ist niemals ein Selbstzweck. Es verändert uns, egal woran wir glauben, in einer durch und durch evolutionären Art und Weise.

* Zu diesem Thema durfte ich anlässlich seiner Buchveröffentlichung „Der Wissenschaftswahn“ ein umfangreiches Interview mit dem ebenso umstrittenen wie verehrten Materialismus-Gegner und Biologen Dr. Rupert Sheldrake führen.