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Die Liebe, die uns fehlt

Einer der Gründe, warum ich diese Kolumne zu schreiben begonnen habe, ist das unbestimmte Gefühl, dass es einen entscheidenden Unterschied für unser Leben macht, was oder an wen wir glauben. Wer in unserer Zeit groß wird, bekommt früh zu hören, dass alles bereits gedacht, alles bereits gesagt worden ist. Kein leichtes Schicksal für eine Kultur, in der Originalität zu den Haupttugenden zählt. Was immer wir glauben, ist für unsere Gesellschaft sicher nicht sehr originell. Für den Einzelnen aber umso mehr.

Ob wir an einen Gott glauben oder nicht, an Geister oder Dämonen, Helden oder das Geld, ist nicht halb so wichtig wie die Frage, ob wir an eine Ordnung glauben, die dem Chaos in unserem Leben einen Sinn verleiht – oder nicht. Intellektuelle und Künstler neigen heute dazu, diese Frage angesichts unserer verheerenden Geschichte und der Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu verneinen. In ihrem Roman »Der Mann schläft« resümiert Sibylle Berg das Mantra einer Gesellschaft, die sich weder Fügung noch Karma vorstellen kann: »Es ist alles Zufall. Nichts hat man sich verdient, gutes Benehmen garantiert kein langes Leben, es gibt weder Gerechtigkeit noch Vernunft, es gibt keine göttliche Weltordnung oder was auch immer wir herbeisehnen, um uns nicht ausgeliefert zu fühlen. Es kann alles vorbei sein in der nächsten Sekunde, oder noch schlimmer: Es kann alles genauso weitergehen.« Die in Breslau geborene Dichterin Dagmar Nick gießt dieselbe existentielle Verlorenheit in eine noch poetischere Sprache: »Wir treiben durch luftlose Räume / Erloschenen Angesichts. / Die Nächte verweigern uns Träume, / die Sterne sagen uns nichts. // Wir haben den Himmel zertrümmert. / Das Weltall umklammert uns kalt.«

Was genau unterscheidet das Weltall vom Himmel und warum macht uns nicht glücklich, worin Friedensaktivist John Lennon noch die Lösung all unserer Probleme wähnte? Imagine there’s no heaven – above us only sky! Die Antwort liegt auf der Hand: Im Kosmos herrscht ein klares Kommunikationsproblem – der Himmel aber spricht zu uns mit Engelszungen. Was uns fehlt, ist weniger ein rationales Sinngefüge, die gedankliche Erkenntnis einer alles erklärenden Struktur als vielmehr: Aufmerksamkeit.

Die Gleichgültigkeit, mit der uns die Welt heute scheinbar gegenübertritt, beleidigt nicht nur unseren angeborenen Sinn für die eigene Bedeutung, sie verletzt auch das kindlichste und vielleicht kostbarste unserer Gefühle: die Sehnsucht danach, geliebt zu werden. Wie eine Studie der American Sociological Association 2010 zeigte, liegt einer der Hauptgründe für das subjektiv empfundene Glück vieler Konvertiten bzw. religiös »Wiedergeborenen« denn auch nicht im spirituellen Bereich. Ihr Fazit lautet: Nicht die Häufigkeit der Gebete oder gar der Gottesdienstbesuche, sondern die in den spirituellen Gemeinschaften erfahrenen Freundschaften verleihen den neuen Religiösen das gewisse Etwas. Viele Konvertiten sagen zudem aus, dass ihnen die neue Religion neben einem »Sinn« vor allem einen »Sinn für die Liebe« mit auf den Weg gegeben habe: Darin sind sich Christen, Muslime und Buddhisten einig. Interessanterweise beschreibt die Religionswissenschaftlerin Anne Sofie Roald die Konversion selbst als einen höchst emotionalen Akt, dessen erste Stufe den Namen »falling in love« – »sich Verlieben« – trägt.

Die Liebe nicht nur im zwischenmenschlichen, sondern auch im kosmischen Zusammenhang gehört mit Sicherheit zu den wirksamsten Gegnern moderner Sinnentleerung. In seinem flott geschriebenen und tiefgründigen Buch »Buddhismus 3.0«, das im englischen Original den treffenderen Titel »One City« trägt, entwirft der Meditationslehrer Ethan Nichtern ein verführerisches Gegenmodell zu der latent vorhandenen Angst, allein auf dieser Welt zu sein, abgeschnitten von aller göttlichen wie menschlichen Fürsorge. Seine These: Die Produkte, die wir nutzen, die Entscheidungen, die wir treffen – sie alle bilden das wahre »Internet«. In seiner humorvollen Einleitung schreibt er: »Zu diesem Zeitpunkt habe ich meine Wohnung noch immer nicht verlassen.Trotzdem bin ich schon mit dem größten Teil der gegenwärtigen und ehemaligen Bewohner der Welt in Kontakt getreten und habe mich auf sie gestützt. Ich habe auch bereits Entscheidungen getroffen, die die gegenwärtigen und zukünftigen Bewohner der Welt betreffen. Dabei habe ich gar nicht wahrgenommen, dass ich überhaupt mit irgendetwas oder irgendjemandem Kontakt haben könnte.«

Nichtern macht auf einen schlichten Zusammenhang aufmerksam, der uns in unserer Verzweiflung nur zu oft zu entfallen scheint: Wir selbst sind für die Liebe verantwortlich, die wir anderen geben, nicht die Welt, nicht Gott, nicht das Universum. Verletzungen und Enttäuschungen sind keine überzeugende Ausrede dafür, unseren Mitmenschen – und damit uns selbst – jene Aufmerksamkeit zu entziehen, die sie und die wir verdienen. Gutes Benehmen garantiert kein langes Leben – aber der liebevolle Umgang mit unseren Nächsten führt zu einem glücklicheren Leben – garantiert. Denn: Die Liebe, die uns fehlt, tragen wir direkt in unseren Herzen.

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Reinkarnation: Wie oft leben wir wirklich?

»Ich leb schließlich nur einmal!« Wer hat diesen Satz nicht schon oft zu hören bekommen, wenn es darum ging, sich durch kleine, eigentlich »unvernünftige« Handlungen vom Joch moralischer wie ökonomischer Grenzen zu befreien. Mit dem Argument der Einmaligkeit des Lebens rechtfertigen verschuldete Menschen unnötige Ausgaben, Übergewichtige ein zweites Dessert und Ehebrecher eine geheim zu haltende Romanze. Wer nur einmal lebt, so der Tenor der Eigennachsicht, hat ein gewisses Recht darauf, diese überschaubare Zeit nicht bloß zu arbeiten, zu erdulden und zu funktionieren. Die Konsequenzen der Einmaligkeit der eigenen Existenz wurde in der deutschen Sprache vielleicht nie schöner formuliert als vom Komponisten und Librettisten des »Waffenschmieds«, ALBERT LORTZING (†1851): »Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann, das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann. Doch muss man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben. Ich hab den Wahlspruch mir gestellt: Man lebt nur einmal in der Welt!«

Wer immer in Zukunft LORTZINGS Wahlspruch für sich in Anspruch nahm, tat es mit Sicherheit selten im Kontext christlicher Wertausübung, galt er doch vor allem der Entschuldigung kleinerer wie größerer Vergehen. Und doch ist das Konzept der Einmaligkeit des Lebens ein zutiefst christliches Erbe. Die Vorstellung, nur ein einziges Mal »auf der Welt« zu sein, ist die Folge jüdisch-christlicher Interpretation ihrer Quellen und Propheten. Auch der Islam folgt, bis auf wenige Ausnahmen, dieser »monobiotischen« Philosophie. Die gegenteilige Vorstellung, Leben sei eine Abfolge wiederholter Geburten und Verkörperungen, wird als typisch asiatisch angesehen und im Allgemeinen mit dem Buddhismus wie dem Hinduismus in Verbindung gebracht. Fast scheint es so, als sei der Glaube an die einmalige »Inkarnation« etwas typisch monotheistisches, der Glaube an »Reinkarnation« hingegen ein Überbleibsel polytheistischer Religionen und Kulturen.

WAS IST REINKARNATION?

Unter Reinkarnation (»Wieder-Fleischwerdung«) versteht man ganz generell eine an den Tod (die »Exkarnation«) angeschlossene erneute Manifestation einer Seele (oder eines mentalen Prozesses). Der neolateinische Begriff »Reinkarnation« geht auf den Spiritisten ALAN KARDEC (†1869) zurück und ersetzt die zuvor üblichen griechischen Bezeichnungen Metempsychose und Palingenesia. Synonym werden häufig die deutschen Entsprechungen »Seelenwanderung« oder schlicht »Wiedergeburt« verwendet.

Neben den bereits erwähnten asiatischen Traditionen gibt es zahlreiche andere Kulturen und Religionen, die an eine mehrmalige Inkarnation der Seele glaub(t)en. In den meisten historischen wie zeitgenössischen Fällen handelt es sich um Untergruppen bzw. eigenständige Strömungen innerhalb einer Hochreligion, in der Reinkarnation keine Rolle spielt oder im Gegenteil mehrheitlich sogar abgelehnt wird.

In der griechischen Antike machten sich Philosophen wie EMPEDOKLES, PYTHAGORAS und PLATON für eine körperliche Wiedergeburt stark. Jüngster Vertreter dieser Schule war der byzantinische Gelehrte PLETHON (†1450). Neben den christlichen Gnostikern glaubten, antiken Quellen zufolge, auch die Kelten und die Ägypter an die Wiedergeburt, was zumindest für letztere jedoch nicht Bestandteil der aktuellen Forschungsmeinung ist. Im Mittelalter entstandene Reinkarnationsvorstellungen sind eng mit den Katharern (Christentum), den Chassidim (Judentum) und den Drusen (Islam) verbunden. Während erstere als Ketzer von der Kirche ausgerottet wurden, ist der Glaube an »Gilgul« (Reinkarnation) im orthodoxen Judentum noch heute anzutreffen. Die Drusen, eine im Libanon, Syrien und Israel ansässige Glaubensgemeinschaft, stellt neben einigen Sufis die einzige islamische Tradition dar, die mehrheitlich von einer Reinkarnation der menschlichen Seele ausgeht.

Infolge des Interesses an den großen asiatischen Philosophien Ende des 19. Jahrhunderts gerieten – zunächst über die Theosophie und die Anthroposophie – immer mehr westlich geprägte Menschen in den Bann einer »möglichen Wiedergeburt«. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ergab 2001, dass 40% der Befragten ein Leben nach dem Tod und knapp die Hälfte davon die Vorstellung einer erneuten Wiederverkörperung ihrer Seele für möglich hielten, Zahlen, die sich in aktuellen Umfragen sogar noch annähern: 2010 glaubten dem Nürnberger Marktforscher GfK zufolge 35,4% an ein Fortbestehen der Seele und ganze 21,3% an eine wie auch immer geartete »Wiedergeburt«. Vielen vom Christentum und den staatlichen Ideologien des 20. Jahrhunderts enttäuschten Menschen erscheint die Auffassung, noch einmal geboren zu werden, als tröstlich, ganz im Gegensatz zur Interpretation der Reinkarnation in ihren »Ursprungsgegenden.« Versucht man im Buddhismus wie im Hinduismus mit allen Kräften, weiteren Leben auf der Erde zu entgehen, erscheint im Westen die Aussicht auf eine durch Wiedergeburt ermöglichte Verlängerung der eigenen Existenzdauer als vielversprechende Alternative zum Konzept von Zerfall, Bestrafung und ewiger Glückseligkeit. So steht der wachsende Zuspruch zu Reinkarnationsvorstellungen nur scheinbar im Widerspruch zur Philosophie des »Man lebt nur einmal.« Wiederholte Verkörperungen werden nicht als Quelle sich ständig wiederholender Qualen, sondern vielmehr als Garant sich ständig wiederholender Chancen
verstanden.

Heutige Wissenschaftler behandeln Reinkarnation als nichtreligiöses Phänomen und versuchen deshalb, Begriffe wie »Seele« oder »Geist« bei der Benennung der reinkarnierten Identität zu umgehen, und greifen stattdessen auf neue Begriffe (wie das »extra-zerebrale Gedächtnis« von H.N. BANERJEE) zurück. »Es gibt etwas Essentielles in manchen Persönlichkeiten, wie immer wir es charakterisieren, das nicht plausibel in Begriffen wie ‚Hirnzustände‘ oder ‚Eigenschaften von Hirnzuständen‘ oder ‚vom Gehirn erzeugte biologische Eigenschaften‘ zu erklären ist, da nach dem biologischen Tod dieser nicht-reduzierbare essentielle Wesenszug für einige Zeit fortzubestehen scheint, auf irgendeine Weise, an irgendeinem Ort, aus irgendeinem Grund, unabhängig vom Gehirn und vom Körper des betreffenden Menschen. Darüber hinaus lassen sich nach einiger Zeit einige dieser unreduzierbaren, essentiellen Wesenszüge einer menschlichen Persönlichkeit – aus welchen Gründen und mit welchem Mechanismus auch immer – in anderen menschlichen Körpern nieder, entweder während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt.« (Robert Almeder, A Critique of Arguments Offered Against Reincarnation)

REINKARNATIONSFORSCHUNG

Etwa zeitgleich mit einer Ausbreitung der Reinkarnationslehre im Westen im Umfeld der Hippie-Bewegung begannen auch Wissenschaftler, sich mit dem Phänomen der Wiedergeburt auseinanderzusetzen. Ursprung dieses akademischen Interesses bildet das Werk des kanadischen Biochemikers und Psychiaters IAN STEVENSON (†2007), der 1961 das erste Mal nach Indien reiste und seine für ihn selbst überraschenden Erkenntnisse über Reinkarnationsberichte 1966 unter dem Titel »Twenty cases suggestive of reincarnation« (zu deutsch: »Der Mensch im Wandel von Tod und Wiedergeburt«) publizierte.

STEVENSON konzentrierte sich bei seinen Forschungen weitgehend auf die Berichte von Kindern, um die Möglichkeit zu minimieren, dass es sich bei der »Erinnerung« an vergangene Leben in Wirklichkeit um bewusst oder unbewusst erworbenes Wissen handelt. Um es zuzuspitzen: Eine Engländerin Mitte 40, die sich seit ihrer Schulzeit für das Alte Ägypten interessiert und zahlreiche Bücher verschlungen hat, darf schon aufgrund logischer Gesichtspunkte nicht als zuverlässig gelten, wenn es darum geht, aufgrund ihrer Aussagen zu beweisen, dass es sich bei ihr um die Reinkarnation einer altägyptischen Prinzessin handelt, auch wenn dies in esoterischen Kreisen leider immer wieder der Fall ist. Man stelle sich vor, alle derzeit »reinkarnierten« KLEOPATRAS hielten ein jährliches Treffen in ihrer alten Hauptstadt Alexandria ab; mit Leichtigkeit ließe sich so die touristische Winterflaute dieser im Sommer pulsierenden Stadt am Mittelmeer beheben.

STEVENSONS Bericht ergab, dass Kinder in der Regel zwischen zwei und vier Jahren damit beginnen, von früheren Leben zu berichten, und zwischen sieben und acht wieder damit aufhören. Gegenstand ihrer Erinnerungen ist der ehemalige Wohnort, der Name von Angehörigen sowie der eigene, auffallend häufig gewaltsame Tod. Viele Kinder verfügen darüber hinaus über Muttermale und Missbildungen an Stellen, an denen Sie tödlich verletzt worden sind bzw. haben charakteristische, erst im Zusammenhang mit der vermeintlichen Todesart erklärbare Ängste und Phobien (z.B. Wasserangst infolge Ertrinkens).

STEVENSON betont, dass die Offenheit, mit der zum Beispiel die Drusen jenen Kindern begegnen, die von früheren Leben erzählen, die Anzahl der überlieferten Fälle stark ansteigen lässt. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, warum sich der Forscher lange Zeit ausschließlich mit Kindern aus Kulturen beschäftigte, die ohnehin an Wiedergeburt glauben. Kinder in Reinkarnations-feindlichen Gesellschaften hingegen kommen selten zu Wort, wohl auch, weil diese Berichte gar nicht erst an die Öffentlichkeit – und damit an die Ohren des Forschers – gelangen. Dies brachte ihm freilich auch den Vorwurf ein, sich auf Kinder zu verlassen, die unabhängig von echten »Erinnerungen« bereits mit Reinkarnationsvorstellungen in Kontakt gekommen waren und deren »kindliche Phantasie« somit nur den letzten Schritt alleine zu gehen brauchte.

Die Wissenschaftlichkeit von STEVENSONS Untersuchung bestand darin, die Fälle von Erinnerungen nicht bloß aufzuzeichnen, sondern sie auch auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. Zu diesem Zweck sammelte er vom Kind (und dessen Familie) möglichst viele belastbare Fakten über das angebliche frühere Leben, die ihm weiterhelfen konnten, den Verstorbenen eindeutig zu identifizieren. Wann immer dies möglich war und ein Toter zu den Beschreibungen des Kindes passte, brachte man den »Reinkarnierten« in das Haus seiner »ehemaligen« Familie, wo man ihn einer Reihe von Tests unterzog, die an die Rituale zur Auffindung eines neuen DALAI LAMA erinnern.

Exemplarisch für seine Vorgehensweise sei hier eine Stelle aus dem Bericht über den kleinen IMAD ELAWAR zitiert, den er in das in einem anderen Dorf liegende Haus der Familie Bouhamzy brachte. »Man zeigte Imad zuerst eine ziemlich kleine Fotografie von (seinem Bruder) Fuad in Militäruniform. Er erkannte dieses nicht wieder. Als man ihn aber fragte, von wem ein großes, an der Wand hängendes Ölbild sei, sagte er richtig: ‚von Fuad‘. Als man ihm eine mittelgroße Fotografie von IBRAHIM BOUHAMZY zeigte und ihn fragte, wer das sei, antwortete Imad: ‚Ich.‘ In diesem Fall hatte man ihm souffliert, sie sei von seinem Bruder oder Onkel, aber niemand hatte ihm den Wink gegeben, dass sie von Ibrahim war.« Selbst komplizierte Fragen, wie jene nach dem Aufbewahrungsort »seines« Werkzeugs oder nach der Form der Heizung wusste Imad korrekt zu beantworten. Durch STEVENSONS Notizen, die er selbst und noch vor der Begegnung der beiden Familien Elawar und Bouhamzy machte, sowie durch seine Nachforschungen vor Ort gelang es ihm, mit Sicherheit auszuschließen, dass es sich in Imads/Ibrahims Fall um Erinnerungsfehler seiner Kronzeugen oder vorsätzlichen Betrug handelte. Die starke emotionale Verbindung zu seiner »alten« Familie zeigte sich noch bis in Imads Jugendjahre hinein; als er z.B. 1973 vom Tod der Mutter Ibrahims erfuhr, zeigte er sich sehr betrübt und äußerte sich verärgert über den Umstand, nicht zur Beerdigung »seiner Mutter« eingeladen worden zu sein.

Im Gegensatz zu früheren Berichten über Reinkarnationserfahrungen, die im Laufe der Geschichte immer wieder belegt sind – im frühen 20. Jahrhundert berühmt geworden sind die Fälle der SHANTI DEVI/LUGDI DEVI und der VIRGINIA TIGHE/BRIDEY MURPHY – sah es STEVENSON als seine wissenschaftliche Pflicht, jeden einzelnen Fall so zu überprüfen, wie wir es bereits von der Parapsychologie her kennen: erst wenn wirklich jede andere Erklärungsmöglichkeit ausgeschlossen werden kann, sprach er von einem Fall, der Reinkarnation »nahelege«, ohne ihn freilich zum Beweis für Wiedergeburt als einem allgemeinen Prinzip zu stilisieren. Folgende Ursachen für die Reinkarnationsberichte eines Kindes mussten für STEVENSON zunächst eleminiert werden:

1. Betrug
2. Selbstbetrug
3. Kryptomnesie (bloßes Vergessen der Quelle der Erinnerung)
4. Paramnesie (Gedächtnisfehler des Kinds oder der Eltern)
5. Genetisches Gedächtnis
6. Außersinnliche Wahrnehmung
7. Besessenheit

REGRESSIONSTHERAPIEN

Etwa zeitgleich mit STEVENSONS Studien über die Aussagen »Reinkarnierter« begannen andere Psychologen wie THORWALD DETHLEFSEN, HELEN WAMBACH, BRIAN WEISS oder JOEL WHITTON, ihre Patienten selbst in vergangene Leben »zurückzuführen«. DETHLEFSEN beschreibt in seinem Klassiker der esoterischen Reinkarnationsliteratur »Das Erlebnis der Wiedergeburt«, wie er 1968 per Zufall auf diese Form der »Rückführung« stieß: Nachdem er einen jungen Ingenier durch Hypnose dazu gebracht hatte, einige einschneidende Erfahrungen seines Lebens in der therapeutischen Sitzung zu rekapitulieren, versuchte er herauszufinden, »ob es wohl auch möglich sei, die eigene Geburt wiederzuerinnern oder sogar wiedererleben zu lassen.« Der Versuch gelang, der Hypnotisierte schilderte unter Stöhnen und mit verändertem Atemrhythmus die eigene Geburt. »Dieser für mich überraschende Erfolg ermutigte mich, noch weiter in der Zeit zurückzugehen. Ich suggerierte ihm, er befände sich im Mutterleib, drei Monate vor seiner Geburt. Und schon erzählte er uns von seinen Eindrücken als Embryo. Doch ich wollte an diesem Abend noch mehr wissen. Ich suggerierte: Wir gehen jetzt noch weiter zurück – und zwar so lange, bis du auf ein Ereignis stößt, das du genau schildern und beschreiben kannst…« DETHLEFSEN erzählt, wie sein Proband nach einer kurzen Pause die Geschichte eines Mannes erzählte, »der 1852 geboren war, GUY LAFARGE hieß, im Elsass lebte, Gemüse verkaufte und schließlich als Stallknecht 1880 starb.« Der überraschte DETHLEFSEN wiederholte das Experiment mit anderen Patienten, und immer wieder tauchten vor den Geburtsschilderungen Fetzen von »Erinnerungen« auf, die eindeutig nicht mit dem jetzigen Leben des Hypnotisierten in Verbindung standen.

Das war der Beginn einer ganzen Flut von »Rückführungen«, die teilweise unter Hypnose, teilweise in Trance gemacht und von ihren Initiatoren dokumentiert wurden. Während sich HELEN WAMBACH auf die Schilderungen vergangener »Tode« spezialisierte, versuchten Forscher wie MICHAEL NEWTON oder TRUTZ HARDO, durch »karmische Ursachenforschung« tiefsitzende Traumata (wie die bereits geschilderten Ängste und Phobien von STEVENSONS Kindern) aufzulösen und nannten sich fortan »Reinkarnations-Therapeuten«.Grundlage ihrer Tätigkeit ist die Annahme, psychische wie körperliche Probleme hätten ihre Grundlage häufig in früheren Inkarnationen und könnten durch eine Wiedererinnerung verarbeitet werden. Wieder andere Forscher (wie WHITTON) versuchten, die Methode der Rückführung als Tor zum Jenseits zu nutzen und über die Erzählungen ihrer Probanden allgemeingültige Erkenntnisse über das »Leben zwischen den Leben« zu gewinnen.

Doch was ist dran an den Berichten der Hypnotisierten? Immer wieder ist versucht worden, die Aussagen der »Zurückgeführten« von Historikern überprüfen zu lassen, was sich aufgrund der historischen Quellenlage nicht immer als einfach erwies. Während sich BRIDEY MURPHY klar als ein Fall von Betrug bzw. Selbstbetrug entlarven ließ, waren viele Schilderungen vergangener Lebensbedingungen durchaus korrekt. Fälle von Xenoglossie (der Hypnotisierte sprach eine fremde, ihm zumindest in diesem Leben nicht vertraute Sprache) wie die Schilderung von den Probanden unmöglich vertrauten historischen Details legen zumindest in manchen Fällen eine Richtigkeit der Aussagen nahe – wie immer man diese auch interpretieren mag.

IST REINKARNATION BEWEISBAR?

Trotz den geschilderten Rückführungen und Stevensons beinahe 50jähriger Forschung, die inzwischen von seinem Kollegen BRUCE GREYSON fortgeführt wird, gelten Reinkarnation und Erinnerungen an ein vergangenes Leben bis heute als unter Wissenschaftlern äußerst umstritten. Ein besonders prominenter Kritiker an Stevensons Schlüssen wie Methoden ist der Philosoph PAUL EDWARDS: »Was ist wahrscheinlicher – dass es ‚Astralkörper‘ gibt, die in den Bauch von werdenden Müttern eindringen und das Embryo geistig ‚besetzen‘, dass sich Kinder an Ereignisse aus dem Leben von Personen erinnern, deren Gehirne schon lange tot sind? Oder dass STEVENSONS Kinder, ihre Eltern, die Zeugen und andere Informanten, unbeabsichtigt oder nicht, die Unwahrheit sagen – dass sie fabulieren, dass ihr fehlbares Gedächtnis und ihre schlechte Beobachtungsgabe sie dazu gebracht haben, falsche Aussagen zu machen und bei so genannten Wiedererkennungen zu schwindeln?« (Paul Edwards, Reincarnation: A Critical Examination)

Mehr noch als in den bereits geschilderten Fällen von Außersinnlicher Wahrnehmung, Telekinese und Nahtoderfahrungen scheint die Reinkarnationsforschung die Wissenschaft zu spalten. Fast scheint es, als ob die »religiöse Vorbelastung« dieses delikaten Themas eine wertneutrale Betrachtung der konkret vorliegenden Fakten besonders schwierig werden ließe. Wer sich also ernsthaft mit dem Thema der Reinkarnation beschäftigen möchte, ohne sogleich vom Fragenden zum Glaubenden überzugehen, sollte sich den Rat des Dokumentarfilmers MANUEL MITTERNACHT (»Reinkarnation«) zu Herzen nehmen, der dazu rät, den Ursprung jeder Quelle und die Gesinnung ihres Erzeugers ganz genau unter die Lupe zu nehmen: »Wissenschaftler, die mit den Aussagen von Kindern oder mit Muttermalen die Unsterblichkeit der Seele nachweisen wollen, sollten mit der gleichen Skepsis betrachtet werden wie uninformierte Kritiker, die das Gegenteil behaupten…«

Wie immer man sich persönlich zur Möglichkeit einer körperlichen Wiedergeburt verhält: ganz im Gegensatz zur scheinbaren Kompliziertheit ihrer physischen Umsetzung (vgl. die beißende Kritik EDWARDS) steht ihr schlichter philosophischer Charme. An die Stelle von Zufällen und unverständlichen Winkelzügen eines scheinbar ungerechten Gottes treten Weiterentwicklung und Eigenverantwortung und sorgen für eine gewisse Geborgenheit im ewigen Wandel von Raum und Zeit. Unabhängig von ihrer Beweisbarkeit ist es der alten Metempsychose gelungen, gleich zwei Grundbedürfnisse des postmodernen Menschen miteinander zu verbinden: den Glauben an den Fortschritt und das nicht minder einflussreiche Vertrauen in die Segenswirkung des Individualismus. Neben der Fähigkeit, sich angstfrei mit den eigenen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen, ermöglicht das Erlebnis der eigenen Tiefe in der Zeit zudem etwas, was vielen Menschen durch das Ende von Religion und Sinn schon verloren geglaubt schien. »Der Glaube an Reinkarnation schenkt dem Menschen Bedeutung… Jeder einzelne ist inkarnierte Unendlichkeit.« (Georg Schmid, Anfang und Ende des Glaubens an Reinkarnation)