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Jeder sollte begreifen, welche Bestimmung er hat

Unter vier Augen mit dem Meisterschamanen DON DIEGO (Spanien)*

Diego, du stammst aus Spanien und nicht aus Lateinamerika, wo Schamanismus bis heute eine große Rolle spielt. Wie bist du auf dieses in Europa doch eher exotische Thema gestoßen?
Wir alle tragen in uns ein Schicksal, dem wir nicht entkommen können. Die Vorsehung stieß mich sehr schnell auf dieses Thema, das ich bereits aus früheren Leben her kannte. Als ich siebzehn Jahre alt war, hatte ich einen Bekannten auf Mallorca, der einen sehr kranken Verwandten hatte, für den angeblich nichts mehr getan werden konnte. Mein Freund akzeptierte diese Diagnose nicht und ging ins Amazonasgebiet und brachte von dort einen Schamanen mit auf die Insel. Wie es der Zufall wollte, nahm ich an diesem Ritual teil. Als ich dem Schamanen sagte, was ich dabei erlebt hatte, bat er mir an, ihn nach Peru zu begleiten und bei ihm in die Lehre zu gehen.

Ein Schamane operiert mit einer riesigen Fülle von Wissen um Rituale und geistige Wirklichkeiten. Von wem hast Du das alles gelernt?
Ich hatte verschiedene Meister. Einer, der mich in Kontakt mit dem Thema brachte, einer, der mir die Wirkung von Bäumen erklärte, einer, der mir die Zubereitung von halluzinogenen Getränken beibrachte, und so weiter.

Du hast ja nicht nur im Urwald, sondern auch an einer Universität gelernt. Gibt es für dich einen Widerspruch zwischen deinem wissenschaftlichen und deinem schamanischen Wissen?
Nicht wirklich. Was ich an der Universität von Iquitos studierte, war Phytotherapie. Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt sehr für Pflanzen interessiert. Ich habe also den gleichen Gegenstand von verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet. Die spirituelle und die materielle Welt sind keine Gegensätze, sie stehen sich zwar gegenüber, aber gemeinsam bilden sie die Wirklichkeit. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die beide Realitäten studieren. Was wir letztlich begreifen müssen, ist die Tatsache, dass unser Leben nicht unendlich ist. Unsere Zeit auf der Erde ist sehr begrenzt. Jeden Tag, den wir erleben, haben wir einen Tag weniger. An der Universität lernen wir Dinge, die uns unser Leben vereinfachen und verbessern können, aber im Hinblick auf unser Ende sollten wir immer ein Auge auf die Bedeutung unseres Lebens gerichtet lassen, um zu begreifen, welche Bestimmung wir haben. Wenn wir sterben, ist es egal, ob wir Ärzte, Könige oder Anwälte sind. In diesem Moment zählt allein, ob wir uns gut auf den Übergang vorbereitet haben und ob wir mit uns in Frieden sind.

Was können Menschen, die nicht die Chance haben, eine Reise zu einem Schamanen zu unternehmen, tun, um mit der anderen Wirklichkeit in Berührung zu kommen?
Das Wichtigste ist, den Geist anzuhalten. Der Grund für unser Leid liegt darin, dass wir so viele Gedanken in unserem Kopf haben, dass wir so viel Zeit mit Denken verbringen. Wir sind ständig damit beschäftigt, etwas zu wollen. Kaum haben wir das Betreffende erreicht, lässt die Befriedigung darüber auch schon wieder nach. Und schon wollen wir wieder etwas Neues. Wir wollen diesen oder jenen Partner, aber nach zwei, vier, sechs oder zehn Jahren langweilt er mich wieder oder ärgert mich und ich ziehe wieder weiter. Dauerhaftes Glück wohnt nur den wenigsten Dingen oder Beziehungen inne. Dafür müssen wir uns jenseits der materiellen Welt umsehen. Gebete, Meditationen sind ein guter Weg, sich dieser Realität anzunähern. Stille erzeugt inneren Frieden. Das kannst du überall machen, egal, wo du lebst, welchen Job und welches Schicksal du hast. Jeder Moment ist der perfekte Moment, jeder Ort ist der perfekte Ort, um sich dem Göttlichen zu nähern.

Wie viele Schamanen nutzt du nicht nur Meditationen, sondern auch die bewusstseinserweiternde Kraft von Pflanzen. Was definiert einen solchen »schamanischen Zaubertrank«?
Materiell betrachtet handelt es sich dabei um eine Medizin in Form eines Tees. Sie wird aus einer Kletterpflanze mit Namen Ayahuasca gewonnen, welche man gemeinsam mit den Blättern der Chakruna-Pflanze nach bestimmten Regeln zubereitet und kocht. Es gibt unterschiedliche Zusammensetzungen von Ayahuaska und Chakruna, je nachdem, welche Absicht man bei einer solchen Visionssuche verfolgt und welche Stärke die Erfahrung haben soll. Spirituell betrachtet handelt es sich bei einem solchen Getränk um ein Werkzeug, sich selbst und seine innere Wahrheit kennenzulernen. Es gibt viele verschiedene Arten, Ayahuasca zu gebrauchen. Einige Stämme im Amazonasgebiet, die Schwarze Magie betreiben, nutzen die Informationen, die ihnen Ayahuasca vermittelt, für ihre düsteren Praktiken. Andere Stämme lehnen solche Hexerei strikt ab und lernen durch die Pflanze, wie man Krankheiten heilt oder seinen Lebensplan erkennt. Allgemein gesprochen gelingt es diesem Getränk, unseren Fokus nach innen zu richten und einen Zugang zu höheren Realitäten zu gewinnen. Für die »Suni Runa«, die sich durch das Trinken von Ayahuasca spirituell weiterentwickelt haben, ist es daher keine Droge, sondern ein Weg zum Göttlichen.

Das klingt nicht nur spannend, sondern auch gefährlich. Gibt es Menschen, die Ayahuasca alleine einnehmen, oder braucht man dafür immer einen Schamanen?
Egal wer, wann und in welchem Rahmen einen solchen Trank zu sich nimmt, sollte immer bedenken, dass diese Pflanze in der Lage ist, seinen oder ihren Körper subtileren Realitäten zu öffnen. Ein Schamane kann aufgrund seiner Ausbildung und seiner Erfahrung diese subtilen Realitäten unterscheiden. Ich gebe dir ein Beispiel: Als ich das erste Mal im Dschungel war, sah ich einfach nur eine riesige grüne Wand. Ich konnte überhaupt nichts erkennen. Sobald mir mein Lehrer eine neue Pflanzenart erklärt hatte, begann sie für mich aus dieser grünen Masse herauszutreten als das einzigartige Geschöpf, das sie ist. Mit den subtilen Realitäten verhält es sich ganz ähnlich. Am Anfang erkennt man keine Details, und alles strömt unterschiedslos auf einen ein. Abgesehen von dem »eigenen Prozess« sind da drüben in der anderen Wirklichkeit auch all die Schwingungen der Leute gespeichert, die bisher Ayahuaca getrunken haben, zu welchem Zweck auch immer. Durch das Trinken werden all diese Informationen wieder aktiviert. Der Schamane muss darauf aufpassen, all diese auf einen einströmenden Informationen zu filtern und seine Mittrinker energetisch zu schützen. Fehlt dieser Schutz, ist alles möglich. Es gibt ja keine Kontrolle, nur den wilden Effekt der Pflanze. Ich kannte einmal einen Mann, der unkontrolliert Ayahuaca zu sich nahm und in der Folge Stimmen in seinem Haus hörte. Damit verängstigte er nicht nur seine Frau und seine Kinder, sondern kam sogar mit der Polizei in Konflikt, die nach verborgenen Einbrechern suchen sollten. In der Folge musste er nach Peru reisen und seinen Körper völlig von den Einflüssen der Pflanze reinigen, um seine Kanäle für die andere Welt wieder zu verschließen und Frieden zu finden. Ansonsten gilt: Alles, was man während einer Sitzung mit Ayahuasca erfährt, entspricht deinem Karma. Du kannst dich nicht drücken, aber auch nicht verbiegen. Durch Ayahuasca kommen alle Dinge zum Vorschein, für deren Verarbeitung du sonst vielleicht Jahre bräuchtest. Das kann eine harte Erfahrung sein, aber danach fühlst du dich ungemein befreit, und es wird viel einfacher, den eigenen spirituellen Weg zu verfolgen.

Wie muss ich mir die Wirkung einer bewusstseitserweiternden Erfahrung mit Ayahuasca vorstellen? Funktioniert sie wie eine Bibliothek, in der ich die Antworten auf all meine Fragen nachschlagen kann, oder gibt es nach der Einnahme eine Art eigenes Programm, das die Pflanze verfolgt?
Ayahusca trifft dich immer genau dort, wo du gerade stehst. Wenn das der richtige Augenblick für deine Fragen ist, wird sie die die Antworten darauf geben. Sie wird dir in einer wirklich atemberaubenden Schnelligkeit Einsichten und Weisheiten vermitteln. Man merkt, dass du keine Erfahrung mit Ayahuasca hast, denn wer ihre Wirkung einmal erlebt hat, wird nicht mehr zwischen seinen Fragen und ihren Antworten unterscheiden. Sie beantwortet nicht nur bewusste, sondern auch unbewusste Fragen, die wir vielleicht nur in unserem Inneren spüren, ohne je über sie nachgedacht zu haben.

Kann von einer solch tiefgreifenden Erfahrung auch eine Gefahr für die psychische Stabilität ausgehen?
Das kann passieren, wie bei allem im Leben, das wir erfahren und das uns überrascht. Meiner Erfahrung nach sind wir alle mit dem Göttlichen verbunden, Du kannst es Mutter Erde nennen oder Gott oder Universum, das spielt keine Rolle. Während einer Zeremonie trägt diese Verbindung mit einem Bewusstsein, das größer ist als du selbst und das alles Leben miteinander verbindet, den Namen Ayahuasca, aber letztlich stammt es einfach aus der selben Quelle wie alles, was dir in deinem Leben begegnet. Entscheidend für deine Erfahrungen mit Ayahuasca ist der Schutz und die Erfahrung des Schamanen, der dich begleitet, und der Punkt in deinem Leben, an dem du gerade stehst. Ich glaube nicht, dass Ayahuasca dir etwas zufügt. Es zeigt dir nur, was du bereits in dir trägt – ob das nun ein verborgenes Talent oder eine schlummernde Psychose ist. Ein erfahrener Schamane kann solche unerwünschten Enthüllungen mit anderen Pflanzen wieder eindämmen und dein seelisches Gleichgewicht wieder herstellen. Das ist auch der Grund, warum der Schamane im Dschungel als Arzt und Heiler gilt.

Du arbeitest auch mit Mantras und indischen Göttern, sprichst von Karma – wie verbindest du das mit deinen südamerikanischen Ritualen?
Am Anfang der Zeit gab es keine Trennung. Damals hatten alle Menschen noch einen höheren Grad spiritueller Verbundenheit und die gleiche Vorstellung davon, was das Leben für uns Menschen bedeutet. Diese Leute waren überall auf der Erde verstreut. Sie kannten die Vergangenheit und die Zukunft. Sie wussten, dass eine Zeit kommen würde, in denen die Menschen diese natürliche Verbindung verlieren und ihr Wissen vergessen würden. Deswegen entwickelten sie Wege und Techniken, um gegen das Vergessen anzuarbeiten. Sie haben Traditionen begründet. Durch ihre Persönlichkeiten und die Orte, an denen sie lehrten, gaben sie ihren Traditionen eine bestimmte Färbung. Die Quelle aller religiösen Traditionen bleibt aber dieselbe. Das ist wie mit Milch. Du kannst daraus Käse machen oder Yoghurt oder Butter. In seinem Kern aber bleibt es ein Produkt der Milch. Im Dschungel von Peru lehrten sie uns, wie man sich und seinen Geist reinigt, um höhere Realitäten wahrzunehmen und tief in das eigene Ich einzudringen. In China lehrten sie uns chinesische Medizin und energetische Heilweisen für den Körper, in Indien Ayurveda. Man muss immer unterscheiden zwischen der Realität, die eine Kultur untersucht, und ihren Werkzeugen. Die Unterschiede bestehen aus der Oberfläche, nicht aus der Quelle. Sie gehen auf unsere Gedanken und unsere Urteile zurück. Jedes Urteil verändert die Realität für uns. Es gibt eine schöne Geschichte dazu: Man führte 10 Blinde in einen Raum mit einem Elefanten. Danach befragte man sie, was sich darin befände. Der eine, der den Fuß des Elefanten berührt hatte, beschrieb ein Tier wie ein Baum, rund und stabil, fest auf dem Boden verankert. Ein anderer, der den Rüssel in Händen hielt, protestierte: Nein, im Gegenteil, das Tier sei sehr beweglich und dünn und es befände sich stetig in Bewegung. Derjenige aber, der den Bauch vor sich hatte, schüttelte den Kopf. Es bewegt sich nicht und es steht auch nicht. Statt dessen schwebt es über dem Boden, und das, obwohl es riesig ist und mit den Armen nicht zu umfassen.

Wir befinden uns in einer Welt, die nicht nur von einer immer mehr zusammenrückenden Wirtschaft, sondern auch von religiösen Spannungen geprägt ist. Was können wir deiner Meinung nach tun, um von den unterschiedlichen Traditionen wieder zurückzufinden zu der alle verbindenden Quelle?
Zunächst einmal: Ein »wir« in diesem Sinne gibt es nicht. Das ist, was man in einer Zeremonie lernt: Obwohl man sie gemeinsam miteinander vollzieht, erlebt jeder seine eigene Erfahrung. Fortschritt kann es nicht kollektiv geben, sondern nur individuell. Und zwar dadurch, dass du Energie von den Sinnen und Gedanken abziehst und sie der Erforschung deiner inneren Wirklichkeit zur Verfügung stellst. Das ist alles, was du tun kannst für den Weltfrieden. Wenn du dich weiterentwickelst, werden sich die Menschen um dich herum ändern. Das geschieht sehr natürlich, wie bei einer Domino-Schlange.

Wenn du einen Wunsch frei hättest für dich und für die Welt, was würdest du dir wünschen?
Inneren Frieden. Dass sich jeder innerlich ruhig fühlt, und ich ebenso.

* Don Diego ist Gründer, Leiter und Meisterschamane der spirituellen Vereinigung »Sachavacay« mit Hauptsitz in einem Reservat im peruanischen Regenwald. In jahrelangem Studium eignete er sich ein umfassendes Wissen über die Eigenschaften und die Wirkungen der dort ansässigen Pflanzen an, welches er heute in schamanischen Zeremonien an Menschen aus der ganzen Welt weitergibt. In Ergänzung zu seiner spirituellen Ausbildung studierte er Psychologie, Naturheilkunde und Biochemie an den Universitäten von Alicante (Spanien) und Iquitos (Peru). Neben magischen südamerikanischen Liedern, so genannten »Icaros«, arbeitet der passionierte Musiker und Massagetherapeut auch mit dem Einsatz von indischen Mantren, Tabak und psychoaktiven Substanzen. Weitere Informationen zu seiner Arbeit finden sich auf folgender Webseite: http://www.sachavacay.org

Die geistige Welt ist wie das Internet

Unter vier Augen mit dem Medium PAUL MEEK (Großbritannien)*

Mr. Meek, wie kommen Sie darauf, mit verstorbenen Menschen in Kontakt zu stehen?
Ich habe schon als Kind Dinge vorausgesehen, und das war für mich ganz natürlich und überhaupt nicht außergewöhnlich. Aber ich habe dafür häufig eine aufs Dach bekommen. Ein Beispiel: Ich habe meiner Mutter im Alter von 7 gesagt: Die Nachbarin bekommt einen Jungen, und dann hat sie wirklich einen Jungen bekommen. Ich wusste ja nicht einmal, was Schwangerschaft bedeutet! Vorher hat meine Mutter beim Stricken der Kindersachen immer weiße Wolle genommen; sobald sie bemerkte, dass meine Aussagen treffsicher waren, hat sie gleich blau für einen Jungen und rosa für ein Mädchen genommen. Eines Tages habe ich ihr gesagt: Du brauchst nicht weiterstricken, das Baby ist tot. Meine Mutter wurde sehr wütend und hat mich auf mein Zimmer geschickt. Zwei Tage später wurde die Frau ins Krankenhaus gebracht; sie hatte eine Fehlgeburt. Da habe ich das erste Mal gemerkt: Es ist nicht so einfach mit den Prognosen.

Das klingt ein bisschen wie „The Sixth Sense“. Haben Ihnen diese Erfahrungen nicht Angst gemacht?
Mit 13 habe ich zum Glück von einer Schulfreundin gehört, dass ihre Mutter zu einem Heiler in der »spiritualitischen Kirche« geht. Dort habe ich instinktiv gefühlt: Hier gehöre ich hin! Durch eine sehr liebenswürdige ältere Dame bin ich dann in eine Ausbildungsgruppe geraten. Sie hat mir gezeigt, dass ich meine Begabung kontrollieren lernen muss, damit die Begabung nicht am Ende mich kontrolliert. Danach war ich schlauer und wusste, was ich sagen kann und was nicht. Das war meine Rettung. Ich denke oft daran, was wäre gewesen, wenn ich in Deutschland auf die Welt gekommen wäre. Dann wäre ich mit 13 vielleicht in der Psychiatrie gelandet und nicht in einer medialen Ausbildung. Wahrscheinlich hätte mich meine Mutter zum Arzt geschleppt und gesagt: Der Junge hört Stimmen aus dem Jenseits und sieht verstorbene Seelen! Gott sei Dank geht man in England etwas offener mit diesem Thema um. Als ich dann mit 13 begann, erste Sitzungen in der Nachbarschaft abzuhalten, hat meine Mutter nicht mehr geschimpft. Es war ihr vermutlich noch immer nicht recht, aber sie hat sich gedacht: Wenn er den Leuten helfen kann, kann es so schlecht nicht sein. Sie hat das toleriert. Ich denke, für Kinder kann so ein Talent eine große Belastung sein.

Eine Gesellschaft, die eine jenseitige Existenz ablehnt, sei es aus Angst heraus oder aus wissenschaftlicher Skepsis, hat natürlich das Problem, dass Menschen, die diesen Weg trotzdem gehen wollen, keine wirkliche Ausbildungsperspektive haben.
Das ist vor allem in Deutschland ein Problem, es gibt hier diese Tradition nicht. Das liegt natürlich auch in der deutschen Geschichte, im Dritten Reich zum Beispiel war das alles verboten. England war hingegen immer etwas isoliert, eine Insel eben. Heutzutage gibt es auch hier allmählich wieder Ausbildungen, aber vor 30, 40 Jahren war das richtig schwer in Deutschland.

Ist das Angebot hierzulande nicht auch zu unübersichtlich? Wie weiß ich als „Suchender“, welcher Seminarleiter kompetent ist?
In England gibt es dafür Organisationen, bei denen man als Medium ausgebildet werden kann, es gibt Institutionen wie die SNU, die Spiritualists‘ National Union oder die Greater World, eine spiritualistische christliche Organisation. Über zwei Jahre lang kommt ein Bewerber dorthin, vielleicht fünf oder sechs Mal insgesamt, um seine Fähigkeiten testen zu lassen, ganz anonym, um festzustellen, was für eine durchschnittliche Leistung er über einen langen Zeitraum hin erbringen kann. Besteht er diese Tests, bekommt er ein Diplom. Ich finde das eine gute Einrichtung, weil man so sicher sein kann, dass ein »Medium« eine nachweisbare Leistung zu erbringen vermag. In Deutschland kann sich leider jeder »Medium« nennen.

Halten Sie es für realistisch, dass sich auch in Deutschland ein solcher Dachverband gründen wird?
Eines Tages ja. Je bekannter Medialität wird, desto wichtiger wird das werden. Ich gebe in meiner Ausbildung zum Beispiel nur dann eine Urkunde, wenn der Betreffende in der Lage ist, einen echten Jenseitskontakt herzustellen. Bei mir werden alle Schüler auf Herz und Niere geprüft. Ich halte nichts von Kursen, bei denen nach zwei Jahren alle Beteiligten ein Diplom bekommen. Einer braucht vielleicht zwei Jahre, einer vielleicht sechs, und der Dritte ist einfach nur verrückt. Ich trage da ja eine Verantwortung, wenn ich meine Absolventen auf die Menschheit loslasse. Für diejenigen, die meine Ausbildung bestanden haben, lege ich meine Hand ins Feuer, denn ich weiß, dass sie in der Lage sind, echte Sitzungen abzuhalten, zumindest, was den Zeitpunkt ihrer Prüfung
betrifft. Was einige Jahre später ist, weiß ich natürlich nicht, ob sie schlechte Gewohnheiten entwickelt haben oder vom rechten Weg abgegangen sind.

Was genau ist eigentlich ein Medium?
Der Begriff »Medium« wird hierzulande leider etwas schwammig verwendet. In England haben wir die Begriffe »Psychic« und »Medium«: Ein »Psychic« ist ein Mensch mit übersinnlichen Fähigkeiten, also jemand, der Lebensberatungen gibt und Fragen beantwortet wie »Soll ich mein Haus verkaufen?«, »Betrügt mich mein Mann?« oder »Nimmt meine jugendliche Tochter Drogen?« Psychics können Zukunftsprognosen geben, aber manchmal spüren sie auch, dass ein Trauerfall in der Familie vorliegt oder dass sich jemand in der Nähe des Klienten aufhält, der nicht mehr von dieser Welt ist. Dann raten sie ihm in der Regel, zu einem Medium zu gehen. In England und den USA sind das, vergleichbar mit unterschiedlichen Fachärzten, zwei getrennte Bereiche. »I’m going to a psychic« bedeutet: ich gehe zu einer übersinnlichen Lebensberatung, von Karten über Glaskugel bis hin zum Aura-Reading. »Ich gehe zu einem Medium« bedeutet: Ich suche einen Jenseitskontakt.

Man müsste also eigentlich eine klare Nomenklatur in Deutschland einführen und dann eine gewisse Kontrollinstanz, vergleichbar einem eingetragenen Berufsverband, einführen, der klare Richtlinien vorgeben kann?
Das Problem ist, dass die Deutschen das Wort »Medium« neben der Esoterik auch im Sinne von Zeitung oder Fernsehen oder Radio verwenden. Es herrscht eine totale Begriffsverwirrung. Eigentlich bräuchte man im Deutschen einen neuen Begriff. Ich selbst verwende »Jenseitsmedium«, das ist ein relativ klarer Begriff. Im Englischen ist die ursprüngliche Bedeutung von Medium noch greifbarer, die aus dem Lateinischen kommt: »medium« ist ganz wertneutral »das in der Mitte«. Das ist wie bei T-Shirts: es gibt Small, Medium und Large. Ich erkläre die Aufgabe eines Mediums immer
gerne mit einer Autobahn. Dort gibt es drei Spuren und drei Geschwindigkeiten. Ein Medium fährt in der Mitte und kann die langsame Spur wahrnehmen, das ist unsere Welt, und die schnelle Spur, das ist die geistige Welt. Das Medium ist immer in der Mitte zwischen den Welten.

Jenseits aller Begriffsverwirrungen scheint das Interesse an Kontakten mit der anderen Welt auch in Deutschland enorm, wie der Erfolg von US-Serien wie »Medium« oder »Ghost Whisperer« belegt.
Ich war selbst im Gespräch mit einigen Sendern, die Interesse an einem solchen Konzept hatten. In letzter Minute haben sie einen Rückzieher gemacht – aus Angst. Alle Jahre wieder kommt ein Redakteur, der von den erfolgreichen Formaten aus England und den USA (»Crossing Over«) beeindruckt ist, auf die Idee, eine solche Sendung auch in Deutschland zu produzieren, und dann bremst man ihn wieder aus. Deutschland scheint mir diesbezüglich ein ganz hartes Pflaster.

Das hat natürlich auch historische Gründe.
Der Deutsche hat aufgrund des missbrauchten Okkultismus während des Dritten Reichs Angst davor, die Vernunft zu verlieren. Er hat schnell das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ja, aber ein weiterer Grund könnte der große Einfluss der Kirche in Deutschland sein, die sich über die Kirchensteuer finanziert. Auch haben kirchliche Würdenträger immer noch viel zu sagen. Das Besondere an der Haltung der Kirche ist der Umstand, dass am Beginn der Kirche Propheten standen. Auch sie waren hellsichtig und hatten Kontakt mit der geistigen Welt. Die Medien von heute beweisen ja gerade die Botschaft des Christentums: Es gibt ein ewiges Leben!

Ich wundere mich immer über die Haltung der monotheistischen Religionen, die ihre jeweils letzten Propheten als das Ende der Gespräche Gottes mit den Menschen wahrnehmen.
Letztlich begrenzt das ja die göttliche Kraft. Man kann nicht sagen, Gott ist die größte Kraft auf der Welt, aber er hat plötzlich aufgehört, sich mitzuteilen. Gerade im Christentum ist das doch verblüffend. Wo ist denn der Heilige Geist heute? Ich glaube aber, dass sich das langsam verändert. Ich habe in meinen Seminaren in Südtirol auch einige Priester und Nonnen, die sich sehr für
dieses Thema interessieren und darin eine Verbindung zu den Quellen ihres Glaubens sehen.

Ich denke, dass das immer auch mit dem Stichwort Autorität zusammenhängt. Es hat natürlich Konsequenzen für eine religiöse Institution, wenn man nicht mehr der Einzige ist, der »direkten Kontakt« hat. Angenommen, der kleine Gemeindepfarrer erhält die Antworten auf seine Fragen direkt »von oben«, dann sind die Weisungen des Papstes natürlich weniger bindend für ihn und seine Gemeinde.
Absolut. Gleichzeitig breitet sich die Medialität immer mehr aus. Und damit wächst natürlich auch die Verantwortung. Das ist ganz oft ein abwägender Prozess, der viel Erfahrung im Umgang mit Menschen erfordert. Wenn ein kranker Klient zu einem Lebensberater kommt und dieser sagt ihm auf den Kopf zu, dass er bald sterben wird, dann ist das ebenso fahrlässig wie ein Berater, der ihm gegen das eigene Wissen falsche Hoffnungen macht. Bei vielen Beratern fehlt ganz einfach eine gewisse therapeutische Grundbildung. Ein Heilpraktiker kann ja auch erst eine Praxis aufmachen, wenn er seine Prüfung bestanden hat.

Da stellt sich natürlich die Frage: Besitzt Ihrer Meinung nach jeder Mensch ein angeborenes Talent zum Geisterflüsterer?
Jeder Mensch besitzt auf jeden Fall eine angeborene Sensibilität, die sich trainieren lässt. Im Deutschen gibt es für diesen Vorgang ein schönes Wort: Wahrnehmung. Wenn ein sehr praktisch veranlagter Mensch in einen Bus steigt, setzt er sich auf den ersten freien Sitzplatz. Sensible Menschen laufen etwas tiefer in den Bus hinein und finden dann intuitiv zu einem Platz, der für sie »passt«. Das hängt mit der Energie der Umsitzenden zusammen. Und diese Sensibilität hat grundsätzlich jeder, der sie zulässt. Davon abgesehen ist Medialität natürlich ein Talent wie jedes andere: der eine bringt mehr Musikalität mit, der andere weniger. Doch nicht alle Menschen wissen von ihrer medialen Begabung. Einige, die zu mir in den Kurs kommen, entdecken erst in meinen Seminaren, dass sie hoch medial sind. Das hängt oft damit zusammen, dass ihre Eltern ihre medialen Eingebungen als kindliche Phantasien abgetan haben. Ich denke, dass Kinder in diesen Fällen ihre Medialität durchaus blockieren können, bis sie wieder gewollt ist.

Wenn Sie Ereignisse ganz konkret voraussagen können: Wie steht es in einer solchen prognostizierbaren Welt um die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst zu bestimmen?
Ich denke, wir haben immer die volle Verantwortung. Wir können uns beraten lassen, aber letztlich sollten wir unser Schicksal nicht in die Hände von fremden Personen legen. Denken Sie an die Konsequenzen! Wenn ich mich blind von Prognosen abhängig mache, ende ich wie eine Marionette: Ich muss mich nur noch auf die Straße setzen und alles kommt, wie es kommen muss. Das ist mir zu einfach. Meine Meinung ist: Die Hauptschritte im Leben sind vorausgeplant. Angenommen, es ist – wie in meinem Fall – mein Schicksal, von England nach München zu kommen, so kann ich das auch über lange Jahre in den USA oder einen Umweg über Paris tun. Das Leben ist ein Zusammenspiel von Schicksal und freiem Willen. Im Englischen gibt es für das Schicksal zwei Begriffe: das positiv klingende »Destiny« und das negativere »Fate«. In der Pop-Musik heißt es daher immer »You are my destiny.« Dieses Wort hängt spürbar mit dem Wort »destination« (Reiseziel) zusammen, was man in diesem Fall als »Du kommst an, wo du ankommen musst« verstehen kann. Fate ist das lateinische »fatum«: Du kannst nicht weg. Es kommt, wie es kommen muss. Das deutsche Wort »Schicksal« gibt Auskunft über eine andere Facette dieses Zusammenhangs, die eigentlich sehr optimistisch stimmt: Etwas wird dir »geschickt« und zwar zu deinem »salus«, also zu deinem Heil.

Warum ist der Drang des Menschen, den Kosmos auf technischem Wege zu erobern, in unserer Gesellschaft völlig legitim – ganz im Gegensatz zu der von Ihnen postulierten Möglichkeit, auf geistigen Bahnen ins Universum zu reisen?
Ich glaube, das liegt auch daran, dass der Tod zumindest in der westlichen Kultur keinen guten Stand hat. Engel und Licht werden positiv betrachtet, aber für die Toten muss man beten, sie befinden sich in einem Raum, der uns gruselig anmutet. Das ist natürlich auch etwas schizophren. Das ist sicher eine Folge unserer religiösen Vergangenheit.

Pointiert formuliert macht uns das Jenseits Angst, das Weltall aber erzeugt unsere Neugier.
Ich glaube, das wandelt sich gerade. Man denke nur mal an Hollywood. In letzter Zeit entstehen dort immer mehr Filme, die sich mit dem Übernatürlichen auseinander setzen, und die stellen das Jenseits immer positiv dar. Die Bücher von Dan Brown, TV Shows wie »Crossing Over«, all das spricht für die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Interessant sind natürlich in diesem Zusammenhang auch immer wieder die Aussagen von amerikanischen Wissenschaftlern, dass die geistige Welt zwar nicht bewiesen werden kann – aber auch nicht widerlegt.

Welche ungewöhnlichen Sorgen von Angehören sind Ihnen bei Ihrer Arbeit schon begegnet?
Viele Menschen im Westen gehen heute von der Möglichkeit einer Reinkarnation aus, weit mehr, als noch an das traditionelle christliche Auferstehungsmodell glauben. Das ist nicht immer nur tröstlich. Manche Menschen haben auch Angst, ihre Angehörigen nicht mehr im Jenseits zu treffen, sobald sie gestorben sind. Das nachtodliche Wiedersehen war ja immer ein großer Trost in der christlichen Religion. Ich sage diesen Menschen dann immer: Nur ein Teil der Seele inkarniert, ihr größter Teil bleibt jedoch im Jenseits. Symbolisch ausgedrückt ähnelt jede Familie einem großen Wald: Unter der Erde sind alle Bäume über ihre Wurzeln miteinander verbunden bzw. berühren sich, egal ob Opa, Oma, Vati, Tochter oder Cousin. Wenn ein Mensch geboren wird, verlässt ein Ast seinen Stammbaum und wächst in die Welt hinaus. Stirbt er, so zieht sich seine Kraft einfach wieder in den Stamm zurück, konzentriert und sammelt dort all sein Wissen. Der Stamm ist während einer Inkarnation aber niemals abwesend.

Das erinnert mich an das buddhistische Modell des »Impulses« anstelle einer fest umrissenen Seele, die immer wieder ein- und ausgeht in der Welt.
Dieses Bild hilft auch, um Zwillings-Schicksale besser zu verstehen: Hier teilt sich ein Ast. Das ist auch der Grund für die große Sensibilität dem Zwilling gegenüber, das Spüren einer unsichtbaren Verbindung, auch über große Entfernungen hinweg – und den großen Verlust, wenn einer der beiden zuerst stirbt.

Wenn wir als Menschen wirklich frühere Leben geführt haben: Warum erinnern wir uns dann Ihrer Meinung nach nicht an sie?
Die Vergangenheit ist tot, du hast genug zu tun mit diesem Leben. Es gibt so viele neue Herausforderungen, die Erinnerungen an all die früheren Existenzen würde ein Leben enorm überfrachten. Denken Sie nur daran, wie viele Kriege, Plagen und Grausamkeiten sich in früheren Jahrhunderten ereignet haben. Was für eine Last wäre es für ein kleines Kind, sich an seine Rolle als
Henker oder Soldat zu erinnern. Ich glaube, das Vergessen ist letzten Endes ein großes Geschenk.

Eine letzte Frage: Wie steht ein hauptberufliches Medium zu privaten Seancen oder Geisterbeschwörungen?
Ich möchte das mal so formulieren: Wenn ich krank bin und den Schlüssel zu einer Apotheke hätte, könnte ich viel falsch machen. Wenn ein Arzt für mich reinginge und mir ein Medikament holt, kann relativ wenig passieren. In der jenseitigen Welt kommt noch dazu, dass es viele Ebenen gibt, in der zum Teil auch unwissende Geister Auskunft geben wollen. Diese muss man erkennen, und das kann der Laie häufig nicht. Ich würde daher jedem Anfänger raten, zu einem ausgebildeten Medium zu gehen, wenn er Fragen an das Jenseits hat. Grundsätzlich gilt: Die geistige Welt ist immer offen für uns, wir haben immer Zugang zu ihr, wenn wir uns dafür interessieren. Ohne Schutz kann daher vieles in die Hose gehen. Die geistige Welt ist wie das Internet: nur wer Umgang und Erfahrung damit hat, kann die richtigen Informationen aus ihr ziehen.

* Paul Meek, geboren in Wales, Musikstudium in London, Anstellung als Opernsänger u. a. bei den Bayreuther Wagner-Festspielen. Im Jahr 1993 hat Paul Meek die Opernbühne verlassen und sich nur noch der Medialität, die schon in seiner Kindheit erkannt und gefördert wurde, gewidmet. Seit dieser Zeit lebt er in Deutschland und wurde durch seine überragende hellseherische Begabung und Arbeit, aber auch durch seine Auftritte im britischen, deutschen, österreichischen und japanischen Fernsehen, bekannt. Er gilt als eines der bekanntesten Jenseitskontakt-Medien in Europa. Weitere Infos: http://www.paulmeek.de