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Zum Totlachen und Reinkarnieren

Unter vier Augen mit dem Kabarettisten GERNOT HAAS (Österreich)*

Bist Du ein »Schauspieler aus Berufung« oder gab es vor den Brettern, die die Welt bedeuten, noch andere Stationen für Dich?
Ich habe auch sehr viel anderes gemacht, aber die Schauspielerei war schon immer mein Wunschberuf. Meine Eltern wollten, dass ich etwas Gescheites lerne, deswegen habe ich Jura studiert. Aber schon mit 14 hatte ich meinen ersten PR-Job für Jeremy Jackson aus Baywatch. Daneben habe ich auch PR für andere Stars wie Hanson und Christina Stürmer gemacht, alles ohne das Wissen meiner Klassenkameraden. Mit 16 habe ich dann noch eine Telefonfirma neben der Schule aufgebaut. Aber irgendwann dachte ich: Jetzt will ich nicht mehr nur für andere arbeiten, sondern selber spielen. Das habe ich nebenbei in Graz auch immer wieder getan. Aber erst durch die Begegnung mit Elfriede Ott, einer in Österreich sehr bekannten Schauspielerin und Schauspiellehrerin, kam ich endlich dazu, mein Hobby zum Beruf zu machen.

Was hat Dich besonders geprägt in Deiner bisherigen Laufbahn?
Was ich am interessantesten finde, ist die Beobachtung von Menschen im Alltag. Da braucht man nur mehr sehr wenig hinzuzuerfinden, wenn man das, was um einen herum geschieht, auf die Bühne bringt. Das gilt auch besonders für den Esoterik-Bereich, wo sich ja auch viele originelle Gestalten tummeln.

Für Deinen ersten Solo-Abend hast Du Dir einen recht außergewöhnlichen Gegenstand ausgesucht… Kannst Du uns ein bisschen darüber verraten?
In dem Programm geht es um die Sinnsuche einer Friseurin, die bei AstroTV – in diesem Fall heißt es SpiritTV – anruft und von einer Kartenlegerin erfährt, dass sie 92 Jahre alt wird. Zwei Tage später wird sie von einem LKW überfahren und kommt in den Himmel. Dort stößt sie auf zwei prominente Engel – Rudolf Moshammer und Franz Joseph Strauß – die nicht genau wissen, wo sie die Vreni hinbringen sollen, weil sie ja keiner Religion und keiner Partei angehört und auch nicht bei Facebook ist. Also entscheiden sie sich, die Vreni zurück auf die Welt auf Sinnsuche zu schicken. Kaum ist sie zurück, hat sie diesen Impuls, Seminare zu besuchen. Sie geht nacheinander in ein Schutzengelseminar, zu einem Heiler, in einen Astrologie-Kurs und schaut sich so diesen ganzen Bereich an. Der Plan der beiden prominenten Engel ist es, sie wieder umzubringen, herausgefunden hat. Ich spiele alle 23 Rollen selbst, in Kostüm, mit 2 Livemusikern und Dialog gehen kann und die die Handlung weiterführen, auch
wenn ich mich gerade umziehe.

Interessierst Du Dich auch privat für Spiritualität oder wie bist Du auf Dein Thema gekommen?
Ich habe sehr starke Krankheitsängste gehabt und war im Jahr bei 30 bis 50 Ärzten. Dadurch ist meine Angst immer schlimmer geworden, denn die haben mich natürlich verunsichert. Da hat mir eine Freundin ein Buch empfohlen, »Der Magus von Strovolos«, geschrieben von Kyriacos Markides, über einen Heiler aus Zypern, den Daskalos, der 1995 gestorben ist. Das habe ich extrem interessant gefunden, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass da etwas dran ist, dass jemand wie Jesus Blinde und Gelähmte heilen kann durch Berührung, dass er Verstorbene sehen kann und aus seinem Körper gehen kann. Also habe ich begonnen zu recherchieren und habe herausgefunden, dass der Autor ein sehr anerkannter Universitätsprofessor aus Amerika ist. Das war schon mal eine glaubwürdige Quelle. Über eine Homepage bin ich zu einem seiner Schüler gekommen, dem Paul Skorpen aus München, der zuerst Student des Professors war und dann nach Zypern ging und 7 oder 8 Jahre engster Schüler des Daskalos war. Über ein halbes Jahr hatten wir schriftlich korrespondiert. Und als ich erfuhr, dass er auch Seminare in Geistigem Heilen anbietet, habe ich mich entschieden, ein solches Seminar zu besuchen. Paul sagte gleich zu Beginn »Glaubt mir nichts, bis ihr es selbst erlebt habt, sonst wird es zu einem Glaubenssatz. Und es darf keine Dogmen und keine Hierarchien geben. Es ist alles in jedem von uns vorhanden und die Wahrheit lässt sich immer erfahren.“ Das war mir sehr sympathisch, und durch die Erfahrungen, die ich bei dem Seminar und danach gemacht habe, hat sich mein Leben sehr positiv verändert, und auch meine Krankheitsängste haben sich aufgelöst.

Wie unterscheidest Du ganz persönlich für Dich gute von schlechter Esoterik, blanke Geldmacherei von dem Wunsch, sich weiterzuentwickeln?
Ich hab das Glück, dass ich sehr gut spüre, was für mich richtig oder stimmig ist, und mich ziehen unseriöse Leute eigentlich überhaupt nicht an. Ich habe oft ein Seminar abgesagt, wenn ich das Gefühl hatte, der Leiter ist nicht stimmig. Die Astrologin Andrea Buchholz hat mir mal gesagt, ich hätte eine glückliche Konstellation in meinem Horoskop, nach der ich die richtigen Leute anziehe. Aber klar: Die Esoterik ist nicht umsonst so verrufen, weil es schon viele schräge Gestalten gibt, die da herumlaufen.

Gibt es Berührungspunkte zwischen Deiner Arbeit als Künstler und Deinem privaten Interesse an der Esoterik?
Ich unterrichte ja auch in einer Schauspielschule Dialekte und Akzente. Was ich da reingebracht habe, ist das energetische Schauspiel. Das heißt, wenn man sich wirklich für eine Rolle verwandeln will, führt eigentlich kein Weg vorbei am energetischen Schauspiel. Maryl Streep macht das zum Beispiel so, sie verwandelt sich für jede Figur. Die meisten Schauspieler spielen leider noch immer sich selbst und rezitieren einfach Texte. Das wär mir viel zu langweilig. Der Weg hin zu wirklich glaubhaften Figuren kann eigentlich, ähnlich wie bei der Familienaufstellung, nur über Figuren, die im morphogenetischen Feld abgespeichert sind, führen und nicht über den Kopf. Manche Schauspieler kommen natürlich durch eigene traumatische Erlebnisse in die Rollen rein, aber für die ist der Beruf meist total selbstzerstörerisch. Ich glaub, das Ziel ist es, selbst in seiner Mitte zu sein und aus dieser Mitte heraus in alles hereinschlüpfen zu können. Wenn ich weiß, dass ich nichts bin, kann ich auch alles sein.

Du machst Dich hauptberuflich lustig über die Suche nach dem Sinn – gibt es für Dich einen Zusammenhang zwischen Humor und Erleuchtung?
Lachen ist nicht nur eins der schönsten Dinge, über Lachen kann man auch ganz viel erreichen. Wer lacht, der öffnet sich. Ich merke das an den Reaktionen aus dem Publikum, auch in Form von Briefen, in denen mir Zuschauer erzählen, sie hätten begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Und das, obwohl sie dem vorher eigentlich ablehnend gegenüber gestanden sind, nur weil sie mein Programm so erfrischt hat und weil da so viele spannende Ansätze drin waren. Ich glaube, dass es generell nicht gut tut, an Dinge zu ernst heranzugehen.

Wenn man den ganzen Tag in fremde Rollen schlüpft: Was ist Dir privat in Deinem Leben wichtig, wo würdest Du niemals tauschen wollen?
Die Menschen, die ich um mich herum habe. Auf alles andere könnte ich eigentlich verzichten, aber über meine Familie und Freunde bin ich sehr glücklich und darüber, was für spannende und interessante Menschen ich kennen darf.

Wenn Du je einen Wunsch frei hättest für Dich und die Welt – was wären das für Wünsche?
Gesundheit und Frieden natürlich, auch wenn das ein Klischee ist. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass die Menschheit ihren Blick erweitert auf das, was wirklich wichtig ist. Man ist ja immer nur bei sich. Geht es wirklich nur darum, dass man erfolgreich ist und sein Ego befriedigt und Anerkennung bekommt? Wenn wir wirklich wüssten, dass 2012 die Welt unterginge, wie würde sie dann aussehen? Vermutlich ginge es dann vor allem darum, miteinander gut auszukommen und sich zu versöhnen und mit sich selbst in einem gewissen Frieden zu leben.

* Der gebürtige Grazer Gernot Haas steht seit seinem 21. Lebensjahr als Schauspieler auf der Bühne. Bekannt ist er auch als Stimmenimitator und Fernsehschauspieler (Tatort, Inga Lindström). Jetzt tourt er mit seinem ersten, von Publikum und Presse gleichermaßen umjubelten Solo-Programm »Esoderrisch« durch Deutschland und Österreich. Die »Presse« titelte »Kabarett der Spitzenklasse«, die »Grazetta« bezeichnet den übersinnlichen Abend als »bestes Kabarettprogramm seit vielen Jahren«. Termine und Trailer: http://www.esoderrisch.com.

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Die Selbstsucht der Sinnsucher

Engel und Licht, Heilung und Zufriedenheit: die Esoterikszene gilt als verschroben, aber sanftmütig. Manche jedoch halten sie für schlichtweg egoistisch.

Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaft« trägt den vielversprechenden Titel »Gegenwärtige Esoterik«. Der Autor, Jens Schnabel, ist ein evangelischer Gemeindepfarrer, der im Jahre 2006 über das Thema »Das Menschenbild der Esoterik« promovierte. Nach einer ausgezeichneten Definition der Esoterik nach ihrem Welt-, Menschen- und Gottesbild vertieft er sich in vier Kernvorstellungen gegenwärtiger esoterischer Strömungen: den »spritualistischen Monismus«, den »grenzenlosen Optimismus«, die geistigen »Gesetze« des Lebens sowie »Reinkarnation und Karma«. Diese Einführungen dienen dem eigentlichen Kernpunkt des Aufsatzes: den abschließenden Kapiteln »Auswirkungen der Esoterik auf unsere Gesellschaft« und eine Gegenüberstellung von Esoterik und Christentum.

Warum ich im Rahmen dieser Kolumne auf diesen Artikel zurückgreife, ist nicht die meiner Meinung nach fragwürdige »Bewertung« der Esoterik auf Basis christlicher Werte und Gedankenmodelle; hier mögen sich die Geister scheiden, ob es Sinn macht, das esoterische (wie moderne!) Fortschrittsdenken den theologischen Konzepten »Gnade« und »Heilsgeschichte« gegenüberzustellen und dem Reinkarnationsgedanken anzulasten, Gott durch Karmagesetze zu ersetzen. Hier findet meines Erachtens eine religiöse Enttäuschung oder Bestürzung des Autors ihren Ausdruck, die anders als religiös nicht beantwortet werden kann.

Ich bin Schnabel jedoch für einen Hinweis dankbar, der auch jenseits seiner Einstufung der Esoterik als ein dem Christentum unterlegenes Weltverständnis zum Denken anregt: der Hinweis auf die möglichen Konsequenzen des zutiefst individualistischen Ansatzes der Esoterik. Dem meiner Meinung nach unzutreffenden Schluss, Individualismus führe zwangsläufig zu einem Verlust bzw. einer Beliebigkeit der ethischen Haltung lässt er ein nachdenklich stimmendes Zitat des Religions- und Kultursoziologen Gottfried Küenzlen folgen: »So ist es nur konsequent, wenn im Umkreis der New Age-Bewegung, ja der Esoterik insgesamt, keine sozialen, humanitären oder caritativen Aktivitäten zu beobachten sind.«

Ist dem wirklich so? Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil konservativer Kreise, alles, was nach Freiheit riecht, für grundsätzlich chaotisch und unverantwortlich zu halten. Nicht umsonst gelten Menschen mit alternativen Lebensmodellen häufig als »Chaoten« oder »Radikale«, während sie sich selbst als »autonom« bezeichnen, d.h.: sich »das Gesetz selbst gebend«. Wer sich jedoch als Gesetzgeber versteht, hält sich in der Regel zumindest selbst für moralisch integer; der wahre Feind der Justiz ist seiner Meinung nach der zügellose Egoist und nicht der Individualist.

Genau hier sind die Übergänge jedoch nicht selten fließend, auch was Esoteriker betrifft. Obwohl ich es für ein ausgesprochenes Vorurteil halte, die Esoterik entziehe dem Menschen sein moralisches Gewissen, ist doch bei vielen »spirituell Suchenden« der Gegenwart tatsächlich eine gewisse Egozentrik beobachtbar. Die eigene Umwelt wird in solchen Fällen nicht selten als »Hindernis auf dem Weg zur eigenen Weiterentwicklung« gesehen, und vor dem Hintergrund der karmischen Lehre wird die soziale und gesundheitliche Schieflage Afrikas gerne auch mal mit dem Verweis auf einen »Kampfplatz junger Seelen« aus dem schlechten Gewissen hinfort erklärt. Diese und andere »egoistische«, ja herzlose Lesarten der Welt, in der wir uns befinden und deren wirkender Bestandteil wir sind, geht jedoch schwerlich auf das Konto der Esoterik, beruht sie doch auf der Missachtung ihrer fundamentalen Glaubenssätze. Wer ernsthaft darum bemüht ist, sich weiterzuentwickeln, hat sicher schon einmal etwas von dem wahrlich (r)evolutionären Konzept der Anteilnahme und dem karmisch absolut bedenkenlosen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehört.

Pointiert ausgedrückt: Die soziale Kälte ist der Kreuzzug und die Inquisition der Esoterik. Wer die Sorge um das eigene Seelenheil zum Anlass nimmt, menschliches Leid in Kauf zu nehmen, hat den Kern der Religion wie der esoterischen Spiritualität nicht verstanden. »Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,« wird Jesus in der Bibel zitiert. Ins esoterische Weltbild übersetzt mag man ergänzen: »Und das hast Du auch Dir selbst getan.«

Wie vertragen sich Wissenschaft und Spiritualität?

»Der Naturwissenschaftler kennt die Zweige des Baumes des Wissens, aber nicht seine Wurzeln. Der Mystiker kennt die Wurzeln des Baumes des Wissens, aber nicht seine Zweige. Die Naturwissenschaft ist nicht auf die Mystik angewiesen und die Mystik nicht auf die Naturwissenschaft – doch die Menschheit kann auf keine der beiden verzichten.« (Fritjof Capra, Der kosmische Reigen)

Eine der erstaunlichsten Eigenschaften unserer Gesellschaft ist ihre metaphysische Schizophrenie. Zwei scheinbar unversöhnliche Gesellschaftsgruppen, die Materialisten und die Esoteriker, haben sich den Krieg erklärt, einen heiligen und kalten Krieg. Heilig, da es in jenem Krieg um nichts Geringeres geht als um die Deutungshoheit der Wirklichkeit mit all ihren Konsequenzen; und kalt, da dieser Krieg beinahe ausschließlich über Propaganda im eigenen Lager geführt wird und nur sehr selten in Form einer echten Konfrontation, einer Auseinandersetzung mit der gegnerischen Partei erfolgt.

Beide Ideologien kämpfen um die Seelen der Gläubigen, denen letztlich nichts anderes übrigbleibt, als einer der beiden Instanzen eine verbindliche Weltdeutung zuzutrauen und diese von ihr zu übernehmen. Beide kämpfen mit sehr unterschiedlichen Waffen, bedingt auch durch ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung. Während die gut situierte Wissenschaft kaum auf die überaus blühende Esoterikszene Bezug nimmt, diese schon durch ihr Schweigen kommentarlos der Irrelevanz bezichtigt, verwendet so mancher Esoteriker eine Menge Energie darauf, »die Wissenschaft« per se zu verurteilen und ihr Weltbild wie ihre Auswüchse der institutionellen Blindheit zu bezichtigen.

ESOTERIK ALS DENKFORM

Nun ist es ja nicht so, dass »Wissenschaft« und »Esoterik« tatsächlich zwei so monolithische Blöcke darstellten, wie es in der geschilderten Auseinandersetzung so manches Mal den Anschein hat. Statt nun die Unterschiede innerhalb der beiden dominanten Denksysteme herauszuarbeiten, möchte ich auf die sie charakterisierenden Elemente hinweisen. Was verbindet alle esoterischen Strömungen? Und was macht aus Psychologie, Quantenmechanik und mittelalterlicher Geschichte »Wissenschaft«?

Der französische Esoterikforscher Antoine Faivre stellt in seinem Vorwort zur »Geheimen Geschichte des abendländischen Denkens« fest: »Die Esoterik stellt nicht einmal ein eigentliches Gebiet dar, so wie man etwa vom Gebiet der Malerei, der Philosophie oder gar der Chemie sprechen kann. Sie ist weit weniger ein spezifisches Genre als vielmehr eine Denkform […].« Er schließt eine Beschränkung der Esoterik auf den Topos »Geheimlehre«, die wenigen Eingeweihten vorbehalten ist, ebenso aus wie die Bestimmung der Esoterik als »spirituellen Raum« bzw. »den Weg dorthin«. Zudem sei die Esoterik, wie wir sie kennen, eine durchaus abendländische Tradition; so ist es ihm »noch immer ein Rätsel, was eine weltweite Esoterik denn sein könne.«

Diese Definition der Esoterik als eine Denkform, die in der Praxis die unterschiedlichsten, teilweise widersprüchlichen Ausformungen annehmen kann, erleichtert den Einstieg in das Verständnis ihrer Auseinandersetzung mit den sogenannten akademischen Wissenschaften. Thorwald Dethlefsen, einer der bekanntesten Esoteriker Deutschlands, stellt seinem 1979 erschienenen Werk »Schicksal als Chance«, das den Leser »in das Weltbild der Esoterik einführen soll«, ein Kapitel mit dem programmatischen Titel »Esoterik – die unwissenschaftliche Art, die Wirklichkeit zu betrachten« voran.

Nach einer wertneutralen Definition der Wissenschaft über ihr Ziel, »die Wirklichkeit gedanklich zu durchdringen und durch das Auffinden von Gesetzen eine Ordnung in die Vielfalt der Erscheinungsformen zu bringen«, charakterisiert er ihre Vorgehensweise als das Aufstellen und Widerlegen von Theorien. Die daraus abgeleitete pointierte Feststellung, dass »die Wahrheit von heute der Irrtum von morgen« sei, wird zum Ausgangspunkt der Dethlefsen’schen Kritik: So sei es trotz der allgemein praktizierten Gewohnheit, nach der jede Generation von Wissenschaftlern an der Widerlegung der Erkenntnisse der ihr vorangegangenen Generationen arbeite, eine »tiefe Überzeugung« der Wissenschaft, »jetzt die absolute und endgültige Wahrheit gefunden zu haben«. »In diesem Punkt«, so das Urteil des Autors, »übertrifft die Glaubensstärke der Wissenschaft mit Leichtigkeit jede religiöse Sekte«.

WISSENSCHAFT, DIE RELIGION DER MODERNE?

Der Hang der Wissenschaft, sich stetig selbst zu widerlegen, kann durchaus als charakteristisches Merkmal aller Natur- und Geisteswissenschaften verstanden werden. Laut Brockhaus ist Wissenschaft in erster Linie »eine systematische Ordnung des gesammelten Wissens und empirischer Erkenntnisse, Theorienbildung auf Basis aufgestellter Hypothesen und praxisnaher Überprüfung (Beweis)«. Ihre Theorien müssen demnach »bestimmte Kriterien der Verifikation (Überprüfung) bestehen, um in der wissenschaftlichen Gemeinde anerkannt zu werden.«. Als Angehöriger eines Berufsfelds, das notwendigerweise über einen ausgeprägten Skeptizismus verfügt, stellt religiöses oder esoterisches »Offenbarungswissen« für viele Wissenschaftler ein rotes Tuch dar. Wer behauptet, Wissen über die Welt und ihre Einzelteile zu besitzen, ohne diese nach wissenschaftlichen Kriterien »beweisen« zu können, gilt vielen als Scharlatan und im Extremfall als gefährlich für die »Psychohygiene« der gesamten ihn umgebenden Gesellschaft.

Hier scheint mir auch das Kernproblem des Dialogs zwischen Esoterik und Wissenschaft zu liegen. Beide »Denkformen« betrachten die jeweils andere Seite als eine durch ihre eigene Tätigkeit relativierte Weltanschauung. Nur durch religiöse Verblendung scheint es möglich, dass die eine wie die andere Seite überhaupt Anhänger finden kann, ohne ihre eigene Weltanschauung zu hinterfragen. Insofern werfen sich beide Seiten gleichermaßen vor, Ideologien zu sein; und wie Ideologien bekämpfen sie sich. Nicht Wissen, sondern der Glaube an ihre Grundsätze bestimme die
Methodik wie die Ergebnisse der jeweiligen Konkurrenz.

Dass eine solche Einstellung für die Aufnahme eines wie auch immer gearteten Dialogs nicht wirklich dienlich ist, liegt auf der Hand. So ist es kein Wunder, wenn die Fronten zwischen Wissenschaft und Esoterik zementiert, und Kongresse wie Messen der jeweiligen »Gegner« mit Argwohn betrachtet werden. Die Kritik bewegt sich hierbei in einem Spektrum von bloßer Verharmlosung bis hin zur Kriminalisierung der entgegengesetzten Ideologie. Beispielhaft sei auf den immer wieder postulierten Zusammenhang zwischen esoterischen Grundsätzen und dem politischen Konzept des Faschismus hingewiesen, der letztlich in der These kulminiert, dass »die weiter wachsende massenweise Verbreitung des New Age eine heutige neofaschistische ‚Ansprache’ […] in einer Weise begünstigt, wie es seit dem moralischen Niedergang des Faschismus aufgrund seiner Abscheu erregenden Verbrechen nicht der Fall gewesen ist.« (P. Kratz, »Alles schon mal dagewesen!« 10 Thesen zu New Age und Faschismus)

Trotz der hier skizzierten gegenseitigen Ablehnung kam es in den letzten 150 Jahren immer wieder zu einer durchaus konstruktiven Auseinandersetzung zwischen esoterischen und wissenschaftlichen Autoren. Auf der einen Seite waren es Esoteriker, die wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Lehren und Vorstellungen integrieren wollten (man denke bloß an den eingangs zitierten Fritjof Capra und seinen Versuch, östliches Gedankengut mit westlicher Physik zu vereinen), und auf der anderen Seite Wissenschaftler, die übernatürliche Phänomene (und ihre Anziehungskraft auf Menschen) zum Gegenstand ihrer Untersuchung machten. Letztere waren nicht selten »glaubende« Wissenschaftler, die daran interessiert waren, ihre Glaubensgegenstände wissenschaftlich zu »beweisen«. Das Gros der Akademiker bestand jedoch zumeist aus Forschern, die sich für bestimmte Phänomene interessierten und diese untersuchten, um zu einer Theorie zu gelangen, die das für einen rationalistisch
gesinnten Menschen Unerklärliche verständlich macht – oder schlicht widerlegt.

Das weltanschauliche Gegenstück zu diesen »esoterischen Wissenschaftlern« stellen die »wissenschaftlichen Esoteriker« dar, die versuchen, die eigenen Lehren mit Termini und Erkenntnissen der (Populär)wissenschaft zu schmücken oder gar zu begründen. »Der Schamane mit Psychologiedoktorat gibt den Ton an, auch der Physikprofessor mit einer Schwäche für Tao. Allemal muss, bei der Beschäftigung mit dem Außerirdischen oder Unterirdischen, ein wissenschaftlicher Kommentar mitgeliefert werden, aus der Astronomie oder Tiefenpsychologie. Das geht deshalb ganz gut, weil manche Gemächer des heutigen wissenschaftlichen Gebäudes recht spärlich beleuchtet sind«. (A. Holl, Wassermannzeit) Dieser »wissenschaftliche« Zierrat verrät natürlich vor allem eins: Wissenschaft oder das, was man dafür hält, ist längst selbst zu einer Religion geworden. Wer früher dem Priester glaubte, ohne zu verstehen, wovon dieser redete, nickt heute vertrauensvoll den Akademiker ab, der es im Zweifelsfall besser wissen muss.

DIE GEBURT DER WISSENSCHAFT

Doch die Wurzeln des modern anmutenden Gegensatzes »Esoterik versus Wissenschaft« sind bei weitem nicht so jung wie angenommen und reichen statt dessen tief in den Brunnen der Geschichte hinab. Seine Ursprünge liegen in der Entstehungszeit der ersten kritischen und vernunftbetonten Wissenschaften im Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Während die religiöse (und die damit eng verwandte esoterische) Denkweise seit jeher das Bild des Menschen von der Welt bestimmt hatte, entstand zu dieser Zeit eine völlig neue und in großem Umfang von den alten Traditionen unabhängige Lehre von der Wirklichkeit, welche erst viel später den Namen »Wissenschaft« erhalten sollte.

Wo liegen die Ursachen für die Entstehung einer von der religiösen Sinnfrage befreiten Erforschung der Welt und welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Emanzipation einer so jungen Bewegung wie der Natur- und der Geisteswissenschaft zu gewährleisten? Friedrich Pfister, ein klassischer Philologe, beschrieb die Situation zum Zeitpunkt ihrer Entstehung folgendermaßen: »Es hatte sich eine Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft; es waren die geistigen Bestrebungen entstanden, die zum wissenschaftlichen Forschen führten, die Kritik an der Überlieferung, der Drang nach Ordnung und Systematik und das Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge. Es war aber auch der große umfassende Fragenbereich aufgetaucht, der seitdem immer wieder die denkende und forschende Menschheit beschäftigen sollte: Woraus ist das Weltall entstanden und wie hat es sich entwickelt? Wie ist die Menschheit entstanden und wie ist ihre Geschichte? Wenn jene wissenschaftlichen Bestrebungen erstarkten und sich auch in der Einzelforschung bewährten und wenn man den Mythos überwand, so war eine wirkliche Wissenschaft gegeben […]«.

IGNORANTE PHARAONEN

Diesem Ursachenmodell mag entgegengehalten werden, dass viele seiner Bestandteile keineswegs dazu führen müssen, Erkenntnisgewinn zu rationalisieren, wie wir an etlichen vorwissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können. Im Alten Ägypten zum Beispiel war eine »Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft« und es bestand ohne Zweifel ein ausgeprägter »Drang nach Ordnung und Systematik«; auch die Entstehung von Fragen nach dem Ursprung und der Geschichte der Welt bzw. ihrer Bewohner ist ein uralter Topos innerhalb der ägyptischen religiösen Literatur. Was aber »fehlte« den Ägyptern, was verhinderte einen Paradigmenwechsel in der Methodik ihres Erkenntnisgewinns?

Als zentrale Knackpunkte erscheinen mir die von Pfister genannte »Kritik an der Überlieferung«, welche selbst freilich nicht Ursache, sondern Folge einer gewissen geistigen Wende ist, und das »Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge«. Beide waren in einem Kulturbereich wie dem ägyptischen nicht besonders ausgeprägt. Die ausgesprochen konservative Haltung der ägyptischen Intellektuellen, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Heil in der Bewahrung des überlieferten Wissens sah, und das assoziative, mythische Denken verhinderten letztlich eine tiefgreifende Öffnung ihrer Geisteskultur für strukturelle Veränderungen. Exemplarisch für Hunderte ähnlicher Texte seien hier ein paar Zeilen aus der Lehre für den König Merikare zitiert: »Ahme deinen Vätern und deinen Vorvätern nach. Erfolgreich arbeiten kann man nur in der Tradition: ihre Ausführungen sind ja in den Büchern erhalten. Schlage sie auf und lies und eifere den Weisen nach!«

Charakteristisch für das ägyptische Denken ist seine gegenständliche Erfassung der Wirklichkeit, die – ähnlich der ägyptischen Hieroglyphenschrift – stets eine Mischung aus bildhaft-wörtlichen und symbolhaft-abstrakten Elementen enthält. Der Ägyptologe Eberhart Otto schreibt hierzu in seinem Werk »Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur«: »Wir wissen dann freilich im einzelnen nicht immer, wieweit er diese Bilder sinnhaft für Wirklichkeit nahm, wieweit sie als Symbol für etwas anderes standen und wieweit sie nicht oft einfach zu sprachlichen Bildern geworden sind, die ihre greifbare Bildlichkeit längst eingebüßt hatten.«

Bildhaftes Denken muss – wie in Ägypten – nicht zwangsläufig einen Widerspruch zur geistigen Fähigkeit der Abstraktion bilden, welche letztlich die Ursache für wissenschaftliches Arbeiten ist. Viel eher geht ja das analoge ebenso wie das logische Denken von Zusammenhängen zwischen augenscheinlich unabhängigen Phänomenen aus, »um so zu allgemeinen Begriffen und Gesetzen zu kommen«. Dennoch muss es einen Grund haben, warum die Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, ihren Anfang eben nicht im ägyptischen, sondern im griechischen Kulturkreis genommen hat. Otto sieht die Ursachen dafür weniger an den »tatsächlichen Leistungen« als an den »Zielen« der ägyptischen Wissenschaft. Er stellt fest: »Was dem Ägypter offenbar generell ermangelte, war die wissenschaftliche Neugier, das Bedürfnis Neuland zu entdecken, der Trieb vom Erkannten zum Unbekannten weiterzuschreiten, kurz das, was dann wohl erst die griechisch-ionische Wissenschaft in Fluss gebracht hat. Der Ägypter begnügte sich offenbar, wenn er eine Lösung gefunden hatte, die seine praktischen Zwecke erfüllte, und er hielt dann mit beachtlicher Hartnäckigkeit an ihr fest. Es ging ihm nicht darum, die Welt als Ganzes erklären zu wollen. Es genügte offenbar, für ihre Teilerscheinungen praktische Erklärungen zu finden; doch sollte man ihm deshalb nicht die intellektuellen Voraussetzungen für wissenschaftliches und logisches Denken generell absprechen«.

Das Verhältnis des Ägypters zu seiner Welt war – und blieb – ein magisches. Innerhalb eines solchen Modells wird dem analogen Denken (als dem »natürlichen«, »ursprünglichen«) eine ungemein größere Stellung eingeräumt als dem logischen. Selbst im Kontext wissenschaftlicher Forschung – wie der hoch gelobten ägyptischen Medizin – erlangt das kausale Denken allenfalls eine gleichberechtigte, niemals jedoch eine dem analogen Prinzip übergeordnete Stellung. So formte das Wissen um die geistigen Hintergründe eines Ereignisses, welches analog erschlossen wurde, gemeinsam mit der Kenntnis seiner konkreten, also logisch erschließbaren Ursachen ein unauflösliches Amalgam.

»SYMPATHIE« STATT LOGIK?

Insofern ist es verständlich und verwundert kaum, dass Ägypten heute unter Esoterikern ebenso beliebt ist wie schon unter den Alchemisten und Okkultisten der vergangenen Jahrhunderte. Zwischen dem »proto-wissenschaftlichen«, analogen Weltbild der Ägypter und dem Denken in Entsprechungen, wie es seit der Hermetik jede Form von »Geheimlehre« bis hin zur modernen Esoterik kennzeichnet, besteht eine wesensmäßige Verwandtschaft.

Der 2000 Jahre alte Satz »Wie oben, so unten« aus den hermetischen Schriften kann als zentrales Bekenntnis der esoterischen Weltsicht überhaupt betrachtet werden. Ohne es wäre weder die Astrologie, noch das Kartenlegen, noch die Vorzeichendeutung denkbar. Die Hermetik, eine erst in griechischen Quellen fassbare Lehre, die sich selbst jedoch als ägyptisch betrachtet und die nach ihrer zentralen Figur, dem Gott Hermes Trismegistos benannt ist, war eine Geheimlehre, die sich mit dem Aufstieg des Menschen – raus aus der grobstofflichen Welt, rein in den lichten Himmel – beschäftigte. Bei dieser »esoterischen« (sprich: innere, also hinter den äußeren Erscheinungsformen verborgenen) Lehre, die nie zur offiziellen Religion wurde, in der Spätantike aber durchaus verbreitet war, handelt es sich sozusagen um die Mutter aller esoterischen Strömungen. Sie behandelt einen auf das Lesen bestimmter Schriften konzentrierten Erlösungsweg des Menschen bis hin zu seiner Erleuchtung. Ein Kernelement bildet die sogenannte »Sympathie«-Lehre zwischen Makro- und Mikrokosmos, welche eine Verwandtschaft von himmlischen und weltlichen Phänomenen annimmt (zumindest aber eine zeitliche Koinzidenz). Statt, wie in der griechischen Wissenschaft, nach den realweltlichen Ursachen eines bestimmten Problems zu forschen, sollte hier nach seinen gedanklichen und spirituellen Ursachen gesucht werden. Überspitzt formuliert könnte man die beiden Zielrichtungen der Wissenschaft und der Esoterik also auf die menschlichen Grundfragen »Wie« und »Wieso?« reduzieren. Das offenbart freilich, dass sich hier nicht notwendigerweise Feinde, sondern vielleicht sogar potentielle Verbündete gegenüberstehen.

»Eine Theorie der Magie« wird Ihnen in den kommenden 12 Monaten einen ausführlichen Überblick über das spannende Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und Esoterik liefern. Der Fokus wird hierbei auf (Grenz-)Wissenschaften wie der Parapsychologie, der Anomalistik und der Paranormologie liegen, deren spannende Erkenntnisse aus über 100 Jahren Forschung nicht nur wohlwollenden Esoterikern, sondern auch kritischen Wissenschaftlern gelegentlich allen Grund zum Staunen geben.