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Reinkarnation: Wie oft leben wir wirklich?

»Ich leb schließlich nur einmal!« Wer hat diesen Satz nicht schon oft zu hören bekommen, wenn es darum ging, sich durch kleine, eigentlich »unvernünftige« Handlungen vom Joch moralischer wie ökonomischer Grenzen zu befreien. Mit dem Argument der Einmaligkeit des Lebens rechtfertigen verschuldete Menschen unnötige Ausgaben, Übergewichtige ein zweites Dessert und Ehebrecher eine geheim zu haltende Romanze. Wer nur einmal lebt, so der Tenor der Eigennachsicht, hat ein gewisses Recht darauf, diese überschaubare Zeit nicht bloß zu arbeiten, zu erdulden und zu funktionieren. Die Konsequenzen der Einmaligkeit der eigenen Existenz wurde in der deutschen Sprache vielleicht nie schöner formuliert als vom Komponisten und Librettisten des »Waffenschmieds«, ALBERT LORTZING (†1851): »Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann, das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann. Doch muss man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben. Ich hab den Wahlspruch mir gestellt: Man lebt nur einmal in der Welt!«

Wer immer in Zukunft LORTZINGS Wahlspruch für sich in Anspruch nahm, tat es mit Sicherheit selten im Kontext christlicher Wertausübung, galt er doch vor allem der Entschuldigung kleinerer wie größerer Vergehen. Und doch ist das Konzept der Einmaligkeit des Lebens ein zutiefst christliches Erbe. Die Vorstellung, nur ein einziges Mal »auf der Welt« zu sein, ist die Folge jüdisch-christlicher Interpretation ihrer Quellen und Propheten. Auch der Islam folgt, bis auf wenige Ausnahmen, dieser »monobiotischen« Philosophie. Die gegenteilige Vorstellung, Leben sei eine Abfolge wiederholter Geburten und Verkörperungen, wird als typisch asiatisch angesehen und im Allgemeinen mit dem Buddhismus wie dem Hinduismus in Verbindung gebracht. Fast scheint es so, als sei der Glaube an die einmalige »Inkarnation« etwas typisch monotheistisches, der Glaube an »Reinkarnation« hingegen ein Überbleibsel polytheistischer Religionen und Kulturen.

WAS IST REINKARNATION?

Unter Reinkarnation (»Wieder-Fleischwerdung«) versteht man ganz generell eine an den Tod (die »Exkarnation«) angeschlossene erneute Manifestation einer Seele (oder eines mentalen Prozesses). Der neolateinische Begriff »Reinkarnation« geht auf den Spiritisten ALAN KARDEC (†1869) zurück und ersetzt die zuvor üblichen griechischen Bezeichnungen Metempsychose und Palingenesia. Synonym werden häufig die deutschen Entsprechungen »Seelenwanderung« oder schlicht »Wiedergeburt« verwendet.

Neben den bereits erwähnten asiatischen Traditionen gibt es zahlreiche andere Kulturen und Religionen, die an eine mehrmalige Inkarnation der Seele glaub(t)en. In den meisten historischen wie zeitgenössischen Fällen handelt es sich um Untergruppen bzw. eigenständige Strömungen innerhalb einer Hochreligion, in der Reinkarnation keine Rolle spielt oder im Gegenteil mehrheitlich sogar abgelehnt wird.

In der griechischen Antike machten sich Philosophen wie EMPEDOKLES, PYTHAGORAS und PLATON für eine körperliche Wiedergeburt stark. Jüngster Vertreter dieser Schule war der byzantinische Gelehrte PLETHON (†1450). Neben den christlichen Gnostikern glaubten, antiken Quellen zufolge, auch die Kelten und die Ägypter an die Wiedergeburt, was zumindest für letztere jedoch nicht Bestandteil der aktuellen Forschungsmeinung ist. Im Mittelalter entstandene Reinkarnationsvorstellungen sind eng mit den Katharern (Christentum), den Chassidim (Judentum) und den Drusen (Islam) verbunden. Während erstere als Ketzer von der Kirche ausgerottet wurden, ist der Glaube an »Gilgul« (Reinkarnation) im orthodoxen Judentum noch heute anzutreffen. Die Drusen, eine im Libanon, Syrien und Israel ansässige Glaubensgemeinschaft, stellt neben einigen Sufis die einzige islamische Tradition dar, die mehrheitlich von einer Reinkarnation der menschlichen Seele ausgeht.

Infolge des Interesses an den großen asiatischen Philosophien Ende des 19. Jahrhunderts gerieten – zunächst über die Theosophie und die Anthroposophie – immer mehr westlich geprägte Menschen in den Bann einer »möglichen Wiedergeburt«. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ergab 2001, dass 40% der Befragten ein Leben nach dem Tod und knapp die Hälfte davon die Vorstellung einer erneuten Wiederverkörperung ihrer Seele für möglich hielten, Zahlen, die sich in aktuellen Umfragen sogar noch annähern: 2010 glaubten dem Nürnberger Marktforscher GfK zufolge 35,4% an ein Fortbestehen der Seele und ganze 21,3% an eine wie auch immer geartete »Wiedergeburt«. Vielen vom Christentum und den staatlichen Ideologien des 20. Jahrhunderts enttäuschten Menschen erscheint die Auffassung, noch einmal geboren zu werden, als tröstlich, ganz im Gegensatz zur Interpretation der Reinkarnation in ihren »Ursprungsgegenden.« Versucht man im Buddhismus wie im Hinduismus mit allen Kräften, weiteren Leben auf der Erde zu entgehen, erscheint im Westen die Aussicht auf eine durch Wiedergeburt ermöglichte Verlängerung der eigenen Existenzdauer als vielversprechende Alternative zum Konzept von Zerfall, Bestrafung und ewiger Glückseligkeit. So steht der wachsende Zuspruch zu Reinkarnationsvorstellungen nur scheinbar im Widerspruch zur Philosophie des »Man lebt nur einmal.« Wiederholte Verkörperungen werden nicht als Quelle sich ständig wiederholender Qualen, sondern vielmehr als Garant sich ständig wiederholender Chancen
verstanden.

Heutige Wissenschaftler behandeln Reinkarnation als nichtreligiöses Phänomen und versuchen deshalb, Begriffe wie »Seele« oder »Geist« bei der Benennung der reinkarnierten Identität zu umgehen, und greifen stattdessen auf neue Begriffe (wie das »extra-zerebrale Gedächtnis« von H.N. BANERJEE) zurück. »Es gibt etwas Essentielles in manchen Persönlichkeiten, wie immer wir es charakterisieren, das nicht plausibel in Begriffen wie ‚Hirnzustände‘ oder ‚Eigenschaften von Hirnzuständen‘ oder ‚vom Gehirn erzeugte biologische Eigenschaften‘ zu erklären ist, da nach dem biologischen Tod dieser nicht-reduzierbare essentielle Wesenszug für einige Zeit fortzubestehen scheint, auf irgendeine Weise, an irgendeinem Ort, aus irgendeinem Grund, unabhängig vom Gehirn und vom Körper des betreffenden Menschen. Darüber hinaus lassen sich nach einiger Zeit einige dieser unreduzierbaren, essentiellen Wesenszüge einer menschlichen Persönlichkeit – aus welchen Gründen und mit welchem Mechanismus auch immer – in anderen menschlichen Körpern nieder, entweder während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt.« (Robert Almeder, A Critique of Arguments Offered Against Reincarnation)

REINKARNATIONSFORSCHUNG

Etwa zeitgleich mit einer Ausbreitung der Reinkarnationslehre im Westen im Umfeld der Hippie-Bewegung begannen auch Wissenschaftler, sich mit dem Phänomen der Wiedergeburt auseinanderzusetzen. Ursprung dieses akademischen Interesses bildet das Werk des kanadischen Biochemikers und Psychiaters IAN STEVENSON (†2007), der 1961 das erste Mal nach Indien reiste und seine für ihn selbst überraschenden Erkenntnisse über Reinkarnationsberichte 1966 unter dem Titel »Twenty cases suggestive of reincarnation« (zu deutsch: »Der Mensch im Wandel von Tod und Wiedergeburt«) publizierte.

STEVENSON konzentrierte sich bei seinen Forschungen weitgehend auf die Berichte von Kindern, um die Möglichkeit zu minimieren, dass es sich bei der »Erinnerung« an vergangene Leben in Wirklichkeit um bewusst oder unbewusst erworbenes Wissen handelt. Um es zuzuspitzen: Eine Engländerin Mitte 40, die sich seit ihrer Schulzeit für das Alte Ägypten interessiert und zahlreiche Bücher verschlungen hat, darf schon aufgrund logischer Gesichtspunkte nicht als zuverlässig gelten, wenn es darum geht, aufgrund ihrer Aussagen zu beweisen, dass es sich bei ihr um die Reinkarnation einer altägyptischen Prinzessin handelt, auch wenn dies in esoterischen Kreisen leider immer wieder der Fall ist. Man stelle sich vor, alle derzeit »reinkarnierten« KLEOPATRAS hielten ein jährliches Treffen in ihrer alten Hauptstadt Alexandria ab; mit Leichtigkeit ließe sich so die touristische Winterflaute dieser im Sommer pulsierenden Stadt am Mittelmeer beheben.

STEVENSONS Bericht ergab, dass Kinder in der Regel zwischen zwei und vier Jahren damit beginnen, von früheren Leben zu berichten, und zwischen sieben und acht wieder damit aufhören. Gegenstand ihrer Erinnerungen ist der ehemalige Wohnort, der Name von Angehörigen sowie der eigene, auffallend häufig gewaltsame Tod. Viele Kinder verfügen darüber hinaus über Muttermale und Missbildungen an Stellen, an denen Sie tödlich verletzt worden sind bzw. haben charakteristische, erst im Zusammenhang mit der vermeintlichen Todesart erklärbare Ängste und Phobien (z.B. Wasserangst infolge Ertrinkens).

STEVENSON betont, dass die Offenheit, mit der zum Beispiel die Drusen jenen Kindern begegnen, die von früheren Leben erzählen, die Anzahl der überlieferten Fälle stark ansteigen lässt. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, warum sich der Forscher lange Zeit ausschließlich mit Kindern aus Kulturen beschäftigte, die ohnehin an Wiedergeburt glauben. Kinder in Reinkarnations-feindlichen Gesellschaften hingegen kommen selten zu Wort, wohl auch, weil diese Berichte gar nicht erst an die Öffentlichkeit – und damit an die Ohren des Forschers – gelangen. Dies brachte ihm freilich auch den Vorwurf ein, sich auf Kinder zu verlassen, die unabhängig von echten »Erinnerungen« bereits mit Reinkarnationsvorstellungen in Kontakt gekommen waren und deren »kindliche Phantasie« somit nur den letzten Schritt alleine zu gehen brauchte.

Die Wissenschaftlichkeit von STEVENSONS Untersuchung bestand darin, die Fälle von Erinnerungen nicht bloß aufzuzeichnen, sondern sie auch auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. Zu diesem Zweck sammelte er vom Kind (und dessen Familie) möglichst viele belastbare Fakten über das angebliche frühere Leben, die ihm weiterhelfen konnten, den Verstorbenen eindeutig zu identifizieren. Wann immer dies möglich war und ein Toter zu den Beschreibungen des Kindes passte, brachte man den »Reinkarnierten« in das Haus seiner »ehemaligen« Familie, wo man ihn einer Reihe von Tests unterzog, die an die Rituale zur Auffindung eines neuen DALAI LAMA erinnern.

Exemplarisch für seine Vorgehensweise sei hier eine Stelle aus dem Bericht über den kleinen IMAD ELAWAR zitiert, den er in das in einem anderen Dorf liegende Haus der Familie Bouhamzy brachte. »Man zeigte Imad zuerst eine ziemlich kleine Fotografie von (seinem Bruder) Fuad in Militäruniform. Er erkannte dieses nicht wieder. Als man ihn aber fragte, von wem ein großes, an der Wand hängendes Ölbild sei, sagte er richtig: ‚von Fuad‘. Als man ihm eine mittelgroße Fotografie von IBRAHIM BOUHAMZY zeigte und ihn fragte, wer das sei, antwortete Imad: ‚Ich.‘ In diesem Fall hatte man ihm souffliert, sie sei von seinem Bruder oder Onkel, aber niemand hatte ihm den Wink gegeben, dass sie von Ibrahim war.« Selbst komplizierte Fragen, wie jene nach dem Aufbewahrungsort »seines« Werkzeugs oder nach der Form der Heizung wusste Imad korrekt zu beantworten. Durch STEVENSONS Notizen, die er selbst und noch vor der Begegnung der beiden Familien Elawar und Bouhamzy machte, sowie durch seine Nachforschungen vor Ort gelang es ihm, mit Sicherheit auszuschließen, dass es sich in Imads/Ibrahims Fall um Erinnerungsfehler seiner Kronzeugen oder vorsätzlichen Betrug handelte. Die starke emotionale Verbindung zu seiner »alten« Familie zeigte sich noch bis in Imads Jugendjahre hinein; als er z.B. 1973 vom Tod der Mutter Ibrahims erfuhr, zeigte er sich sehr betrübt und äußerte sich verärgert über den Umstand, nicht zur Beerdigung »seiner Mutter« eingeladen worden zu sein.

Im Gegensatz zu früheren Berichten über Reinkarnationserfahrungen, die im Laufe der Geschichte immer wieder belegt sind – im frühen 20. Jahrhundert berühmt geworden sind die Fälle der SHANTI DEVI/LUGDI DEVI und der VIRGINIA TIGHE/BRIDEY MURPHY – sah es STEVENSON als seine wissenschaftliche Pflicht, jeden einzelnen Fall so zu überprüfen, wie wir es bereits von der Parapsychologie her kennen: erst wenn wirklich jede andere Erklärungsmöglichkeit ausgeschlossen werden kann, sprach er von einem Fall, der Reinkarnation »nahelege«, ohne ihn freilich zum Beweis für Wiedergeburt als einem allgemeinen Prinzip zu stilisieren. Folgende Ursachen für die Reinkarnationsberichte eines Kindes mussten für STEVENSON zunächst eleminiert werden:

1. Betrug
2. Selbstbetrug
3. Kryptomnesie (bloßes Vergessen der Quelle der Erinnerung)
4. Paramnesie (Gedächtnisfehler des Kinds oder der Eltern)
5. Genetisches Gedächtnis
6. Außersinnliche Wahrnehmung
7. Besessenheit

REGRESSIONSTHERAPIEN

Etwa zeitgleich mit STEVENSONS Studien über die Aussagen »Reinkarnierter« begannen andere Psychologen wie THORWALD DETHLEFSEN, HELEN WAMBACH, BRIAN WEISS oder JOEL WHITTON, ihre Patienten selbst in vergangene Leben »zurückzuführen«. DETHLEFSEN beschreibt in seinem Klassiker der esoterischen Reinkarnationsliteratur »Das Erlebnis der Wiedergeburt«, wie er 1968 per Zufall auf diese Form der »Rückführung« stieß: Nachdem er einen jungen Ingenier durch Hypnose dazu gebracht hatte, einige einschneidende Erfahrungen seines Lebens in der therapeutischen Sitzung zu rekapitulieren, versuchte er herauszufinden, »ob es wohl auch möglich sei, die eigene Geburt wiederzuerinnern oder sogar wiedererleben zu lassen.« Der Versuch gelang, der Hypnotisierte schilderte unter Stöhnen und mit verändertem Atemrhythmus die eigene Geburt. »Dieser für mich überraschende Erfolg ermutigte mich, noch weiter in der Zeit zurückzugehen. Ich suggerierte ihm, er befände sich im Mutterleib, drei Monate vor seiner Geburt. Und schon erzählte er uns von seinen Eindrücken als Embryo. Doch ich wollte an diesem Abend noch mehr wissen. Ich suggerierte: Wir gehen jetzt noch weiter zurück – und zwar so lange, bis du auf ein Ereignis stößt, das du genau schildern und beschreiben kannst…« DETHLEFSEN erzählt, wie sein Proband nach einer kurzen Pause die Geschichte eines Mannes erzählte, »der 1852 geboren war, GUY LAFARGE hieß, im Elsass lebte, Gemüse verkaufte und schließlich als Stallknecht 1880 starb.« Der überraschte DETHLEFSEN wiederholte das Experiment mit anderen Patienten, und immer wieder tauchten vor den Geburtsschilderungen Fetzen von »Erinnerungen« auf, die eindeutig nicht mit dem jetzigen Leben des Hypnotisierten in Verbindung standen.

Das war der Beginn einer ganzen Flut von »Rückführungen«, die teilweise unter Hypnose, teilweise in Trance gemacht und von ihren Initiatoren dokumentiert wurden. Während sich HELEN WAMBACH auf die Schilderungen vergangener »Tode« spezialisierte, versuchten Forscher wie MICHAEL NEWTON oder TRUTZ HARDO, durch »karmische Ursachenforschung« tiefsitzende Traumata (wie die bereits geschilderten Ängste und Phobien von STEVENSONS Kindern) aufzulösen und nannten sich fortan »Reinkarnations-Therapeuten«.Grundlage ihrer Tätigkeit ist die Annahme, psychische wie körperliche Probleme hätten ihre Grundlage häufig in früheren Inkarnationen und könnten durch eine Wiedererinnerung verarbeitet werden. Wieder andere Forscher (wie WHITTON) versuchten, die Methode der Rückführung als Tor zum Jenseits zu nutzen und über die Erzählungen ihrer Probanden allgemeingültige Erkenntnisse über das »Leben zwischen den Leben« zu gewinnen.

Doch was ist dran an den Berichten der Hypnotisierten? Immer wieder ist versucht worden, die Aussagen der »Zurückgeführten« von Historikern überprüfen zu lassen, was sich aufgrund der historischen Quellenlage nicht immer als einfach erwies. Während sich BRIDEY MURPHY klar als ein Fall von Betrug bzw. Selbstbetrug entlarven ließ, waren viele Schilderungen vergangener Lebensbedingungen durchaus korrekt. Fälle von Xenoglossie (der Hypnotisierte sprach eine fremde, ihm zumindest in diesem Leben nicht vertraute Sprache) wie die Schilderung von den Probanden unmöglich vertrauten historischen Details legen zumindest in manchen Fällen eine Richtigkeit der Aussagen nahe – wie immer man diese auch interpretieren mag.

IST REINKARNATION BEWEISBAR?

Trotz den geschilderten Rückführungen und Stevensons beinahe 50jähriger Forschung, die inzwischen von seinem Kollegen BRUCE GREYSON fortgeführt wird, gelten Reinkarnation und Erinnerungen an ein vergangenes Leben bis heute als unter Wissenschaftlern äußerst umstritten. Ein besonders prominenter Kritiker an Stevensons Schlüssen wie Methoden ist der Philosoph PAUL EDWARDS: »Was ist wahrscheinlicher – dass es ‚Astralkörper‘ gibt, die in den Bauch von werdenden Müttern eindringen und das Embryo geistig ‚besetzen‘, dass sich Kinder an Ereignisse aus dem Leben von Personen erinnern, deren Gehirne schon lange tot sind? Oder dass STEVENSONS Kinder, ihre Eltern, die Zeugen und andere Informanten, unbeabsichtigt oder nicht, die Unwahrheit sagen – dass sie fabulieren, dass ihr fehlbares Gedächtnis und ihre schlechte Beobachtungsgabe sie dazu gebracht haben, falsche Aussagen zu machen und bei so genannten Wiedererkennungen zu schwindeln?« (Paul Edwards, Reincarnation: A Critical Examination)

Mehr noch als in den bereits geschilderten Fällen von Außersinnlicher Wahrnehmung, Telekinese und Nahtoderfahrungen scheint die Reinkarnationsforschung die Wissenschaft zu spalten. Fast scheint es, als ob die »religiöse Vorbelastung« dieses delikaten Themas eine wertneutrale Betrachtung der konkret vorliegenden Fakten besonders schwierig werden ließe. Wer sich also ernsthaft mit dem Thema der Reinkarnation beschäftigen möchte, ohne sogleich vom Fragenden zum Glaubenden überzugehen, sollte sich den Rat des Dokumentarfilmers MANUEL MITTERNACHT (»Reinkarnation«) zu Herzen nehmen, der dazu rät, den Ursprung jeder Quelle und die Gesinnung ihres Erzeugers ganz genau unter die Lupe zu nehmen: »Wissenschaftler, die mit den Aussagen von Kindern oder mit Muttermalen die Unsterblichkeit der Seele nachweisen wollen, sollten mit der gleichen Skepsis betrachtet werden wie uninformierte Kritiker, die das Gegenteil behaupten…«

Wie immer man sich persönlich zur Möglichkeit einer körperlichen Wiedergeburt verhält: ganz im Gegensatz zur scheinbaren Kompliziertheit ihrer physischen Umsetzung (vgl. die beißende Kritik EDWARDS) steht ihr schlichter philosophischer Charme. An die Stelle von Zufällen und unverständlichen Winkelzügen eines scheinbar ungerechten Gottes treten Weiterentwicklung und Eigenverantwortung und sorgen für eine gewisse Geborgenheit im ewigen Wandel von Raum und Zeit. Unabhängig von ihrer Beweisbarkeit ist es der alten Metempsychose gelungen, gleich zwei Grundbedürfnisse des postmodernen Menschen miteinander zu verbinden: den Glauben an den Fortschritt und das nicht minder einflussreiche Vertrauen in die Segenswirkung des Individualismus. Neben der Fähigkeit, sich angstfrei mit den eigenen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen, ermöglicht das Erlebnis der eigenen Tiefe in der Zeit zudem etwas, was vielen Menschen durch das Ende von Religion und Sinn schon verloren geglaubt schien. »Der Glaube an Reinkarnation schenkt dem Menschen Bedeutung… Jeder einzelne ist inkarnierte Unendlichkeit.« (Georg Schmid, Anfang und Ende des Glaubens an Reinkarnation)

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Die Suche nach Wahrheit

Als mich infolge meiner letzte Kolumne eine ebenso erregte wie ausführliche Zuschrift erreichte, fand ich mich zum einen berührt, zum anderen ratlos. Berührt, weil wir durch die von mir geäußerten Gedanken in einen Dialog getreten waren, der mir wertvoll erschien. Ratlos, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich diesen Erwiderungen entgegentreten sollte. Umso länger ich überlegte, umso unklarer wurde mir, was uns verband – und trennte. Da dieses Forschen, Infragestellen und Erwägen ja im Grunde zentrale Gegenstände meiner Kolumne sind, möchte ich Sie heute einladen, unserem Dialog über »all den Klimbim« zu folgen und sich gegebenenfalls daran zu beteiligen.

„Ihr Artikel hat mich aufgewühlt und betroffen gemacht. Bevor der Mensch körperlich geschaffen wurde, war er bereits ein Geistwesen, auch Lichtwesen genannt. Die Bibel geht kaum auf dieses Geschehen ein, doch wenn Sie zum Beispiel gnostische Quellen heranziehen, werden sie feststellen, wie detailliert der Fall in die Materie geschildert wird, z. B. in der »Pistis Sophia«. Hier geht es nicht um einen Klumpen Ton.

Zur Tragödie »Vatikan« möchte ich am liebsten gar nicht mehr Stellung beziehen. Ich hoffe nur, dass bald das Verbrecherische dieser Institution vollständig offenbart wird. Ich bin mir sicher, dass bald dieser Zeitpunkt kommen wird. Nina Hagen hat meine vollste Bewunderung. Nicht deshalb, weil ich ein Fan ihrer Musik bin, sondern weil ich sie für ihren Mut achte, die Wahrheit zu sagen (auch wenn es um Ufos geht, die sich selbstverständlich schon seit Jahrzehnten in Erdnähe befinden und die von den Medien geleugnet werden) oder darüber zu singen. Danke, Nina, für Dein Engagement! Die Ermüdungserscheinungen rühren wahrscheinlich daher, dass der verbohrte moderne Mensch missionarische Tätigkeiten aufgrund ihrer egozentrischen Selbstwahrnehmung kaum ertragen kann. »Er hat ja gar nicht mehr nötig, missioniert zu werden, wo kommen wir denn dahin?«

Auf Ihre Frage, warum man sich einem »Club« anpassen sollte, der unter anderem an Himmelfahrten und Jungfrauengeburten glaubt, möchte ich zu bedenken geben, dass Sie mit Ihrem heutigen Wissen das evtl. nicht begreifen können, jedoch über Ihre Intuition erfahren können, denn es handelt sich um Wahrheitsaspekte. Und wer die Wahrheit sucht, wird sie auch finden. Fragen Sie keinen Wissenschaftler, fragen Sie Gott, bitten Sie ihn um Weisheit. Im Übrigen ist es nicht lächerlich davon auszugehen, dass Gott sich seine Jungfrau sucht, um zu inkarnieren.

Wen sollte er denn sonst suchen? Und wo sollte er denn sonst erscheinen, wenn nicht in seinem auserwähltem Volk, das ihn dann allerdings nicht erkannte und ihn ermordete? Vielleicht wird es endlich Zeit, dass die Juden erkennen, wer sich in ihrem Volk offenbarte. Ohne Jesus Christus sind sie nichts, denn Jesus Christus ist des Ewigen Gottes Dual. Auch die Muslime werden nicht umhin kommen, Jesus Christus anzuerkennen. Wozu raten Sie nun den Menschen, zum Verat an Jesus Christus? Glauben Sie wirklich, dass es nur um die Menschenfreundlichkeit geht, also um ein nettes Boot von Menschen ohne Anerkennung des Retters? Unterstellen Sie bitte nicht den Menschen, die eine Gnosis erlebt haben, es ginge bei ihrer Welt- und Gottsicht nur um ihren eigenen Schweinehund, also um ein egoistisches Eigeninteresse.“

Zunächst einmal: Herzlichen Dank für Ihre Replik auf meine Kolumne, über die ich mich sehr gefreut habe. Die Verve, mit der Sie jedem meiner Gedanken entgegentreten, streichelt zweifellos die natürliche Eitelkeit des Autors, der gelesen und in eine Diskussion verwickelt werden will. Ich möchte meiner Antwort vorausschicken, dass ich die Quellen, auf die Sie sich beziehen, kenne und ausdrücklich respektiere. Gerade die Gnosis zählt mit ihrer spirituellen Gedankentiefe zu den späten Blüten der Antike – und zugleich zu den religiösen Stiefkindern des Abendlandes. Einst bekämpft, später vergessen, sind einige ihrer Erkenntnisse doch unzweifelhaft zu feinen Spurenelementen innerhalb der christlichen Religion geworden.

Was das Christentum betrifft: Erst heute habe ich den Report einer christlichen Nonne aus Syrien gehört, die in bewegender Weise davon berichtet, wie die internationale Staatengemeinschaft Waffen in ein zerbrechendes Land schmuggelt, um »Frieden« zu schaffen. Ihre Aufforderung, Jesus Christus beim Wort zu nehmen und in einen friedlichen Dialog zu treten, der immer ein Kompromiss für alle Parteien sein wird, aber die Zivilisten nicht in eine tödliche Geiselhaft nimmt, gehört vermutlich zu den wahrhaftigsten und (in ihrem Idealismus) zugleich realistischsten Lösungsansätze, die derzeit diskutiert werden.

Trotzdem möchte ich festhalten, dass Ihre Antwort aus einer festen religiösen Perspektive heraus geschrieben wurde, die ich so nicht teilen kann. Die Argumente, die Sie gegen meine Fragen ins Feld führen, sind Gegenstände eines ganz bestimmten Glaubens – und nicht »Wahrheiten«, die für jeden zugänglich sind. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es Ufos gibt oder Juden zum Christentum konvertieren müssen, um »etwas« zu sein; diese und andere »Fakten« besitzen für mich keine Überzeugungskraft, da sie meinem Welt- und Menschenbild zutiefst widersprechen.

In einem aber möchte ich Ihnen ausdrücklich recht geben: Weisheit findet man nicht in der Wissenschaft. Man kann es »Gott« nennen oder »Göttin«, »Buddha« oder das »Höhere Selbst« – Stille und Meditation bilden den Charakter sicherlich mehr als alle Knigge Guides (und Physiklehrbücher) der Welt. Mit Egoismus und Verrat hat das allerdings wenig zu tun; eher mit Toleranz und – im besten Falle – mit der Suche nach einer Wahrheit, die uns verbindet, egal wie »gläubig« wir auch immer sind.