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Überblick über die modernen Grenzwissenschaften

»Ein erheblicher Teil des Widerstands traditionsorientierter Wissenschaftler gegen den Zustrom neuer, revolutionärer Daten beruht auf einem fundamentalen Missverständnis der Beschaffenheit und der Funktion wissenschaftlicher Theorien.« (Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz. Neue Dimensionen in der Psychologie)

Ziel dieser Serie ist es, die Untersuchung der Wirklichkeit paranormaler Phänomene durch kritische Wissenschaftler darzustellen, den Versuch von Parapsychologen, Anomalisten und Paranormologen, eine »Theorie der Magie« zu formulieren, die das Unverständliche erklärt oder zumindest statistisch belegt. Für manchen Esoteriker mag eine Adelung durch die universitäre Wissenschaft überflüssig erscheinen – hat man mit dem »Glauben« an das materialistische Weltbild doch auch längst das Vertrauen in die Wissenschaft per se verloren. Dass die Naturwissenschaft längst nicht mehr der Newtonschen Weltanschauung anhängt und spätestens seit Einstein weitaus »esoterischer« klingt als so mancher Geisteswissenschaftler (der den Erkenntnissen eher konservativ, skeptisch und abwartend gegenübersteht), wird hierbei oft übersehen. Die Chance einer gemeinsamen geistigen Revolution war vielleicht noch nie so groß wie jetzt. Lassen Sie uns also einen Blick auf jene Wissenschaften werfen, die an den ausgefransten Rändern unseres Weltbilds nach neuen Wirklichkeiten forschen. Der Übersichtlichkeit halber werden wir uns – unter Verweis auf die internationalen Entwicklungen – auf die deutschsprachigen Grenzwissenschaften konzentrieren.

PARASPSYCHOLOGIE

Die in der breiten Öffentlichkeit bekannteste Grenzwissenschaft ist zweifellos die Parapsychologie. Sie gilt als die älteste Form wissenschaftlicher Beschäftigung mit paranormalen Phänomenen, reichen ihre Wurzeln doch zurück bis auf den 1862 gegründeten »Ghost Club« und auf die 1882 gegründete und heute von der Parapsychologin Deborah Delanoy geführte »Society for Psychical Research« (SPR). Der Psychologe Max Dessoir etablierte bereits 1889, nur 10 Jahre nach Gründung des ersten psychologischen Instituts, ihren heutigen Namen. Alternative Begriffe nennen diesen Forschungszweig, der sich selbst als Teilbereich der Psychologie versteht, auch Metapsychik. Aufgabe dieser Parawissenschaft ist es, »die jahrtausendealten und in allen Kulturen anzutreffenden Berichte von ‚übernatürlichen’ Geschehnissen auf ihren rationalen Kern hin zu untersuchen.« (Werner Bonin)

Mit dieser Eigendefinition grenzt sich die Parapsychologie scharf von jenen Esoterikern ab, die sich selbst als Parapsychologen bezeichnen, damit aber letztlich eine Beschäftigung mit okkulten Phänomenen meinen, ohne diese wissenschaftlich belegen oder untersuchen zu wollen. Im Gegensatz zum Okkultisten ist der Parapsychologe bemüht, erst einmal jede rationale Erklärung des zu untersuchenden Gegenstands auszuschließen, bevor er von einem übernatürlichen Phänomen spricht. Weiterhin nimmt er an, dass die meisten (wenn nicht alle) noch unerklärlichen Ereignisse auf psychischen Kräften – und somit auf menschlichen Fähigkeiten – beruhen. Gott, Götter, Geister oder Dämonen schließt er, da in ihrer Natur nicht messbar, von seiner Beweisführung aus.

Dank seiner Haltung und seinem Untersuchungsgegenstand ist der Parapsychologe ein Zwitterwesen ohne eigene Lobby. Von den klassischen Wissenschaften nicht ernst genommen, halten ihn religiöse wie esoterisch gesinnte Menschen für einen Verräter. Das erklärt, unter anderem, die mangelnde gesellschaftliche Resonanz auf die Forschungsergebnisse der Parapsychologie. Von Physikern wie Psychologen wegen seiner grundsätzlichen Akzeptanz »übernatürlicher« Phänomene zur Pseudowissenschaft erklärt, ist es die skeptische Grundhaltung und die Weigerung, sich auf übernatürliche Ursachen zu berufen, die ihn vom Mainstream der esoterischen Szene unterscheidet. Gegenstände wie die Hypnose, anfangs ein Kernbereich parapsychologischer Forschung, haben mit ihrer Vereinahmung durch die klassischen Naturwissenschaften (Medizin, Psychologie) zugleich ihre Zugkraft für eine Akzeptanz der Parapsychologie als ernstzunehmender Wissenschaft verloren.

Die Geschichte der parapsychologischen Forschung zerfällt in drei wichtige Abschnitte: die frühen Gehversuche ihrer Gründungsväter (1889-1910), die Ära des amerikanischen Biologen und (Para)psychologen Joseph B. Rhine (1911-1965), der seinem Gegenstand universitäre Kooperationen ermöglichte, sowie die intensive und breit gefächerte Forschung in den 70er und 80er Jahres des 20. Jahrhunderts, wohl infolge der seit 1968 zunehmenden Offenheit und gesellschaftlichen Neugier an spirituellen und (Gesellschafts-)philosophischen Fragen.

Insbesondere für den deutschsprachigen Bereich ist auf das Freiburger »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) hinzuweisen, das 1950 von dem Psychologen Hans Bender gegründet wurde und das heute als gemeinnütziger Verein vorwiegend durch private Stiftungsmittel finanziert wird. Das IGPP gilt als das weltweit größte Institut seiner Art, das mit seinen ca. 60.000 Bänden zudem über die europaweit größte Spezialbibliothek zum Thema Grenzwissenschaften verfügt, darunter Bücher zu Okkultismus, Spiritismus, Jenseitskontakten, medialen Kundgaben, Wiedergeburtserinnerungen, Tonbandeinspielungen, Channeling, Wünschelrutengängern, Geistiger Heilung, Astrologie, Divinations- und Orakelpraktiken (Tarot, I Ging), aber auch UFO-Forschung, Magie und Zauberkunst.

Vergleichbare, akademische Forschungseinrichtungen existieren heute in den USA (»The VERITAS Research Program« des Departments für Psychologie der Universität von Arizona), England (»The Parapsychology Research Group« der Universität von Liverpool; »Centre for the Study of Anomalous Psychological Research« in Northhampton; »Anomalistic Psychology Research Unit« an der Goldsmiths-Universität in London) sowie in Frankreich »L‘Institut métapsychique international« in Paris). Doch auch Ungarn, Indien, die Niederlande und Schweden verfügen über ähnliche Einrichtungen.

Waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Kartenlegen, Astrologie, Zauberei und so ziemlich alle mysteriösen Phänomene gelegentlicher Gegenstand parapsychologischer Forschung, so hat sich diese im Laufe ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung inzwischen auf wenige, aber gut dokumentierte Phänomene spezialisiert: im Fokus der modernen Parapsychologie stehen jetzt die sogenannte »Außersinnliche Wahrnehmung« (ASW) und die »Psychokinese« (Makro- wie Mikro-PK), zu deutsch: Gedankenübertragung, Hellsehen und die Bewegung oder Veränderung von Gegenständen durch rein geistige Einwirkung. Dazu sammelt und untersucht sie Berichte und führt selbst Forschungen durch. Ihre statistischen Untersuchungsmethoden hat sie von der klassischen Psychologie übernommen. Was vor über 100 Jahren als Sammeln absonderlicher Geschichten begann, wurde – der wissenschaftlichen Anerkennung zuliebe – immer mehr zu einer kleinteiligen Forschungswissenschaft. Tragischerweise, und das sei hinzugefügt, ohne deswegen auf größere Gegenliebe zu stoßen. Die oben genannten Phänomene werden als statistisch erwiesen betrachtet, wenn ihr Zustandekommen auch nicht erklärt werden kann. Parapsychologen nehmen eine Wechselwirkung zwischen geistigen und materiellen Prozessen an, für die vom orthodoxen wissenschaftlichen Standpunkt her (noch) keine Erklärung zur Verfügung steht.

Diese Haltung lässt den Begriff »Parapsychologie« treffend wie nie zuvor erscheinen. Denn im Unterschied zu früher werden nicht externe Kräfte (wie Verstorbene oder Geister) als Ursache für die Phänomene angesehen, sondern das Medium selbst. Spukphänomene zum Beispiel, einer der Hauptgegenstände der frühen parapsychologischen Forschung, werden heute generell auf die unbewussten Kräfte der Bewohner eines Hauses zurückgeführt, ohne freilich erklären zu können, wie die betreffende Person, die unter dem Spuk zu leiden hat, diese genau hervorrufen soll.

ANOMALISTIK

Weniger bekannt und nicht ganz so geschichtsträchtig wie die Parapsychologie ist die Anomalistik, deren Namen sich von der Untersuchung wissenschaftlicher Anomalien herleitet, welche durch gegenwärtig akzeptierte wissenschaftliche Theorien nicht erklärbar scheinen. 1973 brachte der amerikanische Anthropologe Roger Wescott diesen Begriff in die wissenschaftliche Diskussion ein.

Die Anomalistik ist, einem Grundlagentext von Marcello Truzzi zufolge, ein rein wissenschaftliches und interdisziplinäres Unterfangen. Wie die Parapsychologie sieht sie sich dem wissenschaftlichen Skeptizismus verpflichtet und beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit Metaphysik oder »übernatürlichen Phänomenen«. Durch die Interdisziplinarität sieht sie sich – im Gegensatz zur Parapsychologie – als lockeren Zusammenschluss von Fachwissenschaftlern aller Couleur. Durch ihren breiter gefassten Untersuchungsgegenstand legt sich die Anomalistik nicht auf die menschliche Psyche als Ursache aller zu untersuchenden Phänomene fest und untersucht auch Gebiete wie die Kryptozoologie (die verborgene Tierarten aufspürt und die Wurzeln von Fabelwesen
erforscht) und die Astrologie.

Als Wissenschaft grenzt sich die Anomalistik ebenso vom Gläubigen wie vom Spötter ab und sieht sich als Hilfswissenschaft für die Bewertung von Anomalien, die von Wissenschaftlern wie Protowissenschaftlern (darunter fallen auch die Esoteriker) aufgefunden wurden. Ihre Zielsetzung ist erfrischend und frei von orthodoxen Glaubenssätzen: »Angesichts der Erkenntnis, dass eine gut fundierte Anomalie eine Krise für konventionelle Theorien in der Wissenschaft auslösen kann, werden Anomalien von Anomalisten als eine Gelegenheit für progressiven Wandel in der Wissenschaft angesehen.« (Marcello Truzzi)

Die Breite anomalistischer Forschung tritt auch im Themenspektrum der »Zeitschrift für Anomalistik« zutage, die wie ein akademisches Pendant zur »esotera« klingt: Paranormale Überzeugungssysteme, Mondeinflüsse auf den Menschen, Nahtodes-Erfahrungen, UFO-Berichte, Parapsychologie und Psi-Experimente, Außerkörperliche Erfahrungen, Astrologie, Paraphysik, Geomantie, Homöopathie, Morphische Felder, Reinkarnation, Radiästhesie und vieles mehr. Die anomalistischen Arbeitskreise bestehen – getreu dem Prinzip der Interdisziplinarität und der Objektivität – aus Gegnern wie Befürwortern der zu untersuchenden Phänomene sowie aus Personen, denen die »Wahrheitsfrage« letztlich egal ist, weil sie für die von ihnen untersuchten Fragestellungen unwesentlich ist.

Ihrer Interdisziplinarität ist es geschuldet, dass es weder ein Studienfach noch ein regelrechtes »Institut für Anomalistik« gibt. Stattdessen werden anomalistische Studien in Forscherverbänden wie der »Society for Scientific Exploration« (Michigan/USA) oder der im badischen Sandhausen ansässigen »Gesellschaft für Anomalistik e.V.« betrieben. Beide geben nicht nur eigene Zeitschriften heraus, sondern veranstalten auch regelmäßige Zusammenkünfte, wie zuletzt das Meeting der SSE im August 2009 in Italien.

Ähnlich wie die Religionswissenschaft interessiert sich die Anomalistik nicht nur für die »esoterischen« Phänomene an sich, sondern für den Glauben an diese innerhalb der modernen Gesellschaft. So fand im Oktober 2009 eine Podiumsdiskussion zum Thema »Esoterik und Massenmedien – Boom oder Niedergang?« statt, deren Ziel es war, eine »aktuelle Einschätzung der Entwicklung des weiten Bereichs der Esoterik im Verhältnis zu den traditionellen Religionen, aber auch im Hinblick auf ihre Popularisierung und massenmediale Repräsentation« vorzunehmen. Der Arbeitskreis Astrologie, von einem erklärten Kritiker der Sterndeutung geleitet, kam laut einem Zwischenbericht von 2002 sogar zu »einigen für Astrologen ermutigenden Ergebnissen«. Das belegt neben der Objektivität der anomalistischen Forschung auch deren Vorsatz, »den Ansprüchen der Astrologie wirklich gerecht zu werden und ihre Erfolgschancen – bei ebenso sorgfältiger Beachtung methodischer Standards – zu optimieren.«

PARANORMOLOGIE

Etwa zeitgleich mit der Anomalistik vollzog sich die Gründung einer weiteren Forschungsrichtung, die sich explizit mit den Grenzgebieten der Wissenschaften auseinandersetzt: die Paranormologie. Sie widmet sich »der Absicherung der Echtheit, der Beschreibung der Erscheinungsformen, dem Aufdecken der Abweichungen von den bekannten und anerkannten Gesetzmäßigkeiten und dem Suchen nach möglichen Gesetzmäßigkeiten paranormaler Phänomene«. Die Parapsychologie wird von der Paranormologie als ein Teilbereich unter vieren verstanden, neben der Parabiologie, der Paraphysik und der alle religiösen Phänomene umfassenden Parapneumatologie. Um eben diesen letzten Teilbereich geht sie klar über den Forschungsgegenstand der Anomalistik hinaus.

Doch nicht der Gegenstand, sondern die Zielsetzung der paranormologischen Forschung ist es, die diese Wissenschaft von ihren oben dargestellten Nachbardisziplinen unterscheidet. Ihr geht es darum, die »Grundsprache der Natur und ihres Schöpfers« aufzudecken und »wieder verständlich zu machen«, ein Ansatz, der sich terminologisch eher an der Theologie zu orientieren scheint als an einer Naturwissenschaft. Ein Blick auf die Publikationen des Innsbrucker »Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft« verrät denn auch einen christlich geprägten Interessensraum: Neben Schriften mit dem Titel »Aspekte des Bewusstseins« und »Heilen« sind dort auch Bände über »Das Antlitz Christi« und »Die Seligen Johannes Pauls II.« zu finden. Das mag nicht zuletzt auf die persönlichen Interessen des Institutsgründers Andreas Resch zurückzuführen sein, einem studierten Theologen und Psychologen, der von 1969 bis 2000 die Professur für Klinische Psychologie und Paranormologie an der vatikanischen Lateranuniversität innehatte. Unter dem Link »Verwandte Institute« wird jedoch nicht auf theologische, sondern größtenteils auf parapsychologische Einrichtungen verwiesen.

Im Rahmen der »Weltbild«-Forschung beschäftigt sich die Paranormologie ausführlich mit den Gebieten der Magie, der Mantik, des Schamanismus, der Gnosis, der Alchemie, der Esoterik, dem Satanismus, dem Spiritismus und dem New Age. Auch hier ist die christliche Position des Forschers deutlich spürbar, wenn er – durchaus nicht wertfrei urteilend wie ein Wissenschaftler – die Esoterik als »vor allem zum Christentum alternative Lebensgestaltung« bezeichnet, die den »Stellenwert der Person durch die kosmische Einheit und den Kreislauf der Dinge völlig relativiert«.
Ein für alle Parawissenschaften unverzichtbarer Beitrag ist das auf über 20 Bände angelegte »Lexikon der Paranormologie«, dessen Begriffsdichte wie Umfang alle vergleichbaren Nachschlagewerke bei weitem übertrifft. Während der Sterndeutung in Reclams »Lexikon des Aberglaubens« 5 Seiten gewidmet sind und das »Lexikon der Parapsychologie« gerade mal 5 Spalten zu diesem Stichwort bietet, gibt es neben den 8 Spalten zum Stichwort »Astrologie« noch eigene Einträge zu Astroalchemie, Astrogeographie, Astrographologie, Astrokartographie und Astrologischen Edelsteinen, Häusern, Kalendern und Symbolen, insgesamt über 17 Spalten mit reichen Details zur Geschichte und Methodik dieser »Königin der Wissenschaften«. Auch die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaften«, welche über ein hohes akademisches Niveau verfügt, ist für jeden Interessenten der paranormalen Phänomene ein großer Gewinn, möchte sich dieser über den allmählichen Wandel des Weltbilds in den modernen Geistes- und Sozialwissenschaften informieren.

GESCHICHTE DER HERMETISCHEN PHILOSOPHIE UND VERWANDTER STRÖMUNGEN

Ebenfalls mit Weltbildern beschäftigt sich das in Amsterdam ansässige Zentrum für die »Geschichte der Hermetischen Philosophie und verwandter Strömungen« (gHF). Dieses beschäftigt sich seit 1999 mit all jenen Lehren und Theorien, die sich persönlicher spiritueller Erfahrung und innerer Erleuchtung verschrieben haben. Im Mittelpunkt stehen weniger die außergewöhnlichen Phänomene an sich als deren intellektuelle oder geistige Einordnung von Seiten der »Gläubigen« bzw. »Praktizierenden«. So verwundern gelegentliche Überschneidungen nicht, wie die Assistenzprofessur Kocku von Stuckrads belegt, der sowohl Wissenschaftler als auch praktizierender Astrologe ist. Im Gegensatz zur Parapsychologie und zur Anomalistik interessiert das gHF jedoch weniger die Wahrheitsfrage der behandelten Lehren, als vielmehr deren historische Zusammenhänge und ihr Einfluss auf die jeweilige Gesellschaft, in der sie zu Hause waren. Die Universität von Amsterdam ist damit die erste Universität weltweit, die ein vollständiges Forschungs- und Lehrprogramm auf dem Gebiet westlicher Esoterik entwickelt hat.

Neben der regulären Ausbildung von Studenten und der Betreuung von Doktoranden bietet das Institut mit seiner ausgesprochen feinen esoterischen Bibliothek (mit zahlreichen mittelalterlichen Schriften) auch eine Heimstatt für Projekte assoziierter Wissenschaftler. Themen wie »Veränderte Bewusstseinszustände«, »Die Anwesenheit von Göttern« oder »Konx Om Pax: Die Geschichte einer mysteriösen (Zauber)formel« lassen dabei eher an die »Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei« denken als an ein reguläres religionswissenschaftliches Institut; doch alle Beteiligten sehen sich neben ihrem aufrichtigen Interesse an Esoterik vor allem der kritischen akademischen Wissenschaft verpflichtet. Und genau hier liegt der große Wert dieser Institution: in ihrer Unanhängigkeit, die die von der Anomalistik geforderte Objektivität jenseits von Glauben und Spöttelei garantiert. Ihre Ergebnisse werden so zu einem echten Zugewinn für das Verständnis wie für die Fortschreibung der europäischen Geistesgeschichte.

DER MAGIE EINE THEORIE!

Schon dieser kurze Überblick über die wichtigsten Strömungen der deutschen wie der internationalen Grenzwissenschaften belegt die wachsende Aufmerksamkeit, die manche innovative Wissenschaftler »typisch esoterischen« Phänomenen schenken. Was noch vor einiger Zeit »des Teufels« war, ist inzwischen sogar an der Universität des Vatikans zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden.

Wie jeder Dialog, der auf einen »Heiligen Krieg« folgt, kann diese neue Auseinandersetzung für beide Seiten nur von Gewinn sein. In den folgenden Teilen dieser Serie werden wir uns Phänomenen widmen, die von den Grenzwissenschaften besonders intensiv erforscht worden sind und die in der Tat das Zeug haben, unser Weltbild an entscheidenden Stellen zu korrigieren.

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Wie vertragen sich Wissenschaft und Spiritualität?

»Der Naturwissenschaftler kennt die Zweige des Baumes des Wissens, aber nicht seine Wurzeln. Der Mystiker kennt die Wurzeln des Baumes des Wissens, aber nicht seine Zweige. Die Naturwissenschaft ist nicht auf die Mystik angewiesen und die Mystik nicht auf die Naturwissenschaft – doch die Menschheit kann auf keine der beiden verzichten.« (Fritjof Capra, Der kosmische Reigen)

Eine der erstaunlichsten Eigenschaften unserer Gesellschaft ist ihre metaphysische Schizophrenie. Zwei scheinbar unversöhnliche Gesellschaftsgruppen, die Materialisten und die Esoteriker, haben sich den Krieg erklärt, einen heiligen und kalten Krieg. Heilig, da es in jenem Krieg um nichts Geringeres geht als um die Deutungshoheit der Wirklichkeit mit all ihren Konsequenzen; und kalt, da dieser Krieg beinahe ausschließlich über Propaganda im eigenen Lager geführt wird und nur sehr selten in Form einer echten Konfrontation, einer Auseinandersetzung mit der gegnerischen Partei erfolgt.

Beide Ideologien kämpfen um die Seelen der Gläubigen, denen letztlich nichts anderes übrigbleibt, als einer der beiden Instanzen eine verbindliche Weltdeutung zuzutrauen und diese von ihr zu übernehmen. Beide kämpfen mit sehr unterschiedlichen Waffen, bedingt auch durch ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung. Während die gut situierte Wissenschaft kaum auf die überaus blühende Esoterikszene Bezug nimmt, diese schon durch ihr Schweigen kommentarlos der Irrelevanz bezichtigt, verwendet so mancher Esoteriker eine Menge Energie darauf, »die Wissenschaft« per se zu verurteilen und ihr Weltbild wie ihre Auswüchse der institutionellen Blindheit zu bezichtigen.

ESOTERIK ALS DENKFORM

Nun ist es ja nicht so, dass »Wissenschaft« und »Esoterik« tatsächlich zwei so monolithische Blöcke darstellten, wie es in der geschilderten Auseinandersetzung so manches Mal den Anschein hat. Statt nun die Unterschiede innerhalb der beiden dominanten Denksysteme herauszuarbeiten, möchte ich auf die sie charakterisierenden Elemente hinweisen. Was verbindet alle esoterischen Strömungen? Und was macht aus Psychologie, Quantenmechanik und mittelalterlicher Geschichte »Wissenschaft«?

Der französische Esoterikforscher Antoine Faivre stellt in seinem Vorwort zur »Geheimen Geschichte des abendländischen Denkens« fest: »Die Esoterik stellt nicht einmal ein eigentliches Gebiet dar, so wie man etwa vom Gebiet der Malerei, der Philosophie oder gar der Chemie sprechen kann. Sie ist weit weniger ein spezifisches Genre als vielmehr eine Denkform […].« Er schließt eine Beschränkung der Esoterik auf den Topos »Geheimlehre«, die wenigen Eingeweihten vorbehalten ist, ebenso aus wie die Bestimmung der Esoterik als »spirituellen Raum« bzw. »den Weg dorthin«. Zudem sei die Esoterik, wie wir sie kennen, eine durchaus abendländische Tradition; so ist es ihm »noch immer ein Rätsel, was eine weltweite Esoterik denn sein könne.«

Diese Definition der Esoterik als eine Denkform, die in der Praxis die unterschiedlichsten, teilweise widersprüchlichen Ausformungen annehmen kann, erleichtert den Einstieg in das Verständnis ihrer Auseinandersetzung mit den sogenannten akademischen Wissenschaften. Thorwald Dethlefsen, einer der bekanntesten Esoteriker Deutschlands, stellt seinem 1979 erschienenen Werk »Schicksal als Chance«, das den Leser »in das Weltbild der Esoterik einführen soll«, ein Kapitel mit dem programmatischen Titel »Esoterik – die unwissenschaftliche Art, die Wirklichkeit zu betrachten« voran.

Nach einer wertneutralen Definition der Wissenschaft über ihr Ziel, »die Wirklichkeit gedanklich zu durchdringen und durch das Auffinden von Gesetzen eine Ordnung in die Vielfalt der Erscheinungsformen zu bringen«, charakterisiert er ihre Vorgehensweise als das Aufstellen und Widerlegen von Theorien. Die daraus abgeleitete pointierte Feststellung, dass »die Wahrheit von heute der Irrtum von morgen« sei, wird zum Ausgangspunkt der Dethlefsen’schen Kritik: So sei es trotz der allgemein praktizierten Gewohnheit, nach der jede Generation von Wissenschaftlern an der Widerlegung der Erkenntnisse der ihr vorangegangenen Generationen arbeite, eine »tiefe Überzeugung« der Wissenschaft, »jetzt die absolute und endgültige Wahrheit gefunden zu haben«. »In diesem Punkt«, so das Urteil des Autors, »übertrifft die Glaubensstärke der Wissenschaft mit Leichtigkeit jede religiöse Sekte«.

WISSENSCHAFT, DIE RELIGION DER MODERNE?

Der Hang der Wissenschaft, sich stetig selbst zu widerlegen, kann durchaus als charakteristisches Merkmal aller Natur- und Geisteswissenschaften verstanden werden. Laut Brockhaus ist Wissenschaft in erster Linie »eine systematische Ordnung des gesammelten Wissens und empirischer Erkenntnisse, Theorienbildung auf Basis aufgestellter Hypothesen und praxisnaher Überprüfung (Beweis)«. Ihre Theorien müssen demnach »bestimmte Kriterien der Verifikation (Überprüfung) bestehen, um in der wissenschaftlichen Gemeinde anerkannt zu werden.«. Als Angehöriger eines Berufsfelds, das notwendigerweise über einen ausgeprägten Skeptizismus verfügt, stellt religiöses oder esoterisches »Offenbarungswissen« für viele Wissenschaftler ein rotes Tuch dar. Wer behauptet, Wissen über die Welt und ihre Einzelteile zu besitzen, ohne diese nach wissenschaftlichen Kriterien »beweisen« zu können, gilt vielen als Scharlatan und im Extremfall als gefährlich für die »Psychohygiene« der gesamten ihn umgebenden Gesellschaft.

Hier scheint mir auch das Kernproblem des Dialogs zwischen Esoterik und Wissenschaft zu liegen. Beide »Denkformen« betrachten die jeweils andere Seite als eine durch ihre eigene Tätigkeit relativierte Weltanschauung. Nur durch religiöse Verblendung scheint es möglich, dass die eine wie die andere Seite überhaupt Anhänger finden kann, ohne ihre eigene Weltanschauung zu hinterfragen. Insofern werfen sich beide Seiten gleichermaßen vor, Ideologien zu sein; und wie Ideologien bekämpfen sie sich. Nicht Wissen, sondern der Glaube an ihre Grundsätze bestimme die
Methodik wie die Ergebnisse der jeweiligen Konkurrenz.

Dass eine solche Einstellung für die Aufnahme eines wie auch immer gearteten Dialogs nicht wirklich dienlich ist, liegt auf der Hand. So ist es kein Wunder, wenn die Fronten zwischen Wissenschaft und Esoterik zementiert, und Kongresse wie Messen der jeweiligen »Gegner« mit Argwohn betrachtet werden. Die Kritik bewegt sich hierbei in einem Spektrum von bloßer Verharmlosung bis hin zur Kriminalisierung der entgegengesetzten Ideologie. Beispielhaft sei auf den immer wieder postulierten Zusammenhang zwischen esoterischen Grundsätzen und dem politischen Konzept des Faschismus hingewiesen, der letztlich in der These kulminiert, dass »die weiter wachsende massenweise Verbreitung des New Age eine heutige neofaschistische ‚Ansprache’ […] in einer Weise begünstigt, wie es seit dem moralischen Niedergang des Faschismus aufgrund seiner Abscheu erregenden Verbrechen nicht der Fall gewesen ist.« (P. Kratz, »Alles schon mal dagewesen!« 10 Thesen zu New Age und Faschismus)

Trotz der hier skizzierten gegenseitigen Ablehnung kam es in den letzten 150 Jahren immer wieder zu einer durchaus konstruktiven Auseinandersetzung zwischen esoterischen und wissenschaftlichen Autoren. Auf der einen Seite waren es Esoteriker, die wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Lehren und Vorstellungen integrieren wollten (man denke bloß an den eingangs zitierten Fritjof Capra und seinen Versuch, östliches Gedankengut mit westlicher Physik zu vereinen), und auf der anderen Seite Wissenschaftler, die übernatürliche Phänomene (und ihre Anziehungskraft auf Menschen) zum Gegenstand ihrer Untersuchung machten. Letztere waren nicht selten »glaubende« Wissenschaftler, die daran interessiert waren, ihre Glaubensgegenstände wissenschaftlich zu »beweisen«. Das Gros der Akademiker bestand jedoch zumeist aus Forschern, die sich für bestimmte Phänomene interessierten und diese untersuchten, um zu einer Theorie zu gelangen, die das für einen rationalistisch
gesinnten Menschen Unerklärliche verständlich macht – oder schlicht widerlegt.

Das weltanschauliche Gegenstück zu diesen »esoterischen Wissenschaftlern« stellen die »wissenschaftlichen Esoteriker« dar, die versuchen, die eigenen Lehren mit Termini und Erkenntnissen der (Populär)wissenschaft zu schmücken oder gar zu begründen. »Der Schamane mit Psychologiedoktorat gibt den Ton an, auch der Physikprofessor mit einer Schwäche für Tao. Allemal muss, bei der Beschäftigung mit dem Außerirdischen oder Unterirdischen, ein wissenschaftlicher Kommentar mitgeliefert werden, aus der Astronomie oder Tiefenpsychologie. Das geht deshalb ganz gut, weil manche Gemächer des heutigen wissenschaftlichen Gebäudes recht spärlich beleuchtet sind«. (A. Holl, Wassermannzeit) Dieser »wissenschaftliche« Zierrat verrät natürlich vor allem eins: Wissenschaft oder das, was man dafür hält, ist längst selbst zu einer Religion geworden. Wer früher dem Priester glaubte, ohne zu verstehen, wovon dieser redete, nickt heute vertrauensvoll den Akademiker ab, der es im Zweifelsfall besser wissen muss.

DIE GEBURT DER WISSENSCHAFT

Doch die Wurzeln des modern anmutenden Gegensatzes »Esoterik versus Wissenschaft« sind bei weitem nicht so jung wie angenommen und reichen statt dessen tief in den Brunnen der Geschichte hinab. Seine Ursprünge liegen in der Entstehungszeit der ersten kritischen und vernunftbetonten Wissenschaften im Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Während die religiöse (und die damit eng verwandte esoterische) Denkweise seit jeher das Bild des Menschen von der Welt bestimmt hatte, entstand zu dieser Zeit eine völlig neue und in großem Umfang von den alten Traditionen unabhängige Lehre von der Wirklichkeit, welche erst viel später den Namen »Wissenschaft« erhalten sollte.

Wo liegen die Ursachen für die Entstehung einer von der religiösen Sinnfrage befreiten Erforschung der Welt und welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Emanzipation einer so jungen Bewegung wie der Natur- und der Geisteswissenschaft zu gewährleisten? Friedrich Pfister, ein klassischer Philologe, beschrieb die Situation zum Zeitpunkt ihrer Entstehung folgendermaßen: »Es hatte sich eine Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft; es waren die geistigen Bestrebungen entstanden, die zum wissenschaftlichen Forschen führten, die Kritik an der Überlieferung, der Drang nach Ordnung und Systematik und das Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge. Es war aber auch der große umfassende Fragenbereich aufgetaucht, der seitdem immer wieder die denkende und forschende Menschheit beschäftigen sollte: Woraus ist das Weltall entstanden und wie hat es sich entwickelt? Wie ist die Menschheit entstanden und wie ist ihre Geschichte? Wenn jene wissenschaftlichen Bestrebungen erstarkten und sich auch in der Einzelforschung bewährten und wenn man den Mythos überwand, so war eine wirkliche Wissenschaft gegeben […]«.

IGNORANTE PHARAONEN

Diesem Ursachenmodell mag entgegengehalten werden, dass viele seiner Bestandteile keineswegs dazu führen müssen, Erkenntnisgewinn zu rationalisieren, wie wir an etlichen vorwissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können. Im Alten Ägypten zum Beispiel war eine »Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft« und es bestand ohne Zweifel ein ausgeprägter »Drang nach Ordnung und Systematik«; auch die Entstehung von Fragen nach dem Ursprung und der Geschichte der Welt bzw. ihrer Bewohner ist ein uralter Topos innerhalb der ägyptischen religiösen Literatur. Was aber »fehlte« den Ägyptern, was verhinderte einen Paradigmenwechsel in der Methodik ihres Erkenntnisgewinns?

Als zentrale Knackpunkte erscheinen mir die von Pfister genannte »Kritik an der Überlieferung«, welche selbst freilich nicht Ursache, sondern Folge einer gewissen geistigen Wende ist, und das »Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge«. Beide waren in einem Kulturbereich wie dem ägyptischen nicht besonders ausgeprägt. Die ausgesprochen konservative Haltung der ägyptischen Intellektuellen, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Heil in der Bewahrung des überlieferten Wissens sah, und das assoziative, mythische Denken verhinderten letztlich eine tiefgreifende Öffnung ihrer Geisteskultur für strukturelle Veränderungen. Exemplarisch für Hunderte ähnlicher Texte seien hier ein paar Zeilen aus der Lehre für den König Merikare zitiert: »Ahme deinen Vätern und deinen Vorvätern nach. Erfolgreich arbeiten kann man nur in der Tradition: ihre Ausführungen sind ja in den Büchern erhalten. Schlage sie auf und lies und eifere den Weisen nach!«

Charakteristisch für das ägyptische Denken ist seine gegenständliche Erfassung der Wirklichkeit, die – ähnlich der ägyptischen Hieroglyphenschrift – stets eine Mischung aus bildhaft-wörtlichen und symbolhaft-abstrakten Elementen enthält. Der Ägyptologe Eberhart Otto schreibt hierzu in seinem Werk »Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur«: »Wir wissen dann freilich im einzelnen nicht immer, wieweit er diese Bilder sinnhaft für Wirklichkeit nahm, wieweit sie als Symbol für etwas anderes standen und wieweit sie nicht oft einfach zu sprachlichen Bildern geworden sind, die ihre greifbare Bildlichkeit längst eingebüßt hatten.«

Bildhaftes Denken muss – wie in Ägypten – nicht zwangsläufig einen Widerspruch zur geistigen Fähigkeit der Abstraktion bilden, welche letztlich die Ursache für wissenschaftliches Arbeiten ist. Viel eher geht ja das analoge ebenso wie das logische Denken von Zusammenhängen zwischen augenscheinlich unabhängigen Phänomenen aus, »um so zu allgemeinen Begriffen und Gesetzen zu kommen«. Dennoch muss es einen Grund haben, warum die Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, ihren Anfang eben nicht im ägyptischen, sondern im griechischen Kulturkreis genommen hat. Otto sieht die Ursachen dafür weniger an den »tatsächlichen Leistungen« als an den »Zielen« der ägyptischen Wissenschaft. Er stellt fest: »Was dem Ägypter offenbar generell ermangelte, war die wissenschaftliche Neugier, das Bedürfnis Neuland zu entdecken, der Trieb vom Erkannten zum Unbekannten weiterzuschreiten, kurz das, was dann wohl erst die griechisch-ionische Wissenschaft in Fluss gebracht hat. Der Ägypter begnügte sich offenbar, wenn er eine Lösung gefunden hatte, die seine praktischen Zwecke erfüllte, und er hielt dann mit beachtlicher Hartnäckigkeit an ihr fest. Es ging ihm nicht darum, die Welt als Ganzes erklären zu wollen. Es genügte offenbar, für ihre Teilerscheinungen praktische Erklärungen zu finden; doch sollte man ihm deshalb nicht die intellektuellen Voraussetzungen für wissenschaftliches und logisches Denken generell absprechen«.

Das Verhältnis des Ägypters zu seiner Welt war – und blieb – ein magisches. Innerhalb eines solchen Modells wird dem analogen Denken (als dem »natürlichen«, »ursprünglichen«) eine ungemein größere Stellung eingeräumt als dem logischen. Selbst im Kontext wissenschaftlicher Forschung – wie der hoch gelobten ägyptischen Medizin – erlangt das kausale Denken allenfalls eine gleichberechtigte, niemals jedoch eine dem analogen Prinzip übergeordnete Stellung. So formte das Wissen um die geistigen Hintergründe eines Ereignisses, welches analog erschlossen wurde, gemeinsam mit der Kenntnis seiner konkreten, also logisch erschließbaren Ursachen ein unauflösliches Amalgam.

»SYMPATHIE« STATT LOGIK?

Insofern ist es verständlich und verwundert kaum, dass Ägypten heute unter Esoterikern ebenso beliebt ist wie schon unter den Alchemisten und Okkultisten der vergangenen Jahrhunderte. Zwischen dem »proto-wissenschaftlichen«, analogen Weltbild der Ägypter und dem Denken in Entsprechungen, wie es seit der Hermetik jede Form von »Geheimlehre« bis hin zur modernen Esoterik kennzeichnet, besteht eine wesensmäßige Verwandtschaft.

Der 2000 Jahre alte Satz »Wie oben, so unten« aus den hermetischen Schriften kann als zentrales Bekenntnis der esoterischen Weltsicht überhaupt betrachtet werden. Ohne es wäre weder die Astrologie, noch das Kartenlegen, noch die Vorzeichendeutung denkbar. Die Hermetik, eine erst in griechischen Quellen fassbare Lehre, die sich selbst jedoch als ägyptisch betrachtet und die nach ihrer zentralen Figur, dem Gott Hermes Trismegistos benannt ist, war eine Geheimlehre, die sich mit dem Aufstieg des Menschen – raus aus der grobstofflichen Welt, rein in den lichten Himmel – beschäftigte. Bei dieser »esoterischen« (sprich: innere, also hinter den äußeren Erscheinungsformen verborgenen) Lehre, die nie zur offiziellen Religion wurde, in der Spätantike aber durchaus verbreitet war, handelt es sich sozusagen um die Mutter aller esoterischen Strömungen. Sie behandelt einen auf das Lesen bestimmter Schriften konzentrierten Erlösungsweg des Menschen bis hin zu seiner Erleuchtung. Ein Kernelement bildet die sogenannte »Sympathie«-Lehre zwischen Makro- und Mikrokosmos, welche eine Verwandtschaft von himmlischen und weltlichen Phänomenen annimmt (zumindest aber eine zeitliche Koinzidenz). Statt, wie in der griechischen Wissenschaft, nach den realweltlichen Ursachen eines bestimmten Problems zu forschen, sollte hier nach seinen gedanklichen und spirituellen Ursachen gesucht werden. Überspitzt formuliert könnte man die beiden Zielrichtungen der Wissenschaft und der Esoterik also auf die menschlichen Grundfragen »Wie« und »Wieso?« reduzieren. Das offenbart freilich, dass sich hier nicht notwendigerweise Feinde, sondern vielleicht sogar potentielle Verbündete gegenüberstehen.

»Eine Theorie der Magie« wird Ihnen in den kommenden 12 Monaten einen ausführlichen Überblick über das spannende Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und Esoterik liefern. Der Fokus wird hierbei auf (Grenz-)Wissenschaften wie der Parapsychologie, der Anomalistik und der Paranormologie liegen, deren spannende Erkenntnisse aus über 100 Jahren Forschung nicht nur wohlwollenden Esoterikern, sondern auch kritischen Wissenschaftlern gelegentlich allen Grund zum Staunen geben.