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Gefährliche Ideale

Idealisten gelten gemeinhin als die besseren Menschen. Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.

Was macht mich zum Idealisten? Zum Idealisten macht mich zum Beispiel, dass ich Religion für eine gute Sache halte. Man wird mir sofort ins Wort fallen und sagen, gerade heute: aber die Religion ist doch die Ursache für so viel Leid, Krieg und Missverständnis. Würde ich dem beipflichten, wäre ich ein Realist. Ein Mensch, der das Konzept der Religion danach beurteilt, was sie angerichtet hat und noch immer anrichtet, betrachtet die Religion naturgemäß als etwas Destruktives, Naturfeindliches, zu Überwindendes. Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Demnach hat Idealismus nicht nur etwas mit Blindheit gegenüber der Realität zu tun, sondern auch sehr viel mit der Hingabe zur Möglichkeit. Sofort mag man sagen: oh ja, deshalb ist der Idealist ja keinen Deut besser als der Religiöse, denn Religion schafft all das Übel in der Welt ja gerade dadurch, dass sie die Menschen nicht einfach leben lässt, sondern verändern will im Sinne eines Ziels, das die jeweilige Religion gerade für erstrebenswert hält. Dann frage ich mich: Aber sind die Religiösen nicht auch die Konservativen? Was wiegt nun schwerer, ihr »realistischer« Hang zur Bewahrung des Vorhandenen oder ihr »idealistischer« Hang zur Verbesserung desselben?

Dass nicht nur Jesus, John Lennon und Mutter Theresa, sondern auch Mao und Adolf Hitler Idealisten waren, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Auch nicht, wenn man betrachtet, dass fast alle Kriege der letzten hundert Jahre zwischen Idealisten mit unterschiedlichen Idealen geführt wurden. Das gefährliche am Nationalsozialismus ist ja eben nicht die Tatsache, dass in den dreißiger Jahren durch die kollektive Blindheit eines ganzen Kontinents Halbaffen an die Macht gelassen wurden, die töten und vernichten wollten. Niemand wäre ihnen gefolgt. Die verführte Masse folgt stets dem Ideal. Das gefährliche an den Nationalsozialisten ist, dass sie nach ihrer Definition tatsächlich meinten, eine Welt des Lichts, der Befreiung und des Glücks zu errichten. Nirgends wird das klarer als in dem zynischen Urteil Himmlers, die Welt würde den Deutschen für die Vernichtung der Juden eines Tages dankbar sein. Das Unrecht lag darin, dass man diese lichte Welt exklusiv gestalten wollte und auf Kosten der restlichen Menschheit.

Wenn wir heute die Taliban und das Mullah-Regime in Teheran verurteilen, weil es mit unserem Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbar ist, Ehebrecher zu steinigen und Homosexuelle in Fußballstadien aufzuhängen, dann spüren wir eine berechtigte, eine natürliche Aversion gegen Menschen, die sich zu Richtern (und Henkern) aufspielen im Namen einer höheren Gerechtigkeit. So kommen wir unserem Problem vielleicht auf die Spur: Idealismus sollte vielleicht, wie alles Religiöse, ein Bestandteil des privaten Lebens bleiben. Hier besitzen Ideale einen unverkennbaren Wert. Wer Ideale hingegen mit Machtausübung verknüpft, riskiert einen hohen Preis. Doch was ist dann mit der humanitären Hilfe? Mit den Ökoaktivisten? Sind nicht auch sie politisch aktive, also nach Macht und Einfluss strebende Idealisten?

Wir sehen, wir befinden uns zwischen zwei Mühlsteinen. Und so werden wir uns auch weiterhin unseren Zickzackkurs durch die Ideale und Realitäten dieser Welt bahnen müssen, um zu einem Lebenskonzept zu gelangen, das für uns als denkende Menschen tragbar ist. Immer bereit zu hoffen und Veränderung zu wagen, aber niemals auf Kosten von Anderen.

Zum Teufel mit den Stirnrunzlern!

Wie Jorge Mario Bergoglio erneut den Idealisten in mir weckte

Vor genau dreißig Monaten erschien an dieser Stelle mein erster Beitrag, damals unter dem Titel »Gefährliche Ideale«. Zwei Stellen dieses Textes sind mir – im Gegensatz zu so manch anderen – bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Zum einen die Heranziehung der Religion für die Begründung meines eigenen Idealismus: »Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.« Zum anderen die zugegebenermaßen zugespitzte Einleitung meines Artikels, die mir wenig später durch eine etwa gleichaltrige Leserin aus München den Vorwurf des »Anti-Katholizismus« einbrachte: »Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.«

Aus sehr unterschiedlichen Gründen habe ich diese zwei Aussagen bis heute nicht vergessen: Letztere, weil sie mir schon zu Beginn meiner Kolumnistentätigkeit vor Augen führte, dass man als Autor in noch viel stärkerem Maße als im persönlichen Austausch damit rechnen muss, völlig falsch verstanden zu werden. Und erstere, weil ich sie heute nicht mehr so unterschreiben würde – einfach, weil sich meine Meinung diesbezüglich im Laufe der Jahre stark geändert hat. Hielt ich Religionen damals noch generell für etwas Gutes, unterscheide ich heute viel genauer zwischen gelebter Spiritualität auf der einen und blind befolgter Überzeugungen und Rituale auf der anderen Seite. Niemand, der Selbst-Transzendenz und Liebe wirklich verinnerlicht hat, würde je auf die Idee kommen, aus Religion so etwas wie eine jeglichem Widerspruch entzogene Politik zu machen, wie es in Geschichte und Gegenwart immer wieder geschehen ist und weiterhin geschieht.

Dass ich heute diese Bilanz ziehe, geschieht nicht etwa aus Sentimentalität (»30 Ausgaben!«), sondern aus aktuellem Anlass: Der damals regierende Papst Benedikt XVI. hat inzwischen abgedankt; an seine Stelle trat ein argentinischer Jesuit, der sich selbst Franciscus nennt. Dass dieser im Deutschen – anders als in allen anderen Sprachen – nicht mit dem hiesigen Namensäquivalent »Franz« bezeichnet wird, mag Traditionalisten verärgern; die Begründung des Leipziger Namensforschers Prof. Jürgen Udolph lässt hingegen aufhorchen: »Der Name ist völlig aus der Mode.«

Die Tatsache, dass ein katholisches Oberhaupt keinen »unmodernen« Namen tragen sollte, ist angesichts von Pius, Benedikt und Innozenz immerhin bemerkenswert. In Bezug auf den Namensträger selbst scheint diese Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz jedoch durchaus Programm zu sein. Jenem Mann, der sich seit seiner Wahl zum Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken stets als »Bischof von Rom« bezeichnet, um Gebete für eine gute Amtsführung bittet und Präsidentinnen wie Schwerbehinderte spontan auf die Wange küsst, ist sein erstes Wunder schon gelungen: dem höchsten Amt der Kirche ein wahrhaft christliches Antlitz zu verpassen. Jene Ziele, die ich einst der Religion im Allgemeinen zuschrieb, scheinen zu den Grundlagen seines Pontifikats zu werden: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Angesichts der allerorts ausbrechenden Verzückung ließen die kritischen Stimmen natürlich nicht lange auf sich warten. Mit runzelnder Stirn fragten sie nach Bergoglios rigider Sexualmoral und seiner ungeklärten Rolle während der argentinischen Militärdiktatur. »Der Spiegel« widmete dieser ambivalenten Beurteilung des neuen Papstes sogar einen ebenso albernen wie unzutreffenden Titel: »Der moderne Reaktionär«.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich es dreißig Kolumnen später vielleicht »nicht mehr so unterschreiben« werde: Zum Teufel mit all den Kritikern und Stirnrunzlern, zum Teufel mit dem Kleinmut und jenen, denen ihre Ideale die Sicht auf die Wirklichkeit verstellen! Ja, Franziskus wird wie jeder Mensch in seinem Leben eine Reihe falscher Entscheidungen getroffen haben. Und ja, als katholischer Kardinal wird er vermutlich nicht zur Avantgarde der sich stetig wandelnden Sexualmoral gehören. Doch wer die Eignung eines Mannes für das Amt des Papstes von diesen Themen abhängig macht, übersieht am Ende, wen er – sei es durch eine Laune des Schicksals oder eine Fügung des Himmels – vor sich hat: Einen (be)rührenden und aufmerksamen Menschen, der schon jetzt die für äußere Reformen wie für eine innere Weiterentwicklung gleichermaßen wertvolle Fähigkeit bewiesen hat, Konventionen mit einer von Herzen kommenden Spontaneität zu brechen. Gönnen wir diesem Mann die berühmten ersten 100 Tage Amtszeit, um zu beurteilen, was der ehemalige »Kardinal der Armen« vom Stuhl Petri aus zu schaffen vermag.

Eines steht für mich schon heute fest: »Modern« ist Franziskus mit Sicherheit nicht – und muss es auch gar nicht sein. Dieser Papst ist drauf und dran, der von Moden besessenen Welt eine viel wichtigere Lektion zu erteilen: Den zeitlosen Wert von Güte und Mitmenschlichkeit. Mehr kann man von einem Heiligen Vater nun wirklich nicht verlangen.

Die Suche nach Wahrheit

Als mich infolge meiner letzte Kolumne eine ebenso erregte wie ausführliche Zuschrift erreichte, fand ich mich zum einen berührt, zum anderen ratlos. Berührt, weil wir durch die von mir geäußerten Gedanken in einen Dialog getreten waren, der mir wertvoll erschien. Ratlos, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich diesen Erwiderungen entgegentreten sollte. Umso länger ich überlegte, umso unklarer wurde mir, was uns verband – und trennte. Da dieses Forschen, Infragestellen und Erwägen ja im Grunde zentrale Gegenstände meiner Kolumne sind, möchte ich Sie heute einladen, unserem Dialog über »all den Klimbim« zu folgen und sich gegebenenfalls daran zu beteiligen.

„Ihr Artikel hat mich aufgewühlt und betroffen gemacht. Bevor der Mensch körperlich geschaffen wurde, war er bereits ein Geistwesen, auch Lichtwesen genannt. Die Bibel geht kaum auf dieses Geschehen ein, doch wenn Sie zum Beispiel gnostische Quellen heranziehen, werden sie feststellen, wie detailliert der Fall in die Materie geschildert wird, z. B. in der »Pistis Sophia«. Hier geht es nicht um einen Klumpen Ton.

Zur Tragödie »Vatikan« möchte ich am liebsten gar nicht mehr Stellung beziehen. Ich hoffe nur, dass bald das Verbrecherische dieser Institution vollständig offenbart wird. Ich bin mir sicher, dass bald dieser Zeitpunkt kommen wird. Nina Hagen hat meine vollste Bewunderung. Nicht deshalb, weil ich ein Fan ihrer Musik bin, sondern weil ich sie für ihren Mut achte, die Wahrheit zu sagen (auch wenn es um Ufos geht, die sich selbstverständlich schon seit Jahrzehnten in Erdnähe befinden und die von den Medien geleugnet werden) oder darüber zu singen. Danke, Nina, für Dein Engagement! Die Ermüdungserscheinungen rühren wahrscheinlich daher, dass der verbohrte moderne Mensch missionarische Tätigkeiten aufgrund ihrer egozentrischen Selbstwahrnehmung kaum ertragen kann. »Er hat ja gar nicht mehr nötig, missioniert zu werden, wo kommen wir denn dahin?«

Auf Ihre Frage, warum man sich einem »Club« anpassen sollte, der unter anderem an Himmelfahrten und Jungfrauengeburten glaubt, möchte ich zu bedenken geben, dass Sie mit Ihrem heutigen Wissen das evtl. nicht begreifen können, jedoch über Ihre Intuition erfahren können, denn es handelt sich um Wahrheitsaspekte. Und wer die Wahrheit sucht, wird sie auch finden. Fragen Sie keinen Wissenschaftler, fragen Sie Gott, bitten Sie ihn um Weisheit. Im Übrigen ist es nicht lächerlich davon auszugehen, dass Gott sich seine Jungfrau sucht, um zu inkarnieren.

Wen sollte er denn sonst suchen? Und wo sollte er denn sonst erscheinen, wenn nicht in seinem auserwähltem Volk, das ihn dann allerdings nicht erkannte und ihn ermordete? Vielleicht wird es endlich Zeit, dass die Juden erkennen, wer sich in ihrem Volk offenbarte. Ohne Jesus Christus sind sie nichts, denn Jesus Christus ist des Ewigen Gottes Dual. Auch die Muslime werden nicht umhin kommen, Jesus Christus anzuerkennen. Wozu raten Sie nun den Menschen, zum Verat an Jesus Christus? Glauben Sie wirklich, dass es nur um die Menschenfreundlichkeit geht, also um ein nettes Boot von Menschen ohne Anerkennung des Retters? Unterstellen Sie bitte nicht den Menschen, die eine Gnosis erlebt haben, es ginge bei ihrer Welt- und Gottsicht nur um ihren eigenen Schweinehund, also um ein egoistisches Eigeninteresse.“

Zunächst einmal: Herzlichen Dank für Ihre Replik auf meine Kolumne, über die ich mich sehr gefreut habe. Die Verve, mit der Sie jedem meiner Gedanken entgegentreten, streichelt zweifellos die natürliche Eitelkeit des Autors, der gelesen und in eine Diskussion verwickelt werden will. Ich möchte meiner Antwort vorausschicken, dass ich die Quellen, auf die Sie sich beziehen, kenne und ausdrücklich respektiere. Gerade die Gnosis zählt mit ihrer spirituellen Gedankentiefe zu den späten Blüten der Antike – und zugleich zu den religiösen Stiefkindern des Abendlandes. Einst bekämpft, später vergessen, sind einige ihrer Erkenntnisse doch unzweifelhaft zu feinen Spurenelementen innerhalb der christlichen Religion geworden.

Was das Christentum betrifft: Erst heute habe ich den Report einer christlichen Nonne aus Syrien gehört, die in bewegender Weise davon berichtet, wie die internationale Staatengemeinschaft Waffen in ein zerbrechendes Land schmuggelt, um »Frieden« zu schaffen. Ihre Aufforderung, Jesus Christus beim Wort zu nehmen und in einen friedlichen Dialog zu treten, der immer ein Kompromiss für alle Parteien sein wird, aber die Zivilisten nicht in eine tödliche Geiselhaft nimmt, gehört vermutlich zu den wahrhaftigsten und (in ihrem Idealismus) zugleich realistischsten Lösungsansätze, die derzeit diskutiert werden.

Trotzdem möchte ich festhalten, dass Ihre Antwort aus einer festen religiösen Perspektive heraus geschrieben wurde, die ich so nicht teilen kann. Die Argumente, die Sie gegen meine Fragen ins Feld führen, sind Gegenstände eines ganz bestimmten Glaubens – und nicht »Wahrheiten«, die für jeden zugänglich sind. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es Ufos gibt oder Juden zum Christentum konvertieren müssen, um »etwas« zu sein; diese und andere »Fakten« besitzen für mich keine Überzeugungskraft, da sie meinem Welt- und Menschenbild zutiefst widersprechen.

In einem aber möchte ich Ihnen ausdrücklich recht geben: Weisheit findet man nicht in der Wissenschaft. Man kann es »Gott« nennen oder »Göttin«, »Buddha« oder das »Höhere Selbst« – Stille und Meditation bilden den Charakter sicherlich mehr als alle Knigge Guides (und Physiklehrbücher) der Welt. Mit Egoismus und Verrat hat das allerdings wenig zu tun; eher mit Toleranz und – im besten Falle – mit der Suche nach einer Wahrheit, die uns verbindet, egal wie »gläubig« wir auch immer sind.