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Warnung vor einem eifersüchtigen Gott

Warum uns gar nicht anderes übrig bleibt, als uns als Geschwister im Glauben zu begreifen

Neulich war ich mit einer Freundin im Kino. Wir sahen uns »Das Mädchen Wajda« an, den ersten saudi-arabischen Spielfilm überhaupt, noch dazu gedreht von einer Frau. Der Film porträtiert den spielerischen Kampf einer selbstbewussten Teenagerin, der es mit Schläue und Fleiß gelingt, ihrer von religiösen Regeln überregulierten Umwelt so etwas wie eine private Autonomie abzutrotzen.

Im Anschluss an den Film unterhielten wir uns über die unterschiedlichen religiösen Standards innerhalb der arabischen Welt – und die Auseinandersetzungen, zu denen sie in den vergangenen Jahren immer wieder geführt haben. Die Freundin, selbst eine Marokkanerin, begründete eine Vielzahl der religiösen Spannungen mit den unterschiedlichen Traditionen und Rechtsschulen des Islam. Diese Unterschiede seien mithin marginal; sie reichten von der Farbe des Witwenkleids bis hin zu den Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, damit ein Mann eine weitere Frau heiraten kann.

Als bekennenden Pluralisten verwundert mich die Ursache so vieler religiöser Auseinandersetzungen immer wieder – von Nordirland über Kaschmir bis hin nach Bagdad: die Angst vor dem Unterschied bzw. der Wunsch nach »der Ausrottung der Nichtübereinstimmung«, wie es der Althistoriker Ramsay MacMullen einmal genannt hat. Ich fragte die Freundin, weshalb es eigentlich erstrebenswert sei, dass eine Witwe von Casablanca bis Islamabad dieselbe Kleiderfarbe trägt – und was damit im spirituellen Sinne gewonnen sei. Sie zuckte die Schultern. »Das Problem«, fuhr sie schließlich fort, »liegt in der mangelnden Eindeutigkeit des Koran, der diese Fälle nicht explizit regelt.« Nein, entgegnete ich; das Problem liegt in dem mangelnden Verständnis des Menschen für die Schönheit unterschiedlicher Ansichten und Traditionen.

Seit zwei Jahrtausenden hassen und morden wir im Namen eines liebenden Gottes, Christen wie Muslime unterschiedlichster Konfessionen, und sind so von der eigenen Nähe zur Wahrheit überzeugt, dass uns schon die schiere Existenz abweichender Meinungen das Blut in den Adern gefrieren lässt – oder schlimmer noch, es in Wallung bringt in den Muskeln eines schwertbewehrten Arms. Ist es wirklich reine Biologie, die uns dazu verleitet, fremd anmutende Elemente unserer Gesellschaft so schnell wie möglich auszumerzen – oder ist es vielmehr die Folge einer kulturellen Seuche, die uns mit der Geburt der religiösen Missionierung um das 1. Jahrhundert herum erfasst hat?

Ich gehöre nicht zu der Fraktion von Menschen, die die Zustände der antiken Welt idealisieren; Sklaverei, hohe Kindersterblichkeit und starre soziale Grenzen werfen einen langen Schatten auf jenen berühmten »Römischen Frieden«, der den Ländern rund ums Mittelmeer für viele Jahrhunderte eine unvergleichliche wirtschaftliche und kulturelle Blüte bescherte. Natürlich basierte dieser Frieden auf einer Unterscheidung zwischen Innen und Außen, Römern und Barbaren, welche uns verbietet, von einem globalen Ausgleich zu sprechen. Zugleich aber gelang es ihm, Dutzende von Völkern und Sprachen, Sitten und Gebräuchen, Wetterzonen und Religionen in den Zustand einer Stabilität zu bringen, der im heutigen Mittelmeerraum seinesgleichen sucht.

Einer der Eckpfeiler dieser ausgewogenen und auf Ausgleich bedachten Politik war eine maximale kulturelle und religiöse Toleranz. Vor den theodosischen Edikten Ende des 4. Jahrhunderts konnte jeder im Reich glauben und denken, was er wollte. Diese Kunst der unaufgeregten Ideologie hatte das Römische Reich allen späteren Super-Nationen voraus. Das Herzstück dieser inkludierenden (statt ausgrenzenden) Religionspolitik war der im Polytheismus verankerte Toleranzgedanke. Statt Jahwes »Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott.« regierte vielmehr das von Apuleius überlieferte Bekenntnis der Isis: »Meine einzigartige göttliche Macht verehrt die ganze Welt unter vielfältiger Erscheinungsform, mit verschiedenen Bräuchen und vielfachen Namen.« Ganz so einfach haben es die heiligen Schriften der Juden, Christen und Muslime ihren Schäfchen wahrlich nicht gemacht.

Wer immer ein Interesse am Frieden und am Fortbestand der Menschheit auf dieser Erde hat, sollte jetzt aktiv darauf hinarbeiten, dass der mit den missionarischen Religionen verloren gegangene Pluralismus eine neue Blüte erlangt – über die staatlich gewährte (und letztlich spirituell desinteressierte) Religionsfreiheit hinaus. Gehen Sie zum Gebet in eine Synagoge, fasten Sie im Ramadan, feiern Sie eine Puja im Tempel Ihres Vertrauens! Und zeigen Sie nur einer Fraktion die hässliche Fratze der Intoleranz: Jenen Geistern, die ihrem eifersüchtigen Gott auch heute noch ihre Menschenopfer darbringen – auf Kosten der eigenen wie der anderen Leute. Erst wenn wir einsehen, dass göttliche Offenbarungen keine Rücksicht nehmen auf menschliche Alleinvertretungsansprüche, werden wir wieder in der Lage sein, uns im aufrichtigen Sinne des Wortes als Geschwister im Glauben zu begreifen – unabhängig von der Sprache unserer Gebete oder gar von Kleidervorschriften.

Von einem indischen Meister wird folgende Geschichte erzählt: Missionare hatten ihm in der Hoffnung, ihn zum Christentum zu bekehren, eine Bibel geschenkt. Als sie ein paar Wochen später wiederkamen, fragten sie ihn, wie ihm die Lektüre gefallen habe. Der Meister antwortete: »Inspirierend! Eine Quelle ewiger Weisheit!« Die Missionare, die sich schon am Ziel ihrer Bemühungen wähnten, sahen sich in seiner kleinen Hütte um. »Und wo hast Du die Heilige Schrift jetzt?« Der Meister zeigte mit der Hand auf ein kleines Bücherregal über seinem Bett. »Dort drüben, bei den anderen inspirierenden und weisen Schriften!«

Reinkarnation: Wie oft leben wir wirklich?

»Ich leb schließlich nur einmal!« Wer hat diesen Satz nicht schon oft zu hören bekommen, wenn es darum ging, sich durch kleine, eigentlich »unvernünftige« Handlungen vom Joch moralischer wie ökonomischer Grenzen zu befreien. Mit dem Argument der Einmaligkeit des Lebens rechtfertigen verschuldete Menschen unnötige Ausgaben, Übergewichtige ein zweites Dessert und Ehebrecher eine geheim zu haltende Romanze. Wer nur einmal lebt, so der Tenor der Eigennachsicht, hat ein gewisses Recht darauf, diese überschaubare Zeit nicht bloß zu arbeiten, zu erdulden und zu funktionieren. Die Konsequenzen der Einmaligkeit der eigenen Existenz wurde in der deutschen Sprache vielleicht nie schöner formuliert als vom Komponisten und Librettisten des »Waffenschmieds«, ALBERT LORTZING (†1851): »Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann, das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann. Doch muss man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben. Ich hab den Wahlspruch mir gestellt: Man lebt nur einmal in der Welt!«

Wer immer in Zukunft LORTZINGS Wahlspruch für sich in Anspruch nahm, tat es mit Sicherheit selten im Kontext christlicher Wertausübung, galt er doch vor allem der Entschuldigung kleinerer wie größerer Vergehen. Und doch ist das Konzept der Einmaligkeit des Lebens ein zutiefst christliches Erbe. Die Vorstellung, nur ein einziges Mal »auf der Welt« zu sein, ist die Folge jüdisch-christlicher Interpretation ihrer Quellen und Propheten. Auch der Islam folgt, bis auf wenige Ausnahmen, dieser »monobiotischen« Philosophie. Die gegenteilige Vorstellung, Leben sei eine Abfolge wiederholter Geburten und Verkörperungen, wird als typisch asiatisch angesehen und im Allgemeinen mit dem Buddhismus wie dem Hinduismus in Verbindung gebracht. Fast scheint es so, als sei der Glaube an die einmalige »Inkarnation« etwas typisch monotheistisches, der Glaube an »Reinkarnation« hingegen ein Überbleibsel polytheistischer Religionen und Kulturen.

WAS IST REINKARNATION?

Unter Reinkarnation (»Wieder-Fleischwerdung«) versteht man ganz generell eine an den Tod (die »Exkarnation«) angeschlossene erneute Manifestation einer Seele (oder eines mentalen Prozesses). Der neolateinische Begriff »Reinkarnation« geht auf den Spiritisten ALAN KARDEC (†1869) zurück und ersetzt die zuvor üblichen griechischen Bezeichnungen Metempsychose und Palingenesia. Synonym werden häufig die deutschen Entsprechungen »Seelenwanderung« oder schlicht »Wiedergeburt« verwendet.

Neben den bereits erwähnten asiatischen Traditionen gibt es zahlreiche andere Kulturen und Religionen, die an eine mehrmalige Inkarnation der Seele glaub(t)en. In den meisten historischen wie zeitgenössischen Fällen handelt es sich um Untergruppen bzw. eigenständige Strömungen innerhalb einer Hochreligion, in der Reinkarnation keine Rolle spielt oder im Gegenteil mehrheitlich sogar abgelehnt wird.

In der griechischen Antike machten sich Philosophen wie EMPEDOKLES, PYTHAGORAS und PLATON für eine körperliche Wiedergeburt stark. Jüngster Vertreter dieser Schule war der byzantinische Gelehrte PLETHON (†1450). Neben den christlichen Gnostikern glaubten, antiken Quellen zufolge, auch die Kelten und die Ägypter an die Wiedergeburt, was zumindest für letztere jedoch nicht Bestandteil der aktuellen Forschungsmeinung ist. Im Mittelalter entstandene Reinkarnationsvorstellungen sind eng mit den Katharern (Christentum), den Chassidim (Judentum) und den Drusen (Islam) verbunden. Während erstere als Ketzer von der Kirche ausgerottet wurden, ist der Glaube an »Gilgul« (Reinkarnation) im orthodoxen Judentum noch heute anzutreffen. Die Drusen, eine im Libanon, Syrien und Israel ansässige Glaubensgemeinschaft, stellt neben einigen Sufis die einzige islamische Tradition dar, die mehrheitlich von einer Reinkarnation der menschlichen Seele ausgeht.

Infolge des Interesses an den großen asiatischen Philosophien Ende des 19. Jahrhunderts gerieten – zunächst über die Theosophie und die Anthroposophie – immer mehr westlich geprägte Menschen in den Bann einer »möglichen Wiedergeburt«. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ergab 2001, dass 40% der Befragten ein Leben nach dem Tod und knapp die Hälfte davon die Vorstellung einer erneuten Wiederverkörperung ihrer Seele für möglich hielten, Zahlen, die sich in aktuellen Umfragen sogar noch annähern: 2010 glaubten dem Nürnberger Marktforscher GfK zufolge 35,4% an ein Fortbestehen der Seele und ganze 21,3% an eine wie auch immer geartete »Wiedergeburt«. Vielen vom Christentum und den staatlichen Ideologien des 20. Jahrhunderts enttäuschten Menschen erscheint die Auffassung, noch einmal geboren zu werden, als tröstlich, ganz im Gegensatz zur Interpretation der Reinkarnation in ihren »Ursprungsgegenden.« Versucht man im Buddhismus wie im Hinduismus mit allen Kräften, weiteren Leben auf der Erde zu entgehen, erscheint im Westen die Aussicht auf eine durch Wiedergeburt ermöglichte Verlängerung der eigenen Existenzdauer als vielversprechende Alternative zum Konzept von Zerfall, Bestrafung und ewiger Glückseligkeit. So steht der wachsende Zuspruch zu Reinkarnationsvorstellungen nur scheinbar im Widerspruch zur Philosophie des »Man lebt nur einmal.« Wiederholte Verkörperungen werden nicht als Quelle sich ständig wiederholender Qualen, sondern vielmehr als Garant sich ständig wiederholender Chancen
verstanden.

Heutige Wissenschaftler behandeln Reinkarnation als nichtreligiöses Phänomen und versuchen deshalb, Begriffe wie »Seele« oder »Geist« bei der Benennung der reinkarnierten Identität zu umgehen, und greifen stattdessen auf neue Begriffe (wie das »extra-zerebrale Gedächtnis« von H.N. BANERJEE) zurück. »Es gibt etwas Essentielles in manchen Persönlichkeiten, wie immer wir es charakterisieren, das nicht plausibel in Begriffen wie ‚Hirnzustände‘ oder ‚Eigenschaften von Hirnzuständen‘ oder ‚vom Gehirn erzeugte biologische Eigenschaften‘ zu erklären ist, da nach dem biologischen Tod dieser nicht-reduzierbare essentielle Wesenszug für einige Zeit fortzubestehen scheint, auf irgendeine Weise, an irgendeinem Ort, aus irgendeinem Grund, unabhängig vom Gehirn und vom Körper des betreffenden Menschen. Darüber hinaus lassen sich nach einiger Zeit einige dieser unreduzierbaren, essentiellen Wesenszüge einer menschlichen Persönlichkeit – aus welchen Gründen und mit welchem Mechanismus auch immer – in anderen menschlichen Körpern nieder, entweder während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt.« (Robert Almeder, A Critique of Arguments Offered Against Reincarnation)

REINKARNATIONSFORSCHUNG

Etwa zeitgleich mit einer Ausbreitung der Reinkarnationslehre im Westen im Umfeld der Hippie-Bewegung begannen auch Wissenschaftler, sich mit dem Phänomen der Wiedergeburt auseinanderzusetzen. Ursprung dieses akademischen Interesses bildet das Werk des kanadischen Biochemikers und Psychiaters IAN STEVENSON (†2007), der 1961 das erste Mal nach Indien reiste und seine für ihn selbst überraschenden Erkenntnisse über Reinkarnationsberichte 1966 unter dem Titel »Twenty cases suggestive of reincarnation« (zu deutsch: »Der Mensch im Wandel von Tod und Wiedergeburt«) publizierte.

STEVENSON konzentrierte sich bei seinen Forschungen weitgehend auf die Berichte von Kindern, um die Möglichkeit zu minimieren, dass es sich bei der »Erinnerung« an vergangene Leben in Wirklichkeit um bewusst oder unbewusst erworbenes Wissen handelt. Um es zuzuspitzen: Eine Engländerin Mitte 40, die sich seit ihrer Schulzeit für das Alte Ägypten interessiert und zahlreiche Bücher verschlungen hat, darf schon aufgrund logischer Gesichtspunkte nicht als zuverlässig gelten, wenn es darum geht, aufgrund ihrer Aussagen zu beweisen, dass es sich bei ihr um die Reinkarnation einer altägyptischen Prinzessin handelt, auch wenn dies in esoterischen Kreisen leider immer wieder der Fall ist. Man stelle sich vor, alle derzeit »reinkarnierten« KLEOPATRAS hielten ein jährliches Treffen in ihrer alten Hauptstadt Alexandria ab; mit Leichtigkeit ließe sich so die touristische Winterflaute dieser im Sommer pulsierenden Stadt am Mittelmeer beheben.

STEVENSONS Bericht ergab, dass Kinder in der Regel zwischen zwei und vier Jahren damit beginnen, von früheren Leben zu berichten, und zwischen sieben und acht wieder damit aufhören. Gegenstand ihrer Erinnerungen ist der ehemalige Wohnort, der Name von Angehörigen sowie der eigene, auffallend häufig gewaltsame Tod. Viele Kinder verfügen darüber hinaus über Muttermale und Missbildungen an Stellen, an denen Sie tödlich verletzt worden sind bzw. haben charakteristische, erst im Zusammenhang mit der vermeintlichen Todesart erklärbare Ängste und Phobien (z.B. Wasserangst infolge Ertrinkens).

STEVENSON betont, dass die Offenheit, mit der zum Beispiel die Drusen jenen Kindern begegnen, die von früheren Leben erzählen, die Anzahl der überlieferten Fälle stark ansteigen lässt. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, warum sich der Forscher lange Zeit ausschließlich mit Kindern aus Kulturen beschäftigte, die ohnehin an Wiedergeburt glauben. Kinder in Reinkarnations-feindlichen Gesellschaften hingegen kommen selten zu Wort, wohl auch, weil diese Berichte gar nicht erst an die Öffentlichkeit – und damit an die Ohren des Forschers – gelangen. Dies brachte ihm freilich auch den Vorwurf ein, sich auf Kinder zu verlassen, die unabhängig von echten »Erinnerungen« bereits mit Reinkarnationsvorstellungen in Kontakt gekommen waren und deren »kindliche Phantasie« somit nur den letzten Schritt alleine zu gehen brauchte.

Die Wissenschaftlichkeit von STEVENSONS Untersuchung bestand darin, die Fälle von Erinnerungen nicht bloß aufzuzeichnen, sondern sie auch auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. Zu diesem Zweck sammelte er vom Kind (und dessen Familie) möglichst viele belastbare Fakten über das angebliche frühere Leben, die ihm weiterhelfen konnten, den Verstorbenen eindeutig zu identifizieren. Wann immer dies möglich war und ein Toter zu den Beschreibungen des Kindes passte, brachte man den »Reinkarnierten« in das Haus seiner »ehemaligen« Familie, wo man ihn einer Reihe von Tests unterzog, die an die Rituale zur Auffindung eines neuen DALAI LAMA erinnern.

Exemplarisch für seine Vorgehensweise sei hier eine Stelle aus dem Bericht über den kleinen IMAD ELAWAR zitiert, den er in das in einem anderen Dorf liegende Haus der Familie Bouhamzy brachte. »Man zeigte Imad zuerst eine ziemlich kleine Fotografie von (seinem Bruder) Fuad in Militäruniform. Er erkannte dieses nicht wieder. Als man ihn aber fragte, von wem ein großes, an der Wand hängendes Ölbild sei, sagte er richtig: ‚von Fuad‘. Als man ihm eine mittelgroße Fotografie von IBRAHIM BOUHAMZY zeigte und ihn fragte, wer das sei, antwortete Imad: ‚Ich.‘ In diesem Fall hatte man ihm souffliert, sie sei von seinem Bruder oder Onkel, aber niemand hatte ihm den Wink gegeben, dass sie von Ibrahim war.« Selbst komplizierte Fragen, wie jene nach dem Aufbewahrungsort »seines« Werkzeugs oder nach der Form der Heizung wusste Imad korrekt zu beantworten. Durch STEVENSONS Notizen, die er selbst und noch vor der Begegnung der beiden Familien Elawar und Bouhamzy machte, sowie durch seine Nachforschungen vor Ort gelang es ihm, mit Sicherheit auszuschließen, dass es sich in Imads/Ibrahims Fall um Erinnerungsfehler seiner Kronzeugen oder vorsätzlichen Betrug handelte. Die starke emotionale Verbindung zu seiner »alten« Familie zeigte sich noch bis in Imads Jugendjahre hinein; als er z.B. 1973 vom Tod der Mutter Ibrahims erfuhr, zeigte er sich sehr betrübt und äußerte sich verärgert über den Umstand, nicht zur Beerdigung »seiner Mutter« eingeladen worden zu sein.

Im Gegensatz zu früheren Berichten über Reinkarnationserfahrungen, die im Laufe der Geschichte immer wieder belegt sind – im frühen 20. Jahrhundert berühmt geworden sind die Fälle der SHANTI DEVI/LUGDI DEVI und der VIRGINIA TIGHE/BRIDEY MURPHY – sah es STEVENSON als seine wissenschaftliche Pflicht, jeden einzelnen Fall so zu überprüfen, wie wir es bereits von der Parapsychologie her kennen: erst wenn wirklich jede andere Erklärungsmöglichkeit ausgeschlossen werden kann, sprach er von einem Fall, der Reinkarnation »nahelege«, ohne ihn freilich zum Beweis für Wiedergeburt als einem allgemeinen Prinzip zu stilisieren. Folgende Ursachen für die Reinkarnationsberichte eines Kindes mussten für STEVENSON zunächst eleminiert werden:

1. Betrug
2. Selbstbetrug
3. Kryptomnesie (bloßes Vergessen der Quelle der Erinnerung)
4. Paramnesie (Gedächtnisfehler des Kinds oder der Eltern)
5. Genetisches Gedächtnis
6. Außersinnliche Wahrnehmung
7. Besessenheit

REGRESSIONSTHERAPIEN

Etwa zeitgleich mit STEVENSONS Studien über die Aussagen »Reinkarnierter« begannen andere Psychologen wie THORWALD DETHLEFSEN, HELEN WAMBACH, BRIAN WEISS oder JOEL WHITTON, ihre Patienten selbst in vergangene Leben »zurückzuführen«. DETHLEFSEN beschreibt in seinem Klassiker der esoterischen Reinkarnationsliteratur »Das Erlebnis der Wiedergeburt«, wie er 1968 per Zufall auf diese Form der »Rückführung« stieß: Nachdem er einen jungen Ingenier durch Hypnose dazu gebracht hatte, einige einschneidende Erfahrungen seines Lebens in der therapeutischen Sitzung zu rekapitulieren, versuchte er herauszufinden, »ob es wohl auch möglich sei, die eigene Geburt wiederzuerinnern oder sogar wiedererleben zu lassen.« Der Versuch gelang, der Hypnotisierte schilderte unter Stöhnen und mit verändertem Atemrhythmus die eigene Geburt. »Dieser für mich überraschende Erfolg ermutigte mich, noch weiter in der Zeit zurückzugehen. Ich suggerierte ihm, er befände sich im Mutterleib, drei Monate vor seiner Geburt. Und schon erzählte er uns von seinen Eindrücken als Embryo. Doch ich wollte an diesem Abend noch mehr wissen. Ich suggerierte: Wir gehen jetzt noch weiter zurück – und zwar so lange, bis du auf ein Ereignis stößt, das du genau schildern und beschreiben kannst…« DETHLEFSEN erzählt, wie sein Proband nach einer kurzen Pause die Geschichte eines Mannes erzählte, »der 1852 geboren war, GUY LAFARGE hieß, im Elsass lebte, Gemüse verkaufte und schließlich als Stallknecht 1880 starb.« Der überraschte DETHLEFSEN wiederholte das Experiment mit anderen Patienten, und immer wieder tauchten vor den Geburtsschilderungen Fetzen von »Erinnerungen« auf, die eindeutig nicht mit dem jetzigen Leben des Hypnotisierten in Verbindung standen.

Das war der Beginn einer ganzen Flut von »Rückführungen«, die teilweise unter Hypnose, teilweise in Trance gemacht und von ihren Initiatoren dokumentiert wurden. Während sich HELEN WAMBACH auf die Schilderungen vergangener »Tode« spezialisierte, versuchten Forscher wie MICHAEL NEWTON oder TRUTZ HARDO, durch »karmische Ursachenforschung« tiefsitzende Traumata (wie die bereits geschilderten Ängste und Phobien von STEVENSONS Kindern) aufzulösen und nannten sich fortan »Reinkarnations-Therapeuten«.Grundlage ihrer Tätigkeit ist die Annahme, psychische wie körperliche Probleme hätten ihre Grundlage häufig in früheren Inkarnationen und könnten durch eine Wiedererinnerung verarbeitet werden. Wieder andere Forscher (wie WHITTON) versuchten, die Methode der Rückführung als Tor zum Jenseits zu nutzen und über die Erzählungen ihrer Probanden allgemeingültige Erkenntnisse über das »Leben zwischen den Leben« zu gewinnen.

Doch was ist dran an den Berichten der Hypnotisierten? Immer wieder ist versucht worden, die Aussagen der »Zurückgeführten« von Historikern überprüfen zu lassen, was sich aufgrund der historischen Quellenlage nicht immer als einfach erwies. Während sich BRIDEY MURPHY klar als ein Fall von Betrug bzw. Selbstbetrug entlarven ließ, waren viele Schilderungen vergangener Lebensbedingungen durchaus korrekt. Fälle von Xenoglossie (der Hypnotisierte sprach eine fremde, ihm zumindest in diesem Leben nicht vertraute Sprache) wie die Schilderung von den Probanden unmöglich vertrauten historischen Details legen zumindest in manchen Fällen eine Richtigkeit der Aussagen nahe – wie immer man diese auch interpretieren mag.

IST REINKARNATION BEWEISBAR?

Trotz den geschilderten Rückführungen und Stevensons beinahe 50jähriger Forschung, die inzwischen von seinem Kollegen BRUCE GREYSON fortgeführt wird, gelten Reinkarnation und Erinnerungen an ein vergangenes Leben bis heute als unter Wissenschaftlern äußerst umstritten. Ein besonders prominenter Kritiker an Stevensons Schlüssen wie Methoden ist der Philosoph PAUL EDWARDS: »Was ist wahrscheinlicher – dass es ‚Astralkörper‘ gibt, die in den Bauch von werdenden Müttern eindringen und das Embryo geistig ‚besetzen‘, dass sich Kinder an Ereignisse aus dem Leben von Personen erinnern, deren Gehirne schon lange tot sind? Oder dass STEVENSONS Kinder, ihre Eltern, die Zeugen und andere Informanten, unbeabsichtigt oder nicht, die Unwahrheit sagen – dass sie fabulieren, dass ihr fehlbares Gedächtnis und ihre schlechte Beobachtungsgabe sie dazu gebracht haben, falsche Aussagen zu machen und bei so genannten Wiedererkennungen zu schwindeln?« (Paul Edwards, Reincarnation: A Critical Examination)

Mehr noch als in den bereits geschilderten Fällen von Außersinnlicher Wahrnehmung, Telekinese und Nahtoderfahrungen scheint die Reinkarnationsforschung die Wissenschaft zu spalten. Fast scheint es, als ob die »religiöse Vorbelastung« dieses delikaten Themas eine wertneutrale Betrachtung der konkret vorliegenden Fakten besonders schwierig werden ließe. Wer sich also ernsthaft mit dem Thema der Reinkarnation beschäftigen möchte, ohne sogleich vom Fragenden zum Glaubenden überzugehen, sollte sich den Rat des Dokumentarfilmers MANUEL MITTERNACHT (»Reinkarnation«) zu Herzen nehmen, der dazu rät, den Ursprung jeder Quelle und die Gesinnung ihres Erzeugers ganz genau unter die Lupe zu nehmen: »Wissenschaftler, die mit den Aussagen von Kindern oder mit Muttermalen die Unsterblichkeit der Seele nachweisen wollen, sollten mit der gleichen Skepsis betrachtet werden wie uninformierte Kritiker, die das Gegenteil behaupten…«

Wie immer man sich persönlich zur Möglichkeit einer körperlichen Wiedergeburt verhält: ganz im Gegensatz zur scheinbaren Kompliziertheit ihrer physischen Umsetzung (vgl. die beißende Kritik EDWARDS) steht ihr schlichter philosophischer Charme. An die Stelle von Zufällen und unverständlichen Winkelzügen eines scheinbar ungerechten Gottes treten Weiterentwicklung und Eigenverantwortung und sorgen für eine gewisse Geborgenheit im ewigen Wandel von Raum und Zeit. Unabhängig von ihrer Beweisbarkeit ist es der alten Metempsychose gelungen, gleich zwei Grundbedürfnisse des postmodernen Menschen miteinander zu verbinden: den Glauben an den Fortschritt und das nicht minder einflussreiche Vertrauen in die Segenswirkung des Individualismus. Neben der Fähigkeit, sich angstfrei mit den eigenen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen, ermöglicht das Erlebnis der eigenen Tiefe in der Zeit zudem etwas, was vielen Menschen durch das Ende von Religion und Sinn schon verloren geglaubt schien. »Der Glaube an Reinkarnation schenkt dem Menschen Bedeutung… Jeder einzelne ist inkarnierte Unendlichkeit.« (Georg Schmid, Anfang und Ende des Glaubens an Reinkarnation)

Gefährliche Ideale

Idealisten gelten gemeinhin als die besseren Menschen. Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.

Was macht mich zum Idealisten? Zum Idealisten macht mich zum Beispiel, dass ich Religion für eine gute Sache halte. Man wird mir sofort ins Wort fallen und sagen, gerade heute: aber die Religion ist doch die Ursache für so viel Leid, Krieg und Missverständnis. Würde ich dem beipflichten, wäre ich ein Realist. Ein Mensch, der das Konzept der Religion danach beurteilt, was sie angerichtet hat und noch immer anrichtet, betrachtet die Religion naturgemäß als etwas Destruktives, Naturfeindliches, zu Überwindendes. Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Demnach hat Idealismus nicht nur etwas mit Blindheit gegenüber der Realität zu tun, sondern auch sehr viel mit der Hingabe zur Möglichkeit. Sofort mag man sagen: oh ja, deshalb ist der Idealist ja keinen Deut besser als der Religiöse, denn Religion schafft all das Übel in der Welt ja gerade dadurch, dass sie die Menschen nicht einfach leben lässt, sondern verändern will im Sinne eines Ziels, das die jeweilige Religion gerade für erstrebenswert hält. Dann frage ich mich: Aber sind die Religiösen nicht auch die Konservativen? Was wiegt nun schwerer, ihr »realistischer« Hang zur Bewahrung des Vorhandenen oder ihr »idealistischer« Hang zur Verbesserung desselben?

Dass nicht nur Jesus, John Lennon und Mutter Theresa, sondern auch Mao und Adolf Hitler Idealisten waren, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Auch nicht, wenn man betrachtet, dass fast alle Kriege der letzten hundert Jahre zwischen Idealisten mit unterschiedlichen Idealen geführt wurden. Das gefährliche am Nationalsozialismus ist ja eben nicht die Tatsache, dass in den dreißiger Jahren durch die kollektive Blindheit eines ganzen Kontinents Halbaffen an die Macht gelassen wurden, die töten und vernichten wollten. Niemand wäre ihnen gefolgt. Die verführte Masse folgt stets dem Ideal. Das gefährliche an den Nationalsozialisten ist, dass sie nach ihrer Definition tatsächlich meinten, eine Welt des Lichts, der Befreiung und des Glücks zu errichten. Nirgends wird das klarer als in dem zynischen Urteil Himmlers, die Welt würde den Deutschen für die Vernichtung der Juden eines Tages dankbar sein. Das Unrecht lag darin, dass man diese lichte Welt exklusiv gestalten wollte und auf Kosten der restlichen Menschheit.

Wenn wir heute die Taliban und das Mullah-Regime in Teheran verurteilen, weil es mit unserem Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbar ist, Ehebrecher zu steinigen und Homosexuelle in Fußballstadien aufzuhängen, dann spüren wir eine berechtigte, eine natürliche Aversion gegen Menschen, die sich zu Richtern (und Henkern) aufspielen im Namen einer höheren Gerechtigkeit. So kommen wir unserem Problem vielleicht auf die Spur: Idealismus sollte vielleicht, wie alles Religiöse, ein Bestandteil des privaten Lebens bleiben. Hier besitzen Ideale einen unverkennbaren Wert. Wer Ideale hingegen mit Machtausübung verknüpft, riskiert einen hohen Preis. Doch was ist dann mit der humanitären Hilfe? Mit den Ökoaktivisten? Sind nicht auch sie politisch aktive, also nach Macht und Einfluss strebende Idealisten?

Wir sehen, wir befinden uns zwischen zwei Mühlsteinen. Und so werden wir uns auch weiterhin unseren Zickzackkurs durch die Ideale und Realitäten dieser Welt bahnen müssen, um zu einem Lebenskonzept zu gelangen, das für uns als denkende Menschen tragbar ist. Immer bereit zu hoffen und Veränderung zu wagen, aber niemals auf Kosten von Anderen.

Kulturfremde Kreise

Wer mutwillig Angst vor »fremden Kulturkreisen« schürt, platziert sich selbst in reichlich kulturfremden Kreisen.

Eines wurde in den Debatten der letzten Monate zum Thema Migration und Integration immer wieder deutlich: Bestimmte Kulturen besitzen allem Anschein nach so etwas wie unabänderliche Wesenszüge, die sich aller Aufklärung und Moderne zum Trotz einfach nicht tot kriegen lassen. Wo immer man ihnen Platz einräumt, suchen sich ihre mittelalterlichen Antworten einen Platz im Rampenlicht zeitgenössischer Fragestellungen. Die Rede ist nicht von Mahmud Ahmadinedschad oder Osama bin Laden. Die Rede ist von der derzeit aufbrandenden »verbalen Reconquista«, in deren Schlagschatten populistisch agierende Spitzenpolitiker den Versuch unternehmen, durch markige Sprüche und kollektive Diskriminierung einen Untergang des Abendlands zu verhindern, den sie zuvor selbst publikumswirksam an die Wand gemalt haben. Dass diese politische Mode keineswegs ein zeitgenössisches Phänomen ist, beweist ein Blick auf die in letzter Zeit so oft beschworene jüdisch-christliche Historie.

Betrachten wir das angespannte Verhältnis der drei abrahamitischen Religionen zueinander, so können wir es durchaus mit dem Zwist dreier ungleicher Geschwister vergleichen. Während der älteste Sohn, das Judentum, von Geburt an in handfeste Auseinandersetzungen mit gewaltbereiten Nachbarjungs verwickelt war (Stichwort: Ägypten, Babylon, Rom), erfuhr gerade das Christentum als Sandwich-Kind mit Adoptionshintergrund eine fast klassische Anerkennungsproblematik: Mitten im römischen Reich geboren, galt es bis zu seiner »Verstaatlichung« im 4. Jahrhundert zunächst als jüdische Sekte und dann als Staatsfeind Nummer 1. Der Islam hingegen verlebte wie viele Nesthäkchen zunächst eine fast traumhafte Kindheit: mit rasender Geschwindigkeit eroberte er schon im zarten Alter von wenigen Jahrzehnten mit militärischer Dominanz und religiöser Toleranz einen fast globalen Freundeskreis.

Psychologen zufolge besitzten unsere ersten Jahre ja bekanntlich eine enorme Wirkung auf unsere spätere Entwicklung. Ohne den Vergleich von den drei ungleichen Brüdern strapazieren zu wollen, scheint sich auch bei Judentum, Christentum und Islam eine jeweils typische Haltung der religiösen Verwandtschaft gegenüber bereits in frühen Jahren herausgebildet zu haben. Während der Islam ein potentiell entspanntes Verhältnis zu den ihm »schutzbefohlenen« älteren Geschwistern an den Tag legte, galt er den Christen von Anfang an als eine Bewegung, die ihnen den Rang streitig machte – sicherlich neben theologischen Differenzen auch aus der Erfahrung heraus, gerade im ers- ten Jahrhundert der arabischen Expansion große Teile des eigenen Einflussbereichs an diese junge »Sekte« verloren zu haben. Dieser »anti-muslimische«Reflex des Christentums (den das Judentum übrigens niemals entwickelt hat) ist bis in die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion deutlich spürbar.

Wer im »Westen« an die Begegnung von Islam und Europa denkt, dem fallen im historischen Kontext zunächst »die Türken vor Wien« und vielleicht noch der »Fall von Konstantinopel« ein. Muslime besitzen ganz andere Assoziationen: die religiös motivierte Vertreibung des Islam aus Al-Andaluz, einem Hort der religiösen Toleranz und der kulturellen Blüte unter den liberalen Umayyaden, die steti- gen christlichen Aggressionen im Rahmen der Kreuzzüge und – nicht zu vergessen – der Kulturimperialismus des Westens im Rahmen der Kolonisation Nordafrikas und der Levante.

Die derzeitige Verbalverschanzung Europas hinter christlich-jüdischen Mauern offenbart, dass die gefühlte »Überfremdung« im Prinzip wenig mit Ehrenmorden, totalitäten Mullas und Selbstmordattentätern zu tun hat. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass Ehrenmorde, Mullahs und Selbstmordattentate nur deshalb unser Bild vom Islam prägen, weil sie ein viel älteres Vorurteil bedienen, das wir bereits seit Jahrhunderten verinnerlicht haben: der Muslim als kulturfremdes, ja kulturfernes Wesen, dessen »mittelalterliche Zeitrechnung« und »Wüstenethik« nicht in eine aufgeklärte Gesellschaft passt. Insofern ist es müßig, stets auf den Unterschied zwischen Islamisten und Muslimen hinzuweisen, da sich der Deckmantelcharakter dieser Unterscheidung in der aktuellen Debatte von selbst ad absurdum geführt hat.

Um auf das Bild der ungleichen Brüder zurückzukommen: Statt uns gegenseitig Entfremdung und Intoleranz vorzuwerfen, sollten wir von Zeit zu Zeit einfach mal einen Blick in unser gemeinsame Familienalbum werfen. So »fremd«, wie uns die Feinde des Haussegens auf beiden Seiten immer wieder weismachen wollen, sind wir uns nie gewesen.

Die Welt ist keine Maschine

Unter vier Augen mit dem Biologen DR. RUPERT SHELDRAKE (Großbritannien)*

Sie haben mehr als dreizehn Jahre im akademischen Betrieb gearbeitet. Haben Sie sich in dieser Zeit Ihres Lebens unzufrieden gefühlt?
Ja. Ich hatte schon früh den Eindruck, dass die Naturwissenschaften viel zu beschränkt sind, zu dogmatisch und zu reduktionistisch. Das hat mich schon als Student gestört. Doch damals dachte ich noch, dass es keine Alternative dazu gäbe. Ein erster Hoffnungsschimmer überkam mich beim Lesen von Goethes Schriften über Pflanzen und bei seiner »Farbenlehre«. Diese eröffneten mir die Möglichkeit einer ganzheitlicheren Wissenschaft. Zwischen 1963 und 1964 studierte ich dann Wissenschaftsphilosophie in Harvard. Kurz zuvor war Thomas Kuhns Buch »Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« herausgekommen. Ich fand die Idee des Paradigmenwechsels, welche die Hauptthese seines Buches ist, sehr aufregend. Ich fühlte: Wissenschaft muss nicht für immer so bleiben, wie sie jetzt ist. Sie kann verändert werden. Seither interessiere ich mich für die Möglichkeit einer besseren und breiteren Art von Wissenschaft. Doch ich wollte immer, dass sie wissenschaftlich bleibt und habe deshalb auch Zeit meines Lebens innerhalb wissenschaftlicher Disziplinen gearbeitet, Experimente durchgeführt, Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht und all das.

Haben Sie bewusst in Kauf genommen, dass Sie mit Ihrem Buch »Das schöpferische Universum« Ihre Karriere als ernstzunehmender Forscher beenden könnten?
Sagen wir es so: Ich habe die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es mir nach dieser Veröffentlichung schwer fallen könnte, einen Job an der Universität zu finden. Ich habe aber nicht geglaubt, dass es mich am Forschen hindern würde, und das hat es auch nicht getan. Ich habe seither viele Forschungsarbeiten durchgeführt. Aber ich war mir schon bewusst, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft konformistisch, intolerant und engstirnig ist. Im 19. Jahrhundert war sie noch viel breiter und toleranter aufgestellt, weil viele Wissenschaftler nicht in Institutionen arbeiteten. Charles Darwin war wie viele andere so ein freischaffender Wissenschaftler. Darwin war damals so etwas wie mein Held. Ich dachte: Wenn Darwin das tun konnte, sollte es heute auch noch möglich sein, unabhängig zu forschen. Ich hatte ja keine Ahnung, was mein Buch auslösen würde. Ich erwartete eine Debatte innerhalb der Wissenschaft und hoffte auf eine seriöse Diskussion unter Entwicklungsbiologen. Das war zumindest mein Ziel. Was dann wirklich geschah, war weitaus dramatischer. Man warf mir vor, die Natur zu verraten. Man nannte mich einen Häretiker. Diese weltweite Empörung meiner Kollegen und anderer Autoren drängte mich in eine Position, die ich so nicht für mich beabsichtigt hatte.

Sie haben sieben Bücher und etliche Artikel geschrieben, u.a. »Der siebte Sinn des Menschen« und »Denken am Rande des Undenkbaren«. Was ist Ihre Kernbotschaft?
Die Erkenntnis, dass das Universum lebendig ist, dass wir in einer organischen, sich entwickelnden Welt leben und dass es eine Art Gedächtnis in der Natur gibt. Dass lebende Organismen lebende Organismen sind und keine Maschinen. Dass das ganze Universum ein lebender Organismus ist und keine Maschine. Und dass wir alle lebende Bestandteile einer lebendigen Welt sind und keine »schwerfälligen Roboter« – um Richard Dawkins‘ Ausdruck zu verwenden – in einem mechanischen Universum, das kein Ziel hat, kein Bewusstsein und keine Richtung und das einfach per Zufall entstanden ist. Das ist die offizielle materialistische Weltsicht. Ich halte das für einen fundamentalen Irrtum.

Was stört Sie als Wissenschaftler eigentlich am derzeitigen naturwissenschaftlichen Weltbild?
Die offizielle akademische Theorie des Lebens besagt, dass lebende Organismen von ihren Genen programmiert sind, und dass diese Gene schonungslos miteinander im Wettbewerb stehen. In Wirklichkeit haben sie aufgehört, reine Moleküle zu sein. Sie sind zu kleinen Zeichentrick-Figuren verkommen. Das Problem mit der modernen mechanistischen Biologie ist, dass sie überhaupt nicht mechanistisch ist. Sie ist kryptovitalistisch. Sie personifiziert die Gene und macht aus ihnen eigene Persönlichkeiten mit ehrgeizigen Bestrebungen nach Unsterblichkeit und Wettbewerb, welche Moleküle unmöglich haben können. Sie ist naiv. Sie fußt auf vereinfachenden Metaphern. Das ist auch der Grund, warum sie für Laien so überzeugend ist. Ihre Ausdrucksweise ist überzeugend, denn sie entwirft eine grob vereinfachende, leicht verständliche Sichtweise mit einer vermenschlichenden Begrifflichkeit.

Was ist denn der Hauptunterschied zwischen diesem »heimlichen Vitalismus« und Ihrem holistischen Modell, dem ja auch von vielen Seiten Vitalismus vorgeworfen wird?
Der Unterschied zwischen dieser und meiner Sichtweise ist, dass ich mich für eine ganzheitliche Betrachtensweise der Welt einsetze, nach der die Welt auf verschiedenen Ebenen organisiert ist. Jede Musterorganisation enthält Ganzheiten, die wiederum selbst Ganzheiten sind, die aus noch kleineren Partikeln bestehen. Zellen sind demnach Organismen in Gewebe oder Organe in Gesellschaften oder Ökosystemen. Auf jeder Ebene ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Das haben schon viele Leute vor mir gesagt. Ich denke, der Hauptunterschied zwischen mir und anderen organismischen Denkern ist, dass es nach meinem Verständnis noch dazu eine Art »Gedächtnis« gibt, das durch morphische Resonanz in jede Zelle eingebaut ist und all die Gewohnheiten und Erinnerungen enthält, die wir aus der Vergangenheit geerbt haben. Ich denke, dass wir zum Verständnis der Natur ein solches Gedächtnis annehmen sollten, denn sie ist von Grund auf evolutionär; was jetzt geschieht, folgt aus dem, was zuvor geschehen ist. Geschichte ist in die Halle der Natur integriert.

Hat diese neue Sichtweise, wenn sie sich durchsetzen sollte, Konsequenzen nur für die Wissenschaft oder auch für die Gesamtgesellschaft?
Wenn man die mechanistische Theorie ernst nimmt oder sonstwie einen kompromisslosen Materialismus vertritt, dann ist das schon sehr deprimierend. Es bedeutet, dass jeder von uns in der Zurückgezogenheit seines Schädels isoliert ist, dass wir alle soziale Atome sind, dass eine Gesellschaft nichts anderes ist als eine Ansammlung atomistischer Individuen und dass das Universum an sich kein Ziel besitzt. Es gibt keinen Gott, keinen Geist, keinen Sinn. Das ist eine durch und durch bedrückende Theorie. Es ist doch ziemlich auffällig, dass eine der häufigsten Beschwerden der westlichen Welt Depressionen sind und dass Millionen von Menschen Anti-Depressiva nehmen.

Materialismus ist ja nur ein Trend dieser Zeit, der andere ist religiöser Fundamentalismus.
Ich denke, dass Fundamentalismus, egal ob christlicher oder islamischer, eine unmittelbare Reaktion auf die materialistische Weltsicht ist. In diesem Sinne halte ich beide Bewegungen für gesund. Es ist die einzige Massenbewegung gegen den Materialismus. Aber ich denke, dass sie irregeleitet ist, denn sie lehnt die wissenschaftliche Vorgehensweise ab, nur weil diese derzeit vom Materialismus begrenzt wird. Ich denke, dass die Fundamentalisten Recht damit haben, dass der Materialismus zu begrenzt ist. Doch das hat sie leider gegen die Wissenschaft als solches aufgebracht, und diesen Schritt kann ich nicht nachvollziehen. Ich möchte, dass sich die Wissenschaft ändert. Ich möchte sie nicht abschaffen, ich möchte sie weiterentwickeln. Dabei stoße ich übrigens auf eine andere Art von Fundamentalismus, der mir manches Mal noch begrenzter erscheint: wissenschaftlichen Fundamentalismus.

Verletzt Sie die Ablehnung durch Ihre früheren Kollegen?
Nun, enges dogmatisches Denken geht mir immer auf die Nerven, egal, in welcher Form es mir begegnet, ob in der Politik, in der Wirtschaft oder in der akademischen Welt. Doch ich weiß auch aus meiner Erfahrung mit vielen Wissenschaftlern auf der ganzren Welt, dass viele – obwohl sie in der Öffentlichkeit das mechanistische Weltbild verteidigen – privat viel interessantere und geistreichere Ansichten vertreten. Sie haben einfach Angst davor, mit ihren Kollegen darüber zu sprechen. Ich denke, was die Wissenschaft braucht, um sich zu ändern, ist vergleichbar mit
der Schwulenbewegung: Wissenschaftlier, die sich vor ihren Kollegen outen und offen über ihre wahren Interessen sprechen. Sie werden herausfinden, dass viele ihrer Kollegen zu alternativen Heilern gehen, paranormale Erfahrungen gemacht haben oder meditieren und beten. Viele Wissenschaftler sind in Wahrheit religiös. Wieder andere würden sich als spirituell, aber nicht gläubig bezeichnen. Manchen haben eine starke Verbindung zur Natur. Meiner Meinung nach würden diese sich outenden Wissenschaftler herausfinden, dass die meisten ihrer Kollegen in Wahrheit gar keine strikten Mechanisten und dogmatischen Skeptiker sind.

In den Verkaufszahlen halten sich Ihre Bücher und die Publikationen Ihrer Gegner ungefähr die Waage. Wie erklären Sie sich die anhaltende Popularität der Skeptiker wie Richard Dawkins (»Der Gotteswahn«), wenn der Materialismus doch so deprimierend ist?
Ich denke, dass die Leute, die seine Bücher lesen, bereits zum Wissenschaftsglauben bzw. Materialismus konvertiert sind, was bei einer großen Anzahl gebildeter Leute der Fall ist. Die Standardposition der gebildeten Intellektuellen Europas und Amerikas ist nun mal der Atheismus bzw. der Agnostizismus. Das liegt daran, dass unser bestehendes Universitätssystem ihren Studenten seit Generationen diesen aufklärerischen Rationalismus einimpft. Um ausgebildet zu werden, muss man zumindest vorgeben, daran zu glauben, um nicht von Kollegen oder Dozenten für ungebildet oder dumm gehalten zu werden. Dem allen liegt die Annahme zugrunde, nur primitive und kindische Menschen glaubten an Gott oder eine Religion, gebildete Meschen hätten diese längst hinter sich gelassen.

Wer sind dann Ihre Leser?
Leute, die sich für meine Bücher interessieren, sind Menschen, die Zweifel an der materialistischen Weltsicht haben. Und dafür gibt es gute Gründe. Nicht zuletzt, weil sie sich als unfähig erwiesen hat, die Grundlagen für eine harmonische Beziehung zu unserer Umwelt zu legen, wie uns die anhaltende ökologische Krise ja immer wieder vor Augen führt. Das ist die Mentalität, die hinter der Ideologie des Fortschritts steht. Darüber hinaus lesen mich Leute, die bezweifeln, dass der einzigen Sinn der Menschheit in ihrem materiellen Fortschritt liegt und die sich wie ich für Alternativen interessieren. Andere Leser widerum hatten selbst paranormale Erfahrungen und sind neugierig, mehr darüber zu erfahren, und abgestoßen von dem engen Dogmatismus, der ihre Erfahrungen zu Hirngespinsten erklärt. Andere haben spirituelle oder religiöse Interessen und mögen die Vorstellung nicht, dass Wissenschaft notwendigerweise atheistisch sein muss und man nur die Wahl hat zwischen ungläubiger Wissenschaft und leichtgläubiger Religion; Leute, die sowohl Wissenschaft als auch Spiritualität schätzen und nach einer neuen Beziehung zwischen den beiden suchen.

Ist dieser Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glaube nicht auch Ihr ganz persönlicher Kampf, den Sie als Mensch in Ihrem Inneren ausfechten?
Ich glaube an Bildung und ich glaube an Wissenschaft. Und ich glaube, dass Wissenschaft und Bildung nicht zwangsläufig materialistisch sein müssen. Ich denke, dass wir Wissenschaft und Bildung nicht ablehnen sollten. Doch wir sollten sie reformieren. Ich glaube, wir brauchen eine Aufklärung der Aufklärung. Wir müssen den Dogmatismus in Frage stellen, der aufgeklärtes Denken geworden ist, um uns von diesem neuen Dogmatismus zu befreien. Wir müssen zum Beispiel alte Kulturen nicht für dumme, leicht verführbare Menschen halten, die von ihren Schamanen oder Priestern nur belogen wurden, um sie durch törichten Aberglauben zu manipulieren. All das trägt eine Reihe von Hypothesen in die wissenschaftliche Forschung herein, die nicht nur nicht notwendig ist, sondern im Gegenteil kontraproduktiv für das Studium der menschlichen Natur und Kultur. In der Vergangenheit war Forschung auch nicht immer so reduziert. Sehen wir uns die mittelalterliche Wissenschaft an mit Leuten wie Thomas von Aquin: außergewöhnlich integrativ, eine intelligente Verbindung von Glauben und Verstand, die wirklich inspirierend ist. In der Summa Theologica beginnt er nicht mit dem Gedanken: Das und das ist das Dogma. Er beginnt mit einer Serie von Fragen, und alles, was er behandelt, dreht sich um Fragen. Er schreibt immer beide Sichtweisen, dafür und dagegen. In den mittelalterlichen Klöstern war es üblich, Debatten mit einem »advocatus diaboli« zu führen und alle Standpunkte zu vertreten. In tibetischen Klöstern findet man diese Tradition heute noch. Diese Angewohnheit, Untersuchungen mithilfe von Debatten und Diskussionen durchzuführen, war Bestandteil vieler religiöser Traditionen – allen voran der jüdischen. Ironischerweise ist es das, was der modernen Wissenschaft so schmerzlich fehlt. In der modernen Wissenschaft gibt es keine solche Debattenkultur, statt dessen gibt es eine autoritäre Verwaltungsstruktur der Entlohnung, der Zeitschriftenverleger, der Universitätsprofessoren; gleichzeitig gibt es eine Orthodoxie, und Leute, die da nicht reinpassen, werden nicht entlohnt. Die werden nicht befördert, die bekommen keine Jobs oder sie bekommen den Stempel des Häretikers aufgedrückt. Das Wort Häresie wird in der modernen Wissenschaft häufiger gebraucht als in der modernen Religion.

Von 2005 bis 2010 haben Sie ein Projekt am ehrwürdigen Trinity College in Cambridge geleitet. Was war der Gegenstand Ihrer Forschung?
Im Rahmen des Perrott-Warrick-Funds, der zu Ehren von Frederick Myers gestiftet wurde, habe ich mich hauptsächlich mit Telepathie befasst, und zwar in Verbindung mit neuen Kommunikationstechnologien: Telefonische Telepathie, SMS-Telepathie, E-Mail-Telepathie. Diese Formen der Telepathie haben sich parallel zu den betreffenden Technologien entwickelt. Es ist eine weit verbreitete Erfahrung, dass Leute an jemanden denken, kurz bevor dieser anruft. Meine Untersuchungen zeigen, dass 80% der Leute in Deutschland, England und Amerika solche Erfahrungen gemacht haben. Die akademische Welt hat das immer zurückgewiesen mit dem Argument, dass es sich dabei um reinen Zufall handle und dass man dauernd ohne Ergebnis an irgendwelche Leute denkt, so dass es keine Telepathie ist, wenn ein Betreffender dann auch mal »zufällig« anruft. Andere halten diese Erfahrungen für das Ergebnis eines unbewussten Wissens. Aber sehen Sie, diese Hypothesen besitzen überhaupt keine Beweiskraft. Das ist pure Spekulation. Keiner dieser Skeptiker hat je eine ernsthafte Untersuchung dieses Sachverhalts unternommen. Ich habe Tests entworfen, um der Sache nachzugehen. Das typische Experiment beinhaltet vier potentielle Anrufer. Einer von ihnen ruft nach dem Zufallsprinzip an, und der Angerufene muss vor dem Abnehmen des Hörers oder einem Blick auf das Display des Handys erraten, wer es ist. Wäre es eine Sache des Zufalls, müsste er in jedem vierten Fall richtig liegen. In Wirklichkeit aber stimmten 45% der Fälle. Und diese Tests habe ich gefilmt und in Fachzeitschriften publiziert. Sie wurden auch bereits von unabhängigen Kollegen überprüft, u.a. am Institut für Grenzgebiete der Psychologie in Freiburg. Ich denke, dass diese Ergebnisse eine recht überzeugende Beweiskraft besitzen und dafür sprechen, dass wir es mit echten Phänomenen zu tun haben. Die Argumente der Skeptiker haben sich hingegen als reine Möchtegernspekulation erwiesen.

Wir haben bereits über die Rückkehr der Fundamentalisten auf beiden Seiten gesprochen. Was glauben Sie: Werden sich die »Freigeister« am Ende gegen all diesen Widerstand durchsetzen können?
Am Ende sind sie dazu gezwungen zu gewinnen, denn die materialistische Weltsicht ist selbstzerstörerisch. Das gegenwärtige System kann ohnehin nicht mehr lange so weitergehen – wegen des Klimawandels, dieses lächerlichen Casinokapitalismus, dem Wegschmelzen des ganzen Finanzsystems und auch wegen der Verlagerung der industriellen Vormacht von Europa und Amerika in den Fernen Osten. Die Frage ist nur, ob der Wandel auf eine wohlwollende Art und Weise geschieht oder durch einen schrecklichen Konflikt. Deswegen glaube ich, dass es so wichtig ist, unsere Ausbildung und das wissenschaftliche System zu reformieren. Auf der anderen Seite glaube ich ohnehin nicht, dass es so, wie es jetzt ist, lange überleben wird. Wir haben ein Bildungssystem, das darauf angelegt ist, Menschen auf ein Produktions- und Finanzsystem vorzubereiten, das gerade am Zusammenbrechen ist. Im Moment produzieren alle Universitäten Europa große Reihen von Absolventen, die kaum noch die Jobs bekommen werden, die sie sich erhoffen. In Ägypten und Indien und in anderen Teilen der Welt ist das schon passiert. Die Ausildung erzeugt Erwartungen, die dann nicht erfüllt werden können.

Das klingt nach einer ungemütlichen Zukunft. Gibt es einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen, sich spirituell zu Hause fühlen?
Die Kirche von England ist so ein Ort, die anglikanische Kirche. Ich gehe regelmäßig zur Kirche. Wenn ich auf Reisen bin, gehe ich einfach in eine katholische oder in eine evangelische Kirche. Ich liebe es, einen Gottesdienst in einer unserer großen Kathedralen zu besuchen. Erst kürzlich war ich im York Minster. Sie hatten einen wundervollen Gottesdienst zu Ehren des Heiligen Michaels und der anderen Engel. Da gab es einen großen Chor, Weihrauch, Kerzen, herrliche Musik und wunderbare Gebete, alles war so inspirierend. Ich mag die Vorstellung, dass mich die Teilnahme an einem solchen Gottesdienst – der nicht nur schön, sondern auch sinnstiftend für mich ist – mit unserer Tradition verbindet, die weit bis ins Mittelalter zurück reicht. Ich denke, dass es wichtig ist, mit seinen Traditionen und Wurzeln in Verbindung zu stehen. Die Tatsache, dass ich Christ bin, bedeutet aber nicht, dass die Einsichten und Geschenke anderer Religionen ablehne. Ich denke, dass es heute mehr denn je wichtig ist, dass wir alle voneinander lernen. So praktiziere ich zum Beispiel jeden Morgen Yoga und meditiere auch. Ich habe in meiner Zeit in Indien viel über die indische Philosophie gelernt, die ich sehr schätze. Oder nehmen Sie meine Frau: Sie unterrichtet Tibetisch-Buddhistisches Chanting. Ich denke, dass es am Ende sehr befriedigend ist, der eigenen Tradition zu folgen und gleichzeitig von anderen Traditionen zu lernen. Ich glaube, dass der Versuch, sich von der christlichen Tradition loszureißen, ohnehin zwecklos ist, da sie unser Erbe darstellt und bis heute viele unserer Gewohnheiten und Gedanken formt.

Steht ein fester Glauben nicht im Gegensatz zu dem steten Infragestellen eines Wissenschaftlers?
Die Sorte von Predigten, die wir haben, sind äußerst nachdenklich, intelligent und hinterfragend. Es gibt da keine Dogmen. Das Bild, das viele Menschen von Religion haben, ist hoffnungslos altmodisch. Doch sobald ich eine wissenschaftliche Institution betrete, fühle ich mich im Nu eingeengt. Der Hauch der Intoleranz ist dort einfach viel präsenter. Ich hatte nie ein Problem, einem anderen Gemeindemitglied zu sagen, was ich denke. Niemand ist davon geschockt. Das ist in der Tat eine sehr inklusive Atmosphäre.

Wenn Sie einen Wunsch für die Welt und für sich ganz persönlich frei hätten: Was wäre das?
Ich würde mir wünschen, dass sich die Wissenschaften von den engen Begrenzungen befreit und eine freie Forschung erblüht, die aufregend ist und transformativ. Persönlich würde ich mir wünschen, das noch mitzuerleben.

* Der Biologe und Philosoph Rupert Sheldrake gilt spätestens seit der Veröffentlichung seines Buchs »Das schöpferische Universum« Anfang der 1980er Jahre als wissenschaftlicher Querdenker. Seine Theorie vom »morphogenetischen Feld«, das wie eine Art natürliche Cloud alle biologischen Informationen abspeichert und wieder abrufbar macht, beeinflusste ganzheitliche und spirituelle Autoren auf der ganzen Welt. Die Fachzeitschrift »New Scientist« schrieb über ihn: »Sheldrake ist ein herausragender Wissenschaftler. Er gehört zu jenen echten, visionären Entdeckern, die in früheren Zeiten neue Kontinente fanden.« Im September 2012 erschien sein neuestes Buch: »Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat«. Weitere Informationen: http://www.sheldrake.org

All der Klimbim

Ich möchte meine Kolumne heute mit einer ketzerischen Frage beginnen: Warum all der Klimbim? Ketzerisch, weil ich mit Klimbim all das bezeichne, was Religionen überall auf der Welt als einen Kern ihrer Lehren verstehen: dass Mohammed der letzte aller Propheten sei; dass Moses sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens befreit habe; dass Jesus gleichzeitig Gottes Sohn und ein Teil seiner selbst sei.

Ich nenne all dies Klimbim aus dreierlei Gründen: Zum einen, weil es historisch ebenso anzweifelbar ist wie die Schaffung des Menschen aus einem Klumpen Ton, zum anderen, weil es genau das ist, was all die Religiösen auf absehbare Zeit voneinander trennen und im schlimmsten Fall gegeneinander aufbringen wird; und last but not least, weil es im Grunde genommen zur Folklore einer Religion gehört und eben nicht zu dem, was ihre Stifter nach eigener Aussage einst im Sinne hatten.

Eben habe ich im Bayerischen Fernsehen eine Dokumentation über den Vatikan gesehen, die erstaunliche Einblicke in seine Räumlichkeiten mit berührenden Persönlichkeiten zu verbinden verstand, der neugierigen Journalistin des Radio Vaticano, dem pubertären Messdiener, Angestellten von allen Ebenen der sakralen Hierarchie. Selbst der Papst war beim Fernsehen und Arbeiten zu sehen – intime Augenblicke, die erahnen ließen, was es bedeutet, Oberhaupt einer Milliarde Menschen zu sein. Es ist müßig, all die Kritik am inneren Reformstau der Kirche und die Unkenrufe über ihr bevorstehendes Ende zu wiederholen: Millionen von Besuchern, die Woche für Woche ekstatisch in den Vatikanstaat pilgern, um einmal im Herzen ihrer Religion gestanden zu haben, sprechen eine deutlich andere Sprache.

Vor gut drei Wochen war ich mit einem katholischen Freund auf einem Konzert der frisch getauften Nina Hagen. Mit der gleichen Verve, mit der sie sich früher für Außerirdische und heilige Yogis einsetzte, agierte sie auf der Bühne ganz im Sinne ihrer neuen Glaubensbrüder und -schwestern. Jedes zweite Lied hatte Jesus, Maria, den Heiligen Geist oder andere Elemente der Evangelien zum Gegenstand. Man musste kein militanter Atheist sein, um nach der Hälfte des Konzerts gewisse antiklerikale Reflexe zu entwickeln. Selbst mein Freund zeigte nach dem zehnten missionarisch gestimmten Song erste Ermüdungserscheinungen. Mich stimmte die ganze Situation nachdenklich. Ninas Botschaft von Liebe, Toleranz, Frieden und Zusammenhalt war es sicher nicht, die an diesem Abend so störend wirkte. Wieder einmal war es der Klimbim.

Das dritte mediale Ereignis, das in die gleiche Bresche zu schlagen schien, war eine Talkrunde zum Thema »Die Salafisten kommen« bei Sandra Maischberger, die im Mai dieses Jahres gesendet wurde. Die illustre Runde hatte Vertreter aus allen monotheistischen Religionen versammelt, von Michel Friedman über Matthias Matussek bis hin zu Scheich Hassan Dabbag, dem so genannten »Imam von Sachsen«. Der Erkenntnisgewinn aus der turbulenten Runde war eher gering: Statt über den Salafismus als politische Kraft (oder spirituellen Weg) zu diskutieren, ging es bald nur noch um eine Art heiteres Religionen-Bashing – auf »Micky-Maus-Niveau«, wie einer der Teilnehmer noch in der Sendung attestierte. Die größten Verfechter der religiösen Kardinaltugenden Vernunft, Respekt und Toleranz waren im übrigen mal wieder die Atheisten.

Um zu meiner ketzerischen Ausgangsfrage zurückzukommen: Warum fällt es den spirituellen Kräften einer Gesellschaft eigentlich so schwer, zueinander zu finden? Warum eint die Ablehnung einer göttlichen Kraft mehr als seine Annahme? Die Suche nach einer alle Traditionen verbindenden »Philosophia perennis« bildet nicht nur eine wichtige Säule der Mystik, sondern auch der Esoterik. Seit Jahrhunderten finden wir Menschen, die – bei allem Respekt für die unterschiedlichen Hintergründe und Traditionen der Religionen – das Spirituelle nicht automatisch auf einem exotischen Silbertablett präsentiert bekommen wollen. Die sich auf die Suche nach den in allen Religionen verborgenen Wahrheiten begeben, auch auf die Gefahr hin, sich damit zwischen alle Stühle zu setzen: Ungläubige für den Vatikan wie für die Mullahs aus Teheran, unvernünftig aus Sicht der Rationalisten. Die Frage, die sie stellen, ist so einfach wie skandalös: Warum muss ich, um in den Club zu gehören, der wegen Feindesliebe und Vergebung gegründet wurde, an Jungfrauengeburten und Himmelfahrten glauben, und warum muss ich, um eine sozial wie moralisch reformerische Bewegung wie den frühen Islam zu bewundern, in der heutigen Zeit lange Bärte und Gewänder tragen und aktuelle Gesellschaftsentwicklungen für satanisch halten?

Die Christen werfen den Juden vor, den Messias nicht erkannt, ja ermordet zu haben; die Muslime den Christen, einen Propheten zum Gott gemacht zu haben; und die Christen den Muslimen, einen dahergelaufenen Wüstenkrieger für einen Gesandten Gottes zu halten – von den noch viel folgenreicheren Konfessionszerwürfnissen einmal abgesehen. Wieso ist es nicht möglich, sich auf das zu besinnen, was all den selbsternannten oder gesandten Propheten gemein gewesen zu sein scheint? Die Aussage, dass es nötig sei, die eigenen Triebe unter Kontrolle zu halten, Liebesfähigkeit und Nachsicht zu entwickeln, einander Brüder und Schwestern zu sein.

Im Gegensatz zum Klimbim ist diese Botschaft nämlich nur für einen gefährlich: unseren eigenen inneren Schweinehund. Angesichts des sich weltweit immer weiter aufschaukelnden religiösen Starrsinns wird es höchste Zeit, in Zukunft noch genauer zwischen historischen Schriften und zeitlosen Wahrheiten zu unterscheiden.