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Zum Teufel mit den Stirnrunzlern!

Wie Jorge Mario Bergoglio erneut den Idealisten in mir weckte

Vor genau dreißig Monaten erschien an dieser Stelle mein erster Beitrag, damals unter dem Titel »Gefährliche Ideale«. Zwei Stellen dieses Textes sind mir – im Gegensatz zu so manch anderen – bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Zum einen die Heranziehung der Religion für die Begründung meines eigenen Idealismus: »Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.« Zum anderen die zugegebenermaßen zugespitzte Einleitung meines Artikels, die mir wenig später durch eine etwa gleichaltrige Leserin aus München den Vorwurf des »Anti-Katholizismus« einbrachte: »Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.«

Aus sehr unterschiedlichen Gründen habe ich diese zwei Aussagen bis heute nicht vergessen: Letztere, weil sie mir schon zu Beginn meiner Kolumnistentätigkeit vor Augen führte, dass man als Autor in noch viel stärkerem Maße als im persönlichen Austausch damit rechnen muss, völlig falsch verstanden zu werden. Und erstere, weil ich sie heute nicht mehr so unterschreiben würde – einfach, weil sich meine Meinung diesbezüglich im Laufe der Jahre stark geändert hat. Hielt ich Religionen damals noch generell für etwas Gutes, unterscheide ich heute viel genauer zwischen gelebter Spiritualität auf der einen und blind befolgter Überzeugungen und Rituale auf der anderen Seite. Niemand, der Selbst-Transzendenz und Liebe wirklich verinnerlicht hat, würde je auf die Idee kommen, aus Religion so etwas wie eine jeglichem Widerspruch entzogene Politik zu machen, wie es in Geschichte und Gegenwart immer wieder geschehen ist und weiterhin geschieht.

Dass ich heute diese Bilanz ziehe, geschieht nicht etwa aus Sentimentalität (»30 Ausgaben!«), sondern aus aktuellem Anlass: Der damals regierende Papst Benedikt XVI. hat inzwischen abgedankt; an seine Stelle trat ein argentinischer Jesuit, der sich selbst Franciscus nennt. Dass dieser im Deutschen – anders als in allen anderen Sprachen – nicht mit dem hiesigen Namensäquivalent »Franz« bezeichnet wird, mag Traditionalisten verärgern; die Begründung des Leipziger Namensforschers Prof. Jürgen Udolph lässt hingegen aufhorchen: »Der Name ist völlig aus der Mode.«

Die Tatsache, dass ein katholisches Oberhaupt keinen »unmodernen« Namen tragen sollte, ist angesichts von Pius, Benedikt und Innozenz immerhin bemerkenswert. In Bezug auf den Namensträger selbst scheint diese Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz jedoch durchaus Programm zu sein. Jenem Mann, der sich seit seiner Wahl zum Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken stets als »Bischof von Rom« bezeichnet, um Gebete für eine gute Amtsführung bittet und Präsidentinnen wie Schwerbehinderte spontan auf die Wange küsst, ist sein erstes Wunder schon gelungen: dem höchsten Amt der Kirche ein wahrhaft christliches Antlitz zu verpassen. Jene Ziele, die ich einst der Religion im Allgemeinen zuschrieb, scheinen zu den Grundlagen seines Pontifikats zu werden: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Angesichts der allerorts ausbrechenden Verzückung ließen die kritischen Stimmen natürlich nicht lange auf sich warten. Mit runzelnder Stirn fragten sie nach Bergoglios rigider Sexualmoral und seiner ungeklärten Rolle während der argentinischen Militärdiktatur. »Der Spiegel« widmete dieser ambivalenten Beurteilung des neuen Papstes sogar einen ebenso albernen wie unzutreffenden Titel: »Der moderne Reaktionär«.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich es dreißig Kolumnen später vielleicht »nicht mehr so unterschreiben« werde: Zum Teufel mit all den Kritikern und Stirnrunzlern, zum Teufel mit dem Kleinmut und jenen, denen ihre Ideale die Sicht auf die Wirklichkeit verstellen! Ja, Franziskus wird wie jeder Mensch in seinem Leben eine Reihe falscher Entscheidungen getroffen haben. Und ja, als katholischer Kardinal wird er vermutlich nicht zur Avantgarde der sich stetig wandelnden Sexualmoral gehören. Doch wer die Eignung eines Mannes für das Amt des Papstes von diesen Themen abhängig macht, übersieht am Ende, wen er – sei es durch eine Laune des Schicksals oder eine Fügung des Himmels – vor sich hat: Einen (be)rührenden und aufmerksamen Menschen, der schon jetzt die für äußere Reformen wie für eine innere Weiterentwicklung gleichermaßen wertvolle Fähigkeit bewiesen hat, Konventionen mit einer von Herzen kommenden Spontaneität zu brechen. Gönnen wir diesem Mann die berühmten ersten 100 Tage Amtszeit, um zu beurteilen, was der ehemalige »Kardinal der Armen« vom Stuhl Petri aus zu schaffen vermag.

Eines steht für mich schon heute fest: »Modern« ist Franziskus mit Sicherheit nicht – und muss es auch gar nicht sein. Dieser Papst ist drauf und dran, der von Moden besessenen Welt eine viel wichtigere Lektion zu erteilen: Den zeitlosen Wert von Güte und Mitmenschlichkeit. Mehr kann man von einem Heiligen Vater nun wirklich nicht verlangen.

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Die geistige Welt ist wie das Internet

Unter vier Augen mit dem Medium PAUL MEEK (Großbritannien)*

Mr. Meek, wie kommen Sie darauf, mit verstorbenen Menschen in Kontakt zu stehen?
Ich habe schon als Kind Dinge vorausgesehen, und das war für mich ganz natürlich und überhaupt nicht außergewöhnlich. Aber ich habe dafür häufig eine aufs Dach bekommen. Ein Beispiel: Ich habe meiner Mutter im Alter von 7 gesagt: Die Nachbarin bekommt einen Jungen, und dann hat sie wirklich einen Jungen bekommen. Ich wusste ja nicht einmal, was Schwangerschaft bedeutet! Vorher hat meine Mutter beim Stricken der Kindersachen immer weiße Wolle genommen; sobald sie bemerkte, dass meine Aussagen treffsicher waren, hat sie gleich blau für einen Jungen und rosa für ein Mädchen genommen. Eines Tages habe ich ihr gesagt: Du brauchst nicht weiterstricken, das Baby ist tot. Meine Mutter wurde sehr wütend und hat mich auf mein Zimmer geschickt. Zwei Tage später wurde die Frau ins Krankenhaus gebracht; sie hatte eine Fehlgeburt. Da habe ich das erste Mal gemerkt: Es ist nicht so einfach mit den Prognosen.

Das klingt ein bisschen wie „The Sixth Sense“. Haben Ihnen diese Erfahrungen nicht Angst gemacht?
Mit 13 habe ich zum Glück von einer Schulfreundin gehört, dass ihre Mutter zu einem Heiler in der »spiritualitischen Kirche« geht. Dort habe ich instinktiv gefühlt: Hier gehöre ich hin! Durch eine sehr liebenswürdige ältere Dame bin ich dann in eine Ausbildungsgruppe geraten. Sie hat mir gezeigt, dass ich meine Begabung kontrollieren lernen muss, damit die Begabung nicht am Ende mich kontrolliert. Danach war ich schlauer und wusste, was ich sagen kann und was nicht. Das war meine Rettung. Ich denke oft daran, was wäre gewesen, wenn ich in Deutschland auf die Welt gekommen wäre. Dann wäre ich mit 13 vielleicht in der Psychiatrie gelandet und nicht in einer medialen Ausbildung. Wahrscheinlich hätte mich meine Mutter zum Arzt geschleppt und gesagt: Der Junge hört Stimmen aus dem Jenseits und sieht verstorbene Seelen! Gott sei Dank geht man in England etwas offener mit diesem Thema um. Als ich dann mit 13 begann, erste Sitzungen in der Nachbarschaft abzuhalten, hat meine Mutter nicht mehr geschimpft. Es war ihr vermutlich noch immer nicht recht, aber sie hat sich gedacht: Wenn er den Leuten helfen kann, kann es so schlecht nicht sein. Sie hat das toleriert. Ich denke, für Kinder kann so ein Talent eine große Belastung sein.

Eine Gesellschaft, die eine jenseitige Existenz ablehnt, sei es aus Angst heraus oder aus wissenschaftlicher Skepsis, hat natürlich das Problem, dass Menschen, die diesen Weg trotzdem gehen wollen, keine wirkliche Ausbildungsperspektive haben.
Das ist vor allem in Deutschland ein Problem, es gibt hier diese Tradition nicht. Das liegt natürlich auch in der deutschen Geschichte, im Dritten Reich zum Beispiel war das alles verboten. England war hingegen immer etwas isoliert, eine Insel eben. Heutzutage gibt es auch hier allmählich wieder Ausbildungen, aber vor 30, 40 Jahren war das richtig schwer in Deutschland.

Ist das Angebot hierzulande nicht auch zu unübersichtlich? Wie weiß ich als „Suchender“, welcher Seminarleiter kompetent ist?
In England gibt es dafür Organisationen, bei denen man als Medium ausgebildet werden kann, es gibt Institutionen wie die SNU, die Spiritualists‘ National Union oder die Greater World, eine spiritualistische christliche Organisation. Über zwei Jahre lang kommt ein Bewerber dorthin, vielleicht fünf oder sechs Mal insgesamt, um seine Fähigkeiten testen zu lassen, ganz anonym, um festzustellen, was für eine durchschnittliche Leistung er über einen langen Zeitraum hin erbringen kann. Besteht er diese Tests, bekommt er ein Diplom. Ich finde das eine gute Einrichtung, weil man so sicher sein kann, dass ein »Medium« eine nachweisbare Leistung zu erbringen vermag. In Deutschland kann sich leider jeder »Medium« nennen.

Halten Sie es für realistisch, dass sich auch in Deutschland ein solcher Dachverband gründen wird?
Eines Tages ja. Je bekannter Medialität wird, desto wichtiger wird das werden. Ich gebe in meiner Ausbildung zum Beispiel nur dann eine Urkunde, wenn der Betreffende in der Lage ist, einen echten Jenseitskontakt herzustellen. Bei mir werden alle Schüler auf Herz und Niere geprüft. Ich halte nichts von Kursen, bei denen nach zwei Jahren alle Beteiligten ein Diplom bekommen. Einer braucht vielleicht zwei Jahre, einer vielleicht sechs, und der Dritte ist einfach nur verrückt. Ich trage da ja eine Verantwortung, wenn ich meine Absolventen auf die Menschheit loslasse. Für diejenigen, die meine Ausbildung bestanden haben, lege ich meine Hand ins Feuer, denn ich weiß, dass sie in der Lage sind, echte Sitzungen abzuhalten, zumindest, was den Zeitpunkt ihrer Prüfung
betrifft. Was einige Jahre später ist, weiß ich natürlich nicht, ob sie schlechte Gewohnheiten entwickelt haben oder vom rechten Weg abgegangen sind.

Was genau ist eigentlich ein Medium?
Der Begriff »Medium« wird hierzulande leider etwas schwammig verwendet. In England haben wir die Begriffe »Psychic« und »Medium«: Ein »Psychic« ist ein Mensch mit übersinnlichen Fähigkeiten, also jemand, der Lebensberatungen gibt und Fragen beantwortet wie »Soll ich mein Haus verkaufen?«, »Betrügt mich mein Mann?« oder »Nimmt meine jugendliche Tochter Drogen?« Psychics können Zukunftsprognosen geben, aber manchmal spüren sie auch, dass ein Trauerfall in der Familie vorliegt oder dass sich jemand in der Nähe des Klienten aufhält, der nicht mehr von dieser Welt ist. Dann raten sie ihm in der Regel, zu einem Medium zu gehen. In England und den USA sind das, vergleichbar mit unterschiedlichen Fachärzten, zwei getrennte Bereiche. »I’m going to a psychic« bedeutet: ich gehe zu einer übersinnlichen Lebensberatung, von Karten über Glaskugel bis hin zum Aura-Reading. »Ich gehe zu einem Medium« bedeutet: Ich suche einen Jenseitskontakt.

Man müsste also eigentlich eine klare Nomenklatur in Deutschland einführen und dann eine gewisse Kontrollinstanz, vergleichbar einem eingetragenen Berufsverband, einführen, der klare Richtlinien vorgeben kann?
Das Problem ist, dass die Deutschen das Wort »Medium« neben der Esoterik auch im Sinne von Zeitung oder Fernsehen oder Radio verwenden. Es herrscht eine totale Begriffsverwirrung. Eigentlich bräuchte man im Deutschen einen neuen Begriff. Ich selbst verwende »Jenseitsmedium«, das ist ein relativ klarer Begriff. Im Englischen ist die ursprüngliche Bedeutung von Medium noch greifbarer, die aus dem Lateinischen kommt: »medium« ist ganz wertneutral »das in der Mitte«. Das ist wie bei T-Shirts: es gibt Small, Medium und Large. Ich erkläre die Aufgabe eines Mediums immer
gerne mit einer Autobahn. Dort gibt es drei Spuren und drei Geschwindigkeiten. Ein Medium fährt in der Mitte und kann die langsame Spur wahrnehmen, das ist unsere Welt, und die schnelle Spur, das ist die geistige Welt. Das Medium ist immer in der Mitte zwischen den Welten.

Jenseits aller Begriffsverwirrungen scheint das Interesse an Kontakten mit der anderen Welt auch in Deutschland enorm, wie der Erfolg von US-Serien wie »Medium« oder »Ghost Whisperer« belegt.
Ich war selbst im Gespräch mit einigen Sendern, die Interesse an einem solchen Konzept hatten. In letzter Minute haben sie einen Rückzieher gemacht – aus Angst. Alle Jahre wieder kommt ein Redakteur, der von den erfolgreichen Formaten aus England und den USA (»Crossing Over«) beeindruckt ist, auf die Idee, eine solche Sendung auch in Deutschland zu produzieren, und dann bremst man ihn wieder aus. Deutschland scheint mir diesbezüglich ein ganz hartes Pflaster.

Das hat natürlich auch historische Gründe.
Der Deutsche hat aufgrund des missbrauchten Okkultismus während des Dritten Reichs Angst davor, die Vernunft zu verlieren. Er hat schnell das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ja, aber ein weiterer Grund könnte der große Einfluss der Kirche in Deutschland sein, die sich über die Kirchensteuer finanziert. Auch haben kirchliche Würdenträger immer noch viel zu sagen. Das Besondere an der Haltung der Kirche ist der Umstand, dass am Beginn der Kirche Propheten standen. Auch sie waren hellsichtig und hatten Kontakt mit der geistigen Welt. Die Medien von heute beweisen ja gerade die Botschaft des Christentums: Es gibt ein ewiges Leben!

Ich wundere mich immer über die Haltung der monotheistischen Religionen, die ihre jeweils letzten Propheten als das Ende der Gespräche Gottes mit den Menschen wahrnehmen.
Letztlich begrenzt das ja die göttliche Kraft. Man kann nicht sagen, Gott ist die größte Kraft auf der Welt, aber er hat plötzlich aufgehört, sich mitzuteilen. Gerade im Christentum ist das doch verblüffend. Wo ist denn der Heilige Geist heute? Ich glaube aber, dass sich das langsam verändert. Ich habe in meinen Seminaren in Südtirol auch einige Priester und Nonnen, die sich sehr für
dieses Thema interessieren und darin eine Verbindung zu den Quellen ihres Glaubens sehen.

Ich denke, dass das immer auch mit dem Stichwort Autorität zusammenhängt. Es hat natürlich Konsequenzen für eine religiöse Institution, wenn man nicht mehr der Einzige ist, der »direkten Kontakt« hat. Angenommen, der kleine Gemeindepfarrer erhält die Antworten auf seine Fragen direkt »von oben«, dann sind die Weisungen des Papstes natürlich weniger bindend für ihn und seine Gemeinde.
Absolut. Gleichzeitig breitet sich die Medialität immer mehr aus. Und damit wächst natürlich auch die Verantwortung. Das ist ganz oft ein abwägender Prozess, der viel Erfahrung im Umgang mit Menschen erfordert. Wenn ein kranker Klient zu einem Lebensberater kommt und dieser sagt ihm auf den Kopf zu, dass er bald sterben wird, dann ist das ebenso fahrlässig wie ein Berater, der ihm gegen das eigene Wissen falsche Hoffnungen macht. Bei vielen Beratern fehlt ganz einfach eine gewisse therapeutische Grundbildung. Ein Heilpraktiker kann ja auch erst eine Praxis aufmachen, wenn er seine Prüfung bestanden hat.

Da stellt sich natürlich die Frage: Besitzt Ihrer Meinung nach jeder Mensch ein angeborenes Talent zum Geisterflüsterer?
Jeder Mensch besitzt auf jeden Fall eine angeborene Sensibilität, die sich trainieren lässt. Im Deutschen gibt es für diesen Vorgang ein schönes Wort: Wahrnehmung. Wenn ein sehr praktisch veranlagter Mensch in einen Bus steigt, setzt er sich auf den ersten freien Sitzplatz. Sensible Menschen laufen etwas tiefer in den Bus hinein und finden dann intuitiv zu einem Platz, der für sie »passt«. Das hängt mit der Energie der Umsitzenden zusammen. Und diese Sensibilität hat grundsätzlich jeder, der sie zulässt. Davon abgesehen ist Medialität natürlich ein Talent wie jedes andere: der eine bringt mehr Musikalität mit, der andere weniger. Doch nicht alle Menschen wissen von ihrer medialen Begabung. Einige, die zu mir in den Kurs kommen, entdecken erst in meinen Seminaren, dass sie hoch medial sind. Das hängt oft damit zusammen, dass ihre Eltern ihre medialen Eingebungen als kindliche Phantasien abgetan haben. Ich denke, dass Kinder in diesen Fällen ihre Medialität durchaus blockieren können, bis sie wieder gewollt ist.

Wenn Sie Ereignisse ganz konkret voraussagen können: Wie steht es in einer solchen prognostizierbaren Welt um die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst zu bestimmen?
Ich denke, wir haben immer die volle Verantwortung. Wir können uns beraten lassen, aber letztlich sollten wir unser Schicksal nicht in die Hände von fremden Personen legen. Denken Sie an die Konsequenzen! Wenn ich mich blind von Prognosen abhängig mache, ende ich wie eine Marionette: Ich muss mich nur noch auf die Straße setzen und alles kommt, wie es kommen muss. Das ist mir zu einfach. Meine Meinung ist: Die Hauptschritte im Leben sind vorausgeplant. Angenommen, es ist – wie in meinem Fall – mein Schicksal, von England nach München zu kommen, so kann ich das auch über lange Jahre in den USA oder einen Umweg über Paris tun. Das Leben ist ein Zusammenspiel von Schicksal und freiem Willen. Im Englischen gibt es für das Schicksal zwei Begriffe: das positiv klingende »Destiny« und das negativere »Fate«. In der Pop-Musik heißt es daher immer »You are my destiny.« Dieses Wort hängt spürbar mit dem Wort »destination« (Reiseziel) zusammen, was man in diesem Fall als »Du kommst an, wo du ankommen musst« verstehen kann. Fate ist das lateinische »fatum«: Du kannst nicht weg. Es kommt, wie es kommen muss. Das deutsche Wort »Schicksal« gibt Auskunft über eine andere Facette dieses Zusammenhangs, die eigentlich sehr optimistisch stimmt: Etwas wird dir »geschickt« und zwar zu deinem »salus«, also zu deinem Heil.

Warum ist der Drang des Menschen, den Kosmos auf technischem Wege zu erobern, in unserer Gesellschaft völlig legitim – ganz im Gegensatz zu der von Ihnen postulierten Möglichkeit, auf geistigen Bahnen ins Universum zu reisen?
Ich glaube, das liegt auch daran, dass der Tod zumindest in der westlichen Kultur keinen guten Stand hat. Engel und Licht werden positiv betrachtet, aber für die Toten muss man beten, sie befinden sich in einem Raum, der uns gruselig anmutet. Das ist natürlich auch etwas schizophren. Das ist sicher eine Folge unserer religiösen Vergangenheit.

Pointiert formuliert macht uns das Jenseits Angst, das Weltall aber erzeugt unsere Neugier.
Ich glaube, das wandelt sich gerade. Man denke nur mal an Hollywood. In letzter Zeit entstehen dort immer mehr Filme, die sich mit dem Übernatürlichen auseinander setzen, und die stellen das Jenseits immer positiv dar. Die Bücher von Dan Brown, TV Shows wie »Crossing Over«, all das spricht für die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Interessant sind natürlich in diesem Zusammenhang auch immer wieder die Aussagen von amerikanischen Wissenschaftlern, dass die geistige Welt zwar nicht bewiesen werden kann – aber auch nicht widerlegt.

Welche ungewöhnlichen Sorgen von Angehören sind Ihnen bei Ihrer Arbeit schon begegnet?
Viele Menschen im Westen gehen heute von der Möglichkeit einer Reinkarnation aus, weit mehr, als noch an das traditionelle christliche Auferstehungsmodell glauben. Das ist nicht immer nur tröstlich. Manche Menschen haben auch Angst, ihre Angehörigen nicht mehr im Jenseits zu treffen, sobald sie gestorben sind. Das nachtodliche Wiedersehen war ja immer ein großer Trost in der christlichen Religion. Ich sage diesen Menschen dann immer: Nur ein Teil der Seele inkarniert, ihr größter Teil bleibt jedoch im Jenseits. Symbolisch ausgedrückt ähnelt jede Familie einem großen Wald: Unter der Erde sind alle Bäume über ihre Wurzeln miteinander verbunden bzw. berühren sich, egal ob Opa, Oma, Vati, Tochter oder Cousin. Wenn ein Mensch geboren wird, verlässt ein Ast seinen Stammbaum und wächst in die Welt hinaus. Stirbt er, so zieht sich seine Kraft einfach wieder in den Stamm zurück, konzentriert und sammelt dort all sein Wissen. Der Stamm ist während einer Inkarnation aber niemals abwesend.

Das erinnert mich an das buddhistische Modell des »Impulses« anstelle einer fest umrissenen Seele, die immer wieder ein- und ausgeht in der Welt.
Dieses Bild hilft auch, um Zwillings-Schicksale besser zu verstehen: Hier teilt sich ein Ast. Das ist auch der Grund für die große Sensibilität dem Zwilling gegenüber, das Spüren einer unsichtbaren Verbindung, auch über große Entfernungen hinweg – und den großen Verlust, wenn einer der beiden zuerst stirbt.

Wenn wir als Menschen wirklich frühere Leben geführt haben: Warum erinnern wir uns dann Ihrer Meinung nach nicht an sie?
Die Vergangenheit ist tot, du hast genug zu tun mit diesem Leben. Es gibt so viele neue Herausforderungen, die Erinnerungen an all die früheren Existenzen würde ein Leben enorm überfrachten. Denken Sie nur daran, wie viele Kriege, Plagen und Grausamkeiten sich in früheren Jahrhunderten ereignet haben. Was für eine Last wäre es für ein kleines Kind, sich an seine Rolle als
Henker oder Soldat zu erinnern. Ich glaube, das Vergessen ist letzten Endes ein großes Geschenk.

Eine letzte Frage: Wie steht ein hauptberufliches Medium zu privaten Seancen oder Geisterbeschwörungen?
Ich möchte das mal so formulieren: Wenn ich krank bin und den Schlüssel zu einer Apotheke hätte, könnte ich viel falsch machen. Wenn ein Arzt für mich reinginge und mir ein Medikament holt, kann relativ wenig passieren. In der jenseitigen Welt kommt noch dazu, dass es viele Ebenen gibt, in der zum Teil auch unwissende Geister Auskunft geben wollen. Diese muss man erkennen, und das kann der Laie häufig nicht. Ich würde daher jedem Anfänger raten, zu einem ausgebildeten Medium zu gehen, wenn er Fragen an das Jenseits hat. Grundsätzlich gilt: Die geistige Welt ist immer offen für uns, wir haben immer Zugang zu ihr, wenn wir uns dafür interessieren. Ohne Schutz kann daher vieles in die Hose gehen. Die geistige Welt ist wie das Internet: nur wer Umgang und Erfahrung damit hat, kann die richtigen Informationen aus ihr ziehen.

* Paul Meek, geboren in Wales, Musikstudium in London, Anstellung als Opernsänger u. a. bei den Bayreuther Wagner-Festspielen. Im Jahr 1993 hat Paul Meek die Opernbühne verlassen und sich nur noch der Medialität, die schon in seiner Kindheit erkannt und gefördert wurde, gewidmet. Seit dieser Zeit lebt er in Deutschland und wurde durch seine überragende hellseherische Begabung und Arbeit, aber auch durch seine Auftritte im britischen, deutschen, österreichischen und japanischen Fernsehen, bekannt. Er gilt als eines der bekanntesten Jenseitskontakt-Medien in Europa. Weitere Infos: http://www.paulmeek.de