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Im Zeichen der Erinnerung

Warum die Haltbarkeit des europäischen Friedens neuerdings wieder in den Sternen steht

Es war einmal im September. Ein nimmersatter Herrscher, der gerade erst eine erfolgreiche Olympiade dafür genutzt hatte, um sich und seine Regierung international zu profilieren, bekundete in einer Rede, der Unterdrückung seiner Volksgenossen im Nachbarland nicht länger zuzusehen. Nur zehn Tage später hatte er das Angebot der internationalen Gemeinschaft auf dem Tisch: Die Gebiete, die von seinen Volksgenossen bewohnt waren, sollten künftig zum Reich des mächtigen Präsidenten gehören. Der große europäische Krieg war abgewendet – vorerst.

Es war einmal im März. Ein Herrscher mit vergleichbarem Appetit auf Allmacht und Autorität mit nahezu identischem olympischem Background bekundete, der Bedrohung seiner Volksgenossen im Nachbarland nicht tatenlos zusehen zu wollen. Nur zehn Tage später hatte er die ersten Sanktiönchen der internationalen Gemeinschaft auf dem Tisch: Das Aussetzen von Verhandlungen über Visa-Erleichterungen. Der Präsident zuckte mit den Schultern und nahm die Gebiete, die von seinen Volksgenossen bewohnt waren, über ein Referendum in sein mächtiges Reich auf. Der große europäische Krieg war abgewendet – vorerst.

Was klingt wie ein historisch inkorrekter Vergleich zweier sehr unterschiedlicher Situationen ist in der Tat nichts anderes als das. Natürlich lässt sich die aktuelle Krimkrise ebenso wenig eins zu eins auf die Sudentenkrise von 1938 übertragen* wie Hitlers Pläne für Europa mit denen eines Wladimir Putin. Doch die Gemeinsamkeiten in Argumentation und Reaktion sind verblüffend: Ein vor Macht strotzender Herrscher an der Spitze eines weitgehend oppositionslosen und bestens aufgerüsteten Landes greift mit historischen Argumenten nach einem fremden Territorium, das von Menschen seiner Sprache bewohnt wird. Während die Tschechoslowakei 1938 in einer Nacht-und-Nebel-Konferenz um fast ein Drittel ihrer Gebiete erleichtert wurde, verzichtete Putin 2014 auf jeden diplomatischen Schnickschnack. Selbstbewusst verwies er die internationalen Vermittler in die ihnen zugewiesenen Statistenrollen – ein Vorgehen, das sich Hitler erst 1939 wagte, als er mit seinen Truppen jene machtlose »Rest-Tschechei« überrollte, die der post-revolutionären Rest-Ukraine in vielen Punkten bedenklich ähnelte.

Die Sudentenkrise und die Krimkrise verbinden noch andere Gemeinsamkeiten: Beide Krisen gehen auf politisch provozierte Unstimmigkeiten zurück und haben sich entgegen der Propaganda der Landnehmer nicht aus einer Notlage der Bevölkerung heraus entwickelt. In beiden Fällen wurden die Truppen der Landnehmer als Befreier bejubelt und der Anschluss als eine »Heimkehr« gefeiert. Zu guter Letzt sind die wahren Ursachen für beide Krisen militär-strategischer Natur: Mit der Eingliederung des Sudetenlands fielen alle entscheidenden Bollwerke gegen die Deutschen in deutsche Hand; mit der Eingliederung der Krim erhält Moskau den vollen Zugriff auf seine wichtige Schwarzmeerflotte zurück, von den Öl- und Gasvorkommen vor der Krim ganz zu schweigen.

Kommen wir zu den augenfälligsten Unterschieden: Putins Lakei Temirgalijew hat zwar bereits angedeutet, die Landnahme der Krimtataren, die nach dem Ende der Sowjetunion erfolgt war, teilweise wieder rückgängig machen zu wollen – doch von ethnischer Verfolgung, wie sie die Nazis praktizierten, kann trotz der völkischen Argumentation keine Rede sein. Im Gegensatz zu Hitler, der die Tschechen als grundsätzlich »rassefremd« einstufte, bezeichnete Putin die Ukrainer mehrmals als ein »Brudervolk«. Auch werden sich die Alliierten, zu denen dieses Mal auch Deutschland gehört, anders als vor 75 Jahren wohl kaum von ihrer Appeasement-Politik verabschieden, ganz einfach, weil sie – ganz im Merkelschen Sinne – durch und durch alternativlos ist, unabhängig davon, welchen Landstrich sich Russland als nächstes einverleiben wird.

Passend oder unpassend: Der Sinn historischer Vergleiche liegt darin, die Gegenwart für mögliche Gefahren der Zukunft zu sensibilisieren und gehört somit zum legitimen Instrumentarium der politischen Prognose. Im Zusammenhang mit den oben angestellten Ausführungen mutet es beinahe zynisch an, dass 2014 in der politischen Agenda des Westens ohnehin ganz im Zeichen der Erinnerung stehen sollte: Vor genau 100 Jahren begann das große Sterben in den Schützengräben von Verdun, das vor ebenso runden 75 Jahren in die schicksalhaften Schüsse auf die Westerplatte münden sollte. Wer hätte sich zu Beginn der Planungen der Gedenkfeiern an vergangene Waffengänge ausgemalt, dass eine große europäische Krise in diesen Tagen so greifbar in der Luft liegen würde?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass als mythisches Gründungsdatum der Ukraine häufig die Tat eines weiteren, nimmersatten Herrschers genannt wird: die Einführung des Christentums in der Kiewer Rus durch Wladimir den Großen. Nun ist es an einem anderen Wladimir, der nicht von wenigen seiner Landsleute bereits als »Großer« tituliert wird, die junge Ukraine wieder zu zerteilen; wieviel Prozent der neue Zar ihrem Einflussgebiet dabei zugestehen wird – und wie lange dieser Diktatfrieden halten wird, steht in den Sternen.

Doch diese Prognose will ich fähigeren Geistern überlassen.

* P.S. Diese Kolumne wurde am 20. März 2014 geschrieben und erschien am 12. April in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Zukunftsblick“. Knapp 10 Tage später sorgte folgende Aussage des Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Schäuble, die er in einer Diskussion mit Schülern traf, für Furore: „Das kennen wir alles aus der Geschichte. Solche Methoden hat schon der Hitler im Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr.“

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Die schlechten Nachrichten sind die gute Nachricht

Wieso das Gefühl, von der Unübersichtlichkeit zermalmt zu werden, auch Grund zur Hoffnung ist

Eine Leserin, deren unkonventionelle Wärme ich sehr zu schätzen weiß, schrieb mir kürzlich einen Brief, der mich sehr zum Nachdenken brachte. »Ich bin so froh, schon über 70 zu sein, denn mit der heutigen Zeit kann ich nicht mehr viel anfangen. Überall nur Katastrophen und Kriege, eine Krise jagt die andere. Ich bin froh, in einer Zeit gelebt zu haben, in der wir Hoffnung hatten und so viel menschlicher zueinander waren.« Mit ihrem Seufzer hat diese Leserin etwas zum Ausdruck gebracht, das viele Menschen nicht nur in ihrem Alter bewegt, wenn sie in diesen Tagen die Nachrichten sehen.

Zunächst einmal ein paar Worte zu der Zeit, in der die Leserin den Hauptteil ihres aktiven Lebens zugebracht hat. Von »mehr Hoffnung« bzw. »weniger Krisen« kann angesichts einer nuklearen Dauerbedrohung im objektiven Sinne eigentlich nicht die Rede sein. Wie kommt es, dass diese Zeit trotz akuter Lebensbedrohung anders wahrgenommen wurde? Eine der häufigsten Antworten darauf nennt zwei Elemente: die einfache Struktur der Welt im Rahmen des Kalten Kriegs und der wirtschaftliche Aufschwung, verbunden mit einem recht naiven Glauben an die magische Maxime des Kapitalismus, dass alles letztlich immer bergauf ginge; dieses Prinzip lässt sich durchaus auf den Osten unseres Landes übertragen, da hier der »Westen« bei vielen als Sehnsuchtsort und Alternative immer mitschwang. Auf den Punkt gebracht: »Früher« lebte man entweder im besseren Deutschland – oder man wusste wenigstens, wo dieses zu verorten war.

Und heute? Wo die bessere Welt ist, ist in der Tat nicht mehr so klar. Die USA haben in der Folge ihres Kriegs gegen den Terror mit immer neuen schockierenden Rechtsbrüchen als Land der unbegrenzten Projektionen abgewirtschaftet; eine neue Supermacht mit sympathischem Antlitz ist nicht in Sicht. Vor China hat man Angst, Brasilien und Indien nimmt man bis heute nicht wirklich ernst und Russland scheidet aufgrund der innenpolitischen Eiszeit ebenso als Vorbild aus wie die stinkreichen, aber religionspolitisch höchst bedenklichen arabischen Ölstaaten. Nicht einmal die EU macht noch was her als Vorbild: Längst haben wir uns wieder in unsere nationalen Egoismen verrannt; ein Prozess, der eher zunehmen wird, umso stärker die Kaufkraft der europäischen Staaten sinken wird.

Und dann die ganzen unübersichtlichen Konflikte zwischen der westlichen und der islamischen Welt! George W. Bush und Osama Bin Laden ist es gelungen, einen globalen Partisanenkrieg in den Köpfen und an den Stammtischen/Koranschulen dieser Welt zu installieren. Ob Freitagspredigt oder Bild-Zeitung: Hektisch wird der eigenen Klientel die alte Kreuzzugspropaganda vermittelt: Die da wollen uns an den Kragen. Mit unterschiedlichen Idealen oder Lebensentwürfen hat das freilich wenig zu tun. Um es mal ganz plump zu sagen: Im Westen wie im Osten wollen die Menschen natürlich das Gleiche: glückliche Kinder, ein gerechtes Staatswesen und ausreichend Geld und Perspektiven für ein sorgenfreies Leben.

Was also tun, um sich von der Propaganda der andauernden Konflikte nicht verrückt machen zu lassen? Eine häufig praktizierte Lösung ist der Gang ins Private, die Verweigerung gegenüber politischen Vorgängen auf der Welt. Diese nachvollziehbare Sehnsucht nach ein bisschen Frieden, und sei er auch noch so illusorisch, fällt in Göttingen naturgemäß etwas einfacher als in Damaskus oder Hebron. Zielführend ist sie weder hier noch dort; wer sich nach einer heilen Welt sehnt statt für sie zu sorgen – und sei es nur durch den wirklich reflektierten Gang zur Wahlurne – hat eigentlich schon verloren. Der Grund dafür ist einfach: Die da wollen uns an den Kragen. Und damit sind nicht die Fundamentalisten gemeint, sondern jene Kräfte im eigenen Kulturkreis (wiederum hier wie dort), die fleißig an unserer Entmachtung basteln.

Und nun zum Kern meiner Antwort auf den Brief der engagierten Leserin: Die schlechten Nachrichten sind die gute Nachricht; die Unübersichtlichkeit ist unsere Chance. Ob im Römischen oder im Osmanischen Reich, im Weltkrieg oder im Kalten Krieg: Eindeutigkeit und klare Fronten sind der Tod einer jeden Mitwirkung. So wie die eigentlich internationalistisch ausgerichtete Opposition im ersten Weltkrieg dem Kaiser gegen den »Feind« die Treue schwor, verlieren wir gerade in den geordneten Verhältnissen jene Einflussmöglichkeit. Nur wenn die Aufspaltung in die anderen und wir in Frage gestellt wird, öffnet sich ein Fenster zu echter Mitgestaltung.

Dass diese Erkenntnis keine fahle Theorie ist, beweist die seit einigen Jahren immer deutlicher zu Tage tretende, internationale Protestkultur. Hier beweisen Menschen, dass sie sich von den Mächtigen der Welt nicht mehr in Kulturen, Religionen, Generationen oder Zielgruppen unterteilen lassen. Die Befreiung von der »selbstverschuldeten Unmündigkeit«, die einstige Maxime der europäischen Aufklärung und Anker der modernen Welt, ist drauf und dran, auf den Plätzen dieser Welt Gestalt anzunehmen. Bundespräsident Gauck, nicht umsonst eine Ikone des Widerstands, hat es in seiner Rede von der »europäischen Agora« im Februar auf den Punkt gebracht: Die Keimzelle einer freien Gesellschaft ist und bleibt »der Platz« als eine Möglichkeit der Begegnung und der Kommunikation – ob nun im virtuellen Raum, dem Internet, oder draußen auf der Straße.

Wir haben alles, was wir brauchen, um diese Welt zu einem Ort zu machen, an dem wir alle unseren Platz zum Leben finden. Es lebe die Krise; sie macht mir Hoffnung, sie macht uns menschlicher.