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Denken hilft beim Wachsen nicht

Unter vier Augen mit dem Psychologen und Wissenschaftshistoriker PROF. DR. DR. HARALD WALACH (Deutschland)*

Herr Walach, Sie waren viele Jahre am bekannten »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) in Freiburg tätig. Wenn man sich die Ergebnisse von rund 100 Jahren wissenschaftlicher Anomalistik-Forschung ansieht, wie sie in der Parapsychologie betrieben wird, so kann man über ihre mangelnde Durchschlagskraft in unserer Kultur nur enttäuscht sein.
Solche Themen kommen in die Kultur, aber nicht in die wissenschaftliche Kultur. Unsere populäre Kultur greift sie durchaus auf, denn sie haben diese Ergebnisse in jedem Esoterik-Buchladen herumstehen. Man muss erstmal verstehen, warum das so ist, dann kommt man vielleicht einen Schritt weiter. Dass die wissenschaftliche Kultur das ausgrenzt, versteh ich sogar, denn wenn man sich den empirischen Datenbestand der Parapsychologie zu Gemüte führt, dann ist der eben löchrig. Manche Ergebnisse sind relativ robust. Wenn man die neuen Metaanalysen zu Präkognition, zu Psychokinese und so weiter zur Kenntnis nimmt, dann sind die schon relativ stark. Sie haben einen sehr engen Konfidenzbereich von zwar kleinen, aber vorhandenen Effektstärken, d.h. sie sind signifikant, d.h. sie sind, alles in allem, nicht abzuleugnen. Aber wenn man jetzt eine wissenschaftliche Haltung einnimmt, die besagt: Das ist eigentlich so unwahrscheinlich, dass ich es a priori nicht glaube, ich möchte erst ein replizierbares Experiment sehen, das ich heute machen kann und morgen und übermorgen, und dann setze ich noch meine Sekretärin ran und meine Oma, und die können das auch – unter diesen Vorraussetzungen funktioniert es eben nicht.

Heißt es nicht, dass es eine Art emotionale Verbindung braucht, um parapsychologische Fähigkeiten auszulösen? Die Mutter, die sich um ihr Kind sorgt, der Hund, der ganz und gar auf seinen Herrn fixiert ist…
Ich glaube, man muss verschiedene Ebenen unterscheiden. Da ist zum einen die All-tagswelt, das lebensweltliche Vorkommen parapsychologischer Phänomene, die sind ja sehr sehr gut dokumentiert. Es gibt Tausende von Anekdoten, die im New Yorker Institute For Parapsychological Research lagern, meine Kollegen im IGPP haben ebenfalls haufenweise Beispiele gesammelt. Es gibt allein über 300 Spukfälle, die gut untersucht sind. Man muss nur in die ethnologische Forschung gehen. Aber das ist natürlich im Sinne von wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit kein Faktum in dem Sinne. Denn etwas wird erst dann ein wissenschaftliches Faktum wird, wenn es eine passende Theorie dazu gibt. Und wir haben keine. Parapsychologie oder anormale Kognition definiert sich nur negativ über das, was wir nicht verstehen. Und das geht a priori nicht, dass man so etwas als wissenschaftliches Faktum verkauft. Deshalb sind diejenigen, die behaupten, das sei alles gut wissenschaftlich bewiesen, schlecht informiert, denn sie haben nicht verstanden, was ein wissenschaftliches Faktum ist. Nun ist es aber noch komplizierter. Denn es könnte ja sein, dass es mit einer neuen Form von Theorie durchaus zu einem wissenschaftlichen Faktum werden könnte. Aber die muss man eben erst finden. Meine Freiburger Kollegen und ich haben im Lauf der Zeit einen solchen Ansatz gefunden, indem wir davon ausgehen, dass es sich dabei gar nicht um kausal beliebig verfügbare Phänomene handelt. Wir gehen ja wissenschaftlich immer davon aus, dass nur das wissenschaftlich wertvoll ist, was kausal verfügbar ist. Immer, wenn ich diese Tasse auf den Boden schmeiße, geht sie kaputt, wenn ich es mit der richtigen Kraft und richtigen Geschwindigkeit tue. Aber das ist bei diesen Phänomenen eben nicht der Fall. Das hängt mit dem zusammen, was Sie vorhin gesagt haben: Vielleicht ist eine emotionale Verbindung absolut notwendig, damit es überhaupt zu solchen Phänomenen kommt, möglicherweise ist eine bestimmte Form der Bedrohung, der Bedeutungsgebung wichtig, damit sie nutzbar sind. Möglicherweise spielt eine bestimmte Form von Bewusstseinshaltung eine Rolle, die man einnehmen muss, damit es funktioniert. Und all das sind Dinge, die nur sehr schwer im Rahmen eines experimentellen Paradigma formulierbar und replizierbar sind.

In den letzten 150 Jahren, seit sich die Wissenschaft als Instanz endgültig etabliert hat, haben Menschen mit spirituellen Ansätzen immer wieder versucht, übersinnliche Aussagen wie die Unsterblichkeit der Seele »wissenschaftlich« zu beweisen – zum Beispiel mit Nahtoderfahrungen. Kritiker behaupten immer wieder, diese könne man beliebig experimentell reproduzieren…
Das ist Unfug. Das mit dem berühmten Persinger-Helm ist von psychologischen Kollegen der Universität Lund untersucht worden. Die haben einen Placebo-Helm gebastelt und eine placebo-kontrollierte Studie durchgeführt. Dabei haben sie festgestellt, dass der genauso gut funktioniert, wenn die Leute nur glauben, dass etwas passiert, auch wenn überhaupt keine Ströme fließen. Das bedeutet, dass das, was Persinger da gemacht hat, vermutlich ein kapitaler Rosenthal- oder Versuchsleiter-Effekt war. Er hat den Leuten etwas suggeriert und dann sehen die das auch. Das sind keine Nahtoderfahrungen. Das sind Formen von leicht hypnoiden Zuständen, die man durch alles mögliche erzeugen kann. Manchmal erfahren Leute nahtoderfahrungsähnliche Zustände, die sich sogenannten Jet-Trainings unterziehen. Das sind Schwerelosigkeitstrainings. Dabei kommt es vor, dass sie kurz wegtreten und so etwas ähnliches wie Nahtoderfahrungen machen. Das sind aber sehr kurzfristige Momente. Das muss einen auch gar nicht wundern, weil unser Gehirn relativ komplex ist; wir haben da noch längst nicht alles verstanden. Aber phänomenologisch und philosophisch viel interessanter finde ich die ganz wenigen, sehr gut dokumentierten Fälle, bei denen man weiß, dass das Gehirn über lange Zeit inaktiv war und die Leute trotzdem über Erfahrungen berichten. Das dürfte eigentlich nicht sein, wenn die Mainstream-These stimmt, dass das Gehirn selbst Bewusstsein erzeugt.

Können Sie einen Fall beschreiben, der Ihnen besonders aussagekräftig und gut dokumentiert erscheint?
Ein sehr interessanter Fall, der erst vor kurzem publiziert wurde, stammt von einem amerikanischen Neurochirurgen, Eben Alexander, der eine bakteriell verursachte Sepsis hatte. Er kam ins Krankenhaus in die Notaufnahme. Weil man seine Hirnströme maß, weiß man, dass das Gehirn inaktiv war, sogar bis ins Stammhirn. Die behandelnden Ärzte gingen daher davon aus, dass dieser Mann nicht mehr aufwacht und wenn ja, dann nur mit schwerwiegendsten Problemen. Das Ganze ist sehr gut dokumentiert, man weiß, wie lange die Behandlung dauerte und was alles mit dem Körper gemacht wurde. Er hatte während dieser Zeit sehr intensive Erfahrungen, zum Teil waren es einfach irgendwelche Visionen, zum Teil waren es auch Erinnerungen an sein Leben – und das, während sein Gehirn inaktiv war. Selbst wenn man nur davon ausgeht, dass noch irgendwelche Gehirnstammaktivität bei ihm vorhanden war, dürfte man nicht davon ausgehen, dass es zu solch zusammenhängenden Erfahrungen und Kognitionen kommen konnte. Zumal er auch beschreibt, dass er eine komplette Aufwachpsychose erlebt hat, und die hat sich völlig anders angefühlt. Das ist hoch interessant. Das scheint mir der spannendste Fall zu sein, der den Eindruck erweckt, dass ohne manifeste Gehirnaktivität Bewusstsein möglich ist. Ich sage absichtlich »den Eindruck erweckt«, denn das müsste man genauer untersuchen. Da kommen wir jetzt zu einem Punkt, der sehr wichtig ist: Wir als Menschen und Wissenschaftler sind alle sogenannte Bayesianer, also wir gehen davon aus, dass bestimmte Dinge möglich sind und bestimmte Dinge nicht. Diese Ausgangswahrscheinlichkeit haben wir aus unserer Kultur, aus unserer Bildung, unserer Erziehung. Wenn diese Ausgangswahrscheinlichkeit sehr niedrig ist, kann uns auch eine ganze Fülle an Daten nicht überzeugen, dass da etwas dran ist. Wenn die sehr hoch ist oder 50:50, dann kann uns schon ein Fall davon überzeugen. Das Problem ist, dass die meisten Leute aufgrund ihrer Vormeinung bei all diesen Phänomenen eine äußerst niedrige Ausgangswahrscheinlichkeit ansetzen. Menschen, die davon ausgehen, dass es nur Materie gibt und nur diese von Bedeutung ist, halten die Existenz solcher Phänomene für äußerst unwahrscheinlich. Man kann dann über Bayessche Statistik ausrechnen: Selbst wenn man diesen Menschen ganze Wagenladungen von Daten vor die Füße kippen würde, würden sie ihre Meinung nicht ändern. Deshalb hilft uns hier Erfahrung und wissenschaftliche Empirie nicht weiter.

Wie muss man Ihrer Meinung nach als Psychologe, parapsychologisch bewanderter Wissenschaftler und Geisteswissenschaftler mit dem Problem der Gerätemedizin umgehen, um wegzukommen von der religiös oder materialistisch fundierten Diskussion über Sterbehilfe?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Das hängt wirklich davon ab, wie wir die Frage nach dem Leib-Seele-Problem beantworten. Ist wirklich nur das Gehirn entscheidend für das Bewusstsein oder können wir davon ausgehen, dass Bewusstsein in irgendeiner Form eine eigene Daseingestalt hat? Ich gehe im Moment davon aus, dass Bewusstsein und Materie, beides, komplementäre Erscheinungsweisen einer transzendenten Wirklichkeit sind, einer transzendenten Wirklichkeit ist, die wir derzeit noch nicht greifen können, weil sie sich eben nur so zeigt. Wenn das so wäre, wäre die reine Fixierung auf die materiellen Prozesse natürlich ein fundamentaler Fehler. Und weil wir es nicht genau wissen und auch keinen gesellschaftlichen Konsens haben, ist es vermutlich im Moment am vernünftigsten, über die Patienten- bzw. Angehörigenwünsche zu gehen. Auf jeden Fall erscheint mir der Versuch, wissenschaftlich-medizinisch das Maximum an Verlängerung des Lebens nur um des Lebens willen herauszuholen weder sonderlich aufgeklärt noch sonderlich human noch sonderlich klug. Diese Verhaltensweise geht von Prämissen aus, die nicht unbedingt beweisbar sind, man kann sie begründen, aber nicht beweisen. Ich hab das auch meinen Angehörigen gesagt, ich möchte nicht, wenn mir etwas zustößt, mit allen möglichen lebensverlängernden Maßnahmen traktiert werden.

Sie meditieren privat seit vielen Jahrzehnten, interessieren sich auch für Zenphilosophie. Wie hat diese Praxis ihr Leben verändert?
Es ist vor allem einfacher geworden. Meditation führt einfach dazu, dass man Dinge direkter sieht und weniger Schnickschnack betreibt. Epistomologisch gesehen führt das dazu, dass wir immer wieder neu auf eine 50:50 Haltung eingenordet werden. Wir legen unsere alten Konzepte beiseite und sagen: Vielleicht stimmt es doch. Und dann braucht man gar nicht so viel Erfahrung, um zu bemerken: Stimmt, ich habe mich geirrt, es ist ganz anders als geglaubt. Ich habe dadurch immer mehr vorgeformte Konzepte abgelegt. Klar habe ich immer noch welche, wer ist schon perfekt, aber es wird einfach einfacher dadurch.

Sie haben einst den »Freiburger Fragebogen zur Achtsamkeit« entworfen. Das klingt auch recht buddhistisch. Was habe ich mir darunter vorzustellen?
Als Anfang der 1990er Jahre die Achtsamkeit als klinisches Interventionsmodell nach Deutschland kam, habe ich überlegt, wie wir das in die Forschung integrieren können. Da kam eine Studentin zu mir, die viel Meditiationserfahrung hatte, und da haben wir gemeinsam diese Idee entwickelt. Achtsamkeit ist Teil der buddhistischen Lebensphilosophie, aber aus meiner Sicht ist es kein buddhistisches Konzept, sondern eine psychologische Fertigkeit, etwas, das wir alle haben oder haben könnten. Achtsamkeit ist menschlich, nicht buddhistisch. Es ist eine Haltung, die man üben kann, genauso wie man Zuhören oder Empathie üben kann. Auch Empathie ist etwas Allgemeinmenschliches, das nicht nur von den Buddhisten, sondern auch in anderen Kulturen und Religionen gefordert wird. Die Buddhisten haben sich um Achtsamkeit bemüht, weil sie verstanden haben, dass ohne Präsenz des Geistes andere Dinge schlechter funktionieren. Wenn ich nicht präsent bin, kann ich mir Dinge schlechter merken. Wenn ich gleichzeitig mit den Gedanken noch wo anders bin, geht das nicht. Ich muss präsent sein und Bewertungen weglassen, dann kann ich mit dem, was im Moment gegenwärtig ist, später auch etwas anfangen. Dann kann ich zum Beispiel entscheiden: Will ich mich damit auseinandersetzen oder nicht, will ich das an mich heranlassen oder nicht.

Und das nimmt einen auch aus der Subjektivität heraus…
Ja! Wir sind dann bei den Dingen. Wir sind dann, wenn Sie so wollen, eins mit den Dingen. Im Moment zumindest. Die viel zitierte westliche Krankheit der Subjekt-Objekt-Spaltung ist dann futsch.

Das Gegenstück zur Multitasking-Kultur.
Absolut. Die Multitasking-Kultur halte ich für das Dümmste, was man sich überhaupt ausdenken kann. Das führt dazu, dass wir unsere kognitiven Kapazitäten überstrapazieren, dass wir überall sind und nirgendwo richtig. Empirische Studien zeigen, dass das zu Unzufriedenheit führt. Es gibt keine einzige empirische Studie, die mir bekannt ist und die zeigen würde, dass Multitasker glücklicher sind als die anderen.

Apropos Überstrapazierung des Kognitiven: Eine Kollegin wollte neulich von mir wissen, wieviel Denken notwendig sei, um seinen Platz in der Welt zu finden, und wie es ihr gelingen könne, zwischen wertvollen und trivialen Gedanken zu unterscheiden.
Da steht einem die Reflexion eher im Weg herum. Ähnlich wie in einer Drehtür dreht man sich nach einer gewissen Zeit immer wieder um dieselben Fragen. Dann ist man am Ende genauso schlau wie vorher. Das einzige, was da was hilft, ist Denken bleiben lassen. Denken bleiben lassen, atmen, meditieren und warten. Dann kommen die richtigen Gedanken von selbst und die unwichtigen gehen. Das erfordert natürlich einige Übung. Dass Denken wichtig ist, um zum Kern des Seins zu gelangen, ist meiner Meinung nach ein großes westliches Missverständnis. Ich habe einen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert übersetzt, einen Karthäuser-Schriftsteller. Er hat eine sehr radikale These vertreten, dass man im Prinzip zur zentralen Erfahrung des Seins nur kommt, wenn man alles Denken bleiben lässt und sich nur mit den Flügeln des Affekts, also des Strebens, dahin begibt ins Sein. Am Schluss der Disputatio schreibt er einen sehr klugen Satz. Auf die Frage des Kritikers: Was soll ich denn machen, wenn ich nicht an Gott und die Engel denken darf? sagt er: Non cogitabitur, sed aspirabitur. Nicht denken, sondern atmen. Denken hilft beim Wachsen nicht. Denken hilft nur, wenn man konkrete Probleme lösen möchte.

Ihr Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften in Frankfurt (Oder) ist in Europa ziemlich einzigartig. Wie würden Sie den Kern Ihrer Arbeit dort definieren?
Das Institut wurde nicht von mir ins Leben gerufen, ich bin bloß sein erster Leiter. Seine Aufgabe würde ich wie folgt zusammenfassen: Wir entwickeln Verständnis dafür, dass in der postmodernen Zeit Gesundheit nie innerhalb einer Kultur definiert werden kann, sondern immer mit fremdkulturellen Vorstellungen konfrontiert wird, so dass zum Beispiel medizinische Techniken von anderswo zu uns importiert werden, angepasst und umgewandelt werden, und das formt auch wieder unsere Kultur. Insofern haben wir es damit zu tun, dass sich Konzepte von Gesundheit und Krankheit in der postmodernen Vernetzung komplett verändern. Nehmen wir ein Beispiel: Heute redet jeder von Energie und Chi. Was wir unter Energie und Chi verstehen, ist etwas komplett anderes, als die Chinesen unter Energie und Chi verstehen. Aber hier hat eine bestimmte Form des Denkens in China unsere eigene Form des Denkens beeinflusst, aber was hier bei uns passiert, ist etwas anderes, als was damit in China gemeint war. Umgekehrt haben die Chinesen verstanden, dass sie mit ihrer Fünf-Elemente-Lehre und mit ihrem Ying-Yang-Konzept nie eine Rakete zum Fliegen bringen würden. Also haben sie sich bei uns die effektive Wissenschaft und die Technologien geholt, die ihnen dabei helfen, ihre ganz eigenen Ansätze zu verfolgen. Insofern bedeutet der Begriff Transkulturalität, dass Konzepte, Entwicklungen, Ideen, Verhaltensweisen aus anderen Kulturen importiert werden, sich in der eigenen Kultur mit dem, was vorhanden ist, vermischen und dann etwas Anderes, etwas Neues ergeben. Und das kann man natürlich auch auf den Gesundheitsbereich anwenden.

Was ist Ihrer Erfahrung und Forschung nach Gesundheit?
Das ist extrem schwer zu definieren. Ich würde Gesundheit definieren als die Fähigkeit eines Organismus, mit Anforderungen so umzugehen, dass er heil bleibt, dass er Wohlbefinden erzeugt. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Belastungen oder von Stress, sondern die Fähigkeit, damit konstruktiv umzugehen, psychisch wie physisch.

Alternative Heilmethoden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Wir haben ja auch schon den boomenden Esoterikmarkt angesprochen. Wie unterscheiden Sie für sich als Wissenschaftler das Untersuchenswerte vom Mumpitz?
Das ist schwer zu unterscheiden. Es gibt auf diesem Markt extrem viel Unsinn und Beutelschneiderei, sehr viele Heilsversprechen, die überhaupt nicht einzulösen sind. Das muss man immer wieder klar sagen, sonst meinen die Leute, dass alles, was alternativ ist, gut sei. Und das ist sicher nicht so. Nun ist es aber komplizierter als man denkt. Ich mache mal ein Gedankenspiel. Es könnte ja sein, dass wir in 150 Jahren feststellen, dass das Entscheidende, was bei der Heilung passiert, im Bewusstsein passiert, und das alles, was wir außen herum machen, nur ein Mittel ist, das Bewusstsein entsprechend zu richten, damit das passieren kann, was passieren muss. Dieses Gedankenspiel stammt gar nicht von mir, sondern von Jerome D. Frank, der 1967 das Buch »Die Heiler« geschrieben hat. Es ist durchaus denkbar, dass es deswegen gar nicht darum geht, die richtige Methode zu finden, sondern den richtigen Menschen, der mit seiner Methode das Richtige bewirken kann.

Wann raten Sie auf jeden Fall, einen Schulmediziner aufzusuchen?
Unsere konventionelle Medizin ist extrem gut, was alle akuten und lebensbedrohlichen Fälle angeht. Also wenn ich einen Herzinfarkt habe, möchte ich mich auch nicht von einem Schamanen behandeln lassen. Wenns aber um chronische Erkrankungen geht, auch solche, bei denen die Ärzte manchmal über Jahre hinweg nichts finden, da müssen andere Ansätze her, ob es nun im Einzelnen die chinesische Medizin ist, der Schamane, eine gut informierte Präventivmedizin oder der orthomolekulare Ansatz, wo Leute nach Mikronährstoffen sehen oder nach Lebensmittelallergien, das muss man dann im Einzelfall entscheiden.

Es gibt ja immer wieder den Vorwurf, ihr Institut würde von der Homöopathie-Lobby finanziert. Andersherum wird auch immer wieder die Kritik laut, die anderen Lehrstühle würden von der Pharma-Industrie gesponsert. Was entgegenen Sie dieser Kritik?
Eine berechtigte Frage, über die ich auch immer wieder nachdenke. Zunächst ist da natürlich die Frage des Verhältnisses zu klären. Wir haben Hunderte von Lehrstühlen in Deutschland, die von der pharmazeutischen Industrie gesponsert werden, ungefähr 90-95% der medizinischen Forschung wird derzeit von der Pharmaindustrie gesponsert. Die Lehrstühle, die von der homöopathischen bzw. komplementär-medizinischen pharmazeutischen Industrie gesponsert sind, sind meines Wissens nach gerade mal zwei, also meine und die meines Kollegen. Dann muss man natürlich auch gucken: Was genau heißt das? Mit welcher Zielrichtung tun sie es? Unsere Sponsoren finanzieren unsere Lehrstühle mit der Zielrichtung, dass wir diesen Studiengang einrichten und betreuen, weil es natürlich in ihrem Interesse liegt, dass Ärzte sich um dieses Thema kümmern. Da könnte man in der Tat sagen, dass dies einen Interessenskonflikt darstellen könnte, weil wir ja diese Leute ausbilden. Das ist aber meiner Meinung nach kein Konflikt für die Forschung, die ich betreibe, weil diese mit dem wenig zu tun hat. Im Gegenteil. Die haben es eigentlich gar nicht so gerne, was ich da treibe, weil wir uns darum kümmern zu zeigen, dass in einigen Fällen reine Placebo-Effekte vorliegen, dass eventuell eine Bioresonanzmaschine den gleichen Effekt hat, dass ich Nanopharmakologie für Blödsinn halte, was meine Sponsoren gar nicht gern hören. Insgesamt würde ich kein großes Konfliktpotential sehen, weil sich ja die Sponsoren per Definition nie in die Ausgestaltung konkreter Forschung einmischen dürfen. Das wäre jetzt der Fall, wenn sie mir auch noch Geld für Forschung geben würden, das tun sie aber nicht.

2012 erhielten Sie von der »Gesellschaft für kritisches Denken« den fragwürdigen Preis »Das Goldene Brett«. Ihr Institut wurde in diesem Zusammenhang als »Bullshit-Verdichtungs- und Veredelungs- versuchsanlage« bezeichnet. Warum tun Sie sich das eigentlich an und forschen nicht in »konventioneller« Psychologie?
Ich habe ein inhaltliches Interesse, und das passt vielen Leuten nicht. Das ist mir aber egal, denn mein Interesse geht mir über die öffentliche Wahrnehmung. Klar muss man als Lehrstuhlinhaber auch mal taktisch vorsichtig sein. Letztlich geht es mir aber darum, bestimmte Themen und bestimmte Inhalte zu transportieren und nicht gewissen Leuten zu gefallen. Wenn ich das wollte, würde ich nicht in Frankfurt an der Oder auf einer W2-Stiftungsprofessur sitzen.

* Prof. Dr. Dr. Harald Walach ist Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina. Der klinische Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker beschäftigt sich in seiner Forschung mit komplementärer Medi-zin und Heilkunde, darunter Homöopathie und die Manual-Therapie nach Mohamed Khalifa. Mehr Informationen finden Sie unter www.harald-walach.de/

Jeder sollte begreifen, welche Bestimmung er hat

Unter vier Augen mit dem Meisterschamanen DON DIEGO (Spanien)*

Diego, du stammst aus Spanien und nicht aus Lateinamerika, wo Schamanismus bis heute eine große Rolle spielt. Wie bist du auf dieses in Europa doch eher exotische Thema gestoßen?
Wir alle tragen in uns ein Schicksal, dem wir nicht entkommen können. Die Vorsehung stieß mich sehr schnell auf dieses Thema, das ich bereits aus früheren Leben her kannte. Als ich siebzehn Jahre alt war, hatte ich einen Bekannten auf Mallorca, der einen sehr kranken Verwandten hatte, für den angeblich nichts mehr getan werden konnte. Mein Freund akzeptierte diese Diagnose nicht und ging ins Amazonasgebiet und brachte von dort einen Schamanen mit auf die Insel. Wie es der Zufall wollte, nahm ich an diesem Ritual teil. Als ich dem Schamanen sagte, was ich dabei erlebt hatte, bat er mir an, ihn nach Peru zu begleiten und bei ihm in die Lehre zu gehen.

Ein Schamane operiert mit einer riesigen Fülle von Wissen um Rituale und geistige Wirklichkeiten. Von wem hast Du das alles gelernt?
Ich hatte verschiedene Meister. Einer, der mich in Kontakt mit dem Thema brachte, einer, der mir die Wirkung von Bäumen erklärte, einer, der mir die Zubereitung von halluzinogenen Getränken beibrachte, und so weiter.

Du hast ja nicht nur im Urwald, sondern auch an einer Universität gelernt. Gibt es für dich einen Widerspruch zwischen deinem wissenschaftlichen und deinem schamanischen Wissen?
Nicht wirklich. Was ich an der Universität von Iquitos studierte, war Phytotherapie. Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt sehr für Pflanzen interessiert. Ich habe also den gleichen Gegenstand von verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet. Die spirituelle und die materielle Welt sind keine Gegensätze, sie stehen sich zwar gegenüber, aber gemeinsam bilden sie die Wirklichkeit. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die beide Realitäten studieren. Was wir letztlich begreifen müssen, ist die Tatsache, dass unser Leben nicht unendlich ist. Unsere Zeit auf der Erde ist sehr begrenzt. Jeden Tag, den wir erleben, haben wir einen Tag weniger. An der Universität lernen wir Dinge, die uns unser Leben vereinfachen und verbessern können, aber im Hinblick auf unser Ende sollten wir immer ein Auge auf die Bedeutung unseres Lebens gerichtet lassen, um zu begreifen, welche Bestimmung wir haben. Wenn wir sterben, ist es egal, ob wir Ärzte, Könige oder Anwälte sind. In diesem Moment zählt allein, ob wir uns gut auf den Übergang vorbereitet haben und ob wir mit uns in Frieden sind.

Was können Menschen, die nicht die Chance haben, eine Reise zu einem Schamanen zu unternehmen, tun, um mit der anderen Wirklichkeit in Berührung zu kommen?
Das Wichtigste ist, den Geist anzuhalten. Der Grund für unser Leid liegt darin, dass wir so viele Gedanken in unserem Kopf haben, dass wir so viel Zeit mit Denken verbringen. Wir sind ständig damit beschäftigt, etwas zu wollen. Kaum haben wir das Betreffende erreicht, lässt die Befriedigung darüber auch schon wieder nach. Und schon wollen wir wieder etwas Neues. Wir wollen diesen oder jenen Partner, aber nach zwei, vier, sechs oder zehn Jahren langweilt er mich wieder oder ärgert mich und ich ziehe wieder weiter. Dauerhaftes Glück wohnt nur den wenigsten Dingen oder Beziehungen inne. Dafür müssen wir uns jenseits der materiellen Welt umsehen. Gebete, Meditationen sind ein guter Weg, sich dieser Realität anzunähern. Stille erzeugt inneren Frieden. Das kannst du überall machen, egal, wo du lebst, welchen Job und welches Schicksal du hast. Jeder Moment ist der perfekte Moment, jeder Ort ist der perfekte Ort, um sich dem Göttlichen zu nähern.

Wie viele Schamanen nutzt du nicht nur Meditationen, sondern auch die bewusstseinserweiternde Kraft von Pflanzen. Was definiert einen solchen »schamanischen Zaubertrank«?
Materiell betrachtet handelt es sich dabei um eine Medizin in Form eines Tees. Sie wird aus einer Kletterpflanze mit Namen Ayahuasca gewonnen, welche man gemeinsam mit den Blättern der Chakruna-Pflanze nach bestimmten Regeln zubereitet und kocht. Es gibt unterschiedliche Zusammensetzungen von Ayahuaska und Chakruna, je nachdem, welche Absicht man bei einer solchen Visionssuche verfolgt und welche Stärke die Erfahrung haben soll. Spirituell betrachtet handelt es sich bei einem solchen Getränk um ein Werkzeug, sich selbst und seine innere Wahrheit kennenzulernen. Es gibt viele verschiedene Arten, Ayahuasca zu gebrauchen. Einige Stämme im Amazonasgebiet, die Schwarze Magie betreiben, nutzen die Informationen, die ihnen Ayahuasca vermittelt, für ihre düsteren Praktiken. Andere Stämme lehnen solche Hexerei strikt ab und lernen durch die Pflanze, wie man Krankheiten heilt oder seinen Lebensplan erkennt. Allgemein gesprochen gelingt es diesem Getränk, unseren Fokus nach innen zu richten und einen Zugang zu höheren Realitäten zu gewinnen. Für die »Suni Runa«, die sich durch das Trinken von Ayahuasca spirituell weiterentwickelt haben, ist es daher keine Droge, sondern ein Weg zum Göttlichen.

Das klingt nicht nur spannend, sondern auch gefährlich. Gibt es Menschen, die Ayahuasca alleine einnehmen, oder braucht man dafür immer einen Schamanen?
Egal wer, wann und in welchem Rahmen einen solchen Trank zu sich nimmt, sollte immer bedenken, dass diese Pflanze in der Lage ist, seinen oder ihren Körper subtileren Realitäten zu öffnen. Ein Schamane kann aufgrund seiner Ausbildung und seiner Erfahrung diese subtilen Realitäten unterscheiden. Ich gebe dir ein Beispiel: Als ich das erste Mal im Dschungel war, sah ich einfach nur eine riesige grüne Wand. Ich konnte überhaupt nichts erkennen. Sobald mir mein Lehrer eine neue Pflanzenart erklärt hatte, begann sie für mich aus dieser grünen Masse herauszutreten als das einzigartige Geschöpf, das sie ist. Mit den subtilen Realitäten verhält es sich ganz ähnlich. Am Anfang erkennt man keine Details, und alles strömt unterschiedslos auf einen ein. Abgesehen von dem »eigenen Prozess« sind da drüben in der anderen Wirklichkeit auch all die Schwingungen der Leute gespeichert, die bisher Ayahuaca getrunken haben, zu welchem Zweck auch immer. Durch das Trinken werden all diese Informationen wieder aktiviert. Der Schamane muss darauf aufpassen, all diese auf einen einströmenden Informationen zu filtern und seine Mittrinker energetisch zu schützen. Fehlt dieser Schutz, ist alles möglich. Es gibt ja keine Kontrolle, nur den wilden Effekt der Pflanze. Ich kannte einmal einen Mann, der unkontrolliert Ayahuaca zu sich nahm und in der Folge Stimmen in seinem Haus hörte. Damit verängstigte er nicht nur seine Frau und seine Kinder, sondern kam sogar mit der Polizei in Konflikt, die nach verborgenen Einbrechern suchen sollten. In der Folge musste er nach Peru reisen und seinen Körper völlig von den Einflüssen der Pflanze reinigen, um seine Kanäle für die andere Welt wieder zu verschließen und Frieden zu finden. Ansonsten gilt: Alles, was man während einer Sitzung mit Ayahuasca erfährt, entspricht deinem Karma. Du kannst dich nicht drücken, aber auch nicht verbiegen. Durch Ayahuasca kommen alle Dinge zum Vorschein, für deren Verarbeitung du sonst vielleicht Jahre bräuchtest. Das kann eine harte Erfahrung sein, aber danach fühlst du dich ungemein befreit, und es wird viel einfacher, den eigenen spirituellen Weg zu verfolgen.

Wie muss ich mir die Wirkung einer bewusstseitserweiternden Erfahrung mit Ayahuasca vorstellen? Funktioniert sie wie eine Bibliothek, in der ich die Antworten auf all meine Fragen nachschlagen kann, oder gibt es nach der Einnahme eine Art eigenes Programm, das die Pflanze verfolgt?
Ayahusca trifft dich immer genau dort, wo du gerade stehst. Wenn das der richtige Augenblick für deine Fragen ist, wird sie die die Antworten darauf geben. Sie wird dir in einer wirklich atemberaubenden Schnelligkeit Einsichten und Weisheiten vermitteln. Man merkt, dass du keine Erfahrung mit Ayahuasca hast, denn wer ihre Wirkung einmal erlebt hat, wird nicht mehr zwischen seinen Fragen und ihren Antworten unterscheiden. Sie beantwortet nicht nur bewusste, sondern auch unbewusste Fragen, die wir vielleicht nur in unserem Inneren spüren, ohne je über sie nachgedacht zu haben.

Kann von einer solch tiefgreifenden Erfahrung auch eine Gefahr für die psychische Stabilität ausgehen?
Das kann passieren, wie bei allem im Leben, das wir erfahren und das uns überrascht. Meiner Erfahrung nach sind wir alle mit dem Göttlichen verbunden, Du kannst es Mutter Erde nennen oder Gott oder Universum, das spielt keine Rolle. Während einer Zeremonie trägt diese Verbindung mit einem Bewusstsein, das größer ist als du selbst und das alles Leben miteinander verbindet, den Namen Ayahuasca, aber letztlich stammt es einfach aus der selben Quelle wie alles, was dir in deinem Leben begegnet. Entscheidend für deine Erfahrungen mit Ayahuasca ist der Schutz und die Erfahrung des Schamanen, der dich begleitet, und der Punkt in deinem Leben, an dem du gerade stehst. Ich glaube nicht, dass Ayahuasca dir etwas zufügt. Es zeigt dir nur, was du bereits in dir trägt – ob das nun ein verborgenes Talent oder eine schlummernde Psychose ist. Ein erfahrener Schamane kann solche unerwünschten Enthüllungen mit anderen Pflanzen wieder eindämmen und dein seelisches Gleichgewicht wieder herstellen. Das ist auch der Grund, warum der Schamane im Dschungel als Arzt und Heiler gilt.

Du arbeitest auch mit Mantras und indischen Göttern, sprichst von Karma – wie verbindest du das mit deinen südamerikanischen Ritualen?
Am Anfang der Zeit gab es keine Trennung. Damals hatten alle Menschen noch einen höheren Grad spiritueller Verbundenheit und die gleiche Vorstellung davon, was das Leben für uns Menschen bedeutet. Diese Leute waren überall auf der Erde verstreut. Sie kannten die Vergangenheit und die Zukunft. Sie wussten, dass eine Zeit kommen würde, in denen die Menschen diese natürliche Verbindung verlieren und ihr Wissen vergessen würden. Deswegen entwickelten sie Wege und Techniken, um gegen das Vergessen anzuarbeiten. Sie haben Traditionen begründet. Durch ihre Persönlichkeiten und die Orte, an denen sie lehrten, gaben sie ihren Traditionen eine bestimmte Färbung. Die Quelle aller religiösen Traditionen bleibt aber dieselbe. Das ist wie mit Milch. Du kannst daraus Käse machen oder Yoghurt oder Butter. In seinem Kern aber bleibt es ein Produkt der Milch. Im Dschungel von Peru lehrten sie uns, wie man sich und seinen Geist reinigt, um höhere Realitäten wahrzunehmen und tief in das eigene Ich einzudringen. In China lehrten sie uns chinesische Medizin und energetische Heilweisen für den Körper, in Indien Ayurveda. Man muss immer unterscheiden zwischen der Realität, die eine Kultur untersucht, und ihren Werkzeugen. Die Unterschiede bestehen aus der Oberfläche, nicht aus der Quelle. Sie gehen auf unsere Gedanken und unsere Urteile zurück. Jedes Urteil verändert die Realität für uns. Es gibt eine schöne Geschichte dazu: Man führte 10 Blinde in einen Raum mit einem Elefanten. Danach befragte man sie, was sich darin befände. Der eine, der den Fuß des Elefanten berührt hatte, beschrieb ein Tier wie ein Baum, rund und stabil, fest auf dem Boden verankert. Ein anderer, der den Rüssel in Händen hielt, protestierte: Nein, im Gegenteil, das Tier sei sehr beweglich und dünn und es befände sich stetig in Bewegung. Derjenige aber, der den Bauch vor sich hatte, schüttelte den Kopf. Es bewegt sich nicht und es steht auch nicht. Statt dessen schwebt es über dem Boden, und das, obwohl es riesig ist und mit den Armen nicht zu umfassen.

Wir befinden uns in einer Welt, die nicht nur von einer immer mehr zusammenrückenden Wirtschaft, sondern auch von religiösen Spannungen geprägt ist. Was können wir deiner Meinung nach tun, um von den unterschiedlichen Traditionen wieder zurückzufinden zu der alle verbindenden Quelle?
Zunächst einmal: Ein »wir« in diesem Sinne gibt es nicht. Das ist, was man in einer Zeremonie lernt: Obwohl man sie gemeinsam miteinander vollzieht, erlebt jeder seine eigene Erfahrung. Fortschritt kann es nicht kollektiv geben, sondern nur individuell. Und zwar dadurch, dass du Energie von den Sinnen und Gedanken abziehst und sie der Erforschung deiner inneren Wirklichkeit zur Verfügung stellst. Das ist alles, was du tun kannst für den Weltfrieden. Wenn du dich weiterentwickelst, werden sich die Menschen um dich herum ändern. Das geschieht sehr natürlich, wie bei einer Domino-Schlange.

Wenn du einen Wunsch frei hättest für dich und für die Welt, was würdest du dir wünschen?
Inneren Frieden. Dass sich jeder innerlich ruhig fühlt, und ich ebenso.

* Don Diego ist Gründer, Leiter und Meisterschamane der spirituellen Vereinigung »Sachavacay« mit Hauptsitz in einem Reservat im peruanischen Regenwald. In jahrelangem Studium eignete er sich ein umfassendes Wissen über die Eigenschaften und die Wirkungen der dort ansässigen Pflanzen an, welches er heute in schamanischen Zeremonien an Menschen aus der ganzen Welt weitergibt. In Ergänzung zu seiner spirituellen Ausbildung studierte er Psychologie, Naturheilkunde und Biochemie an den Universitäten von Alicante (Spanien) und Iquitos (Peru). Neben magischen südamerikanischen Liedern, so genannten »Icaros«, arbeitet der passionierte Musiker und Massagetherapeut auch mit dem Einsatz von indischen Mantren, Tabak und psychoaktiven Substanzen. Weitere Informationen zu seiner Arbeit finden sich auf folgender Webseite: http://www.sachavacay.org

Die Suche nach Wahrheit

Als mich infolge meiner letzte Kolumne eine ebenso erregte wie ausführliche Zuschrift erreichte, fand ich mich zum einen berührt, zum anderen ratlos. Berührt, weil wir durch die von mir geäußerten Gedanken in einen Dialog getreten waren, der mir wertvoll erschien. Ratlos, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich diesen Erwiderungen entgegentreten sollte. Umso länger ich überlegte, umso unklarer wurde mir, was uns verband – und trennte. Da dieses Forschen, Infragestellen und Erwägen ja im Grunde zentrale Gegenstände meiner Kolumne sind, möchte ich Sie heute einladen, unserem Dialog über »all den Klimbim« zu folgen und sich gegebenenfalls daran zu beteiligen.

„Ihr Artikel hat mich aufgewühlt und betroffen gemacht. Bevor der Mensch körperlich geschaffen wurde, war er bereits ein Geistwesen, auch Lichtwesen genannt. Die Bibel geht kaum auf dieses Geschehen ein, doch wenn Sie zum Beispiel gnostische Quellen heranziehen, werden sie feststellen, wie detailliert der Fall in die Materie geschildert wird, z. B. in der »Pistis Sophia«. Hier geht es nicht um einen Klumpen Ton.

Zur Tragödie »Vatikan« möchte ich am liebsten gar nicht mehr Stellung beziehen. Ich hoffe nur, dass bald das Verbrecherische dieser Institution vollständig offenbart wird. Ich bin mir sicher, dass bald dieser Zeitpunkt kommen wird. Nina Hagen hat meine vollste Bewunderung. Nicht deshalb, weil ich ein Fan ihrer Musik bin, sondern weil ich sie für ihren Mut achte, die Wahrheit zu sagen (auch wenn es um Ufos geht, die sich selbstverständlich schon seit Jahrzehnten in Erdnähe befinden und die von den Medien geleugnet werden) oder darüber zu singen. Danke, Nina, für Dein Engagement! Die Ermüdungserscheinungen rühren wahrscheinlich daher, dass der verbohrte moderne Mensch missionarische Tätigkeiten aufgrund ihrer egozentrischen Selbstwahrnehmung kaum ertragen kann. »Er hat ja gar nicht mehr nötig, missioniert zu werden, wo kommen wir denn dahin?«

Auf Ihre Frage, warum man sich einem »Club« anpassen sollte, der unter anderem an Himmelfahrten und Jungfrauengeburten glaubt, möchte ich zu bedenken geben, dass Sie mit Ihrem heutigen Wissen das evtl. nicht begreifen können, jedoch über Ihre Intuition erfahren können, denn es handelt sich um Wahrheitsaspekte. Und wer die Wahrheit sucht, wird sie auch finden. Fragen Sie keinen Wissenschaftler, fragen Sie Gott, bitten Sie ihn um Weisheit. Im Übrigen ist es nicht lächerlich davon auszugehen, dass Gott sich seine Jungfrau sucht, um zu inkarnieren.

Wen sollte er denn sonst suchen? Und wo sollte er denn sonst erscheinen, wenn nicht in seinem auserwähltem Volk, das ihn dann allerdings nicht erkannte und ihn ermordete? Vielleicht wird es endlich Zeit, dass die Juden erkennen, wer sich in ihrem Volk offenbarte. Ohne Jesus Christus sind sie nichts, denn Jesus Christus ist des Ewigen Gottes Dual. Auch die Muslime werden nicht umhin kommen, Jesus Christus anzuerkennen. Wozu raten Sie nun den Menschen, zum Verat an Jesus Christus? Glauben Sie wirklich, dass es nur um die Menschenfreundlichkeit geht, also um ein nettes Boot von Menschen ohne Anerkennung des Retters? Unterstellen Sie bitte nicht den Menschen, die eine Gnosis erlebt haben, es ginge bei ihrer Welt- und Gottsicht nur um ihren eigenen Schweinehund, also um ein egoistisches Eigeninteresse.“

Zunächst einmal: Herzlichen Dank für Ihre Replik auf meine Kolumne, über die ich mich sehr gefreut habe. Die Verve, mit der Sie jedem meiner Gedanken entgegentreten, streichelt zweifellos die natürliche Eitelkeit des Autors, der gelesen und in eine Diskussion verwickelt werden will. Ich möchte meiner Antwort vorausschicken, dass ich die Quellen, auf die Sie sich beziehen, kenne und ausdrücklich respektiere. Gerade die Gnosis zählt mit ihrer spirituellen Gedankentiefe zu den späten Blüten der Antike – und zugleich zu den religiösen Stiefkindern des Abendlandes. Einst bekämpft, später vergessen, sind einige ihrer Erkenntnisse doch unzweifelhaft zu feinen Spurenelementen innerhalb der christlichen Religion geworden.

Was das Christentum betrifft: Erst heute habe ich den Report einer christlichen Nonne aus Syrien gehört, die in bewegender Weise davon berichtet, wie die internationale Staatengemeinschaft Waffen in ein zerbrechendes Land schmuggelt, um »Frieden« zu schaffen. Ihre Aufforderung, Jesus Christus beim Wort zu nehmen und in einen friedlichen Dialog zu treten, der immer ein Kompromiss für alle Parteien sein wird, aber die Zivilisten nicht in eine tödliche Geiselhaft nimmt, gehört vermutlich zu den wahrhaftigsten und (in ihrem Idealismus) zugleich realistischsten Lösungsansätze, die derzeit diskutiert werden.

Trotzdem möchte ich festhalten, dass Ihre Antwort aus einer festen religiösen Perspektive heraus geschrieben wurde, die ich so nicht teilen kann. Die Argumente, die Sie gegen meine Fragen ins Feld führen, sind Gegenstände eines ganz bestimmten Glaubens – und nicht »Wahrheiten«, die für jeden zugänglich sind. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es Ufos gibt oder Juden zum Christentum konvertieren müssen, um »etwas« zu sein; diese und andere »Fakten« besitzen für mich keine Überzeugungskraft, da sie meinem Welt- und Menschenbild zutiefst widersprechen.

In einem aber möchte ich Ihnen ausdrücklich recht geben: Weisheit findet man nicht in der Wissenschaft. Man kann es »Gott« nennen oder »Göttin«, »Buddha« oder das »Höhere Selbst« – Stille und Meditation bilden den Charakter sicherlich mehr als alle Knigge Guides (und Physiklehrbücher) der Welt. Mit Egoismus und Verrat hat das allerdings wenig zu tun; eher mit Toleranz und – im besten Falle – mit der Suche nach einer Wahrheit, die uns verbindet, egal wie »gläubig« wir auch immer sind.