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Die Sache mit dem Glück

Kennen Sie dieses Gefühl? Glück haben immer die Anderen!

Egal, ob Sie ein junges Liebespaar beim Austausch seiner Zärtlichkeiten beobachten oder ausgerechnet die Fahrerin vor Ihnen den letzten Parkplatz in der ganzen Straße ergattert hat – das Gefühl, selbst nicht zu den Beschenkten zu gehören, gräbt sich in Situationen wie diesen tief ins eigene Bewusstsein. Und das umso erfolgreicher, je unzufriedener Sie im Moment mit sich und Ihrem derzeitigen Leben sind.

Woran liegt es, dass wir glauben, selbst weniger Glück als »die Anderen« zu haben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil wir ihnen all die Sorgen und Ängste, die uns selbst vom Aufstehen bis zum Schlafengehen in Anspruch nehmen, schlicht nicht ansehen können. Und weil wir zugleich von der Oberfläche auf das Innere schließen – zumindest in unserem heimlichen Glücksvergleich. »Die Anderen«, so lautet die gute Nachricht, sind gar nicht glücklicher. Das ist zugleich aber auch die schlechte Nachricht: Warum eigentlich nicht?

Wenn wir einmal von jenem Glück absehen, das man auch als »Glück haben« bezeichnen kann, so scheint es einen tiefen Zusammenhang zwischen innerer Zufriedenheit und gefühltem Glück zu geben. Diese Zufriedenheit, die sich – je nach Typ – aus Einzelbestandteilen wie einem guten Gewissen, Liebe für andere und einer heiteren Grundstimmung zusammensetzt, ist ein äußerst instabiles Gleichgewicht. Es reicht häufig nur eine einzige Wolke, um die Sonne zu verdunkeln – den restlichen blauen Himmel sehen wir vielleicht, doch spüren können wir ihn nicht. Wie schaffen wir es also, häufiger glücklich zu sein – und ist das überhaupt der Sinn der Sache?

Dass es erstrebenswert ist, glücklich zu sein, ist so selbstverständlich, dass darüber kaum ein Wort verloren werden muss. Doch kritisch betrachtet hat das Gefühl von Glück nicht nur eine erhebende, sondern auch sedierende Eigenschaft. Wer »Glück« aus einen Gradmesser dessen begreift, wie es um einen steht, kann aus der eigenen Unzufriedenheit auch einen Nutzen ziehen. Gerade spirituell interessierte Menschen neigen oft dazu, ihre Widersprüchlichkeiten mit Licht und Freude »zuzukleistern«. Da wird die gute Laune gern als Spachtelmasse verwendet – ganz nach dem Motto: Wenn ich glücklich wirke, bin ich es auch. Doch dieser Selbstbetrug fliegt nicht nur eines Tages auf – er beraubt uns auch des Nutzens, den wir unserem »Glücksbarometer« entnehmen können.

Noch wichtiger als die Frage, in welchen Augenblicken wir in der Lage sind, Glück zu spüren, ist die ehrliche Betrachtung, welche Umstände in den übrigen Momenten eben dieses Gefühl verhindern. Sind es die Taten unserer Mitmenschen – oder unsere Reaktionen darauf? Geschieht es, weil unser Tunnelblick auf der Suche nach dem »Großen Glück« die vielen kleinen Geschenke übersieht – oder sind wir wirklich von einem Haufen unsympathischer, eigensüchtiger und aggressiver Leute umgeben, deren oberstes Ziel es ist, uns nicht in den Kreis der glücklichen Anderen aufsteigen zu lassen? Und wenn das so ist – was ich bezweifle: Was sagt mir diese Umzingelung durch Energievampire über mein eigenes Verhalten, meine Einstellung zum Leben?

Glück ist sicher nicht der Sinn des Lebens, auch wenn uns das so mancher falscher Prophet so gerne weismachen will. Glück ist vielmehr eine Währung, ein Rechensystem, das uns – vergleichbar einem Tachometer – den aktuellen Stand unserer Lebenstüchtigkeit verrät. Die schlechte Nachricht: Diesen Tacho kann man nicht manipulieren; die gute: zum Glück!

Der große Psychologe und Humanist VIKTOR FRANKL (†1997) geht im Gegensatz zu seinem Landsmann und Kollegen Sigmund Freud davon aus, dass der bestimmende Trieb des Menschen nicht etwa auf Macht oder Lust ausgerichtet ist, sondern vielmehr auf den Sinn. Glücklichsein ist für ihn das Ergebnis eines »Grunds zum Glücklichsein« – man könnte auch sagen: einer sinnvollen Aufgabe, einer Einbindung in die Gesellschaft, einer inneren Mission.

»Es gibt nichts auf der Welt, das einen Menschen so sehr befähigte, äußere Schwierigkeiten oder innere Beschwerden zu überwinden, als das Bewusstsein, eine Aufgabe im Leben zu haben.« Diese Worte Frankls, die durchaus als ein Wegweiser zum Glück verstanden werden können, formulierte der von den Nationalsozialisten inhaftierte Psychologe ausgerechnet im Konzentrationslager Theresienstadt. Sein Ziel war es, jene psychischen Kräfte in seinen Mitmenschen zu mobilisieren, die für das physische Überleben in einer Situation maximalen Unglücks sind.

Vielleicht ist unsere Vorstellung von Glück ja in der Tat nur eine Überlebensstrategie. Einer, der es von Berufswegen her wissen müsste, ist der antike Denker EPIKUR († 270 v. Chr.). Der »Philosoph des Glücks« hält nicht die Welt, sondern Furcht, Schmerz und Begierden für die wahren Feinde unserer Zufriedenheit; eine Einsicht, die beinahe buddhistische Züge trägt.

Ob Sie sich nun – wie Epikur – zur Steigerung des Wohlbefindens in Zukunft auf die notwendigsten Bedürfnisse reduzieren oder sich im Gegenteil – mit Frankl – auf die Suche nach einer wirklich sinnhaften Lebensführung machen – eines steht schon heute fest: Dieses Glück, das nicht von den Geschenken der Welt da draußen abhängig ist, haben bestimmt nicht nur die Anderen.

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Warnung vor einem eifersüchtigen Gott

Warum uns gar nicht anderes übrig bleibt, als uns als Geschwister im Glauben zu begreifen

Neulich war ich mit einer Freundin im Kino. Wir sahen uns »Das Mädchen Wajda« an, den ersten saudi-arabischen Spielfilm überhaupt, noch dazu gedreht von einer Frau. Der Film porträtiert den spielerischen Kampf einer selbstbewussten Teenagerin, der es mit Schläue und Fleiß gelingt, ihrer von religiösen Regeln überregulierten Umwelt so etwas wie eine private Autonomie abzutrotzen.

Im Anschluss an den Film unterhielten wir uns über die unterschiedlichen religiösen Standards innerhalb der arabischen Welt – und die Auseinandersetzungen, zu denen sie in den vergangenen Jahren immer wieder geführt haben. Die Freundin, selbst eine Marokkanerin, begründete eine Vielzahl der religiösen Spannungen mit den unterschiedlichen Traditionen und Rechtsschulen des Islam. Diese Unterschiede seien mithin marginal; sie reichten von der Farbe des Witwenkleids bis hin zu den Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, damit ein Mann eine weitere Frau heiraten kann.

Als bekennenden Pluralisten verwundert mich die Ursache so vieler religiöser Auseinandersetzungen immer wieder – von Nordirland über Kaschmir bis hin nach Bagdad: die Angst vor dem Unterschied bzw. der Wunsch nach »der Ausrottung der Nichtübereinstimmung«, wie es der Althistoriker Ramsay MacMullen einmal genannt hat. Ich fragte die Freundin, weshalb es eigentlich erstrebenswert sei, dass eine Witwe von Casablanca bis Islamabad dieselbe Kleiderfarbe trägt – und was damit im spirituellen Sinne gewonnen sei. Sie zuckte die Schultern. »Das Problem«, fuhr sie schließlich fort, »liegt in der mangelnden Eindeutigkeit des Koran, der diese Fälle nicht explizit regelt.« Nein, entgegnete ich; das Problem liegt in dem mangelnden Verständnis des Menschen für die Schönheit unterschiedlicher Ansichten und Traditionen.

Seit zwei Jahrtausenden hassen und morden wir im Namen eines liebenden Gottes, Christen wie Muslime unterschiedlichster Konfessionen, und sind so von der eigenen Nähe zur Wahrheit überzeugt, dass uns schon die schiere Existenz abweichender Meinungen das Blut in den Adern gefrieren lässt – oder schlimmer noch, es in Wallung bringt in den Muskeln eines schwertbewehrten Arms. Ist es wirklich reine Biologie, die uns dazu verleitet, fremd anmutende Elemente unserer Gesellschaft so schnell wie möglich auszumerzen – oder ist es vielmehr die Folge einer kulturellen Seuche, die uns mit der Geburt der religiösen Missionierung um das 1. Jahrhundert herum erfasst hat?

Ich gehöre nicht zu der Fraktion von Menschen, die die Zustände der antiken Welt idealisieren; Sklaverei, hohe Kindersterblichkeit und starre soziale Grenzen werfen einen langen Schatten auf jenen berühmten »Römischen Frieden«, der den Ländern rund ums Mittelmeer für viele Jahrhunderte eine unvergleichliche wirtschaftliche und kulturelle Blüte bescherte. Natürlich basierte dieser Frieden auf einer Unterscheidung zwischen Innen und Außen, Römern und Barbaren, welche uns verbietet, von einem globalen Ausgleich zu sprechen. Zugleich aber gelang es ihm, Dutzende von Völkern und Sprachen, Sitten und Gebräuchen, Wetterzonen und Religionen in den Zustand einer Stabilität zu bringen, der im heutigen Mittelmeerraum seinesgleichen sucht.

Einer der Eckpfeiler dieser ausgewogenen und auf Ausgleich bedachten Politik war eine maximale kulturelle und religiöse Toleranz. Vor den theodosischen Edikten Ende des 4. Jahrhunderts konnte jeder im Reich glauben und denken, was er wollte. Diese Kunst der unaufgeregten Ideologie hatte das Römische Reich allen späteren Super-Nationen voraus. Das Herzstück dieser inkludierenden (statt ausgrenzenden) Religionspolitik war der im Polytheismus verankerte Toleranzgedanke. Statt Jahwes »Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott.« regierte vielmehr das von Apuleius überlieferte Bekenntnis der Isis: »Meine einzigartige göttliche Macht verehrt die ganze Welt unter vielfältiger Erscheinungsform, mit verschiedenen Bräuchen und vielfachen Namen.« Ganz so einfach haben es die heiligen Schriften der Juden, Christen und Muslime ihren Schäfchen wahrlich nicht gemacht.

Wer immer ein Interesse am Frieden und am Fortbestand der Menschheit auf dieser Erde hat, sollte jetzt aktiv darauf hinarbeiten, dass der mit den missionarischen Religionen verloren gegangene Pluralismus eine neue Blüte erlangt – über die staatlich gewährte (und letztlich spirituell desinteressierte) Religionsfreiheit hinaus. Gehen Sie zum Gebet in eine Synagoge, fasten Sie im Ramadan, feiern Sie eine Puja im Tempel Ihres Vertrauens! Und zeigen Sie nur einer Fraktion die hässliche Fratze der Intoleranz: Jenen Geistern, die ihrem eifersüchtigen Gott auch heute noch ihre Menschenopfer darbringen – auf Kosten der eigenen wie der anderen Leute. Erst wenn wir einsehen, dass göttliche Offenbarungen keine Rücksicht nehmen auf menschliche Alleinvertretungsansprüche, werden wir wieder in der Lage sein, uns im aufrichtigen Sinne des Wortes als Geschwister im Glauben zu begreifen – unabhängig von der Sprache unserer Gebete oder gar von Kleidervorschriften.

Von einem indischen Meister wird folgende Geschichte erzählt: Missionare hatten ihm in der Hoffnung, ihn zum Christentum zu bekehren, eine Bibel geschenkt. Als sie ein paar Wochen später wiederkamen, fragten sie ihn, wie ihm die Lektüre gefallen habe. Der Meister antwortete: »Inspirierend! Eine Quelle ewiger Weisheit!« Die Missionare, die sich schon am Ziel ihrer Bemühungen wähnten, sahen sich in seiner kleinen Hütte um. »Und wo hast Du die Heilige Schrift jetzt?« Der Meister zeigte mit der Hand auf ein kleines Bücherregal über seinem Bett. »Dort drüben, bei den anderen inspirierenden und weisen Schriften!«