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Wie vertragen sich Wissenschaft und Spiritualität?

»Der Naturwissenschaftler kennt die Zweige des Baumes des Wissens, aber nicht seine Wurzeln. Der Mystiker kennt die Wurzeln des Baumes des Wissens, aber nicht seine Zweige. Die Naturwissenschaft ist nicht auf die Mystik angewiesen und die Mystik nicht auf die Naturwissenschaft – doch die Menschheit kann auf keine der beiden verzichten.« (Fritjof Capra, Der kosmische Reigen)

Eine der erstaunlichsten Eigenschaften unserer Gesellschaft ist ihre metaphysische Schizophrenie. Zwei scheinbar unversöhnliche Gesellschaftsgruppen, die Materialisten und die Esoteriker, haben sich den Krieg erklärt, einen heiligen und kalten Krieg. Heilig, da es in jenem Krieg um nichts Geringeres geht als um die Deutungshoheit der Wirklichkeit mit all ihren Konsequenzen; und kalt, da dieser Krieg beinahe ausschließlich über Propaganda im eigenen Lager geführt wird und nur sehr selten in Form einer echten Konfrontation, einer Auseinandersetzung mit der gegnerischen Partei erfolgt.

Beide Ideologien kämpfen um die Seelen der Gläubigen, denen letztlich nichts anderes übrigbleibt, als einer der beiden Instanzen eine verbindliche Weltdeutung zuzutrauen und diese von ihr zu übernehmen. Beide kämpfen mit sehr unterschiedlichen Waffen, bedingt auch durch ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung. Während die gut situierte Wissenschaft kaum auf die überaus blühende Esoterikszene Bezug nimmt, diese schon durch ihr Schweigen kommentarlos der Irrelevanz bezichtigt, verwendet so mancher Esoteriker eine Menge Energie darauf, »die Wissenschaft« per se zu verurteilen und ihr Weltbild wie ihre Auswüchse der institutionellen Blindheit zu bezichtigen.

ESOTERIK ALS DENKFORM

Nun ist es ja nicht so, dass »Wissenschaft« und »Esoterik« tatsächlich zwei so monolithische Blöcke darstellten, wie es in der geschilderten Auseinandersetzung so manches Mal den Anschein hat. Statt nun die Unterschiede innerhalb der beiden dominanten Denksysteme herauszuarbeiten, möchte ich auf die sie charakterisierenden Elemente hinweisen. Was verbindet alle esoterischen Strömungen? Und was macht aus Psychologie, Quantenmechanik und mittelalterlicher Geschichte »Wissenschaft«?

Der französische Esoterikforscher Antoine Faivre stellt in seinem Vorwort zur »Geheimen Geschichte des abendländischen Denkens« fest: »Die Esoterik stellt nicht einmal ein eigentliches Gebiet dar, so wie man etwa vom Gebiet der Malerei, der Philosophie oder gar der Chemie sprechen kann. Sie ist weit weniger ein spezifisches Genre als vielmehr eine Denkform […].« Er schließt eine Beschränkung der Esoterik auf den Topos »Geheimlehre«, die wenigen Eingeweihten vorbehalten ist, ebenso aus wie die Bestimmung der Esoterik als »spirituellen Raum« bzw. »den Weg dorthin«. Zudem sei die Esoterik, wie wir sie kennen, eine durchaus abendländische Tradition; so ist es ihm »noch immer ein Rätsel, was eine weltweite Esoterik denn sein könne.«

Diese Definition der Esoterik als eine Denkform, die in der Praxis die unterschiedlichsten, teilweise widersprüchlichen Ausformungen annehmen kann, erleichtert den Einstieg in das Verständnis ihrer Auseinandersetzung mit den sogenannten akademischen Wissenschaften. Thorwald Dethlefsen, einer der bekanntesten Esoteriker Deutschlands, stellt seinem 1979 erschienenen Werk »Schicksal als Chance«, das den Leser »in das Weltbild der Esoterik einführen soll«, ein Kapitel mit dem programmatischen Titel »Esoterik – die unwissenschaftliche Art, die Wirklichkeit zu betrachten« voran.

Nach einer wertneutralen Definition der Wissenschaft über ihr Ziel, »die Wirklichkeit gedanklich zu durchdringen und durch das Auffinden von Gesetzen eine Ordnung in die Vielfalt der Erscheinungsformen zu bringen«, charakterisiert er ihre Vorgehensweise als das Aufstellen und Widerlegen von Theorien. Die daraus abgeleitete pointierte Feststellung, dass »die Wahrheit von heute der Irrtum von morgen« sei, wird zum Ausgangspunkt der Dethlefsen’schen Kritik: So sei es trotz der allgemein praktizierten Gewohnheit, nach der jede Generation von Wissenschaftlern an der Widerlegung der Erkenntnisse der ihr vorangegangenen Generationen arbeite, eine »tiefe Überzeugung« der Wissenschaft, »jetzt die absolute und endgültige Wahrheit gefunden zu haben«. »In diesem Punkt«, so das Urteil des Autors, »übertrifft die Glaubensstärke der Wissenschaft mit Leichtigkeit jede religiöse Sekte«.

WISSENSCHAFT, DIE RELIGION DER MODERNE?

Der Hang der Wissenschaft, sich stetig selbst zu widerlegen, kann durchaus als charakteristisches Merkmal aller Natur- und Geisteswissenschaften verstanden werden. Laut Brockhaus ist Wissenschaft in erster Linie »eine systematische Ordnung des gesammelten Wissens und empirischer Erkenntnisse, Theorienbildung auf Basis aufgestellter Hypothesen und praxisnaher Überprüfung (Beweis)«. Ihre Theorien müssen demnach »bestimmte Kriterien der Verifikation (Überprüfung) bestehen, um in der wissenschaftlichen Gemeinde anerkannt zu werden.«. Als Angehöriger eines Berufsfelds, das notwendigerweise über einen ausgeprägten Skeptizismus verfügt, stellt religiöses oder esoterisches »Offenbarungswissen« für viele Wissenschaftler ein rotes Tuch dar. Wer behauptet, Wissen über die Welt und ihre Einzelteile zu besitzen, ohne diese nach wissenschaftlichen Kriterien »beweisen« zu können, gilt vielen als Scharlatan und im Extremfall als gefährlich für die »Psychohygiene« der gesamten ihn umgebenden Gesellschaft.

Hier scheint mir auch das Kernproblem des Dialogs zwischen Esoterik und Wissenschaft zu liegen. Beide »Denkformen« betrachten die jeweils andere Seite als eine durch ihre eigene Tätigkeit relativierte Weltanschauung. Nur durch religiöse Verblendung scheint es möglich, dass die eine wie die andere Seite überhaupt Anhänger finden kann, ohne ihre eigene Weltanschauung zu hinterfragen. Insofern werfen sich beide Seiten gleichermaßen vor, Ideologien zu sein; und wie Ideologien bekämpfen sie sich. Nicht Wissen, sondern der Glaube an ihre Grundsätze bestimme die
Methodik wie die Ergebnisse der jeweiligen Konkurrenz.

Dass eine solche Einstellung für die Aufnahme eines wie auch immer gearteten Dialogs nicht wirklich dienlich ist, liegt auf der Hand. So ist es kein Wunder, wenn die Fronten zwischen Wissenschaft und Esoterik zementiert, und Kongresse wie Messen der jeweiligen »Gegner« mit Argwohn betrachtet werden. Die Kritik bewegt sich hierbei in einem Spektrum von bloßer Verharmlosung bis hin zur Kriminalisierung der entgegengesetzten Ideologie. Beispielhaft sei auf den immer wieder postulierten Zusammenhang zwischen esoterischen Grundsätzen und dem politischen Konzept des Faschismus hingewiesen, der letztlich in der These kulminiert, dass »die weiter wachsende massenweise Verbreitung des New Age eine heutige neofaschistische ‚Ansprache’ […] in einer Weise begünstigt, wie es seit dem moralischen Niedergang des Faschismus aufgrund seiner Abscheu erregenden Verbrechen nicht der Fall gewesen ist.« (P. Kratz, »Alles schon mal dagewesen!« 10 Thesen zu New Age und Faschismus)

Trotz der hier skizzierten gegenseitigen Ablehnung kam es in den letzten 150 Jahren immer wieder zu einer durchaus konstruktiven Auseinandersetzung zwischen esoterischen und wissenschaftlichen Autoren. Auf der einen Seite waren es Esoteriker, die wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Lehren und Vorstellungen integrieren wollten (man denke bloß an den eingangs zitierten Fritjof Capra und seinen Versuch, östliches Gedankengut mit westlicher Physik zu vereinen), und auf der anderen Seite Wissenschaftler, die übernatürliche Phänomene (und ihre Anziehungskraft auf Menschen) zum Gegenstand ihrer Untersuchung machten. Letztere waren nicht selten »glaubende« Wissenschaftler, die daran interessiert waren, ihre Glaubensgegenstände wissenschaftlich zu »beweisen«. Das Gros der Akademiker bestand jedoch zumeist aus Forschern, die sich für bestimmte Phänomene interessierten und diese untersuchten, um zu einer Theorie zu gelangen, die das für einen rationalistisch
gesinnten Menschen Unerklärliche verständlich macht – oder schlicht widerlegt.

Das weltanschauliche Gegenstück zu diesen »esoterischen Wissenschaftlern« stellen die »wissenschaftlichen Esoteriker« dar, die versuchen, die eigenen Lehren mit Termini und Erkenntnissen der (Populär)wissenschaft zu schmücken oder gar zu begründen. »Der Schamane mit Psychologiedoktorat gibt den Ton an, auch der Physikprofessor mit einer Schwäche für Tao. Allemal muss, bei der Beschäftigung mit dem Außerirdischen oder Unterirdischen, ein wissenschaftlicher Kommentar mitgeliefert werden, aus der Astronomie oder Tiefenpsychologie. Das geht deshalb ganz gut, weil manche Gemächer des heutigen wissenschaftlichen Gebäudes recht spärlich beleuchtet sind«. (A. Holl, Wassermannzeit) Dieser »wissenschaftliche« Zierrat verrät natürlich vor allem eins: Wissenschaft oder das, was man dafür hält, ist längst selbst zu einer Religion geworden. Wer früher dem Priester glaubte, ohne zu verstehen, wovon dieser redete, nickt heute vertrauensvoll den Akademiker ab, der es im Zweifelsfall besser wissen muss.

DIE GEBURT DER WISSENSCHAFT

Doch die Wurzeln des modern anmutenden Gegensatzes »Esoterik versus Wissenschaft« sind bei weitem nicht so jung wie angenommen und reichen statt dessen tief in den Brunnen der Geschichte hinab. Seine Ursprünge liegen in der Entstehungszeit der ersten kritischen und vernunftbetonten Wissenschaften im Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Während die religiöse (und die damit eng verwandte esoterische) Denkweise seit jeher das Bild des Menschen von der Welt bestimmt hatte, entstand zu dieser Zeit eine völlig neue und in großem Umfang von den alten Traditionen unabhängige Lehre von der Wirklichkeit, welche erst viel später den Namen »Wissenschaft« erhalten sollte.

Wo liegen die Ursachen für die Entstehung einer von der religiösen Sinnfrage befreiten Erforschung der Welt und welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Emanzipation einer so jungen Bewegung wie der Natur- und der Geisteswissenschaft zu gewährleisten? Friedrich Pfister, ein klassischer Philologe, beschrieb die Situation zum Zeitpunkt ihrer Entstehung folgendermaßen: »Es hatte sich eine Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft; es waren die geistigen Bestrebungen entstanden, die zum wissenschaftlichen Forschen führten, die Kritik an der Überlieferung, der Drang nach Ordnung und Systematik und das Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge. Es war aber auch der große umfassende Fragenbereich aufgetaucht, der seitdem immer wieder die denkende und forschende Menschheit beschäftigen sollte: Woraus ist das Weltall entstanden und wie hat es sich entwickelt? Wie ist die Menschheit entstanden und wie ist ihre Geschichte? Wenn jene wissenschaftlichen Bestrebungen erstarkten und sich auch in der Einzelforschung bewährten und wenn man den Mythos überwand, so war eine wirkliche Wissenschaft gegeben […]«.

IGNORANTE PHARAONEN

Diesem Ursachenmodell mag entgegengehalten werden, dass viele seiner Bestandteile keineswegs dazu führen müssen, Erkenntnisgewinn zu rationalisieren, wie wir an etlichen vorwissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können. Im Alten Ägypten zum Beispiel war eine »Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft« und es bestand ohne Zweifel ein ausgeprägter »Drang nach Ordnung und Systematik«; auch die Entstehung von Fragen nach dem Ursprung und der Geschichte der Welt bzw. ihrer Bewohner ist ein uralter Topos innerhalb der ägyptischen religiösen Literatur. Was aber »fehlte« den Ägyptern, was verhinderte einen Paradigmenwechsel in der Methodik ihres Erkenntnisgewinns?

Als zentrale Knackpunkte erscheinen mir die von Pfister genannte »Kritik an der Überlieferung«, welche selbst freilich nicht Ursache, sondern Folge einer gewissen geistigen Wende ist, und das »Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge«. Beide waren in einem Kulturbereich wie dem ägyptischen nicht besonders ausgeprägt. Die ausgesprochen konservative Haltung der ägyptischen Intellektuellen, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Heil in der Bewahrung des überlieferten Wissens sah, und das assoziative, mythische Denken verhinderten letztlich eine tiefgreifende Öffnung ihrer Geisteskultur für strukturelle Veränderungen. Exemplarisch für Hunderte ähnlicher Texte seien hier ein paar Zeilen aus der Lehre für den König Merikare zitiert: »Ahme deinen Vätern und deinen Vorvätern nach. Erfolgreich arbeiten kann man nur in der Tradition: ihre Ausführungen sind ja in den Büchern erhalten. Schlage sie auf und lies und eifere den Weisen nach!«

Charakteristisch für das ägyptische Denken ist seine gegenständliche Erfassung der Wirklichkeit, die – ähnlich der ägyptischen Hieroglyphenschrift – stets eine Mischung aus bildhaft-wörtlichen und symbolhaft-abstrakten Elementen enthält. Der Ägyptologe Eberhart Otto schreibt hierzu in seinem Werk »Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur«: »Wir wissen dann freilich im einzelnen nicht immer, wieweit er diese Bilder sinnhaft für Wirklichkeit nahm, wieweit sie als Symbol für etwas anderes standen und wieweit sie nicht oft einfach zu sprachlichen Bildern geworden sind, die ihre greifbare Bildlichkeit längst eingebüßt hatten.«

Bildhaftes Denken muss – wie in Ägypten – nicht zwangsläufig einen Widerspruch zur geistigen Fähigkeit der Abstraktion bilden, welche letztlich die Ursache für wissenschaftliches Arbeiten ist. Viel eher geht ja das analoge ebenso wie das logische Denken von Zusammenhängen zwischen augenscheinlich unabhängigen Phänomenen aus, »um so zu allgemeinen Begriffen und Gesetzen zu kommen«. Dennoch muss es einen Grund haben, warum die Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, ihren Anfang eben nicht im ägyptischen, sondern im griechischen Kulturkreis genommen hat. Otto sieht die Ursachen dafür weniger an den »tatsächlichen Leistungen« als an den »Zielen« der ägyptischen Wissenschaft. Er stellt fest: »Was dem Ägypter offenbar generell ermangelte, war die wissenschaftliche Neugier, das Bedürfnis Neuland zu entdecken, der Trieb vom Erkannten zum Unbekannten weiterzuschreiten, kurz das, was dann wohl erst die griechisch-ionische Wissenschaft in Fluss gebracht hat. Der Ägypter begnügte sich offenbar, wenn er eine Lösung gefunden hatte, die seine praktischen Zwecke erfüllte, und er hielt dann mit beachtlicher Hartnäckigkeit an ihr fest. Es ging ihm nicht darum, die Welt als Ganzes erklären zu wollen. Es genügte offenbar, für ihre Teilerscheinungen praktische Erklärungen zu finden; doch sollte man ihm deshalb nicht die intellektuellen Voraussetzungen für wissenschaftliches und logisches Denken generell absprechen«.

Das Verhältnis des Ägypters zu seiner Welt war – und blieb – ein magisches. Innerhalb eines solchen Modells wird dem analogen Denken (als dem »natürlichen«, »ursprünglichen«) eine ungemein größere Stellung eingeräumt als dem logischen. Selbst im Kontext wissenschaftlicher Forschung – wie der hoch gelobten ägyptischen Medizin – erlangt das kausale Denken allenfalls eine gleichberechtigte, niemals jedoch eine dem analogen Prinzip übergeordnete Stellung. So formte das Wissen um die geistigen Hintergründe eines Ereignisses, welches analog erschlossen wurde, gemeinsam mit der Kenntnis seiner konkreten, also logisch erschließbaren Ursachen ein unauflösliches Amalgam.

»SYMPATHIE« STATT LOGIK?

Insofern ist es verständlich und verwundert kaum, dass Ägypten heute unter Esoterikern ebenso beliebt ist wie schon unter den Alchemisten und Okkultisten der vergangenen Jahrhunderte. Zwischen dem »proto-wissenschaftlichen«, analogen Weltbild der Ägypter und dem Denken in Entsprechungen, wie es seit der Hermetik jede Form von »Geheimlehre« bis hin zur modernen Esoterik kennzeichnet, besteht eine wesensmäßige Verwandtschaft.

Der 2000 Jahre alte Satz »Wie oben, so unten« aus den hermetischen Schriften kann als zentrales Bekenntnis der esoterischen Weltsicht überhaupt betrachtet werden. Ohne es wäre weder die Astrologie, noch das Kartenlegen, noch die Vorzeichendeutung denkbar. Die Hermetik, eine erst in griechischen Quellen fassbare Lehre, die sich selbst jedoch als ägyptisch betrachtet und die nach ihrer zentralen Figur, dem Gott Hermes Trismegistos benannt ist, war eine Geheimlehre, die sich mit dem Aufstieg des Menschen – raus aus der grobstofflichen Welt, rein in den lichten Himmel – beschäftigte. Bei dieser »esoterischen« (sprich: innere, also hinter den äußeren Erscheinungsformen verborgenen) Lehre, die nie zur offiziellen Religion wurde, in der Spätantike aber durchaus verbreitet war, handelt es sich sozusagen um die Mutter aller esoterischen Strömungen. Sie behandelt einen auf das Lesen bestimmter Schriften konzentrierten Erlösungsweg des Menschen bis hin zu seiner Erleuchtung. Ein Kernelement bildet die sogenannte »Sympathie«-Lehre zwischen Makro- und Mikrokosmos, welche eine Verwandtschaft von himmlischen und weltlichen Phänomenen annimmt (zumindest aber eine zeitliche Koinzidenz). Statt, wie in der griechischen Wissenschaft, nach den realweltlichen Ursachen eines bestimmten Problems zu forschen, sollte hier nach seinen gedanklichen und spirituellen Ursachen gesucht werden. Überspitzt formuliert könnte man die beiden Zielrichtungen der Wissenschaft und der Esoterik also auf die menschlichen Grundfragen »Wie« und »Wieso?« reduzieren. Das offenbart freilich, dass sich hier nicht notwendigerweise Feinde, sondern vielleicht sogar potentielle Verbündete gegenüberstehen.

»Eine Theorie der Magie« wird Ihnen in den kommenden 12 Monaten einen ausführlichen Überblick über das spannende Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und Esoterik liefern. Der Fokus wird hierbei auf (Grenz-)Wissenschaften wie der Parapsychologie, der Anomalistik und der Paranormologie liegen, deren spannende Erkenntnisse aus über 100 Jahren Forschung nicht nur wohlwollenden Esoterikern, sondern auch kritischen Wissenschaftlern gelegentlich allen Grund zum Staunen geben.

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Jeder trägt die Bestie der Neugier in sich

Unter vier Augen mit dem Bestsellerautor ERICH VON DÄNIKEN (Schweiz)*

Herr von Däniken, Sie sind nicht nur einer der erfolgreichsten Sachbuch-Autoren der Welt – zugleich gelten Sie und Ihre Thesen als höchst umstritten. Welche Kritiker nehmen Sie ernst und welche nicht?
Ich nehme die Kritiker ernst, die was von der Sache verstehen, und die Kritiker, die a priori Vorurteile haben, können mir den Buckel runterrutschen.

Wissenschaftler sagen Ihnen gerne nach, Sie seien – im Gegensatz zur Wissenschaft – nicht selbstkritisch und stellten Ihre Thesen nie in Frage. Haben sie recht?
Zum Teil haben sie recht. Der Witz ist: Ich muss selektionieren, ich muss quasi wie ein Museumsdirektor entscheiden, was kommt in die Vitrine, was soll das Publikum sehen? Wenn ich jetzt wissenschaftlich arbeiten würde – und meine Bücher sind nicht wissenschaftlich, sie sind definitiv populär –, dann müsste ich alle Gegenargumente auch noch bringen. Dann hätten wir dicke Schinken. Die Verleger selbst spielen da nicht mit. Sie sagen: Erich, ein 500-Seiten-Werk kauft niemand, das ist zu teuer, das bringen wir nicht auf den Markt. Man muss also tatsächlich
selektionieren. Da hat die Kritik recht.

Was müsste passieren, gefunden oder bewiesen werden, damit Sie nach all den Jahren sagen: Oh, ich habe mich geirrt, es gibt gar keinen prähistorischen Besuch von Außerirdischen?
Das kann ich mir gar nicht vorstellen, ich weiß darüber zu viel. Natürlich gebe ich zu, dass es auch Unsinniges darunter gibt, dass man sich geirrt hat, dass man sagt: ‚Das würdest du heute nie wiederholen‘. Aber ich kenne die alte Literatur, ich kenne das Buch Henoch, ich kenne das fünfte Buch des Mahabarata, ich weiß, was die Alten geschrieben haben. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles nichtig ist. Henoch zum Beispiel wird astronomisch unterwiesen, der Meister erklärt ihm die Mondphasen, erklärt ihm die Sonne, erklärt ihm den Kalender. Da waren Lehrmeister! Wer waren sie dann? Götter, okay. Aber was für Götter? Nicht die Naturgewalten, sondern was anderes.

Viele Ihrer Quellen sind religiöse Texte. Glauben Sie, dass alle darin behandelten »Götter« Außerirdische sind – oder vermischen sie »echte« (metaphysische) Wesen mit Reisenden durch Raum und Zeit?
Es ist ein einziges Durcheinander, ein »chaos totale«, würden wir auf französisch sagen. Zum einen haben wir die Naturreligion, wir haben die Naturgewalten, die die Menschen vergöttlicht haben, wie Blitz, Donner, Erdbeben etc. und daraus ist alles mögliche entstanden. Dann haben wir alles mögliche von der Mystik her, was Menschen phantasiert, geträumt haben etc. Entscheidend ist immer die Frage: Ist Information geflossen, oder nicht? Haben sie mit den sogenannten Göttern gesprochen oder nicht? Derjenige, der es überliefert, schreibt er in der ersten Person oder gibt er nur Erzähltes weiter? Wenn Information geflossen ist und sie hat wissenschaftlichen Inhalt, z. B. Astronomisches oder Metallurgie, und der Autor schreibt in der 1. Person, dann nehme ich die Quelle ernst. Aber es ist ein einziges Durcheinander.

Wie stehen sie zu den heutigen Berichten über die Sichtung von Außerirdischen – oder anders gefragt: Gibt es eine bestimmte Zeit in der Geschichte, in der sich die »Götter« zurückzogen von der Erde, oder besuchen sie uns seit dem Altertum immer wieder?
Ich bin langsam verunsichert. Ich persönlich habe noch nie ein UFO gesehen und spotte immer: Wenn der Däniken auftaucht, dann rauschen die ab. Ich weiß natürlich, dass im UFOSektor 98% der Literatur Unsinn sind. Und trotzdem gibt es Wissenschaftler wie den verstorbenen Prof. Dr. John Mack von der Harvard Universität, der sich mit Entführungsberichten duch Außerirdische beschäftigt hat. Mit ihm saß ich stundenlang zusammen, und er sagte mir: Erich, ich will auch nicht, dass das wahr ist, aber es ist so. Da bekomm ich langsam Zweifel. Oder nehmen wir zum Beispiel den amerikanischen Astronauten Ed Mitchell, den ich persönlich sehr gut kenne und der aus Roswell stammt. In der UFO-Szene stößt man immer wieder auf diesen »Roswell-Fall«, da sei etwas abgestürzt, obwohl das die offizielle Seite längst widerlegt hat. Und nun sagt mir Ed Mitchell: Erich, das stimmt nicht. Da ist etwas Außerirdisches abgestürzt. Ich bin da einfach verunsichert, ich weiß selber nicht mehr, was ich sagen soll.

Wenn man so lange über ein Thema arbeitet, gibt es dann überhaupt noch etwas, von dem man meint: Das muss ich noch durchdringen, das will ich noch herausfinden?
Ideal wäre so etwas wie eine Zeitkapsel. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese Außerirdischen verschwunden sind ohne irgendeinen Beweis. Was immer sie gemacht haben, muss so angelegt sein, dass es nicht kaputt geht über die Jahrtausende, und dann muss man auch noch dafür sorgen, dass die Menschen in der fernen Zukunft überhaupt danach suchen. Wenn keiner darüber nachdenkt, ob wir Besuch aus dem Weltall hatten, geht niemand auf die Suche. Ich könnte mir vorstellen, dass wir eines Tages einen Raum unter der Großen Pyramide finden mit irgendwelchen Schriften oder Botschaften. Mir fehlt definitiv der Beweis. Ich habe Indizien, die kann man so oder so interpretieren, aber einen objektiven Beweis habe ich bislang nicht.

Wenn Sie einen echten Beweis gefunden haben, ist Ihr Lebenwerk dann vollbracht?
Eigentlich ja. Ich wäre dann sehr glücklich und dankbar, aber ich glaube, ich würde auch dann nicht arrogant werden. Ich bin, wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich (lacht).

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum bisher noch kein einziger antik-technischer Gegenstand gefunden wurde?
Wenn unsere Ethnologen irgendwo hingehen, an den oberen Amazonas oder an den Nil, dann nehmen sie vielleicht ein paar Werkzeuge mit, ein paar Kameras und so weiter. Billiger Plunder kann liegen bleiben, der verrostet dann und geht verloren über die Jahrtausende, aber das wertvolle Zeug, Kameras oder Messgeräte, nehmen sie wieder mit. Da bleibt nicht viel übrig. Aber es gibt tatsächlich ein paar Geschenke der sogenannten Götter, die von den Religionen auch heute noch aufbewahrt werden, wie der Spiegel des Jimmu-Tenno oder die Bundeslade, die meiner Meinung nach etwas Technisches sind. Vielleicht gibt es also einige Hinterlassenschaften, aber wir kommen nicht daran. Noch nicht.

Glauben Sie an Verschwörungstheorien, die besagen, dass irgendwelche Politiker einfach nicht wollen, dass solches Wissen über extraterrestrische Intelligenz in der Bevölkerung Verbreitung findet?
Es ist weniger Verschwörung als unsere Gesellschaft. Politiker sind weder dumm noch bösartig, aber sie stecken manchmal einfach in ihren Alltagsproblemen fest. Wenn jemand kommt und ihnen eine außergewöhnliche Entdeckung darlegt, verweisen sie ihn an die entsprechenden Fachleute, sie kennen sich da schlicht nicht aus. Und ein Wissenschaftler ist normalerweise ein integrer, geistreicher, humorvoller Typ und der geht nicht hausieren mit Sensationen. Der nimmt immer Rücksicht auf seine Kollegen. Ein Wissenschaftlier könnte nie so reden oder sich so verhalten, wie ich das als Outsider mache. Ich hab mal einem guten Freund, dem inzwischen emeritierten Professor für Raumfahrttechnologie der TU München, Harry Ruppe, gesagt: Harry, wenn Du mit meinen Ideen gekommen wärst, das hätte doch eine ganz andere Wirkung gehabt als wenn da so ein kleiner, fremder Typ auftaucht. Er meinte daraufhin: Meine eigenen Kollegen hätten mich fertig gemacht. Es muss von außen kommen, aber dann müssen die Theorien auf Ihren Wert abgeklopft und die Spreu vom Weizen getrennt werden. In dieser Phase befinden wir uns derzeit.

Sie selbst sagen, Sie seien nicht dafür da, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Zeigt Ihr immenser Erfolg nicht, dass das alte Vorurteil vom wissbegierigen Menschen gar nicht stimmt – er will nicht wissen, er will staunen!
Jeder Mensch trägt eine Bestie in sich und gegen diese Bestie hat er keinen freien Willen. Die Bestie ist die Neugierde. Jede Intelligenz ist neugierig und das hört nicht auf. Ich glaube, wir wollen immer wissen. Das Wissen ist nie ein ganzes Wissen. Ich glaube auch nicht, dass man je die Wahrheit haben wird. Das ist immer auch eine Frage der Diskussion in der Gesellschaft. Kommt es an oder nicht?

Sie sind – nach der bundesdeutschen Definition – bereits weit im Rentenalter, aber werden mit den Jahren keinen Deut ruhiger. Wie muss man sich den Alltag eines Bestsellerautors vorstellen?
Wunderbar einfach. Ich bleib lang im Bett. Ich steh so um halb elf, elf auf. Dann lese ich Zeitungen, trink einen Tee, gehe ins Büro und mach meine Arbeit. Ich lese sehr sehr viel, aus allen möglichen Bereichen. Wenn ich ein Buch schreibe, mache ich das nachts. Da müssen alle Informationen, alle Quellen schon stimmen. Ich setze mich nie an den Computer und weiß nicht, was ich schreiben will. Der Kopf ist immer schon voll. Das ist der normale Alltag. Derzeit bin ich auf einer Vortragsreise. Da red ich jeden Abend in einer Stadthalle oder in einer Schule. Ansonsten renn ich in der Welt rum. Ich war erst kürzlich in 4600 Metern in der Höhe in Peru und ich habs überlebt.

Mit oder ohne zusätzlichen Sauerstoff?
Ohne. Aber ich geh nie mehr. Es reicht mir. Ich habs gespürt, es hat weh getan. Da hab ich mir gesagt: Jetzt musst du langsam aufpassen.

Haben Sie jemals versucht, Kontakt mit Außerirdischen herzustellen?
Nein. Ich habe ein paar schöne Träume gehabt, da habe ich mit ihnen gesprochen, aber schon währenddessen war mir klar: Das ist Traum und nicht Wirklichkeit.

Sie sind ja auch Romanautor und haben bewiesenermaßen Phantasie. Wie sähe das aus, wenn Däniken eines Tages tatsächlich auf Außerirdische treffen würde?
Zunächst hätte ich vermutlich Angst, dann würde sicher die Neugier siegen. Ich nehme mal an, das Kommunikationsproblem wäre keines, das würden die lösen. Und dann hätte ich Fragen im Umfang eines Telefonbuches. Zunächst einmal möchte ich wissen: Wie hat das Universum begonnen? Was war denn vor dem Urknall? Und wart ihr oder jemand anderes tatsächlich schon bei uns? Und warum überhaupt? Was ist der Grund dieses ganzen Spiels? Ich hätte wirklich unzählige Fragen.

Kritik kommt nicht nur von der wissenschaftlichen, sondern auch von der theologischen Seite. Schließlich erklären sie offen, dass die Götter der heiligen Schriften nur Raumfahrer sind. Sind Sie selbst eigentlich ein spiritueller Mensch?
Ich bin ein tiefgläubiger Mann. Nehmen wir mal an zu meinen Gunsten, ich hätte recht. Da wären Außerirdische da gewesen. Die nächste Frage lautet: Wo kommen die her? Haben sie eine Evolution, wurden sie selbst von anderen Außerirdischen infiziert? Irgendwann bin ich am Ende der Fahnenstange und da werd ich ganz klein und bescheiden und sage: Du bist ein Nichts, du bist eine Null in diesem grandiosen Kosmos. Ich habe mir nie zugetraut, eine Definition Gottes zu versuchen, da sind schon viel Schlauere daran gescheitert. Ich nenn ihn ganz ehrfürchtig »den grandiosen Geist der Schöpfung«, aber das ist auch nur so eine Bezeichnung. Ich bin einer von denen, der nie einschläft, ohne gebetet zu haben. Und ich rede nicht von Bitten, sondern von meiner Dankbarkeit, dabei sein zu dürfen in diesem Universum. Ich glaube sogar an die Wiedergeburt. Ich habe nicht den geringsten wissenschaftlichen Beweis dafür, nichts, aber ich hab immer das Gefühl gehabt, ich war schon mehrmals da. Mich treibt nicht nur die Neugierde, sondern auch die Wut, dass man einfach nicht weiterkommt.

Welchen Wunsch haben Sie für sich selbst und für die Welt?
Für mich selbst ist es einfach: Ich will gesund sein. Und für die Gesellschaft: Kommt weiter! Hört auf mit Vorurteilen, hört auf mit Rassismus! Hört auf mit Eurer Rechthaberei und Eurer Annahme, nur Ihr wäret die besten. Ich habe immer die Feststellung gemacht, auf diesem Globus leben ganz grob gesagt zwei Menschen: die Religiösen und die Materialisten. Erstere gehen davon aus, dass sie von Gott als Krone der Schöpfung eingesetzt wurden und letztere sehen sich als Spitze der Evolution. So oder so betrachten wir uns immer als die Größten. Wir sollten ein bisschen bescheidener werden. Wir sind die intelligente Spezies auf diesem Globus und sonst nichts.

* Erich Anton Paul von Däniken (* 14. April 1935 in Zofingen) ist ein Schweizer Schriftsteller auf dem Themengebiet der Prä-Astronautik. Er wurde bekannt durch populärwissenschaftliche Bücher und Filme, die sich mit früheren Besuchen von Außerirdischen auf der Erde beschäftigen. Seine Bücher wurden in 32 Sprachen übersetzt und haben eine Gesamtauflage von 62 Millionen verkauften Exemplaren erreicht. Damit ist er einer der weltweit erfolgreichsten Autoren im Bereich der Sachliteratur. Weitere Informationen zu seinem umfangreichen Werk und seinen aktuellen Veranstaltungen finden sich auf seiner Website: http://www.daniken.com.