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Emotionen satt

Der Widerstreit zwischen Verstand und Gefühl ist vermutlich so alt wie der Mensch selbst. In allen literarischen Werken der Menschheitsgeschichte spiegelt sich dieser Konflikt wieder – und nicht selten ist es gerade seine Unlösbarkeit, die den Helden oder die Heldin in den narrativen Abgrund reißt.

Gesellschaften wie Religionen haben es sich immer wieder zur Aufgabe gemacht, mit Hilfe von Gesetzen und Normen zwischen den Impulsen aus dem »Kopf« und dem »Bauch« zu vermitteln. Je nach Vorbildern und Idealen war es die eine oder die andere Seite, der – bei aller grundsätzlichen Zusammengehörigkeit – der größere Wert bzw. Nutzen für den Einzelnen wie die Gemeinschaft nachgesagt wurde. Galt es in Europa spätestens seit der Aufklärung als ausgemacht, die Lösungen der drängenden Menschheitsprobleme im Bereich des vernünftigen Handelns zu verorten, spielten in vielen totalitären Systemen wie dem Nationalsozialismus in erster Linie die Emotionen eine bestimmende Rolle. Der natürliche Dualismus des Menschen führte freilich dazu, dass keine dieser einseitigen Orientierungen lange unbeantwortet blieben: Auf die Aufklärung folgte die Romantik, auf den Faschismus die pragmatische Politik der »Bonner Republik«.

Die lange prognostizierte »Säkularisierung« der Welt ist nicht erst durch den islamistischen Terrorismus ad absurdum geführt worden. In Afrika und Lateinamerika sprießen charismatische Kirchgemeinden wie Pilze aus dem Boden und spätestens seit George W. Bush ist klar, dass auch die sogenannten westlichen Staaten vor einer neuen »politischen Irrationalität« nicht gefeit sind. Der Feind der Vernunft ist rasch ausgemacht: Der schran- kenlose Kapitalismus hat auf seinem Siegeszug sein wirksamstes Werkzeug in fast jeden Lebensbereich gespült: die Droge der Emotionalisierung. Einfach ausgedrückt: Je demokratischer, desto gefühlsbetonter. Die Masse, so die niederschmetternde Bilanz nach rund 100 Jahren Arbeiterbewegung, steht nun mal mehr auf Opium denn auf Studium.

Auch in esoterischen Kreisen gilt es weithin als ausgemacht, dass dem Gefühl im Zweifelsfall mehr Platz einzuräumen ist als dem Verstand. Hunderte von Ratgebern raten ihren Lesern dazu, mehr auf ihren Bauch zu hören, Meditationsgruppen bekämpfen Gedanken wie eine psychische Krankheit und Lebensberater beeinflussen mit Hilfe okkulter Hilfsmittel ihr unentschlossenes Klientel. Grund für das neue Vertrauen in die Irrationalität sind die überall sichtbaren Kollateralschäden der hemmungslosen Diktatur des Verstands. Doch halt: Gehen Umweltzerstörung, Ausbeutung der Dritten Welt und die zunehmende Vereinsamung der Menschen in den Wohlstandsgesellschaften wirklich auf ein Übermaß an Vernunft zurück? Ich meine, dass bei der Analyse unserer gegenwärtigen Situation scharf zwischen zwei Begriffen unterschieden werden muss, die allzu häufig in einen Topf geworfen werden – aufgrund ihrer gemeinsamen Opposition zur sogenannten Rationalität: Gefühle und Emotionen. Was unsere Gesellschaft derzeit durchmacht, ist eine flächendeckende Emotionalisierung; mit Gefühlen hingegen tut sie sich nach wie vor schwer. Auch wenn diese Definition nicht der psychologischen Terminologie entspricht, so wird doch deutlich, dass wir es bei diesen Begriffen mit unterschiedlichen Tiefen seelischen Erlebens zu tun haben. Pauschal gesagt hält eine emotionalisierte Gesellschaft Lust für das oberste Handlungsprinzip, während mitfühlende Menschen die allgemeine Verträglichkeit ihrer Wünsche zur Richtschnur ihres Handelns machen.

Die Emotionalität unserer gegenwärtigen Phase ist an sich nichts Bedrohliches; wer sie durchschaut, kann sich ebenso von ihren Zwängen befreien wie von der Gefühlskälte einer »neuen Sachlichkeit«. Gefährlich wird es erst, wenn eine von außen gesteuerte Gefühlsduseligkeit mit echten Gefühlen verwechselt wird: Scheinbare »Sensibilität«, die sich letztlich nur um die Befriedigung von kurzfristigen Affekten bemüht, verhindert echten Kontakt statt ihn zu erzeugen. Und Kontakt ist es letztlich, der echte Gefühle wie Mitleid, Liebe und Freundschaft ermöglicht und jene Schutzräume schafft, die wir brauchen, um dem Druck einer zunehmend gierigen Welt standzuhalten. Umweltzerstörung und Ausbeutung geht nicht nur auf einen Mangel an Gefühl, sondern auch auf einen gehörigen Mangel an Verstand zurück. So wird offenbar, dass Verstand und Gefühl nicht nur erfahrungsgemäß zusammengehören; auch die Neurowissenschaft hat längst herausgefunden, dass sich der uralte Widerspruch hinter den Kulissen kaum aufrecht erhalten lässt. Wie formulierte doch einst der damalige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Egon Bahr? »Verstand ohne Gefühl ist unmenschlich; Gefühl ohne Verstand ist Dummheit.«

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Überblick über die modernen Grenzwissenschaften

»Ein erheblicher Teil des Widerstands traditionsorientierter Wissenschaftler gegen den Zustrom neuer, revolutionärer Daten beruht auf einem fundamentalen Missverständnis der Beschaffenheit und der Funktion wissenschaftlicher Theorien.« (Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz. Neue Dimensionen in der Psychologie)

Ziel dieser Serie ist es, die Untersuchung der Wirklichkeit paranormaler Phänomene durch kritische Wissenschaftler darzustellen, den Versuch von Parapsychologen, Anomalisten und Paranormologen, eine »Theorie der Magie« zu formulieren, die das Unverständliche erklärt oder zumindest statistisch belegt. Für manchen Esoteriker mag eine Adelung durch die universitäre Wissenschaft überflüssig erscheinen – hat man mit dem »Glauben« an das materialistische Weltbild doch auch längst das Vertrauen in die Wissenschaft per se verloren. Dass die Naturwissenschaft längst nicht mehr der Newtonschen Weltanschauung anhängt und spätestens seit Einstein weitaus »esoterischer« klingt als so mancher Geisteswissenschaftler (der den Erkenntnissen eher konservativ, skeptisch und abwartend gegenübersteht), wird hierbei oft übersehen. Die Chance einer gemeinsamen geistigen Revolution war vielleicht noch nie so groß wie jetzt. Lassen Sie uns also einen Blick auf jene Wissenschaften werfen, die an den ausgefransten Rändern unseres Weltbilds nach neuen Wirklichkeiten forschen. Der Übersichtlichkeit halber werden wir uns – unter Verweis auf die internationalen Entwicklungen – auf die deutschsprachigen Grenzwissenschaften konzentrieren.

PARASPSYCHOLOGIE

Die in der breiten Öffentlichkeit bekannteste Grenzwissenschaft ist zweifellos die Parapsychologie. Sie gilt als die älteste Form wissenschaftlicher Beschäftigung mit paranormalen Phänomenen, reichen ihre Wurzeln doch zurück bis auf den 1862 gegründeten »Ghost Club« und auf die 1882 gegründete und heute von der Parapsychologin Deborah Delanoy geführte »Society for Psychical Research« (SPR). Der Psychologe Max Dessoir etablierte bereits 1889, nur 10 Jahre nach Gründung des ersten psychologischen Instituts, ihren heutigen Namen. Alternative Begriffe nennen diesen Forschungszweig, der sich selbst als Teilbereich der Psychologie versteht, auch Metapsychik. Aufgabe dieser Parawissenschaft ist es, »die jahrtausendealten und in allen Kulturen anzutreffenden Berichte von ‚übernatürlichen’ Geschehnissen auf ihren rationalen Kern hin zu untersuchen.« (Werner Bonin)

Mit dieser Eigendefinition grenzt sich die Parapsychologie scharf von jenen Esoterikern ab, die sich selbst als Parapsychologen bezeichnen, damit aber letztlich eine Beschäftigung mit okkulten Phänomenen meinen, ohne diese wissenschaftlich belegen oder untersuchen zu wollen. Im Gegensatz zum Okkultisten ist der Parapsychologe bemüht, erst einmal jede rationale Erklärung des zu untersuchenden Gegenstands auszuschließen, bevor er von einem übernatürlichen Phänomen spricht. Weiterhin nimmt er an, dass die meisten (wenn nicht alle) noch unerklärlichen Ereignisse auf psychischen Kräften – und somit auf menschlichen Fähigkeiten – beruhen. Gott, Götter, Geister oder Dämonen schließt er, da in ihrer Natur nicht messbar, von seiner Beweisführung aus.

Dank seiner Haltung und seinem Untersuchungsgegenstand ist der Parapsychologe ein Zwitterwesen ohne eigene Lobby. Von den klassischen Wissenschaften nicht ernst genommen, halten ihn religiöse wie esoterisch gesinnte Menschen für einen Verräter. Das erklärt, unter anderem, die mangelnde gesellschaftliche Resonanz auf die Forschungsergebnisse der Parapsychologie. Von Physikern wie Psychologen wegen seiner grundsätzlichen Akzeptanz »übernatürlicher« Phänomene zur Pseudowissenschaft erklärt, ist es die skeptische Grundhaltung und die Weigerung, sich auf übernatürliche Ursachen zu berufen, die ihn vom Mainstream der esoterischen Szene unterscheidet. Gegenstände wie die Hypnose, anfangs ein Kernbereich parapsychologischer Forschung, haben mit ihrer Vereinahmung durch die klassischen Naturwissenschaften (Medizin, Psychologie) zugleich ihre Zugkraft für eine Akzeptanz der Parapsychologie als ernstzunehmender Wissenschaft verloren.

Die Geschichte der parapsychologischen Forschung zerfällt in drei wichtige Abschnitte: die frühen Gehversuche ihrer Gründungsväter (1889-1910), die Ära des amerikanischen Biologen und (Para)psychologen Joseph B. Rhine (1911-1965), der seinem Gegenstand universitäre Kooperationen ermöglichte, sowie die intensive und breit gefächerte Forschung in den 70er und 80er Jahres des 20. Jahrhunderts, wohl infolge der seit 1968 zunehmenden Offenheit und gesellschaftlichen Neugier an spirituellen und (Gesellschafts-)philosophischen Fragen.

Insbesondere für den deutschsprachigen Bereich ist auf das Freiburger »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) hinzuweisen, das 1950 von dem Psychologen Hans Bender gegründet wurde und das heute als gemeinnütziger Verein vorwiegend durch private Stiftungsmittel finanziert wird. Das IGPP gilt als das weltweit größte Institut seiner Art, das mit seinen ca. 60.000 Bänden zudem über die europaweit größte Spezialbibliothek zum Thema Grenzwissenschaften verfügt, darunter Bücher zu Okkultismus, Spiritismus, Jenseitskontakten, medialen Kundgaben, Wiedergeburtserinnerungen, Tonbandeinspielungen, Channeling, Wünschelrutengängern, Geistiger Heilung, Astrologie, Divinations- und Orakelpraktiken (Tarot, I Ging), aber auch UFO-Forschung, Magie und Zauberkunst.

Vergleichbare, akademische Forschungseinrichtungen existieren heute in den USA (»The VERITAS Research Program« des Departments für Psychologie der Universität von Arizona), England (»The Parapsychology Research Group« der Universität von Liverpool; »Centre for the Study of Anomalous Psychological Research« in Northhampton; »Anomalistic Psychology Research Unit« an der Goldsmiths-Universität in London) sowie in Frankreich »L‘Institut métapsychique international« in Paris). Doch auch Ungarn, Indien, die Niederlande und Schweden verfügen über ähnliche Einrichtungen.

Waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Kartenlegen, Astrologie, Zauberei und so ziemlich alle mysteriösen Phänomene gelegentlicher Gegenstand parapsychologischer Forschung, so hat sich diese im Laufe ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung inzwischen auf wenige, aber gut dokumentierte Phänomene spezialisiert: im Fokus der modernen Parapsychologie stehen jetzt die sogenannte »Außersinnliche Wahrnehmung« (ASW) und die »Psychokinese« (Makro- wie Mikro-PK), zu deutsch: Gedankenübertragung, Hellsehen und die Bewegung oder Veränderung von Gegenständen durch rein geistige Einwirkung. Dazu sammelt und untersucht sie Berichte und führt selbst Forschungen durch. Ihre statistischen Untersuchungsmethoden hat sie von der klassischen Psychologie übernommen. Was vor über 100 Jahren als Sammeln absonderlicher Geschichten begann, wurde – der wissenschaftlichen Anerkennung zuliebe – immer mehr zu einer kleinteiligen Forschungswissenschaft. Tragischerweise, und das sei hinzugefügt, ohne deswegen auf größere Gegenliebe zu stoßen. Die oben genannten Phänomene werden als statistisch erwiesen betrachtet, wenn ihr Zustandekommen auch nicht erklärt werden kann. Parapsychologen nehmen eine Wechselwirkung zwischen geistigen und materiellen Prozessen an, für die vom orthodoxen wissenschaftlichen Standpunkt her (noch) keine Erklärung zur Verfügung steht.

Diese Haltung lässt den Begriff »Parapsychologie« treffend wie nie zuvor erscheinen. Denn im Unterschied zu früher werden nicht externe Kräfte (wie Verstorbene oder Geister) als Ursache für die Phänomene angesehen, sondern das Medium selbst. Spukphänomene zum Beispiel, einer der Hauptgegenstände der frühen parapsychologischen Forschung, werden heute generell auf die unbewussten Kräfte der Bewohner eines Hauses zurückgeführt, ohne freilich erklären zu können, wie die betreffende Person, die unter dem Spuk zu leiden hat, diese genau hervorrufen soll.

ANOMALISTIK

Weniger bekannt und nicht ganz so geschichtsträchtig wie die Parapsychologie ist die Anomalistik, deren Namen sich von der Untersuchung wissenschaftlicher Anomalien herleitet, welche durch gegenwärtig akzeptierte wissenschaftliche Theorien nicht erklärbar scheinen. 1973 brachte der amerikanische Anthropologe Roger Wescott diesen Begriff in die wissenschaftliche Diskussion ein.

Die Anomalistik ist, einem Grundlagentext von Marcello Truzzi zufolge, ein rein wissenschaftliches und interdisziplinäres Unterfangen. Wie die Parapsychologie sieht sie sich dem wissenschaftlichen Skeptizismus verpflichtet und beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit Metaphysik oder »übernatürlichen Phänomenen«. Durch die Interdisziplinarität sieht sie sich – im Gegensatz zur Parapsychologie – als lockeren Zusammenschluss von Fachwissenschaftlern aller Couleur. Durch ihren breiter gefassten Untersuchungsgegenstand legt sich die Anomalistik nicht auf die menschliche Psyche als Ursache aller zu untersuchenden Phänomene fest und untersucht auch Gebiete wie die Kryptozoologie (die verborgene Tierarten aufspürt und die Wurzeln von Fabelwesen
erforscht) und die Astrologie.

Als Wissenschaft grenzt sich die Anomalistik ebenso vom Gläubigen wie vom Spötter ab und sieht sich als Hilfswissenschaft für die Bewertung von Anomalien, die von Wissenschaftlern wie Protowissenschaftlern (darunter fallen auch die Esoteriker) aufgefunden wurden. Ihre Zielsetzung ist erfrischend und frei von orthodoxen Glaubenssätzen: »Angesichts der Erkenntnis, dass eine gut fundierte Anomalie eine Krise für konventionelle Theorien in der Wissenschaft auslösen kann, werden Anomalien von Anomalisten als eine Gelegenheit für progressiven Wandel in der Wissenschaft angesehen.« (Marcello Truzzi)

Die Breite anomalistischer Forschung tritt auch im Themenspektrum der »Zeitschrift für Anomalistik« zutage, die wie ein akademisches Pendant zur »esotera« klingt: Paranormale Überzeugungssysteme, Mondeinflüsse auf den Menschen, Nahtodes-Erfahrungen, UFO-Berichte, Parapsychologie und Psi-Experimente, Außerkörperliche Erfahrungen, Astrologie, Paraphysik, Geomantie, Homöopathie, Morphische Felder, Reinkarnation, Radiästhesie und vieles mehr. Die anomalistischen Arbeitskreise bestehen – getreu dem Prinzip der Interdisziplinarität und der Objektivität – aus Gegnern wie Befürwortern der zu untersuchenden Phänomene sowie aus Personen, denen die »Wahrheitsfrage« letztlich egal ist, weil sie für die von ihnen untersuchten Fragestellungen unwesentlich ist.

Ihrer Interdisziplinarität ist es geschuldet, dass es weder ein Studienfach noch ein regelrechtes »Institut für Anomalistik« gibt. Stattdessen werden anomalistische Studien in Forscherverbänden wie der »Society for Scientific Exploration« (Michigan/USA) oder der im badischen Sandhausen ansässigen »Gesellschaft für Anomalistik e.V.« betrieben. Beide geben nicht nur eigene Zeitschriften heraus, sondern veranstalten auch regelmäßige Zusammenkünfte, wie zuletzt das Meeting der SSE im August 2009 in Italien.

Ähnlich wie die Religionswissenschaft interessiert sich die Anomalistik nicht nur für die »esoterischen« Phänomene an sich, sondern für den Glauben an diese innerhalb der modernen Gesellschaft. So fand im Oktober 2009 eine Podiumsdiskussion zum Thema »Esoterik und Massenmedien – Boom oder Niedergang?« statt, deren Ziel es war, eine »aktuelle Einschätzung der Entwicklung des weiten Bereichs der Esoterik im Verhältnis zu den traditionellen Religionen, aber auch im Hinblick auf ihre Popularisierung und massenmediale Repräsentation« vorzunehmen. Der Arbeitskreis Astrologie, von einem erklärten Kritiker der Sterndeutung geleitet, kam laut einem Zwischenbericht von 2002 sogar zu »einigen für Astrologen ermutigenden Ergebnissen«. Das belegt neben der Objektivität der anomalistischen Forschung auch deren Vorsatz, »den Ansprüchen der Astrologie wirklich gerecht zu werden und ihre Erfolgschancen – bei ebenso sorgfältiger Beachtung methodischer Standards – zu optimieren.«

PARANORMOLOGIE

Etwa zeitgleich mit der Anomalistik vollzog sich die Gründung einer weiteren Forschungsrichtung, die sich explizit mit den Grenzgebieten der Wissenschaften auseinandersetzt: die Paranormologie. Sie widmet sich »der Absicherung der Echtheit, der Beschreibung der Erscheinungsformen, dem Aufdecken der Abweichungen von den bekannten und anerkannten Gesetzmäßigkeiten und dem Suchen nach möglichen Gesetzmäßigkeiten paranormaler Phänomene«. Die Parapsychologie wird von der Paranormologie als ein Teilbereich unter vieren verstanden, neben der Parabiologie, der Paraphysik und der alle religiösen Phänomene umfassenden Parapneumatologie. Um eben diesen letzten Teilbereich geht sie klar über den Forschungsgegenstand der Anomalistik hinaus.

Doch nicht der Gegenstand, sondern die Zielsetzung der paranormologischen Forschung ist es, die diese Wissenschaft von ihren oben dargestellten Nachbardisziplinen unterscheidet. Ihr geht es darum, die »Grundsprache der Natur und ihres Schöpfers« aufzudecken und »wieder verständlich zu machen«, ein Ansatz, der sich terminologisch eher an der Theologie zu orientieren scheint als an einer Naturwissenschaft. Ein Blick auf die Publikationen des Innsbrucker »Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft« verrät denn auch einen christlich geprägten Interessensraum: Neben Schriften mit dem Titel »Aspekte des Bewusstseins« und »Heilen« sind dort auch Bände über »Das Antlitz Christi« und »Die Seligen Johannes Pauls II.« zu finden. Das mag nicht zuletzt auf die persönlichen Interessen des Institutsgründers Andreas Resch zurückzuführen sein, einem studierten Theologen und Psychologen, der von 1969 bis 2000 die Professur für Klinische Psychologie und Paranormologie an der vatikanischen Lateranuniversität innehatte. Unter dem Link »Verwandte Institute« wird jedoch nicht auf theologische, sondern größtenteils auf parapsychologische Einrichtungen verwiesen.

Im Rahmen der »Weltbild«-Forschung beschäftigt sich die Paranormologie ausführlich mit den Gebieten der Magie, der Mantik, des Schamanismus, der Gnosis, der Alchemie, der Esoterik, dem Satanismus, dem Spiritismus und dem New Age. Auch hier ist die christliche Position des Forschers deutlich spürbar, wenn er – durchaus nicht wertfrei urteilend wie ein Wissenschaftler – die Esoterik als »vor allem zum Christentum alternative Lebensgestaltung« bezeichnet, die den »Stellenwert der Person durch die kosmische Einheit und den Kreislauf der Dinge völlig relativiert«.
Ein für alle Parawissenschaften unverzichtbarer Beitrag ist das auf über 20 Bände angelegte »Lexikon der Paranormologie«, dessen Begriffsdichte wie Umfang alle vergleichbaren Nachschlagewerke bei weitem übertrifft. Während der Sterndeutung in Reclams »Lexikon des Aberglaubens« 5 Seiten gewidmet sind und das »Lexikon der Parapsychologie« gerade mal 5 Spalten zu diesem Stichwort bietet, gibt es neben den 8 Spalten zum Stichwort »Astrologie« noch eigene Einträge zu Astroalchemie, Astrogeographie, Astrographologie, Astrokartographie und Astrologischen Edelsteinen, Häusern, Kalendern und Symbolen, insgesamt über 17 Spalten mit reichen Details zur Geschichte und Methodik dieser »Königin der Wissenschaften«. Auch die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaften«, welche über ein hohes akademisches Niveau verfügt, ist für jeden Interessenten der paranormalen Phänomene ein großer Gewinn, möchte sich dieser über den allmählichen Wandel des Weltbilds in den modernen Geistes- und Sozialwissenschaften informieren.

GESCHICHTE DER HERMETISCHEN PHILOSOPHIE UND VERWANDTER STRÖMUNGEN

Ebenfalls mit Weltbildern beschäftigt sich das in Amsterdam ansässige Zentrum für die »Geschichte der Hermetischen Philosophie und verwandter Strömungen« (gHF). Dieses beschäftigt sich seit 1999 mit all jenen Lehren und Theorien, die sich persönlicher spiritueller Erfahrung und innerer Erleuchtung verschrieben haben. Im Mittelpunkt stehen weniger die außergewöhnlichen Phänomene an sich als deren intellektuelle oder geistige Einordnung von Seiten der »Gläubigen« bzw. »Praktizierenden«. So verwundern gelegentliche Überschneidungen nicht, wie die Assistenzprofessur Kocku von Stuckrads belegt, der sowohl Wissenschaftler als auch praktizierender Astrologe ist. Im Gegensatz zur Parapsychologie und zur Anomalistik interessiert das gHF jedoch weniger die Wahrheitsfrage der behandelten Lehren, als vielmehr deren historische Zusammenhänge und ihr Einfluss auf die jeweilige Gesellschaft, in der sie zu Hause waren. Die Universität von Amsterdam ist damit die erste Universität weltweit, die ein vollständiges Forschungs- und Lehrprogramm auf dem Gebiet westlicher Esoterik entwickelt hat.

Neben der regulären Ausbildung von Studenten und der Betreuung von Doktoranden bietet das Institut mit seiner ausgesprochen feinen esoterischen Bibliothek (mit zahlreichen mittelalterlichen Schriften) auch eine Heimstatt für Projekte assoziierter Wissenschaftler. Themen wie »Veränderte Bewusstseinszustände«, »Die Anwesenheit von Göttern« oder »Konx Om Pax: Die Geschichte einer mysteriösen (Zauber)formel« lassen dabei eher an die »Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei« denken als an ein reguläres religionswissenschaftliches Institut; doch alle Beteiligten sehen sich neben ihrem aufrichtigen Interesse an Esoterik vor allem der kritischen akademischen Wissenschaft verpflichtet. Und genau hier liegt der große Wert dieser Institution: in ihrer Unanhängigkeit, die die von der Anomalistik geforderte Objektivität jenseits von Glauben und Spöttelei garantiert. Ihre Ergebnisse werden so zu einem echten Zugewinn für das Verständnis wie für die Fortschreibung der europäischen Geistesgeschichte.

DER MAGIE EINE THEORIE!

Schon dieser kurze Überblick über die wichtigsten Strömungen der deutschen wie der internationalen Grenzwissenschaften belegt die wachsende Aufmerksamkeit, die manche innovative Wissenschaftler »typisch esoterischen« Phänomenen schenken. Was noch vor einiger Zeit »des Teufels« war, ist inzwischen sogar an der Universität des Vatikans zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden.

Wie jeder Dialog, der auf einen »Heiligen Krieg« folgt, kann diese neue Auseinandersetzung für beide Seiten nur von Gewinn sein. In den folgenden Teilen dieser Serie werden wir uns Phänomenen widmen, die von den Grenzwissenschaften besonders intensiv erforscht worden sind und die in der Tat das Zeug haben, unser Weltbild an entscheidenden Stellen zu korrigieren.