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Die schlechten Nachrichten sind die gute Nachricht

Wieso das Gefühl, von der Unübersichtlichkeit zermalmt zu werden, auch Grund zur Hoffnung ist

Eine Leserin, deren unkonventionelle Wärme ich sehr zu schätzen weiß, schrieb mir kürzlich einen Brief, der mich sehr zum Nachdenken brachte. »Ich bin so froh, schon über 70 zu sein, denn mit der heutigen Zeit kann ich nicht mehr viel anfangen. Überall nur Katastrophen und Kriege, eine Krise jagt die andere. Ich bin froh, in einer Zeit gelebt zu haben, in der wir Hoffnung hatten und so viel menschlicher zueinander waren.« Mit ihrem Seufzer hat diese Leserin etwas zum Ausdruck gebracht, das viele Menschen nicht nur in ihrem Alter bewegt, wenn sie in diesen Tagen die Nachrichten sehen.

Zunächst einmal ein paar Worte zu der Zeit, in der die Leserin den Hauptteil ihres aktiven Lebens zugebracht hat. Von »mehr Hoffnung« bzw. »weniger Krisen« kann angesichts einer nuklearen Dauerbedrohung im objektiven Sinne eigentlich nicht die Rede sein. Wie kommt es, dass diese Zeit trotz akuter Lebensbedrohung anders wahrgenommen wurde? Eine der häufigsten Antworten darauf nennt zwei Elemente: die einfache Struktur der Welt im Rahmen des Kalten Kriegs und der wirtschaftliche Aufschwung, verbunden mit einem recht naiven Glauben an die magische Maxime des Kapitalismus, dass alles letztlich immer bergauf ginge; dieses Prinzip lässt sich durchaus auf den Osten unseres Landes übertragen, da hier der »Westen« bei vielen als Sehnsuchtsort und Alternative immer mitschwang. Auf den Punkt gebracht: »Früher« lebte man entweder im besseren Deutschland – oder man wusste wenigstens, wo dieses zu verorten war.

Und heute? Wo die bessere Welt ist, ist in der Tat nicht mehr so klar. Die USA haben in der Folge ihres Kriegs gegen den Terror mit immer neuen schockierenden Rechtsbrüchen als Land der unbegrenzten Projektionen abgewirtschaftet; eine neue Supermacht mit sympathischem Antlitz ist nicht in Sicht. Vor China hat man Angst, Brasilien und Indien nimmt man bis heute nicht wirklich ernst und Russland scheidet aufgrund der innenpolitischen Eiszeit ebenso als Vorbild aus wie die stinkreichen, aber religionspolitisch höchst bedenklichen arabischen Ölstaaten. Nicht einmal die EU macht noch was her als Vorbild: Längst haben wir uns wieder in unsere nationalen Egoismen verrannt; ein Prozess, der eher zunehmen wird, umso stärker die Kaufkraft der europäischen Staaten sinken wird.

Und dann die ganzen unübersichtlichen Konflikte zwischen der westlichen und der islamischen Welt! George W. Bush und Osama Bin Laden ist es gelungen, einen globalen Partisanenkrieg in den Köpfen und an den Stammtischen/Koranschulen dieser Welt zu installieren. Ob Freitagspredigt oder Bild-Zeitung: Hektisch wird der eigenen Klientel die alte Kreuzzugspropaganda vermittelt: Die da wollen uns an den Kragen. Mit unterschiedlichen Idealen oder Lebensentwürfen hat das freilich wenig zu tun. Um es mal ganz plump zu sagen: Im Westen wie im Osten wollen die Menschen natürlich das Gleiche: glückliche Kinder, ein gerechtes Staatswesen und ausreichend Geld und Perspektiven für ein sorgenfreies Leben.

Was also tun, um sich von der Propaganda der andauernden Konflikte nicht verrückt machen zu lassen? Eine häufig praktizierte Lösung ist der Gang ins Private, die Verweigerung gegenüber politischen Vorgängen auf der Welt. Diese nachvollziehbare Sehnsucht nach ein bisschen Frieden, und sei er auch noch so illusorisch, fällt in Göttingen naturgemäß etwas einfacher als in Damaskus oder Hebron. Zielführend ist sie weder hier noch dort; wer sich nach einer heilen Welt sehnt statt für sie zu sorgen – und sei es nur durch den wirklich reflektierten Gang zur Wahlurne – hat eigentlich schon verloren. Der Grund dafür ist einfach: Die da wollen uns an den Kragen. Und damit sind nicht die Fundamentalisten gemeint, sondern jene Kräfte im eigenen Kulturkreis (wiederum hier wie dort), die fleißig an unserer Entmachtung basteln.

Und nun zum Kern meiner Antwort auf den Brief der engagierten Leserin: Die schlechten Nachrichten sind die gute Nachricht; die Unübersichtlichkeit ist unsere Chance. Ob im Römischen oder im Osmanischen Reich, im Weltkrieg oder im Kalten Krieg: Eindeutigkeit und klare Fronten sind der Tod einer jeden Mitwirkung. So wie die eigentlich internationalistisch ausgerichtete Opposition im ersten Weltkrieg dem Kaiser gegen den »Feind« die Treue schwor, verlieren wir gerade in den geordneten Verhältnissen jene Einflussmöglichkeit. Nur wenn die Aufspaltung in die anderen und wir in Frage gestellt wird, öffnet sich ein Fenster zu echter Mitgestaltung.

Dass diese Erkenntnis keine fahle Theorie ist, beweist die seit einigen Jahren immer deutlicher zu Tage tretende, internationale Protestkultur. Hier beweisen Menschen, dass sie sich von den Mächtigen der Welt nicht mehr in Kulturen, Religionen, Generationen oder Zielgruppen unterteilen lassen. Die Befreiung von der »selbstverschuldeten Unmündigkeit«, die einstige Maxime der europäischen Aufklärung und Anker der modernen Welt, ist drauf und dran, auf den Plätzen dieser Welt Gestalt anzunehmen. Bundespräsident Gauck, nicht umsonst eine Ikone des Widerstands, hat es in seiner Rede von der »europäischen Agora« im Februar auf den Punkt gebracht: Die Keimzelle einer freien Gesellschaft ist und bleibt »der Platz« als eine Möglichkeit der Begegnung und der Kommunikation – ob nun im virtuellen Raum, dem Internet, oder draußen auf der Straße.

Wir haben alles, was wir brauchen, um diese Welt zu einem Ort zu machen, an dem wir alle unseren Platz zum Leben finden. Es lebe die Krise; sie macht mir Hoffnung, sie macht uns menschlicher.

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Kulturfremde Kreise

Wer mutwillig Angst vor »fremden Kulturkreisen« schürt, platziert sich selbst in reichlich kulturfremden Kreisen.

Eines wurde in den Debatten der letzten Monate zum Thema Migration und Integration immer wieder deutlich: Bestimmte Kulturen besitzen allem Anschein nach so etwas wie unabänderliche Wesenszüge, die sich aller Aufklärung und Moderne zum Trotz einfach nicht tot kriegen lassen. Wo immer man ihnen Platz einräumt, suchen sich ihre mittelalterlichen Antworten einen Platz im Rampenlicht zeitgenössischer Fragestellungen. Die Rede ist nicht von Mahmud Ahmadinedschad oder Osama bin Laden. Die Rede ist von der derzeit aufbrandenden »verbalen Reconquista«, in deren Schlagschatten populistisch agierende Spitzenpolitiker den Versuch unternehmen, durch markige Sprüche und kollektive Diskriminierung einen Untergang des Abendlands zu verhindern, den sie zuvor selbst publikumswirksam an die Wand gemalt haben. Dass diese politische Mode keineswegs ein zeitgenössisches Phänomen ist, beweist ein Blick auf die in letzter Zeit so oft beschworene jüdisch-christliche Historie.

Betrachten wir das angespannte Verhältnis der drei abrahamitischen Religionen zueinander, so können wir es durchaus mit dem Zwist dreier ungleicher Geschwister vergleichen. Während der älteste Sohn, das Judentum, von Geburt an in handfeste Auseinandersetzungen mit gewaltbereiten Nachbarjungs verwickelt war (Stichwort: Ägypten, Babylon, Rom), erfuhr gerade das Christentum als Sandwich-Kind mit Adoptionshintergrund eine fast klassische Anerkennungsproblematik: Mitten im römischen Reich geboren, galt es bis zu seiner »Verstaatlichung« im 4. Jahrhundert zunächst als jüdische Sekte und dann als Staatsfeind Nummer 1. Der Islam hingegen verlebte wie viele Nesthäkchen zunächst eine fast traumhafte Kindheit: mit rasender Geschwindigkeit eroberte er schon im zarten Alter von wenigen Jahrzehnten mit militärischer Dominanz und religiöser Toleranz einen fast globalen Freundeskreis.

Psychologen zufolge besitzten unsere ersten Jahre ja bekanntlich eine enorme Wirkung auf unsere spätere Entwicklung. Ohne den Vergleich von den drei ungleichen Brüdern strapazieren zu wollen, scheint sich auch bei Judentum, Christentum und Islam eine jeweils typische Haltung der religiösen Verwandtschaft gegenüber bereits in frühen Jahren herausgebildet zu haben. Während der Islam ein potentiell entspanntes Verhältnis zu den ihm »schutzbefohlenen« älteren Geschwistern an den Tag legte, galt er den Christen von Anfang an als eine Bewegung, die ihnen den Rang streitig machte – sicherlich neben theologischen Differenzen auch aus der Erfahrung heraus, gerade im ers- ten Jahrhundert der arabischen Expansion große Teile des eigenen Einflussbereichs an diese junge »Sekte« verloren zu haben. Dieser »anti-muslimische«Reflex des Christentums (den das Judentum übrigens niemals entwickelt hat) ist bis in die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion deutlich spürbar.

Wer im »Westen« an die Begegnung von Islam und Europa denkt, dem fallen im historischen Kontext zunächst »die Türken vor Wien« und vielleicht noch der »Fall von Konstantinopel« ein. Muslime besitzen ganz andere Assoziationen: die religiös motivierte Vertreibung des Islam aus Al-Andaluz, einem Hort der religiösen Toleranz und der kulturellen Blüte unter den liberalen Umayyaden, die steti- gen christlichen Aggressionen im Rahmen der Kreuzzüge und – nicht zu vergessen – der Kulturimperialismus des Westens im Rahmen der Kolonisation Nordafrikas und der Levante.

Die derzeitige Verbalverschanzung Europas hinter christlich-jüdischen Mauern offenbart, dass die gefühlte »Überfremdung« im Prinzip wenig mit Ehrenmorden, totalitäten Mullas und Selbstmordattentätern zu tun hat. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass Ehrenmorde, Mullahs und Selbstmordattentate nur deshalb unser Bild vom Islam prägen, weil sie ein viel älteres Vorurteil bedienen, das wir bereits seit Jahrhunderten verinnerlicht haben: der Muslim als kulturfremdes, ja kulturfernes Wesen, dessen »mittelalterliche Zeitrechnung« und »Wüstenethik« nicht in eine aufgeklärte Gesellschaft passt. Insofern ist es müßig, stets auf den Unterschied zwischen Islamisten und Muslimen hinzuweisen, da sich der Deckmantelcharakter dieser Unterscheidung in der aktuellen Debatte von selbst ad absurdum geführt hat.

Um auf das Bild der ungleichen Brüder zurückzukommen: Statt uns gegenseitig Entfremdung und Intoleranz vorzuwerfen, sollten wir von Zeit zu Zeit einfach mal einen Blick in unser gemeinsame Familienalbum werfen. So »fremd«, wie uns die Feinde des Haussegens auf beiden Seiten immer wieder weismachen wollen, sind wir uns nie gewesen.