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Zum Teufel mit den Stirnrunzlern!

Wie Jorge Mario Bergoglio erneut den Idealisten in mir weckte

Vor genau dreißig Monaten erschien an dieser Stelle mein erster Beitrag, damals unter dem Titel »Gefährliche Ideale«. Zwei Stellen dieses Textes sind mir – im Gegensatz zu so manch anderen – bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Zum einen die Heranziehung der Religion für die Begründung meines eigenen Idealismus: »Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.« Zum anderen die zugegebenermaßen zugespitzte Einleitung meines Artikels, die mir wenig später durch eine etwa gleichaltrige Leserin aus München den Vorwurf des »Anti-Katholizismus« einbrachte: »Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.«

Aus sehr unterschiedlichen Gründen habe ich diese zwei Aussagen bis heute nicht vergessen: Letztere, weil sie mir schon zu Beginn meiner Kolumnistentätigkeit vor Augen führte, dass man als Autor in noch viel stärkerem Maße als im persönlichen Austausch damit rechnen muss, völlig falsch verstanden zu werden. Und erstere, weil ich sie heute nicht mehr so unterschreiben würde – einfach, weil sich meine Meinung diesbezüglich im Laufe der Jahre stark geändert hat. Hielt ich Religionen damals noch generell für etwas Gutes, unterscheide ich heute viel genauer zwischen gelebter Spiritualität auf der einen und blind befolgter Überzeugungen und Rituale auf der anderen Seite. Niemand, der Selbst-Transzendenz und Liebe wirklich verinnerlicht hat, würde je auf die Idee kommen, aus Religion so etwas wie eine jeglichem Widerspruch entzogene Politik zu machen, wie es in Geschichte und Gegenwart immer wieder geschehen ist und weiterhin geschieht.

Dass ich heute diese Bilanz ziehe, geschieht nicht etwa aus Sentimentalität (»30 Ausgaben!«), sondern aus aktuellem Anlass: Der damals regierende Papst Benedikt XVI. hat inzwischen abgedankt; an seine Stelle trat ein argentinischer Jesuit, der sich selbst Franciscus nennt. Dass dieser im Deutschen – anders als in allen anderen Sprachen – nicht mit dem hiesigen Namensäquivalent »Franz« bezeichnet wird, mag Traditionalisten verärgern; die Begründung des Leipziger Namensforschers Prof. Jürgen Udolph lässt hingegen aufhorchen: »Der Name ist völlig aus der Mode.«

Die Tatsache, dass ein katholisches Oberhaupt keinen »unmodernen« Namen tragen sollte, ist angesichts von Pius, Benedikt und Innozenz immerhin bemerkenswert. In Bezug auf den Namensträger selbst scheint diese Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz jedoch durchaus Programm zu sein. Jenem Mann, der sich seit seiner Wahl zum Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken stets als »Bischof von Rom« bezeichnet, um Gebete für eine gute Amtsführung bittet und Präsidentinnen wie Schwerbehinderte spontan auf die Wange küsst, ist sein erstes Wunder schon gelungen: dem höchsten Amt der Kirche ein wahrhaft christliches Antlitz zu verpassen. Jene Ziele, die ich einst der Religion im Allgemeinen zuschrieb, scheinen zu den Grundlagen seines Pontifikats zu werden: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Angesichts der allerorts ausbrechenden Verzückung ließen die kritischen Stimmen natürlich nicht lange auf sich warten. Mit runzelnder Stirn fragten sie nach Bergoglios rigider Sexualmoral und seiner ungeklärten Rolle während der argentinischen Militärdiktatur. »Der Spiegel« widmete dieser ambivalenten Beurteilung des neuen Papstes sogar einen ebenso albernen wie unzutreffenden Titel: »Der moderne Reaktionär«.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich es dreißig Kolumnen später vielleicht »nicht mehr so unterschreiben« werde: Zum Teufel mit all den Kritikern und Stirnrunzlern, zum Teufel mit dem Kleinmut und jenen, denen ihre Ideale die Sicht auf die Wirklichkeit verstellen! Ja, Franziskus wird wie jeder Mensch in seinem Leben eine Reihe falscher Entscheidungen getroffen haben. Und ja, als katholischer Kardinal wird er vermutlich nicht zur Avantgarde der sich stetig wandelnden Sexualmoral gehören. Doch wer die Eignung eines Mannes für das Amt des Papstes von diesen Themen abhängig macht, übersieht am Ende, wen er – sei es durch eine Laune des Schicksals oder eine Fügung des Himmels – vor sich hat: Einen (be)rührenden und aufmerksamen Menschen, der schon jetzt die für äußere Reformen wie für eine innere Weiterentwicklung gleichermaßen wertvolle Fähigkeit bewiesen hat, Konventionen mit einer von Herzen kommenden Spontaneität zu brechen. Gönnen wir diesem Mann die berühmten ersten 100 Tage Amtszeit, um zu beurteilen, was der ehemalige »Kardinal der Armen« vom Stuhl Petri aus zu schaffen vermag.

Eines steht für mich schon heute fest: »Modern« ist Franziskus mit Sicherheit nicht – und muss es auch gar nicht sein. Dieser Papst ist drauf und dran, der von Moden besessenen Welt eine viel wichtigere Lektion zu erteilen: Den zeitlosen Wert von Güte und Mitmenschlichkeit. Mehr kann man von einem Heiligen Vater nun wirklich nicht verlangen.

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Ein bisschen Scham muss sein

Von der zukunftsweisenden Kraft eines vermeintlich altmodischen Gefühls.

In seinem kleinen, aber engagierten Buch »Schamlos!« identifizierte der Hamburger Psychologie-Professor Wolfgang Hantel-Quitmann die zentralen Mängel unserer Gesellschaft – Geldgier und Egoismus in der Finanzwelt, Machterhalt in der Politik, Selbstdarstellung in den Medien, Sex und Kommerz im Alltag – als Folgen eines ausgeprägten Mangels an Scham. »All diese Schamlosigkeiten sind leider keine Auswüchse einer ansonsten gesunden Kultur mehr, und es ist auch nicht der Preis, den wir für einen vermeintlichen zivilisatorischen Fortschritt zahlen müssen. Es sind Symptome einer Kultur, die ihre Mitmenschlichkeit zu verlieren droht. Denn es ist mittlerweile ein großer Teil der Bevölkerung, der an den falschen Stellen klatscht und die leisen Skandale hinnimmt, während er die großen nicht einmal mehr merkt. Unserer Kultur gehen die Maßstäbe für gut und böse, richtig und falsch, anständig und unanständig verloren. Dieser Verlust ethischer Prinzipien betrifft insbesondere das menschliche Mitgefühl und die soziale Verantwortung, aber auch Respekt, Achtung, Mitleid, Rücksicht oder Solidarität.«

Vor ein paar Monaten sprach ich bereits von meiner Theorie, gewisse Symptome unserer Gesellschaft deuteten auf eine Parallele unserer Zeit zu jener der Spätantike hin. Eines der im Nachhinein eindrücklichsten Kennzeichen dieser Zeit war zweifellos die wachsende kollektive Sehnsucht nach einer größeren Moral, verbindlichen Werten und spürbarer Gerechtigkeit, da diese in der Gegenwart gefühlt ins Hintertreffen geraten waren. Das Ergebnis dieser ersten »weltweiten« Massenbewegung war das Christentum. Die Radikalität seiner Thesen, die Liebe als Zentrum der Erlösung und die klaren Richtlinien über das, was gut und böse ist, machten es zum ersten religiösen Gassenhauer und zu einem idealen Fokus der Enttäuschten und Verlorenen.

Wenn wir nun mit Hantel-Quitmann feststellen müssen, dass unserer eigenen Gesellschaft zunehmend ihr angeborenes – und notwendiges – Urteilsvermögen und Gefühl für Scham verloren geht, so scheint mir in Anbetracht der oben skizzierten Umstände noch ein weiterer Umstand mit dieser Entwicklung einherzugehen: Die wachsende Sehnsucht nach einem neuen und tragfähigen moralischen Rahmen. Für diese Behauptung gibt es bereits zahlreiche Anzeichen: Die zunehmenden Konversionen zu strikteren bzw. radikaleren Formen der Religion und der Versuch, sich zumindest der Umwelt und den Tieren gegenüber fair zu verhalten. Die erfreulichen Fortschritte im Tier- und Naturschutz können auf Dauer doch nicht eine Entwicklung der zwischenmenschlichen Verantwortung ersetzen, welche über die gefühlte Solidarität mit den Opfern von Menschenrechtsverletzungen im Ausland hinausgeht.

In Wirklichkeit sind es gerade die unexotischen, alltäglichen Situationen, die am meisten unserer Liebe und Hingabe bedürften. Wie verhalte ich mich meinen Kollegen gegenüber, meinen Eltern, meinen Freunden? Bin ich wirklich zuverlässig und stehe mutig für meine Überzeugungen ein oder verhalte ich mich trotz hehrer Ideale so, dass ich selbst möglichst wenig Schaden und Zurückweisung im beruflichen oder privaten Umfeld erfahre?

Ich möchte hier einen weiteren Autor zitieren, der etwa zeitgleich mit dem eingangs zitierten Buch ein aufregendes Musikstück komponiert hat. Darin heißt es: »Die Menschenwürde, hieß es, wäre unantastbar, jetzt steht sie unter Finanzierungsvorbehalt – ein Volk in Duldungsstarre, grenzenlos belastbar, die Wärmestuben überfüllt, denn es wird kalt. Den meisten ist es peinlich, noch zu fühlen, und statt an Güte glaubt man an die Bonität. Man lullt uns ein mit Krampf und Kampf und Spielen – schau´n wir vom Bildschirm auf, ist es vielleicht zu spät… Die Diktatur ist nicht ganz ausgereift, sie übt noch. Wer ihren Atem spürt, duckt sich schon präventiv. Und nur der Narr ist noch nicht ganz erstarrt, er liebt noch und wagt zu träumen, deshalb nennt man ihn naiv…« Konstantin Wecker schrieb diese Zeiten auf den Titel eines anderen kleinen Werkes hin, das in den letzten Jahren die Bestsellerlisten Europas eroberte: »Empört Euch!« von Philosoph Stéphane Hessel. Sein Refrain enthält eine Aufforderung, die den Kern des frühen Christentums in eine moderne künstlerische Form zu gießen scheint: »Empört euch, gehört euch und liebt euch und widersteht!« Jesus Christus als Sozialreformer – und nicht als Trostfigur einer post-mortalen, vermeintlich »besseren Welt«, um die zu erreichen es heute zu leiden gilt.

Sollte sie sich dieser Aufgabe stellen, könnte der Religion eine neue zentrale Aufgabe in unserer Gesellschaft erwachsen: Die Verteidigung der Menschlichkeit gegen den zynischen Charakter unserer gegenwärtigen Politik. Dazu müsste sie sich aufraffen, statt Homosexuelle, Geschiedene oder Andersgläubige die Kriegstreiber, Lügner und Verführer dieser Welt zu diskriminieren. Scham nicht vor dem, was Gott vielleicht nicht will, sondern vor dem, was meinen Nächsten offensichtlich verletzt. Die Wiederherstellung einer solchen, auf Loyalität abzielenden Scham als zentrales menschliches Talent – nicht in Form einer reglementierenden Sexualmoral, sondern mittels einer engagierten Bekämpfung der hysterischen Ichbezogenheit – wäre einer spirituellen Massenbewegung der Gegenwart wahrhaft würdig.

Echte Religion muss immer auch Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit sein, sonst verkommt sie zur Kulisse eines bigotten Theaterstücks von Menschen gegen Menschen. Papst Franziskus zum Beispiel scheint die Zeichen der Zeit verstanden zu haben.