Schlagwort-Archive: Parapsychologie

Was ist Gedankenübertragung?

»Es gibt keine Materie an sich! Alle Materie entsteht und besteht nur durch eigene Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt und sie zum winzigen Sonnensystem des Atoms zusammenhält… So müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund der Materie.« (Max Planck)

Drei sehr unterschiedliche Berufsgruppen beschäftigen sich derzeit mit Außersinnlicher Wahrnehmung. Streng genommen nur zwei, versteht man unter dem Begriff Beschäftigung
einen länger andauernden Prozess. Denn die erste Gruppe, die etablierte Naturwissenschaft, hat für das Thema »Hellsehen« ungefähr soviel übrig wie die Internet-Enzyklopädie »Wikipedia«, die außersinnliche Wahrnehmung als einen »Sammelbegriff für eine hypothetische Art von Wahrnehmungen« bezeichnet, »für die es bislang keine wissenschaftlich bestätigten Nachweise gibt und die per Definition nicht durch bekannte sinnliche Erfahrungen, Wahrnehmungen oder Wissensquellen erklärbar sind.« Die anderen zwei Berufsgruppen sind Hellseher und Parapsychologen.

Das Verhältnis der Hellseher zu ihrem Gegenstand ist freilich einfach zu beschreiben: sie wenden an – unabhängig von der Tatsache, ob es eine »wissenschaftliche« Erklärung dafür gibt, was sie da tun – oder nicht. Stört es uns, das wir tagein tagaus Computer und technische Geräte bedienen, ohne sie wirklich erklären zu können? Wozu also begründen, erforschen, was der Hellseher tut, wenn er »hell sieht«? Zum einen aus dem Bedürfnis heraus, grundsätzliche Fragen über den Aufbau unserer Wirklichkeit zu klären – gibt es eine Übertragung von Informationen und Kräften jenseits der Materie? Zum anderen aus einem ganz konkreten Grund heraus: Wer einen Computer bedient, der weiß zwar nicht immer, was er tut; aber er kann sich doch sicher darauf verlassen, dass das, was er tut, der Realität entspricht. Den Hellsehern, den guten wie den schlechten, den erfolgreichen wie den Scharlatanen aber hält ein großer Teil der Gesellschaft vor: das, was Du da tust, ist Schauspielerei, bestenfalls Selbstbetrug. Sieh ein, dass Deine Geschäftsgrundlage nicht existiert, und werd endlich erwachsen.

Parapsychologen könnten auch als »Dolmetscher« zwischen den Welten verstanden werden. Zwar entstammt ihr Anspruch komplett der Welt der Wissenschaft, ihre Methoden, ihre
Ideale stehen nicht im Gegensatz zur empirischen Wissenschaft, doch im Gegensatz zu akademischen Forschern sind sie bereit, sich auch obskuren, nicht von vornherein Erfolg versprechenden Gegenständen zu widmen, die noch dazu mit dem Ruch von Jahrmarkttrickserei kontaminiert sind. Ihr Ziel ist es, die immer wieder berichteten Phänomene außergewöhnlicher menschlicher Fähigkeiten und Handlungen auf ihre Beschaffenheit hin zu überprüfen.

Tatsächlich ist Außersinnliche Wahrnehmung (ASW) einer der Entstehungsgründe für die moderne Parapsychologie. Von konkreten Fällen ausgehend versuchte sie zunächst (wie jede gute Wissenschaft), ihren Gegenstand fest zu umreißen. Dabei kam sie zu folgender Definition: Bei außersinnlicher Wahrnehmung handelt es sich um »eine Erfahrung, die auf irgend etwas außerhalb des Erlebnisträgers bezogen ist, ohne Beteiligung der uns bekannten Sinnesorgane« (Lexikon der Parapsychologie).

Anschließend unterschied sie drei Gattungen von ASW: die Telepathie, das Hellsehen und die Präkognition Unter Telepathie versteht sie das, was allgemein als Gedankenübertragung bezeichnet wird. Das parapsychologische Hellsehen entspricht nicht genau dem, was man im Volksmund unter »Hellsehen« versteht: Darunter fallen nämlich nur die außersinnliche Wahrnehmung von Gegenständen oder objektiven Vorgängen, soweit diese nicht den Gedanken anderer Menschen entnommen werden können. Präkognition wiederum ist das, was man gemeinhin unter (paranormalen) Vorhersagen versteht, also keine Wetterprognosen, sondern die Voraussage von Ereignissen, die so nicht logisch vorherzusehen waren oder sind.

Sehen wir uns Beispiele für diese Klassen von Außersinnlicher Wahrnehmung an, um klarer zu unterscheiden, was wir später im Detail ansehen wollen. Eine Hellseherin, die ihrem Klienten zunächst etwas über seine Vergangenheit und dann über seine Zukunft verrät, betreibt aus parapsychologischer Sicht – ist sie ernsthaft begabt – eine Mischung aus Telepathie und Präkognition. Hellsehen im parapsychologischen Verständnis ist nur selten mit von der Partie, da sich alle ihre Angaben unmittelbar auf die Person des Ratsuchenden beziehen. Telepathie bedeutet dabei nicht unbedingt die bewusste Übertragung von Gedanken von dem Ratsuchenden auf die Hellseherin, wie wir später sehen werden, sondern durchaus auch die Kunst des Gedankenlesens: Die Fähigkeit der hellsichtigen Dame, Informationen aus der Vergangenheit Ihres Klienten zu nennen, beruht wohl eher auf einem »Lesenkönnen« denn auf einem »Genanntbekommen«. Wir sehen hier gleich den fundamentalen Unterschied zwischen der parapsychologischen Sicht und vielen esoterischen »Begründungen«: Die Informationen, so die Parapsychologie, bezieht die Hellseherin nicht aus einer überpersonalen Quelle wie der Akasha-Chronik oder der Welt der Engel, sondern ganz konkret aus der (unbewussten) Erfahrungswelt ihres Gegenübers. Selbst die zukünftigen Ereignisse müssen nicht notwendigerweise »übernatürlich« ermittelt werden.

Um nicht in ein heilloses Durcheinander von konkreten Fällen und Erklärungsmodellen zu geraten, möchte ich in den folgenden Teilen dieser Serie die drei Gattungen von ASW zunächst einmal getrennt voneinander behandeln. Im letzten Teil werde ich dann gemeinsame Schlussfolgerungen anstellen.

WAS IST TELEPATHIE?

Ich sagte vorhin, diese Gattung der Außersinnlichen Wahrnehmung sei ungefähr gleichbedeutend mit »Gedankenübertragung« bzw. »Gedankenlesen«. Abgesehen davon, dass »Dianoiametaphorie« kein schönes Wort wäre (so oder so ähnlich müsste »Gedankenübertragung« auf Griechisch übersetzt lauten), mag dieser Begriff, der ähnlich wie »Telefonie« ein Kunstwort des 19. Jahrhunderts ist, inhaltlich zunächst verwundern. FREDERIC MYERS, ein englischer Dichter und Mitbegründer der Society for Psychical Research, führte ihn 1882 anstelle des älteren »thought transference« ein. Wie kam er darauf, von »Tele-pathie«, also von »Fern-leiden« zu sprechen? Weil telepathische Fähigkeiten nicht immer nur ein Grund zur Freude sind?

Interessanterweise finden sich weder im 7bändigen Lexikon »Religion in Geschichte und Gegenwart« noch im »ersten umfassenden Lexikon der Esoterik« von JULIA IWERSEN die Begriffe »Hellsehen« oder »Telepathie«. Selbst »Wahrsagen« wird auf einen Vorgang beschränkt, bei der »ein Gott oder Geist durch eine in Ekstase befindliche Person spricht.« Doch was hat es mit »ganz gewöhnlicher«, zwischenmenschlicher Gedankenübertragung auf sich?

Die Autorin SILVIA STEINER nennt die Telepathie schon im Titel ihres Werks »die natürlichste Sache der Welt«. Nach einer knappen Einleitung zum Aufbau der Wirklichkeit aus Geist und Materie und zur Gespaltenheit der heutigen Gesellschaft in ihrer Akzeptanz und Wahrnehmung kommt die Autorin auf den eigentlichen Gegenstand ihres Buches zurück. Für sie ist Telepathie schon deshalb so gewöhnlich, weil sie jeden Tag, in jeder Form der Kommunikation mitschwingt: kein Gespräch ohne Vermittlung von Ideen, ohne Transport geistiger Inhalte vom Sender zum Empfänger. »Schicken wir das obere (Gedanken, Wünsche) und das untere (Worte, Gesten, Mimik) Paket, dann nennen wir das physische Kommunikation. Aber das ist eigentlich falsch. Wir müssten von Telepathie plus Kommunikation reden.«

Was also ist diese Telepathie? Wie funktioniert sie? Und sind tatsächlich alle Menschen dazu imstande, oder ist sie das wertvolle Eigentum einer kleinen Kaste von Begabten? Der russische Journalist KARL NIKOLAJEW, von dem wir später noch hören werden, ist der Meinung, dass jeder Mensch das Potential zu außersinnlicher Wahrnehmung besitzt. Telepathie müsste jedoch – wie Lesen, Rechnen oder Fahrradfahren – von den meisten erst erlernt und trainiert werden, um zu nennenswerten Erfolgen zu kommen. Nur wenige Menschen – jene, die wir für gewöhnlich als Medien bezeichnen – verfügen schon von Geburt an über außergewöhnlich stark ausgeprägte telepathische Kräfte.

Das Lexikon der Parapsychologie von 1988 definiert Telepathie als »nicht durch die uns bekannten Sinne vermittelte Erfahrung eines fremdseelischen Vorgangs (Gefühle, Antriebe, Gedanken usw.)«, also als kommunikativen Akt der Außersinnlichen Wahrnehmung. Gleich im Anschluss weist es darauf hin, dass Telepathie nicht unweigerlich eine Übertragung von Gedanken sein muss. Was übermittelt wird, kann durchaus variieren: auch Ideen, Namen, Eindrücke, Bilder, Wörter, Stimmungen, Sachverhalte werden im Rahmen echter Telepathie ausgetauscht. Sie kann sich gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst, mit zwei oder mehreren Personen und unabhängig von räumlicher Distanz ereignen, wie wir gleich noch sehen werden. Telepathie verfügt über drei grundsätzliche Funktionsweisen:

Sehen wir uns nun konkrete Beispiele für Telepathie an. Ich gehe dabei aus Platzgründen nur auf solche Fälle ein, die die Parapsychologie selbst dokumentiert hat, und nicht auf historische Überlieferungen, obwohl diese natürlich ihren eigenen Reiz besitzen – wie etwa die Geschichte des persischen Schriftgelehrten ABDU’L BAHA, der während seines Vortrags die Gedanken einer Hörerin las und ihr so, für andere unbemerkt, einen geheimen Wunsch erfüllen konnte.

FÄLLE VON TELEPATHIE

Spätestens seit den Versuchen des Biologen und Parapsychologen JOSEPH B. RHINE Mitte der Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gilt Gedankenübertragung in der Parapsychologie als statistisch bewiesen. Rhine ließ als »Sender« fungierende Probanden zufällig gezogene Symbole auf so genannten Zener-Karten an als »Empfänger« agierende Probanden per Gedanken übertragen. Und siehe da, das Ergebnis war »statistisch signifikant«, belegte also die Wirklichkeit von telepathischer Kommunikation.

Die Regierungen der USA wie der Sowjetunion erkannten das Potential, das in einer so diskreten Waffe wie der gedanklichen Informationsübertragung liegt, sehr früh. Schon 1958 war im Rahmen der Geheimoperation »Sunshine«, die das erste Atom-U-Boot der USA an den Nordpol bringen sollte, ein ungewöhnlicher Matrose mit an Bord der »Nautilus«. Sein Auftrag: tief unter dem Packeis, wo jede Art von Funkverbindung unmöglich war, Informationen zu empfangen, die ein telepathisch versierter Kollege aus dem weit entfernten Maryland übermitteln sollte. Um jeden Betrug auszuschließen, zog eine Maschine für diesen »Sender« die Zener-Karten, und der Empfänger tief im Eis zeichnete auf, welche Signale er zeitgleich mit der »Sendung« vor seinem geistigen Auge sah. Das Ergebnis war überwältigend: nachdem man die in versiegelten Umschlägen übermittelten Daten aus der Nautilus mit den Protokollen aus Maryland verglich, stimmten 70% der Daten überein.

So sensationell diese Nachricht in den westlichen Medien auch aufgenommen wurde (ohne freilich etwas an der skeptischen Grundhaltung der Gesellschaft zu ändern), so schockierend musste dieser Vorsprung der USA auf ihren Erzrivalen, die Sowjetunion, gewirkt haben. Nach Bekanntwerden des Nautilus-Experiments 1959 begann auch die UDSSR mit systematischen parapsychologischen Forschungen. Im Unterschied zu den amerikanischen Wissenschaftlern hielten sie sich nicht lange damit auf, Telepathie beweisen zu wollen. Sie gingen gleich dazu über, die neu entdeckten Kräfte praktisch anzuwenden. 1966 konnten im so genannten Moskau-Nowosibirsk-Telepathietest denn auch sensationelle Ergebnisse erzielt werden. Dem Biophysiker JURI KAMENSKIJ wurde in Moskau ein versiegeltes Paket mit konkreten Gegenständen überreicht, die er Stück für Stück an seinen Kollegen, den bereits zitierten KARL NIKOLAJEW, übermitteln sollte – bis nach Nowosibirsk und unter strengen Laborbedingungen. Und tatsächlich: Als sich Juri auf das erste Objekt, eine Metallspirale, konzentrierte, notierte Karl: »Rund metallisch… glänzend… gekerbt… sieht wie eine Rolle aus.« Juri nahm nun einen Schraubenzieher mit schwarzem Plastikgriff in die Hand und Karl schrieb: »Lang… dünn… Metall… Kunststoff… schwarzer Kunststoff.« 1971 führte der Physiker und Testpilot EDGAR D. MITCHELL sogar einen Telepathie-Test an Bord einer Rakete durch, mehr als 380.000 km von der Erde (und den Empfängern seiner gedanklichen Botschaften) entfernt. Seine Ergebnisse waren, Kritikern zum Trotz, ebenfalls überzeugend.

Die Verknüpfung telepathischer Aktivitäten mit der Nennung geographischer Koordinaten half den Forschern des Stanford Research Institutes im Laufe der 70er Jahre bei
der Entwicklung des so genannten »Remote Viewing« (zu deutsch: »Fernwahrnehmung«), welches bis zum Ende des Startgate-Projekts 1995 mit immerhin 20 Millionen Dollar finanziert wurde. 1979 konnte auf diese Weise sogar ein bislang geheimer sowjetischer U-Boot-Bau ermittelt werden, der sich 1980 – trotz Skepsis des Pentagons – durch Satelitenfotos verifizieren ließ.

Um auf die eingangs gestellte Frage nach dem Sinn des Begriffs »Fern-Leiden« zurückzukommen: Im Gegensatz zu den oben geschilderten »Laborversuchen« sind die Inhalte spontaner telepathischer Erfahrungen meist schmerzhafter Natur. Um zwei typische Beispiele zu zitieren: Eine Mutter lässt ihre Tochter allein in ein Kino gehen, das bloß einen Block von zuhause entfernt liegt. Sie wäscht ab, als sie plötzlich ein schmerzhaftes Gefühl überkommt: »Aus einem unerklärlichen Grund wusste ich, dass Joicey von einem Auto angefahren worden war.« Ein Anruf beim Kino ergab, dass sie mit ihrer Befürchtung richtig lag, wenn dem Kind auch zum Glück nichts passiert war. Neben dem »Ahnen« und »Fühlen« gibt es natürlich auch sehr konkrete Formen bildhafter Telepathie. So notierte sich ein Arzt während eines Hausbesuchs, dass er »plötzlich den Eindruck hatte«, seine Tochter mit blutendem Knie an der Steintreppe seines Hauses liegen zu sehen. Er vermerkte auch die genaue Uhrzeit seiner Vision – und tatsächlich
bestätigte ihm seine Familie den Unfall später inklusive der korrekten Zeitangabe.

WIE FUNKTIONIERT TELEPATHIE?

Bis heute ungeklärt und Gegenstand zahlreicher Spekulationen ist die Frage, wie Telepathie eigentlich funktioniert. Welcher »Sinn« ist für die Aufnahme Außersinnlicher Wahrnehmung verantwortlich? Der (unter Fachkolegen nicht unumstrittene) britische Biologe RUPERT SHELDRAKE erklärt Telepathie mit der Tatsache, dass Wahrnehmung über den »Geist«, nicht über das »Gehirn« funktioniere, wie allgemein angenommen. Ein solcher Geist, der einem Feld gleicht, überschneidet sich an vielen Stellen mit den Geistern anderer Menschen, zu denen wir in Kontakt stehen. Zwei von ihm häufig zitierte Beispiele für die allgemeine Verbreitung von Telepathie ist das bekannte Gefühl, von hinten beobachtet zu werden, obwohl man die andere Person ja sinnlich nicht wirklich wahrnehmen kann, sowie das Phänomen der »telefonischen Telepathie«: kurz, nachdem man an jemanden gedacht hat, ruft dieser auch tatsächlich an.

Der Parapsychologe REX STANFORD entwickelte PMIR, ein Erklärungs-Modell, das man auch als »Psi-Scanning« bezeichnen könnte: seiner Meinung nach sucht jeder Mensch ständig seine Umgebung mittels ASW ab, ohne sich dessen bewusst zu sein. »PMIR lässt sich zur Erklärung von vielem, das wir Zufall nennen, heranziehen: Im richtigen Augenblick am richtigen Ort sein, oder glückbringende Fehlhandlungen begehen wie etwa die, dass man in den falschen Laden geht und eine außergewöhnliche Kaufgelegenheit
findet« (Scott Rogo, Parapsychologie)

Wie immer man sich Gedankenübertragung auch erklären mag: Telepathie gilt als die best belegteste Form der ASW überhaupt. Vielleicht deshalb, weil als »Sender« wie als »Empfänger« die menschliche Psyche vermutet wird. Doch wie erklärt man sich echtes Hellsehen ohne eigenen »Sender«? Diesen spannenden Gegenstand sehen wir uns im nächsten Monat an.

Denken hilft beim Wachsen nicht

Unter vier Augen mit dem Psychologen und Wissenschaftshistoriker PROF. DR. DR. HARALD WALACH (Deutschland)*

Herr Walach, Sie waren viele Jahre am bekannten »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) in Freiburg tätig. Wenn man sich die Ergebnisse von rund 100 Jahren wissenschaftlicher Anomalistik-Forschung ansieht, wie sie in der Parapsychologie betrieben wird, so kann man über ihre mangelnde Durchschlagskraft in unserer Kultur nur enttäuscht sein.
Solche Themen kommen in die Kultur, aber nicht in die wissenschaftliche Kultur. Unsere populäre Kultur greift sie durchaus auf, denn sie haben diese Ergebnisse in jedem Esoterik-Buchladen herumstehen. Man muss erstmal verstehen, warum das so ist, dann kommt man vielleicht einen Schritt weiter. Dass die wissenschaftliche Kultur das ausgrenzt, versteh ich sogar, denn wenn man sich den empirischen Datenbestand der Parapsychologie zu Gemüte führt, dann ist der eben löchrig. Manche Ergebnisse sind relativ robust. Wenn man die neuen Metaanalysen zu Präkognition, zu Psychokinese und so weiter zur Kenntnis nimmt, dann sind die schon relativ stark. Sie haben einen sehr engen Konfidenzbereich von zwar kleinen, aber vorhandenen Effektstärken, d.h. sie sind signifikant, d.h. sie sind, alles in allem, nicht abzuleugnen. Aber wenn man jetzt eine wissenschaftliche Haltung einnimmt, die besagt: Das ist eigentlich so unwahrscheinlich, dass ich es a priori nicht glaube, ich möchte erst ein replizierbares Experiment sehen, das ich heute machen kann und morgen und übermorgen, und dann setze ich noch meine Sekretärin ran und meine Oma, und die können das auch – unter diesen Vorraussetzungen funktioniert es eben nicht.

Heißt es nicht, dass es eine Art emotionale Verbindung braucht, um parapsychologische Fähigkeiten auszulösen? Die Mutter, die sich um ihr Kind sorgt, der Hund, der ganz und gar auf seinen Herrn fixiert ist…
Ich glaube, man muss verschiedene Ebenen unterscheiden. Da ist zum einen die All-tagswelt, das lebensweltliche Vorkommen parapsychologischer Phänomene, die sind ja sehr sehr gut dokumentiert. Es gibt Tausende von Anekdoten, die im New Yorker Institute For Parapsychological Research lagern, meine Kollegen im IGPP haben ebenfalls haufenweise Beispiele gesammelt. Es gibt allein über 300 Spukfälle, die gut untersucht sind. Man muss nur in die ethnologische Forschung gehen. Aber das ist natürlich im Sinne von wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit kein Faktum in dem Sinne. Denn etwas wird erst dann ein wissenschaftliches Faktum wird, wenn es eine passende Theorie dazu gibt. Und wir haben keine. Parapsychologie oder anormale Kognition definiert sich nur negativ über das, was wir nicht verstehen. Und das geht a priori nicht, dass man so etwas als wissenschaftliches Faktum verkauft. Deshalb sind diejenigen, die behaupten, das sei alles gut wissenschaftlich bewiesen, schlecht informiert, denn sie haben nicht verstanden, was ein wissenschaftliches Faktum ist. Nun ist es aber noch komplizierter. Denn es könnte ja sein, dass es mit einer neuen Form von Theorie durchaus zu einem wissenschaftlichen Faktum werden könnte. Aber die muss man eben erst finden. Meine Freiburger Kollegen und ich haben im Lauf der Zeit einen solchen Ansatz gefunden, indem wir davon ausgehen, dass es sich dabei gar nicht um kausal beliebig verfügbare Phänomene handelt. Wir gehen ja wissenschaftlich immer davon aus, dass nur das wissenschaftlich wertvoll ist, was kausal verfügbar ist. Immer, wenn ich diese Tasse auf den Boden schmeiße, geht sie kaputt, wenn ich es mit der richtigen Kraft und richtigen Geschwindigkeit tue. Aber das ist bei diesen Phänomenen eben nicht der Fall. Das hängt mit dem zusammen, was Sie vorhin gesagt haben: Vielleicht ist eine emotionale Verbindung absolut notwendig, damit es überhaupt zu solchen Phänomenen kommt, möglicherweise ist eine bestimmte Form der Bedrohung, der Bedeutungsgebung wichtig, damit sie nutzbar sind. Möglicherweise spielt eine bestimmte Form von Bewusstseinshaltung eine Rolle, die man einnehmen muss, damit es funktioniert. Und all das sind Dinge, die nur sehr schwer im Rahmen eines experimentellen Paradigma formulierbar und replizierbar sind.

In den letzten 150 Jahren, seit sich die Wissenschaft als Instanz endgültig etabliert hat, haben Menschen mit spirituellen Ansätzen immer wieder versucht, übersinnliche Aussagen wie die Unsterblichkeit der Seele »wissenschaftlich« zu beweisen – zum Beispiel mit Nahtoderfahrungen. Kritiker behaupten immer wieder, diese könne man beliebig experimentell reproduzieren…
Das ist Unfug. Das mit dem berühmten Persinger-Helm ist von psychologischen Kollegen der Universität Lund untersucht worden. Die haben einen Placebo-Helm gebastelt und eine placebo-kontrollierte Studie durchgeführt. Dabei haben sie festgestellt, dass der genauso gut funktioniert, wenn die Leute nur glauben, dass etwas passiert, auch wenn überhaupt keine Ströme fließen. Das bedeutet, dass das, was Persinger da gemacht hat, vermutlich ein kapitaler Rosenthal- oder Versuchsleiter-Effekt war. Er hat den Leuten etwas suggeriert und dann sehen die das auch. Das sind keine Nahtoderfahrungen. Das sind Formen von leicht hypnoiden Zuständen, die man durch alles mögliche erzeugen kann. Manchmal erfahren Leute nahtoderfahrungsähnliche Zustände, die sich sogenannten Jet-Trainings unterziehen. Das sind Schwerelosigkeitstrainings. Dabei kommt es vor, dass sie kurz wegtreten und so etwas ähnliches wie Nahtoderfahrungen machen. Das sind aber sehr kurzfristige Momente. Das muss einen auch gar nicht wundern, weil unser Gehirn relativ komplex ist; wir haben da noch längst nicht alles verstanden. Aber phänomenologisch und philosophisch viel interessanter finde ich die ganz wenigen, sehr gut dokumentierten Fälle, bei denen man weiß, dass das Gehirn über lange Zeit inaktiv war und die Leute trotzdem über Erfahrungen berichten. Das dürfte eigentlich nicht sein, wenn die Mainstream-These stimmt, dass das Gehirn selbst Bewusstsein erzeugt.

Können Sie einen Fall beschreiben, der Ihnen besonders aussagekräftig und gut dokumentiert erscheint?
Ein sehr interessanter Fall, der erst vor kurzem publiziert wurde, stammt von einem amerikanischen Neurochirurgen, Eben Alexander, der eine bakteriell verursachte Sepsis hatte. Er kam ins Krankenhaus in die Notaufnahme. Weil man seine Hirnströme maß, weiß man, dass das Gehirn inaktiv war, sogar bis ins Stammhirn. Die behandelnden Ärzte gingen daher davon aus, dass dieser Mann nicht mehr aufwacht und wenn ja, dann nur mit schwerwiegendsten Problemen. Das Ganze ist sehr gut dokumentiert, man weiß, wie lange die Behandlung dauerte und was alles mit dem Körper gemacht wurde. Er hatte während dieser Zeit sehr intensive Erfahrungen, zum Teil waren es einfach irgendwelche Visionen, zum Teil waren es auch Erinnerungen an sein Leben – und das, während sein Gehirn inaktiv war. Selbst wenn man nur davon ausgeht, dass noch irgendwelche Gehirnstammaktivität bei ihm vorhanden war, dürfte man nicht davon ausgehen, dass es zu solch zusammenhängenden Erfahrungen und Kognitionen kommen konnte. Zumal er auch beschreibt, dass er eine komplette Aufwachpsychose erlebt hat, und die hat sich völlig anders angefühlt. Das ist hoch interessant. Das scheint mir der spannendste Fall zu sein, der den Eindruck erweckt, dass ohne manifeste Gehirnaktivität Bewusstsein möglich ist. Ich sage absichtlich »den Eindruck erweckt«, denn das müsste man genauer untersuchen. Da kommen wir jetzt zu einem Punkt, der sehr wichtig ist: Wir als Menschen und Wissenschaftler sind alle sogenannte Bayesianer, also wir gehen davon aus, dass bestimmte Dinge möglich sind und bestimmte Dinge nicht. Diese Ausgangswahrscheinlichkeit haben wir aus unserer Kultur, aus unserer Bildung, unserer Erziehung. Wenn diese Ausgangswahrscheinlichkeit sehr niedrig ist, kann uns auch eine ganze Fülle an Daten nicht überzeugen, dass da etwas dran ist. Wenn die sehr hoch ist oder 50:50, dann kann uns schon ein Fall davon überzeugen. Das Problem ist, dass die meisten Leute aufgrund ihrer Vormeinung bei all diesen Phänomenen eine äußerst niedrige Ausgangswahrscheinlichkeit ansetzen. Menschen, die davon ausgehen, dass es nur Materie gibt und nur diese von Bedeutung ist, halten die Existenz solcher Phänomene für äußerst unwahrscheinlich. Man kann dann über Bayessche Statistik ausrechnen: Selbst wenn man diesen Menschen ganze Wagenladungen von Daten vor die Füße kippen würde, würden sie ihre Meinung nicht ändern. Deshalb hilft uns hier Erfahrung und wissenschaftliche Empirie nicht weiter.

Wie muss man Ihrer Meinung nach als Psychologe, parapsychologisch bewanderter Wissenschaftler und Geisteswissenschaftler mit dem Problem der Gerätemedizin umgehen, um wegzukommen von der religiös oder materialistisch fundierten Diskussion über Sterbehilfe?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Das hängt wirklich davon ab, wie wir die Frage nach dem Leib-Seele-Problem beantworten. Ist wirklich nur das Gehirn entscheidend für das Bewusstsein oder können wir davon ausgehen, dass Bewusstsein in irgendeiner Form eine eigene Daseingestalt hat? Ich gehe im Moment davon aus, dass Bewusstsein und Materie, beides, komplementäre Erscheinungsweisen einer transzendenten Wirklichkeit sind, einer transzendenten Wirklichkeit ist, die wir derzeit noch nicht greifen können, weil sie sich eben nur so zeigt. Wenn das so wäre, wäre die reine Fixierung auf die materiellen Prozesse natürlich ein fundamentaler Fehler. Und weil wir es nicht genau wissen und auch keinen gesellschaftlichen Konsens haben, ist es vermutlich im Moment am vernünftigsten, über die Patienten- bzw. Angehörigenwünsche zu gehen. Auf jeden Fall erscheint mir der Versuch, wissenschaftlich-medizinisch das Maximum an Verlängerung des Lebens nur um des Lebens willen herauszuholen weder sonderlich aufgeklärt noch sonderlich human noch sonderlich klug. Diese Verhaltensweise geht von Prämissen aus, die nicht unbedingt beweisbar sind, man kann sie begründen, aber nicht beweisen. Ich hab das auch meinen Angehörigen gesagt, ich möchte nicht, wenn mir etwas zustößt, mit allen möglichen lebensverlängernden Maßnahmen traktiert werden.

Sie meditieren privat seit vielen Jahrzehnten, interessieren sich auch für Zenphilosophie. Wie hat diese Praxis ihr Leben verändert?
Es ist vor allem einfacher geworden. Meditation führt einfach dazu, dass man Dinge direkter sieht und weniger Schnickschnack betreibt. Epistomologisch gesehen führt das dazu, dass wir immer wieder neu auf eine 50:50 Haltung eingenordet werden. Wir legen unsere alten Konzepte beiseite und sagen: Vielleicht stimmt es doch. Und dann braucht man gar nicht so viel Erfahrung, um zu bemerken: Stimmt, ich habe mich geirrt, es ist ganz anders als geglaubt. Ich habe dadurch immer mehr vorgeformte Konzepte abgelegt. Klar habe ich immer noch welche, wer ist schon perfekt, aber es wird einfach einfacher dadurch.

Sie haben einst den »Freiburger Fragebogen zur Achtsamkeit« entworfen. Das klingt auch recht buddhistisch. Was habe ich mir darunter vorzustellen?
Als Anfang der 1990er Jahre die Achtsamkeit als klinisches Interventionsmodell nach Deutschland kam, habe ich überlegt, wie wir das in die Forschung integrieren können. Da kam eine Studentin zu mir, die viel Meditiationserfahrung hatte, und da haben wir gemeinsam diese Idee entwickelt. Achtsamkeit ist Teil der buddhistischen Lebensphilosophie, aber aus meiner Sicht ist es kein buddhistisches Konzept, sondern eine psychologische Fertigkeit, etwas, das wir alle haben oder haben könnten. Achtsamkeit ist menschlich, nicht buddhistisch. Es ist eine Haltung, die man üben kann, genauso wie man Zuhören oder Empathie üben kann. Auch Empathie ist etwas Allgemeinmenschliches, das nicht nur von den Buddhisten, sondern auch in anderen Kulturen und Religionen gefordert wird. Die Buddhisten haben sich um Achtsamkeit bemüht, weil sie verstanden haben, dass ohne Präsenz des Geistes andere Dinge schlechter funktionieren. Wenn ich nicht präsent bin, kann ich mir Dinge schlechter merken. Wenn ich gleichzeitig mit den Gedanken noch wo anders bin, geht das nicht. Ich muss präsent sein und Bewertungen weglassen, dann kann ich mit dem, was im Moment gegenwärtig ist, später auch etwas anfangen. Dann kann ich zum Beispiel entscheiden: Will ich mich damit auseinandersetzen oder nicht, will ich das an mich heranlassen oder nicht.

Und das nimmt einen auch aus der Subjektivität heraus…
Ja! Wir sind dann bei den Dingen. Wir sind dann, wenn Sie so wollen, eins mit den Dingen. Im Moment zumindest. Die viel zitierte westliche Krankheit der Subjekt-Objekt-Spaltung ist dann futsch.

Das Gegenstück zur Multitasking-Kultur.
Absolut. Die Multitasking-Kultur halte ich für das Dümmste, was man sich überhaupt ausdenken kann. Das führt dazu, dass wir unsere kognitiven Kapazitäten überstrapazieren, dass wir überall sind und nirgendwo richtig. Empirische Studien zeigen, dass das zu Unzufriedenheit führt. Es gibt keine einzige empirische Studie, die mir bekannt ist und die zeigen würde, dass Multitasker glücklicher sind als die anderen.

Apropos Überstrapazierung des Kognitiven: Eine Kollegin wollte neulich von mir wissen, wieviel Denken notwendig sei, um seinen Platz in der Welt zu finden, und wie es ihr gelingen könne, zwischen wertvollen und trivialen Gedanken zu unterscheiden.
Da steht einem die Reflexion eher im Weg herum. Ähnlich wie in einer Drehtür dreht man sich nach einer gewissen Zeit immer wieder um dieselben Fragen. Dann ist man am Ende genauso schlau wie vorher. Das einzige, was da was hilft, ist Denken bleiben lassen. Denken bleiben lassen, atmen, meditieren und warten. Dann kommen die richtigen Gedanken von selbst und die unwichtigen gehen. Das erfordert natürlich einige Übung. Dass Denken wichtig ist, um zum Kern des Seins zu gelangen, ist meiner Meinung nach ein großes westliches Missverständnis. Ich habe einen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert übersetzt, einen Karthäuser-Schriftsteller. Er hat eine sehr radikale These vertreten, dass man im Prinzip zur zentralen Erfahrung des Seins nur kommt, wenn man alles Denken bleiben lässt und sich nur mit den Flügeln des Affekts, also des Strebens, dahin begibt ins Sein. Am Schluss der Disputatio schreibt er einen sehr klugen Satz. Auf die Frage des Kritikers: Was soll ich denn machen, wenn ich nicht an Gott und die Engel denken darf? sagt er: Non cogitabitur, sed aspirabitur. Nicht denken, sondern atmen. Denken hilft beim Wachsen nicht. Denken hilft nur, wenn man konkrete Probleme lösen möchte.

Ihr Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften in Frankfurt (Oder) ist in Europa ziemlich einzigartig. Wie würden Sie den Kern Ihrer Arbeit dort definieren?
Das Institut wurde nicht von mir ins Leben gerufen, ich bin bloß sein erster Leiter. Seine Aufgabe würde ich wie folgt zusammenfassen: Wir entwickeln Verständnis dafür, dass in der postmodernen Zeit Gesundheit nie innerhalb einer Kultur definiert werden kann, sondern immer mit fremdkulturellen Vorstellungen konfrontiert wird, so dass zum Beispiel medizinische Techniken von anderswo zu uns importiert werden, angepasst und umgewandelt werden, und das formt auch wieder unsere Kultur. Insofern haben wir es damit zu tun, dass sich Konzepte von Gesundheit und Krankheit in der postmodernen Vernetzung komplett verändern. Nehmen wir ein Beispiel: Heute redet jeder von Energie und Chi. Was wir unter Energie und Chi verstehen, ist etwas komplett anderes, als die Chinesen unter Energie und Chi verstehen. Aber hier hat eine bestimmte Form des Denkens in China unsere eigene Form des Denkens beeinflusst, aber was hier bei uns passiert, ist etwas anderes, als was damit in China gemeint war. Umgekehrt haben die Chinesen verstanden, dass sie mit ihrer Fünf-Elemente-Lehre und mit ihrem Ying-Yang-Konzept nie eine Rakete zum Fliegen bringen würden. Also haben sie sich bei uns die effektive Wissenschaft und die Technologien geholt, die ihnen dabei helfen, ihre ganz eigenen Ansätze zu verfolgen. Insofern bedeutet der Begriff Transkulturalität, dass Konzepte, Entwicklungen, Ideen, Verhaltensweisen aus anderen Kulturen importiert werden, sich in der eigenen Kultur mit dem, was vorhanden ist, vermischen und dann etwas Anderes, etwas Neues ergeben. Und das kann man natürlich auch auf den Gesundheitsbereich anwenden.

Was ist Ihrer Erfahrung und Forschung nach Gesundheit?
Das ist extrem schwer zu definieren. Ich würde Gesundheit definieren als die Fähigkeit eines Organismus, mit Anforderungen so umzugehen, dass er heil bleibt, dass er Wohlbefinden erzeugt. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Belastungen oder von Stress, sondern die Fähigkeit, damit konstruktiv umzugehen, psychisch wie physisch.

Alternative Heilmethoden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Wir haben ja auch schon den boomenden Esoterikmarkt angesprochen. Wie unterscheiden Sie für sich als Wissenschaftler das Untersuchenswerte vom Mumpitz?
Das ist schwer zu unterscheiden. Es gibt auf diesem Markt extrem viel Unsinn und Beutelschneiderei, sehr viele Heilsversprechen, die überhaupt nicht einzulösen sind. Das muss man immer wieder klar sagen, sonst meinen die Leute, dass alles, was alternativ ist, gut sei. Und das ist sicher nicht so. Nun ist es aber komplizierter als man denkt. Ich mache mal ein Gedankenspiel. Es könnte ja sein, dass wir in 150 Jahren feststellen, dass das Entscheidende, was bei der Heilung passiert, im Bewusstsein passiert, und das alles, was wir außen herum machen, nur ein Mittel ist, das Bewusstsein entsprechend zu richten, damit das passieren kann, was passieren muss. Dieses Gedankenspiel stammt gar nicht von mir, sondern von Jerome D. Frank, der 1967 das Buch »Die Heiler« geschrieben hat. Es ist durchaus denkbar, dass es deswegen gar nicht darum geht, die richtige Methode zu finden, sondern den richtigen Menschen, der mit seiner Methode das Richtige bewirken kann.

Wann raten Sie auf jeden Fall, einen Schulmediziner aufzusuchen?
Unsere konventionelle Medizin ist extrem gut, was alle akuten und lebensbedrohlichen Fälle angeht. Also wenn ich einen Herzinfarkt habe, möchte ich mich auch nicht von einem Schamanen behandeln lassen. Wenns aber um chronische Erkrankungen geht, auch solche, bei denen die Ärzte manchmal über Jahre hinweg nichts finden, da müssen andere Ansätze her, ob es nun im Einzelnen die chinesische Medizin ist, der Schamane, eine gut informierte Präventivmedizin oder der orthomolekulare Ansatz, wo Leute nach Mikronährstoffen sehen oder nach Lebensmittelallergien, das muss man dann im Einzelfall entscheiden.

Es gibt ja immer wieder den Vorwurf, ihr Institut würde von der Homöopathie-Lobby finanziert. Andersherum wird auch immer wieder die Kritik laut, die anderen Lehrstühle würden von der Pharma-Industrie gesponsert. Was entgegenen Sie dieser Kritik?
Eine berechtigte Frage, über die ich auch immer wieder nachdenke. Zunächst ist da natürlich die Frage des Verhältnisses zu klären. Wir haben Hunderte von Lehrstühlen in Deutschland, die von der pharmazeutischen Industrie gesponsert werden, ungefähr 90-95% der medizinischen Forschung wird derzeit von der Pharmaindustrie gesponsert. Die Lehrstühle, die von der homöopathischen bzw. komplementär-medizinischen pharmazeutischen Industrie gesponsert sind, sind meines Wissens nach gerade mal zwei, also meine und die meines Kollegen. Dann muss man natürlich auch gucken: Was genau heißt das? Mit welcher Zielrichtung tun sie es? Unsere Sponsoren finanzieren unsere Lehrstühle mit der Zielrichtung, dass wir diesen Studiengang einrichten und betreuen, weil es natürlich in ihrem Interesse liegt, dass Ärzte sich um dieses Thema kümmern. Da könnte man in der Tat sagen, dass dies einen Interessenskonflikt darstellen könnte, weil wir ja diese Leute ausbilden. Das ist aber meiner Meinung nach kein Konflikt für die Forschung, die ich betreibe, weil diese mit dem wenig zu tun hat. Im Gegenteil. Die haben es eigentlich gar nicht so gerne, was ich da treibe, weil wir uns darum kümmern zu zeigen, dass in einigen Fällen reine Placebo-Effekte vorliegen, dass eventuell eine Bioresonanzmaschine den gleichen Effekt hat, dass ich Nanopharmakologie für Blödsinn halte, was meine Sponsoren gar nicht gern hören. Insgesamt würde ich kein großes Konfliktpotential sehen, weil sich ja die Sponsoren per Definition nie in die Ausgestaltung konkreter Forschung einmischen dürfen. Das wäre jetzt der Fall, wenn sie mir auch noch Geld für Forschung geben würden, das tun sie aber nicht.

2012 erhielten Sie von der »Gesellschaft für kritisches Denken« den fragwürdigen Preis »Das Goldene Brett«. Ihr Institut wurde in diesem Zusammenhang als »Bullshit-Verdichtungs- und Veredelungs- versuchsanlage« bezeichnet. Warum tun Sie sich das eigentlich an und forschen nicht in »konventioneller« Psychologie?
Ich habe ein inhaltliches Interesse, und das passt vielen Leuten nicht. Das ist mir aber egal, denn mein Interesse geht mir über die öffentliche Wahrnehmung. Klar muss man als Lehrstuhlinhaber auch mal taktisch vorsichtig sein. Letztlich geht es mir aber darum, bestimmte Themen und bestimmte Inhalte zu transportieren und nicht gewissen Leuten zu gefallen. Wenn ich das wollte, würde ich nicht in Frankfurt an der Oder auf einer W2-Stiftungsprofessur sitzen.

* Prof. Dr. Dr. Harald Walach ist Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina. Der klinische Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker beschäftigt sich in seiner Forschung mit komplementärer Medi-zin und Heilkunde, darunter Homöopathie und die Manual-Therapie nach Mohamed Khalifa. Mehr Informationen finden Sie unter www.harald-walach.de/

Reinkarnation: Wie oft leben wir wirklich?

»Ich leb schließlich nur einmal!« Wer hat diesen Satz nicht schon oft zu hören bekommen, wenn es darum ging, sich durch kleine, eigentlich »unvernünftige« Handlungen vom Joch moralischer wie ökonomischer Grenzen zu befreien. Mit dem Argument der Einmaligkeit des Lebens rechtfertigen verschuldete Menschen unnötige Ausgaben, Übergewichtige ein zweites Dessert und Ehebrecher eine geheim zu haltende Romanze. Wer nur einmal lebt, so der Tenor der Eigennachsicht, hat ein gewisses Recht darauf, diese überschaubare Zeit nicht bloß zu arbeiten, zu erdulden und zu funktionieren. Die Konsequenzen der Einmaligkeit der eigenen Existenz wurde in der deutschen Sprache vielleicht nie schöner formuliert als vom Komponisten und Librettisten des »Waffenschmieds«, ALBERT LORTZING (†1851): »Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann, das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann. Doch muss man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben. Ich hab den Wahlspruch mir gestellt: Man lebt nur einmal in der Welt!«

Wer immer in Zukunft LORTZINGS Wahlspruch für sich in Anspruch nahm, tat es mit Sicherheit selten im Kontext christlicher Wertausübung, galt er doch vor allem der Entschuldigung kleinerer wie größerer Vergehen. Und doch ist das Konzept der Einmaligkeit des Lebens ein zutiefst christliches Erbe. Die Vorstellung, nur ein einziges Mal »auf der Welt« zu sein, ist die Folge jüdisch-christlicher Interpretation ihrer Quellen und Propheten. Auch der Islam folgt, bis auf wenige Ausnahmen, dieser »monobiotischen« Philosophie. Die gegenteilige Vorstellung, Leben sei eine Abfolge wiederholter Geburten und Verkörperungen, wird als typisch asiatisch angesehen und im Allgemeinen mit dem Buddhismus wie dem Hinduismus in Verbindung gebracht. Fast scheint es so, als sei der Glaube an die einmalige »Inkarnation« etwas typisch monotheistisches, der Glaube an »Reinkarnation« hingegen ein Überbleibsel polytheistischer Religionen und Kulturen.

WAS IST REINKARNATION?

Unter Reinkarnation (»Wieder-Fleischwerdung«) versteht man ganz generell eine an den Tod (die »Exkarnation«) angeschlossene erneute Manifestation einer Seele (oder eines mentalen Prozesses). Der neolateinische Begriff »Reinkarnation« geht auf den Spiritisten ALAN KARDEC (†1869) zurück und ersetzt die zuvor üblichen griechischen Bezeichnungen Metempsychose und Palingenesia. Synonym werden häufig die deutschen Entsprechungen »Seelenwanderung« oder schlicht »Wiedergeburt« verwendet.

Neben den bereits erwähnten asiatischen Traditionen gibt es zahlreiche andere Kulturen und Religionen, die an eine mehrmalige Inkarnation der Seele glaub(t)en. In den meisten historischen wie zeitgenössischen Fällen handelt es sich um Untergruppen bzw. eigenständige Strömungen innerhalb einer Hochreligion, in der Reinkarnation keine Rolle spielt oder im Gegenteil mehrheitlich sogar abgelehnt wird.

In der griechischen Antike machten sich Philosophen wie EMPEDOKLES, PYTHAGORAS und PLATON für eine körperliche Wiedergeburt stark. Jüngster Vertreter dieser Schule war der byzantinische Gelehrte PLETHON (†1450). Neben den christlichen Gnostikern glaubten, antiken Quellen zufolge, auch die Kelten und die Ägypter an die Wiedergeburt, was zumindest für letztere jedoch nicht Bestandteil der aktuellen Forschungsmeinung ist. Im Mittelalter entstandene Reinkarnationsvorstellungen sind eng mit den Katharern (Christentum), den Chassidim (Judentum) und den Drusen (Islam) verbunden. Während erstere als Ketzer von der Kirche ausgerottet wurden, ist der Glaube an »Gilgul« (Reinkarnation) im orthodoxen Judentum noch heute anzutreffen. Die Drusen, eine im Libanon, Syrien und Israel ansässige Glaubensgemeinschaft, stellt neben einigen Sufis die einzige islamische Tradition dar, die mehrheitlich von einer Reinkarnation der menschlichen Seele ausgeht.

Infolge des Interesses an den großen asiatischen Philosophien Ende des 19. Jahrhunderts gerieten – zunächst über die Theosophie und die Anthroposophie – immer mehr westlich geprägte Menschen in den Bann einer »möglichen Wiedergeburt«. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ergab 2001, dass 40% der Befragten ein Leben nach dem Tod und knapp die Hälfte davon die Vorstellung einer erneuten Wiederverkörperung ihrer Seele für möglich hielten, Zahlen, die sich in aktuellen Umfragen sogar noch annähern: 2010 glaubten dem Nürnberger Marktforscher GfK zufolge 35,4% an ein Fortbestehen der Seele und ganze 21,3% an eine wie auch immer geartete »Wiedergeburt«. Vielen vom Christentum und den staatlichen Ideologien des 20. Jahrhunderts enttäuschten Menschen erscheint die Auffassung, noch einmal geboren zu werden, als tröstlich, ganz im Gegensatz zur Interpretation der Reinkarnation in ihren »Ursprungsgegenden.« Versucht man im Buddhismus wie im Hinduismus mit allen Kräften, weiteren Leben auf der Erde zu entgehen, erscheint im Westen die Aussicht auf eine durch Wiedergeburt ermöglichte Verlängerung der eigenen Existenzdauer als vielversprechende Alternative zum Konzept von Zerfall, Bestrafung und ewiger Glückseligkeit. So steht der wachsende Zuspruch zu Reinkarnationsvorstellungen nur scheinbar im Widerspruch zur Philosophie des »Man lebt nur einmal.« Wiederholte Verkörperungen werden nicht als Quelle sich ständig wiederholender Qualen, sondern vielmehr als Garant sich ständig wiederholender Chancen
verstanden.

Heutige Wissenschaftler behandeln Reinkarnation als nichtreligiöses Phänomen und versuchen deshalb, Begriffe wie »Seele« oder »Geist« bei der Benennung der reinkarnierten Identität zu umgehen, und greifen stattdessen auf neue Begriffe (wie das »extra-zerebrale Gedächtnis« von H.N. BANERJEE) zurück. »Es gibt etwas Essentielles in manchen Persönlichkeiten, wie immer wir es charakterisieren, das nicht plausibel in Begriffen wie ‚Hirnzustände‘ oder ‚Eigenschaften von Hirnzuständen‘ oder ‚vom Gehirn erzeugte biologische Eigenschaften‘ zu erklären ist, da nach dem biologischen Tod dieser nicht-reduzierbare essentielle Wesenszug für einige Zeit fortzubestehen scheint, auf irgendeine Weise, an irgendeinem Ort, aus irgendeinem Grund, unabhängig vom Gehirn und vom Körper des betreffenden Menschen. Darüber hinaus lassen sich nach einiger Zeit einige dieser unreduzierbaren, essentiellen Wesenszüge einer menschlichen Persönlichkeit – aus welchen Gründen und mit welchem Mechanismus auch immer – in anderen menschlichen Körpern nieder, entweder während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt.« (Robert Almeder, A Critique of Arguments Offered Against Reincarnation)

REINKARNATIONSFORSCHUNG

Etwa zeitgleich mit einer Ausbreitung der Reinkarnationslehre im Westen im Umfeld der Hippie-Bewegung begannen auch Wissenschaftler, sich mit dem Phänomen der Wiedergeburt auseinanderzusetzen. Ursprung dieses akademischen Interesses bildet das Werk des kanadischen Biochemikers und Psychiaters IAN STEVENSON (†2007), der 1961 das erste Mal nach Indien reiste und seine für ihn selbst überraschenden Erkenntnisse über Reinkarnationsberichte 1966 unter dem Titel »Twenty cases suggestive of reincarnation« (zu deutsch: »Der Mensch im Wandel von Tod und Wiedergeburt«) publizierte.

STEVENSON konzentrierte sich bei seinen Forschungen weitgehend auf die Berichte von Kindern, um die Möglichkeit zu minimieren, dass es sich bei der »Erinnerung« an vergangene Leben in Wirklichkeit um bewusst oder unbewusst erworbenes Wissen handelt. Um es zuzuspitzen: Eine Engländerin Mitte 40, die sich seit ihrer Schulzeit für das Alte Ägypten interessiert und zahlreiche Bücher verschlungen hat, darf schon aufgrund logischer Gesichtspunkte nicht als zuverlässig gelten, wenn es darum geht, aufgrund ihrer Aussagen zu beweisen, dass es sich bei ihr um die Reinkarnation einer altägyptischen Prinzessin handelt, auch wenn dies in esoterischen Kreisen leider immer wieder der Fall ist. Man stelle sich vor, alle derzeit »reinkarnierten« KLEOPATRAS hielten ein jährliches Treffen in ihrer alten Hauptstadt Alexandria ab; mit Leichtigkeit ließe sich so die touristische Winterflaute dieser im Sommer pulsierenden Stadt am Mittelmeer beheben.

STEVENSONS Bericht ergab, dass Kinder in der Regel zwischen zwei und vier Jahren damit beginnen, von früheren Leben zu berichten, und zwischen sieben und acht wieder damit aufhören. Gegenstand ihrer Erinnerungen ist der ehemalige Wohnort, der Name von Angehörigen sowie der eigene, auffallend häufig gewaltsame Tod. Viele Kinder verfügen darüber hinaus über Muttermale und Missbildungen an Stellen, an denen Sie tödlich verletzt worden sind bzw. haben charakteristische, erst im Zusammenhang mit der vermeintlichen Todesart erklärbare Ängste und Phobien (z.B. Wasserangst infolge Ertrinkens).

STEVENSON betont, dass die Offenheit, mit der zum Beispiel die Drusen jenen Kindern begegnen, die von früheren Leben erzählen, die Anzahl der überlieferten Fälle stark ansteigen lässt. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, warum sich der Forscher lange Zeit ausschließlich mit Kindern aus Kulturen beschäftigte, die ohnehin an Wiedergeburt glauben. Kinder in Reinkarnations-feindlichen Gesellschaften hingegen kommen selten zu Wort, wohl auch, weil diese Berichte gar nicht erst an die Öffentlichkeit – und damit an die Ohren des Forschers – gelangen. Dies brachte ihm freilich auch den Vorwurf ein, sich auf Kinder zu verlassen, die unabhängig von echten »Erinnerungen« bereits mit Reinkarnationsvorstellungen in Kontakt gekommen waren und deren »kindliche Phantasie« somit nur den letzten Schritt alleine zu gehen brauchte.

Die Wissenschaftlichkeit von STEVENSONS Untersuchung bestand darin, die Fälle von Erinnerungen nicht bloß aufzuzeichnen, sondern sie auch auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. Zu diesem Zweck sammelte er vom Kind (und dessen Familie) möglichst viele belastbare Fakten über das angebliche frühere Leben, die ihm weiterhelfen konnten, den Verstorbenen eindeutig zu identifizieren. Wann immer dies möglich war und ein Toter zu den Beschreibungen des Kindes passte, brachte man den »Reinkarnierten« in das Haus seiner »ehemaligen« Familie, wo man ihn einer Reihe von Tests unterzog, die an die Rituale zur Auffindung eines neuen DALAI LAMA erinnern.

Exemplarisch für seine Vorgehensweise sei hier eine Stelle aus dem Bericht über den kleinen IMAD ELAWAR zitiert, den er in das in einem anderen Dorf liegende Haus der Familie Bouhamzy brachte. »Man zeigte Imad zuerst eine ziemlich kleine Fotografie von (seinem Bruder) Fuad in Militäruniform. Er erkannte dieses nicht wieder. Als man ihn aber fragte, von wem ein großes, an der Wand hängendes Ölbild sei, sagte er richtig: ‚von Fuad‘. Als man ihm eine mittelgroße Fotografie von IBRAHIM BOUHAMZY zeigte und ihn fragte, wer das sei, antwortete Imad: ‚Ich.‘ In diesem Fall hatte man ihm souffliert, sie sei von seinem Bruder oder Onkel, aber niemand hatte ihm den Wink gegeben, dass sie von Ibrahim war.« Selbst komplizierte Fragen, wie jene nach dem Aufbewahrungsort »seines« Werkzeugs oder nach der Form der Heizung wusste Imad korrekt zu beantworten. Durch STEVENSONS Notizen, die er selbst und noch vor der Begegnung der beiden Familien Elawar und Bouhamzy machte, sowie durch seine Nachforschungen vor Ort gelang es ihm, mit Sicherheit auszuschließen, dass es sich in Imads/Ibrahims Fall um Erinnerungsfehler seiner Kronzeugen oder vorsätzlichen Betrug handelte. Die starke emotionale Verbindung zu seiner »alten« Familie zeigte sich noch bis in Imads Jugendjahre hinein; als er z.B. 1973 vom Tod der Mutter Ibrahims erfuhr, zeigte er sich sehr betrübt und äußerte sich verärgert über den Umstand, nicht zur Beerdigung »seiner Mutter« eingeladen worden zu sein.

Im Gegensatz zu früheren Berichten über Reinkarnationserfahrungen, die im Laufe der Geschichte immer wieder belegt sind – im frühen 20. Jahrhundert berühmt geworden sind die Fälle der SHANTI DEVI/LUGDI DEVI und der VIRGINIA TIGHE/BRIDEY MURPHY – sah es STEVENSON als seine wissenschaftliche Pflicht, jeden einzelnen Fall so zu überprüfen, wie wir es bereits von der Parapsychologie her kennen: erst wenn wirklich jede andere Erklärungsmöglichkeit ausgeschlossen werden kann, sprach er von einem Fall, der Reinkarnation »nahelege«, ohne ihn freilich zum Beweis für Wiedergeburt als einem allgemeinen Prinzip zu stilisieren. Folgende Ursachen für die Reinkarnationsberichte eines Kindes mussten für STEVENSON zunächst eleminiert werden:

1. Betrug
2. Selbstbetrug
3. Kryptomnesie (bloßes Vergessen der Quelle der Erinnerung)
4. Paramnesie (Gedächtnisfehler des Kinds oder der Eltern)
5. Genetisches Gedächtnis
6. Außersinnliche Wahrnehmung
7. Besessenheit

REGRESSIONSTHERAPIEN

Etwa zeitgleich mit STEVENSONS Studien über die Aussagen »Reinkarnierter« begannen andere Psychologen wie THORWALD DETHLEFSEN, HELEN WAMBACH, BRIAN WEISS oder JOEL WHITTON, ihre Patienten selbst in vergangene Leben »zurückzuführen«. DETHLEFSEN beschreibt in seinem Klassiker der esoterischen Reinkarnationsliteratur »Das Erlebnis der Wiedergeburt«, wie er 1968 per Zufall auf diese Form der »Rückführung« stieß: Nachdem er einen jungen Ingenier durch Hypnose dazu gebracht hatte, einige einschneidende Erfahrungen seines Lebens in der therapeutischen Sitzung zu rekapitulieren, versuchte er herauszufinden, »ob es wohl auch möglich sei, die eigene Geburt wiederzuerinnern oder sogar wiedererleben zu lassen.« Der Versuch gelang, der Hypnotisierte schilderte unter Stöhnen und mit verändertem Atemrhythmus die eigene Geburt. »Dieser für mich überraschende Erfolg ermutigte mich, noch weiter in der Zeit zurückzugehen. Ich suggerierte ihm, er befände sich im Mutterleib, drei Monate vor seiner Geburt. Und schon erzählte er uns von seinen Eindrücken als Embryo. Doch ich wollte an diesem Abend noch mehr wissen. Ich suggerierte: Wir gehen jetzt noch weiter zurück – und zwar so lange, bis du auf ein Ereignis stößt, das du genau schildern und beschreiben kannst…« DETHLEFSEN erzählt, wie sein Proband nach einer kurzen Pause die Geschichte eines Mannes erzählte, »der 1852 geboren war, GUY LAFARGE hieß, im Elsass lebte, Gemüse verkaufte und schließlich als Stallknecht 1880 starb.« Der überraschte DETHLEFSEN wiederholte das Experiment mit anderen Patienten, und immer wieder tauchten vor den Geburtsschilderungen Fetzen von »Erinnerungen« auf, die eindeutig nicht mit dem jetzigen Leben des Hypnotisierten in Verbindung standen.

Das war der Beginn einer ganzen Flut von »Rückführungen«, die teilweise unter Hypnose, teilweise in Trance gemacht und von ihren Initiatoren dokumentiert wurden. Während sich HELEN WAMBACH auf die Schilderungen vergangener »Tode« spezialisierte, versuchten Forscher wie MICHAEL NEWTON oder TRUTZ HARDO, durch »karmische Ursachenforschung« tiefsitzende Traumata (wie die bereits geschilderten Ängste und Phobien von STEVENSONS Kindern) aufzulösen und nannten sich fortan »Reinkarnations-Therapeuten«.Grundlage ihrer Tätigkeit ist die Annahme, psychische wie körperliche Probleme hätten ihre Grundlage häufig in früheren Inkarnationen und könnten durch eine Wiedererinnerung verarbeitet werden. Wieder andere Forscher (wie WHITTON) versuchten, die Methode der Rückführung als Tor zum Jenseits zu nutzen und über die Erzählungen ihrer Probanden allgemeingültige Erkenntnisse über das »Leben zwischen den Leben« zu gewinnen.

Doch was ist dran an den Berichten der Hypnotisierten? Immer wieder ist versucht worden, die Aussagen der »Zurückgeführten« von Historikern überprüfen zu lassen, was sich aufgrund der historischen Quellenlage nicht immer als einfach erwies. Während sich BRIDEY MURPHY klar als ein Fall von Betrug bzw. Selbstbetrug entlarven ließ, waren viele Schilderungen vergangener Lebensbedingungen durchaus korrekt. Fälle von Xenoglossie (der Hypnotisierte sprach eine fremde, ihm zumindest in diesem Leben nicht vertraute Sprache) wie die Schilderung von den Probanden unmöglich vertrauten historischen Details legen zumindest in manchen Fällen eine Richtigkeit der Aussagen nahe – wie immer man diese auch interpretieren mag.

IST REINKARNATION BEWEISBAR?

Trotz den geschilderten Rückführungen und Stevensons beinahe 50jähriger Forschung, die inzwischen von seinem Kollegen BRUCE GREYSON fortgeführt wird, gelten Reinkarnation und Erinnerungen an ein vergangenes Leben bis heute als unter Wissenschaftlern äußerst umstritten. Ein besonders prominenter Kritiker an Stevensons Schlüssen wie Methoden ist der Philosoph PAUL EDWARDS: »Was ist wahrscheinlicher – dass es ‚Astralkörper‘ gibt, die in den Bauch von werdenden Müttern eindringen und das Embryo geistig ‚besetzen‘, dass sich Kinder an Ereignisse aus dem Leben von Personen erinnern, deren Gehirne schon lange tot sind? Oder dass STEVENSONS Kinder, ihre Eltern, die Zeugen und andere Informanten, unbeabsichtigt oder nicht, die Unwahrheit sagen – dass sie fabulieren, dass ihr fehlbares Gedächtnis und ihre schlechte Beobachtungsgabe sie dazu gebracht haben, falsche Aussagen zu machen und bei so genannten Wiedererkennungen zu schwindeln?« (Paul Edwards, Reincarnation: A Critical Examination)

Mehr noch als in den bereits geschilderten Fällen von Außersinnlicher Wahrnehmung, Telekinese und Nahtoderfahrungen scheint die Reinkarnationsforschung die Wissenschaft zu spalten. Fast scheint es, als ob die »religiöse Vorbelastung« dieses delikaten Themas eine wertneutrale Betrachtung der konkret vorliegenden Fakten besonders schwierig werden ließe. Wer sich also ernsthaft mit dem Thema der Reinkarnation beschäftigen möchte, ohne sogleich vom Fragenden zum Glaubenden überzugehen, sollte sich den Rat des Dokumentarfilmers MANUEL MITTERNACHT (»Reinkarnation«) zu Herzen nehmen, der dazu rät, den Ursprung jeder Quelle und die Gesinnung ihres Erzeugers ganz genau unter die Lupe zu nehmen: »Wissenschaftler, die mit den Aussagen von Kindern oder mit Muttermalen die Unsterblichkeit der Seele nachweisen wollen, sollten mit der gleichen Skepsis betrachtet werden wie uninformierte Kritiker, die das Gegenteil behaupten…«

Wie immer man sich persönlich zur Möglichkeit einer körperlichen Wiedergeburt verhält: ganz im Gegensatz zur scheinbaren Kompliziertheit ihrer physischen Umsetzung (vgl. die beißende Kritik EDWARDS) steht ihr schlichter philosophischer Charme. An die Stelle von Zufällen und unverständlichen Winkelzügen eines scheinbar ungerechten Gottes treten Weiterentwicklung und Eigenverantwortung und sorgen für eine gewisse Geborgenheit im ewigen Wandel von Raum und Zeit. Unabhängig von ihrer Beweisbarkeit ist es der alten Metempsychose gelungen, gleich zwei Grundbedürfnisse des postmodernen Menschen miteinander zu verbinden: den Glauben an den Fortschritt und das nicht minder einflussreiche Vertrauen in die Segenswirkung des Individualismus. Neben der Fähigkeit, sich angstfrei mit den eigenen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen, ermöglicht das Erlebnis der eigenen Tiefe in der Zeit zudem etwas, was vielen Menschen durch das Ende von Religion und Sinn schon verloren geglaubt schien. »Der Glaube an Reinkarnation schenkt dem Menschen Bedeutung… Jeder einzelne ist inkarnierte Unendlichkeit.« (Georg Schmid, Anfang und Ende des Glaubens an Reinkarnation)

Überblick über die modernen Grenzwissenschaften

»Ein erheblicher Teil des Widerstands traditionsorientierter Wissenschaftler gegen den Zustrom neuer, revolutionärer Daten beruht auf einem fundamentalen Missverständnis der Beschaffenheit und der Funktion wissenschaftlicher Theorien.« (Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz. Neue Dimensionen in der Psychologie)

Ziel dieser Serie ist es, die Untersuchung der Wirklichkeit paranormaler Phänomene durch kritische Wissenschaftler darzustellen, den Versuch von Parapsychologen, Anomalisten und Paranormologen, eine »Theorie der Magie« zu formulieren, die das Unverständliche erklärt oder zumindest statistisch belegt. Für manchen Esoteriker mag eine Adelung durch die universitäre Wissenschaft überflüssig erscheinen – hat man mit dem »Glauben« an das materialistische Weltbild doch auch längst das Vertrauen in die Wissenschaft per se verloren. Dass die Naturwissenschaft längst nicht mehr der Newtonschen Weltanschauung anhängt und spätestens seit Einstein weitaus »esoterischer« klingt als so mancher Geisteswissenschaftler (der den Erkenntnissen eher konservativ, skeptisch und abwartend gegenübersteht), wird hierbei oft übersehen. Die Chance einer gemeinsamen geistigen Revolution war vielleicht noch nie so groß wie jetzt. Lassen Sie uns also einen Blick auf jene Wissenschaften werfen, die an den ausgefransten Rändern unseres Weltbilds nach neuen Wirklichkeiten forschen. Der Übersichtlichkeit halber werden wir uns – unter Verweis auf die internationalen Entwicklungen – auf die deutschsprachigen Grenzwissenschaften konzentrieren.

PARASPSYCHOLOGIE

Die in der breiten Öffentlichkeit bekannteste Grenzwissenschaft ist zweifellos die Parapsychologie. Sie gilt als die älteste Form wissenschaftlicher Beschäftigung mit paranormalen Phänomenen, reichen ihre Wurzeln doch zurück bis auf den 1862 gegründeten »Ghost Club« und auf die 1882 gegründete und heute von der Parapsychologin Deborah Delanoy geführte »Society for Psychical Research« (SPR). Der Psychologe Max Dessoir etablierte bereits 1889, nur 10 Jahre nach Gründung des ersten psychologischen Instituts, ihren heutigen Namen. Alternative Begriffe nennen diesen Forschungszweig, der sich selbst als Teilbereich der Psychologie versteht, auch Metapsychik. Aufgabe dieser Parawissenschaft ist es, »die jahrtausendealten und in allen Kulturen anzutreffenden Berichte von ‚übernatürlichen’ Geschehnissen auf ihren rationalen Kern hin zu untersuchen.« (Werner Bonin)

Mit dieser Eigendefinition grenzt sich die Parapsychologie scharf von jenen Esoterikern ab, die sich selbst als Parapsychologen bezeichnen, damit aber letztlich eine Beschäftigung mit okkulten Phänomenen meinen, ohne diese wissenschaftlich belegen oder untersuchen zu wollen. Im Gegensatz zum Okkultisten ist der Parapsychologe bemüht, erst einmal jede rationale Erklärung des zu untersuchenden Gegenstands auszuschließen, bevor er von einem übernatürlichen Phänomen spricht. Weiterhin nimmt er an, dass die meisten (wenn nicht alle) noch unerklärlichen Ereignisse auf psychischen Kräften – und somit auf menschlichen Fähigkeiten – beruhen. Gott, Götter, Geister oder Dämonen schließt er, da in ihrer Natur nicht messbar, von seiner Beweisführung aus.

Dank seiner Haltung und seinem Untersuchungsgegenstand ist der Parapsychologe ein Zwitterwesen ohne eigene Lobby. Von den klassischen Wissenschaften nicht ernst genommen, halten ihn religiöse wie esoterisch gesinnte Menschen für einen Verräter. Das erklärt, unter anderem, die mangelnde gesellschaftliche Resonanz auf die Forschungsergebnisse der Parapsychologie. Von Physikern wie Psychologen wegen seiner grundsätzlichen Akzeptanz »übernatürlicher« Phänomene zur Pseudowissenschaft erklärt, ist es die skeptische Grundhaltung und die Weigerung, sich auf übernatürliche Ursachen zu berufen, die ihn vom Mainstream der esoterischen Szene unterscheidet. Gegenstände wie die Hypnose, anfangs ein Kernbereich parapsychologischer Forschung, haben mit ihrer Vereinahmung durch die klassischen Naturwissenschaften (Medizin, Psychologie) zugleich ihre Zugkraft für eine Akzeptanz der Parapsychologie als ernstzunehmender Wissenschaft verloren.

Die Geschichte der parapsychologischen Forschung zerfällt in drei wichtige Abschnitte: die frühen Gehversuche ihrer Gründungsväter (1889-1910), die Ära des amerikanischen Biologen und (Para)psychologen Joseph B. Rhine (1911-1965), der seinem Gegenstand universitäre Kooperationen ermöglichte, sowie die intensive und breit gefächerte Forschung in den 70er und 80er Jahres des 20. Jahrhunderts, wohl infolge der seit 1968 zunehmenden Offenheit und gesellschaftlichen Neugier an spirituellen und (Gesellschafts-)philosophischen Fragen.

Insbesondere für den deutschsprachigen Bereich ist auf das Freiburger »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) hinzuweisen, das 1950 von dem Psychologen Hans Bender gegründet wurde und das heute als gemeinnütziger Verein vorwiegend durch private Stiftungsmittel finanziert wird. Das IGPP gilt als das weltweit größte Institut seiner Art, das mit seinen ca. 60.000 Bänden zudem über die europaweit größte Spezialbibliothek zum Thema Grenzwissenschaften verfügt, darunter Bücher zu Okkultismus, Spiritismus, Jenseitskontakten, medialen Kundgaben, Wiedergeburtserinnerungen, Tonbandeinspielungen, Channeling, Wünschelrutengängern, Geistiger Heilung, Astrologie, Divinations- und Orakelpraktiken (Tarot, I Ging), aber auch UFO-Forschung, Magie und Zauberkunst.

Vergleichbare, akademische Forschungseinrichtungen existieren heute in den USA (»The VERITAS Research Program« des Departments für Psychologie der Universität von Arizona), England (»The Parapsychology Research Group« der Universität von Liverpool; »Centre for the Study of Anomalous Psychological Research« in Northhampton; »Anomalistic Psychology Research Unit« an der Goldsmiths-Universität in London) sowie in Frankreich »L‘Institut métapsychique international« in Paris). Doch auch Ungarn, Indien, die Niederlande und Schweden verfügen über ähnliche Einrichtungen.

Waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Kartenlegen, Astrologie, Zauberei und so ziemlich alle mysteriösen Phänomene gelegentlicher Gegenstand parapsychologischer Forschung, so hat sich diese im Laufe ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung inzwischen auf wenige, aber gut dokumentierte Phänomene spezialisiert: im Fokus der modernen Parapsychologie stehen jetzt die sogenannte »Außersinnliche Wahrnehmung« (ASW) und die »Psychokinese« (Makro- wie Mikro-PK), zu deutsch: Gedankenübertragung, Hellsehen und die Bewegung oder Veränderung von Gegenständen durch rein geistige Einwirkung. Dazu sammelt und untersucht sie Berichte und führt selbst Forschungen durch. Ihre statistischen Untersuchungsmethoden hat sie von der klassischen Psychologie übernommen. Was vor über 100 Jahren als Sammeln absonderlicher Geschichten begann, wurde – der wissenschaftlichen Anerkennung zuliebe – immer mehr zu einer kleinteiligen Forschungswissenschaft. Tragischerweise, und das sei hinzugefügt, ohne deswegen auf größere Gegenliebe zu stoßen. Die oben genannten Phänomene werden als statistisch erwiesen betrachtet, wenn ihr Zustandekommen auch nicht erklärt werden kann. Parapsychologen nehmen eine Wechselwirkung zwischen geistigen und materiellen Prozessen an, für die vom orthodoxen wissenschaftlichen Standpunkt her (noch) keine Erklärung zur Verfügung steht.

Diese Haltung lässt den Begriff »Parapsychologie« treffend wie nie zuvor erscheinen. Denn im Unterschied zu früher werden nicht externe Kräfte (wie Verstorbene oder Geister) als Ursache für die Phänomene angesehen, sondern das Medium selbst. Spukphänomene zum Beispiel, einer der Hauptgegenstände der frühen parapsychologischen Forschung, werden heute generell auf die unbewussten Kräfte der Bewohner eines Hauses zurückgeführt, ohne freilich erklären zu können, wie die betreffende Person, die unter dem Spuk zu leiden hat, diese genau hervorrufen soll.

ANOMALISTIK

Weniger bekannt und nicht ganz so geschichtsträchtig wie die Parapsychologie ist die Anomalistik, deren Namen sich von der Untersuchung wissenschaftlicher Anomalien herleitet, welche durch gegenwärtig akzeptierte wissenschaftliche Theorien nicht erklärbar scheinen. 1973 brachte der amerikanische Anthropologe Roger Wescott diesen Begriff in die wissenschaftliche Diskussion ein.

Die Anomalistik ist, einem Grundlagentext von Marcello Truzzi zufolge, ein rein wissenschaftliches und interdisziplinäres Unterfangen. Wie die Parapsychologie sieht sie sich dem wissenschaftlichen Skeptizismus verpflichtet und beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit Metaphysik oder »übernatürlichen Phänomenen«. Durch die Interdisziplinarität sieht sie sich – im Gegensatz zur Parapsychologie – als lockeren Zusammenschluss von Fachwissenschaftlern aller Couleur. Durch ihren breiter gefassten Untersuchungsgegenstand legt sich die Anomalistik nicht auf die menschliche Psyche als Ursache aller zu untersuchenden Phänomene fest und untersucht auch Gebiete wie die Kryptozoologie (die verborgene Tierarten aufspürt und die Wurzeln von Fabelwesen
erforscht) und die Astrologie.

Als Wissenschaft grenzt sich die Anomalistik ebenso vom Gläubigen wie vom Spötter ab und sieht sich als Hilfswissenschaft für die Bewertung von Anomalien, die von Wissenschaftlern wie Protowissenschaftlern (darunter fallen auch die Esoteriker) aufgefunden wurden. Ihre Zielsetzung ist erfrischend und frei von orthodoxen Glaubenssätzen: »Angesichts der Erkenntnis, dass eine gut fundierte Anomalie eine Krise für konventionelle Theorien in der Wissenschaft auslösen kann, werden Anomalien von Anomalisten als eine Gelegenheit für progressiven Wandel in der Wissenschaft angesehen.« (Marcello Truzzi)

Die Breite anomalistischer Forschung tritt auch im Themenspektrum der »Zeitschrift für Anomalistik« zutage, die wie ein akademisches Pendant zur »esotera« klingt: Paranormale Überzeugungssysteme, Mondeinflüsse auf den Menschen, Nahtodes-Erfahrungen, UFO-Berichte, Parapsychologie und Psi-Experimente, Außerkörperliche Erfahrungen, Astrologie, Paraphysik, Geomantie, Homöopathie, Morphische Felder, Reinkarnation, Radiästhesie und vieles mehr. Die anomalistischen Arbeitskreise bestehen – getreu dem Prinzip der Interdisziplinarität und der Objektivität – aus Gegnern wie Befürwortern der zu untersuchenden Phänomene sowie aus Personen, denen die »Wahrheitsfrage« letztlich egal ist, weil sie für die von ihnen untersuchten Fragestellungen unwesentlich ist.

Ihrer Interdisziplinarität ist es geschuldet, dass es weder ein Studienfach noch ein regelrechtes »Institut für Anomalistik« gibt. Stattdessen werden anomalistische Studien in Forscherverbänden wie der »Society for Scientific Exploration« (Michigan/USA) oder der im badischen Sandhausen ansässigen »Gesellschaft für Anomalistik e.V.« betrieben. Beide geben nicht nur eigene Zeitschriften heraus, sondern veranstalten auch regelmäßige Zusammenkünfte, wie zuletzt das Meeting der SSE im August 2009 in Italien.

Ähnlich wie die Religionswissenschaft interessiert sich die Anomalistik nicht nur für die »esoterischen« Phänomene an sich, sondern für den Glauben an diese innerhalb der modernen Gesellschaft. So fand im Oktober 2009 eine Podiumsdiskussion zum Thema »Esoterik und Massenmedien – Boom oder Niedergang?« statt, deren Ziel es war, eine »aktuelle Einschätzung der Entwicklung des weiten Bereichs der Esoterik im Verhältnis zu den traditionellen Religionen, aber auch im Hinblick auf ihre Popularisierung und massenmediale Repräsentation« vorzunehmen. Der Arbeitskreis Astrologie, von einem erklärten Kritiker der Sterndeutung geleitet, kam laut einem Zwischenbericht von 2002 sogar zu »einigen für Astrologen ermutigenden Ergebnissen«. Das belegt neben der Objektivität der anomalistischen Forschung auch deren Vorsatz, »den Ansprüchen der Astrologie wirklich gerecht zu werden und ihre Erfolgschancen – bei ebenso sorgfältiger Beachtung methodischer Standards – zu optimieren.«

PARANORMOLOGIE

Etwa zeitgleich mit der Anomalistik vollzog sich die Gründung einer weiteren Forschungsrichtung, die sich explizit mit den Grenzgebieten der Wissenschaften auseinandersetzt: die Paranormologie. Sie widmet sich »der Absicherung der Echtheit, der Beschreibung der Erscheinungsformen, dem Aufdecken der Abweichungen von den bekannten und anerkannten Gesetzmäßigkeiten und dem Suchen nach möglichen Gesetzmäßigkeiten paranormaler Phänomene«. Die Parapsychologie wird von der Paranormologie als ein Teilbereich unter vieren verstanden, neben der Parabiologie, der Paraphysik und der alle religiösen Phänomene umfassenden Parapneumatologie. Um eben diesen letzten Teilbereich geht sie klar über den Forschungsgegenstand der Anomalistik hinaus.

Doch nicht der Gegenstand, sondern die Zielsetzung der paranormologischen Forschung ist es, die diese Wissenschaft von ihren oben dargestellten Nachbardisziplinen unterscheidet. Ihr geht es darum, die »Grundsprache der Natur und ihres Schöpfers« aufzudecken und »wieder verständlich zu machen«, ein Ansatz, der sich terminologisch eher an der Theologie zu orientieren scheint als an einer Naturwissenschaft. Ein Blick auf die Publikationen des Innsbrucker »Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft« verrät denn auch einen christlich geprägten Interessensraum: Neben Schriften mit dem Titel »Aspekte des Bewusstseins« und »Heilen« sind dort auch Bände über »Das Antlitz Christi« und »Die Seligen Johannes Pauls II.« zu finden. Das mag nicht zuletzt auf die persönlichen Interessen des Institutsgründers Andreas Resch zurückzuführen sein, einem studierten Theologen und Psychologen, der von 1969 bis 2000 die Professur für Klinische Psychologie und Paranormologie an der vatikanischen Lateranuniversität innehatte. Unter dem Link »Verwandte Institute« wird jedoch nicht auf theologische, sondern größtenteils auf parapsychologische Einrichtungen verwiesen.

Im Rahmen der »Weltbild«-Forschung beschäftigt sich die Paranormologie ausführlich mit den Gebieten der Magie, der Mantik, des Schamanismus, der Gnosis, der Alchemie, der Esoterik, dem Satanismus, dem Spiritismus und dem New Age. Auch hier ist die christliche Position des Forschers deutlich spürbar, wenn er – durchaus nicht wertfrei urteilend wie ein Wissenschaftler – die Esoterik als »vor allem zum Christentum alternative Lebensgestaltung« bezeichnet, die den »Stellenwert der Person durch die kosmische Einheit und den Kreislauf der Dinge völlig relativiert«.
Ein für alle Parawissenschaften unverzichtbarer Beitrag ist das auf über 20 Bände angelegte »Lexikon der Paranormologie«, dessen Begriffsdichte wie Umfang alle vergleichbaren Nachschlagewerke bei weitem übertrifft. Während der Sterndeutung in Reclams »Lexikon des Aberglaubens« 5 Seiten gewidmet sind und das »Lexikon der Parapsychologie« gerade mal 5 Spalten zu diesem Stichwort bietet, gibt es neben den 8 Spalten zum Stichwort »Astrologie« noch eigene Einträge zu Astroalchemie, Astrogeographie, Astrographologie, Astrokartographie und Astrologischen Edelsteinen, Häusern, Kalendern und Symbolen, insgesamt über 17 Spalten mit reichen Details zur Geschichte und Methodik dieser »Königin der Wissenschaften«. Auch die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaften«, welche über ein hohes akademisches Niveau verfügt, ist für jeden Interessenten der paranormalen Phänomene ein großer Gewinn, möchte sich dieser über den allmählichen Wandel des Weltbilds in den modernen Geistes- und Sozialwissenschaften informieren.

GESCHICHTE DER HERMETISCHEN PHILOSOPHIE UND VERWANDTER STRÖMUNGEN

Ebenfalls mit Weltbildern beschäftigt sich das in Amsterdam ansässige Zentrum für die »Geschichte der Hermetischen Philosophie und verwandter Strömungen« (gHF). Dieses beschäftigt sich seit 1999 mit all jenen Lehren und Theorien, die sich persönlicher spiritueller Erfahrung und innerer Erleuchtung verschrieben haben. Im Mittelpunkt stehen weniger die außergewöhnlichen Phänomene an sich als deren intellektuelle oder geistige Einordnung von Seiten der »Gläubigen« bzw. »Praktizierenden«. So verwundern gelegentliche Überschneidungen nicht, wie die Assistenzprofessur Kocku von Stuckrads belegt, der sowohl Wissenschaftler als auch praktizierender Astrologe ist. Im Gegensatz zur Parapsychologie und zur Anomalistik interessiert das gHF jedoch weniger die Wahrheitsfrage der behandelten Lehren, als vielmehr deren historische Zusammenhänge und ihr Einfluss auf die jeweilige Gesellschaft, in der sie zu Hause waren. Die Universität von Amsterdam ist damit die erste Universität weltweit, die ein vollständiges Forschungs- und Lehrprogramm auf dem Gebiet westlicher Esoterik entwickelt hat.

Neben der regulären Ausbildung von Studenten und der Betreuung von Doktoranden bietet das Institut mit seiner ausgesprochen feinen esoterischen Bibliothek (mit zahlreichen mittelalterlichen Schriften) auch eine Heimstatt für Projekte assoziierter Wissenschaftler. Themen wie »Veränderte Bewusstseinszustände«, »Die Anwesenheit von Göttern« oder »Konx Om Pax: Die Geschichte einer mysteriösen (Zauber)formel« lassen dabei eher an die »Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei« denken als an ein reguläres religionswissenschaftliches Institut; doch alle Beteiligten sehen sich neben ihrem aufrichtigen Interesse an Esoterik vor allem der kritischen akademischen Wissenschaft verpflichtet. Und genau hier liegt der große Wert dieser Institution: in ihrer Unanhängigkeit, die die von der Anomalistik geforderte Objektivität jenseits von Glauben und Spöttelei garantiert. Ihre Ergebnisse werden so zu einem echten Zugewinn für das Verständnis wie für die Fortschreibung der europäischen Geistesgeschichte.

DER MAGIE EINE THEORIE!

Schon dieser kurze Überblick über die wichtigsten Strömungen der deutschen wie der internationalen Grenzwissenschaften belegt die wachsende Aufmerksamkeit, die manche innovative Wissenschaftler »typisch esoterischen« Phänomenen schenken. Was noch vor einiger Zeit »des Teufels« war, ist inzwischen sogar an der Universität des Vatikans zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden.

Wie jeder Dialog, der auf einen »Heiligen Krieg« folgt, kann diese neue Auseinandersetzung für beide Seiten nur von Gewinn sein. In den folgenden Teilen dieser Serie werden wir uns Phänomenen widmen, die von den Grenzwissenschaften besonders intensiv erforscht worden sind und die in der Tat das Zeug haben, unser Weltbild an entscheidenden Stellen zu korrigieren.

Die geistige Welt ist wie das Internet

Unter vier Augen mit dem Medium PAUL MEEK (Großbritannien)*

Mr. Meek, wie kommen Sie darauf, mit verstorbenen Menschen in Kontakt zu stehen?
Ich habe schon als Kind Dinge vorausgesehen, und das war für mich ganz natürlich und überhaupt nicht außergewöhnlich. Aber ich habe dafür häufig eine aufs Dach bekommen. Ein Beispiel: Ich habe meiner Mutter im Alter von 7 gesagt: Die Nachbarin bekommt einen Jungen, und dann hat sie wirklich einen Jungen bekommen. Ich wusste ja nicht einmal, was Schwangerschaft bedeutet! Vorher hat meine Mutter beim Stricken der Kindersachen immer weiße Wolle genommen; sobald sie bemerkte, dass meine Aussagen treffsicher waren, hat sie gleich blau für einen Jungen und rosa für ein Mädchen genommen. Eines Tages habe ich ihr gesagt: Du brauchst nicht weiterstricken, das Baby ist tot. Meine Mutter wurde sehr wütend und hat mich auf mein Zimmer geschickt. Zwei Tage später wurde die Frau ins Krankenhaus gebracht; sie hatte eine Fehlgeburt. Da habe ich das erste Mal gemerkt: Es ist nicht so einfach mit den Prognosen.

Das klingt ein bisschen wie „The Sixth Sense“. Haben Ihnen diese Erfahrungen nicht Angst gemacht?
Mit 13 habe ich zum Glück von einer Schulfreundin gehört, dass ihre Mutter zu einem Heiler in der »spiritualitischen Kirche« geht. Dort habe ich instinktiv gefühlt: Hier gehöre ich hin! Durch eine sehr liebenswürdige ältere Dame bin ich dann in eine Ausbildungsgruppe geraten. Sie hat mir gezeigt, dass ich meine Begabung kontrollieren lernen muss, damit die Begabung nicht am Ende mich kontrolliert. Danach war ich schlauer und wusste, was ich sagen kann und was nicht. Das war meine Rettung. Ich denke oft daran, was wäre gewesen, wenn ich in Deutschland auf die Welt gekommen wäre. Dann wäre ich mit 13 vielleicht in der Psychiatrie gelandet und nicht in einer medialen Ausbildung. Wahrscheinlich hätte mich meine Mutter zum Arzt geschleppt und gesagt: Der Junge hört Stimmen aus dem Jenseits und sieht verstorbene Seelen! Gott sei Dank geht man in England etwas offener mit diesem Thema um. Als ich dann mit 13 begann, erste Sitzungen in der Nachbarschaft abzuhalten, hat meine Mutter nicht mehr geschimpft. Es war ihr vermutlich noch immer nicht recht, aber sie hat sich gedacht: Wenn er den Leuten helfen kann, kann es so schlecht nicht sein. Sie hat das toleriert. Ich denke, für Kinder kann so ein Talent eine große Belastung sein.

Eine Gesellschaft, die eine jenseitige Existenz ablehnt, sei es aus Angst heraus oder aus wissenschaftlicher Skepsis, hat natürlich das Problem, dass Menschen, die diesen Weg trotzdem gehen wollen, keine wirkliche Ausbildungsperspektive haben.
Das ist vor allem in Deutschland ein Problem, es gibt hier diese Tradition nicht. Das liegt natürlich auch in der deutschen Geschichte, im Dritten Reich zum Beispiel war das alles verboten. England war hingegen immer etwas isoliert, eine Insel eben. Heutzutage gibt es auch hier allmählich wieder Ausbildungen, aber vor 30, 40 Jahren war das richtig schwer in Deutschland.

Ist das Angebot hierzulande nicht auch zu unübersichtlich? Wie weiß ich als „Suchender“, welcher Seminarleiter kompetent ist?
In England gibt es dafür Organisationen, bei denen man als Medium ausgebildet werden kann, es gibt Institutionen wie die SNU, die Spiritualists‘ National Union oder die Greater World, eine spiritualistische christliche Organisation. Über zwei Jahre lang kommt ein Bewerber dorthin, vielleicht fünf oder sechs Mal insgesamt, um seine Fähigkeiten testen zu lassen, ganz anonym, um festzustellen, was für eine durchschnittliche Leistung er über einen langen Zeitraum hin erbringen kann. Besteht er diese Tests, bekommt er ein Diplom. Ich finde das eine gute Einrichtung, weil man so sicher sein kann, dass ein »Medium« eine nachweisbare Leistung zu erbringen vermag. In Deutschland kann sich leider jeder »Medium« nennen.

Halten Sie es für realistisch, dass sich auch in Deutschland ein solcher Dachverband gründen wird?
Eines Tages ja. Je bekannter Medialität wird, desto wichtiger wird das werden. Ich gebe in meiner Ausbildung zum Beispiel nur dann eine Urkunde, wenn der Betreffende in der Lage ist, einen echten Jenseitskontakt herzustellen. Bei mir werden alle Schüler auf Herz und Niere geprüft. Ich halte nichts von Kursen, bei denen nach zwei Jahren alle Beteiligten ein Diplom bekommen. Einer braucht vielleicht zwei Jahre, einer vielleicht sechs, und der Dritte ist einfach nur verrückt. Ich trage da ja eine Verantwortung, wenn ich meine Absolventen auf die Menschheit loslasse. Für diejenigen, die meine Ausbildung bestanden haben, lege ich meine Hand ins Feuer, denn ich weiß, dass sie in der Lage sind, echte Sitzungen abzuhalten, zumindest, was den Zeitpunkt ihrer Prüfung
betrifft. Was einige Jahre später ist, weiß ich natürlich nicht, ob sie schlechte Gewohnheiten entwickelt haben oder vom rechten Weg abgegangen sind.

Was genau ist eigentlich ein Medium?
Der Begriff »Medium« wird hierzulande leider etwas schwammig verwendet. In England haben wir die Begriffe »Psychic« und »Medium«: Ein »Psychic« ist ein Mensch mit übersinnlichen Fähigkeiten, also jemand, der Lebensberatungen gibt und Fragen beantwortet wie »Soll ich mein Haus verkaufen?«, »Betrügt mich mein Mann?« oder »Nimmt meine jugendliche Tochter Drogen?« Psychics können Zukunftsprognosen geben, aber manchmal spüren sie auch, dass ein Trauerfall in der Familie vorliegt oder dass sich jemand in der Nähe des Klienten aufhält, der nicht mehr von dieser Welt ist. Dann raten sie ihm in der Regel, zu einem Medium zu gehen. In England und den USA sind das, vergleichbar mit unterschiedlichen Fachärzten, zwei getrennte Bereiche. »I’m going to a psychic« bedeutet: ich gehe zu einer übersinnlichen Lebensberatung, von Karten über Glaskugel bis hin zum Aura-Reading. »Ich gehe zu einem Medium« bedeutet: Ich suche einen Jenseitskontakt.

Man müsste also eigentlich eine klare Nomenklatur in Deutschland einführen und dann eine gewisse Kontrollinstanz, vergleichbar einem eingetragenen Berufsverband, einführen, der klare Richtlinien vorgeben kann?
Das Problem ist, dass die Deutschen das Wort »Medium« neben der Esoterik auch im Sinne von Zeitung oder Fernsehen oder Radio verwenden. Es herrscht eine totale Begriffsverwirrung. Eigentlich bräuchte man im Deutschen einen neuen Begriff. Ich selbst verwende »Jenseitsmedium«, das ist ein relativ klarer Begriff. Im Englischen ist die ursprüngliche Bedeutung von Medium noch greifbarer, die aus dem Lateinischen kommt: »medium« ist ganz wertneutral »das in der Mitte«. Das ist wie bei T-Shirts: es gibt Small, Medium und Large. Ich erkläre die Aufgabe eines Mediums immer
gerne mit einer Autobahn. Dort gibt es drei Spuren und drei Geschwindigkeiten. Ein Medium fährt in der Mitte und kann die langsame Spur wahrnehmen, das ist unsere Welt, und die schnelle Spur, das ist die geistige Welt. Das Medium ist immer in der Mitte zwischen den Welten.

Jenseits aller Begriffsverwirrungen scheint das Interesse an Kontakten mit der anderen Welt auch in Deutschland enorm, wie der Erfolg von US-Serien wie »Medium« oder »Ghost Whisperer« belegt.
Ich war selbst im Gespräch mit einigen Sendern, die Interesse an einem solchen Konzept hatten. In letzter Minute haben sie einen Rückzieher gemacht – aus Angst. Alle Jahre wieder kommt ein Redakteur, der von den erfolgreichen Formaten aus England und den USA (»Crossing Over«) beeindruckt ist, auf die Idee, eine solche Sendung auch in Deutschland zu produzieren, und dann bremst man ihn wieder aus. Deutschland scheint mir diesbezüglich ein ganz hartes Pflaster.

Das hat natürlich auch historische Gründe.
Der Deutsche hat aufgrund des missbrauchten Okkultismus während des Dritten Reichs Angst davor, die Vernunft zu verlieren. Er hat schnell das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ja, aber ein weiterer Grund könnte der große Einfluss der Kirche in Deutschland sein, die sich über die Kirchensteuer finanziert. Auch haben kirchliche Würdenträger immer noch viel zu sagen. Das Besondere an der Haltung der Kirche ist der Umstand, dass am Beginn der Kirche Propheten standen. Auch sie waren hellsichtig und hatten Kontakt mit der geistigen Welt. Die Medien von heute beweisen ja gerade die Botschaft des Christentums: Es gibt ein ewiges Leben!

Ich wundere mich immer über die Haltung der monotheistischen Religionen, die ihre jeweils letzten Propheten als das Ende der Gespräche Gottes mit den Menschen wahrnehmen.
Letztlich begrenzt das ja die göttliche Kraft. Man kann nicht sagen, Gott ist die größte Kraft auf der Welt, aber er hat plötzlich aufgehört, sich mitzuteilen. Gerade im Christentum ist das doch verblüffend. Wo ist denn der Heilige Geist heute? Ich glaube aber, dass sich das langsam verändert. Ich habe in meinen Seminaren in Südtirol auch einige Priester und Nonnen, die sich sehr für
dieses Thema interessieren und darin eine Verbindung zu den Quellen ihres Glaubens sehen.

Ich denke, dass das immer auch mit dem Stichwort Autorität zusammenhängt. Es hat natürlich Konsequenzen für eine religiöse Institution, wenn man nicht mehr der Einzige ist, der »direkten Kontakt« hat. Angenommen, der kleine Gemeindepfarrer erhält die Antworten auf seine Fragen direkt »von oben«, dann sind die Weisungen des Papstes natürlich weniger bindend für ihn und seine Gemeinde.
Absolut. Gleichzeitig breitet sich die Medialität immer mehr aus. Und damit wächst natürlich auch die Verantwortung. Das ist ganz oft ein abwägender Prozess, der viel Erfahrung im Umgang mit Menschen erfordert. Wenn ein kranker Klient zu einem Lebensberater kommt und dieser sagt ihm auf den Kopf zu, dass er bald sterben wird, dann ist das ebenso fahrlässig wie ein Berater, der ihm gegen das eigene Wissen falsche Hoffnungen macht. Bei vielen Beratern fehlt ganz einfach eine gewisse therapeutische Grundbildung. Ein Heilpraktiker kann ja auch erst eine Praxis aufmachen, wenn er seine Prüfung bestanden hat.

Da stellt sich natürlich die Frage: Besitzt Ihrer Meinung nach jeder Mensch ein angeborenes Talent zum Geisterflüsterer?
Jeder Mensch besitzt auf jeden Fall eine angeborene Sensibilität, die sich trainieren lässt. Im Deutschen gibt es für diesen Vorgang ein schönes Wort: Wahrnehmung. Wenn ein sehr praktisch veranlagter Mensch in einen Bus steigt, setzt er sich auf den ersten freien Sitzplatz. Sensible Menschen laufen etwas tiefer in den Bus hinein und finden dann intuitiv zu einem Platz, der für sie »passt«. Das hängt mit der Energie der Umsitzenden zusammen. Und diese Sensibilität hat grundsätzlich jeder, der sie zulässt. Davon abgesehen ist Medialität natürlich ein Talent wie jedes andere: der eine bringt mehr Musikalität mit, der andere weniger. Doch nicht alle Menschen wissen von ihrer medialen Begabung. Einige, die zu mir in den Kurs kommen, entdecken erst in meinen Seminaren, dass sie hoch medial sind. Das hängt oft damit zusammen, dass ihre Eltern ihre medialen Eingebungen als kindliche Phantasien abgetan haben. Ich denke, dass Kinder in diesen Fällen ihre Medialität durchaus blockieren können, bis sie wieder gewollt ist.

Wenn Sie Ereignisse ganz konkret voraussagen können: Wie steht es in einer solchen prognostizierbaren Welt um die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst zu bestimmen?
Ich denke, wir haben immer die volle Verantwortung. Wir können uns beraten lassen, aber letztlich sollten wir unser Schicksal nicht in die Hände von fremden Personen legen. Denken Sie an die Konsequenzen! Wenn ich mich blind von Prognosen abhängig mache, ende ich wie eine Marionette: Ich muss mich nur noch auf die Straße setzen und alles kommt, wie es kommen muss. Das ist mir zu einfach. Meine Meinung ist: Die Hauptschritte im Leben sind vorausgeplant. Angenommen, es ist – wie in meinem Fall – mein Schicksal, von England nach München zu kommen, so kann ich das auch über lange Jahre in den USA oder einen Umweg über Paris tun. Das Leben ist ein Zusammenspiel von Schicksal und freiem Willen. Im Englischen gibt es für das Schicksal zwei Begriffe: das positiv klingende »Destiny« und das negativere »Fate«. In der Pop-Musik heißt es daher immer »You are my destiny.« Dieses Wort hängt spürbar mit dem Wort »destination« (Reiseziel) zusammen, was man in diesem Fall als »Du kommst an, wo du ankommen musst« verstehen kann. Fate ist das lateinische »fatum«: Du kannst nicht weg. Es kommt, wie es kommen muss. Das deutsche Wort »Schicksal« gibt Auskunft über eine andere Facette dieses Zusammenhangs, die eigentlich sehr optimistisch stimmt: Etwas wird dir »geschickt« und zwar zu deinem »salus«, also zu deinem Heil.

Warum ist der Drang des Menschen, den Kosmos auf technischem Wege zu erobern, in unserer Gesellschaft völlig legitim – ganz im Gegensatz zu der von Ihnen postulierten Möglichkeit, auf geistigen Bahnen ins Universum zu reisen?
Ich glaube, das liegt auch daran, dass der Tod zumindest in der westlichen Kultur keinen guten Stand hat. Engel und Licht werden positiv betrachtet, aber für die Toten muss man beten, sie befinden sich in einem Raum, der uns gruselig anmutet. Das ist natürlich auch etwas schizophren. Das ist sicher eine Folge unserer religiösen Vergangenheit.

Pointiert formuliert macht uns das Jenseits Angst, das Weltall aber erzeugt unsere Neugier.
Ich glaube, das wandelt sich gerade. Man denke nur mal an Hollywood. In letzter Zeit entstehen dort immer mehr Filme, die sich mit dem Übernatürlichen auseinander setzen, und die stellen das Jenseits immer positiv dar. Die Bücher von Dan Brown, TV Shows wie »Crossing Over«, all das spricht für die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Interessant sind natürlich in diesem Zusammenhang auch immer wieder die Aussagen von amerikanischen Wissenschaftlern, dass die geistige Welt zwar nicht bewiesen werden kann – aber auch nicht widerlegt.

Welche ungewöhnlichen Sorgen von Angehören sind Ihnen bei Ihrer Arbeit schon begegnet?
Viele Menschen im Westen gehen heute von der Möglichkeit einer Reinkarnation aus, weit mehr, als noch an das traditionelle christliche Auferstehungsmodell glauben. Das ist nicht immer nur tröstlich. Manche Menschen haben auch Angst, ihre Angehörigen nicht mehr im Jenseits zu treffen, sobald sie gestorben sind. Das nachtodliche Wiedersehen war ja immer ein großer Trost in der christlichen Religion. Ich sage diesen Menschen dann immer: Nur ein Teil der Seele inkarniert, ihr größter Teil bleibt jedoch im Jenseits. Symbolisch ausgedrückt ähnelt jede Familie einem großen Wald: Unter der Erde sind alle Bäume über ihre Wurzeln miteinander verbunden bzw. berühren sich, egal ob Opa, Oma, Vati, Tochter oder Cousin. Wenn ein Mensch geboren wird, verlässt ein Ast seinen Stammbaum und wächst in die Welt hinaus. Stirbt er, so zieht sich seine Kraft einfach wieder in den Stamm zurück, konzentriert und sammelt dort all sein Wissen. Der Stamm ist während einer Inkarnation aber niemals abwesend.

Das erinnert mich an das buddhistische Modell des »Impulses« anstelle einer fest umrissenen Seele, die immer wieder ein- und ausgeht in der Welt.
Dieses Bild hilft auch, um Zwillings-Schicksale besser zu verstehen: Hier teilt sich ein Ast. Das ist auch der Grund für die große Sensibilität dem Zwilling gegenüber, das Spüren einer unsichtbaren Verbindung, auch über große Entfernungen hinweg – und den großen Verlust, wenn einer der beiden zuerst stirbt.

Wenn wir als Menschen wirklich frühere Leben geführt haben: Warum erinnern wir uns dann Ihrer Meinung nach nicht an sie?
Die Vergangenheit ist tot, du hast genug zu tun mit diesem Leben. Es gibt so viele neue Herausforderungen, die Erinnerungen an all die früheren Existenzen würde ein Leben enorm überfrachten. Denken Sie nur daran, wie viele Kriege, Plagen und Grausamkeiten sich in früheren Jahrhunderten ereignet haben. Was für eine Last wäre es für ein kleines Kind, sich an seine Rolle als
Henker oder Soldat zu erinnern. Ich glaube, das Vergessen ist letzten Endes ein großes Geschenk.

Eine letzte Frage: Wie steht ein hauptberufliches Medium zu privaten Seancen oder Geisterbeschwörungen?
Ich möchte das mal so formulieren: Wenn ich krank bin und den Schlüssel zu einer Apotheke hätte, könnte ich viel falsch machen. Wenn ein Arzt für mich reinginge und mir ein Medikament holt, kann relativ wenig passieren. In der jenseitigen Welt kommt noch dazu, dass es viele Ebenen gibt, in der zum Teil auch unwissende Geister Auskunft geben wollen. Diese muss man erkennen, und das kann der Laie häufig nicht. Ich würde daher jedem Anfänger raten, zu einem ausgebildeten Medium zu gehen, wenn er Fragen an das Jenseits hat. Grundsätzlich gilt: Die geistige Welt ist immer offen für uns, wir haben immer Zugang zu ihr, wenn wir uns dafür interessieren. Ohne Schutz kann daher vieles in die Hose gehen. Die geistige Welt ist wie das Internet: nur wer Umgang und Erfahrung damit hat, kann die richtigen Informationen aus ihr ziehen.

* Paul Meek, geboren in Wales, Musikstudium in London, Anstellung als Opernsänger u. a. bei den Bayreuther Wagner-Festspielen. Im Jahr 1993 hat Paul Meek die Opernbühne verlassen und sich nur noch der Medialität, die schon in seiner Kindheit erkannt und gefördert wurde, gewidmet. Seit dieser Zeit lebt er in Deutschland und wurde durch seine überragende hellseherische Begabung und Arbeit, aber auch durch seine Auftritte im britischen, deutschen, österreichischen und japanischen Fernsehen, bekannt. Er gilt als eines der bekanntesten Jenseitskontakt-Medien in Europa. Weitere Infos: http://www.paulmeek.de

Die Welt ist keine Maschine

Unter vier Augen mit dem Biologen DR. RUPERT SHELDRAKE (Großbritannien)*

Sie haben mehr als dreizehn Jahre im akademischen Betrieb gearbeitet. Haben Sie sich in dieser Zeit Ihres Lebens unzufrieden gefühlt?
Ja. Ich hatte schon früh den Eindruck, dass die Naturwissenschaften viel zu beschränkt sind, zu dogmatisch und zu reduktionistisch. Das hat mich schon als Student gestört. Doch damals dachte ich noch, dass es keine Alternative dazu gäbe. Ein erster Hoffnungsschimmer überkam mich beim Lesen von Goethes Schriften über Pflanzen und bei seiner »Farbenlehre«. Diese eröffneten mir die Möglichkeit einer ganzheitlicheren Wissenschaft. Zwischen 1963 und 1964 studierte ich dann Wissenschaftsphilosophie in Harvard. Kurz zuvor war Thomas Kuhns Buch »Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« herausgekommen. Ich fand die Idee des Paradigmenwechsels, welche die Hauptthese seines Buches ist, sehr aufregend. Ich fühlte: Wissenschaft muss nicht für immer so bleiben, wie sie jetzt ist. Sie kann verändert werden. Seither interessiere ich mich für die Möglichkeit einer besseren und breiteren Art von Wissenschaft. Doch ich wollte immer, dass sie wissenschaftlich bleibt und habe deshalb auch Zeit meines Lebens innerhalb wissenschaftlicher Disziplinen gearbeitet, Experimente durchgeführt, Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht und all das.

Haben Sie bewusst in Kauf genommen, dass Sie mit Ihrem Buch »Das schöpferische Universum« Ihre Karriere als ernstzunehmender Forscher beenden könnten?
Sagen wir es so: Ich habe die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es mir nach dieser Veröffentlichung schwer fallen könnte, einen Job an der Universität zu finden. Ich habe aber nicht geglaubt, dass es mich am Forschen hindern würde, und das hat es auch nicht getan. Ich habe seither viele Forschungsarbeiten durchgeführt. Aber ich war mir schon bewusst, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft konformistisch, intolerant und engstirnig ist. Im 19. Jahrhundert war sie noch viel breiter und toleranter aufgestellt, weil viele Wissenschaftler nicht in Institutionen arbeiteten. Charles Darwin war wie viele andere so ein freischaffender Wissenschaftler. Darwin war damals so etwas wie mein Held. Ich dachte: Wenn Darwin das tun konnte, sollte es heute auch noch möglich sein, unabhängig zu forschen. Ich hatte ja keine Ahnung, was mein Buch auslösen würde. Ich erwartete eine Debatte innerhalb der Wissenschaft und hoffte auf eine seriöse Diskussion unter Entwicklungsbiologen. Das war zumindest mein Ziel. Was dann wirklich geschah, war weitaus dramatischer. Man warf mir vor, die Natur zu verraten. Man nannte mich einen Häretiker. Diese weltweite Empörung meiner Kollegen und anderer Autoren drängte mich in eine Position, die ich so nicht für mich beabsichtigt hatte.

Sie haben sieben Bücher und etliche Artikel geschrieben, u.a. »Der siebte Sinn des Menschen« und »Denken am Rande des Undenkbaren«. Was ist Ihre Kernbotschaft?
Die Erkenntnis, dass das Universum lebendig ist, dass wir in einer organischen, sich entwickelnden Welt leben und dass es eine Art Gedächtnis in der Natur gibt. Dass lebende Organismen lebende Organismen sind und keine Maschinen. Dass das ganze Universum ein lebender Organismus ist und keine Maschine. Und dass wir alle lebende Bestandteile einer lebendigen Welt sind und keine »schwerfälligen Roboter« – um Richard Dawkins‘ Ausdruck zu verwenden – in einem mechanischen Universum, das kein Ziel hat, kein Bewusstsein und keine Richtung und das einfach per Zufall entstanden ist. Das ist die offizielle materialistische Weltsicht. Ich halte das für einen fundamentalen Irrtum.

Was stört Sie als Wissenschaftler eigentlich am derzeitigen naturwissenschaftlichen Weltbild?
Die offizielle akademische Theorie des Lebens besagt, dass lebende Organismen von ihren Genen programmiert sind, und dass diese Gene schonungslos miteinander im Wettbewerb stehen. In Wirklichkeit haben sie aufgehört, reine Moleküle zu sein. Sie sind zu kleinen Zeichentrick-Figuren verkommen. Das Problem mit der modernen mechanistischen Biologie ist, dass sie überhaupt nicht mechanistisch ist. Sie ist kryptovitalistisch. Sie personifiziert die Gene und macht aus ihnen eigene Persönlichkeiten mit ehrgeizigen Bestrebungen nach Unsterblichkeit und Wettbewerb, welche Moleküle unmöglich haben können. Sie ist naiv. Sie fußt auf vereinfachenden Metaphern. Das ist auch der Grund, warum sie für Laien so überzeugend ist. Ihre Ausdrucksweise ist überzeugend, denn sie entwirft eine grob vereinfachende, leicht verständliche Sichtweise mit einer vermenschlichenden Begrifflichkeit.

Was ist denn der Hauptunterschied zwischen diesem »heimlichen Vitalismus« und Ihrem holistischen Modell, dem ja auch von vielen Seiten Vitalismus vorgeworfen wird?
Der Unterschied zwischen dieser und meiner Sichtweise ist, dass ich mich für eine ganzheitliche Betrachtensweise der Welt einsetze, nach der die Welt auf verschiedenen Ebenen organisiert ist. Jede Musterorganisation enthält Ganzheiten, die wiederum selbst Ganzheiten sind, die aus noch kleineren Partikeln bestehen. Zellen sind demnach Organismen in Gewebe oder Organe in Gesellschaften oder Ökosystemen. Auf jeder Ebene ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Das haben schon viele Leute vor mir gesagt. Ich denke, der Hauptunterschied zwischen mir und anderen organismischen Denkern ist, dass es nach meinem Verständnis noch dazu eine Art »Gedächtnis« gibt, das durch morphische Resonanz in jede Zelle eingebaut ist und all die Gewohnheiten und Erinnerungen enthält, die wir aus der Vergangenheit geerbt haben. Ich denke, dass wir zum Verständnis der Natur ein solches Gedächtnis annehmen sollten, denn sie ist von Grund auf evolutionär; was jetzt geschieht, folgt aus dem, was zuvor geschehen ist. Geschichte ist in die Halle der Natur integriert.

Hat diese neue Sichtweise, wenn sie sich durchsetzen sollte, Konsequenzen nur für die Wissenschaft oder auch für die Gesamtgesellschaft?
Wenn man die mechanistische Theorie ernst nimmt oder sonstwie einen kompromisslosen Materialismus vertritt, dann ist das schon sehr deprimierend. Es bedeutet, dass jeder von uns in der Zurückgezogenheit seines Schädels isoliert ist, dass wir alle soziale Atome sind, dass eine Gesellschaft nichts anderes ist als eine Ansammlung atomistischer Individuen und dass das Universum an sich kein Ziel besitzt. Es gibt keinen Gott, keinen Geist, keinen Sinn. Das ist eine durch und durch bedrückende Theorie. Es ist doch ziemlich auffällig, dass eine der häufigsten Beschwerden der westlichen Welt Depressionen sind und dass Millionen von Menschen Anti-Depressiva nehmen.

Materialismus ist ja nur ein Trend dieser Zeit, der andere ist religiöser Fundamentalismus.
Ich denke, dass Fundamentalismus, egal ob christlicher oder islamischer, eine unmittelbare Reaktion auf die materialistische Weltsicht ist. In diesem Sinne halte ich beide Bewegungen für gesund. Es ist die einzige Massenbewegung gegen den Materialismus. Aber ich denke, dass sie irregeleitet ist, denn sie lehnt die wissenschaftliche Vorgehensweise ab, nur weil diese derzeit vom Materialismus begrenzt wird. Ich denke, dass die Fundamentalisten Recht damit haben, dass der Materialismus zu begrenzt ist. Doch das hat sie leider gegen die Wissenschaft als solches aufgebracht, und diesen Schritt kann ich nicht nachvollziehen. Ich möchte, dass sich die Wissenschaft ändert. Ich möchte sie nicht abschaffen, ich möchte sie weiterentwickeln. Dabei stoße ich übrigens auf eine andere Art von Fundamentalismus, der mir manches Mal noch begrenzter erscheint: wissenschaftlichen Fundamentalismus.

Verletzt Sie die Ablehnung durch Ihre früheren Kollegen?
Nun, enges dogmatisches Denken geht mir immer auf die Nerven, egal, in welcher Form es mir begegnet, ob in der Politik, in der Wirtschaft oder in der akademischen Welt. Doch ich weiß auch aus meiner Erfahrung mit vielen Wissenschaftlern auf der ganzren Welt, dass viele – obwohl sie in der Öffentlichkeit das mechanistische Weltbild verteidigen – privat viel interessantere und geistreichere Ansichten vertreten. Sie haben einfach Angst davor, mit ihren Kollegen darüber zu sprechen. Ich denke, was die Wissenschaft braucht, um sich zu ändern, ist vergleichbar mit
der Schwulenbewegung: Wissenschaftlier, die sich vor ihren Kollegen outen und offen über ihre wahren Interessen sprechen. Sie werden herausfinden, dass viele ihrer Kollegen zu alternativen Heilern gehen, paranormale Erfahrungen gemacht haben oder meditieren und beten. Viele Wissenschaftler sind in Wahrheit religiös. Wieder andere würden sich als spirituell, aber nicht gläubig bezeichnen. Manchen haben eine starke Verbindung zur Natur. Meiner Meinung nach würden diese sich outenden Wissenschaftler herausfinden, dass die meisten ihrer Kollegen in Wahrheit gar keine strikten Mechanisten und dogmatischen Skeptiker sind.

In den Verkaufszahlen halten sich Ihre Bücher und die Publikationen Ihrer Gegner ungefähr die Waage. Wie erklären Sie sich die anhaltende Popularität der Skeptiker wie Richard Dawkins (»Der Gotteswahn«), wenn der Materialismus doch so deprimierend ist?
Ich denke, dass die Leute, die seine Bücher lesen, bereits zum Wissenschaftsglauben bzw. Materialismus konvertiert sind, was bei einer großen Anzahl gebildeter Leute der Fall ist. Die Standardposition der gebildeten Intellektuellen Europas und Amerikas ist nun mal der Atheismus bzw. der Agnostizismus. Das liegt daran, dass unser bestehendes Universitätssystem ihren Studenten seit Generationen diesen aufklärerischen Rationalismus einimpft. Um ausgebildet zu werden, muss man zumindest vorgeben, daran zu glauben, um nicht von Kollegen oder Dozenten für ungebildet oder dumm gehalten zu werden. Dem allen liegt die Annahme zugrunde, nur primitive und kindische Menschen glaubten an Gott oder eine Religion, gebildete Meschen hätten diese längst hinter sich gelassen.

Wer sind dann Ihre Leser?
Leute, die sich für meine Bücher interessieren, sind Menschen, die Zweifel an der materialistischen Weltsicht haben. Und dafür gibt es gute Gründe. Nicht zuletzt, weil sie sich als unfähig erwiesen hat, die Grundlagen für eine harmonische Beziehung zu unserer Umwelt zu legen, wie uns die anhaltende ökologische Krise ja immer wieder vor Augen führt. Das ist die Mentalität, die hinter der Ideologie des Fortschritts steht. Darüber hinaus lesen mich Leute, die bezweifeln, dass der einzigen Sinn der Menschheit in ihrem materiellen Fortschritt liegt und die sich wie ich für Alternativen interessieren. Andere Leser widerum hatten selbst paranormale Erfahrungen und sind neugierig, mehr darüber zu erfahren, und abgestoßen von dem engen Dogmatismus, der ihre Erfahrungen zu Hirngespinsten erklärt. Andere haben spirituelle oder religiöse Interessen und mögen die Vorstellung nicht, dass Wissenschaft notwendigerweise atheistisch sein muss und man nur die Wahl hat zwischen ungläubiger Wissenschaft und leichtgläubiger Religion; Leute, die sowohl Wissenschaft als auch Spiritualität schätzen und nach einer neuen Beziehung zwischen den beiden suchen.

Ist dieser Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glaube nicht auch Ihr ganz persönlicher Kampf, den Sie als Mensch in Ihrem Inneren ausfechten?
Ich glaube an Bildung und ich glaube an Wissenschaft. Und ich glaube, dass Wissenschaft und Bildung nicht zwangsläufig materialistisch sein müssen. Ich denke, dass wir Wissenschaft und Bildung nicht ablehnen sollten. Doch wir sollten sie reformieren. Ich glaube, wir brauchen eine Aufklärung der Aufklärung. Wir müssen den Dogmatismus in Frage stellen, der aufgeklärtes Denken geworden ist, um uns von diesem neuen Dogmatismus zu befreien. Wir müssen zum Beispiel alte Kulturen nicht für dumme, leicht verführbare Menschen halten, die von ihren Schamanen oder Priestern nur belogen wurden, um sie durch törichten Aberglauben zu manipulieren. All das trägt eine Reihe von Hypothesen in die wissenschaftliche Forschung herein, die nicht nur nicht notwendig ist, sondern im Gegenteil kontraproduktiv für das Studium der menschlichen Natur und Kultur. In der Vergangenheit war Forschung auch nicht immer so reduziert. Sehen wir uns die mittelalterliche Wissenschaft an mit Leuten wie Thomas von Aquin: außergewöhnlich integrativ, eine intelligente Verbindung von Glauben und Verstand, die wirklich inspirierend ist. In der Summa Theologica beginnt er nicht mit dem Gedanken: Das und das ist das Dogma. Er beginnt mit einer Serie von Fragen, und alles, was er behandelt, dreht sich um Fragen. Er schreibt immer beide Sichtweisen, dafür und dagegen. In den mittelalterlichen Klöstern war es üblich, Debatten mit einem »advocatus diaboli« zu führen und alle Standpunkte zu vertreten. In tibetischen Klöstern findet man diese Tradition heute noch. Diese Angewohnheit, Untersuchungen mithilfe von Debatten und Diskussionen durchzuführen, war Bestandteil vieler religiöser Traditionen – allen voran der jüdischen. Ironischerweise ist es das, was der modernen Wissenschaft so schmerzlich fehlt. In der modernen Wissenschaft gibt es keine solche Debattenkultur, statt dessen gibt es eine autoritäre Verwaltungsstruktur der Entlohnung, der Zeitschriftenverleger, der Universitätsprofessoren; gleichzeitig gibt es eine Orthodoxie, und Leute, die da nicht reinpassen, werden nicht entlohnt. Die werden nicht befördert, die bekommen keine Jobs oder sie bekommen den Stempel des Häretikers aufgedrückt. Das Wort Häresie wird in der modernen Wissenschaft häufiger gebraucht als in der modernen Religion.

Von 2005 bis 2010 haben Sie ein Projekt am ehrwürdigen Trinity College in Cambridge geleitet. Was war der Gegenstand Ihrer Forschung?
Im Rahmen des Perrott-Warrick-Funds, der zu Ehren von Frederick Myers gestiftet wurde, habe ich mich hauptsächlich mit Telepathie befasst, und zwar in Verbindung mit neuen Kommunikationstechnologien: Telefonische Telepathie, SMS-Telepathie, E-Mail-Telepathie. Diese Formen der Telepathie haben sich parallel zu den betreffenden Technologien entwickelt. Es ist eine weit verbreitete Erfahrung, dass Leute an jemanden denken, kurz bevor dieser anruft. Meine Untersuchungen zeigen, dass 80% der Leute in Deutschland, England und Amerika solche Erfahrungen gemacht haben. Die akademische Welt hat das immer zurückgewiesen mit dem Argument, dass es sich dabei um reinen Zufall handle und dass man dauernd ohne Ergebnis an irgendwelche Leute denkt, so dass es keine Telepathie ist, wenn ein Betreffender dann auch mal »zufällig« anruft. Andere halten diese Erfahrungen für das Ergebnis eines unbewussten Wissens. Aber sehen Sie, diese Hypothesen besitzen überhaupt keine Beweiskraft. Das ist pure Spekulation. Keiner dieser Skeptiker hat je eine ernsthafte Untersuchung dieses Sachverhalts unternommen. Ich habe Tests entworfen, um der Sache nachzugehen. Das typische Experiment beinhaltet vier potentielle Anrufer. Einer von ihnen ruft nach dem Zufallsprinzip an, und der Angerufene muss vor dem Abnehmen des Hörers oder einem Blick auf das Display des Handys erraten, wer es ist. Wäre es eine Sache des Zufalls, müsste er in jedem vierten Fall richtig liegen. In Wirklichkeit aber stimmten 45% der Fälle. Und diese Tests habe ich gefilmt und in Fachzeitschriften publiziert. Sie wurden auch bereits von unabhängigen Kollegen überprüft, u.a. am Institut für Grenzgebiete der Psychologie in Freiburg. Ich denke, dass diese Ergebnisse eine recht überzeugende Beweiskraft besitzen und dafür sprechen, dass wir es mit echten Phänomenen zu tun haben. Die Argumente der Skeptiker haben sich hingegen als reine Möchtegernspekulation erwiesen.

Wir haben bereits über die Rückkehr der Fundamentalisten auf beiden Seiten gesprochen. Was glauben Sie: Werden sich die »Freigeister« am Ende gegen all diesen Widerstand durchsetzen können?
Am Ende sind sie dazu gezwungen zu gewinnen, denn die materialistische Weltsicht ist selbstzerstörerisch. Das gegenwärtige System kann ohnehin nicht mehr lange so weitergehen – wegen des Klimawandels, dieses lächerlichen Casinokapitalismus, dem Wegschmelzen des ganzen Finanzsystems und auch wegen der Verlagerung der industriellen Vormacht von Europa und Amerika in den Fernen Osten. Die Frage ist nur, ob der Wandel auf eine wohlwollende Art und Weise geschieht oder durch einen schrecklichen Konflikt. Deswegen glaube ich, dass es so wichtig ist, unsere Ausbildung und das wissenschaftliche System zu reformieren. Auf der anderen Seite glaube ich ohnehin nicht, dass es so, wie es jetzt ist, lange überleben wird. Wir haben ein Bildungssystem, das darauf angelegt ist, Menschen auf ein Produktions- und Finanzsystem vorzubereiten, das gerade am Zusammenbrechen ist. Im Moment produzieren alle Universitäten Europa große Reihen von Absolventen, die kaum noch die Jobs bekommen werden, die sie sich erhoffen. In Ägypten und Indien und in anderen Teilen der Welt ist das schon passiert. Die Ausildung erzeugt Erwartungen, die dann nicht erfüllt werden können.

Das klingt nach einer ungemütlichen Zukunft. Gibt es einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen, sich spirituell zu Hause fühlen?
Die Kirche von England ist so ein Ort, die anglikanische Kirche. Ich gehe regelmäßig zur Kirche. Wenn ich auf Reisen bin, gehe ich einfach in eine katholische oder in eine evangelische Kirche. Ich liebe es, einen Gottesdienst in einer unserer großen Kathedralen zu besuchen. Erst kürzlich war ich im York Minster. Sie hatten einen wundervollen Gottesdienst zu Ehren des Heiligen Michaels und der anderen Engel. Da gab es einen großen Chor, Weihrauch, Kerzen, herrliche Musik und wunderbare Gebete, alles war so inspirierend. Ich mag die Vorstellung, dass mich die Teilnahme an einem solchen Gottesdienst – der nicht nur schön, sondern auch sinnstiftend für mich ist – mit unserer Tradition verbindet, die weit bis ins Mittelalter zurück reicht. Ich denke, dass es wichtig ist, mit seinen Traditionen und Wurzeln in Verbindung zu stehen. Die Tatsache, dass ich Christ bin, bedeutet aber nicht, dass die Einsichten und Geschenke anderer Religionen ablehne. Ich denke, dass es heute mehr denn je wichtig ist, dass wir alle voneinander lernen. So praktiziere ich zum Beispiel jeden Morgen Yoga und meditiere auch. Ich habe in meiner Zeit in Indien viel über die indische Philosophie gelernt, die ich sehr schätze. Oder nehmen Sie meine Frau: Sie unterrichtet Tibetisch-Buddhistisches Chanting. Ich denke, dass es am Ende sehr befriedigend ist, der eigenen Tradition zu folgen und gleichzeitig von anderen Traditionen zu lernen. Ich glaube, dass der Versuch, sich von der christlichen Tradition loszureißen, ohnehin zwecklos ist, da sie unser Erbe darstellt und bis heute viele unserer Gewohnheiten und Gedanken formt.

Steht ein fester Glauben nicht im Gegensatz zu dem steten Infragestellen eines Wissenschaftlers?
Die Sorte von Predigten, die wir haben, sind äußerst nachdenklich, intelligent und hinterfragend. Es gibt da keine Dogmen. Das Bild, das viele Menschen von Religion haben, ist hoffnungslos altmodisch. Doch sobald ich eine wissenschaftliche Institution betrete, fühle ich mich im Nu eingeengt. Der Hauch der Intoleranz ist dort einfach viel präsenter. Ich hatte nie ein Problem, einem anderen Gemeindemitglied zu sagen, was ich denke. Niemand ist davon geschockt. Das ist in der Tat eine sehr inklusive Atmosphäre.

Wenn Sie einen Wunsch für die Welt und für sich ganz persönlich frei hätten: Was wäre das?
Ich würde mir wünschen, dass sich die Wissenschaften von den engen Begrenzungen befreit und eine freie Forschung erblüht, die aufregend ist und transformativ. Persönlich würde ich mir wünschen, das noch mitzuerleben.

* Der Biologe und Philosoph Rupert Sheldrake gilt spätestens seit der Veröffentlichung seines Buchs »Das schöpferische Universum« Anfang der 1980er Jahre als wissenschaftlicher Querdenker. Seine Theorie vom »morphogenetischen Feld«, das wie eine Art natürliche Cloud alle biologischen Informationen abspeichert und wieder abrufbar macht, beeinflusste ganzheitliche und spirituelle Autoren auf der ganzen Welt. Die Fachzeitschrift »New Scientist« schrieb über ihn: »Sheldrake ist ein herausragender Wissenschaftler. Er gehört zu jenen echten, visionären Entdeckern, die in früheren Zeiten neue Kontinente fanden.« Im September 2012 erschien sein neuestes Buch: »Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat«. Weitere Informationen: http://www.sheldrake.org