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Der Stoff, aus dem die Weisen sind

Mit der Weisheit ist das so eine Sache. Als der griechische Philosoph Chairephon vom Orakel in Delphi wissen wollte, ob es einen Mann gebe, der noch weiser sei als sein Freund Sokrates, leugnete der konsultierte Gott, dass dies der Fall sei. Über den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote, die im Prozess gegen den Philosophen eine nicht unentscheidende Rolle spielte, streiten Historiker bis heute.

Fest steht, was Sokrates selbst im Rahmen seiner Verteidigungsrede so zusammenfasste: »Es scheint aber der Gott mit diesem Orakel dies zu sagen, dass die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts, und mich bloß zum Beispiel erwählt, wie wenn er sagen wolle: Unter euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, dass er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt«. Zuvor hatte sich der garstige Philosoph (der sich selbst einmal als die »Mücke am Arsch von Athen« bezeichnet hatte) eine Reihe von einflussreichen Feinden gemacht – als er unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern auf die Suche nach jener Weisheit ging, die sie so sicher in ihrem Besitze wähnten. Sein ebenso berühmtes wie niederschmetterndes Fazit lautete: »Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als sie, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.«

Wäre Sokrates kein Athener des 5. Jahrhunderts vor Christus, sondern heute in einer unserer Industrienationen zu Hause, er hätte vermutlich kein leichtes Spiel. Weisheit, so die Diagnose, stecken sich nur noch die Wenigsten ans eigene Revers; kein Wunder, ist Weisheit doch völlig aus der Mode gekommen. Zumindest unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern. Was heute zählt, hängt ganz vom jeweiligen Kundenstamm ab: ob kämpferisch oder gelassen, gewieft oder authentisch, halbstark oder pointiert – im Zeitalter des Konsumgottes sind selbst Ideale zur verhandelbaren Masse geworden. Die charakterliche Flexibilität, die uns die Erfordernisse des wuchernden Marktes abverlangt, ist keine gute Voraussetzung für Weisheitserwerb.

Verstehen Sie mich richtig: An falschen Propheten mangelt es uns nicht. Wie zu Sokrates Zeiten sprießen die Experten wie Pilze aus dem Boden und Zuschauer wie Journalisten nicken eifrig mit den Köpfen. Die Sokratischen Fragen sind dem rhetorischen Brei der Talkshows gewichen; eine Antwort erhalten wir Zuschauer aber ebenso wenig wie die Zaungäste und Leser des unermüdlichen Weisheitssuchers. Auf unserer Suche nach verlässlichen Quellen haben wir uns ähnlich diversifiziert wie in Kleidungs- oder kulinarischen Fragen: Den einen treibt es mit der Religion back to the roots, den anderen an den Herd von Wirtschaft und Geld, den nächsten an die Brust der Wissenschaft. Sie alle aber bleiben Gläubige und damit das, was Sokrates – mit Apollons Unterstützung – als Scheinweise entlarvt hat.

Umso berührender mutet es einen daher an, trifft man im Getöse der werbenden Gegenwart auf einen dieser Zeitgenossen, die man im sokratischen Sinne als weise bezeichnen möchte: In sich ruhende, gelassene Menschen, die dem Trubel ohne Desinteresse mit einer freundlichen Distanz begegnen, die auf jahrelange Erfahrung im humorvollen Umgang mit der eigenen und der fremden Begrenztheit schließen lässt. Wann immer wir auf einen solchen Menschen treffen, spüren wir, dass echte Weisheit ebenso wenig an Reiz verloren hat wie Loyalität, Liebe oder Gesundheit. Die Tatsache, dass sie bei der Formulierung unserer Ziele keine große Rolle mehr spielt, hat weniger mit unseren Wünschen zu tun als mit unserem Vertrauensverlust – in unsere Gesellschaft und in uns selbst. Ich kenne eine Frau, die weit über achtzig Jahre alt ist, den Holocaust überlebt hat und in Israel mit eigenen Händen an einer Utopie gebaut hat. Wer ihr begegnet, versteht, wie überraschend, bereichernd und humorvoll ein echter Dialog zwischen den Generationen sein kann, wenn sich Alter nicht durch die Enttäuschung über die Vergangenheit und die Angst vor der Gegenwart definiert.

Im letzten Monat hatte ich das Vergnügen, zwei sehr unterschiedliche Bekanntschaften zu. Zwei Personen, die über ein gesundes Maß an Bildung, gesellschaftlichen Stand, erfolgreiche Karriere und charismatische Begabung verfügen. Doch während die eine Person ihre Stellung dazu verwendet, ihr Gegenüber zu sezieren, zu funktionalisieren und schlichtweg herabzuwürdigen, gelingt es der anderen, durch ihren Einfluss einen Raum für gleichberechtigte und echter Begegnung zu öffnen. Lange habe ich mich gefragt, was der wahre Motor für das so unterschiedliche Verhalten der beiden Forscher sein mag. Am Ende steht für mich fest: Es ist der Vorzug des Zweifels über das Urteil, der Verbidung über die Abgrenzung, der Neugier über das Wissen.

Weisheit lässt sich weder anlesen noch downloaden. Sie entsteht, wenn wir zulassen, wofür wir alle begabt sind: Empathie, Freude an der Begegnung und Großzügigkeit sich selbst gegenüber. Das ist der Stoff, aus dem die Weisen sind.

Der Schweinezyklus der Geschichte

Man mag es für Zufall halten oder für einen ausgeprägten Instinkt: Schon während meines Studiums interessierten mich vor allem jene Epochen, die das Ende ihrer Kultur einzuläuten schienen: Die altägyptische Spätzeit sowie, was den griechischen Kulturraum angeht, die so genannte Spätantike. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass uns diese Zeiten etwas zu sagen haben.

Im Gegensatz zu meinen Anfangsjahren, in denen ich mich für die klassischen Höhepunkte – Echnaton, Tutanchamun, das Athen der Klassiker, die minoischen Paläste auf Kreta – begeisterte, kam ich immer mehr davon ab, das Altertum als Selbstzweck zu betrachten. Meinem Geschichtslehrer – einer jener freien Persönlichkeiten, die mit ihrem Witz und ihrer Analysefähigkeit an Schulen ebenso unterfordert wie dringend benötigt werden – verdanke ich mein Interesse an Gesellschaften und Politik. Ihm gelang es, in vergangenen Ereignissen Strukturen aufzuzeigen, die sich als typisch menschlich erwiesen hatten. Geschichte als Menschenkunde, jenseits von Kostümfilmen und Guido Knopp’scher Gänsehaut. Er war es, der mein Interesse für Archäologie und das Altertum – das wir nie gemeinsam besprachen – auf eine neue Ebene hob. Ich war neugierig geworden. Nicht darauf, was vergangen war, sondern darauf, was sich wiederholte. Und was uns nur scheinbar – durch die Gnade der späten Geburt – erspart zu bleiben schien.

Im Rückblick verwundert es mich nicht, dass mich die von Kollegen wie Laien häufig schmählich vernachlässigten Spätzeiten zunehmend faszinierten. Einer der häufigsten Gründe für die Ablehnung dieser Epochen ist die schwindende kulturelle Anziehungskraft, die ihnen von den Nachgeborenen diagnostiziert wird. Häufige Vorwürfe lauten: Lust am Rückgriff und der Kopie, Verlust der eigenen Originalität, zunehmende Abnahme politischer Unabhängigkeit, Aufkommen irrationaler Moden anstelle des gesunden Menschenverstands. Ja, all dies kann man in solchen Zeiten beobachten, aber wie so oft ist es eine Frage der eigenen Perspektive und Wertung, ob man das Geschilderte als Vorboten des Untergangs oder als Charakteristika hoch entwickelter und komplexer Kulturen wahrnehmen möchte.

Eine Gesellschaft, die noch in den Kinderschuhen steckt, hat natürlicherweise andere Sorgen als den Widerspruch zwischen der Wahrung des Erreichten und kultureller Innovation. Rückgriffe, Ironie und Ambivalenzen entfalten ihre größte Anziehungskraft erst dann, wenn Erfahrung und eine veränderte Umwelt die eigene Position zu relativieren verhelfen. Doch eine Spätzeit ist nicht nur von Turbulenzen, sondern immer auch von Altersweisheit charakterisiert. Wie im menschlichen Leben auch ist es letztlich eine Geschmackssache, ob man den Verlust der jugendlichen Naivität und Sprunghaftigkeit oder die wachsende Gelassenheit in den Fokus des Interesses stellt.

Man mag es für eine gewagte Behauptung halten, doch ich meine, dass wir aus der Analyse vergangener Spätzeiten viel über unsere eigene Epoche lernen können. Der südtiroler Soziologe Roland Benedikter hat sie mal die postmaterialistische genannt. Dieser Ausdruck enthält nicht nur die zunehmende Digitalisierung unserer Lebenswelten, sondern zugleich auch die Abkehr von materiellen Werten, wie sie zwischen den 1950er und 1980er Jahren noch breite Schichten unserer Gesellschaft charakterisierten. Anders sind Phänomene wie die Energiewende kaum zu erklären: Aus idealistischen Gründen heraus finanzieren wir mitten in einer der größten Finanzkrisen der letzten Jahrhunderte ein völlig utopisches Projekt, das allein die Welt nicht retten kann – unser Gewissen hingegen schon.

Spätzeiten haben mit vielen Feinden zu kämpfen: Umso komplexer die eigene Lebenswirklichkeit, umso aufgeklärter der eigene Standpunkt, desto heftiger melden sich jene zu Wort, die nach einfachen Lösungen und nachvollziehbaren Maßstäben verlangen. Es liegt in der menschlichen Natur, dass sie eine gewisse Schwäche für zyklische Entwicklungen hat. Wie sonst wäre zu erklären, dass das frühe Christentum, eine ebenso radikale wie vergleichsweise unterkomplexe Lehre, Jahrhunderte gewachsener Kultur auszukehren verstand mit der sprichwörtlichen Kraft neuer Besen? Hoch differenzierte und geradezu modern anmutende Wissenschaften und Philosophien, ein Maximum künstlerischer Fertigkeit, eine beeindruckende Medizin und Körperkultur, das ganze kosmopolitische Nebeneinander religiöser Überzeugungen – vergessen und verdrängt in wenigen Jahrzehnten. Und warum? Nicht allein aufgrund von Gewalt, sondern auch wegen immer bedrohlicheren sozialen Verwerfungen im späten Römischen Reich.

Wir wissen nicht, ob uns bald wieder eine vereinfachende, eine entkomplizierende Bewegung ins Haus steht. Noch gelingt es uns, den Deckel auf dem Topf zu halten, doch das Nebeneinander von immer komplexeren Zusammenhängen und die wachsende Sehnsucht nach naiver Idylle wird früher oder später ihren Tribut fordern. Mit Weltuntergang hat das nichts zu tun. Schon die frühen Christen haben mit ihrem Glauben an die Apokalypse bekanntlich gehörig daneben gelegen – und ihren Irrtum doch erfolgreich in die Transformation einer ganzen Gesellschaft investiert. Mein Geschichtslehrer nannte diese tröstliche Erkenntnis den »Schweinezyklus der Geschichte«: Noch auf jede Spätzeit ist über kurz oder lang eine neue Frühzeit gefolgt.

Quelle: http://www.mystica.tv/der-schweinezyklus-der-geschichte-david-salokin/

Reinkarnation: Wie oft leben wir wirklich?

»Ich leb schließlich nur einmal!« Wer hat diesen Satz nicht schon oft zu hören bekommen, wenn es darum ging, sich durch kleine, eigentlich »unvernünftige« Handlungen vom Joch moralischer wie ökonomischer Grenzen zu befreien. Mit dem Argument der Einmaligkeit des Lebens rechtfertigen verschuldete Menschen unnötige Ausgaben, Übergewichtige ein zweites Dessert und Ehebrecher eine geheim zu haltende Romanze. Wer nur einmal lebt, so der Tenor der Eigennachsicht, hat ein gewisses Recht darauf, diese überschaubare Zeit nicht bloß zu arbeiten, zu erdulden und zu funktionieren. Die Konsequenzen der Einmaligkeit der eigenen Existenz wurde in der deutschen Sprache vielleicht nie schöner formuliert als vom Komponisten und Librettisten des »Waffenschmieds«, ALBERT LORTZING (†1851): »Man wird ja einmal nur geboren, darum genieße jedermann, das Leben, eh es noch verloren, so viel als er nur immer kann. Doch muss man, wahrhaft froh zu leben, sich mit Verstand der Lust ergeben. Ich hab den Wahlspruch mir gestellt: Man lebt nur einmal in der Welt!«

Wer immer in Zukunft LORTZINGS Wahlspruch für sich in Anspruch nahm, tat es mit Sicherheit selten im Kontext christlicher Wertausübung, galt er doch vor allem der Entschuldigung kleinerer wie größerer Vergehen. Und doch ist das Konzept der Einmaligkeit des Lebens ein zutiefst christliches Erbe. Die Vorstellung, nur ein einziges Mal »auf der Welt« zu sein, ist die Folge jüdisch-christlicher Interpretation ihrer Quellen und Propheten. Auch der Islam folgt, bis auf wenige Ausnahmen, dieser »monobiotischen« Philosophie. Die gegenteilige Vorstellung, Leben sei eine Abfolge wiederholter Geburten und Verkörperungen, wird als typisch asiatisch angesehen und im Allgemeinen mit dem Buddhismus wie dem Hinduismus in Verbindung gebracht. Fast scheint es so, als sei der Glaube an die einmalige »Inkarnation« etwas typisch monotheistisches, der Glaube an »Reinkarnation« hingegen ein Überbleibsel polytheistischer Religionen und Kulturen.

WAS IST REINKARNATION?

Unter Reinkarnation (»Wieder-Fleischwerdung«) versteht man ganz generell eine an den Tod (die »Exkarnation«) angeschlossene erneute Manifestation einer Seele (oder eines mentalen Prozesses). Der neolateinische Begriff »Reinkarnation« geht auf den Spiritisten ALAN KARDEC (†1869) zurück und ersetzt die zuvor üblichen griechischen Bezeichnungen Metempsychose und Palingenesia. Synonym werden häufig die deutschen Entsprechungen »Seelenwanderung« oder schlicht »Wiedergeburt« verwendet.

Neben den bereits erwähnten asiatischen Traditionen gibt es zahlreiche andere Kulturen und Religionen, die an eine mehrmalige Inkarnation der Seele glaub(t)en. In den meisten historischen wie zeitgenössischen Fällen handelt es sich um Untergruppen bzw. eigenständige Strömungen innerhalb einer Hochreligion, in der Reinkarnation keine Rolle spielt oder im Gegenteil mehrheitlich sogar abgelehnt wird.

In der griechischen Antike machten sich Philosophen wie EMPEDOKLES, PYTHAGORAS und PLATON für eine körperliche Wiedergeburt stark. Jüngster Vertreter dieser Schule war der byzantinische Gelehrte PLETHON (†1450). Neben den christlichen Gnostikern glaubten, antiken Quellen zufolge, auch die Kelten und die Ägypter an die Wiedergeburt, was zumindest für letztere jedoch nicht Bestandteil der aktuellen Forschungsmeinung ist. Im Mittelalter entstandene Reinkarnationsvorstellungen sind eng mit den Katharern (Christentum), den Chassidim (Judentum) und den Drusen (Islam) verbunden. Während erstere als Ketzer von der Kirche ausgerottet wurden, ist der Glaube an »Gilgul« (Reinkarnation) im orthodoxen Judentum noch heute anzutreffen. Die Drusen, eine im Libanon, Syrien und Israel ansässige Glaubensgemeinschaft, stellt neben einigen Sufis die einzige islamische Tradition dar, die mehrheitlich von einer Reinkarnation der menschlichen Seele ausgeht.

Infolge des Interesses an den großen asiatischen Philosophien Ende des 19. Jahrhunderts gerieten – zunächst über die Theosophie und die Anthroposophie – immer mehr westlich geprägte Menschen in den Bann einer »möglichen Wiedergeburt«. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ergab 2001, dass 40% der Befragten ein Leben nach dem Tod und knapp die Hälfte davon die Vorstellung einer erneuten Wiederverkörperung ihrer Seele für möglich hielten, Zahlen, die sich in aktuellen Umfragen sogar noch annähern: 2010 glaubten dem Nürnberger Marktforscher GfK zufolge 35,4% an ein Fortbestehen der Seele und ganze 21,3% an eine wie auch immer geartete »Wiedergeburt«. Vielen vom Christentum und den staatlichen Ideologien des 20. Jahrhunderts enttäuschten Menschen erscheint die Auffassung, noch einmal geboren zu werden, als tröstlich, ganz im Gegensatz zur Interpretation der Reinkarnation in ihren »Ursprungsgegenden.« Versucht man im Buddhismus wie im Hinduismus mit allen Kräften, weiteren Leben auf der Erde zu entgehen, erscheint im Westen die Aussicht auf eine durch Wiedergeburt ermöglichte Verlängerung der eigenen Existenzdauer als vielversprechende Alternative zum Konzept von Zerfall, Bestrafung und ewiger Glückseligkeit. So steht der wachsende Zuspruch zu Reinkarnationsvorstellungen nur scheinbar im Widerspruch zur Philosophie des »Man lebt nur einmal.« Wiederholte Verkörperungen werden nicht als Quelle sich ständig wiederholender Qualen, sondern vielmehr als Garant sich ständig wiederholender Chancen
verstanden.

Heutige Wissenschaftler behandeln Reinkarnation als nichtreligiöses Phänomen und versuchen deshalb, Begriffe wie »Seele« oder »Geist« bei der Benennung der reinkarnierten Identität zu umgehen, und greifen stattdessen auf neue Begriffe (wie das »extra-zerebrale Gedächtnis« von H.N. BANERJEE) zurück. »Es gibt etwas Essentielles in manchen Persönlichkeiten, wie immer wir es charakterisieren, das nicht plausibel in Begriffen wie ‚Hirnzustände‘ oder ‚Eigenschaften von Hirnzuständen‘ oder ‚vom Gehirn erzeugte biologische Eigenschaften‘ zu erklären ist, da nach dem biologischen Tod dieser nicht-reduzierbare essentielle Wesenszug für einige Zeit fortzubestehen scheint, auf irgendeine Weise, an irgendeinem Ort, aus irgendeinem Grund, unabhängig vom Gehirn und vom Körper des betreffenden Menschen. Darüber hinaus lassen sich nach einiger Zeit einige dieser unreduzierbaren, essentiellen Wesenszüge einer menschlichen Persönlichkeit – aus welchen Gründen und mit welchem Mechanismus auch immer – in anderen menschlichen Körpern nieder, entweder während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt.« (Robert Almeder, A Critique of Arguments Offered Against Reincarnation)

REINKARNATIONSFORSCHUNG

Etwa zeitgleich mit einer Ausbreitung der Reinkarnationslehre im Westen im Umfeld der Hippie-Bewegung begannen auch Wissenschaftler, sich mit dem Phänomen der Wiedergeburt auseinanderzusetzen. Ursprung dieses akademischen Interesses bildet das Werk des kanadischen Biochemikers und Psychiaters IAN STEVENSON (†2007), der 1961 das erste Mal nach Indien reiste und seine für ihn selbst überraschenden Erkenntnisse über Reinkarnationsberichte 1966 unter dem Titel »Twenty cases suggestive of reincarnation« (zu deutsch: »Der Mensch im Wandel von Tod und Wiedergeburt«) publizierte.

STEVENSON konzentrierte sich bei seinen Forschungen weitgehend auf die Berichte von Kindern, um die Möglichkeit zu minimieren, dass es sich bei der »Erinnerung« an vergangene Leben in Wirklichkeit um bewusst oder unbewusst erworbenes Wissen handelt. Um es zuzuspitzen: Eine Engländerin Mitte 40, die sich seit ihrer Schulzeit für das Alte Ägypten interessiert und zahlreiche Bücher verschlungen hat, darf schon aufgrund logischer Gesichtspunkte nicht als zuverlässig gelten, wenn es darum geht, aufgrund ihrer Aussagen zu beweisen, dass es sich bei ihr um die Reinkarnation einer altägyptischen Prinzessin handelt, auch wenn dies in esoterischen Kreisen leider immer wieder der Fall ist. Man stelle sich vor, alle derzeit »reinkarnierten« KLEOPATRAS hielten ein jährliches Treffen in ihrer alten Hauptstadt Alexandria ab; mit Leichtigkeit ließe sich so die touristische Winterflaute dieser im Sommer pulsierenden Stadt am Mittelmeer beheben.

STEVENSONS Bericht ergab, dass Kinder in der Regel zwischen zwei und vier Jahren damit beginnen, von früheren Leben zu berichten, und zwischen sieben und acht wieder damit aufhören. Gegenstand ihrer Erinnerungen ist der ehemalige Wohnort, der Name von Angehörigen sowie der eigene, auffallend häufig gewaltsame Tod. Viele Kinder verfügen darüber hinaus über Muttermale und Missbildungen an Stellen, an denen Sie tödlich verletzt worden sind bzw. haben charakteristische, erst im Zusammenhang mit der vermeintlichen Todesart erklärbare Ängste und Phobien (z.B. Wasserangst infolge Ertrinkens).

STEVENSON betont, dass die Offenheit, mit der zum Beispiel die Drusen jenen Kindern begegnen, die von früheren Leben erzählen, die Anzahl der überlieferten Fälle stark ansteigen lässt. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, warum sich der Forscher lange Zeit ausschließlich mit Kindern aus Kulturen beschäftigte, die ohnehin an Wiedergeburt glauben. Kinder in Reinkarnations-feindlichen Gesellschaften hingegen kommen selten zu Wort, wohl auch, weil diese Berichte gar nicht erst an die Öffentlichkeit – und damit an die Ohren des Forschers – gelangen. Dies brachte ihm freilich auch den Vorwurf ein, sich auf Kinder zu verlassen, die unabhängig von echten »Erinnerungen« bereits mit Reinkarnationsvorstellungen in Kontakt gekommen waren und deren »kindliche Phantasie« somit nur den letzten Schritt alleine zu gehen brauchte.

Die Wissenschaftlichkeit von STEVENSONS Untersuchung bestand darin, die Fälle von Erinnerungen nicht bloß aufzuzeichnen, sondern sie auch auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. Zu diesem Zweck sammelte er vom Kind (und dessen Familie) möglichst viele belastbare Fakten über das angebliche frühere Leben, die ihm weiterhelfen konnten, den Verstorbenen eindeutig zu identifizieren. Wann immer dies möglich war und ein Toter zu den Beschreibungen des Kindes passte, brachte man den »Reinkarnierten« in das Haus seiner »ehemaligen« Familie, wo man ihn einer Reihe von Tests unterzog, die an die Rituale zur Auffindung eines neuen DALAI LAMA erinnern.

Exemplarisch für seine Vorgehensweise sei hier eine Stelle aus dem Bericht über den kleinen IMAD ELAWAR zitiert, den er in das in einem anderen Dorf liegende Haus der Familie Bouhamzy brachte. »Man zeigte Imad zuerst eine ziemlich kleine Fotografie von (seinem Bruder) Fuad in Militäruniform. Er erkannte dieses nicht wieder. Als man ihn aber fragte, von wem ein großes, an der Wand hängendes Ölbild sei, sagte er richtig: ‚von Fuad‘. Als man ihm eine mittelgroße Fotografie von IBRAHIM BOUHAMZY zeigte und ihn fragte, wer das sei, antwortete Imad: ‚Ich.‘ In diesem Fall hatte man ihm souffliert, sie sei von seinem Bruder oder Onkel, aber niemand hatte ihm den Wink gegeben, dass sie von Ibrahim war.« Selbst komplizierte Fragen, wie jene nach dem Aufbewahrungsort »seines« Werkzeugs oder nach der Form der Heizung wusste Imad korrekt zu beantworten. Durch STEVENSONS Notizen, die er selbst und noch vor der Begegnung der beiden Familien Elawar und Bouhamzy machte, sowie durch seine Nachforschungen vor Ort gelang es ihm, mit Sicherheit auszuschließen, dass es sich in Imads/Ibrahims Fall um Erinnerungsfehler seiner Kronzeugen oder vorsätzlichen Betrug handelte. Die starke emotionale Verbindung zu seiner »alten« Familie zeigte sich noch bis in Imads Jugendjahre hinein; als er z.B. 1973 vom Tod der Mutter Ibrahims erfuhr, zeigte er sich sehr betrübt und äußerte sich verärgert über den Umstand, nicht zur Beerdigung »seiner Mutter« eingeladen worden zu sein.

Im Gegensatz zu früheren Berichten über Reinkarnationserfahrungen, die im Laufe der Geschichte immer wieder belegt sind – im frühen 20. Jahrhundert berühmt geworden sind die Fälle der SHANTI DEVI/LUGDI DEVI und der VIRGINIA TIGHE/BRIDEY MURPHY – sah es STEVENSON als seine wissenschaftliche Pflicht, jeden einzelnen Fall so zu überprüfen, wie wir es bereits von der Parapsychologie her kennen: erst wenn wirklich jede andere Erklärungsmöglichkeit ausgeschlossen werden kann, sprach er von einem Fall, der Reinkarnation »nahelege«, ohne ihn freilich zum Beweis für Wiedergeburt als einem allgemeinen Prinzip zu stilisieren. Folgende Ursachen für die Reinkarnationsberichte eines Kindes mussten für STEVENSON zunächst eleminiert werden:

1. Betrug
2. Selbstbetrug
3. Kryptomnesie (bloßes Vergessen der Quelle der Erinnerung)
4. Paramnesie (Gedächtnisfehler des Kinds oder der Eltern)
5. Genetisches Gedächtnis
6. Außersinnliche Wahrnehmung
7. Besessenheit

REGRESSIONSTHERAPIEN

Etwa zeitgleich mit STEVENSONS Studien über die Aussagen »Reinkarnierter« begannen andere Psychologen wie THORWALD DETHLEFSEN, HELEN WAMBACH, BRIAN WEISS oder JOEL WHITTON, ihre Patienten selbst in vergangene Leben »zurückzuführen«. DETHLEFSEN beschreibt in seinem Klassiker der esoterischen Reinkarnationsliteratur »Das Erlebnis der Wiedergeburt«, wie er 1968 per Zufall auf diese Form der »Rückführung« stieß: Nachdem er einen jungen Ingenier durch Hypnose dazu gebracht hatte, einige einschneidende Erfahrungen seines Lebens in der therapeutischen Sitzung zu rekapitulieren, versuchte er herauszufinden, »ob es wohl auch möglich sei, die eigene Geburt wiederzuerinnern oder sogar wiedererleben zu lassen.« Der Versuch gelang, der Hypnotisierte schilderte unter Stöhnen und mit verändertem Atemrhythmus die eigene Geburt. »Dieser für mich überraschende Erfolg ermutigte mich, noch weiter in der Zeit zurückzugehen. Ich suggerierte ihm, er befände sich im Mutterleib, drei Monate vor seiner Geburt. Und schon erzählte er uns von seinen Eindrücken als Embryo. Doch ich wollte an diesem Abend noch mehr wissen. Ich suggerierte: Wir gehen jetzt noch weiter zurück – und zwar so lange, bis du auf ein Ereignis stößt, das du genau schildern und beschreiben kannst…« DETHLEFSEN erzählt, wie sein Proband nach einer kurzen Pause die Geschichte eines Mannes erzählte, »der 1852 geboren war, GUY LAFARGE hieß, im Elsass lebte, Gemüse verkaufte und schließlich als Stallknecht 1880 starb.« Der überraschte DETHLEFSEN wiederholte das Experiment mit anderen Patienten, und immer wieder tauchten vor den Geburtsschilderungen Fetzen von »Erinnerungen« auf, die eindeutig nicht mit dem jetzigen Leben des Hypnotisierten in Verbindung standen.

Das war der Beginn einer ganzen Flut von »Rückführungen«, die teilweise unter Hypnose, teilweise in Trance gemacht und von ihren Initiatoren dokumentiert wurden. Während sich HELEN WAMBACH auf die Schilderungen vergangener »Tode« spezialisierte, versuchten Forscher wie MICHAEL NEWTON oder TRUTZ HARDO, durch »karmische Ursachenforschung« tiefsitzende Traumata (wie die bereits geschilderten Ängste und Phobien von STEVENSONS Kindern) aufzulösen und nannten sich fortan »Reinkarnations-Therapeuten«.Grundlage ihrer Tätigkeit ist die Annahme, psychische wie körperliche Probleme hätten ihre Grundlage häufig in früheren Inkarnationen und könnten durch eine Wiedererinnerung verarbeitet werden. Wieder andere Forscher (wie WHITTON) versuchten, die Methode der Rückführung als Tor zum Jenseits zu nutzen und über die Erzählungen ihrer Probanden allgemeingültige Erkenntnisse über das »Leben zwischen den Leben« zu gewinnen.

Doch was ist dran an den Berichten der Hypnotisierten? Immer wieder ist versucht worden, die Aussagen der »Zurückgeführten« von Historikern überprüfen zu lassen, was sich aufgrund der historischen Quellenlage nicht immer als einfach erwies. Während sich BRIDEY MURPHY klar als ein Fall von Betrug bzw. Selbstbetrug entlarven ließ, waren viele Schilderungen vergangener Lebensbedingungen durchaus korrekt. Fälle von Xenoglossie (der Hypnotisierte sprach eine fremde, ihm zumindest in diesem Leben nicht vertraute Sprache) wie die Schilderung von den Probanden unmöglich vertrauten historischen Details legen zumindest in manchen Fällen eine Richtigkeit der Aussagen nahe – wie immer man diese auch interpretieren mag.

IST REINKARNATION BEWEISBAR?

Trotz den geschilderten Rückführungen und Stevensons beinahe 50jähriger Forschung, die inzwischen von seinem Kollegen BRUCE GREYSON fortgeführt wird, gelten Reinkarnation und Erinnerungen an ein vergangenes Leben bis heute als unter Wissenschaftlern äußerst umstritten. Ein besonders prominenter Kritiker an Stevensons Schlüssen wie Methoden ist der Philosoph PAUL EDWARDS: »Was ist wahrscheinlicher – dass es ‚Astralkörper‘ gibt, die in den Bauch von werdenden Müttern eindringen und das Embryo geistig ‚besetzen‘, dass sich Kinder an Ereignisse aus dem Leben von Personen erinnern, deren Gehirne schon lange tot sind? Oder dass STEVENSONS Kinder, ihre Eltern, die Zeugen und andere Informanten, unbeabsichtigt oder nicht, die Unwahrheit sagen – dass sie fabulieren, dass ihr fehlbares Gedächtnis und ihre schlechte Beobachtungsgabe sie dazu gebracht haben, falsche Aussagen zu machen und bei so genannten Wiedererkennungen zu schwindeln?« (Paul Edwards, Reincarnation: A Critical Examination)

Mehr noch als in den bereits geschilderten Fällen von Außersinnlicher Wahrnehmung, Telekinese und Nahtoderfahrungen scheint die Reinkarnationsforschung die Wissenschaft zu spalten. Fast scheint es, als ob die »religiöse Vorbelastung« dieses delikaten Themas eine wertneutrale Betrachtung der konkret vorliegenden Fakten besonders schwierig werden ließe. Wer sich also ernsthaft mit dem Thema der Reinkarnation beschäftigen möchte, ohne sogleich vom Fragenden zum Glaubenden überzugehen, sollte sich den Rat des Dokumentarfilmers MANUEL MITTERNACHT (»Reinkarnation«) zu Herzen nehmen, der dazu rät, den Ursprung jeder Quelle und die Gesinnung ihres Erzeugers ganz genau unter die Lupe zu nehmen: »Wissenschaftler, die mit den Aussagen von Kindern oder mit Muttermalen die Unsterblichkeit der Seele nachweisen wollen, sollten mit der gleichen Skepsis betrachtet werden wie uninformierte Kritiker, die das Gegenteil behaupten…«

Wie immer man sich persönlich zur Möglichkeit einer körperlichen Wiedergeburt verhält: ganz im Gegensatz zur scheinbaren Kompliziertheit ihrer physischen Umsetzung (vgl. die beißende Kritik EDWARDS) steht ihr schlichter philosophischer Charme. An die Stelle von Zufällen und unverständlichen Winkelzügen eines scheinbar ungerechten Gottes treten Weiterentwicklung und Eigenverantwortung und sorgen für eine gewisse Geborgenheit im ewigen Wandel von Raum und Zeit. Unabhängig von ihrer Beweisbarkeit ist es der alten Metempsychose gelungen, gleich zwei Grundbedürfnisse des postmodernen Menschen miteinander zu verbinden: den Glauben an den Fortschritt und das nicht minder einflussreiche Vertrauen in die Segenswirkung des Individualismus. Neben der Fähigkeit, sich angstfrei mit den eigenen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen, ermöglicht das Erlebnis der eigenen Tiefe in der Zeit zudem etwas, was vielen Menschen durch das Ende von Religion und Sinn schon verloren geglaubt schien. »Der Glaube an Reinkarnation schenkt dem Menschen Bedeutung… Jeder einzelne ist inkarnierte Unendlichkeit.« (Georg Schmid, Anfang und Ende des Glaubens an Reinkarnation)

Die Würde der Ursächlichkeit

Im Rückblick besteht das Leben aus wenigen wertvollen Momenten – und viel verlorener Zeit. Verloren nicht deshalb, weil uns die Momente im Augenblick ihrer Gegenwart wertlos erschienen wären oder gar überflüssig. Verloren deshalb, weil sie den Wettbewerb mit den wenigen wertvollen Momenten im Nachhinein nicht bestanden haben. Was aber macht einen Moment so wertvoll, dass man sich an ihn erinnert? Ich meine: es ist der Grad, in dem wir uns im Innersten berührt gefühlt haben. Indem es der Außenwelt für einen Augenblick gelungen ist, auf unseren Grund zu stoßen, etwas in uns zum Klingen zu bringen. Ob durch eine Idee oder einen Kuss, ein Lächeln oder einen Sommerregen.

Eine dieser unspektakulären Erinnerungen, die ich nicht mehr loswerde, entspringt einer Vorlesungsreihe, die ich sonst vielleicht schon vergessen hätte. Es war in einem dieser langen, sonnigen Sommer meines Studiums, in dem mir Freunde davon erzählt hatten, Rémi Brague, ein ausgesprochen interessanter Professor, sei aus Frankreich zu Gast in München und halte hier eine Vorlesung über die Philosophie des Mittelalters. Nun war ich weder ein Student der Philosophie, noch hegte ich besonderes Interesse an diesen europäischen Dark Ages. Doch die Begeisterung, die meine Freunde ausstrahlten, verfehlte ihre Wirkung nicht. Und so kam es, dass ich ab der kommenden Stunde keine einzige dieser Veranstaltungen mehr versäumte.

Ein ganzes Semester Vorlesung mit Dutzenden von mitgeschriebenen Seiten haben es nicht geschafft, in meiner Erinnerung einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen; doch dieses Schicksal teilen sie im Grunde mit fast jeder anderen studentischen Lektüre oder Veranstaltung. Ein Satz aber von Hunderten, vielleicht Tausenden ist zu einem dieser wertvollen Momente geworden, von denen ich eingangs gesprochen habe: »Es gibt gewisse Mitteldinge der göttlichen Vorsehung, weil Gott die unterlegenen Dinge durch die Höheren regiert, nicht weil irgendein Mangel an seiner Kraft besteht, sondern wegen seines Überflusses an Güte ist es, dass er die Würde der Ursächlichkeit seinen Geschöpfen mitteilen will.«

Dieser Satz ist rund 800 Jahre alt und stammt aus Thomas von Aquins bahnbrechendem Werk Summa Theologica. Seinen zentralen Gedanken fasste unser französischer Professor wie folgt zusammen: Weil Gott dem Menschen das größte Geschenk mit auf den Weg geben wollte, über das er verfügte, ließ er die Welt unvollkommen – nur so konnte er seine Geschöpfe, allen voran den Menschen, dazu bewegen, selbst schöpferisch tätig zu werden. Auf die Jahrtausende alte Frage, warum die Götter, warum ein lieber Gott die Welt so ungerecht sein lässt, findet der mittelalterliche Philosoph eine ebenso einfache wie poetische Antwort: Weil er damit den Grundstein zur Kreativität in uns legte.

Aquin spricht von der »Würde, als Ursache aufzutreten«; wir könnten auch sagen: der tiefen Befriedigung, die es mit sich bringt, wenn wir dem Künstler in uns begegnen. Es ist also eine Mär, dass erst das Zeitalter der modernen Demokratien (und Künstler wie Beuys oder Warhol) den Gedanken ermöglicht hätten, jeder von uns besäße ausreichend Potential, um kreativ tätig zu werden. Kreativität, das ist nicht nur Malerei und schöne Musik. Es ist auch: die Fähigkeit, neuen Herausforderungen mit unkonventionellen Denkansätzen zu begegnen; die eigenen Muster zu überwinden; dem Käfig altbekannter Strukturen zu entkommen und neue Strategien zu entwickeln.

Ein altbekanntes Spruchwort sagt: »Kunst kommt von Können.« Das ist nicht nur sprachgeschichtlich korrekt, sondern stimmt auch in einem doppelten Sinne. Kunst ist – all ihrem Facettenreichtum zum Trotz – vor allem eins: ein Überbegriff für etwas, das getan werden muss. Gedanken oder Phantasien reichen nicht aus, um eine Kunst zu betreiben, so gerne das gewisse »Lebenskünstler« auch für sich reklamieren. Ein Künstler ist jemand, der sich auf eine Reise begibt. Indem er tätig wird, äußert er zugleich seine Unzufriedenheit über das Bestehende wie seine Hoffnung auf bessere Zeiten. Sei es, während er schafft, oder sei es, wenn das Kunstwerk der Vollendung entgegen gegangen ist.

Man mag Thomas von Aquin für einen Romantiker halten und seine Erklärung der Unvollkommenheit der Welt für einen billigen Versuch, Gott mit einer charmanten Geschichte gegen die Zweifel des Menschen in Schutz zu nehmen. Eines aber muss man ihm lassen: Im Gegensatz zum Menschen als Untertan, zum Menschen als Opfer des Sündenfalls und als triebgesteuertes Produkt der Evolution hat er ein Bild unserer Spezies entworfen, das jenseits aller Zeiten, Kulturen und Religionen Bestand haben wird: der Mensch als Schöpfer, als kreatives und vernunftbegabtes Wesen. Jeder, der einmal vier Wochen am Strand gelegen ist oder ein Jahr lang arbeitslos war, konnte am eigenen Leib erfahren, was uns Aquin mit seiner poetischen Idee zu vermitteln vermag: Das Tier in uns mag sich vor Hunger, Einsamkeit und Kälte fürchten; der Mensch in uns tut es vor Nutz- und Sinnlosigkeit. Das beste Mittel, diesem Mangel an innerer Lebendigkeit zu entgehen, ist Liebe; das Zweitbeste aber: die Kunst.