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Die Zeit ist reif

Die Zeit, in der wir leben, scheint uns nicht mehr zu tragen. Unsere Tage sind Erinnerung an das Gestern, sind Gesten, die ins Morgen ragen. Nicht der gilt als Phantast, der von einer glänzenden Zukunft träumt, sondern der, der träumt von einer Zeit, die ihm den Glauben an die Zukunft lässt. Nicht der Frieden, sondern der Wunsch nach einer Waffenruhe bestimmt unsere Nachrichtenflut und enthauptet mit den Geiseln auch unsere Zuversicht.

Wer in diesen Tagen darauf pocht, Zeuge einer Zeitenwende zu sein, wird allenthalben Gleichgesinnte finden. Ob Syrien, die Ukraine oder Israel – das Weltkriegsjubiläumsjahr macht seinem Namen bislang alle Ehre. Kein Wunder also, dass selbst Nachrichtenverächter ein sanftes Gruseln verspüren, denken sie zurück an dieses abstinente Sommerloch. Grund genug für uns, die Köpfe in den Sand zu stecken und folgsam auf den Untergang zu warten?

Ich behaupte: Nein! Wer historische Vergleiche schätzt, braucht sich nicht mit dem Jahr 1914 zufrieden zu geben. Ein Blick in wesentlich ältere Schriften verrät: Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Die Älteren unter Ihnen werden sich noch daran erinnern: Am Anfang der sich überschlagenden Ereignisse steht eine geistige Revolution mit dem Namen Aufklärung. Nur 100 Jahre später erfolgte ihr Produkt gewordener Bruder: die industrielle Revolution, maßgeblich verursacht durch die Erfindung der Dampfmaschine. Alles, was unsere Gesellschaft heute entscheidend prägt, geht auf diese Zeit zurück: Automatisierung, Sozialstaat und Bildung für alle – aber auch Entfremdung, Sinnverlust und Beschleunigung.

Ist unsere Zeit deswegen eine Art notwendige Folge dieser Geistesblitze und Erfindungen?  Durchaus nicht. Die scheinbare Alternativlosigkeit historischer Entwicklungen ist alles, nur nicht eines: alternativlos. Für diese Theorie gibt es einen ganz einfachen Beleg: die griechischen Autoren der Antike. Rationalistische Religionskritik bis hin zum Atheismus? Längst dagewesen: in der attischen Sophistik, 5. Jahrhundert vor Christus. Die Dampfmaschine, der Ursprung der Automatisierung? Längst dagewesen: Im 1. Jahrhundert nach Christus, erfunden von Heron, dem Alexandriner. Erlebten wir deshalb ein antikes Zeitalter der Aufklärung und der Industrialisierung? Nein. Herons Erfindung blieb ebenso ohne Folgen wie die blasphemischen Theorien der Sophisten.

Selbst Pazifismus und Vegetarismus ist keine Erfindung der Gegenwart, wie es oft den Anschein hat. »Sich des Beseelten zu enthalten, machte Pythagoras unter anderem auch deshalb zum Gesetz, weil diese Übung Frieden stifte. Gewöhnten seine Jünger sich nämlich, Tiermord als ungesetzlich und widernatürlich zu verabscheuen, so mussten sie erst recht das Töten eines Menschen für noch viel größeren Frevel halten und daher keine Kriege mehr führen.« Gelehrt im 6. Jahrhundert vor Christus, aufgeschrieben von einem spätantiken Philosophen des 3. Jahrhunderts. Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist, behauptete einst Victor Hugo, der politisch engagierte Goethe der Franzosen. War der Mensch der Antike demnach einfach nicht reif für Tierschutz, Vernunft und Maschinen?

Vielleicht. Ich meine aber, dass diese Betrachtung – nicht umsonst von einem Dichter der Romantik inspiriert – erneut in die Falle des Fatalismus lenkt. Wer bestimmt den Reifegrad einer Gesellschaft für Ideen, die den alten ganz einfach überlegen sind? Die Nachgeborenen – oder jene, die unmittelbar mit ihnen konfrontiert sind? Kolumnistin Sybille Berg schrieb neulich: »Die Welt verändert sich. Und wir bestimmen ein bisschen mit, in welche Richtung.« Ohne das literarische Genie Hugos und Bergs gegeneinander ausspielen zu wollen: Diese Frau hat einfach recht. Mag sein, dass die Zeit reif ist für jene, die begreifen, dass Demokratie sich nicht in der
Markierung eines Stimmzettels hinter einem Vorhang erschöpft. Politische Demokratie, in der Antike ebenso revolutionär wie unerfolgreich, ist heute zum Standart geworden. Doch wie steht es um die gesellschaftliche, die kulturelle Demokratie?

Wir entscheiden, ob sich der Islamische Staat als Alternative zur westlichen Demokratie etabliert – oder untergeht, weil ihm die ideelle und damit auch irgendwann die finanzielle Unterstützung ausgeht. Wir entscheiden, ob wir Wladimir Putin zum Totengräber der Entspannungspolitik aufsteigen lassen – oder ihn an seine Pflichten als Präsident eines einflussreichen und kulturell bedeutenden Landes erinnern. Wir entscheiden, ob wir Europas Regierungen zu Feinden des Internationalismus werden lassen – oder sie dazu zwingen, neue Visionen für das geeinte Europa zu etablieren.

Die Abwendung des antiken Menschen von Tierschutz, Vernunft und Maschinen und seine Hinwendung zu einer orientalischen Erlösungsreligion hatte viele Ursachen: ökonomische, politische, soziale und nicht zuletzt ideengeschichtliche. Religion ist mehr als der Glaube an Gott oder die Götter. Sie war zu jeder Zeit der ganzheitliche Ausdruck einer Einstellung des Menschen zu seiner Welt. Sie spiegelte, wie heute noch, wider, was er von seinem Leben erwartete – bis hin zu einer Verlängerung desselben über den Tod hinaus. In keinem Feld unseres Lebens besitzen wir mehr Macht als in der Religion. Es wird Zeit, uns diese Verantwortung ins Gedächtnis zu rufen.

Religion, das ist die Antwort des Menschen auf seine Lebensumstände. Sorgen wir für eine Gegenwart, die den Unzufriedenen der Welt einen Glauben an die Zukunft lässt. Unsere Nachgeborenen werden es uns danken.

Die Liebe, die uns fehlt

Einer der Gründe, warum ich diese Kolumne zu schreiben begonnen habe, ist das unbestimmte Gefühl, dass es einen entscheidenden Unterschied für unser Leben macht, was oder an wen wir glauben. Wer in unserer Zeit groß wird, bekommt früh zu hören, dass alles bereits gedacht, alles bereits gesagt worden ist. Kein leichtes Schicksal für eine Kultur, in der Originalität zu den Haupttugenden zählt. Was immer wir glauben, ist für unsere Gesellschaft sicher nicht sehr originell. Für den Einzelnen aber umso mehr.

Ob wir an einen Gott glauben oder nicht, an Geister oder Dämonen, Helden oder das Geld, ist nicht halb so wichtig wie die Frage, ob wir an eine Ordnung glauben, die dem Chaos in unserem Leben einen Sinn verleiht – oder nicht. Intellektuelle und Künstler neigen heute dazu, diese Frage angesichts unserer verheerenden Geschichte und der Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu verneinen. In ihrem Roman »Der Mann schläft« resümiert Sibylle Berg das Mantra einer Gesellschaft, die sich weder Fügung noch Karma vorstellen kann: »Es ist alles Zufall. Nichts hat man sich verdient, gutes Benehmen garantiert kein langes Leben, es gibt weder Gerechtigkeit noch Vernunft, es gibt keine göttliche Weltordnung oder was auch immer wir herbeisehnen, um uns nicht ausgeliefert zu fühlen. Es kann alles vorbei sein in der nächsten Sekunde, oder noch schlimmer: Es kann alles genauso weitergehen.« Die in Breslau geborene Dichterin Dagmar Nick gießt dieselbe existentielle Verlorenheit in eine noch poetischere Sprache: »Wir treiben durch luftlose Räume / Erloschenen Angesichts. / Die Nächte verweigern uns Träume, / die Sterne sagen uns nichts. // Wir haben den Himmel zertrümmert. / Das Weltall umklammert uns kalt.«

Was genau unterscheidet das Weltall vom Himmel und warum macht uns nicht glücklich, worin Friedensaktivist John Lennon noch die Lösung all unserer Probleme wähnte? Imagine there’s no heaven – above us only sky! Die Antwort liegt auf der Hand: Im Kosmos herrscht ein klares Kommunikationsproblem – der Himmel aber spricht zu uns mit Engelszungen. Was uns fehlt, ist weniger ein rationales Sinngefüge, die gedankliche Erkenntnis einer alles erklärenden Struktur als vielmehr: Aufmerksamkeit.

Die Gleichgültigkeit, mit der uns die Welt heute scheinbar gegenübertritt, beleidigt nicht nur unseren angeborenen Sinn für die eigene Bedeutung, sie verletzt auch das kindlichste und vielleicht kostbarste unserer Gefühle: die Sehnsucht danach, geliebt zu werden. Wie eine Studie der American Sociological Association 2010 zeigte, liegt einer der Hauptgründe für das subjektiv empfundene Glück vieler Konvertiten bzw. religiös »Wiedergeborenen« denn auch nicht im spirituellen Bereich. Ihr Fazit lautet: Nicht die Häufigkeit der Gebete oder gar der Gottesdienstbesuche, sondern die in den spirituellen Gemeinschaften erfahrenen Freundschaften verleihen den neuen Religiösen das gewisse Etwas. Viele Konvertiten sagen zudem aus, dass ihnen die neue Religion neben einem »Sinn« vor allem einen »Sinn für die Liebe« mit auf den Weg gegeben habe: Darin sind sich Christen, Muslime und Buddhisten einig. Interessanterweise beschreibt die Religionswissenschaftlerin Anne Sofie Roald die Konversion selbst als einen höchst emotionalen Akt, dessen erste Stufe den Namen »falling in love« – »sich Verlieben« – trägt.

Die Liebe nicht nur im zwischenmenschlichen, sondern auch im kosmischen Zusammenhang gehört mit Sicherheit zu den wirksamsten Gegnern moderner Sinnentleerung. In seinem flott geschriebenen und tiefgründigen Buch »Buddhismus 3.0«, das im englischen Original den treffenderen Titel »One City« trägt, entwirft der Meditationslehrer Ethan Nichtern ein verführerisches Gegenmodell zu der latent vorhandenen Angst, allein auf dieser Welt zu sein, abgeschnitten von aller göttlichen wie menschlichen Fürsorge. Seine These: Die Produkte, die wir nutzen, die Entscheidungen, die wir treffen – sie alle bilden das wahre »Internet«. In seiner humorvollen Einleitung schreibt er: »Zu diesem Zeitpunkt habe ich meine Wohnung noch immer nicht verlassen.Trotzdem bin ich schon mit dem größten Teil der gegenwärtigen und ehemaligen Bewohner der Welt in Kontakt getreten und habe mich auf sie gestützt. Ich habe auch bereits Entscheidungen getroffen, die die gegenwärtigen und zukünftigen Bewohner der Welt betreffen. Dabei habe ich gar nicht wahrgenommen, dass ich überhaupt mit irgendetwas oder irgendjemandem Kontakt haben könnte.«

Nichtern macht auf einen schlichten Zusammenhang aufmerksam, der uns in unserer Verzweiflung nur zu oft zu entfallen scheint: Wir selbst sind für die Liebe verantwortlich, die wir anderen geben, nicht die Welt, nicht Gott, nicht das Universum. Verletzungen und Enttäuschungen sind keine überzeugende Ausrede dafür, unseren Mitmenschen – und damit uns selbst – jene Aufmerksamkeit zu entziehen, die sie und die wir verdienen. Gutes Benehmen garantiert kein langes Leben – aber der liebevolle Umgang mit unseren Nächsten führt zu einem glücklicheren Leben – garantiert. Denn: Die Liebe, die uns fehlt, tragen wir direkt in unseren Herzen.

Die schönste Sprache der Welt

Warum Lachen die kürzeste Brücke zu den Menschen ist – und eine Leiter in den Himmel

Ich schreibe diese Kolumne im Wartezimmer meines Augenarztes. Eine heftige Augenlidentzündung hat mich pünktlich zum Anbruch des Wochenendes niedergestreckt. Drei Tage Bettruhe, heiße Wattepads und regelmäßige Augenspülungen liegen hinter mir. Geholfen hat es wenig; noch immer sehe ich aus wie ein Laienboxer mit einer ausgemachten Defensivschwäche. Und das, wo nächste Woche so viel ansteht wie lange nicht! Mein Auge kichert verstohlen. Eben deshalb, entgegnet es mir gelassen. Höchste Zeit zu entspannen!

Mein Augenarzt liegt direkt an der Sonnenallee. Wenn ich Freunde aus dem Orient zu Besuch habe, bringe ich sie immer hierher. Sharia es-Schams, nenne ich sie dann. Wegen der zahlreichen arabischen Leuchtreklamen und Schilder, die sie gerade bei Nacht wie einen Stadtteil von Alexandria oder Beirut wirken lassen. Das Wartezimmer ist entsprechend gemischt. Als ich um die Ecke komme und unverhofft in ein proppenvoll gestopftes Stuhllabyrinth gerate, muss mir meine Überraschung ins lädierte Gesicht geschrieben gewesen sein. Schallendes Gelächter schwappt mir entgegen. Sogleich ist mein Selbstmitleid verflogen. Schüchtern lächle ich zurück, als mir eine der Damen den einzig verbliebenen Sitz – einen Kinderstuhl – anbietet.

Ich muss an einen Witz aus meiner Kindheit denken: »Fritzchen hört seinen Vater im Wirtshaus über die Leute am Nachbartisch schimpfen. ‚Überall diese Ausländer!‘ Neugierig geworden nähert er sich den dunkelhaarigen Männern und hört ihnen für eine Weile zu. Zurück beim Vater sagt er: ‚Das sind gar keine Ausländer, Papa!‘ Der Vater sieht ihn verwundert an. ‚Wie kommst Du denn darauf?‘ Fritzchen wartet ein paar Augenblicke, dann zeigt er auf die gut gelaunte Gruppe: ‚Die lachen deutsch!‘«

Lachen ist vielleicht die schönste Sprache der Welt. Nicht nur, weil es der Ausdruck (mit)geteilter Freude ist, sondern auch, weil sie uns auf die Grenzenlosigkeit menschlicher Verbundenheit aufmerksam macht. Lache, dann lacht Dir die Welt, lautete seit jeher der Wahlspruch meiner Mutter. Ohne es zu wissen, hat sie mir damit einen Schlüssel zur Erforschung der Welt an die Hand gegeben, der mir weitaus mehr Herzen geöffnet hat als die besten Sprachkurse und Kulturführer ihrer Zunft.

Lache, dann lacht Dir die Welt. Was klingt wie der Ausdruck naiver Weltvergessenheit, ist vielmehr eine Weisheit höchster spiritueller Natur. Ich kenne zumindest kein anderes Rezept, dem es innerhalb von Sekunden möglich wäre, acht leidende Einzelschicksale aus verschiedenen Sprachräumen in eine so spürbare Gemeinschaft zu verwandeln wie dieses ehrliche, spontane Lachen. Obwohl die kleinen Gespräche in gedämpftem Arabisch, Albanisch, Russisch oder Deutsch schon bald wieder einsetzten, fühlten sich alle Anwesenden für den Rest ihrer Gemeinschaft herzlich verbunden. Wann immer einer der Behandelten zurück zum Abholen seiner Garderobe kam, wünschte er der gesamten Runde in der gemeinsamen Sprache Deutsch eine aufrichtig gemeinte Gute Besserung, was von allen Anwesenden mit Freude erwidert wurde.

Humor und Völkerverständigung sind nicht nur keine Gegensätze, sondern vermutlich sogar das vielversprechendste Paar der Zukunft. Nicht umsonst gilt der jüdische Witz als Crème de la Crème der interreligiösen Humoristik. Diese in Jahrtausenden von Anfeindung und Ausgrenzung gestählte Wunderwaffe gegen die Frustration belegt anschaulich, wie überlebensnotwendig und heilsam die gelegentliche Relativierung der eigenen Überzeugungen sein kann. »Ein Jude will beim Rabbi Rat holen. Drei Stunden lang schwätzt er, dann fragt er: ‚Rabbi, was soll ich tun?‘ ‚Du sollst dich taufen lassen‘, rät der Rabbi. Der Jude ist beleidigt: ‚Rabbi! Was soll das?!‘ 􀀀Der Rabbi: ‚Dann kaust du in Zukunft dem Pfarrer den Kopf ab und nicht mir!‘«

Das Lachen, ein Geschenk des Himmels, um den Menschen das Leben leichter zu machen? Wer im Französischen ein Lachen als wirklich schallend und mitreißend bezeichnen will, tut dies jedenfalls unter Hinweis auf die olympischen Götter mit der Bezeichnung rire homérique – »homerisches Gelächter«. Der Religionswissenschaftler Harald-Alexander Korp entwickelte in seinem Buch »Lachende Propheten« sogar eine eigene »Gelo-Theologie« – eine Theologie des Lachens. Gotteslästerung? Wohl kaum. Wer je ein Bild des lachenden Dalai Lama gesehen hat, ahnt, wie nah sich menschliche Heiterkeit und ethisches Gewissen zuweilen sind. Nicht selten vermittelt der Pop-Star unter den spirituellen Führern seine Botschaften über witzig anmutende Geschichten. »Falls Du glaubst, dass Du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuch mal zu schlafen, wenn ein Moskito im Zimmer ist…«

Lachen ist nicht nur eine Brücke zu den Menschen, sondern auch eine Leiter in den Himmel. Das wusste auch der oft zu Unrecht als humorlos verschriene Prophet Mohammed, dem folgender Ratschlag zugeschrieben wird: »Erfrischt die Herzen von Zeit zu Zeit, denn müde Herzen werden blind.« Wann immer ich die verzerrten Gesichter der wütenden Fundamentalisten sehe, fühle ich mich denn auch eher an »Sieg Heil!« denn an die Heilsbotschaften unserer spirituellen Traditionen erinnert. Und so ist der Humor eines religiösen Mannes immer auch ein Hinweis auf den Grad seiner Erleuchtung.

Wie sagte doch einst der Großmeister des englischen Humors, Oscar Wilde? »Die Menschheit nimmt sich selbst zu ernst. Das ist die Erbsünde der Welt. Hätte der Höhlenmensch zu lachen verstanden, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.«

Der Stoff, aus dem die Weisen sind

Mit der Weisheit ist das so eine Sache. Als der griechische Philosoph Chairephon vom Orakel in Delphi wissen wollte, ob es einen Mann gebe, der noch weiser sei als sein Freund Sokrates, leugnete der konsultierte Gott, dass dies der Fall sei. Über den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote, die im Prozess gegen den Philosophen eine nicht unentscheidende Rolle spielte, streiten Historiker bis heute.

Fest steht, was Sokrates selbst im Rahmen seiner Verteidigungsrede so zusammenfasste: »Es scheint aber der Gott mit diesem Orakel dies zu sagen, dass die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts, und mich bloß zum Beispiel erwählt, wie wenn er sagen wolle: Unter euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, dass er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt«. Zuvor hatte sich der garstige Philosoph (der sich selbst einmal als die »Mücke am Arsch von Athen« bezeichnet hatte) eine Reihe von einflussreichen Feinden gemacht – als er unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern auf die Suche nach jener Weisheit ging, die sie so sicher in ihrem Besitze wähnten. Sein ebenso berühmtes wie niederschmetterndes Fazit lautete: »Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als sie, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.«

Wäre Sokrates kein Athener des 5. Jahrhunderts vor Christus, sondern heute in einer unserer Industrienationen zu Hause, er hätte vermutlich kein leichtes Spiel. Weisheit, so die Diagnose, stecken sich nur noch die Wenigsten ans eigene Revers; kein Wunder, ist Weisheit doch völlig aus der Mode gekommen. Zumindest unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern. Was heute zählt, hängt ganz vom jeweiligen Kundenstamm ab: ob kämpferisch oder gelassen, gewieft oder authentisch, halbstark oder pointiert – im Zeitalter des Konsumgottes sind selbst Ideale zur verhandelbaren Masse geworden. Die charakterliche Flexibilität, die uns die Erfordernisse des wuchernden Marktes abverlangt, ist keine gute Voraussetzung für Weisheitserwerb.

Verstehen Sie mich richtig: An falschen Propheten mangelt es uns nicht. Wie zu Sokrates Zeiten sprießen die Experten wie Pilze aus dem Boden und Zuschauer wie Journalisten nicken eifrig mit den Köpfen. Die Sokratischen Fragen sind dem rhetorischen Brei der Talkshows gewichen; eine Antwort erhalten wir Zuschauer aber ebenso wenig wie die Zaungäste und Leser des unermüdlichen Weisheitssuchers. Auf unserer Suche nach verlässlichen Quellen haben wir uns ähnlich diversifiziert wie in Kleidungs- oder kulinarischen Fragen: Den einen treibt es mit der Religion back to the roots, den anderen an den Herd von Wirtschaft und Geld, den nächsten an die Brust der Wissenschaft. Sie alle aber bleiben Gläubige und damit das, was Sokrates – mit Apollons Unterstützung – als Scheinweise entlarvt hat.

Umso berührender mutet es einen daher an, trifft man im Getöse der werbenden Gegenwart auf einen dieser Zeitgenossen, die man im sokratischen Sinne als weise bezeichnen möchte: In sich ruhende, gelassene Menschen, die dem Trubel ohne Desinteresse mit einer freundlichen Distanz begegnen, die auf jahrelange Erfahrung im humorvollen Umgang mit der eigenen und der fremden Begrenztheit schließen lässt. Wann immer wir auf einen solchen Menschen treffen, spüren wir, dass echte Weisheit ebenso wenig an Reiz verloren hat wie Loyalität, Liebe oder Gesundheit. Die Tatsache, dass sie bei der Formulierung unserer Ziele keine große Rolle mehr spielt, hat weniger mit unseren Wünschen zu tun als mit unserem Vertrauensverlust – in unsere Gesellschaft und in uns selbst. Ich kenne eine Frau, die weit über achtzig Jahre alt ist, den Holocaust überlebt hat und in Israel mit eigenen Händen an einer Utopie gebaut hat. Wer ihr begegnet, versteht, wie überraschend, bereichernd und humorvoll ein echter Dialog zwischen den Generationen sein kann, wenn sich Alter nicht durch die Enttäuschung über die Vergangenheit und die Angst vor der Gegenwart definiert.

Im letzten Monat hatte ich das Vergnügen, zwei sehr unterschiedliche Bekanntschaften zu. Zwei Personen, die über ein gesundes Maß an Bildung, gesellschaftlichen Stand, erfolgreiche Karriere und charismatische Begabung verfügen. Doch während die eine Person ihre Stellung dazu verwendet, ihr Gegenüber zu sezieren, zu funktionalisieren und schlichtweg herabzuwürdigen, gelingt es der anderen, durch ihren Einfluss einen Raum für gleichberechtigte und echter Begegnung zu öffnen. Lange habe ich mich gefragt, was der wahre Motor für das so unterschiedliche Verhalten der beiden Forscher sein mag. Am Ende steht für mich fest: Es ist der Vorzug des Zweifels über das Urteil, der Verbidung über die Abgrenzung, der Neugier über das Wissen.

Weisheit lässt sich weder anlesen noch downloaden. Sie entsteht, wenn wir zulassen, wofür wir alle begabt sind: Empathie, Freude an der Begegnung und Großzügigkeit sich selbst gegenüber. Das ist der Stoff, aus dem die Weisen sind.

Gier mit Stil

Selbst jene, die im Glaubenskrieg »Fenster gegen Apfel« auf der Seite des einstigen Marktführers Bill Gates standen, zeigten sich bestürzt über den Tod von Apple-Gründer Steve Jobs in diesem Herbst. Viele der Nachrufe auf den Unternehmer betrauern den Tod eines Philosophen – Wahn oder Wirklichkeit?

In einer Rede, die der bereits krebserkrankte Jobs 2005 vor den Absolventen der prestigeträchtigen Stanford-Uni hielt, verwies er auf die alles entscheidende Bedeutung von Liebe, die man dem, was man tut, entgegenbringen muss, gerade angesichts des immer drohenden Todes. Jobs’ Beweisführung ist so einfach wie berührend: »Ihr seid schon heute nackt. Also denkt nicht, ihr hättet was zu verlieren.« Und er ergänzt: Denkt lieber daran, das zu werden, was ihr wirklich seid – und lasst nicht die Stimmen anderer Eure eigene innere Simme übertönen. Der Multimilliadär ohne Collegeabschluss wusste, wovon er sprach: Kaum war er geboren, gaben ihn seine Eltern zur Adoption frei, kaum war seine selbstgegründete Firma erfolgreich, setzte ihn der eigene Geschäftspartner vor die Tür. Jobs lerne am eigenen Leib, wie entscheidend es im Umgang mit Verlusten ist, ob man in Trauer verharrt oder sie als Möglichkeit für eine neue Ausrichtung begreift.

Das Testament, das uns der erfolgreichste Geschäftsmann des digitalen Zeitalters mit auf den Weg gibt, erstaunt: Im Gegensatz zu so manchen Ratgebern und Studiengängen ist hier weder von Durchsetzungsvermögen, noch von Marktstudien oder maximalem Gewinnstreben die Rede. Stattdessen gelingt es Jobs, den Mythos des »American Dreams« mit Hilfe einer Coelho-haften Sprache für seine Zuhörerschaft zu aktualisieren. »Flexibilität« ist nicht etwa die Bereitschaft, für den beruflichen Aufstieg beliebig umzuziehen, die Familie zu vernachlässigen oder die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellen. Bei Jobs wird sie zur Fähigkeit, sich jeden Morgen erneut in Frage zu stellen und sich nicht vom Glauben an Dogmen – »die Resultate der Denkweise anderer Menschen« – abhängig zu machen.

Noch mehr als das rhetorische Talent des verstorbenen Firmengründers verwunderten mich die Reaktionen, die sein Tod in den Medien auslöste und die endgültig klar stellten: Hier stirbt kein Geschäftsmann, hier stirbt ein Lifestyle-Prophet, dessen Wahlspruch »Think different« (scheinbar) zum Mantra einer ganzen Gesellschaft geworden ist. Jobs Erfolg ist in der Tat nur in Teilen ein wirtschaftlicher; dem Siegeszug seiner Produkte geht eine fugenlose Anpassung an die Ideale seiner Gesellschaft voraus. In der Apfelwelt fallen Markt und Leben, Käufer und Anhänger zusammen. Nirgends wurde mir das so deutlich vor Augen geführt wie durch folgenden empathischen Nachruf auf den »iPhilosophen«: »Religiöse Menschen lesen Psalme oder Suren, Agnostiker wie ich versuchen es mit dem Zen-Buddhisten Thich Nhat Tan, mit Nietzsche oder Marc Aurel. In deren Büchern steht viel Bedenkenswertes. Aber am meisten geholfen hat mir Steve Jobs, der größte praktische Philosoph des 21. Jahrhunderts… Vor allem seine Stanford-Rede ist ein Manifest, sie enthält so ziemlich alles, was man über das Leben wissen muss.«

Lange hing man in der westlichen Welt dem Irrglauben an, einem säkularen Zeitalter ohne Religion, ohne irrationales Gedankengut anzugehören. Bei allem Respekt für seine enorme Lebensleistung – die Gleichstellung eines unternehmensphilosophierenden Computerdesigners mit den Propheten und Denkern der großen Weltreligionen verrät vor allem eines: Diese Zeit ist noch lange nicht angebrochen. Zu tief sitzt die Sehnsucht nach Persönlichkeiten, deren Wertesystem wir teilen, deren Ziele wir übernehmen, deren Erfolge auch wir erreichen wollen. Und wie in jeder echten Religion klafft neben der Offenbarung die grausame Realität: Der Vorwurf der Kinderarbeit und der umweltschädlichen Produktion verdunkelt das lichte Image der Apfel-Kirche ebenso wie die steten Vorwürfe, ihr Gründer sei im Umgang mit Angestellten nicht selten unbeherrscht, sprunghaft, schlicht: diktatorisch vorgegangen. Keine schönen Eigenschaften für einen ehemaligen Hippie und Buddhisten, doch im Grunde vor allem eins: menschlich, so wie jede Religion.

»Finde, was Du liebst! Wenn du es noch nicht gefunden hast, such‘ weiter. Gib‘ dich nicht zufrieden.« Der Autor des oben zitierten Nachrufes hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Diese Sätze sind keine Rede, sie sind ein Manifest. Sie sind das Glaubensbekenntnis einer Gesellschaft, die – wie jede zuvor und jede nach ihr – den Wunsch in sich verspürt, ihre inneren Widersprüche mit sich in Einklang zu bringen: Und irgendwo zwischen Unersättlichkeit und Kontemplation, Egoismus und schlechtem Gewissen, wartet mit Sicherheit schon ein neuer Heiland auf uns. Und wieder werden wir ihm folgen, denn er wird es verstehen, uns noch mehr von dem Manna zu reichen, das da lautet: »Gier, aber bitte mit Stil!«

Gefährliche Ideale

Idealisten gelten gemeinhin als die besseren Menschen. Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.

Was macht mich zum Idealisten? Zum Idealisten macht mich zum Beispiel, dass ich Religion für eine gute Sache halte. Man wird mir sofort ins Wort fallen und sagen, gerade heute: aber die Religion ist doch die Ursache für so viel Leid, Krieg und Missverständnis. Würde ich dem beipflichten, wäre ich ein Realist. Ein Mensch, der das Konzept der Religion danach beurteilt, was sie angerichtet hat und noch immer anrichtet, betrachtet die Religion naturgemäß als etwas Destruktives, Naturfeindliches, zu Überwindendes. Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Demnach hat Idealismus nicht nur etwas mit Blindheit gegenüber der Realität zu tun, sondern auch sehr viel mit der Hingabe zur Möglichkeit. Sofort mag man sagen: oh ja, deshalb ist der Idealist ja keinen Deut besser als der Religiöse, denn Religion schafft all das Übel in der Welt ja gerade dadurch, dass sie die Menschen nicht einfach leben lässt, sondern verändern will im Sinne eines Ziels, das die jeweilige Religion gerade für erstrebenswert hält. Dann frage ich mich: Aber sind die Religiösen nicht auch die Konservativen? Was wiegt nun schwerer, ihr »realistischer« Hang zur Bewahrung des Vorhandenen oder ihr »idealistischer« Hang zur Verbesserung desselben?

Dass nicht nur Jesus, John Lennon und Mutter Theresa, sondern auch Mao und Adolf Hitler Idealisten waren, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Auch nicht, wenn man betrachtet, dass fast alle Kriege der letzten hundert Jahre zwischen Idealisten mit unterschiedlichen Idealen geführt wurden. Das gefährliche am Nationalsozialismus ist ja eben nicht die Tatsache, dass in den dreißiger Jahren durch die kollektive Blindheit eines ganzen Kontinents Halbaffen an die Macht gelassen wurden, die töten und vernichten wollten. Niemand wäre ihnen gefolgt. Die verführte Masse folgt stets dem Ideal. Das gefährliche an den Nationalsozialisten ist, dass sie nach ihrer Definition tatsächlich meinten, eine Welt des Lichts, der Befreiung und des Glücks zu errichten. Nirgends wird das klarer als in dem zynischen Urteil Himmlers, die Welt würde den Deutschen für die Vernichtung der Juden eines Tages dankbar sein. Das Unrecht lag darin, dass man diese lichte Welt exklusiv gestalten wollte und auf Kosten der restlichen Menschheit.

Wenn wir heute die Taliban und das Mullah-Regime in Teheran verurteilen, weil es mit unserem Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbar ist, Ehebrecher zu steinigen und Homosexuelle in Fußballstadien aufzuhängen, dann spüren wir eine berechtigte, eine natürliche Aversion gegen Menschen, die sich zu Richtern (und Henkern) aufspielen im Namen einer höheren Gerechtigkeit. So kommen wir unserem Problem vielleicht auf die Spur: Idealismus sollte vielleicht, wie alles Religiöse, ein Bestandteil des privaten Lebens bleiben. Hier besitzen Ideale einen unverkennbaren Wert. Wer Ideale hingegen mit Machtausübung verknüpft, riskiert einen hohen Preis. Doch was ist dann mit der humanitären Hilfe? Mit den Ökoaktivisten? Sind nicht auch sie politisch aktive, also nach Macht und Einfluss strebende Idealisten?

Wir sehen, wir befinden uns zwischen zwei Mühlsteinen. Und so werden wir uns auch weiterhin unseren Zickzackkurs durch die Ideale und Realitäten dieser Welt bahnen müssen, um zu einem Lebenskonzept zu gelangen, das für uns als denkende Menschen tragbar ist. Immer bereit zu hoffen und Veränderung zu wagen, aber niemals auf Kosten von Anderen.

Zum Teufel mit den Stirnrunzlern!

Wie Jorge Mario Bergoglio erneut den Idealisten in mir weckte

Vor genau dreißig Monaten erschien an dieser Stelle mein erster Beitrag, damals unter dem Titel »Gefährliche Ideale«. Zwei Stellen dieses Textes sind mir – im Gegensatz zu so manch anderen – bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Zum einen die Heranziehung der Religion für die Begründung meines eigenen Idealismus: »Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.« Zum anderen die zugegebenermaßen zugespitzte Einleitung meines Artikels, die mir wenig später durch eine etwa gleichaltrige Leserin aus München den Vorwurf des »Anti-Katholizismus« einbrachte: »Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.«

Aus sehr unterschiedlichen Gründen habe ich diese zwei Aussagen bis heute nicht vergessen: Letztere, weil sie mir schon zu Beginn meiner Kolumnistentätigkeit vor Augen führte, dass man als Autor in noch viel stärkerem Maße als im persönlichen Austausch damit rechnen muss, völlig falsch verstanden zu werden. Und erstere, weil ich sie heute nicht mehr so unterschreiben würde – einfach, weil sich meine Meinung diesbezüglich im Laufe der Jahre stark geändert hat. Hielt ich Religionen damals noch generell für etwas Gutes, unterscheide ich heute viel genauer zwischen gelebter Spiritualität auf der einen und blind befolgter Überzeugungen und Rituale auf der anderen Seite. Niemand, der Selbst-Transzendenz und Liebe wirklich verinnerlicht hat, würde je auf die Idee kommen, aus Religion so etwas wie eine jeglichem Widerspruch entzogene Politik zu machen, wie es in Geschichte und Gegenwart immer wieder geschehen ist und weiterhin geschieht.

Dass ich heute diese Bilanz ziehe, geschieht nicht etwa aus Sentimentalität (»30 Ausgaben!«), sondern aus aktuellem Anlass: Der damals regierende Papst Benedikt XVI. hat inzwischen abgedankt; an seine Stelle trat ein argentinischer Jesuit, der sich selbst Franciscus nennt. Dass dieser im Deutschen – anders als in allen anderen Sprachen – nicht mit dem hiesigen Namensäquivalent »Franz« bezeichnet wird, mag Traditionalisten verärgern; die Begründung des Leipziger Namensforschers Prof. Jürgen Udolph lässt hingegen aufhorchen: »Der Name ist völlig aus der Mode.«

Die Tatsache, dass ein katholisches Oberhaupt keinen »unmodernen« Namen tragen sollte, ist angesichts von Pius, Benedikt und Innozenz immerhin bemerkenswert. In Bezug auf den Namensträger selbst scheint diese Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz jedoch durchaus Programm zu sein. Jenem Mann, der sich seit seiner Wahl zum Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken stets als »Bischof von Rom« bezeichnet, um Gebete für eine gute Amtsführung bittet und Präsidentinnen wie Schwerbehinderte spontan auf die Wange küsst, ist sein erstes Wunder schon gelungen: dem höchsten Amt der Kirche ein wahrhaft christliches Antlitz zu verpassen. Jene Ziele, die ich einst der Religion im Allgemeinen zuschrieb, scheinen zu den Grundlagen seines Pontifikats zu werden: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Angesichts der allerorts ausbrechenden Verzückung ließen die kritischen Stimmen natürlich nicht lange auf sich warten. Mit runzelnder Stirn fragten sie nach Bergoglios rigider Sexualmoral und seiner ungeklärten Rolle während der argentinischen Militärdiktatur. »Der Spiegel« widmete dieser ambivalenten Beurteilung des neuen Papstes sogar einen ebenso albernen wie unzutreffenden Titel: »Der moderne Reaktionär«.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich es dreißig Kolumnen später vielleicht »nicht mehr so unterschreiben« werde: Zum Teufel mit all den Kritikern und Stirnrunzlern, zum Teufel mit dem Kleinmut und jenen, denen ihre Ideale die Sicht auf die Wirklichkeit verstellen! Ja, Franziskus wird wie jeder Mensch in seinem Leben eine Reihe falscher Entscheidungen getroffen haben. Und ja, als katholischer Kardinal wird er vermutlich nicht zur Avantgarde der sich stetig wandelnden Sexualmoral gehören. Doch wer die Eignung eines Mannes für das Amt des Papstes von diesen Themen abhängig macht, übersieht am Ende, wen er – sei es durch eine Laune des Schicksals oder eine Fügung des Himmels – vor sich hat: Einen (be)rührenden und aufmerksamen Menschen, der schon jetzt die für äußere Reformen wie für eine innere Weiterentwicklung gleichermaßen wertvolle Fähigkeit bewiesen hat, Konventionen mit einer von Herzen kommenden Spontaneität zu brechen. Gönnen wir diesem Mann die berühmten ersten 100 Tage Amtszeit, um zu beurteilen, was der ehemalige »Kardinal der Armen« vom Stuhl Petri aus zu schaffen vermag.

Eines steht für mich schon heute fest: »Modern« ist Franziskus mit Sicherheit nicht – und muss es auch gar nicht sein. Dieser Papst ist drauf und dran, der von Moden besessenen Welt eine viel wichtigere Lektion zu erteilen: Den zeitlosen Wert von Güte und Mitmenschlichkeit. Mehr kann man von einem Heiligen Vater nun wirklich nicht verlangen.

Kulturfremde Kreise

Wer mutwillig Angst vor »fremden Kulturkreisen« schürt, platziert sich selbst in reichlich kulturfremden Kreisen.

Eines wurde in den Debatten der letzten Monate zum Thema Migration und Integration immer wieder deutlich: Bestimmte Kulturen besitzen allem Anschein nach so etwas wie unabänderliche Wesenszüge, die sich aller Aufklärung und Moderne zum Trotz einfach nicht tot kriegen lassen. Wo immer man ihnen Platz einräumt, suchen sich ihre mittelalterlichen Antworten einen Platz im Rampenlicht zeitgenössischer Fragestellungen. Die Rede ist nicht von Mahmud Ahmadinedschad oder Osama bin Laden. Die Rede ist von der derzeit aufbrandenden »verbalen Reconquista«, in deren Schlagschatten populistisch agierende Spitzenpolitiker den Versuch unternehmen, durch markige Sprüche und kollektive Diskriminierung einen Untergang des Abendlands zu verhindern, den sie zuvor selbst publikumswirksam an die Wand gemalt haben. Dass diese politische Mode keineswegs ein zeitgenössisches Phänomen ist, beweist ein Blick auf die in letzter Zeit so oft beschworene jüdisch-christliche Historie.

Betrachten wir das angespannte Verhältnis der drei abrahamitischen Religionen zueinander, so können wir es durchaus mit dem Zwist dreier ungleicher Geschwister vergleichen. Während der älteste Sohn, das Judentum, von Geburt an in handfeste Auseinandersetzungen mit gewaltbereiten Nachbarjungs verwickelt war (Stichwort: Ägypten, Babylon, Rom), erfuhr gerade das Christentum als Sandwich-Kind mit Adoptionshintergrund eine fast klassische Anerkennungsproblematik: Mitten im römischen Reich geboren, galt es bis zu seiner »Verstaatlichung« im 4. Jahrhundert zunächst als jüdische Sekte und dann als Staatsfeind Nummer 1. Der Islam hingegen verlebte wie viele Nesthäkchen zunächst eine fast traumhafte Kindheit: mit rasender Geschwindigkeit eroberte er schon im zarten Alter von wenigen Jahrzehnten mit militärischer Dominanz und religiöser Toleranz einen fast globalen Freundeskreis.

Psychologen zufolge besitzten unsere ersten Jahre ja bekanntlich eine enorme Wirkung auf unsere spätere Entwicklung. Ohne den Vergleich von den drei ungleichen Brüdern strapazieren zu wollen, scheint sich auch bei Judentum, Christentum und Islam eine jeweils typische Haltung der religiösen Verwandtschaft gegenüber bereits in frühen Jahren herausgebildet zu haben. Während der Islam ein potentiell entspanntes Verhältnis zu den ihm »schutzbefohlenen« älteren Geschwistern an den Tag legte, galt er den Christen von Anfang an als eine Bewegung, die ihnen den Rang streitig machte – sicherlich neben theologischen Differenzen auch aus der Erfahrung heraus, gerade im ers- ten Jahrhundert der arabischen Expansion große Teile des eigenen Einflussbereichs an diese junge »Sekte« verloren zu haben. Dieser »anti-muslimische«Reflex des Christentums (den das Judentum übrigens niemals entwickelt hat) ist bis in die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion deutlich spürbar.

Wer im »Westen« an die Begegnung von Islam und Europa denkt, dem fallen im historischen Kontext zunächst »die Türken vor Wien« und vielleicht noch der »Fall von Konstantinopel« ein. Muslime besitzen ganz andere Assoziationen: die religiös motivierte Vertreibung des Islam aus Al-Andaluz, einem Hort der religiösen Toleranz und der kulturellen Blüte unter den liberalen Umayyaden, die steti- gen christlichen Aggressionen im Rahmen der Kreuzzüge und – nicht zu vergessen – der Kulturimperialismus des Westens im Rahmen der Kolonisation Nordafrikas und der Levante.

Die derzeitige Verbalverschanzung Europas hinter christlich-jüdischen Mauern offenbart, dass die gefühlte »Überfremdung« im Prinzip wenig mit Ehrenmorden, totalitäten Mullas und Selbstmordattentätern zu tun hat. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass Ehrenmorde, Mullahs und Selbstmordattentate nur deshalb unser Bild vom Islam prägen, weil sie ein viel älteres Vorurteil bedienen, das wir bereits seit Jahrhunderten verinnerlicht haben: der Muslim als kulturfremdes, ja kulturfernes Wesen, dessen »mittelalterliche Zeitrechnung« und »Wüstenethik« nicht in eine aufgeklärte Gesellschaft passt. Insofern ist es müßig, stets auf den Unterschied zwischen Islamisten und Muslimen hinzuweisen, da sich der Deckmantelcharakter dieser Unterscheidung in der aktuellen Debatte von selbst ad absurdum geführt hat.

Um auf das Bild der ungleichen Brüder zurückzukommen: Statt uns gegenseitig Entfremdung und Intoleranz vorzuwerfen, sollten wir von Zeit zu Zeit einfach mal einen Blick in unser gemeinsame Familienalbum werfen. So »fremd«, wie uns die Feinde des Haussegens auf beiden Seiten immer wieder weismachen wollen, sind wir uns nie gewesen.

Wie vertragen sich Wissenschaft und Spiritualität?

»Der Naturwissenschaftler kennt die Zweige des Baumes des Wissens, aber nicht seine Wurzeln. Der Mystiker kennt die Wurzeln des Baumes des Wissens, aber nicht seine Zweige. Die Naturwissenschaft ist nicht auf die Mystik angewiesen und die Mystik nicht auf die Naturwissenschaft – doch die Menschheit kann auf keine der beiden verzichten.« (Fritjof Capra, Der kosmische Reigen)

Eine der erstaunlichsten Eigenschaften unserer Gesellschaft ist ihre metaphysische Schizophrenie. Zwei scheinbar unversöhnliche Gesellschaftsgruppen, die Materialisten und die Esoteriker, haben sich den Krieg erklärt, einen heiligen und kalten Krieg. Heilig, da es in jenem Krieg um nichts Geringeres geht als um die Deutungshoheit der Wirklichkeit mit all ihren Konsequenzen; und kalt, da dieser Krieg beinahe ausschließlich über Propaganda im eigenen Lager geführt wird und nur sehr selten in Form einer echten Konfrontation, einer Auseinandersetzung mit der gegnerischen Partei erfolgt.

Beide Ideologien kämpfen um die Seelen der Gläubigen, denen letztlich nichts anderes übrigbleibt, als einer der beiden Instanzen eine verbindliche Weltdeutung zuzutrauen und diese von ihr zu übernehmen. Beide kämpfen mit sehr unterschiedlichen Waffen, bedingt auch durch ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung. Während die gut situierte Wissenschaft kaum auf die überaus blühende Esoterikszene Bezug nimmt, diese schon durch ihr Schweigen kommentarlos der Irrelevanz bezichtigt, verwendet so mancher Esoteriker eine Menge Energie darauf, »die Wissenschaft« per se zu verurteilen und ihr Weltbild wie ihre Auswüchse der institutionellen Blindheit zu bezichtigen.

ESOTERIK ALS DENKFORM

Nun ist es ja nicht so, dass »Wissenschaft« und »Esoterik« tatsächlich zwei so monolithische Blöcke darstellten, wie es in der geschilderten Auseinandersetzung so manches Mal den Anschein hat. Statt nun die Unterschiede innerhalb der beiden dominanten Denksysteme herauszuarbeiten, möchte ich auf die sie charakterisierenden Elemente hinweisen. Was verbindet alle esoterischen Strömungen? Und was macht aus Psychologie, Quantenmechanik und mittelalterlicher Geschichte »Wissenschaft«?

Der französische Esoterikforscher Antoine Faivre stellt in seinem Vorwort zur »Geheimen Geschichte des abendländischen Denkens« fest: »Die Esoterik stellt nicht einmal ein eigentliches Gebiet dar, so wie man etwa vom Gebiet der Malerei, der Philosophie oder gar der Chemie sprechen kann. Sie ist weit weniger ein spezifisches Genre als vielmehr eine Denkform […].« Er schließt eine Beschränkung der Esoterik auf den Topos »Geheimlehre«, die wenigen Eingeweihten vorbehalten ist, ebenso aus wie die Bestimmung der Esoterik als »spirituellen Raum« bzw. »den Weg dorthin«. Zudem sei die Esoterik, wie wir sie kennen, eine durchaus abendländische Tradition; so ist es ihm »noch immer ein Rätsel, was eine weltweite Esoterik denn sein könne.«

Diese Definition der Esoterik als eine Denkform, die in der Praxis die unterschiedlichsten, teilweise widersprüchlichen Ausformungen annehmen kann, erleichtert den Einstieg in das Verständnis ihrer Auseinandersetzung mit den sogenannten akademischen Wissenschaften. Thorwald Dethlefsen, einer der bekanntesten Esoteriker Deutschlands, stellt seinem 1979 erschienenen Werk »Schicksal als Chance«, das den Leser »in das Weltbild der Esoterik einführen soll«, ein Kapitel mit dem programmatischen Titel »Esoterik – die unwissenschaftliche Art, die Wirklichkeit zu betrachten« voran.

Nach einer wertneutralen Definition der Wissenschaft über ihr Ziel, »die Wirklichkeit gedanklich zu durchdringen und durch das Auffinden von Gesetzen eine Ordnung in die Vielfalt der Erscheinungsformen zu bringen«, charakterisiert er ihre Vorgehensweise als das Aufstellen und Widerlegen von Theorien. Die daraus abgeleitete pointierte Feststellung, dass »die Wahrheit von heute der Irrtum von morgen« sei, wird zum Ausgangspunkt der Dethlefsen’schen Kritik: So sei es trotz der allgemein praktizierten Gewohnheit, nach der jede Generation von Wissenschaftlern an der Widerlegung der Erkenntnisse der ihr vorangegangenen Generationen arbeite, eine »tiefe Überzeugung« der Wissenschaft, »jetzt die absolute und endgültige Wahrheit gefunden zu haben«. »In diesem Punkt«, so das Urteil des Autors, »übertrifft die Glaubensstärke der Wissenschaft mit Leichtigkeit jede religiöse Sekte«.

WISSENSCHAFT, DIE RELIGION DER MODERNE?

Der Hang der Wissenschaft, sich stetig selbst zu widerlegen, kann durchaus als charakteristisches Merkmal aller Natur- und Geisteswissenschaften verstanden werden. Laut Brockhaus ist Wissenschaft in erster Linie »eine systematische Ordnung des gesammelten Wissens und empirischer Erkenntnisse, Theorienbildung auf Basis aufgestellter Hypothesen und praxisnaher Überprüfung (Beweis)«. Ihre Theorien müssen demnach »bestimmte Kriterien der Verifikation (Überprüfung) bestehen, um in der wissenschaftlichen Gemeinde anerkannt zu werden.«. Als Angehöriger eines Berufsfelds, das notwendigerweise über einen ausgeprägten Skeptizismus verfügt, stellt religiöses oder esoterisches »Offenbarungswissen« für viele Wissenschaftler ein rotes Tuch dar. Wer behauptet, Wissen über die Welt und ihre Einzelteile zu besitzen, ohne diese nach wissenschaftlichen Kriterien »beweisen« zu können, gilt vielen als Scharlatan und im Extremfall als gefährlich für die »Psychohygiene« der gesamten ihn umgebenden Gesellschaft.

Hier scheint mir auch das Kernproblem des Dialogs zwischen Esoterik und Wissenschaft zu liegen. Beide »Denkformen« betrachten die jeweils andere Seite als eine durch ihre eigene Tätigkeit relativierte Weltanschauung. Nur durch religiöse Verblendung scheint es möglich, dass die eine wie die andere Seite überhaupt Anhänger finden kann, ohne ihre eigene Weltanschauung zu hinterfragen. Insofern werfen sich beide Seiten gleichermaßen vor, Ideologien zu sein; und wie Ideologien bekämpfen sie sich. Nicht Wissen, sondern der Glaube an ihre Grundsätze bestimme die
Methodik wie die Ergebnisse der jeweiligen Konkurrenz.

Dass eine solche Einstellung für die Aufnahme eines wie auch immer gearteten Dialogs nicht wirklich dienlich ist, liegt auf der Hand. So ist es kein Wunder, wenn die Fronten zwischen Wissenschaft und Esoterik zementiert, und Kongresse wie Messen der jeweiligen »Gegner« mit Argwohn betrachtet werden. Die Kritik bewegt sich hierbei in einem Spektrum von bloßer Verharmlosung bis hin zur Kriminalisierung der entgegengesetzten Ideologie. Beispielhaft sei auf den immer wieder postulierten Zusammenhang zwischen esoterischen Grundsätzen und dem politischen Konzept des Faschismus hingewiesen, der letztlich in der These kulminiert, dass »die weiter wachsende massenweise Verbreitung des New Age eine heutige neofaschistische ‚Ansprache’ […] in einer Weise begünstigt, wie es seit dem moralischen Niedergang des Faschismus aufgrund seiner Abscheu erregenden Verbrechen nicht der Fall gewesen ist.« (P. Kratz, »Alles schon mal dagewesen!« 10 Thesen zu New Age und Faschismus)

Trotz der hier skizzierten gegenseitigen Ablehnung kam es in den letzten 150 Jahren immer wieder zu einer durchaus konstruktiven Auseinandersetzung zwischen esoterischen und wissenschaftlichen Autoren. Auf der einen Seite waren es Esoteriker, die wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Lehren und Vorstellungen integrieren wollten (man denke bloß an den eingangs zitierten Fritjof Capra und seinen Versuch, östliches Gedankengut mit westlicher Physik zu vereinen), und auf der anderen Seite Wissenschaftler, die übernatürliche Phänomene (und ihre Anziehungskraft auf Menschen) zum Gegenstand ihrer Untersuchung machten. Letztere waren nicht selten »glaubende« Wissenschaftler, die daran interessiert waren, ihre Glaubensgegenstände wissenschaftlich zu »beweisen«. Das Gros der Akademiker bestand jedoch zumeist aus Forschern, die sich für bestimmte Phänomene interessierten und diese untersuchten, um zu einer Theorie zu gelangen, die das für einen rationalistisch
gesinnten Menschen Unerklärliche verständlich macht – oder schlicht widerlegt.

Das weltanschauliche Gegenstück zu diesen »esoterischen Wissenschaftlern« stellen die »wissenschaftlichen Esoteriker« dar, die versuchen, die eigenen Lehren mit Termini und Erkenntnissen der (Populär)wissenschaft zu schmücken oder gar zu begründen. »Der Schamane mit Psychologiedoktorat gibt den Ton an, auch der Physikprofessor mit einer Schwäche für Tao. Allemal muss, bei der Beschäftigung mit dem Außerirdischen oder Unterirdischen, ein wissenschaftlicher Kommentar mitgeliefert werden, aus der Astronomie oder Tiefenpsychologie. Das geht deshalb ganz gut, weil manche Gemächer des heutigen wissenschaftlichen Gebäudes recht spärlich beleuchtet sind«. (A. Holl, Wassermannzeit) Dieser »wissenschaftliche« Zierrat verrät natürlich vor allem eins: Wissenschaft oder das, was man dafür hält, ist längst selbst zu einer Religion geworden. Wer früher dem Priester glaubte, ohne zu verstehen, wovon dieser redete, nickt heute vertrauensvoll den Akademiker ab, der es im Zweifelsfall besser wissen muss.

DIE GEBURT DER WISSENSCHAFT

Doch die Wurzeln des modern anmutenden Gegensatzes »Esoterik versus Wissenschaft« sind bei weitem nicht so jung wie angenommen und reichen statt dessen tief in den Brunnen der Geschichte hinab. Seine Ursprünge liegen in der Entstehungszeit der ersten kritischen und vernunftbetonten Wissenschaften im Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Während die religiöse (und die damit eng verwandte esoterische) Denkweise seit jeher das Bild des Menschen von der Welt bestimmt hatte, entstand zu dieser Zeit eine völlig neue und in großem Umfang von den alten Traditionen unabhängige Lehre von der Wirklichkeit, welche erst viel später den Namen »Wissenschaft« erhalten sollte.

Wo liegen die Ursachen für die Entstehung einer von der religiösen Sinnfrage befreiten Erforschung der Welt und welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Emanzipation einer so jungen Bewegung wie der Natur- und der Geisteswissenschaft zu gewährleisten? Friedrich Pfister, ein klassischer Philologe, beschrieb die Situation zum Zeitpunkt ihrer Entstehung folgendermaßen: »Es hatte sich eine Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft; es waren die geistigen Bestrebungen entstanden, die zum wissenschaftlichen Forschen führten, die Kritik an der Überlieferung, der Drang nach Ordnung und Systematik und das Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge. Es war aber auch der große umfassende Fragenbereich aufgetaucht, der seitdem immer wieder die denkende und forschende Menschheit beschäftigen sollte: Woraus ist das Weltall entstanden und wie hat es sich entwickelt? Wie ist die Menschheit entstanden und wie ist ihre Geschichte? Wenn jene wissenschaftlichen Bestrebungen erstarkten und sich auch in der Einzelforschung bewährten und wenn man den Mythos überwand, so war eine wirkliche Wissenschaft gegeben […]«.

IGNORANTE PHARAONEN

Diesem Ursachenmodell mag entgegengehalten werden, dass viele seiner Bestandteile keineswegs dazu führen müssen, Erkenntnisgewinn zu rationalisieren, wie wir an etlichen vorwissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können. Im Alten Ägypten zum Beispiel war eine »Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft« und es bestand ohne Zweifel ein ausgeprägter »Drang nach Ordnung und Systematik«; auch die Entstehung von Fragen nach dem Ursprung und der Geschichte der Welt bzw. ihrer Bewohner ist ein uralter Topos innerhalb der ägyptischen religiösen Literatur. Was aber »fehlte« den Ägyptern, was verhinderte einen Paradigmenwechsel in der Methodik ihres Erkenntnisgewinns?

Als zentrale Knackpunkte erscheinen mir die von Pfister genannte »Kritik an der Überlieferung«, welche selbst freilich nicht Ursache, sondern Folge einer gewissen geistigen Wende ist, und das »Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge«. Beide waren in einem Kulturbereich wie dem ägyptischen nicht besonders ausgeprägt. Die ausgesprochen konservative Haltung der ägyptischen Intellektuellen, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Heil in der Bewahrung des überlieferten Wissens sah, und das assoziative, mythische Denken verhinderten letztlich eine tiefgreifende Öffnung ihrer Geisteskultur für strukturelle Veränderungen. Exemplarisch für Hunderte ähnlicher Texte seien hier ein paar Zeilen aus der Lehre für den König Merikare zitiert: »Ahme deinen Vätern und deinen Vorvätern nach. Erfolgreich arbeiten kann man nur in der Tradition: ihre Ausführungen sind ja in den Büchern erhalten. Schlage sie auf und lies und eifere den Weisen nach!«

Charakteristisch für das ägyptische Denken ist seine gegenständliche Erfassung der Wirklichkeit, die – ähnlich der ägyptischen Hieroglyphenschrift – stets eine Mischung aus bildhaft-wörtlichen und symbolhaft-abstrakten Elementen enthält. Der Ägyptologe Eberhart Otto schreibt hierzu in seinem Werk »Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur«: »Wir wissen dann freilich im einzelnen nicht immer, wieweit er diese Bilder sinnhaft für Wirklichkeit nahm, wieweit sie als Symbol für etwas anderes standen und wieweit sie nicht oft einfach zu sprachlichen Bildern geworden sind, die ihre greifbare Bildlichkeit längst eingebüßt hatten.«

Bildhaftes Denken muss – wie in Ägypten – nicht zwangsläufig einen Widerspruch zur geistigen Fähigkeit der Abstraktion bilden, welche letztlich die Ursache für wissenschaftliches Arbeiten ist. Viel eher geht ja das analoge ebenso wie das logische Denken von Zusammenhängen zwischen augenscheinlich unabhängigen Phänomenen aus, »um so zu allgemeinen Begriffen und Gesetzen zu kommen«. Dennoch muss es einen Grund haben, warum die Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, ihren Anfang eben nicht im ägyptischen, sondern im griechischen Kulturkreis genommen hat. Otto sieht die Ursachen dafür weniger an den »tatsächlichen Leistungen« als an den »Zielen« der ägyptischen Wissenschaft. Er stellt fest: »Was dem Ägypter offenbar generell ermangelte, war die wissenschaftliche Neugier, das Bedürfnis Neuland zu entdecken, der Trieb vom Erkannten zum Unbekannten weiterzuschreiten, kurz das, was dann wohl erst die griechisch-ionische Wissenschaft in Fluss gebracht hat. Der Ägypter begnügte sich offenbar, wenn er eine Lösung gefunden hatte, die seine praktischen Zwecke erfüllte, und er hielt dann mit beachtlicher Hartnäckigkeit an ihr fest. Es ging ihm nicht darum, die Welt als Ganzes erklären zu wollen. Es genügte offenbar, für ihre Teilerscheinungen praktische Erklärungen zu finden; doch sollte man ihm deshalb nicht die intellektuellen Voraussetzungen für wissenschaftliches und logisches Denken generell absprechen«.

Das Verhältnis des Ägypters zu seiner Welt war – und blieb – ein magisches. Innerhalb eines solchen Modells wird dem analogen Denken (als dem »natürlichen«, »ursprünglichen«) eine ungemein größere Stellung eingeräumt als dem logischen. Selbst im Kontext wissenschaftlicher Forschung – wie der hoch gelobten ägyptischen Medizin – erlangt das kausale Denken allenfalls eine gleichberechtigte, niemals jedoch eine dem analogen Prinzip übergeordnete Stellung. So formte das Wissen um die geistigen Hintergründe eines Ereignisses, welches analog erschlossen wurde, gemeinsam mit der Kenntnis seiner konkreten, also logisch erschließbaren Ursachen ein unauflösliches Amalgam.

»SYMPATHIE« STATT LOGIK?

Insofern ist es verständlich und verwundert kaum, dass Ägypten heute unter Esoterikern ebenso beliebt ist wie schon unter den Alchemisten und Okkultisten der vergangenen Jahrhunderte. Zwischen dem »proto-wissenschaftlichen«, analogen Weltbild der Ägypter und dem Denken in Entsprechungen, wie es seit der Hermetik jede Form von »Geheimlehre« bis hin zur modernen Esoterik kennzeichnet, besteht eine wesensmäßige Verwandtschaft.

Der 2000 Jahre alte Satz »Wie oben, so unten« aus den hermetischen Schriften kann als zentrales Bekenntnis der esoterischen Weltsicht überhaupt betrachtet werden. Ohne es wäre weder die Astrologie, noch das Kartenlegen, noch die Vorzeichendeutung denkbar. Die Hermetik, eine erst in griechischen Quellen fassbare Lehre, die sich selbst jedoch als ägyptisch betrachtet und die nach ihrer zentralen Figur, dem Gott Hermes Trismegistos benannt ist, war eine Geheimlehre, die sich mit dem Aufstieg des Menschen – raus aus der grobstofflichen Welt, rein in den lichten Himmel – beschäftigte. Bei dieser »esoterischen« (sprich: innere, also hinter den äußeren Erscheinungsformen verborgenen) Lehre, die nie zur offiziellen Religion wurde, in der Spätantike aber durchaus verbreitet war, handelt es sich sozusagen um die Mutter aller esoterischen Strömungen. Sie behandelt einen auf das Lesen bestimmter Schriften konzentrierten Erlösungsweg des Menschen bis hin zu seiner Erleuchtung. Ein Kernelement bildet die sogenannte »Sympathie«-Lehre zwischen Makro- und Mikrokosmos, welche eine Verwandtschaft von himmlischen und weltlichen Phänomenen annimmt (zumindest aber eine zeitliche Koinzidenz). Statt, wie in der griechischen Wissenschaft, nach den realweltlichen Ursachen eines bestimmten Problems zu forschen, sollte hier nach seinen gedanklichen und spirituellen Ursachen gesucht werden. Überspitzt formuliert könnte man die beiden Zielrichtungen der Wissenschaft und der Esoterik also auf die menschlichen Grundfragen »Wie« und »Wieso?« reduzieren. Das offenbart freilich, dass sich hier nicht notwendigerweise Feinde, sondern vielleicht sogar potentielle Verbündete gegenüberstehen.

»Eine Theorie der Magie« wird Ihnen in den kommenden 12 Monaten einen ausführlichen Überblick über das spannende Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und Esoterik liefern. Der Fokus wird hierbei auf (Grenz-)Wissenschaften wie der Parapsychologie, der Anomalistik und der Paranormologie liegen, deren spannende Erkenntnisse aus über 100 Jahren Forschung nicht nur wohlwollenden Esoterikern, sondern auch kritischen Wissenschaftlern gelegentlich allen Grund zum Staunen geben.

Jeder trägt die Bestie der Neugier in sich

Unter vier Augen mit dem Bestsellerautor ERICH VON DÄNIKEN (Schweiz)*

Herr von Däniken, Sie sind nicht nur einer der erfolgreichsten Sachbuch-Autoren der Welt – zugleich gelten Sie und Ihre Thesen als höchst umstritten. Welche Kritiker nehmen Sie ernst und welche nicht?
Ich nehme die Kritiker ernst, die was von der Sache verstehen, und die Kritiker, die a priori Vorurteile haben, können mir den Buckel runterrutschen.

Wissenschaftler sagen Ihnen gerne nach, Sie seien – im Gegensatz zur Wissenschaft – nicht selbstkritisch und stellten Ihre Thesen nie in Frage. Haben sie recht?
Zum Teil haben sie recht. Der Witz ist: Ich muss selektionieren, ich muss quasi wie ein Museumsdirektor entscheiden, was kommt in die Vitrine, was soll das Publikum sehen? Wenn ich jetzt wissenschaftlich arbeiten würde – und meine Bücher sind nicht wissenschaftlich, sie sind definitiv populär –, dann müsste ich alle Gegenargumente auch noch bringen. Dann hätten wir dicke Schinken. Die Verleger selbst spielen da nicht mit. Sie sagen: Erich, ein 500-Seiten-Werk kauft niemand, das ist zu teuer, das bringen wir nicht auf den Markt. Man muss also tatsächlich
selektionieren. Da hat die Kritik recht.

Was müsste passieren, gefunden oder bewiesen werden, damit Sie nach all den Jahren sagen: Oh, ich habe mich geirrt, es gibt gar keinen prähistorischen Besuch von Außerirdischen?
Das kann ich mir gar nicht vorstellen, ich weiß darüber zu viel. Natürlich gebe ich zu, dass es auch Unsinniges darunter gibt, dass man sich geirrt hat, dass man sagt: ‚Das würdest du heute nie wiederholen‘. Aber ich kenne die alte Literatur, ich kenne das Buch Henoch, ich kenne das fünfte Buch des Mahabarata, ich weiß, was die Alten geschrieben haben. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles nichtig ist. Henoch zum Beispiel wird astronomisch unterwiesen, der Meister erklärt ihm die Mondphasen, erklärt ihm die Sonne, erklärt ihm den Kalender. Da waren Lehrmeister! Wer waren sie dann? Götter, okay. Aber was für Götter? Nicht die Naturgewalten, sondern was anderes.

Viele Ihrer Quellen sind religiöse Texte. Glauben Sie, dass alle darin behandelten »Götter« Außerirdische sind – oder vermischen sie »echte« (metaphysische) Wesen mit Reisenden durch Raum und Zeit?
Es ist ein einziges Durcheinander, ein »chaos totale«, würden wir auf französisch sagen. Zum einen haben wir die Naturreligion, wir haben die Naturgewalten, die die Menschen vergöttlicht haben, wie Blitz, Donner, Erdbeben etc. und daraus ist alles mögliche entstanden. Dann haben wir alles mögliche von der Mystik her, was Menschen phantasiert, geträumt haben etc. Entscheidend ist immer die Frage: Ist Information geflossen, oder nicht? Haben sie mit den sogenannten Göttern gesprochen oder nicht? Derjenige, der es überliefert, schreibt er in der ersten Person oder gibt er nur Erzähltes weiter? Wenn Information geflossen ist und sie hat wissenschaftlichen Inhalt, z. B. Astronomisches oder Metallurgie, und der Autor schreibt in der 1. Person, dann nehme ich die Quelle ernst. Aber es ist ein einziges Durcheinander.

Wie stehen sie zu den heutigen Berichten über die Sichtung von Außerirdischen – oder anders gefragt: Gibt es eine bestimmte Zeit in der Geschichte, in der sich die »Götter« zurückzogen von der Erde, oder besuchen sie uns seit dem Altertum immer wieder?
Ich bin langsam verunsichert. Ich persönlich habe noch nie ein UFO gesehen und spotte immer: Wenn der Däniken auftaucht, dann rauschen die ab. Ich weiß natürlich, dass im UFOSektor 98% der Literatur Unsinn sind. Und trotzdem gibt es Wissenschaftler wie den verstorbenen Prof. Dr. John Mack von der Harvard Universität, der sich mit Entführungsberichten duch Außerirdische beschäftigt hat. Mit ihm saß ich stundenlang zusammen, und er sagte mir: Erich, ich will auch nicht, dass das wahr ist, aber es ist so. Da bekomm ich langsam Zweifel. Oder nehmen wir zum Beispiel den amerikanischen Astronauten Ed Mitchell, den ich persönlich sehr gut kenne und der aus Roswell stammt. In der UFO-Szene stößt man immer wieder auf diesen »Roswell-Fall«, da sei etwas abgestürzt, obwohl das die offizielle Seite längst widerlegt hat. Und nun sagt mir Ed Mitchell: Erich, das stimmt nicht. Da ist etwas Außerirdisches abgestürzt. Ich bin da einfach verunsichert, ich weiß selber nicht mehr, was ich sagen soll.

Wenn man so lange über ein Thema arbeitet, gibt es dann überhaupt noch etwas, von dem man meint: Das muss ich noch durchdringen, das will ich noch herausfinden?
Ideal wäre so etwas wie eine Zeitkapsel. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese Außerirdischen verschwunden sind ohne irgendeinen Beweis. Was immer sie gemacht haben, muss so angelegt sein, dass es nicht kaputt geht über die Jahrtausende, und dann muss man auch noch dafür sorgen, dass die Menschen in der fernen Zukunft überhaupt danach suchen. Wenn keiner darüber nachdenkt, ob wir Besuch aus dem Weltall hatten, geht niemand auf die Suche. Ich könnte mir vorstellen, dass wir eines Tages einen Raum unter der Großen Pyramide finden mit irgendwelchen Schriften oder Botschaften. Mir fehlt definitiv der Beweis. Ich habe Indizien, die kann man so oder so interpretieren, aber einen objektiven Beweis habe ich bislang nicht.

Wenn Sie einen echten Beweis gefunden haben, ist Ihr Lebenwerk dann vollbracht?
Eigentlich ja. Ich wäre dann sehr glücklich und dankbar, aber ich glaube, ich würde auch dann nicht arrogant werden. Ich bin, wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich (lacht).

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum bisher noch kein einziger antik-technischer Gegenstand gefunden wurde?
Wenn unsere Ethnologen irgendwo hingehen, an den oberen Amazonas oder an den Nil, dann nehmen sie vielleicht ein paar Werkzeuge mit, ein paar Kameras und so weiter. Billiger Plunder kann liegen bleiben, der verrostet dann und geht verloren über die Jahrtausende, aber das wertvolle Zeug, Kameras oder Messgeräte, nehmen sie wieder mit. Da bleibt nicht viel übrig. Aber es gibt tatsächlich ein paar Geschenke der sogenannten Götter, die von den Religionen auch heute noch aufbewahrt werden, wie der Spiegel des Jimmu-Tenno oder die Bundeslade, die meiner Meinung nach etwas Technisches sind. Vielleicht gibt es also einige Hinterlassenschaften, aber wir kommen nicht daran. Noch nicht.

Glauben Sie an Verschwörungstheorien, die besagen, dass irgendwelche Politiker einfach nicht wollen, dass solches Wissen über extraterrestrische Intelligenz in der Bevölkerung Verbreitung findet?
Es ist weniger Verschwörung als unsere Gesellschaft. Politiker sind weder dumm noch bösartig, aber sie stecken manchmal einfach in ihren Alltagsproblemen fest. Wenn jemand kommt und ihnen eine außergewöhnliche Entdeckung darlegt, verweisen sie ihn an die entsprechenden Fachleute, sie kennen sich da schlicht nicht aus. Und ein Wissenschaftler ist normalerweise ein integrer, geistreicher, humorvoller Typ und der geht nicht hausieren mit Sensationen. Der nimmt immer Rücksicht auf seine Kollegen. Ein Wissenschaftlier könnte nie so reden oder sich so verhalten, wie ich das als Outsider mache. Ich hab mal einem guten Freund, dem inzwischen emeritierten Professor für Raumfahrttechnologie der TU München, Harry Ruppe, gesagt: Harry, wenn Du mit meinen Ideen gekommen wärst, das hätte doch eine ganz andere Wirkung gehabt als wenn da so ein kleiner, fremder Typ auftaucht. Er meinte daraufhin: Meine eigenen Kollegen hätten mich fertig gemacht. Es muss von außen kommen, aber dann müssen die Theorien auf Ihren Wert abgeklopft und die Spreu vom Weizen getrennt werden. In dieser Phase befinden wir uns derzeit.

Sie selbst sagen, Sie seien nicht dafür da, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Zeigt Ihr immenser Erfolg nicht, dass das alte Vorurteil vom wissbegierigen Menschen gar nicht stimmt – er will nicht wissen, er will staunen!
Jeder Mensch trägt eine Bestie in sich und gegen diese Bestie hat er keinen freien Willen. Die Bestie ist die Neugierde. Jede Intelligenz ist neugierig und das hört nicht auf. Ich glaube, wir wollen immer wissen. Das Wissen ist nie ein ganzes Wissen. Ich glaube auch nicht, dass man je die Wahrheit haben wird. Das ist immer auch eine Frage der Diskussion in der Gesellschaft. Kommt es an oder nicht?

Sie sind – nach der bundesdeutschen Definition – bereits weit im Rentenalter, aber werden mit den Jahren keinen Deut ruhiger. Wie muss man sich den Alltag eines Bestsellerautors vorstellen?
Wunderbar einfach. Ich bleib lang im Bett. Ich steh so um halb elf, elf auf. Dann lese ich Zeitungen, trink einen Tee, gehe ins Büro und mach meine Arbeit. Ich lese sehr sehr viel, aus allen möglichen Bereichen. Wenn ich ein Buch schreibe, mache ich das nachts. Da müssen alle Informationen, alle Quellen schon stimmen. Ich setze mich nie an den Computer und weiß nicht, was ich schreiben will. Der Kopf ist immer schon voll. Das ist der normale Alltag. Derzeit bin ich auf einer Vortragsreise. Da red ich jeden Abend in einer Stadthalle oder in einer Schule. Ansonsten renn ich in der Welt rum. Ich war erst kürzlich in 4600 Metern in der Höhe in Peru und ich habs überlebt.

Mit oder ohne zusätzlichen Sauerstoff?
Ohne. Aber ich geh nie mehr. Es reicht mir. Ich habs gespürt, es hat weh getan. Da hab ich mir gesagt: Jetzt musst du langsam aufpassen.

Haben Sie jemals versucht, Kontakt mit Außerirdischen herzustellen?
Nein. Ich habe ein paar schöne Träume gehabt, da habe ich mit ihnen gesprochen, aber schon währenddessen war mir klar: Das ist Traum und nicht Wirklichkeit.

Sie sind ja auch Romanautor und haben bewiesenermaßen Phantasie. Wie sähe das aus, wenn Däniken eines Tages tatsächlich auf Außerirdische treffen würde?
Zunächst hätte ich vermutlich Angst, dann würde sicher die Neugier siegen. Ich nehme mal an, das Kommunikationsproblem wäre keines, das würden die lösen. Und dann hätte ich Fragen im Umfang eines Telefonbuches. Zunächst einmal möchte ich wissen: Wie hat das Universum begonnen? Was war denn vor dem Urknall? Und wart ihr oder jemand anderes tatsächlich schon bei uns? Und warum überhaupt? Was ist der Grund dieses ganzen Spiels? Ich hätte wirklich unzählige Fragen.

Kritik kommt nicht nur von der wissenschaftlichen, sondern auch von der theologischen Seite. Schließlich erklären sie offen, dass die Götter der heiligen Schriften nur Raumfahrer sind. Sind Sie selbst eigentlich ein spiritueller Mensch?
Ich bin ein tiefgläubiger Mann. Nehmen wir mal an zu meinen Gunsten, ich hätte recht. Da wären Außerirdische da gewesen. Die nächste Frage lautet: Wo kommen die her? Haben sie eine Evolution, wurden sie selbst von anderen Außerirdischen infiziert? Irgendwann bin ich am Ende der Fahnenstange und da werd ich ganz klein und bescheiden und sage: Du bist ein Nichts, du bist eine Null in diesem grandiosen Kosmos. Ich habe mir nie zugetraut, eine Definition Gottes zu versuchen, da sind schon viel Schlauere daran gescheitert. Ich nenn ihn ganz ehrfürchtig »den grandiosen Geist der Schöpfung«, aber das ist auch nur so eine Bezeichnung. Ich bin einer von denen, der nie einschläft, ohne gebetet zu haben. Und ich rede nicht von Bitten, sondern von meiner Dankbarkeit, dabei sein zu dürfen in diesem Universum. Ich glaube sogar an die Wiedergeburt. Ich habe nicht den geringsten wissenschaftlichen Beweis dafür, nichts, aber ich hab immer das Gefühl gehabt, ich war schon mehrmals da. Mich treibt nicht nur die Neugierde, sondern auch die Wut, dass man einfach nicht weiterkommt.

Welchen Wunsch haben Sie für sich selbst und für die Welt?
Für mich selbst ist es einfach: Ich will gesund sein. Und für die Gesellschaft: Kommt weiter! Hört auf mit Vorurteilen, hört auf mit Rassismus! Hört auf mit Eurer Rechthaberei und Eurer Annahme, nur Ihr wäret die besten. Ich habe immer die Feststellung gemacht, auf diesem Globus leben ganz grob gesagt zwei Menschen: die Religiösen und die Materialisten. Erstere gehen davon aus, dass sie von Gott als Krone der Schöpfung eingesetzt wurden und letztere sehen sich als Spitze der Evolution. So oder so betrachten wir uns immer als die Größten. Wir sollten ein bisschen bescheidener werden. Wir sind die intelligente Spezies auf diesem Globus und sonst nichts.

* Erich Anton Paul von Däniken (* 14. April 1935 in Zofingen) ist ein Schweizer Schriftsteller auf dem Themengebiet der Prä-Astronautik. Er wurde bekannt durch populärwissenschaftliche Bücher und Filme, die sich mit früheren Besuchen von Außerirdischen auf der Erde beschäftigen. Seine Bücher wurden in 32 Sprachen übersetzt und haben eine Gesamtauflage von 62 Millionen verkauften Exemplaren erreicht. Damit ist er einer der weltweit erfolgreichsten Autoren im Bereich der Sachliteratur. Weitere Informationen zu seinem umfangreichen Werk und seinen aktuellen Veranstaltungen finden sich auf seiner Website: http://www.daniken.com.