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Der Schweinezyklus der Geschichte

Man mag es für Zufall halten oder für einen ausgeprägten Instinkt: Schon während meines Studiums interessierten mich vor allem jene Epochen, die das Ende ihrer Kultur einzuläuten schienen: Die altägyptische Spätzeit sowie, was den griechischen Kulturraum angeht, die so genannte Spätantike. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass uns diese Zeiten etwas zu sagen haben.

Im Gegensatz zu meinen Anfangsjahren, in denen ich mich für die klassischen Höhepunkte – Echnaton, Tutanchamun, das Athen der Klassiker, die minoischen Paläste auf Kreta – begeisterte, kam ich immer mehr davon ab, das Altertum als Selbstzweck zu betrachten. Meinem Geschichtslehrer – einer jener freien Persönlichkeiten, die mit ihrem Witz und ihrer Analysefähigkeit an Schulen ebenso unterfordert wie dringend benötigt werden – verdanke ich mein Interesse an Gesellschaften und Politik. Ihm gelang es, in vergangenen Ereignissen Strukturen aufzuzeigen, die sich als typisch menschlich erwiesen hatten. Geschichte als Menschenkunde, jenseits von Kostümfilmen und Guido Knopp’scher Gänsehaut. Er war es, der mein Interesse für Archäologie und das Altertum – das wir nie gemeinsam besprachen – auf eine neue Ebene hob. Ich war neugierig geworden. Nicht darauf, was vergangen war, sondern darauf, was sich wiederholte. Und was uns nur scheinbar – durch die Gnade der späten Geburt – erspart zu bleiben schien.

Im Rückblick verwundert es mich nicht, dass mich die von Kollegen wie Laien häufig schmählich vernachlässigten Spätzeiten zunehmend faszinierten. Einer der häufigsten Gründe für die Ablehnung dieser Epochen ist die schwindende kulturelle Anziehungskraft, die ihnen von den Nachgeborenen diagnostiziert wird. Häufige Vorwürfe lauten: Lust am Rückgriff und der Kopie, Verlust der eigenen Originalität, zunehmende Abnahme politischer Unabhängigkeit, Aufkommen irrationaler Moden anstelle des gesunden Menschenverstands. Ja, all dies kann man in solchen Zeiten beobachten, aber wie so oft ist es eine Frage der eigenen Perspektive und Wertung, ob man das Geschilderte als Vorboten des Untergangs oder als Charakteristika hoch entwickelter und komplexer Kulturen wahrnehmen möchte.

Eine Gesellschaft, die noch in den Kinderschuhen steckt, hat natürlicherweise andere Sorgen als den Widerspruch zwischen der Wahrung des Erreichten und kultureller Innovation. Rückgriffe, Ironie und Ambivalenzen entfalten ihre größte Anziehungskraft erst dann, wenn Erfahrung und eine veränderte Umwelt die eigene Position zu relativieren verhelfen. Doch eine Spätzeit ist nicht nur von Turbulenzen, sondern immer auch von Altersweisheit charakterisiert. Wie im menschlichen Leben auch ist es letztlich eine Geschmackssache, ob man den Verlust der jugendlichen Naivität und Sprunghaftigkeit oder die wachsende Gelassenheit in den Fokus des Interesses stellt.

Man mag es für eine gewagte Behauptung halten, doch ich meine, dass wir aus der Analyse vergangener Spätzeiten viel über unsere eigene Epoche lernen können. Der südtiroler Soziologe Roland Benedikter hat sie mal die postmaterialistische genannt. Dieser Ausdruck enthält nicht nur die zunehmende Digitalisierung unserer Lebenswelten, sondern zugleich auch die Abkehr von materiellen Werten, wie sie zwischen den 1950er und 1980er Jahren noch breite Schichten unserer Gesellschaft charakterisierten. Anders sind Phänomene wie die Energiewende kaum zu erklären: Aus idealistischen Gründen heraus finanzieren wir mitten in einer der größten Finanzkrisen der letzten Jahrhunderte ein völlig utopisches Projekt, das allein die Welt nicht retten kann – unser Gewissen hingegen schon.

Spätzeiten haben mit vielen Feinden zu kämpfen: Umso komplexer die eigene Lebenswirklichkeit, umso aufgeklärter der eigene Standpunkt, desto heftiger melden sich jene zu Wort, die nach einfachen Lösungen und nachvollziehbaren Maßstäben verlangen. Es liegt in der menschlichen Natur, dass sie eine gewisse Schwäche für zyklische Entwicklungen hat. Wie sonst wäre zu erklären, dass das frühe Christentum, eine ebenso radikale wie vergleichsweise unterkomplexe Lehre, Jahrhunderte gewachsener Kultur auszukehren verstand mit der sprichwörtlichen Kraft neuer Besen? Hoch differenzierte und geradezu modern anmutende Wissenschaften und Philosophien, ein Maximum künstlerischer Fertigkeit, eine beeindruckende Medizin und Körperkultur, das ganze kosmopolitische Nebeneinander religiöser Überzeugungen – vergessen und verdrängt in wenigen Jahrzehnten. Und warum? Nicht allein aufgrund von Gewalt, sondern auch wegen immer bedrohlicheren sozialen Verwerfungen im späten Römischen Reich.

Wir wissen nicht, ob uns bald wieder eine vereinfachende, eine entkomplizierende Bewegung ins Haus steht. Noch gelingt es uns, den Deckel auf dem Topf zu halten, doch das Nebeneinander von immer komplexeren Zusammenhängen und die wachsende Sehnsucht nach naiver Idylle wird früher oder später ihren Tribut fordern. Mit Weltuntergang hat das nichts zu tun. Schon die frühen Christen haben mit ihrem Glauben an die Apokalypse bekanntlich gehörig daneben gelegen – und ihren Irrtum doch erfolgreich in die Transformation einer ganzen Gesellschaft investiert. Mein Geschichtslehrer nannte diese tröstliche Erkenntnis den »Schweinezyklus der Geschichte«: Noch auf jede Spätzeit ist über kurz oder lang eine neue Frühzeit gefolgt.

Quelle: http://www.mystica.tv/der-schweinezyklus-der-geschichte-david-salokin/

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Ein bisschen Scham muss sein

Von der zukunftsweisenden Kraft eines vermeintlich altmodischen Gefühls.

In seinem kleinen, aber engagierten Buch »Schamlos!« identifizierte der Hamburger Psychologie-Professor Wolfgang Hantel-Quitmann die zentralen Mängel unserer Gesellschaft – Geldgier und Egoismus in der Finanzwelt, Machterhalt in der Politik, Selbstdarstellung in den Medien, Sex und Kommerz im Alltag – als Folgen eines ausgeprägten Mangels an Scham. »All diese Schamlosigkeiten sind leider keine Auswüchse einer ansonsten gesunden Kultur mehr, und es ist auch nicht der Preis, den wir für einen vermeintlichen zivilisatorischen Fortschritt zahlen müssen. Es sind Symptome einer Kultur, die ihre Mitmenschlichkeit zu verlieren droht. Denn es ist mittlerweile ein großer Teil der Bevölkerung, der an den falschen Stellen klatscht und die leisen Skandale hinnimmt, während er die großen nicht einmal mehr merkt. Unserer Kultur gehen die Maßstäbe für gut und böse, richtig und falsch, anständig und unanständig verloren. Dieser Verlust ethischer Prinzipien betrifft insbesondere das menschliche Mitgefühl und die soziale Verantwortung, aber auch Respekt, Achtung, Mitleid, Rücksicht oder Solidarität.«

Vor ein paar Monaten sprach ich bereits von meiner Theorie, gewisse Symptome unserer Gesellschaft deuteten auf eine Parallele unserer Zeit zu jener der Spätantike hin. Eines der im Nachhinein eindrücklichsten Kennzeichen dieser Zeit war zweifellos die wachsende kollektive Sehnsucht nach einer größeren Moral, verbindlichen Werten und spürbarer Gerechtigkeit, da diese in der Gegenwart gefühlt ins Hintertreffen geraten waren. Das Ergebnis dieser ersten »weltweiten« Massenbewegung war das Christentum. Die Radikalität seiner Thesen, die Liebe als Zentrum der Erlösung und die klaren Richtlinien über das, was gut und böse ist, machten es zum ersten religiösen Gassenhauer und zu einem idealen Fokus der Enttäuschten und Verlorenen.

Wenn wir nun mit Hantel-Quitmann feststellen müssen, dass unserer eigenen Gesellschaft zunehmend ihr angeborenes – und notwendiges – Urteilsvermögen und Gefühl für Scham verloren geht, so scheint mir in Anbetracht der oben skizzierten Umstände noch ein weiterer Umstand mit dieser Entwicklung einherzugehen: Die wachsende Sehnsucht nach einem neuen und tragfähigen moralischen Rahmen. Für diese Behauptung gibt es bereits zahlreiche Anzeichen: Die zunehmenden Konversionen zu strikteren bzw. radikaleren Formen der Religion und der Versuch, sich zumindest der Umwelt und den Tieren gegenüber fair zu verhalten. Die erfreulichen Fortschritte im Tier- und Naturschutz können auf Dauer doch nicht eine Entwicklung der zwischenmenschlichen Verantwortung ersetzen, welche über die gefühlte Solidarität mit den Opfern von Menschenrechtsverletzungen im Ausland hinausgeht.

In Wirklichkeit sind es gerade die unexotischen, alltäglichen Situationen, die am meisten unserer Liebe und Hingabe bedürften. Wie verhalte ich mich meinen Kollegen gegenüber, meinen Eltern, meinen Freunden? Bin ich wirklich zuverlässig und stehe mutig für meine Überzeugungen ein oder verhalte ich mich trotz hehrer Ideale so, dass ich selbst möglichst wenig Schaden und Zurückweisung im beruflichen oder privaten Umfeld erfahre?

Ich möchte hier einen weiteren Autor zitieren, der etwa zeitgleich mit dem eingangs zitierten Buch ein aufregendes Musikstück komponiert hat. Darin heißt es: »Die Menschenwürde, hieß es, wäre unantastbar, jetzt steht sie unter Finanzierungsvorbehalt – ein Volk in Duldungsstarre, grenzenlos belastbar, die Wärmestuben überfüllt, denn es wird kalt. Den meisten ist es peinlich, noch zu fühlen, und statt an Güte glaubt man an die Bonität. Man lullt uns ein mit Krampf und Kampf und Spielen – schau´n wir vom Bildschirm auf, ist es vielleicht zu spät… Die Diktatur ist nicht ganz ausgereift, sie übt noch. Wer ihren Atem spürt, duckt sich schon präventiv. Und nur der Narr ist noch nicht ganz erstarrt, er liebt noch und wagt zu träumen, deshalb nennt man ihn naiv…« Konstantin Wecker schrieb diese Zeiten auf den Titel eines anderen kleinen Werkes hin, das in den letzten Jahren die Bestsellerlisten Europas eroberte: »Empört Euch!« von Philosoph Stéphane Hessel. Sein Refrain enthält eine Aufforderung, die den Kern des frühen Christentums in eine moderne künstlerische Form zu gießen scheint: »Empört euch, gehört euch und liebt euch und widersteht!« Jesus Christus als Sozialreformer – und nicht als Trostfigur einer post-mortalen, vermeintlich »besseren Welt«, um die zu erreichen es heute zu leiden gilt.

Sollte sie sich dieser Aufgabe stellen, könnte der Religion eine neue zentrale Aufgabe in unserer Gesellschaft erwachsen: Die Verteidigung der Menschlichkeit gegen den zynischen Charakter unserer gegenwärtigen Politik. Dazu müsste sie sich aufraffen, statt Homosexuelle, Geschiedene oder Andersgläubige die Kriegstreiber, Lügner und Verführer dieser Welt zu diskriminieren. Scham nicht vor dem, was Gott vielleicht nicht will, sondern vor dem, was meinen Nächsten offensichtlich verletzt. Die Wiederherstellung einer solchen, auf Loyalität abzielenden Scham als zentrales menschliches Talent – nicht in Form einer reglementierenden Sexualmoral, sondern mittels einer engagierten Bekämpfung der hysterischen Ichbezogenheit – wäre einer spirituellen Massenbewegung der Gegenwart wahrhaft würdig.

Echte Religion muss immer auch Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit sein, sonst verkommt sie zur Kulisse eines bigotten Theaterstücks von Menschen gegen Menschen. Papst Franziskus zum Beispiel scheint die Zeichen der Zeit verstanden zu haben.