Schlagwort-Archive: Spiritualität

Zum Teufel mit den Stirnrunzlern!

Wie Jorge Mario Bergoglio erneut den Idealisten in mir weckte

Vor genau dreißig Monaten erschien an dieser Stelle mein erster Beitrag, damals unter dem Titel »Gefährliche Ideale«. Zwei Stellen dieses Textes sind mir – im Gegensatz zu so manch anderen – bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Zum einen die Heranziehung der Religion für die Begründung meines eigenen Idealismus: »Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.« Zum anderen die zugegebenermaßen zugespitzte Einleitung meines Artikels, die mir wenig später durch eine etwa gleichaltrige Leserin aus München den Vorwurf des »Anti-Katholizismus« einbrachte: »Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus.«

Aus sehr unterschiedlichen Gründen habe ich diese zwei Aussagen bis heute nicht vergessen: Letztere, weil sie mir schon zu Beginn meiner Kolumnistentätigkeit vor Augen führte, dass man als Autor in noch viel stärkerem Maße als im persönlichen Austausch damit rechnen muss, völlig falsch verstanden zu werden. Und erstere, weil ich sie heute nicht mehr so unterschreiben würde – einfach, weil sich meine Meinung diesbezüglich im Laufe der Jahre stark geändert hat. Hielt ich Religionen damals noch generell für etwas Gutes, unterscheide ich heute viel genauer zwischen gelebter Spiritualität auf der einen und blind befolgter Überzeugungen und Rituale auf der anderen Seite. Niemand, der Selbst-Transzendenz und Liebe wirklich verinnerlicht hat, würde je auf die Idee kommen, aus Religion so etwas wie eine jeglichem Widerspruch entzogene Politik zu machen, wie es in Geschichte und Gegenwart immer wieder geschehen ist und weiterhin geschieht.

Dass ich heute diese Bilanz ziehe, geschieht nicht etwa aus Sentimentalität (»30 Ausgaben!«), sondern aus aktuellem Anlass: Der damals regierende Papst Benedikt XVI. hat inzwischen abgedankt; an seine Stelle trat ein argentinischer Jesuit, der sich selbst Franciscus nennt. Dass dieser im Deutschen – anders als in allen anderen Sprachen – nicht mit dem hiesigen Namensäquivalent »Franz« bezeichnet wird, mag Traditionalisten verärgern; die Begründung des Leipziger Namensforschers Prof. Jürgen Udolph lässt hingegen aufhorchen: »Der Name ist völlig aus der Mode.«

Die Tatsache, dass ein katholisches Oberhaupt keinen »unmodernen« Namen tragen sollte, ist angesichts von Pius, Benedikt und Innozenz immerhin bemerkenswert. In Bezug auf den Namensträger selbst scheint diese Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz jedoch durchaus Programm zu sein. Jenem Mann, der sich seit seiner Wahl zum Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken stets als »Bischof von Rom« bezeichnet, um Gebete für eine gute Amtsführung bittet und Präsidentinnen wie Schwerbehinderte spontan auf die Wange küsst, ist sein erstes Wunder schon gelungen: dem höchsten Amt der Kirche ein wahrhaft christliches Antlitz zu verpassen. Jene Ziele, die ich einst der Religion im Allgemeinen zuschrieb, scheinen zu den Grundlagen seines Pontifikats zu werden: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber.

Angesichts der allerorts ausbrechenden Verzückung ließen die kritischen Stimmen natürlich nicht lange auf sich warten. Mit runzelnder Stirn fragten sie nach Bergoglios rigider Sexualmoral und seiner ungeklärten Rolle während der argentinischen Militärdiktatur. »Der Spiegel« widmete dieser ambivalenten Beurteilung des neuen Papstes sogar einen ebenso albernen wie unzutreffenden Titel: »Der moderne Reaktionär«.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich es dreißig Kolumnen später vielleicht »nicht mehr so unterschreiben« werde: Zum Teufel mit all den Kritikern und Stirnrunzlern, zum Teufel mit dem Kleinmut und jenen, denen ihre Ideale die Sicht auf die Wirklichkeit verstellen! Ja, Franziskus wird wie jeder Mensch in seinem Leben eine Reihe falscher Entscheidungen getroffen haben. Und ja, als katholischer Kardinal wird er vermutlich nicht zur Avantgarde der sich stetig wandelnden Sexualmoral gehören. Doch wer die Eignung eines Mannes für das Amt des Papstes von diesen Themen abhängig macht, übersieht am Ende, wen er – sei es durch eine Laune des Schicksals oder eine Fügung des Himmels – vor sich hat: Einen (be)rührenden und aufmerksamen Menschen, der schon jetzt die für äußere Reformen wie für eine innere Weiterentwicklung gleichermaßen wertvolle Fähigkeit bewiesen hat, Konventionen mit einer von Herzen kommenden Spontaneität zu brechen. Gönnen wir diesem Mann die berühmten ersten 100 Tage Amtszeit, um zu beurteilen, was der ehemalige »Kardinal der Armen« vom Stuhl Petri aus zu schaffen vermag.

Eines steht für mich schon heute fest: »Modern« ist Franziskus mit Sicherheit nicht – und muss es auch gar nicht sein. Dieser Papst ist drauf und dran, der von Moden besessenen Welt eine viel wichtigere Lektion zu erteilen: Den zeitlosen Wert von Güte und Mitmenschlichkeit. Mehr kann man von einem Heiligen Vater nun wirklich nicht verlangen.

Advertisements

Wie vertragen sich Wissenschaft und Spiritualität?

»Der Naturwissenschaftler kennt die Zweige des Baumes des Wissens, aber nicht seine Wurzeln. Der Mystiker kennt die Wurzeln des Baumes des Wissens, aber nicht seine Zweige. Die Naturwissenschaft ist nicht auf die Mystik angewiesen und die Mystik nicht auf die Naturwissenschaft – doch die Menschheit kann auf keine der beiden verzichten.« (Fritjof Capra, Der kosmische Reigen)

Eine der erstaunlichsten Eigenschaften unserer Gesellschaft ist ihre metaphysische Schizophrenie. Zwei scheinbar unversöhnliche Gesellschaftsgruppen, die Materialisten und die Esoteriker, haben sich den Krieg erklärt, einen heiligen und kalten Krieg. Heilig, da es in jenem Krieg um nichts Geringeres geht als um die Deutungshoheit der Wirklichkeit mit all ihren Konsequenzen; und kalt, da dieser Krieg beinahe ausschließlich über Propaganda im eigenen Lager geführt wird und nur sehr selten in Form einer echten Konfrontation, einer Auseinandersetzung mit der gegnerischen Partei erfolgt.

Beide Ideologien kämpfen um die Seelen der Gläubigen, denen letztlich nichts anderes übrigbleibt, als einer der beiden Instanzen eine verbindliche Weltdeutung zuzutrauen und diese von ihr zu übernehmen. Beide kämpfen mit sehr unterschiedlichen Waffen, bedingt auch durch ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung. Während die gut situierte Wissenschaft kaum auf die überaus blühende Esoterikszene Bezug nimmt, diese schon durch ihr Schweigen kommentarlos der Irrelevanz bezichtigt, verwendet so mancher Esoteriker eine Menge Energie darauf, »die Wissenschaft« per se zu verurteilen und ihr Weltbild wie ihre Auswüchse der institutionellen Blindheit zu bezichtigen.

ESOTERIK ALS DENKFORM

Nun ist es ja nicht so, dass »Wissenschaft« und »Esoterik« tatsächlich zwei so monolithische Blöcke darstellten, wie es in der geschilderten Auseinandersetzung so manches Mal den Anschein hat. Statt nun die Unterschiede innerhalb der beiden dominanten Denksysteme herauszuarbeiten, möchte ich auf die sie charakterisierenden Elemente hinweisen. Was verbindet alle esoterischen Strömungen? Und was macht aus Psychologie, Quantenmechanik und mittelalterlicher Geschichte »Wissenschaft«?

Der französische Esoterikforscher Antoine Faivre stellt in seinem Vorwort zur »Geheimen Geschichte des abendländischen Denkens« fest: »Die Esoterik stellt nicht einmal ein eigentliches Gebiet dar, so wie man etwa vom Gebiet der Malerei, der Philosophie oder gar der Chemie sprechen kann. Sie ist weit weniger ein spezifisches Genre als vielmehr eine Denkform […].« Er schließt eine Beschränkung der Esoterik auf den Topos »Geheimlehre«, die wenigen Eingeweihten vorbehalten ist, ebenso aus wie die Bestimmung der Esoterik als »spirituellen Raum« bzw. »den Weg dorthin«. Zudem sei die Esoterik, wie wir sie kennen, eine durchaus abendländische Tradition; so ist es ihm »noch immer ein Rätsel, was eine weltweite Esoterik denn sein könne.«

Diese Definition der Esoterik als eine Denkform, die in der Praxis die unterschiedlichsten, teilweise widersprüchlichen Ausformungen annehmen kann, erleichtert den Einstieg in das Verständnis ihrer Auseinandersetzung mit den sogenannten akademischen Wissenschaften. Thorwald Dethlefsen, einer der bekanntesten Esoteriker Deutschlands, stellt seinem 1979 erschienenen Werk »Schicksal als Chance«, das den Leser »in das Weltbild der Esoterik einführen soll«, ein Kapitel mit dem programmatischen Titel »Esoterik – die unwissenschaftliche Art, die Wirklichkeit zu betrachten« voran.

Nach einer wertneutralen Definition der Wissenschaft über ihr Ziel, »die Wirklichkeit gedanklich zu durchdringen und durch das Auffinden von Gesetzen eine Ordnung in die Vielfalt der Erscheinungsformen zu bringen«, charakterisiert er ihre Vorgehensweise als das Aufstellen und Widerlegen von Theorien. Die daraus abgeleitete pointierte Feststellung, dass »die Wahrheit von heute der Irrtum von morgen« sei, wird zum Ausgangspunkt der Dethlefsen’schen Kritik: So sei es trotz der allgemein praktizierten Gewohnheit, nach der jede Generation von Wissenschaftlern an der Widerlegung der Erkenntnisse der ihr vorangegangenen Generationen arbeite, eine »tiefe Überzeugung« der Wissenschaft, »jetzt die absolute und endgültige Wahrheit gefunden zu haben«. »In diesem Punkt«, so das Urteil des Autors, »übertrifft die Glaubensstärke der Wissenschaft mit Leichtigkeit jede religiöse Sekte«.

WISSENSCHAFT, DIE RELIGION DER MODERNE?

Der Hang der Wissenschaft, sich stetig selbst zu widerlegen, kann durchaus als charakteristisches Merkmal aller Natur- und Geisteswissenschaften verstanden werden. Laut Brockhaus ist Wissenschaft in erster Linie »eine systematische Ordnung des gesammelten Wissens und empirischer Erkenntnisse, Theorienbildung auf Basis aufgestellter Hypothesen und praxisnaher Überprüfung (Beweis)«. Ihre Theorien müssen demnach »bestimmte Kriterien der Verifikation (Überprüfung) bestehen, um in der wissenschaftlichen Gemeinde anerkannt zu werden.«. Als Angehöriger eines Berufsfelds, das notwendigerweise über einen ausgeprägten Skeptizismus verfügt, stellt religiöses oder esoterisches »Offenbarungswissen« für viele Wissenschaftler ein rotes Tuch dar. Wer behauptet, Wissen über die Welt und ihre Einzelteile zu besitzen, ohne diese nach wissenschaftlichen Kriterien »beweisen« zu können, gilt vielen als Scharlatan und im Extremfall als gefährlich für die »Psychohygiene« der gesamten ihn umgebenden Gesellschaft.

Hier scheint mir auch das Kernproblem des Dialogs zwischen Esoterik und Wissenschaft zu liegen. Beide »Denkformen« betrachten die jeweils andere Seite als eine durch ihre eigene Tätigkeit relativierte Weltanschauung. Nur durch religiöse Verblendung scheint es möglich, dass die eine wie die andere Seite überhaupt Anhänger finden kann, ohne ihre eigene Weltanschauung zu hinterfragen. Insofern werfen sich beide Seiten gleichermaßen vor, Ideologien zu sein; und wie Ideologien bekämpfen sie sich. Nicht Wissen, sondern der Glaube an ihre Grundsätze bestimme die
Methodik wie die Ergebnisse der jeweiligen Konkurrenz.

Dass eine solche Einstellung für die Aufnahme eines wie auch immer gearteten Dialogs nicht wirklich dienlich ist, liegt auf der Hand. So ist es kein Wunder, wenn die Fronten zwischen Wissenschaft und Esoterik zementiert, und Kongresse wie Messen der jeweiligen »Gegner« mit Argwohn betrachtet werden. Die Kritik bewegt sich hierbei in einem Spektrum von bloßer Verharmlosung bis hin zur Kriminalisierung der entgegengesetzten Ideologie. Beispielhaft sei auf den immer wieder postulierten Zusammenhang zwischen esoterischen Grundsätzen und dem politischen Konzept des Faschismus hingewiesen, der letztlich in der These kulminiert, dass »die weiter wachsende massenweise Verbreitung des New Age eine heutige neofaschistische ‚Ansprache’ […] in einer Weise begünstigt, wie es seit dem moralischen Niedergang des Faschismus aufgrund seiner Abscheu erregenden Verbrechen nicht der Fall gewesen ist.« (P. Kratz, »Alles schon mal dagewesen!« 10 Thesen zu New Age und Faschismus)

Trotz der hier skizzierten gegenseitigen Ablehnung kam es in den letzten 150 Jahren immer wieder zu einer durchaus konstruktiven Auseinandersetzung zwischen esoterischen und wissenschaftlichen Autoren. Auf der einen Seite waren es Esoteriker, die wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Lehren und Vorstellungen integrieren wollten (man denke bloß an den eingangs zitierten Fritjof Capra und seinen Versuch, östliches Gedankengut mit westlicher Physik zu vereinen), und auf der anderen Seite Wissenschaftler, die übernatürliche Phänomene (und ihre Anziehungskraft auf Menschen) zum Gegenstand ihrer Untersuchung machten. Letztere waren nicht selten »glaubende« Wissenschaftler, die daran interessiert waren, ihre Glaubensgegenstände wissenschaftlich zu »beweisen«. Das Gros der Akademiker bestand jedoch zumeist aus Forschern, die sich für bestimmte Phänomene interessierten und diese untersuchten, um zu einer Theorie zu gelangen, die das für einen rationalistisch
gesinnten Menschen Unerklärliche verständlich macht – oder schlicht widerlegt.

Das weltanschauliche Gegenstück zu diesen »esoterischen Wissenschaftlern« stellen die »wissenschaftlichen Esoteriker« dar, die versuchen, die eigenen Lehren mit Termini und Erkenntnissen der (Populär)wissenschaft zu schmücken oder gar zu begründen. »Der Schamane mit Psychologiedoktorat gibt den Ton an, auch der Physikprofessor mit einer Schwäche für Tao. Allemal muss, bei der Beschäftigung mit dem Außerirdischen oder Unterirdischen, ein wissenschaftlicher Kommentar mitgeliefert werden, aus der Astronomie oder Tiefenpsychologie. Das geht deshalb ganz gut, weil manche Gemächer des heutigen wissenschaftlichen Gebäudes recht spärlich beleuchtet sind«. (A. Holl, Wassermannzeit) Dieser »wissenschaftliche« Zierrat verrät natürlich vor allem eins: Wissenschaft oder das, was man dafür hält, ist längst selbst zu einer Religion geworden. Wer früher dem Priester glaubte, ohne zu verstehen, wovon dieser redete, nickt heute vertrauensvoll den Akademiker ab, der es im Zweifelsfall besser wissen muss.

DIE GEBURT DER WISSENSCHAFT

Doch die Wurzeln des modern anmutenden Gegensatzes »Esoterik versus Wissenschaft« sind bei weitem nicht so jung wie angenommen und reichen statt dessen tief in den Brunnen der Geschichte hinab. Seine Ursprünge liegen in der Entstehungszeit der ersten kritischen und vernunftbetonten Wissenschaften im Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Während die religiöse (und die damit eng verwandte esoterische) Denkweise seit jeher das Bild des Menschen von der Welt bestimmt hatte, entstand zu dieser Zeit eine völlig neue und in großem Umfang von den alten Traditionen unabhängige Lehre von der Wirklichkeit, welche erst viel später den Namen »Wissenschaft« erhalten sollte.

Wo liegen die Ursachen für die Entstehung einer von der religiösen Sinnfrage befreiten Erforschung der Welt und welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Emanzipation einer so jungen Bewegung wie der Natur- und der Geisteswissenschaft zu gewährleisten? Friedrich Pfister, ein klassischer Philologe, beschrieb die Situation zum Zeitpunkt ihrer Entstehung folgendermaßen: »Es hatte sich eine Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft; es waren die geistigen Bestrebungen entstanden, die zum wissenschaftlichen Forschen führten, die Kritik an der Überlieferung, der Drang nach Ordnung und Systematik und das Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge. Es war aber auch der große umfassende Fragenbereich aufgetaucht, der seitdem immer wieder die denkende und forschende Menschheit beschäftigen sollte: Woraus ist das Weltall entstanden und wie hat es sich entwickelt? Wie ist die Menschheit entstanden und wie ist ihre Geschichte? Wenn jene wissenschaftlichen Bestrebungen erstarkten und sich auch in der Einzelforschung bewährten und wenn man den Mythos überwand, so war eine wirkliche Wissenschaft gegeben […]«.

IGNORANTE PHARAONEN

Diesem Ursachenmodell mag entgegengehalten werden, dass viele seiner Bestandteile keineswegs dazu führen müssen, Erkenntnisgewinn zu rationalisieren, wie wir an etlichen vorwissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können. Im Alten Ägypten zum Beispiel war eine »Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft« und es bestand ohne Zweifel ein ausgeprägter »Drang nach Ordnung und Systematik«; auch die Entstehung von Fragen nach dem Ursprung und der Geschichte der Welt bzw. ihrer Bewohner ist ein uralter Topos innerhalb der ägyptischen religiösen Literatur. Was aber »fehlte« den Ägyptern, was verhinderte einen Paradigmenwechsel in der Methodik ihres Erkenntnisgewinns?

Als zentrale Knackpunkte erscheinen mir die von Pfister genannte »Kritik an der Überlieferung«, welche selbst freilich nicht Ursache, sondern Folge einer gewissen geistigen Wende ist, und das »Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge«. Beide waren in einem Kulturbereich wie dem ägyptischen nicht besonders ausgeprägt. Die ausgesprochen konservative Haltung der ägyptischen Intellektuellen, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Heil in der Bewahrung des überlieferten Wissens sah, und das assoziative, mythische Denken verhinderten letztlich eine tiefgreifende Öffnung ihrer Geisteskultur für strukturelle Veränderungen. Exemplarisch für Hunderte ähnlicher Texte seien hier ein paar Zeilen aus der Lehre für den König Merikare zitiert: »Ahme deinen Vätern und deinen Vorvätern nach. Erfolgreich arbeiten kann man nur in der Tradition: ihre Ausführungen sind ja in den Büchern erhalten. Schlage sie auf und lies und eifere den Weisen nach!«

Charakteristisch für das ägyptische Denken ist seine gegenständliche Erfassung der Wirklichkeit, die – ähnlich der ägyptischen Hieroglyphenschrift – stets eine Mischung aus bildhaft-wörtlichen und symbolhaft-abstrakten Elementen enthält. Der Ägyptologe Eberhart Otto schreibt hierzu in seinem Werk »Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur«: »Wir wissen dann freilich im einzelnen nicht immer, wieweit er diese Bilder sinnhaft für Wirklichkeit nahm, wieweit sie als Symbol für etwas anderes standen und wieweit sie nicht oft einfach zu sprachlichen Bildern geworden sind, die ihre greifbare Bildlichkeit längst eingebüßt hatten.«

Bildhaftes Denken muss – wie in Ägypten – nicht zwangsläufig einen Widerspruch zur geistigen Fähigkeit der Abstraktion bilden, welche letztlich die Ursache für wissenschaftliches Arbeiten ist. Viel eher geht ja das analoge ebenso wie das logische Denken von Zusammenhängen zwischen augenscheinlich unabhängigen Phänomenen aus, »um so zu allgemeinen Begriffen und Gesetzen zu kommen«. Dennoch muss es einen Grund haben, warum die Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, ihren Anfang eben nicht im ägyptischen, sondern im griechischen Kulturkreis genommen hat. Otto sieht die Ursachen dafür weniger an den »tatsächlichen Leistungen« als an den »Zielen« der ägyptischen Wissenschaft. Er stellt fest: »Was dem Ägypter offenbar generell ermangelte, war die wissenschaftliche Neugier, das Bedürfnis Neuland zu entdecken, der Trieb vom Erkannten zum Unbekannten weiterzuschreiten, kurz das, was dann wohl erst die griechisch-ionische Wissenschaft in Fluss gebracht hat. Der Ägypter begnügte sich offenbar, wenn er eine Lösung gefunden hatte, die seine praktischen Zwecke erfüllte, und er hielt dann mit beachtlicher Hartnäckigkeit an ihr fest. Es ging ihm nicht darum, die Welt als Ganzes erklären zu wollen. Es genügte offenbar, für ihre Teilerscheinungen praktische Erklärungen zu finden; doch sollte man ihm deshalb nicht die intellektuellen Voraussetzungen für wissenschaftliches und logisches Denken generell absprechen«.

Das Verhältnis des Ägypters zu seiner Welt war – und blieb – ein magisches. Innerhalb eines solchen Modells wird dem analogen Denken (als dem »natürlichen«, »ursprünglichen«) eine ungemein größere Stellung eingeräumt als dem logischen. Selbst im Kontext wissenschaftlicher Forschung – wie der hoch gelobten ägyptischen Medizin – erlangt das kausale Denken allenfalls eine gleichberechtigte, niemals jedoch eine dem analogen Prinzip übergeordnete Stellung. So formte das Wissen um die geistigen Hintergründe eines Ereignisses, welches analog erschlossen wurde, gemeinsam mit der Kenntnis seiner konkreten, also logisch erschließbaren Ursachen ein unauflösliches Amalgam.

»SYMPATHIE« STATT LOGIK?

Insofern ist es verständlich und verwundert kaum, dass Ägypten heute unter Esoterikern ebenso beliebt ist wie schon unter den Alchemisten und Okkultisten der vergangenen Jahrhunderte. Zwischen dem »proto-wissenschaftlichen«, analogen Weltbild der Ägypter und dem Denken in Entsprechungen, wie es seit der Hermetik jede Form von »Geheimlehre« bis hin zur modernen Esoterik kennzeichnet, besteht eine wesensmäßige Verwandtschaft.

Der 2000 Jahre alte Satz »Wie oben, so unten« aus den hermetischen Schriften kann als zentrales Bekenntnis der esoterischen Weltsicht überhaupt betrachtet werden. Ohne es wäre weder die Astrologie, noch das Kartenlegen, noch die Vorzeichendeutung denkbar. Die Hermetik, eine erst in griechischen Quellen fassbare Lehre, die sich selbst jedoch als ägyptisch betrachtet und die nach ihrer zentralen Figur, dem Gott Hermes Trismegistos benannt ist, war eine Geheimlehre, die sich mit dem Aufstieg des Menschen – raus aus der grobstofflichen Welt, rein in den lichten Himmel – beschäftigte. Bei dieser »esoterischen« (sprich: innere, also hinter den äußeren Erscheinungsformen verborgenen) Lehre, die nie zur offiziellen Religion wurde, in der Spätantike aber durchaus verbreitet war, handelt es sich sozusagen um die Mutter aller esoterischen Strömungen. Sie behandelt einen auf das Lesen bestimmter Schriften konzentrierten Erlösungsweg des Menschen bis hin zu seiner Erleuchtung. Ein Kernelement bildet die sogenannte »Sympathie«-Lehre zwischen Makro- und Mikrokosmos, welche eine Verwandtschaft von himmlischen und weltlichen Phänomenen annimmt (zumindest aber eine zeitliche Koinzidenz). Statt, wie in der griechischen Wissenschaft, nach den realweltlichen Ursachen eines bestimmten Problems zu forschen, sollte hier nach seinen gedanklichen und spirituellen Ursachen gesucht werden. Überspitzt formuliert könnte man die beiden Zielrichtungen der Wissenschaft und der Esoterik also auf die menschlichen Grundfragen »Wie« und »Wieso?« reduzieren. Das offenbart freilich, dass sich hier nicht notwendigerweise Feinde, sondern vielleicht sogar potentielle Verbündete gegenüberstehen.

»Eine Theorie der Magie« wird Ihnen in den kommenden 12 Monaten einen ausführlichen Überblick über das spannende Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und Esoterik liefern. Der Fokus wird hierbei auf (Grenz-)Wissenschaften wie der Parapsychologie, der Anomalistik und der Paranormologie liegen, deren spannende Erkenntnisse aus über 100 Jahren Forschung nicht nur wohlwollenden Esoterikern, sondern auch kritischen Wissenschaftlern gelegentlich allen Grund zum Staunen geben.