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Denken hilft beim Wachsen nicht

Unter vier Augen mit dem Psychologen und Wissenschaftshistoriker PROF. DR. DR. HARALD WALACH (Deutschland)*

Herr Walach, Sie waren viele Jahre am bekannten »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) in Freiburg tätig. Wenn man sich die Ergebnisse von rund 100 Jahren wissenschaftlicher Anomalistik-Forschung ansieht, wie sie in der Parapsychologie betrieben wird, so kann man über ihre mangelnde Durchschlagskraft in unserer Kultur nur enttäuscht sein.
Solche Themen kommen in die Kultur, aber nicht in die wissenschaftliche Kultur. Unsere populäre Kultur greift sie durchaus auf, denn sie haben diese Ergebnisse in jedem Esoterik-Buchladen herumstehen. Man muss erstmal verstehen, warum das so ist, dann kommt man vielleicht einen Schritt weiter. Dass die wissenschaftliche Kultur das ausgrenzt, versteh ich sogar, denn wenn man sich den empirischen Datenbestand der Parapsychologie zu Gemüte führt, dann ist der eben löchrig. Manche Ergebnisse sind relativ robust. Wenn man die neuen Metaanalysen zu Präkognition, zu Psychokinese und so weiter zur Kenntnis nimmt, dann sind die schon relativ stark. Sie haben einen sehr engen Konfidenzbereich von zwar kleinen, aber vorhandenen Effektstärken, d.h. sie sind signifikant, d.h. sie sind, alles in allem, nicht abzuleugnen. Aber wenn man jetzt eine wissenschaftliche Haltung einnimmt, die besagt: Das ist eigentlich so unwahrscheinlich, dass ich es a priori nicht glaube, ich möchte erst ein replizierbares Experiment sehen, das ich heute machen kann und morgen und übermorgen, und dann setze ich noch meine Sekretärin ran und meine Oma, und die können das auch – unter diesen Vorraussetzungen funktioniert es eben nicht.

Heißt es nicht, dass es eine Art emotionale Verbindung braucht, um parapsychologische Fähigkeiten auszulösen? Die Mutter, die sich um ihr Kind sorgt, der Hund, der ganz und gar auf seinen Herrn fixiert ist…
Ich glaube, man muss verschiedene Ebenen unterscheiden. Da ist zum einen die All-tagswelt, das lebensweltliche Vorkommen parapsychologischer Phänomene, die sind ja sehr sehr gut dokumentiert. Es gibt Tausende von Anekdoten, die im New Yorker Institute For Parapsychological Research lagern, meine Kollegen im IGPP haben ebenfalls haufenweise Beispiele gesammelt. Es gibt allein über 300 Spukfälle, die gut untersucht sind. Man muss nur in die ethnologische Forschung gehen. Aber das ist natürlich im Sinne von wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit kein Faktum in dem Sinne. Denn etwas wird erst dann ein wissenschaftliches Faktum wird, wenn es eine passende Theorie dazu gibt. Und wir haben keine. Parapsychologie oder anormale Kognition definiert sich nur negativ über das, was wir nicht verstehen. Und das geht a priori nicht, dass man so etwas als wissenschaftliches Faktum verkauft. Deshalb sind diejenigen, die behaupten, das sei alles gut wissenschaftlich bewiesen, schlecht informiert, denn sie haben nicht verstanden, was ein wissenschaftliches Faktum ist. Nun ist es aber noch komplizierter. Denn es könnte ja sein, dass es mit einer neuen Form von Theorie durchaus zu einem wissenschaftlichen Faktum werden könnte. Aber die muss man eben erst finden. Meine Freiburger Kollegen und ich haben im Lauf der Zeit einen solchen Ansatz gefunden, indem wir davon ausgehen, dass es sich dabei gar nicht um kausal beliebig verfügbare Phänomene handelt. Wir gehen ja wissenschaftlich immer davon aus, dass nur das wissenschaftlich wertvoll ist, was kausal verfügbar ist. Immer, wenn ich diese Tasse auf den Boden schmeiße, geht sie kaputt, wenn ich es mit der richtigen Kraft und richtigen Geschwindigkeit tue. Aber das ist bei diesen Phänomenen eben nicht der Fall. Das hängt mit dem zusammen, was Sie vorhin gesagt haben: Vielleicht ist eine emotionale Verbindung absolut notwendig, damit es überhaupt zu solchen Phänomenen kommt, möglicherweise ist eine bestimmte Form der Bedrohung, der Bedeutungsgebung wichtig, damit sie nutzbar sind. Möglicherweise spielt eine bestimmte Form von Bewusstseinshaltung eine Rolle, die man einnehmen muss, damit es funktioniert. Und all das sind Dinge, die nur sehr schwer im Rahmen eines experimentellen Paradigma formulierbar und replizierbar sind.

In den letzten 150 Jahren, seit sich die Wissenschaft als Instanz endgültig etabliert hat, haben Menschen mit spirituellen Ansätzen immer wieder versucht, übersinnliche Aussagen wie die Unsterblichkeit der Seele »wissenschaftlich« zu beweisen – zum Beispiel mit Nahtoderfahrungen. Kritiker behaupten immer wieder, diese könne man beliebig experimentell reproduzieren…
Das ist Unfug. Das mit dem berühmten Persinger-Helm ist von psychologischen Kollegen der Universität Lund untersucht worden. Die haben einen Placebo-Helm gebastelt und eine placebo-kontrollierte Studie durchgeführt. Dabei haben sie festgestellt, dass der genauso gut funktioniert, wenn die Leute nur glauben, dass etwas passiert, auch wenn überhaupt keine Ströme fließen. Das bedeutet, dass das, was Persinger da gemacht hat, vermutlich ein kapitaler Rosenthal- oder Versuchsleiter-Effekt war. Er hat den Leuten etwas suggeriert und dann sehen die das auch. Das sind keine Nahtoderfahrungen. Das sind Formen von leicht hypnoiden Zuständen, die man durch alles mögliche erzeugen kann. Manchmal erfahren Leute nahtoderfahrungsähnliche Zustände, die sich sogenannten Jet-Trainings unterziehen. Das sind Schwerelosigkeitstrainings. Dabei kommt es vor, dass sie kurz wegtreten und so etwas ähnliches wie Nahtoderfahrungen machen. Das sind aber sehr kurzfristige Momente. Das muss einen auch gar nicht wundern, weil unser Gehirn relativ komplex ist; wir haben da noch längst nicht alles verstanden. Aber phänomenologisch und philosophisch viel interessanter finde ich die ganz wenigen, sehr gut dokumentierten Fälle, bei denen man weiß, dass das Gehirn über lange Zeit inaktiv war und die Leute trotzdem über Erfahrungen berichten. Das dürfte eigentlich nicht sein, wenn die Mainstream-These stimmt, dass das Gehirn selbst Bewusstsein erzeugt.

Können Sie einen Fall beschreiben, der Ihnen besonders aussagekräftig und gut dokumentiert erscheint?
Ein sehr interessanter Fall, der erst vor kurzem publiziert wurde, stammt von einem amerikanischen Neurochirurgen, Eben Alexander, der eine bakteriell verursachte Sepsis hatte. Er kam ins Krankenhaus in die Notaufnahme. Weil man seine Hirnströme maß, weiß man, dass das Gehirn inaktiv war, sogar bis ins Stammhirn. Die behandelnden Ärzte gingen daher davon aus, dass dieser Mann nicht mehr aufwacht und wenn ja, dann nur mit schwerwiegendsten Problemen. Das Ganze ist sehr gut dokumentiert, man weiß, wie lange die Behandlung dauerte und was alles mit dem Körper gemacht wurde. Er hatte während dieser Zeit sehr intensive Erfahrungen, zum Teil waren es einfach irgendwelche Visionen, zum Teil waren es auch Erinnerungen an sein Leben – und das, während sein Gehirn inaktiv war. Selbst wenn man nur davon ausgeht, dass noch irgendwelche Gehirnstammaktivität bei ihm vorhanden war, dürfte man nicht davon ausgehen, dass es zu solch zusammenhängenden Erfahrungen und Kognitionen kommen konnte. Zumal er auch beschreibt, dass er eine komplette Aufwachpsychose erlebt hat, und die hat sich völlig anders angefühlt. Das ist hoch interessant. Das scheint mir der spannendste Fall zu sein, der den Eindruck erweckt, dass ohne manifeste Gehirnaktivität Bewusstsein möglich ist. Ich sage absichtlich »den Eindruck erweckt«, denn das müsste man genauer untersuchen. Da kommen wir jetzt zu einem Punkt, der sehr wichtig ist: Wir als Menschen und Wissenschaftler sind alle sogenannte Bayesianer, also wir gehen davon aus, dass bestimmte Dinge möglich sind und bestimmte Dinge nicht. Diese Ausgangswahrscheinlichkeit haben wir aus unserer Kultur, aus unserer Bildung, unserer Erziehung. Wenn diese Ausgangswahrscheinlichkeit sehr niedrig ist, kann uns auch eine ganze Fülle an Daten nicht überzeugen, dass da etwas dran ist. Wenn die sehr hoch ist oder 50:50, dann kann uns schon ein Fall davon überzeugen. Das Problem ist, dass die meisten Leute aufgrund ihrer Vormeinung bei all diesen Phänomenen eine äußerst niedrige Ausgangswahrscheinlichkeit ansetzen. Menschen, die davon ausgehen, dass es nur Materie gibt und nur diese von Bedeutung ist, halten die Existenz solcher Phänomene für äußerst unwahrscheinlich. Man kann dann über Bayessche Statistik ausrechnen: Selbst wenn man diesen Menschen ganze Wagenladungen von Daten vor die Füße kippen würde, würden sie ihre Meinung nicht ändern. Deshalb hilft uns hier Erfahrung und wissenschaftliche Empirie nicht weiter.

Wie muss man Ihrer Meinung nach als Psychologe, parapsychologisch bewanderter Wissenschaftler und Geisteswissenschaftler mit dem Problem der Gerätemedizin umgehen, um wegzukommen von der religiös oder materialistisch fundierten Diskussion über Sterbehilfe?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Das hängt wirklich davon ab, wie wir die Frage nach dem Leib-Seele-Problem beantworten. Ist wirklich nur das Gehirn entscheidend für das Bewusstsein oder können wir davon ausgehen, dass Bewusstsein in irgendeiner Form eine eigene Daseingestalt hat? Ich gehe im Moment davon aus, dass Bewusstsein und Materie, beides, komplementäre Erscheinungsweisen einer transzendenten Wirklichkeit sind, einer transzendenten Wirklichkeit ist, die wir derzeit noch nicht greifen können, weil sie sich eben nur so zeigt. Wenn das so wäre, wäre die reine Fixierung auf die materiellen Prozesse natürlich ein fundamentaler Fehler. Und weil wir es nicht genau wissen und auch keinen gesellschaftlichen Konsens haben, ist es vermutlich im Moment am vernünftigsten, über die Patienten- bzw. Angehörigenwünsche zu gehen. Auf jeden Fall erscheint mir der Versuch, wissenschaftlich-medizinisch das Maximum an Verlängerung des Lebens nur um des Lebens willen herauszuholen weder sonderlich aufgeklärt noch sonderlich human noch sonderlich klug. Diese Verhaltensweise geht von Prämissen aus, die nicht unbedingt beweisbar sind, man kann sie begründen, aber nicht beweisen. Ich hab das auch meinen Angehörigen gesagt, ich möchte nicht, wenn mir etwas zustößt, mit allen möglichen lebensverlängernden Maßnahmen traktiert werden.

Sie meditieren privat seit vielen Jahrzehnten, interessieren sich auch für Zenphilosophie. Wie hat diese Praxis ihr Leben verändert?
Es ist vor allem einfacher geworden. Meditation führt einfach dazu, dass man Dinge direkter sieht und weniger Schnickschnack betreibt. Epistomologisch gesehen führt das dazu, dass wir immer wieder neu auf eine 50:50 Haltung eingenordet werden. Wir legen unsere alten Konzepte beiseite und sagen: Vielleicht stimmt es doch. Und dann braucht man gar nicht so viel Erfahrung, um zu bemerken: Stimmt, ich habe mich geirrt, es ist ganz anders als geglaubt. Ich habe dadurch immer mehr vorgeformte Konzepte abgelegt. Klar habe ich immer noch welche, wer ist schon perfekt, aber es wird einfach einfacher dadurch.

Sie haben einst den »Freiburger Fragebogen zur Achtsamkeit« entworfen. Das klingt auch recht buddhistisch. Was habe ich mir darunter vorzustellen?
Als Anfang der 1990er Jahre die Achtsamkeit als klinisches Interventionsmodell nach Deutschland kam, habe ich überlegt, wie wir das in die Forschung integrieren können. Da kam eine Studentin zu mir, die viel Meditiationserfahrung hatte, und da haben wir gemeinsam diese Idee entwickelt. Achtsamkeit ist Teil der buddhistischen Lebensphilosophie, aber aus meiner Sicht ist es kein buddhistisches Konzept, sondern eine psychologische Fertigkeit, etwas, das wir alle haben oder haben könnten. Achtsamkeit ist menschlich, nicht buddhistisch. Es ist eine Haltung, die man üben kann, genauso wie man Zuhören oder Empathie üben kann. Auch Empathie ist etwas Allgemeinmenschliches, das nicht nur von den Buddhisten, sondern auch in anderen Kulturen und Religionen gefordert wird. Die Buddhisten haben sich um Achtsamkeit bemüht, weil sie verstanden haben, dass ohne Präsenz des Geistes andere Dinge schlechter funktionieren. Wenn ich nicht präsent bin, kann ich mir Dinge schlechter merken. Wenn ich gleichzeitig mit den Gedanken noch wo anders bin, geht das nicht. Ich muss präsent sein und Bewertungen weglassen, dann kann ich mit dem, was im Moment gegenwärtig ist, später auch etwas anfangen. Dann kann ich zum Beispiel entscheiden: Will ich mich damit auseinandersetzen oder nicht, will ich das an mich heranlassen oder nicht.

Und das nimmt einen auch aus der Subjektivität heraus…
Ja! Wir sind dann bei den Dingen. Wir sind dann, wenn Sie so wollen, eins mit den Dingen. Im Moment zumindest. Die viel zitierte westliche Krankheit der Subjekt-Objekt-Spaltung ist dann futsch.

Das Gegenstück zur Multitasking-Kultur.
Absolut. Die Multitasking-Kultur halte ich für das Dümmste, was man sich überhaupt ausdenken kann. Das führt dazu, dass wir unsere kognitiven Kapazitäten überstrapazieren, dass wir überall sind und nirgendwo richtig. Empirische Studien zeigen, dass das zu Unzufriedenheit führt. Es gibt keine einzige empirische Studie, die mir bekannt ist und die zeigen würde, dass Multitasker glücklicher sind als die anderen.

Apropos Überstrapazierung des Kognitiven: Eine Kollegin wollte neulich von mir wissen, wieviel Denken notwendig sei, um seinen Platz in der Welt zu finden, und wie es ihr gelingen könne, zwischen wertvollen und trivialen Gedanken zu unterscheiden.
Da steht einem die Reflexion eher im Weg herum. Ähnlich wie in einer Drehtür dreht man sich nach einer gewissen Zeit immer wieder um dieselben Fragen. Dann ist man am Ende genauso schlau wie vorher. Das einzige, was da was hilft, ist Denken bleiben lassen. Denken bleiben lassen, atmen, meditieren und warten. Dann kommen die richtigen Gedanken von selbst und die unwichtigen gehen. Das erfordert natürlich einige Übung. Dass Denken wichtig ist, um zum Kern des Seins zu gelangen, ist meiner Meinung nach ein großes westliches Missverständnis. Ich habe einen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert übersetzt, einen Karthäuser-Schriftsteller. Er hat eine sehr radikale These vertreten, dass man im Prinzip zur zentralen Erfahrung des Seins nur kommt, wenn man alles Denken bleiben lässt und sich nur mit den Flügeln des Affekts, also des Strebens, dahin begibt ins Sein. Am Schluss der Disputatio schreibt er einen sehr klugen Satz. Auf die Frage des Kritikers: Was soll ich denn machen, wenn ich nicht an Gott und die Engel denken darf? sagt er: Non cogitabitur, sed aspirabitur. Nicht denken, sondern atmen. Denken hilft beim Wachsen nicht. Denken hilft nur, wenn man konkrete Probleme lösen möchte.

Ihr Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften in Frankfurt (Oder) ist in Europa ziemlich einzigartig. Wie würden Sie den Kern Ihrer Arbeit dort definieren?
Das Institut wurde nicht von mir ins Leben gerufen, ich bin bloß sein erster Leiter. Seine Aufgabe würde ich wie folgt zusammenfassen: Wir entwickeln Verständnis dafür, dass in der postmodernen Zeit Gesundheit nie innerhalb einer Kultur definiert werden kann, sondern immer mit fremdkulturellen Vorstellungen konfrontiert wird, so dass zum Beispiel medizinische Techniken von anderswo zu uns importiert werden, angepasst und umgewandelt werden, und das formt auch wieder unsere Kultur. Insofern haben wir es damit zu tun, dass sich Konzepte von Gesundheit und Krankheit in der postmodernen Vernetzung komplett verändern. Nehmen wir ein Beispiel: Heute redet jeder von Energie und Chi. Was wir unter Energie und Chi verstehen, ist etwas komplett anderes, als die Chinesen unter Energie und Chi verstehen. Aber hier hat eine bestimmte Form des Denkens in China unsere eigene Form des Denkens beeinflusst, aber was hier bei uns passiert, ist etwas anderes, als was damit in China gemeint war. Umgekehrt haben die Chinesen verstanden, dass sie mit ihrer Fünf-Elemente-Lehre und mit ihrem Ying-Yang-Konzept nie eine Rakete zum Fliegen bringen würden. Also haben sie sich bei uns die effektive Wissenschaft und die Technologien geholt, die ihnen dabei helfen, ihre ganz eigenen Ansätze zu verfolgen. Insofern bedeutet der Begriff Transkulturalität, dass Konzepte, Entwicklungen, Ideen, Verhaltensweisen aus anderen Kulturen importiert werden, sich in der eigenen Kultur mit dem, was vorhanden ist, vermischen und dann etwas Anderes, etwas Neues ergeben. Und das kann man natürlich auch auf den Gesundheitsbereich anwenden.

Was ist Ihrer Erfahrung und Forschung nach Gesundheit?
Das ist extrem schwer zu definieren. Ich würde Gesundheit definieren als die Fähigkeit eines Organismus, mit Anforderungen so umzugehen, dass er heil bleibt, dass er Wohlbefinden erzeugt. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Belastungen oder von Stress, sondern die Fähigkeit, damit konstruktiv umzugehen, psychisch wie physisch.

Alternative Heilmethoden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Wir haben ja auch schon den boomenden Esoterikmarkt angesprochen. Wie unterscheiden Sie für sich als Wissenschaftler das Untersuchenswerte vom Mumpitz?
Das ist schwer zu unterscheiden. Es gibt auf diesem Markt extrem viel Unsinn und Beutelschneiderei, sehr viele Heilsversprechen, die überhaupt nicht einzulösen sind. Das muss man immer wieder klar sagen, sonst meinen die Leute, dass alles, was alternativ ist, gut sei. Und das ist sicher nicht so. Nun ist es aber komplizierter als man denkt. Ich mache mal ein Gedankenspiel. Es könnte ja sein, dass wir in 150 Jahren feststellen, dass das Entscheidende, was bei der Heilung passiert, im Bewusstsein passiert, und das alles, was wir außen herum machen, nur ein Mittel ist, das Bewusstsein entsprechend zu richten, damit das passieren kann, was passieren muss. Dieses Gedankenspiel stammt gar nicht von mir, sondern von Jerome D. Frank, der 1967 das Buch »Die Heiler« geschrieben hat. Es ist durchaus denkbar, dass es deswegen gar nicht darum geht, die richtige Methode zu finden, sondern den richtigen Menschen, der mit seiner Methode das Richtige bewirken kann.

Wann raten Sie auf jeden Fall, einen Schulmediziner aufzusuchen?
Unsere konventionelle Medizin ist extrem gut, was alle akuten und lebensbedrohlichen Fälle angeht. Also wenn ich einen Herzinfarkt habe, möchte ich mich auch nicht von einem Schamanen behandeln lassen. Wenns aber um chronische Erkrankungen geht, auch solche, bei denen die Ärzte manchmal über Jahre hinweg nichts finden, da müssen andere Ansätze her, ob es nun im Einzelnen die chinesische Medizin ist, der Schamane, eine gut informierte Präventivmedizin oder der orthomolekulare Ansatz, wo Leute nach Mikronährstoffen sehen oder nach Lebensmittelallergien, das muss man dann im Einzelfall entscheiden.

Es gibt ja immer wieder den Vorwurf, ihr Institut würde von der Homöopathie-Lobby finanziert. Andersherum wird auch immer wieder die Kritik laut, die anderen Lehrstühle würden von der Pharma-Industrie gesponsert. Was entgegenen Sie dieser Kritik?
Eine berechtigte Frage, über die ich auch immer wieder nachdenke. Zunächst ist da natürlich die Frage des Verhältnisses zu klären. Wir haben Hunderte von Lehrstühlen in Deutschland, die von der pharmazeutischen Industrie gesponsert werden, ungefähr 90-95% der medizinischen Forschung wird derzeit von der Pharmaindustrie gesponsert. Die Lehrstühle, die von der homöopathischen bzw. komplementär-medizinischen pharmazeutischen Industrie gesponsert sind, sind meines Wissens nach gerade mal zwei, also meine und die meines Kollegen. Dann muss man natürlich auch gucken: Was genau heißt das? Mit welcher Zielrichtung tun sie es? Unsere Sponsoren finanzieren unsere Lehrstühle mit der Zielrichtung, dass wir diesen Studiengang einrichten und betreuen, weil es natürlich in ihrem Interesse liegt, dass Ärzte sich um dieses Thema kümmern. Da könnte man in der Tat sagen, dass dies einen Interessenskonflikt darstellen könnte, weil wir ja diese Leute ausbilden. Das ist aber meiner Meinung nach kein Konflikt für die Forschung, die ich betreibe, weil diese mit dem wenig zu tun hat. Im Gegenteil. Die haben es eigentlich gar nicht so gerne, was ich da treibe, weil wir uns darum kümmern zu zeigen, dass in einigen Fällen reine Placebo-Effekte vorliegen, dass eventuell eine Bioresonanzmaschine den gleichen Effekt hat, dass ich Nanopharmakologie für Blödsinn halte, was meine Sponsoren gar nicht gern hören. Insgesamt würde ich kein großes Konfliktpotential sehen, weil sich ja die Sponsoren per Definition nie in die Ausgestaltung konkreter Forschung einmischen dürfen. Das wäre jetzt der Fall, wenn sie mir auch noch Geld für Forschung geben würden, das tun sie aber nicht.

2012 erhielten Sie von der »Gesellschaft für kritisches Denken« den fragwürdigen Preis »Das Goldene Brett«. Ihr Institut wurde in diesem Zusammenhang als »Bullshit-Verdichtungs- und Veredelungs- versuchsanlage« bezeichnet. Warum tun Sie sich das eigentlich an und forschen nicht in »konventioneller« Psychologie?
Ich habe ein inhaltliches Interesse, und das passt vielen Leuten nicht. Das ist mir aber egal, denn mein Interesse geht mir über die öffentliche Wahrnehmung. Klar muss man als Lehrstuhlinhaber auch mal taktisch vorsichtig sein. Letztlich geht es mir aber darum, bestimmte Themen und bestimmte Inhalte zu transportieren und nicht gewissen Leuten zu gefallen. Wenn ich das wollte, würde ich nicht in Frankfurt an der Oder auf einer W2-Stiftungsprofessur sitzen.

* Prof. Dr. Dr. Harald Walach ist Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina. Der klinische Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker beschäftigt sich in seiner Forschung mit komplementärer Medi-zin und Heilkunde, darunter Homöopathie und die Manual-Therapie nach Mohamed Khalifa. Mehr Informationen finden Sie unter www.harald-walach.de/

Überblick über die modernen Grenzwissenschaften

»Ein erheblicher Teil des Widerstands traditionsorientierter Wissenschaftler gegen den Zustrom neuer, revolutionärer Daten beruht auf einem fundamentalen Missverständnis der Beschaffenheit und der Funktion wissenschaftlicher Theorien.« (Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz. Neue Dimensionen in der Psychologie)

Ziel dieser Serie ist es, die Untersuchung der Wirklichkeit paranormaler Phänomene durch kritische Wissenschaftler darzustellen, den Versuch von Parapsychologen, Anomalisten und Paranormologen, eine »Theorie der Magie« zu formulieren, die das Unverständliche erklärt oder zumindest statistisch belegt. Für manchen Esoteriker mag eine Adelung durch die universitäre Wissenschaft überflüssig erscheinen – hat man mit dem »Glauben« an das materialistische Weltbild doch auch längst das Vertrauen in die Wissenschaft per se verloren. Dass die Naturwissenschaft längst nicht mehr der Newtonschen Weltanschauung anhängt und spätestens seit Einstein weitaus »esoterischer« klingt als so mancher Geisteswissenschaftler (der den Erkenntnissen eher konservativ, skeptisch und abwartend gegenübersteht), wird hierbei oft übersehen. Die Chance einer gemeinsamen geistigen Revolution war vielleicht noch nie so groß wie jetzt. Lassen Sie uns also einen Blick auf jene Wissenschaften werfen, die an den ausgefransten Rändern unseres Weltbilds nach neuen Wirklichkeiten forschen. Der Übersichtlichkeit halber werden wir uns – unter Verweis auf die internationalen Entwicklungen – auf die deutschsprachigen Grenzwissenschaften konzentrieren.

PARASPSYCHOLOGIE

Die in der breiten Öffentlichkeit bekannteste Grenzwissenschaft ist zweifellos die Parapsychologie. Sie gilt als die älteste Form wissenschaftlicher Beschäftigung mit paranormalen Phänomenen, reichen ihre Wurzeln doch zurück bis auf den 1862 gegründeten »Ghost Club« und auf die 1882 gegründete und heute von der Parapsychologin Deborah Delanoy geführte »Society for Psychical Research« (SPR). Der Psychologe Max Dessoir etablierte bereits 1889, nur 10 Jahre nach Gründung des ersten psychologischen Instituts, ihren heutigen Namen. Alternative Begriffe nennen diesen Forschungszweig, der sich selbst als Teilbereich der Psychologie versteht, auch Metapsychik. Aufgabe dieser Parawissenschaft ist es, »die jahrtausendealten und in allen Kulturen anzutreffenden Berichte von ‚übernatürlichen’ Geschehnissen auf ihren rationalen Kern hin zu untersuchen.« (Werner Bonin)

Mit dieser Eigendefinition grenzt sich die Parapsychologie scharf von jenen Esoterikern ab, die sich selbst als Parapsychologen bezeichnen, damit aber letztlich eine Beschäftigung mit okkulten Phänomenen meinen, ohne diese wissenschaftlich belegen oder untersuchen zu wollen. Im Gegensatz zum Okkultisten ist der Parapsychologe bemüht, erst einmal jede rationale Erklärung des zu untersuchenden Gegenstands auszuschließen, bevor er von einem übernatürlichen Phänomen spricht. Weiterhin nimmt er an, dass die meisten (wenn nicht alle) noch unerklärlichen Ereignisse auf psychischen Kräften – und somit auf menschlichen Fähigkeiten – beruhen. Gott, Götter, Geister oder Dämonen schließt er, da in ihrer Natur nicht messbar, von seiner Beweisführung aus.

Dank seiner Haltung und seinem Untersuchungsgegenstand ist der Parapsychologe ein Zwitterwesen ohne eigene Lobby. Von den klassischen Wissenschaften nicht ernst genommen, halten ihn religiöse wie esoterisch gesinnte Menschen für einen Verräter. Das erklärt, unter anderem, die mangelnde gesellschaftliche Resonanz auf die Forschungsergebnisse der Parapsychologie. Von Physikern wie Psychologen wegen seiner grundsätzlichen Akzeptanz »übernatürlicher« Phänomene zur Pseudowissenschaft erklärt, ist es die skeptische Grundhaltung und die Weigerung, sich auf übernatürliche Ursachen zu berufen, die ihn vom Mainstream der esoterischen Szene unterscheidet. Gegenstände wie die Hypnose, anfangs ein Kernbereich parapsychologischer Forschung, haben mit ihrer Vereinahmung durch die klassischen Naturwissenschaften (Medizin, Psychologie) zugleich ihre Zugkraft für eine Akzeptanz der Parapsychologie als ernstzunehmender Wissenschaft verloren.

Die Geschichte der parapsychologischen Forschung zerfällt in drei wichtige Abschnitte: die frühen Gehversuche ihrer Gründungsväter (1889-1910), die Ära des amerikanischen Biologen und (Para)psychologen Joseph B. Rhine (1911-1965), der seinem Gegenstand universitäre Kooperationen ermöglichte, sowie die intensive und breit gefächerte Forschung in den 70er und 80er Jahres des 20. Jahrhunderts, wohl infolge der seit 1968 zunehmenden Offenheit und gesellschaftlichen Neugier an spirituellen und (Gesellschafts-)philosophischen Fragen.

Insbesondere für den deutschsprachigen Bereich ist auf das Freiburger »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) hinzuweisen, das 1950 von dem Psychologen Hans Bender gegründet wurde und das heute als gemeinnütziger Verein vorwiegend durch private Stiftungsmittel finanziert wird. Das IGPP gilt als das weltweit größte Institut seiner Art, das mit seinen ca. 60.000 Bänden zudem über die europaweit größte Spezialbibliothek zum Thema Grenzwissenschaften verfügt, darunter Bücher zu Okkultismus, Spiritismus, Jenseitskontakten, medialen Kundgaben, Wiedergeburtserinnerungen, Tonbandeinspielungen, Channeling, Wünschelrutengängern, Geistiger Heilung, Astrologie, Divinations- und Orakelpraktiken (Tarot, I Ging), aber auch UFO-Forschung, Magie und Zauberkunst.

Vergleichbare, akademische Forschungseinrichtungen existieren heute in den USA (»The VERITAS Research Program« des Departments für Psychologie der Universität von Arizona), England (»The Parapsychology Research Group« der Universität von Liverpool; »Centre for the Study of Anomalous Psychological Research« in Northhampton; »Anomalistic Psychology Research Unit« an der Goldsmiths-Universität in London) sowie in Frankreich »L‘Institut métapsychique international« in Paris). Doch auch Ungarn, Indien, die Niederlande und Schweden verfügen über ähnliche Einrichtungen.

Waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Kartenlegen, Astrologie, Zauberei und so ziemlich alle mysteriösen Phänomene gelegentlicher Gegenstand parapsychologischer Forschung, so hat sich diese im Laufe ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung inzwischen auf wenige, aber gut dokumentierte Phänomene spezialisiert: im Fokus der modernen Parapsychologie stehen jetzt die sogenannte »Außersinnliche Wahrnehmung« (ASW) und die »Psychokinese« (Makro- wie Mikro-PK), zu deutsch: Gedankenübertragung, Hellsehen und die Bewegung oder Veränderung von Gegenständen durch rein geistige Einwirkung. Dazu sammelt und untersucht sie Berichte und führt selbst Forschungen durch. Ihre statistischen Untersuchungsmethoden hat sie von der klassischen Psychologie übernommen. Was vor über 100 Jahren als Sammeln absonderlicher Geschichten begann, wurde – der wissenschaftlichen Anerkennung zuliebe – immer mehr zu einer kleinteiligen Forschungswissenschaft. Tragischerweise, und das sei hinzugefügt, ohne deswegen auf größere Gegenliebe zu stoßen. Die oben genannten Phänomene werden als statistisch erwiesen betrachtet, wenn ihr Zustandekommen auch nicht erklärt werden kann. Parapsychologen nehmen eine Wechselwirkung zwischen geistigen und materiellen Prozessen an, für die vom orthodoxen wissenschaftlichen Standpunkt her (noch) keine Erklärung zur Verfügung steht.

Diese Haltung lässt den Begriff »Parapsychologie« treffend wie nie zuvor erscheinen. Denn im Unterschied zu früher werden nicht externe Kräfte (wie Verstorbene oder Geister) als Ursache für die Phänomene angesehen, sondern das Medium selbst. Spukphänomene zum Beispiel, einer der Hauptgegenstände der frühen parapsychologischen Forschung, werden heute generell auf die unbewussten Kräfte der Bewohner eines Hauses zurückgeführt, ohne freilich erklären zu können, wie die betreffende Person, die unter dem Spuk zu leiden hat, diese genau hervorrufen soll.

ANOMALISTIK

Weniger bekannt und nicht ganz so geschichtsträchtig wie die Parapsychologie ist die Anomalistik, deren Namen sich von der Untersuchung wissenschaftlicher Anomalien herleitet, welche durch gegenwärtig akzeptierte wissenschaftliche Theorien nicht erklärbar scheinen. 1973 brachte der amerikanische Anthropologe Roger Wescott diesen Begriff in die wissenschaftliche Diskussion ein.

Die Anomalistik ist, einem Grundlagentext von Marcello Truzzi zufolge, ein rein wissenschaftliches und interdisziplinäres Unterfangen. Wie die Parapsychologie sieht sie sich dem wissenschaftlichen Skeptizismus verpflichtet und beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit Metaphysik oder »übernatürlichen Phänomenen«. Durch die Interdisziplinarität sieht sie sich – im Gegensatz zur Parapsychologie – als lockeren Zusammenschluss von Fachwissenschaftlern aller Couleur. Durch ihren breiter gefassten Untersuchungsgegenstand legt sich die Anomalistik nicht auf die menschliche Psyche als Ursache aller zu untersuchenden Phänomene fest und untersucht auch Gebiete wie die Kryptozoologie (die verborgene Tierarten aufspürt und die Wurzeln von Fabelwesen
erforscht) und die Astrologie.

Als Wissenschaft grenzt sich die Anomalistik ebenso vom Gläubigen wie vom Spötter ab und sieht sich als Hilfswissenschaft für die Bewertung von Anomalien, die von Wissenschaftlern wie Protowissenschaftlern (darunter fallen auch die Esoteriker) aufgefunden wurden. Ihre Zielsetzung ist erfrischend und frei von orthodoxen Glaubenssätzen: »Angesichts der Erkenntnis, dass eine gut fundierte Anomalie eine Krise für konventionelle Theorien in der Wissenschaft auslösen kann, werden Anomalien von Anomalisten als eine Gelegenheit für progressiven Wandel in der Wissenschaft angesehen.« (Marcello Truzzi)

Die Breite anomalistischer Forschung tritt auch im Themenspektrum der »Zeitschrift für Anomalistik« zutage, die wie ein akademisches Pendant zur »esotera« klingt: Paranormale Überzeugungssysteme, Mondeinflüsse auf den Menschen, Nahtodes-Erfahrungen, UFO-Berichte, Parapsychologie und Psi-Experimente, Außerkörperliche Erfahrungen, Astrologie, Paraphysik, Geomantie, Homöopathie, Morphische Felder, Reinkarnation, Radiästhesie und vieles mehr. Die anomalistischen Arbeitskreise bestehen – getreu dem Prinzip der Interdisziplinarität und der Objektivität – aus Gegnern wie Befürwortern der zu untersuchenden Phänomene sowie aus Personen, denen die »Wahrheitsfrage« letztlich egal ist, weil sie für die von ihnen untersuchten Fragestellungen unwesentlich ist.

Ihrer Interdisziplinarität ist es geschuldet, dass es weder ein Studienfach noch ein regelrechtes »Institut für Anomalistik« gibt. Stattdessen werden anomalistische Studien in Forscherverbänden wie der »Society for Scientific Exploration« (Michigan/USA) oder der im badischen Sandhausen ansässigen »Gesellschaft für Anomalistik e.V.« betrieben. Beide geben nicht nur eigene Zeitschriften heraus, sondern veranstalten auch regelmäßige Zusammenkünfte, wie zuletzt das Meeting der SSE im August 2009 in Italien.

Ähnlich wie die Religionswissenschaft interessiert sich die Anomalistik nicht nur für die »esoterischen« Phänomene an sich, sondern für den Glauben an diese innerhalb der modernen Gesellschaft. So fand im Oktober 2009 eine Podiumsdiskussion zum Thema »Esoterik und Massenmedien – Boom oder Niedergang?« statt, deren Ziel es war, eine »aktuelle Einschätzung der Entwicklung des weiten Bereichs der Esoterik im Verhältnis zu den traditionellen Religionen, aber auch im Hinblick auf ihre Popularisierung und massenmediale Repräsentation« vorzunehmen. Der Arbeitskreis Astrologie, von einem erklärten Kritiker der Sterndeutung geleitet, kam laut einem Zwischenbericht von 2002 sogar zu »einigen für Astrologen ermutigenden Ergebnissen«. Das belegt neben der Objektivität der anomalistischen Forschung auch deren Vorsatz, »den Ansprüchen der Astrologie wirklich gerecht zu werden und ihre Erfolgschancen – bei ebenso sorgfältiger Beachtung methodischer Standards – zu optimieren.«

PARANORMOLOGIE

Etwa zeitgleich mit der Anomalistik vollzog sich die Gründung einer weiteren Forschungsrichtung, die sich explizit mit den Grenzgebieten der Wissenschaften auseinandersetzt: die Paranormologie. Sie widmet sich »der Absicherung der Echtheit, der Beschreibung der Erscheinungsformen, dem Aufdecken der Abweichungen von den bekannten und anerkannten Gesetzmäßigkeiten und dem Suchen nach möglichen Gesetzmäßigkeiten paranormaler Phänomene«. Die Parapsychologie wird von der Paranormologie als ein Teilbereich unter vieren verstanden, neben der Parabiologie, der Paraphysik und der alle religiösen Phänomene umfassenden Parapneumatologie. Um eben diesen letzten Teilbereich geht sie klar über den Forschungsgegenstand der Anomalistik hinaus.

Doch nicht der Gegenstand, sondern die Zielsetzung der paranormologischen Forschung ist es, die diese Wissenschaft von ihren oben dargestellten Nachbardisziplinen unterscheidet. Ihr geht es darum, die »Grundsprache der Natur und ihres Schöpfers« aufzudecken und »wieder verständlich zu machen«, ein Ansatz, der sich terminologisch eher an der Theologie zu orientieren scheint als an einer Naturwissenschaft. Ein Blick auf die Publikationen des Innsbrucker »Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft« verrät denn auch einen christlich geprägten Interessensraum: Neben Schriften mit dem Titel »Aspekte des Bewusstseins« und »Heilen« sind dort auch Bände über »Das Antlitz Christi« und »Die Seligen Johannes Pauls II.« zu finden. Das mag nicht zuletzt auf die persönlichen Interessen des Institutsgründers Andreas Resch zurückzuführen sein, einem studierten Theologen und Psychologen, der von 1969 bis 2000 die Professur für Klinische Psychologie und Paranormologie an der vatikanischen Lateranuniversität innehatte. Unter dem Link »Verwandte Institute« wird jedoch nicht auf theologische, sondern größtenteils auf parapsychologische Einrichtungen verwiesen.

Im Rahmen der »Weltbild«-Forschung beschäftigt sich die Paranormologie ausführlich mit den Gebieten der Magie, der Mantik, des Schamanismus, der Gnosis, der Alchemie, der Esoterik, dem Satanismus, dem Spiritismus und dem New Age. Auch hier ist die christliche Position des Forschers deutlich spürbar, wenn er – durchaus nicht wertfrei urteilend wie ein Wissenschaftler – die Esoterik als »vor allem zum Christentum alternative Lebensgestaltung« bezeichnet, die den »Stellenwert der Person durch die kosmische Einheit und den Kreislauf der Dinge völlig relativiert«.
Ein für alle Parawissenschaften unverzichtbarer Beitrag ist das auf über 20 Bände angelegte »Lexikon der Paranormologie«, dessen Begriffsdichte wie Umfang alle vergleichbaren Nachschlagewerke bei weitem übertrifft. Während der Sterndeutung in Reclams »Lexikon des Aberglaubens« 5 Seiten gewidmet sind und das »Lexikon der Parapsychologie« gerade mal 5 Spalten zu diesem Stichwort bietet, gibt es neben den 8 Spalten zum Stichwort »Astrologie« noch eigene Einträge zu Astroalchemie, Astrogeographie, Astrographologie, Astrokartographie und Astrologischen Edelsteinen, Häusern, Kalendern und Symbolen, insgesamt über 17 Spalten mit reichen Details zur Geschichte und Methodik dieser »Königin der Wissenschaften«. Auch die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaften«, welche über ein hohes akademisches Niveau verfügt, ist für jeden Interessenten der paranormalen Phänomene ein großer Gewinn, möchte sich dieser über den allmählichen Wandel des Weltbilds in den modernen Geistes- und Sozialwissenschaften informieren.

GESCHICHTE DER HERMETISCHEN PHILOSOPHIE UND VERWANDTER STRÖMUNGEN

Ebenfalls mit Weltbildern beschäftigt sich das in Amsterdam ansässige Zentrum für die »Geschichte der Hermetischen Philosophie und verwandter Strömungen« (gHF). Dieses beschäftigt sich seit 1999 mit all jenen Lehren und Theorien, die sich persönlicher spiritueller Erfahrung und innerer Erleuchtung verschrieben haben. Im Mittelpunkt stehen weniger die außergewöhnlichen Phänomene an sich als deren intellektuelle oder geistige Einordnung von Seiten der »Gläubigen« bzw. »Praktizierenden«. So verwundern gelegentliche Überschneidungen nicht, wie die Assistenzprofessur Kocku von Stuckrads belegt, der sowohl Wissenschaftler als auch praktizierender Astrologe ist. Im Gegensatz zur Parapsychologie und zur Anomalistik interessiert das gHF jedoch weniger die Wahrheitsfrage der behandelten Lehren, als vielmehr deren historische Zusammenhänge und ihr Einfluss auf die jeweilige Gesellschaft, in der sie zu Hause waren. Die Universität von Amsterdam ist damit die erste Universität weltweit, die ein vollständiges Forschungs- und Lehrprogramm auf dem Gebiet westlicher Esoterik entwickelt hat.

Neben der regulären Ausbildung von Studenten und der Betreuung von Doktoranden bietet das Institut mit seiner ausgesprochen feinen esoterischen Bibliothek (mit zahlreichen mittelalterlichen Schriften) auch eine Heimstatt für Projekte assoziierter Wissenschaftler. Themen wie »Veränderte Bewusstseinszustände«, »Die Anwesenheit von Göttern« oder »Konx Om Pax: Die Geschichte einer mysteriösen (Zauber)formel« lassen dabei eher an die »Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei« denken als an ein reguläres religionswissenschaftliches Institut; doch alle Beteiligten sehen sich neben ihrem aufrichtigen Interesse an Esoterik vor allem der kritischen akademischen Wissenschaft verpflichtet. Und genau hier liegt der große Wert dieser Institution: in ihrer Unanhängigkeit, die die von der Anomalistik geforderte Objektivität jenseits von Glauben und Spöttelei garantiert. Ihre Ergebnisse werden so zu einem echten Zugewinn für das Verständnis wie für die Fortschreibung der europäischen Geistesgeschichte.

DER MAGIE EINE THEORIE!

Schon dieser kurze Überblick über die wichtigsten Strömungen der deutschen wie der internationalen Grenzwissenschaften belegt die wachsende Aufmerksamkeit, die manche innovative Wissenschaftler »typisch esoterischen« Phänomenen schenken. Was noch vor einiger Zeit »des Teufels« war, ist inzwischen sogar an der Universität des Vatikans zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden.

Wie jeder Dialog, der auf einen »Heiligen Krieg« folgt, kann diese neue Auseinandersetzung für beide Seiten nur von Gewinn sein. In den folgenden Teilen dieser Serie werden wir uns Phänomenen widmen, die von den Grenzwissenschaften besonders intensiv erforscht worden sind und die in der Tat das Zeug haben, unser Weltbild an entscheidenden Stellen zu korrigieren.