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Überblick über die modernen Grenzwissenschaften

»Ein erheblicher Teil des Widerstands traditionsorientierter Wissenschaftler gegen den Zustrom neuer, revolutionärer Daten beruht auf einem fundamentalen Missverständnis der Beschaffenheit und der Funktion wissenschaftlicher Theorien.« (Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz. Neue Dimensionen in der Psychologie)

Ziel dieser Serie ist es, die Untersuchung der Wirklichkeit paranormaler Phänomene durch kritische Wissenschaftler darzustellen, den Versuch von Parapsychologen, Anomalisten und Paranormologen, eine »Theorie der Magie« zu formulieren, die das Unverständliche erklärt oder zumindest statistisch belegt. Für manchen Esoteriker mag eine Adelung durch die universitäre Wissenschaft überflüssig erscheinen – hat man mit dem »Glauben« an das materialistische Weltbild doch auch längst das Vertrauen in die Wissenschaft per se verloren. Dass die Naturwissenschaft längst nicht mehr der Newtonschen Weltanschauung anhängt und spätestens seit Einstein weitaus »esoterischer« klingt als so mancher Geisteswissenschaftler (der den Erkenntnissen eher konservativ, skeptisch und abwartend gegenübersteht), wird hierbei oft übersehen. Die Chance einer gemeinsamen geistigen Revolution war vielleicht noch nie so groß wie jetzt. Lassen Sie uns also einen Blick auf jene Wissenschaften werfen, die an den ausgefransten Rändern unseres Weltbilds nach neuen Wirklichkeiten forschen. Der Übersichtlichkeit halber werden wir uns – unter Verweis auf die internationalen Entwicklungen – auf die deutschsprachigen Grenzwissenschaften konzentrieren.

PARASPSYCHOLOGIE

Die in der breiten Öffentlichkeit bekannteste Grenzwissenschaft ist zweifellos die Parapsychologie. Sie gilt als die älteste Form wissenschaftlicher Beschäftigung mit paranormalen Phänomenen, reichen ihre Wurzeln doch zurück bis auf den 1862 gegründeten »Ghost Club« und auf die 1882 gegründete und heute von der Parapsychologin Deborah Delanoy geführte »Society for Psychical Research« (SPR). Der Psychologe Max Dessoir etablierte bereits 1889, nur 10 Jahre nach Gründung des ersten psychologischen Instituts, ihren heutigen Namen. Alternative Begriffe nennen diesen Forschungszweig, der sich selbst als Teilbereich der Psychologie versteht, auch Metapsychik. Aufgabe dieser Parawissenschaft ist es, »die jahrtausendealten und in allen Kulturen anzutreffenden Berichte von ‚übernatürlichen’ Geschehnissen auf ihren rationalen Kern hin zu untersuchen.« (Werner Bonin)

Mit dieser Eigendefinition grenzt sich die Parapsychologie scharf von jenen Esoterikern ab, die sich selbst als Parapsychologen bezeichnen, damit aber letztlich eine Beschäftigung mit okkulten Phänomenen meinen, ohne diese wissenschaftlich belegen oder untersuchen zu wollen. Im Gegensatz zum Okkultisten ist der Parapsychologe bemüht, erst einmal jede rationale Erklärung des zu untersuchenden Gegenstands auszuschließen, bevor er von einem übernatürlichen Phänomen spricht. Weiterhin nimmt er an, dass die meisten (wenn nicht alle) noch unerklärlichen Ereignisse auf psychischen Kräften – und somit auf menschlichen Fähigkeiten – beruhen. Gott, Götter, Geister oder Dämonen schließt er, da in ihrer Natur nicht messbar, von seiner Beweisführung aus.

Dank seiner Haltung und seinem Untersuchungsgegenstand ist der Parapsychologe ein Zwitterwesen ohne eigene Lobby. Von den klassischen Wissenschaften nicht ernst genommen, halten ihn religiöse wie esoterisch gesinnte Menschen für einen Verräter. Das erklärt, unter anderem, die mangelnde gesellschaftliche Resonanz auf die Forschungsergebnisse der Parapsychologie. Von Physikern wie Psychologen wegen seiner grundsätzlichen Akzeptanz »übernatürlicher« Phänomene zur Pseudowissenschaft erklärt, ist es die skeptische Grundhaltung und die Weigerung, sich auf übernatürliche Ursachen zu berufen, die ihn vom Mainstream der esoterischen Szene unterscheidet. Gegenstände wie die Hypnose, anfangs ein Kernbereich parapsychologischer Forschung, haben mit ihrer Vereinahmung durch die klassischen Naturwissenschaften (Medizin, Psychologie) zugleich ihre Zugkraft für eine Akzeptanz der Parapsychologie als ernstzunehmender Wissenschaft verloren.

Die Geschichte der parapsychologischen Forschung zerfällt in drei wichtige Abschnitte: die frühen Gehversuche ihrer Gründungsväter (1889-1910), die Ära des amerikanischen Biologen und (Para)psychologen Joseph B. Rhine (1911-1965), der seinem Gegenstand universitäre Kooperationen ermöglichte, sowie die intensive und breit gefächerte Forschung in den 70er und 80er Jahres des 20. Jahrhunderts, wohl infolge der seit 1968 zunehmenden Offenheit und gesellschaftlichen Neugier an spirituellen und (Gesellschafts-)philosophischen Fragen.

Insbesondere für den deutschsprachigen Bereich ist auf das Freiburger »Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene« (IGPP) hinzuweisen, das 1950 von dem Psychologen Hans Bender gegründet wurde und das heute als gemeinnütziger Verein vorwiegend durch private Stiftungsmittel finanziert wird. Das IGPP gilt als das weltweit größte Institut seiner Art, das mit seinen ca. 60.000 Bänden zudem über die europaweit größte Spezialbibliothek zum Thema Grenzwissenschaften verfügt, darunter Bücher zu Okkultismus, Spiritismus, Jenseitskontakten, medialen Kundgaben, Wiedergeburtserinnerungen, Tonbandeinspielungen, Channeling, Wünschelrutengängern, Geistiger Heilung, Astrologie, Divinations- und Orakelpraktiken (Tarot, I Ging), aber auch UFO-Forschung, Magie und Zauberkunst.

Vergleichbare, akademische Forschungseinrichtungen existieren heute in den USA (»The VERITAS Research Program« des Departments für Psychologie der Universität von Arizona), England (»The Parapsychology Research Group« der Universität von Liverpool; »Centre for the Study of Anomalous Psychological Research« in Northhampton; »Anomalistic Psychology Research Unit« an der Goldsmiths-Universität in London) sowie in Frankreich »L‘Institut métapsychique international« in Paris). Doch auch Ungarn, Indien, die Niederlande und Schweden verfügen über ähnliche Einrichtungen.

Waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Kartenlegen, Astrologie, Zauberei und so ziemlich alle mysteriösen Phänomene gelegentlicher Gegenstand parapsychologischer Forschung, so hat sich diese im Laufe ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung inzwischen auf wenige, aber gut dokumentierte Phänomene spezialisiert: im Fokus der modernen Parapsychologie stehen jetzt die sogenannte »Außersinnliche Wahrnehmung« (ASW) und die »Psychokinese« (Makro- wie Mikro-PK), zu deutsch: Gedankenübertragung, Hellsehen und die Bewegung oder Veränderung von Gegenständen durch rein geistige Einwirkung. Dazu sammelt und untersucht sie Berichte und führt selbst Forschungen durch. Ihre statistischen Untersuchungsmethoden hat sie von der klassischen Psychologie übernommen. Was vor über 100 Jahren als Sammeln absonderlicher Geschichten begann, wurde – der wissenschaftlichen Anerkennung zuliebe – immer mehr zu einer kleinteiligen Forschungswissenschaft. Tragischerweise, und das sei hinzugefügt, ohne deswegen auf größere Gegenliebe zu stoßen. Die oben genannten Phänomene werden als statistisch erwiesen betrachtet, wenn ihr Zustandekommen auch nicht erklärt werden kann. Parapsychologen nehmen eine Wechselwirkung zwischen geistigen und materiellen Prozessen an, für die vom orthodoxen wissenschaftlichen Standpunkt her (noch) keine Erklärung zur Verfügung steht.

Diese Haltung lässt den Begriff »Parapsychologie« treffend wie nie zuvor erscheinen. Denn im Unterschied zu früher werden nicht externe Kräfte (wie Verstorbene oder Geister) als Ursache für die Phänomene angesehen, sondern das Medium selbst. Spukphänomene zum Beispiel, einer der Hauptgegenstände der frühen parapsychologischen Forschung, werden heute generell auf die unbewussten Kräfte der Bewohner eines Hauses zurückgeführt, ohne freilich erklären zu können, wie die betreffende Person, die unter dem Spuk zu leiden hat, diese genau hervorrufen soll.

ANOMALISTIK

Weniger bekannt und nicht ganz so geschichtsträchtig wie die Parapsychologie ist die Anomalistik, deren Namen sich von der Untersuchung wissenschaftlicher Anomalien herleitet, welche durch gegenwärtig akzeptierte wissenschaftliche Theorien nicht erklärbar scheinen. 1973 brachte der amerikanische Anthropologe Roger Wescott diesen Begriff in die wissenschaftliche Diskussion ein.

Die Anomalistik ist, einem Grundlagentext von Marcello Truzzi zufolge, ein rein wissenschaftliches und interdisziplinäres Unterfangen. Wie die Parapsychologie sieht sie sich dem wissenschaftlichen Skeptizismus verpflichtet und beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit Metaphysik oder »übernatürlichen Phänomenen«. Durch die Interdisziplinarität sieht sie sich – im Gegensatz zur Parapsychologie – als lockeren Zusammenschluss von Fachwissenschaftlern aller Couleur. Durch ihren breiter gefassten Untersuchungsgegenstand legt sich die Anomalistik nicht auf die menschliche Psyche als Ursache aller zu untersuchenden Phänomene fest und untersucht auch Gebiete wie die Kryptozoologie (die verborgene Tierarten aufspürt und die Wurzeln von Fabelwesen
erforscht) und die Astrologie.

Als Wissenschaft grenzt sich die Anomalistik ebenso vom Gläubigen wie vom Spötter ab und sieht sich als Hilfswissenschaft für die Bewertung von Anomalien, die von Wissenschaftlern wie Protowissenschaftlern (darunter fallen auch die Esoteriker) aufgefunden wurden. Ihre Zielsetzung ist erfrischend und frei von orthodoxen Glaubenssätzen: »Angesichts der Erkenntnis, dass eine gut fundierte Anomalie eine Krise für konventionelle Theorien in der Wissenschaft auslösen kann, werden Anomalien von Anomalisten als eine Gelegenheit für progressiven Wandel in der Wissenschaft angesehen.« (Marcello Truzzi)

Die Breite anomalistischer Forschung tritt auch im Themenspektrum der »Zeitschrift für Anomalistik« zutage, die wie ein akademisches Pendant zur »esotera« klingt: Paranormale Überzeugungssysteme, Mondeinflüsse auf den Menschen, Nahtodes-Erfahrungen, UFO-Berichte, Parapsychologie und Psi-Experimente, Außerkörperliche Erfahrungen, Astrologie, Paraphysik, Geomantie, Homöopathie, Morphische Felder, Reinkarnation, Radiästhesie und vieles mehr. Die anomalistischen Arbeitskreise bestehen – getreu dem Prinzip der Interdisziplinarität und der Objektivität – aus Gegnern wie Befürwortern der zu untersuchenden Phänomene sowie aus Personen, denen die »Wahrheitsfrage« letztlich egal ist, weil sie für die von ihnen untersuchten Fragestellungen unwesentlich ist.

Ihrer Interdisziplinarität ist es geschuldet, dass es weder ein Studienfach noch ein regelrechtes »Institut für Anomalistik« gibt. Stattdessen werden anomalistische Studien in Forscherverbänden wie der »Society for Scientific Exploration« (Michigan/USA) oder der im badischen Sandhausen ansässigen »Gesellschaft für Anomalistik e.V.« betrieben. Beide geben nicht nur eigene Zeitschriften heraus, sondern veranstalten auch regelmäßige Zusammenkünfte, wie zuletzt das Meeting der SSE im August 2009 in Italien.

Ähnlich wie die Religionswissenschaft interessiert sich die Anomalistik nicht nur für die »esoterischen« Phänomene an sich, sondern für den Glauben an diese innerhalb der modernen Gesellschaft. So fand im Oktober 2009 eine Podiumsdiskussion zum Thema »Esoterik und Massenmedien – Boom oder Niedergang?« statt, deren Ziel es war, eine »aktuelle Einschätzung der Entwicklung des weiten Bereichs der Esoterik im Verhältnis zu den traditionellen Religionen, aber auch im Hinblick auf ihre Popularisierung und massenmediale Repräsentation« vorzunehmen. Der Arbeitskreis Astrologie, von einem erklärten Kritiker der Sterndeutung geleitet, kam laut einem Zwischenbericht von 2002 sogar zu »einigen für Astrologen ermutigenden Ergebnissen«. Das belegt neben der Objektivität der anomalistischen Forschung auch deren Vorsatz, »den Ansprüchen der Astrologie wirklich gerecht zu werden und ihre Erfolgschancen – bei ebenso sorgfältiger Beachtung methodischer Standards – zu optimieren.«

PARANORMOLOGIE

Etwa zeitgleich mit der Anomalistik vollzog sich die Gründung einer weiteren Forschungsrichtung, die sich explizit mit den Grenzgebieten der Wissenschaften auseinandersetzt: die Paranormologie. Sie widmet sich »der Absicherung der Echtheit, der Beschreibung der Erscheinungsformen, dem Aufdecken der Abweichungen von den bekannten und anerkannten Gesetzmäßigkeiten und dem Suchen nach möglichen Gesetzmäßigkeiten paranormaler Phänomene«. Die Parapsychologie wird von der Paranormologie als ein Teilbereich unter vieren verstanden, neben der Parabiologie, der Paraphysik und der alle religiösen Phänomene umfassenden Parapneumatologie. Um eben diesen letzten Teilbereich geht sie klar über den Forschungsgegenstand der Anomalistik hinaus.

Doch nicht der Gegenstand, sondern die Zielsetzung der paranormologischen Forschung ist es, die diese Wissenschaft von ihren oben dargestellten Nachbardisziplinen unterscheidet. Ihr geht es darum, die »Grundsprache der Natur und ihres Schöpfers« aufzudecken und »wieder verständlich zu machen«, ein Ansatz, der sich terminologisch eher an der Theologie zu orientieren scheint als an einer Naturwissenschaft. Ein Blick auf die Publikationen des Innsbrucker »Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft« verrät denn auch einen christlich geprägten Interessensraum: Neben Schriften mit dem Titel »Aspekte des Bewusstseins« und »Heilen« sind dort auch Bände über »Das Antlitz Christi« und »Die Seligen Johannes Pauls II.« zu finden. Das mag nicht zuletzt auf die persönlichen Interessen des Institutsgründers Andreas Resch zurückzuführen sein, einem studierten Theologen und Psychologen, der von 1969 bis 2000 die Professur für Klinische Psychologie und Paranormologie an der vatikanischen Lateranuniversität innehatte. Unter dem Link »Verwandte Institute« wird jedoch nicht auf theologische, sondern größtenteils auf parapsychologische Einrichtungen verwiesen.

Im Rahmen der »Weltbild«-Forschung beschäftigt sich die Paranormologie ausführlich mit den Gebieten der Magie, der Mantik, des Schamanismus, der Gnosis, der Alchemie, der Esoterik, dem Satanismus, dem Spiritismus und dem New Age. Auch hier ist die christliche Position des Forschers deutlich spürbar, wenn er – durchaus nicht wertfrei urteilend wie ein Wissenschaftler – die Esoterik als »vor allem zum Christentum alternative Lebensgestaltung« bezeichnet, die den »Stellenwert der Person durch die kosmische Einheit und den Kreislauf der Dinge völlig relativiert«.
Ein für alle Parawissenschaften unverzichtbarer Beitrag ist das auf über 20 Bände angelegte »Lexikon der Paranormologie«, dessen Begriffsdichte wie Umfang alle vergleichbaren Nachschlagewerke bei weitem übertrifft. Während der Sterndeutung in Reclams »Lexikon des Aberglaubens« 5 Seiten gewidmet sind und das »Lexikon der Parapsychologie« gerade mal 5 Spalten zu diesem Stichwort bietet, gibt es neben den 8 Spalten zum Stichwort »Astrologie« noch eigene Einträge zu Astroalchemie, Astrogeographie, Astrographologie, Astrokartographie und Astrologischen Edelsteinen, Häusern, Kalendern und Symbolen, insgesamt über 17 Spalten mit reichen Details zur Geschichte und Methodik dieser »Königin der Wissenschaften«. Auch die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaften«, welche über ein hohes akademisches Niveau verfügt, ist für jeden Interessenten der paranormalen Phänomene ein großer Gewinn, möchte sich dieser über den allmählichen Wandel des Weltbilds in den modernen Geistes- und Sozialwissenschaften informieren.

GESCHICHTE DER HERMETISCHEN PHILOSOPHIE UND VERWANDTER STRÖMUNGEN

Ebenfalls mit Weltbildern beschäftigt sich das in Amsterdam ansässige Zentrum für die »Geschichte der Hermetischen Philosophie und verwandter Strömungen« (gHF). Dieses beschäftigt sich seit 1999 mit all jenen Lehren und Theorien, die sich persönlicher spiritueller Erfahrung und innerer Erleuchtung verschrieben haben. Im Mittelpunkt stehen weniger die außergewöhnlichen Phänomene an sich als deren intellektuelle oder geistige Einordnung von Seiten der »Gläubigen« bzw. »Praktizierenden«. So verwundern gelegentliche Überschneidungen nicht, wie die Assistenzprofessur Kocku von Stuckrads belegt, der sowohl Wissenschaftler als auch praktizierender Astrologe ist. Im Gegensatz zur Parapsychologie und zur Anomalistik interessiert das gHF jedoch weniger die Wahrheitsfrage der behandelten Lehren, als vielmehr deren historische Zusammenhänge und ihr Einfluss auf die jeweilige Gesellschaft, in der sie zu Hause waren. Die Universität von Amsterdam ist damit die erste Universität weltweit, die ein vollständiges Forschungs- und Lehrprogramm auf dem Gebiet westlicher Esoterik entwickelt hat.

Neben der regulären Ausbildung von Studenten und der Betreuung von Doktoranden bietet das Institut mit seiner ausgesprochen feinen esoterischen Bibliothek (mit zahlreichen mittelalterlichen Schriften) auch eine Heimstatt für Projekte assoziierter Wissenschaftler. Themen wie »Veränderte Bewusstseinszustände«, »Die Anwesenheit von Göttern« oder »Konx Om Pax: Die Geschichte einer mysteriösen (Zauber)formel« lassen dabei eher an die »Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei« denken als an ein reguläres religionswissenschaftliches Institut; doch alle Beteiligten sehen sich neben ihrem aufrichtigen Interesse an Esoterik vor allem der kritischen akademischen Wissenschaft verpflichtet. Und genau hier liegt der große Wert dieser Institution: in ihrer Unanhängigkeit, die die von der Anomalistik geforderte Objektivität jenseits von Glauben und Spöttelei garantiert. Ihre Ergebnisse werden so zu einem echten Zugewinn für das Verständnis wie für die Fortschreibung der europäischen Geistesgeschichte.

DER MAGIE EINE THEORIE!

Schon dieser kurze Überblick über die wichtigsten Strömungen der deutschen wie der internationalen Grenzwissenschaften belegt die wachsende Aufmerksamkeit, die manche innovative Wissenschaftler »typisch esoterischen« Phänomenen schenken. Was noch vor einiger Zeit »des Teufels« war, ist inzwischen sogar an der Universität des Vatikans zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden.

Wie jeder Dialog, der auf einen »Heiligen Krieg« folgt, kann diese neue Auseinandersetzung für beide Seiten nur von Gewinn sein. In den folgenden Teilen dieser Serie werden wir uns Phänomenen widmen, die von den Grenzwissenschaften besonders intensiv erforscht worden sind und die in der Tat das Zeug haben, unser Weltbild an entscheidenden Stellen zu korrigieren.

Jeder trägt die Bestie der Neugier in sich

Unter vier Augen mit dem Bestsellerautor ERICH VON DÄNIKEN (Schweiz)*

Herr von Däniken, Sie sind nicht nur einer der erfolgreichsten Sachbuch-Autoren der Welt – zugleich gelten Sie und Ihre Thesen als höchst umstritten. Welche Kritiker nehmen Sie ernst und welche nicht?
Ich nehme die Kritiker ernst, die was von der Sache verstehen, und die Kritiker, die a priori Vorurteile haben, können mir den Buckel runterrutschen.

Wissenschaftler sagen Ihnen gerne nach, Sie seien – im Gegensatz zur Wissenschaft – nicht selbstkritisch und stellten Ihre Thesen nie in Frage. Haben sie recht?
Zum Teil haben sie recht. Der Witz ist: Ich muss selektionieren, ich muss quasi wie ein Museumsdirektor entscheiden, was kommt in die Vitrine, was soll das Publikum sehen? Wenn ich jetzt wissenschaftlich arbeiten würde – und meine Bücher sind nicht wissenschaftlich, sie sind definitiv populär –, dann müsste ich alle Gegenargumente auch noch bringen. Dann hätten wir dicke Schinken. Die Verleger selbst spielen da nicht mit. Sie sagen: Erich, ein 500-Seiten-Werk kauft niemand, das ist zu teuer, das bringen wir nicht auf den Markt. Man muss also tatsächlich
selektionieren. Da hat die Kritik recht.

Was müsste passieren, gefunden oder bewiesen werden, damit Sie nach all den Jahren sagen: Oh, ich habe mich geirrt, es gibt gar keinen prähistorischen Besuch von Außerirdischen?
Das kann ich mir gar nicht vorstellen, ich weiß darüber zu viel. Natürlich gebe ich zu, dass es auch Unsinniges darunter gibt, dass man sich geirrt hat, dass man sagt: ‚Das würdest du heute nie wiederholen‘. Aber ich kenne die alte Literatur, ich kenne das Buch Henoch, ich kenne das fünfte Buch des Mahabarata, ich weiß, was die Alten geschrieben haben. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles nichtig ist. Henoch zum Beispiel wird astronomisch unterwiesen, der Meister erklärt ihm die Mondphasen, erklärt ihm die Sonne, erklärt ihm den Kalender. Da waren Lehrmeister! Wer waren sie dann? Götter, okay. Aber was für Götter? Nicht die Naturgewalten, sondern was anderes.

Viele Ihrer Quellen sind religiöse Texte. Glauben Sie, dass alle darin behandelten »Götter« Außerirdische sind – oder vermischen sie »echte« (metaphysische) Wesen mit Reisenden durch Raum und Zeit?
Es ist ein einziges Durcheinander, ein »chaos totale«, würden wir auf französisch sagen. Zum einen haben wir die Naturreligion, wir haben die Naturgewalten, die die Menschen vergöttlicht haben, wie Blitz, Donner, Erdbeben etc. und daraus ist alles mögliche entstanden. Dann haben wir alles mögliche von der Mystik her, was Menschen phantasiert, geträumt haben etc. Entscheidend ist immer die Frage: Ist Information geflossen, oder nicht? Haben sie mit den sogenannten Göttern gesprochen oder nicht? Derjenige, der es überliefert, schreibt er in der ersten Person oder gibt er nur Erzähltes weiter? Wenn Information geflossen ist und sie hat wissenschaftlichen Inhalt, z. B. Astronomisches oder Metallurgie, und der Autor schreibt in der 1. Person, dann nehme ich die Quelle ernst. Aber es ist ein einziges Durcheinander.

Wie stehen sie zu den heutigen Berichten über die Sichtung von Außerirdischen – oder anders gefragt: Gibt es eine bestimmte Zeit in der Geschichte, in der sich die »Götter« zurückzogen von der Erde, oder besuchen sie uns seit dem Altertum immer wieder?
Ich bin langsam verunsichert. Ich persönlich habe noch nie ein UFO gesehen und spotte immer: Wenn der Däniken auftaucht, dann rauschen die ab. Ich weiß natürlich, dass im UFOSektor 98% der Literatur Unsinn sind. Und trotzdem gibt es Wissenschaftler wie den verstorbenen Prof. Dr. John Mack von der Harvard Universität, der sich mit Entführungsberichten duch Außerirdische beschäftigt hat. Mit ihm saß ich stundenlang zusammen, und er sagte mir: Erich, ich will auch nicht, dass das wahr ist, aber es ist so. Da bekomm ich langsam Zweifel. Oder nehmen wir zum Beispiel den amerikanischen Astronauten Ed Mitchell, den ich persönlich sehr gut kenne und der aus Roswell stammt. In der UFO-Szene stößt man immer wieder auf diesen »Roswell-Fall«, da sei etwas abgestürzt, obwohl das die offizielle Seite längst widerlegt hat. Und nun sagt mir Ed Mitchell: Erich, das stimmt nicht. Da ist etwas Außerirdisches abgestürzt. Ich bin da einfach verunsichert, ich weiß selber nicht mehr, was ich sagen soll.

Wenn man so lange über ein Thema arbeitet, gibt es dann überhaupt noch etwas, von dem man meint: Das muss ich noch durchdringen, das will ich noch herausfinden?
Ideal wäre so etwas wie eine Zeitkapsel. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese Außerirdischen verschwunden sind ohne irgendeinen Beweis. Was immer sie gemacht haben, muss so angelegt sein, dass es nicht kaputt geht über die Jahrtausende, und dann muss man auch noch dafür sorgen, dass die Menschen in der fernen Zukunft überhaupt danach suchen. Wenn keiner darüber nachdenkt, ob wir Besuch aus dem Weltall hatten, geht niemand auf die Suche. Ich könnte mir vorstellen, dass wir eines Tages einen Raum unter der Großen Pyramide finden mit irgendwelchen Schriften oder Botschaften. Mir fehlt definitiv der Beweis. Ich habe Indizien, die kann man so oder so interpretieren, aber einen objektiven Beweis habe ich bislang nicht.

Wenn Sie einen echten Beweis gefunden haben, ist Ihr Lebenwerk dann vollbracht?
Eigentlich ja. Ich wäre dann sehr glücklich und dankbar, aber ich glaube, ich würde auch dann nicht arrogant werden. Ich bin, wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich (lacht).

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum bisher noch kein einziger antik-technischer Gegenstand gefunden wurde?
Wenn unsere Ethnologen irgendwo hingehen, an den oberen Amazonas oder an den Nil, dann nehmen sie vielleicht ein paar Werkzeuge mit, ein paar Kameras und so weiter. Billiger Plunder kann liegen bleiben, der verrostet dann und geht verloren über die Jahrtausende, aber das wertvolle Zeug, Kameras oder Messgeräte, nehmen sie wieder mit. Da bleibt nicht viel übrig. Aber es gibt tatsächlich ein paar Geschenke der sogenannten Götter, die von den Religionen auch heute noch aufbewahrt werden, wie der Spiegel des Jimmu-Tenno oder die Bundeslade, die meiner Meinung nach etwas Technisches sind. Vielleicht gibt es also einige Hinterlassenschaften, aber wir kommen nicht daran. Noch nicht.

Glauben Sie an Verschwörungstheorien, die besagen, dass irgendwelche Politiker einfach nicht wollen, dass solches Wissen über extraterrestrische Intelligenz in der Bevölkerung Verbreitung findet?
Es ist weniger Verschwörung als unsere Gesellschaft. Politiker sind weder dumm noch bösartig, aber sie stecken manchmal einfach in ihren Alltagsproblemen fest. Wenn jemand kommt und ihnen eine außergewöhnliche Entdeckung darlegt, verweisen sie ihn an die entsprechenden Fachleute, sie kennen sich da schlicht nicht aus. Und ein Wissenschaftler ist normalerweise ein integrer, geistreicher, humorvoller Typ und der geht nicht hausieren mit Sensationen. Der nimmt immer Rücksicht auf seine Kollegen. Ein Wissenschaftlier könnte nie so reden oder sich so verhalten, wie ich das als Outsider mache. Ich hab mal einem guten Freund, dem inzwischen emeritierten Professor für Raumfahrttechnologie der TU München, Harry Ruppe, gesagt: Harry, wenn Du mit meinen Ideen gekommen wärst, das hätte doch eine ganz andere Wirkung gehabt als wenn da so ein kleiner, fremder Typ auftaucht. Er meinte daraufhin: Meine eigenen Kollegen hätten mich fertig gemacht. Es muss von außen kommen, aber dann müssen die Theorien auf Ihren Wert abgeklopft und die Spreu vom Weizen getrennt werden. In dieser Phase befinden wir uns derzeit.

Sie selbst sagen, Sie seien nicht dafür da, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Zeigt Ihr immenser Erfolg nicht, dass das alte Vorurteil vom wissbegierigen Menschen gar nicht stimmt – er will nicht wissen, er will staunen!
Jeder Mensch trägt eine Bestie in sich und gegen diese Bestie hat er keinen freien Willen. Die Bestie ist die Neugierde. Jede Intelligenz ist neugierig und das hört nicht auf. Ich glaube, wir wollen immer wissen. Das Wissen ist nie ein ganzes Wissen. Ich glaube auch nicht, dass man je die Wahrheit haben wird. Das ist immer auch eine Frage der Diskussion in der Gesellschaft. Kommt es an oder nicht?

Sie sind – nach der bundesdeutschen Definition – bereits weit im Rentenalter, aber werden mit den Jahren keinen Deut ruhiger. Wie muss man sich den Alltag eines Bestsellerautors vorstellen?
Wunderbar einfach. Ich bleib lang im Bett. Ich steh so um halb elf, elf auf. Dann lese ich Zeitungen, trink einen Tee, gehe ins Büro und mach meine Arbeit. Ich lese sehr sehr viel, aus allen möglichen Bereichen. Wenn ich ein Buch schreibe, mache ich das nachts. Da müssen alle Informationen, alle Quellen schon stimmen. Ich setze mich nie an den Computer und weiß nicht, was ich schreiben will. Der Kopf ist immer schon voll. Das ist der normale Alltag. Derzeit bin ich auf einer Vortragsreise. Da red ich jeden Abend in einer Stadthalle oder in einer Schule. Ansonsten renn ich in der Welt rum. Ich war erst kürzlich in 4600 Metern in der Höhe in Peru und ich habs überlebt.

Mit oder ohne zusätzlichen Sauerstoff?
Ohne. Aber ich geh nie mehr. Es reicht mir. Ich habs gespürt, es hat weh getan. Da hab ich mir gesagt: Jetzt musst du langsam aufpassen.

Haben Sie jemals versucht, Kontakt mit Außerirdischen herzustellen?
Nein. Ich habe ein paar schöne Träume gehabt, da habe ich mit ihnen gesprochen, aber schon währenddessen war mir klar: Das ist Traum und nicht Wirklichkeit.

Sie sind ja auch Romanautor und haben bewiesenermaßen Phantasie. Wie sähe das aus, wenn Däniken eines Tages tatsächlich auf Außerirdische treffen würde?
Zunächst hätte ich vermutlich Angst, dann würde sicher die Neugier siegen. Ich nehme mal an, das Kommunikationsproblem wäre keines, das würden die lösen. Und dann hätte ich Fragen im Umfang eines Telefonbuches. Zunächst einmal möchte ich wissen: Wie hat das Universum begonnen? Was war denn vor dem Urknall? Und wart ihr oder jemand anderes tatsächlich schon bei uns? Und warum überhaupt? Was ist der Grund dieses ganzen Spiels? Ich hätte wirklich unzählige Fragen.

Kritik kommt nicht nur von der wissenschaftlichen, sondern auch von der theologischen Seite. Schließlich erklären sie offen, dass die Götter der heiligen Schriften nur Raumfahrer sind. Sind Sie selbst eigentlich ein spiritueller Mensch?
Ich bin ein tiefgläubiger Mann. Nehmen wir mal an zu meinen Gunsten, ich hätte recht. Da wären Außerirdische da gewesen. Die nächste Frage lautet: Wo kommen die her? Haben sie eine Evolution, wurden sie selbst von anderen Außerirdischen infiziert? Irgendwann bin ich am Ende der Fahnenstange und da werd ich ganz klein und bescheiden und sage: Du bist ein Nichts, du bist eine Null in diesem grandiosen Kosmos. Ich habe mir nie zugetraut, eine Definition Gottes zu versuchen, da sind schon viel Schlauere daran gescheitert. Ich nenn ihn ganz ehrfürchtig »den grandiosen Geist der Schöpfung«, aber das ist auch nur so eine Bezeichnung. Ich bin einer von denen, der nie einschläft, ohne gebetet zu haben. Und ich rede nicht von Bitten, sondern von meiner Dankbarkeit, dabei sein zu dürfen in diesem Universum. Ich glaube sogar an die Wiedergeburt. Ich habe nicht den geringsten wissenschaftlichen Beweis dafür, nichts, aber ich hab immer das Gefühl gehabt, ich war schon mehrmals da. Mich treibt nicht nur die Neugierde, sondern auch die Wut, dass man einfach nicht weiterkommt.

Welchen Wunsch haben Sie für sich selbst und für die Welt?
Für mich selbst ist es einfach: Ich will gesund sein. Und für die Gesellschaft: Kommt weiter! Hört auf mit Vorurteilen, hört auf mit Rassismus! Hört auf mit Eurer Rechthaberei und Eurer Annahme, nur Ihr wäret die besten. Ich habe immer die Feststellung gemacht, auf diesem Globus leben ganz grob gesagt zwei Menschen: die Religiösen und die Materialisten. Erstere gehen davon aus, dass sie von Gott als Krone der Schöpfung eingesetzt wurden und letztere sehen sich als Spitze der Evolution. So oder so betrachten wir uns immer als die Größten. Wir sollten ein bisschen bescheidener werden. Wir sind die intelligente Spezies auf diesem Globus und sonst nichts.

* Erich Anton Paul von Däniken (* 14. April 1935 in Zofingen) ist ein Schweizer Schriftsteller auf dem Themengebiet der Prä-Astronautik. Er wurde bekannt durch populärwissenschaftliche Bücher und Filme, die sich mit früheren Besuchen von Außerirdischen auf der Erde beschäftigen. Seine Bücher wurden in 32 Sprachen übersetzt und haben eine Gesamtauflage von 62 Millionen verkauften Exemplaren erreicht. Damit ist er einer der weltweit erfolgreichsten Autoren im Bereich der Sachliteratur. Weitere Informationen zu seinem umfangreichen Werk und seinen aktuellen Veranstaltungen finden sich auf seiner Website: http://www.daniken.com.

Die Suche nach Wahrheit

Als mich infolge meiner letzte Kolumne eine ebenso erregte wie ausführliche Zuschrift erreichte, fand ich mich zum einen berührt, zum anderen ratlos. Berührt, weil wir durch die von mir geäußerten Gedanken in einen Dialog getreten waren, der mir wertvoll erschien. Ratlos, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich diesen Erwiderungen entgegentreten sollte. Umso länger ich überlegte, umso unklarer wurde mir, was uns verband – und trennte. Da dieses Forschen, Infragestellen und Erwägen ja im Grunde zentrale Gegenstände meiner Kolumne sind, möchte ich Sie heute einladen, unserem Dialog über »all den Klimbim« zu folgen und sich gegebenenfalls daran zu beteiligen.

„Ihr Artikel hat mich aufgewühlt und betroffen gemacht. Bevor der Mensch körperlich geschaffen wurde, war er bereits ein Geistwesen, auch Lichtwesen genannt. Die Bibel geht kaum auf dieses Geschehen ein, doch wenn Sie zum Beispiel gnostische Quellen heranziehen, werden sie feststellen, wie detailliert der Fall in die Materie geschildert wird, z. B. in der »Pistis Sophia«. Hier geht es nicht um einen Klumpen Ton.

Zur Tragödie »Vatikan« möchte ich am liebsten gar nicht mehr Stellung beziehen. Ich hoffe nur, dass bald das Verbrecherische dieser Institution vollständig offenbart wird. Ich bin mir sicher, dass bald dieser Zeitpunkt kommen wird. Nina Hagen hat meine vollste Bewunderung. Nicht deshalb, weil ich ein Fan ihrer Musik bin, sondern weil ich sie für ihren Mut achte, die Wahrheit zu sagen (auch wenn es um Ufos geht, die sich selbstverständlich schon seit Jahrzehnten in Erdnähe befinden und die von den Medien geleugnet werden) oder darüber zu singen. Danke, Nina, für Dein Engagement! Die Ermüdungserscheinungen rühren wahrscheinlich daher, dass der verbohrte moderne Mensch missionarische Tätigkeiten aufgrund ihrer egozentrischen Selbstwahrnehmung kaum ertragen kann. »Er hat ja gar nicht mehr nötig, missioniert zu werden, wo kommen wir denn dahin?«

Auf Ihre Frage, warum man sich einem »Club« anpassen sollte, der unter anderem an Himmelfahrten und Jungfrauengeburten glaubt, möchte ich zu bedenken geben, dass Sie mit Ihrem heutigen Wissen das evtl. nicht begreifen können, jedoch über Ihre Intuition erfahren können, denn es handelt sich um Wahrheitsaspekte. Und wer die Wahrheit sucht, wird sie auch finden. Fragen Sie keinen Wissenschaftler, fragen Sie Gott, bitten Sie ihn um Weisheit. Im Übrigen ist es nicht lächerlich davon auszugehen, dass Gott sich seine Jungfrau sucht, um zu inkarnieren.

Wen sollte er denn sonst suchen? Und wo sollte er denn sonst erscheinen, wenn nicht in seinem auserwähltem Volk, das ihn dann allerdings nicht erkannte und ihn ermordete? Vielleicht wird es endlich Zeit, dass die Juden erkennen, wer sich in ihrem Volk offenbarte. Ohne Jesus Christus sind sie nichts, denn Jesus Christus ist des Ewigen Gottes Dual. Auch die Muslime werden nicht umhin kommen, Jesus Christus anzuerkennen. Wozu raten Sie nun den Menschen, zum Verat an Jesus Christus? Glauben Sie wirklich, dass es nur um die Menschenfreundlichkeit geht, also um ein nettes Boot von Menschen ohne Anerkennung des Retters? Unterstellen Sie bitte nicht den Menschen, die eine Gnosis erlebt haben, es ginge bei ihrer Welt- und Gottsicht nur um ihren eigenen Schweinehund, also um ein egoistisches Eigeninteresse.“

Zunächst einmal: Herzlichen Dank für Ihre Replik auf meine Kolumne, über die ich mich sehr gefreut habe. Die Verve, mit der Sie jedem meiner Gedanken entgegentreten, streichelt zweifellos die natürliche Eitelkeit des Autors, der gelesen und in eine Diskussion verwickelt werden will. Ich möchte meiner Antwort vorausschicken, dass ich die Quellen, auf die Sie sich beziehen, kenne und ausdrücklich respektiere. Gerade die Gnosis zählt mit ihrer spirituellen Gedankentiefe zu den späten Blüten der Antike – und zugleich zu den religiösen Stiefkindern des Abendlandes. Einst bekämpft, später vergessen, sind einige ihrer Erkenntnisse doch unzweifelhaft zu feinen Spurenelementen innerhalb der christlichen Religion geworden.

Was das Christentum betrifft: Erst heute habe ich den Report einer christlichen Nonne aus Syrien gehört, die in bewegender Weise davon berichtet, wie die internationale Staatengemeinschaft Waffen in ein zerbrechendes Land schmuggelt, um »Frieden« zu schaffen. Ihre Aufforderung, Jesus Christus beim Wort zu nehmen und in einen friedlichen Dialog zu treten, der immer ein Kompromiss für alle Parteien sein wird, aber die Zivilisten nicht in eine tödliche Geiselhaft nimmt, gehört vermutlich zu den wahrhaftigsten und (in ihrem Idealismus) zugleich realistischsten Lösungsansätze, die derzeit diskutiert werden.

Trotzdem möchte ich festhalten, dass Ihre Antwort aus einer festen religiösen Perspektive heraus geschrieben wurde, die ich so nicht teilen kann. Die Argumente, die Sie gegen meine Fragen ins Feld führen, sind Gegenstände eines ganz bestimmten Glaubens – und nicht »Wahrheiten«, die für jeden zugänglich sind. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es Ufos gibt oder Juden zum Christentum konvertieren müssen, um »etwas« zu sein; diese und andere »Fakten« besitzen für mich keine Überzeugungskraft, da sie meinem Welt- und Menschenbild zutiefst widersprechen.

In einem aber möchte ich Ihnen ausdrücklich recht geben: Weisheit findet man nicht in der Wissenschaft. Man kann es »Gott« nennen oder »Göttin«, »Buddha« oder das »Höhere Selbst« – Stille und Meditation bilden den Charakter sicherlich mehr als alle Knigge Guides (und Physiklehrbücher) der Welt. Mit Egoismus und Verrat hat das allerdings wenig zu tun; eher mit Toleranz und – im besten Falle – mit der Suche nach einer Wahrheit, die uns verbindet, egal wie »gläubig« wir auch immer sind.