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Der Stoff, aus dem die Weisen sind

Mit der Weisheit ist das so eine Sache. Als der griechische Philosoph Chairephon vom Orakel in Delphi wissen wollte, ob es einen Mann gebe, der noch weiser sei als sein Freund Sokrates, leugnete der konsultierte Gott, dass dies der Fall sei. Über den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote, die im Prozess gegen den Philosophen eine nicht unentscheidende Rolle spielte, streiten Historiker bis heute.

Fest steht, was Sokrates selbst im Rahmen seiner Verteidigungsrede so zusammenfasste: »Es scheint aber der Gott mit diesem Orakel dies zu sagen, dass die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts, und mich bloß zum Beispiel erwählt, wie wenn er sagen wolle: Unter euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, dass er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt«. Zuvor hatte sich der garstige Philosoph (der sich selbst einmal als die »Mücke am Arsch von Athen« bezeichnet hatte) eine Reihe von einflussreichen Feinden gemacht – als er unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern auf die Suche nach jener Weisheit ging, die sie so sicher in ihrem Besitze wähnten. Sein ebenso berühmtes wie niederschmetterndes Fazit lautete: »Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als sie, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.«

Wäre Sokrates kein Athener des 5. Jahrhunderts vor Christus, sondern heute in einer unserer Industrienationen zu Hause, er hätte vermutlich kein leichtes Spiel. Weisheit, so die Diagnose, stecken sich nur noch die Wenigsten ans eigene Revers; kein Wunder, ist Weisheit doch völlig aus der Mode gekommen. Zumindest unter Staatsmännern, Dichtern und Handwerkern. Was heute zählt, hängt ganz vom jeweiligen Kundenstamm ab: ob kämpferisch oder gelassen, gewieft oder authentisch, halbstark oder pointiert – im Zeitalter des Konsumgottes sind selbst Ideale zur verhandelbaren Masse geworden. Die charakterliche Flexibilität, die uns die Erfordernisse des wuchernden Marktes abverlangt, ist keine gute Voraussetzung für Weisheitserwerb.

Verstehen Sie mich richtig: An falschen Propheten mangelt es uns nicht. Wie zu Sokrates Zeiten sprießen die Experten wie Pilze aus dem Boden und Zuschauer wie Journalisten nicken eifrig mit den Köpfen. Die Sokratischen Fragen sind dem rhetorischen Brei der Talkshows gewichen; eine Antwort erhalten wir Zuschauer aber ebenso wenig wie die Zaungäste und Leser des unermüdlichen Weisheitssuchers. Auf unserer Suche nach verlässlichen Quellen haben wir uns ähnlich diversifiziert wie in Kleidungs- oder kulinarischen Fragen: Den einen treibt es mit der Religion back to the roots, den anderen an den Herd von Wirtschaft und Geld, den nächsten an die Brust der Wissenschaft. Sie alle aber bleiben Gläubige und damit das, was Sokrates – mit Apollons Unterstützung – als Scheinweise entlarvt hat.

Umso berührender mutet es einen daher an, trifft man im Getöse der werbenden Gegenwart auf einen dieser Zeitgenossen, die man im sokratischen Sinne als weise bezeichnen möchte: In sich ruhende, gelassene Menschen, die dem Trubel ohne Desinteresse mit einer freundlichen Distanz begegnen, die auf jahrelange Erfahrung im humorvollen Umgang mit der eigenen und der fremden Begrenztheit schließen lässt. Wann immer wir auf einen solchen Menschen treffen, spüren wir, dass echte Weisheit ebenso wenig an Reiz verloren hat wie Loyalität, Liebe oder Gesundheit. Die Tatsache, dass sie bei der Formulierung unserer Ziele keine große Rolle mehr spielt, hat weniger mit unseren Wünschen zu tun als mit unserem Vertrauensverlust – in unsere Gesellschaft und in uns selbst. Ich kenne eine Frau, die weit über achtzig Jahre alt ist, den Holocaust überlebt hat und in Israel mit eigenen Händen an einer Utopie gebaut hat. Wer ihr begegnet, versteht, wie überraschend, bereichernd und humorvoll ein echter Dialog zwischen den Generationen sein kann, wenn sich Alter nicht durch die Enttäuschung über die Vergangenheit und die Angst vor der Gegenwart definiert.

Im letzten Monat hatte ich das Vergnügen, zwei sehr unterschiedliche Bekanntschaften zu. Zwei Personen, die über ein gesundes Maß an Bildung, gesellschaftlichen Stand, erfolgreiche Karriere und charismatische Begabung verfügen. Doch während die eine Person ihre Stellung dazu verwendet, ihr Gegenüber zu sezieren, zu funktionalisieren und schlichtweg herabzuwürdigen, gelingt es der anderen, durch ihren Einfluss einen Raum für gleichberechtigte und echter Begegnung zu öffnen. Lange habe ich mich gefragt, was der wahre Motor für das so unterschiedliche Verhalten der beiden Forscher sein mag. Am Ende steht für mich fest: Es ist der Vorzug des Zweifels über das Urteil, der Verbidung über die Abgrenzung, der Neugier über das Wissen.

Weisheit lässt sich weder anlesen noch downloaden. Sie entsteht, wenn wir zulassen, wofür wir alle begabt sind: Empathie, Freude an der Begegnung und Großzügigkeit sich selbst gegenüber. Das ist der Stoff, aus dem die Weisen sind.

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Wie vertragen sich Wissenschaft und Spiritualität?

»Der Naturwissenschaftler kennt die Zweige des Baumes des Wissens, aber nicht seine Wurzeln. Der Mystiker kennt die Wurzeln des Baumes des Wissens, aber nicht seine Zweige. Die Naturwissenschaft ist nicht auf die Mystik angewiesen und die Mystik nicht auf die Naturwissenschaft – doch die Menschheit kann auf keine der beiden verzichten.« (Fritjof Capra, Der kosmische Reigen)

Eine der erstaunlichsten Eigenschaften unserer Gesellschaft ist ihre metaphysische Schizophrenie. Zwei scheinbar unversöhnliche Gesellschaftsgruppen, die Materialisten und die Esoteriker, haben sich den Krieg erklärt, einen heiligen und kalten Krieg. Heilig, da es in jenem Krieg um nichts Geringeres geht als um die Deutungshoheit der Wirklichkeit mit all ihren Konsequenzen; und kalt, da dieser Krieg beinahe ausschließlich über Propaganda im eigenen Lager geführt wird und nur sehr selten in Form einer echten Konfrontation, einer Auseinandersetzung mit der gegnerischen Partei erfolgt.

Beide Ideologien kämpfen um die Seelen der Gläubigen, denen letztlich nichts anderes übrigbleibt, als einer der beiden Instanzen eine verbindliche Weltdeutung zuzutrauen und diese von ihr zu übernehmen. Beide kämpfen mit sehr unterschiedlichen Waffen, bedingt auch durch ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung. Während die gut situierte Wissenschaft kaum auf die überaus blühende Esoterikszene Bezug nimmt, diese schon durch ihr Schweigen kommentarlos der Irrelevanz bezichtigt, verwendet so mancher Esoteriker eine Menge Energie darauf, »die Wissenschaft« per se zu verurteilen und ihr Weltbild wie ihre Auswüchse der institutionellen Blindheit zu bezichtigen.

ESOTERIK ALS DENKFORM

Nun ist es ja nicht so, dass »Wissenschaft« und »Esoterik« tatsächlich zwei so monolithische Blöcke darstellten, wie es in der geschilderten Auseinandersetzung so manches Mal den Anschein hat. Statt nun die Unterschiede innerhalb der beiden dominanten Denksysteme herauszuarbeiten, möchte ich auf die sie charakterisierenden Elemente hinweisen. Was verbindet alle esoterischen Strömungen? Und was macht aus Psychologie, Quantenmechanik und mittelalterlicher Geschichte »Wissenschaft«?

Der französische Esoterikforscher Antoine Faivre stellt in seinem Vorwort zur »Geheimen Geschichte des abendländischen Denkens« fest: »Die Esoterik stellt nicht einmal ein eigentliches Gebiet dar, so wie man etwa vom Gebiet der Malerei, der Philosophie oder gar der Chemie sprechen kann. Sie ist weit weniger ein spezifisches Genre als vielmehr eine Denkform […].« Er schließt eine Beschränkung der Esoterik auf den Topos »Geheimlehre«, die wenigen Eingeweihten vorbehalten ist, ebenso aus wie die Bestimmung der Esoterik als »spirituellen Raum« bzw. »den Weg dorthin«. Zudem sei die Esoterik, wie wir sie kennen, eine durchaus abendländische Tradition; so ist es ihm »noch immer ein Rätsel, was eine weltweite Esoterik denn sein könne.«

Diese Definition der Esoterik als eine Denkform, die in der Praxis die unterschiedlichsten, teilweise widersprüchlichen Ausformungen annehmen kann, erleichtert den Einstieg in das Verständnis ihrer Auseinandersetzung mit den sogenannten akademischen Wissenschaften. Thorwald Dethlefsen, einer der bekanntesten Esoteriker Deutschlands, stellt seinem 1979 erschienenen Werk »Schicksal als Chance«, das den Leser »in das Weltbild der Esoterik einführen soll«, ein Kapitel mit dem programmatischen Titel »Esoterik – die unwissenschaftliche Art, die Wirklichkeit zu betrachten« voran.

Nach einer wertneutralen Definition der Wissenschaft über ihr Ziel, »die Wirklichkeit gedanklich zu durchdringen und durch das Auffinden von Gesetzen eine Ordnung in die Vielfalt der Erscheinungsformen zu bringen«, charakterisiert er ihre Vorgehensweise als das Aufstellen und Widerlegen von Theorien. Die daraus abgeleitete pointierte Feststellung, dass »die Wahrheit von heute der Irrtum von morgen« sei, wird zum Ausgangspunkt der Dethlefsen’schen Kritik: So sei es trotz der allgemein praktizierten Gewohnheit, nach der jede Generation von Wissenschaftlern an der Widerlegung der Erkenntnisse der ihr vorangegangenen Generationen arbeite, eine »tiefe Überzeugung« der Wissenschaft, »jetzt die absolute und endgültige Wahrheit gefunden zu haben«. »In diesem Punkt«, so das Urteil des Autors, »übertrifft die Glaubensstärke der Wissenschaft mit Leichtigkeit jede religiöse Sekte«.

WISSENSCHAFT, DIE RELIGION DER MODERNE?

Der Hang der Wissenschaft, sich stetig selbst zu widerlegen, kann durchaus als charakteristisches Merkmal aller Natur- und Geisteswissenschaften verstanden werden. Laut Brockhaus ist Wissenschaft in erster Linie »eine systematische Ordnung des gesammelten Wissens und empirischer Erkenntnisse, Theorienbildung auf Basis aufgestellter Hypothesen und praxisnaher Überprüfung (Beweis)«. Ihre Theorien müssen demnach »bestimmte Kriterien der Verifikation (Überprüfung) bestehen, um in der wissenschaftlichen Gemeinde anerkannt zu werden.«. Als Angehöriger eines Berufsfelds, das notwendigerweise über einen ausgeprägten Skeptizismus verfügt, stellt religiöses oder esoterisches »Offenbarungswissen« für viele Wissenschaftler ein rotes Tuch dar. Wer behauptet, Wissen über die Welt und ihre Einzelteile zu besitzen, ohne diese nach wissenschaftlichen Kriterien »beweisen« zu können, gilt vielen als Scharlatan und im Extremfall als gefährlich für die »Psychohygiene« der gesamten ihn umgebenden Gesellschaft.

Hier scheint mir auch das Kernproblem des Dialogs zwischen Esoterik und Wissenschaft zu liegen. Beide »Denkformen« betrachten die jeweils andere Seite als eine durch ihre eigene Tätigkeit relativierte Weltanschauung. Nur durch religiöse Verblendung scheint es möglich, dass die eine wie die andere Seite überhaupt Anhänger finden kann, ohne ihre eigene Weltanschauung zu hinterfragen. Insofern werfen sich beide Seiten gleichermaßen vor, Ideologien zu sein; und wie Ideologien bekämpfen sie sich. Nicht Wissen, sondern der Glaube an ihre Grundsätze bestimme die
Methodik wie die Ergebnisse der jeweiligen Konkurrenz.

Dass eine solche Einstellung für die Aufnahme eines wie auch immer gearteten Dialogs nicht wirklich dienlich ist, liegt auf der Hand. So ist es kein Wunder, wenn die Fronten zwischen Wissenschaft und Esoterik zementiert, und Kongresse wie Messen der jeweiligen »Gegner« mit Argwohn betrachtet werden. Die Kritik bewegt sich hierbei in einem Spektrum von bloßer Verharmlosung bis hin zur Kriminalisierung der entgegengesetzten Ideologie. Beispielhaft sei auf den immer wieder postulierten Zusammenhang zwischen esoterischen Grundsätzen und dem politischen Konzept des Faschismus hingewiesen, der letztlich in der These kulminiert, dass »die weiter wachsende massenweise Verbreitung des New Age eine heutige neofaschistische ‚Ansprache’ […] in einer Weise begünstigt, wie es seit dem moralischen Niedergang des Faschismus aufgrund seiner Abscheu erregenden Verbrechen nicht der Fall gewesen ist.« (P. Kratz, »Alles schon mal dagewesen!« 10 Thesen zu New Age und Faschismus)

Trotz der hier skizzierten gegenseitigen Ablehnung kam es in den letzten 150 Jahren immer wieder zu einer durchaus konstruktiven Auseinandersetzung zwischen esoterischen und wissenschaftlichen Autoren. Auf der einen Seite waren es Esoteriker, die wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Lehren und Vorstellungen integrieren wollten (man denke bloß an den eingangs zitierten Fritjof Capra und seinen Versuch, östliches Gedankengut mit westlicher Physik zu vereinen), und auf der anderen Seite Wissenschaftler, die übernatürliche Phänomene (und ihre Anziehungskraft auf Menschen) zum Gegenstand ihrer Untersuchung machten. Letztere waren nicht selten »glaubende« Wissenschaftler, die daran interessiert waren, ihre Glaubensgegenstände wissenschaftlich zu »beweisen«. Das Gros der Akademiker bestand jedoch zumeist aus Forschern, die sich für bestimmte Phänomene interessierten und diese untersuchten, um zu einer Theorie zu gelangen, die das für einen rationalistisch
gesinnten Menschen Unerklärliche verständlich macht – oder schlicht widerlegt.

Das weltanschauliche Gegenstück zu diesen »esoterischen Wissenschaftlern« stellen die »wissenschaftlichen Esoteriker« dar, die versuchen, die eigenen Lehren mit Termini und Erkenntnissen der (Populär)wissenschaft zu schmücken oder gar zu begründen. »Der Schamane mit Psychologiedoktorat gibt den Ton an, auch der Physikprofessor mit einer Schwäche für Tao. Allemal muss, bei der Beschäftigung mit dem Außerirdischen oder Unterirdischen, ein wissenschaftlicher Kommentar mitgeliefert werden, aus der Astronomie oder Tiefenpsychologie. Das geht deshalb ganz gut, weil manche Gemächer des heutigen wissenschaftlichen Gebäudes recht spärlich beleuchtet sind«. (A. Holl, Wassermannzeit) Dieser »wissenschaftliche« Zierrat verrät natürlich vor allem eins: Wissenschaft oder das, was man dafür hält, ist längst selbst zu einer Religion geworden. Wer früher dem Priester glaubte, ohne zu verstehen, wovon dieser redete, nickt heute vertrauensvoll den Akademiker ab, der es im Zweifelsfall besser wissen muss.

DIE GEBURT DER WISSENSCHAFT

Doch die Wurzeln des modern anmutenden Gegensatzes »Esoterik versus Wissenschaft« sind bei weitem nicht so jung wie angenommen und reichen statt dessen tief in den Brunnen der Geschichte hinab. Seine Ursprünge liegen in der Entstehungszeit der ersten kritischen und vernunftbetonten Wissenschaften im Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Während die religiöse (und die damit eng verwandte esoterische) Denkweise seit jeher das Bild des Menschen von der Welt bestimmt hatte, entstand zu dieser Zeit eine völlig neue und in großem Umfang von den alten Traditionen unabhängige Lehre von der Wirklichkeit, welche erst viel später den Namen »Wissenschaft« erhalten sollte.

Wo liegen die Ursachen für die Entstehung einer von der religiösen Sinnfrage befreiten Erforschung der Welt und welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Emanzipation einer so jungen Bewegung wie der Natur- und der Geisteswissenschaft zu gewährleisten? Friedrich Pfister, ein klassischer Philologe, beschrieb die Situation zum Zeitpunkt ihrer Entstehung folgendermaßen: »Es hatte sich eine Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft; es waren die geistigen Bestrebungen entstanden, die zum wissenschaftlichen Forschen führten, die Kritik an der Überlieferung, der Drang nach Ordnung und Systematik und das Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge. Es war aber auch der große umfassende Fragenbereich aufgetaucht, der seitdem immer wieder die denkende und forschende Menschheit beschäftigen sollte: Woraus ist das Weltall entstanden und wie hat es sich entwickelt? Wie ist die Menschheit entstanden und wie ist ihre Geschichte? Wenn jene wissenschaftlichen Bestrebungen erstarkten und sich auch in der Einzelforschung bewährten und wenn man den Mythos überwand, so war eine wirkliche Wissenschaft gegeben […]«.

IGNORANTE PHARAONEN

Diesem Ursachenmodell mag entgegengehalten werden, dass viele seiner Bestandteile keineswegs dazu führen müssen, Erkenntnisgewinn zu rationalisieren, wie wir an etlichen vorwissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können. Im Alten Ägypten zum Beispiel war eine »Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft« und es bestand ohne Zweifel ein ausgeprägter »Drang nach Ordnung und Systematik«; auch die Entstehung von Fragen nach dem Ursprung und der Geschichte der Welt bzw. ihrer Bewohner ist ein uralter Topos innerhalb der ägyptischen religiösen Literatur. Was aber »fehlte« den Ägyptern, was verhinderte einen Paradigmenwechsel in der Methodik ihres Erkenntnisgewinns?

Als zentrale Knackpunkte erscheinen mir die von Pfister genannte »Kritik an der Überlieferung«, welche selbst freilich nicht Ursache, sondern Folge einer gewissen geistigen Wende ist, und das »Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge«. Beide waren in einem Kulturbereich wie dem ägyptischen nicht besonders ausgeprägt. Die ausgesprochen konservative Haltung der ägyptischen Intellektuellen, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Heil in der Bewahrung des überlieferten Wissens sah, und das assoziative, mythische Denken verhinderten letztlich eine tiefgreifende Öffnung ihrer Geisteskultur für strukturelle Veränderungen. Exemplarisch für Hunderte ähnlicher Texte seien hier ein paar Zeilen aus der Lehre für den König Merikare zitiert: »Ahme deinen Vätern und deinen Vorvätern nach. Erfolgreich arbeiten kann man nur in der Tradition: ihre Ausführungen sind ja in den Büchern erhalten. Schlage sie auf und lies und eifere den Weisen nach!«

Charakteristisch für das ägyptische Denken ist seine gegenständliche Erfassung der Wirklichkeit, die – ähnlich der ägyptischen Hieroglyphenschrift – stets eine Mischung aus bildhaft-wörtlichen und symbolhaft-abstrakten Elementen enthält. Der Ägyptologe Eberhart Otto schreibt hierzu in seinem Werk »Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur«: »Wir wissen dann freilich im einzelnen nicht immer, wieweit er diese Bilder sinnhaft für Wirklichkeit nahm, wieweit sie als Symbol für etwas anderes standen und wieweit sie nicht oft einfach zu sprachlichen Bildern geworden sind, die ihre greifbare Bildlichkeit längst eingebüßt hatten.«

Bildhaftes Denken muss – wie in Ägypten – nicht zwangsläufig einen Widerspruch zur geistigen Fähigkeit der Abstraktion bilden, welche letztlich die Ursache für wissenschaftliches Arbeiten ist. Viel eher geht ja das analoge ebenso wie das logische Denken von Zusammenhängen zwischen augenscheinlich unabhängigen Phänomenen aus, »um so zu allgemeinen Begriffen und Gesetzen zu kommen«. Dennoch muss es einen Grund haben, warum die Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, ihren Anfang eben nicht im ägyptischen, sondern im griechischen Kulturkreis genommen hat. Otto sieht die Ursachen dafür weniger an den »tatsächlichen Leistungen« als an den »Zielen« der ägyptischen Wissenschaft. Er stellt fest: »Was dem Ägypter offenbar generell ermangelte, war die wissenschaftliche Neugier, das Bedürfnis Neuland zu entdecken, der Trieb vom Erkannten zum Unbekannten weiterzuschreiten, kurz das, was dann wohl erst die griechisch-ionische Wissenschaft in Fluss gebracht hat. Der Ägypter begnügte sich offenbar, wenn er eine Lösung gefunden hatte, die seine praktischen Zwecke erfüllte, und er hielt dann mit beachtlicher Hartnäckigkeit an ihr fest. Es ging ihm nicht darum, die Welt als Ganzes erklären zu wollen. Es genügte offenbar, für ihre Teilerscheinungen praktische Erklärungen zu finden; doch sollte man ihm deshalb nicht die intellektuellen Voraussetzungen für wissenschaftliches und logisches Denken generell absprechen«.

Das Verhältnis des Ägypters zu seiner Welt war – und blieb – ein magisches. Innerhalb eines solchen Modells wird dem analogen Denken (als dem »natürlichen«, »ursprünglichen«) eine ungemein größere Stellung eingeräumt als dem logischen. Selbst im Kontext wissenschaftlicher Forschung – wie der hoch gelobten ägyptischen Medizin – erlangt das kausale Denken allenfalls eine gleichberechtigte, niemals jedoch eine dem analogen Prinzip übergeordnete Stellung. So formte das Wissen um die geistigen Hintergründe eines Ereignisses, welches analog erschlossen wurde, gemeinsam mit der Kenntnis seiner konkreten, also logisch erschließbaren Ursachen ein unauflösliches Amalgam.

»SYMPATHIE« STATT LOGIK?

Insofern ist es verständlich und verwundert kaum, dass Ägypten heute unter Esoterikern ebenso beliebt ist wie schon unter den Alchemisten und Okkultisten der vergangenen Jahrhunderte. Zwischen dem »proto-wissenschaftlichen«, analogen Weltbild der Ägypter und dem Denken in Entsprechungen, wie es seit der Hermetik jede Form von »Geheimlehre« bis hin zur modernen Esoterik kennzeichnet, besteht eine wesensmäßige Verwandtschaft.

Der 2000 Jahre alte Satz »Wie oben, so unten« aus den hermetischen Schriften kann als zentrales Bekenntnis der esoterischen Weltsicht überhaupt betrachtet werden. Ohne es wäre weder die Astrologie, noch das Kartenlegen, noch die Vorzeichendeutung denkbar. Die Hermetik, eine erst in griechischen Quellen fassbare Lehre, die sich selbst jedoch als ägyptisch betrachtet und die nach ihrer zentralen Figur, dem Gott Hermes Trismegistos benannt ist, war eine Geheimlehre, die sich mit dem Aufstieg des Menschen – raus aus der grobstofflichen Welt, rein in den lichten Himmel – beschäftigte. Bei dieser »esoterischen« (sprich: innere, also hinter den äußeren Erscheinungsformen verborgenen) Lehre, die nie zur offiziellen Religion wurde, in der Spätantike aber durchaus verbreitet war, handelt es sich sozusagen um die Mutter aller esoterischen Strömungen. Sie behandelt einen auf das Lesen bestimmter Schriften konzentrierten Erlösungsweg des Menschen bis hin zu seiner Erleuchtung. Ein Kernelement bildet die sogenannte »Sympathie«-Lehre zwischen Makro- und Mikrokosmos, welche eine Verwandtschaft von himmlischen und weltlichen Phänomenen annimmt (zumindest aber eine zeitliche Koinzidenz). Statt, wie in der griechischen Wissenschaft, nach den realweltlichen Ursachen eines bestimmten Problems zu forschen, sollte hier nach seinen gedanklichen und spirituellen Ursachen gesucht werden. Überspitzt formuliert könnte man die beiden Zielrichtungen der Wissenschaft und der Esoterik also auf die menschlichen Grundfragen »Wie« und »Wieso?« reduzieren. Das offenbart freilich, dass sich hier nicht notwendigerweise Feinde, sondern vielleicht sogar potentielle Verbündete gegenüberstehen.

»Eine Theorie der Magie« wird Ihnen in den kommenden 12 Monaten einen ausführlichen Überblick über das spannende Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und Esoterik liefern. Der Fokus wird hierbei auf (Grenz-)Wissenschaften wie der Parapsychologie, der Anomalistik und der Paranormologie liegen, deren spannende Erkenntnisse aus über 100 Jahren Forschung nicht nur wohlwollenden Esoterikern, sondern auch kritischen Wissenschaftlern gelegentlich allen Grund zum Staunen geben.

Die Suche nach Wahrheit

Als mich infolge meiner letzte Kolumne eine ebenso erregte wie ausführliche Zuschrift erreichte, fand ich mich zum einen berührt, zum anderen ratlos. Berührt, weil wir durch die von mir geäußerten Gedanken in einen Dialog getreten waren, der mir wertvoll erschien. Ratlos, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich diesen Erwiderungen entgegentreten sollte. Umso länger ich überlegte, umso unklarer wurde mir, was uns verband – und trennte. Da dieses Forschen, Infragestellen und Erwägen ja im Grunde zentrale Gegenstände meiner Kolumne sind, möchte ich Sie heute einladen, unserem Dialog über »all den Klimbim« zu folgen und sich gegebenenfalls daran zu beteiligen.

„Ihr Artikel hat mich aufgewühlt und betroffen gemacht. Bevor der Mensch körperlich geschaffen wurde, war er bereits ein Geistwesen, auch Lichtwesen genannt. Die Bibel geht kaum auf dieses Geschehen ein, doch wenn Sie zum Beispiel gnostische Quellen heranziehen, werden sie feststellen, wie detailliert der Fall in die Materie geschildert wird, z. B. in der »Pistis Sophia«. Hier geht es nicht um einen Klumpen Ton.

Zur Tragödie »Vatikan« möchte ich am liebsten gar nicht mehr Stellung beziehen. Ich hoffe nur, dass bald das Verbrecherische dieser Institution vollständig offenbart wird. Ich bin mir sicher, dass bald dieser Zeitpunkt kommen wird. Nina Hagen hat meine vollste Bewunderung. Nicht deshalb, weil ich ein Fan ihrer Musik bin, sondern weil ich sie für ihren Mut achte, die Wahrheit zu sagen (auch wenn es um Ufos geht, die sich selbstverständlich schon seit Jahrzehnten in Erdnähe befinden und die von den Medien geleugnet werden) oder darüber zu singen. Danke, Nina, für Dein Engagement! Die Ermüdungserscheinungen rühren wahrscheinlich daher, dass der verbohrte moderne Mensch missionarische Tätigkeiten aufgrund ihrer egozentrischen Selbstwahrnehmung kaum ertragen kann. »Er hat ja gar nicht mehr nötig, missioniert zu werden, wo kommen wir denn dahin?«

Auf Ihre Frage, warum man sich einem »Club« anpassen sollte, der unter anderem an Himmelfahrten und Jungfrauengeburten glaubt, möchte ich zu bedenken geben, dass Sie mit Ihrem heutigen Wissen das evtl. nicht begreifen können, jedoch über Ihre Intuition erfahren können, denn es handelt sich um Wahrheitsaspekte. Und wer die Wahrheit sucht, wird sie auch finden. Fragen Sie keinen Wissenschaftler, fragen Sie Gott, bitten Sie ihn um Weisheit. Im Übrigen ist es nicht lächerlich davon auszugehen, dass Gott sich seine Jungfrau sucht, um zu inkarnieren.

Wen sollte er denn sonst suchen? Und wo sollte er denn sonst erscheinen, wenn nicht in seinem auserwähltem Volk, das ihn dann allerdings nicht erkannte und ihn ermordete? Vielleicht wird es endlich Zeit, dass die Juden erkennen, wer sich in ihrem Volk offenbarte. Ohne Jesus Christus sind sie nichts, denn Jesus Christus ist des Ewigen Gottes Dual. Auch die Muslime werden nicht umhin kommen, Jesus Christus anzuerkennen. Wozu raten Sie nun den Menschen, zum Verat an Jesus Christus? Glauben Sie wirklich, dass es nur um die Menschenfreundlichkeit geht, also um ein nettes Boot von Menschen ohne Anerkennung des Retters? Unterstellen Sie bitte nicht den Menschen, die eine Gnosis erlebt haben, es ginge bei ihrer Welt- und Gottsicht nur um ihren eigenen Schweinehund, also um ein egoistisches Eigeninteresse.“

Zunächst einmal: Herzlichen Dank für Ihre Replik auf meine Kolumne, über die ich mich sehr gefreut habe. Die Verve, mit der Sie jedem meiner Gedanken entgegentreten, streichelt zweifellos die natürliche Eitelkeit des Autors, der gelesen und in eine Diskussion verwickelt werden will. Ich möchte meiner Antwort vorausschicken, dass ich die Quellen, auf die Sie sich beziehen, kenne und ausdrücklich respektiere. Gerade die Gnosis zählt mit ihrer spirituellen Gedankentiefe zu den späten Blüten der Antike – und zugleich zu den religiösen Stiefkindern des Abendlandes. Einst bekämpft, später vergessen, sind einige ihrer Erkenntnisse doch unzweifelhaft zu feinen Spurenelementen innerhalb der christlichen Religion geworden.

Was das Christentum betrifft: Erst heute habe ich den Report einer christlichen Nonne aus Syrien gehört, die in bewegender Weise davon berichtet, wie die internationale Staatengemeinschaft Waffen in ein zerbrechendes Land schmuggelt, um »Frieden« zu schaffen. Ihre Aufforderung, Jesus Christus beim Wort zu nehmen und in einen friedlichen Dialog zu treten, der immer ein Kompromiss für alle Parteien sein wird, aber die Zivilisten nicht in eine tödliche Geiselhaft nimmt, gehört vermutlich zu den wahrhaftigsten und (in ihrem Idealismus) zugleich realistischsten Lösungsansätze, die derzeit diskutiert werden.

Trotzdem möchte ich festhalten, dass Ihre Antwort aus einer festen religiösen Perspektive heraus geschrieben wurde, die ich so nicht teilen kann. Die Argumente, die Sie gegen meine Fragen ins Feld führen, sind Gegenstände eines ganz bestimmten Glaubens – und nicht »Wahrheiten«, die für jeden zugänglich sind. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es Ufos gibt oder Juden zum Christentum konvertieren müssen, um »etwas« zu sein; diese und andere »Fakten« besitzen für mich keine Überzeugungskraft, da sie meinem Welt- und Menschenbild zutiefst widersprechen.

In einem aber möchte ich Ihnen ausdrücklich recht geben: Weisheit findet man nicht in der Wissenschaft. Man kann es »Gott« nennen oder »Göttin«, »Buddha« oder das »Höhere Selbst« – Stille und Meditation bilden den Charakter sicherlich mehr als alle Knigge Guides (und Physiklehrbücher) der Welt. Mit Egoismus und Verrat hat das allerdings wenig zu tun; eher mit Toleranz und – im besten Falle – mit der Suche nach einer Wahrheit, die uns verbindet, egal wie »gläubig« wir auch immer sind.